Sahra Arschloch und der Parteitag der Linken

Um eine Redewendung Wolf Biermanns im Blick auf den Dichterspitzel Sascha Anderson zu gebrauchen, hier im Blick auf den Unsinn, den diese Dame im Blick auf NATO und Ukraine fabrizierte. Nein, diese Person ist nicht dumm, sie weiß, was sie sagt und sie weiß um ihre Manipulation von Menschen, und das eben macht es um so schlimmer. Es gibt freilich Äußerungen, hinter die es kein Zurück mehr gibt, mögen Wagenknechts Überlegungen zur Sozialpolitik auch manch Gutes und Sinnvolles enthalten. Ihre Äußerungen zur NATO wiederum und zum Austritt Deutschlands waren schon immer im besten Fall naiv zu nennen. Aber mit dem, was sie zur Ukraine und zu Rußland von sich gibt, ist eine Zäsur gesetzt. Wagenknecht ist und Wagenknecht bleibt persona non grata und sie bleibt jener Zarenknecht, der hier die Agenda Putins fährt. Wer wie sie auf dem Parteitag in Erfurt den Vorstand dazu zwingen will, darauf zu verzichten, den russischen Angriffskrieg zu verurteilen, um stattdessen frühere Kriege der USA anzuprangern, hat sich aus dem Kreis der Menschen verabschiedet, die für Humanität und Freiheitsrechte eintreten. Und das eben diskreditiert die Position von Wagenknecht im ganzen, und solange da bei ihr keine Rücknahme und keine Entschuldigung folgt, wird das auch so bleiben.

Zum Glück wurde dieser Vorschlag von Wagenknecht und ihrer Riege mit Mehrheit abgelehnt. Dieses Denken von Wagen- wie Zarenknecht und Konsorten folgt einer allzu simplen Logik des Anti-Amerikanismus, und dieser sozusagen internalisierte und institutionalisierte Haß auf die USA samt eines Trivialmarxismus alte Schule, der dahintersteckt, macht diese Leute blind gegen Putins Kriegsverbrechen wie auch gegen Putins imperialistische Phantasien eines Neuen Reiches. Der Gegner ist grundsätzlich die NATO – ein Verteidigungsbündnis nebenbei. Und auch zu einem repressiven Staat, einer Diktatur wie Rußland verhalten sich die Zarenknechte von Pohlmann bis Wagenknecht, bis Jens Berger und Albrecht Müller auffallend schmallippig. Eine Kritik, die derartig den doppelten Standards anheimfällt, bleibt nicht nur unglaubwürdig, sondern sie diskreditiert sich damit auch selbst und begibt sich ins gesellschaftliche Abseits. Daß allein deshalb, weil es die NATO gibt, bis heute Länder wie Estland, Lettland und Litauen, aber auch Polen ihre Souveränität und eine demokratische Grundordnung sich erhalten, schafft leider nicht den Weg in den Knallkopp von Wagenknecht. Soll es vermutlich auch gar nicht. In diesem Sinne ist und bleibt Wagenknecht eine Kasperle-Puppe, in deren Inneren ein ganzer Putin steckt – sie mag all das aus taktischen Gründen noch so sehr dementieren. Deshalb eben bleibt es dabei: Sahra Arschloch.

Daß es in der Frage, ob der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verurteilt werden soll, überhaupt eine Diskussion gibt, zeigt ein erhebliches Defizit in dieser Partei und weist auf den desolaten Zustand der Linken. Wollen wir nächstens eine Debatte darüber, ob der Angriffskrieg Hitlers auf Polen zu verurteilen ist oder nicht? Wird uns Sahra Wagenknecht auch diese Debatte aufdrücken wollen? Doch wohl eher nicht. Es gibt, um dieses andere Extrembeispiel zu wählen, Themen, da lassen sich nicht zwei Meinungen formulieren, die man im Sinne eines Erörterungsaufsatzes mit Pro- und Kontra bespricht. Angriffskrieg und Kriegsverbrechen sind keine Meinung, bei der man dieser oder auch einer anderen Ansicht sein kann. Das ist nicht anders als bei antisemitischen „Kunstwerken“, die in Wahrheit Propaganda sind. Und nein: Wenn ein Land ein anderes völkerrechtswidrig überfällt, dann ist dies nicht die Schuld der NATO oder der USA, sondern es liegt die Verantwortung für solchen zudem blutig und grausam getätigter Angriffskrieg wie ihn die Russen durchführen allein dem Aggressor: Rußland und Putin eben.

Die ukrainischstämmige Linken-Politikerin Sofia Fellinger faßt ihre auf dem Parteitag der Linken vorgetragenen, großartige Rede in einem SpOn-Interview vom 24.6. derart zusammen:

„Mir ist der Umgang meiner Partei mit diesem Krieg ein Rätsel. Wenn man sich ein bisschen mit der Situation dort auskennt, muss einem klar werden, dass die Menschen sich wehren müssen. Welche Alternativen bieten wir denn an, wenn nicht Waffen? Also wo kommt er her, der Frieden, wenn Russland einen Vernichtungskrieg führt und Menschen foltert und ermordet? Meine Partei redet von Frieden. Aber das ist ein leerer Begriff, wenn da nichts dahintersteckt. Sollen die Ukrainer die russischen Panzer umarmen? Wenn Leute für eine linke, befreite Gesellschaft kämpfen wie in Kurdistan oder Rojava – natürlich gebe ich denen Waffen!“

Zum Glück gibt es in der Linken auch solche Leute, Eine halbwegs vernünftige Rede hielt auch Bodo Ramelow, der im Grunde in der Linken falsch ist, sondern eigentlich den linken Flügel der SPD verkörpert. Und ansonsten bleibt es dabei:

„Frieden kommt nicht, wenn man die Leute sterben lässt“ (Sofia Fellinger, Die Linke)

Diese Erkenntnis ist bei Wagenknecht nicht angekommen. Das eben diskreditiert leider ihre Position im Ganzen. Und in diesem Sinne ist auch ihr als Monstranz zur Schau getragener Humanismus unglaubwürdig geworden. Team Wagenknecht läßt sich nach solchen Äußerungen in einem grundsätzlichen Sinne nicht mehr sein. Nein, Wagenknecht ist, wie manche denken, nicht auf der rechten Seite angekommen, sondern sie fährt vielmehr die abgelebten Denkmuster einer DKP-Mufflinken, sie ist eine von jenen, die die Zeitenwende nicht mitbekommen haben und die noch in den alten Strukturen denken, als Väterchen Stalin der Welt mit seinem Stahlbesen den Arsch rot schrubbte und die das auf klammheimliche oder auch offene Weise irgendwie dann doch gut fanden. „Wer aber über dieser Art von Kommunismus nicht reden will, sollte auch vom Kapitalismus schweigen.“

Clewe2807, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

9 Gedanken zu „Sahra Arschloch und der Parteitag der Linken

  1. Ich bin durchaus Ihrer Meinung, von Kleinigkeiten vielleicht abgesehen. Was mir aber nicht gefällt, ist die Rutsche in Fäkalsprache: „Sarah Arschloch“. Sie mögen sich über diese Frau ärgern, aber das entbindet nicht von Stil – oder die Rhetorik schlägt auf Sie zurück. Komplett unnötig finde ich aber das – dreiunddreißig Jahre später!!!! – Nachtreten bei Sascha Anderson. Man sollte da wirklich schon längst verzeihen können; gebüßt hat er öffentlich genug, und hier wäre wirklich wieder seine Dichtung in den Blick zu nehmen, das, wofür er eigentlich steht. – Lieber Bersarin, Ihr Engagement hat mittlerweise Schaum vorm Mund, nehmen Sie ein Taschentuch oder Handtuch und tupfen ihn bitte ab. Wir alle brauchen dringend einen klaren Kopf, die Situation ist rhetorisch aufgeheizt genug. (Es hat seinen Grund, weshalb ich selbst mich derzeit in Der Dschungel zu alledem allenfalls noch gelegentlich melde; die leiseste Abweichung von der Mainstream“meinung“ führt zu restlos unnötigen Aggressionen. Wie es in Kriegssituationen immer schon war. Da mag und werde ich nicht mit“spielen“.)

  2. Es geht hier nicht um Sascha Andersons Fall und ums Verzeihen oder Nicht-Verzeihen, das ist ein ganz anderes Thema, sondern mein Hinweis diente der Referenz, und zwar für alle, die diesen Bezug nicht kennen und denken, er käme vom Himmel her. Kommt er aber nicht und es ist diese Sache zudem eine DDR-Spezifische, auch deshalb gebrauche ich diese Polemik. Bei der in Duisburg geborenen Sevim Dagdelen hätte ich diesen Titel nicht gewählt. Da wäre es sowas in der Art wie „Die Naive“ geworden. Obwohl auch das falsch ist, denn diese Leute wissen, was sie tun. Sie sind nicht naiv, sondern verfolgen eine Doktrin, der massiv zu widersprechen ist und die mit allen Mitteln sichtbar gemacht werden muß.

    „Lieber Bersarin, Ihr Engagement hat mittlerweise Schaum vorm Mund, …“

    Das hat es ganz und gar nicht. Es ist eine Polemik, die ich zudem auch noch begründet habe. Alles andere also als Schaum, freilich sind es scharfe Worte. Aber ich werde einen Misthaufen, der riecht, nicht ein wohlduftendes Rosenbeet nennen, dazu bin ich dann doch zu sehr ein Mensch, der es mit Sprache genau nimmt. Insofern werde auch nicht solche, die tief in Putins Rektum hocken, als nette Leute bezeichnen, deren Meinung ja auch irgend eine Berechtigung hätte. Man muß sich hier in der Tat vor einem unheilvollen Relativismus hüten, daß auf der weiten schönen Erde und unter Gottes Himmel alles irgendwie seine Berechtigung hätte. Hat es bei bestimmten Themen nicht. Und ich spitze das, weil es eine Glosse ist, auf den schärfsten Punkt dann zu.

    „Wir alle brauchen dringend einen klaren Kopf, die Situation ist rhetorisch aufgeheizt genug.“

    Die Situation ist rhetorisch aufgeheizt gerade wegen solcher wie Wagenknecht. Meine Analyse und die Zitate von Sofia Fellinger sind klar und deutlich. Angriffskrieger können nicht mit „Give Peace an Chance“ bezwungen werden, sondern nur mit schweren Waffen. Das wissen Sie und das wissen wir alle. Und wenn eine Regierung das nicht will, dann muß sie das offen sagen. Entweder Hilfe mit vollem Einsatz oder aber die Ukraine wird diesen Krieg verlieren und ein russisches Protektorat werden. Was das für die Menschen dort bedeutetn wird, das wissen Sie so gut wie ich. Und das weiß auch diese widerliche Wagenknecht. Und das eben macht ihren Fall um so schlimmer.

    „die leiseste Abweichung von der Mainstream“meinung“ führt zu restlos unnötigen Aggressionen.“

    Sie begehen einen Denkfehler, ich habe diesen Denkfehler, dem Sie und viele andere unterliegen, oben schon beschrieben: Es ist bei bestimmten Themen nicht eine Frage der unterschiedlichen Meinungen. Wer bei derart schweren Kriegsverbrechen, die in Europa seit 1945 einmalig sind, schweigt oder aber die Schuld auf der Seite der NATO sucht, der hat sich aus allen vernünftigen und sachlichen Diskursen herauskatapultiert. Diese Leute sind also selbst dafür verantwortlich, daß mit ihnen nicht besonders zimperlich umgesprungen wird und sie sollen in der Tat deutlich zu sehen bekommen, daß sie isoliert sind. Auch durch solche scharfen Beiträge. [Davon abgesehen, daß gute Texte manchmal auch knackige Überschriften brauchen.] So wie dies auch bei solchen Leuten der Fall sein sollte, die Hitlers Angriffskrieg leugnen und den Polen und den westlichen Alliierten eine Teilschuld am Zweiten Weltkrieg geben. Ein Denken, daß in den 1950er, 1960er und auch in den 1970er Jahren im übrigen tief in die deutsche Gesellschaft hineinreicht. Und bis in die Gegenwart, wenn Sie sich anschauen, was Historiker wie Stefan Scheil schreiben. Daß ich solches nicht durchgehen lasse und dem massiv widerspreche, sollte eigentlich klar sein. Und das trifft auch auf Wagenknecht zu. Die ja in ihrer Wut auf die USA kein Jota abweicht und bis heute hin und auch unter dem Blick auf Putins Kriegsverbrechen diese Position vertritt. Und ja: wer wie Wagenknecht solches vorbringt und im Muffdenken der DKP hängengeblieben ist, der ist in der Tat in meinen Augen ein Arschloch. Ich finde da keinen besseren Begriff.

  3. Klare Ansagen sind nötig. Wird Sahra demnächst die Hungerblockade Leningrads durch die Nazis verteidigen, da ja ein paar Jahre zuvor Stalin die Ukraine aushungern ließ?

    Und Putin nimmt offenbar die gute alte Tradition wieder auf:

    Nein, da gibt es keine Grauzonen, kein „einerseits, andererseits“. Wer Putin verteidigt, macht sich mitschuldig. Punktum.

  4. @Avantgarde: So ist es, genau so und nicht anders.

    Und was diesen Welthunger betrifft, das ist nochmal ein Thema, was die Sache auf die Spitze treibt und gerade weil in vielen Ländern immer noch das Narrativ vom bösen kolonialen Westen hängt (teils ja auch aus richtigen Gründen), während dieselben Länder sich nicht scheuen mit Diktaturen wie China und Rußland zu dealen und Geschäfte zu machen, muß man diesen Leuten mit aller nötigen Kraft und mit klarer Ansage entgegentreten.

  5. Es gibt schon einen guten Grund, weshalb die Materialien für einen neuen Antiimperialismus und ihre Vorgängerschriftreihe Autonomie nicht vom Realsozialismus, sondern stets vom Kasernenhofkommunismus sprachen. Der sich aus letzterem ableitende Vulgärantiimperialismus, der in Verkennung der sozioökonomischen und globalstrategischen Verhältnisse stets die russische Außenpolitikl stützte als sei es noch die sowjetische im Wechselspiel mit der Blockfreienbewegung geht jetzt so weit, dass er sich direkt gegen das unmittelbare Existenzrecht in den Drei Kontinenten wendet – Völkermord gegen die Klasse, Imperialismus in seiner unmmittelbar faschistischen Form.

  6. Von der aktuellen Zuspitzung abgesehen ist es genau das, was seit 40 Jahren die Autonomen von den Altkommunisten unterscheidet. 1982 schossen unsere Leute von den Dächern besetzter Häuser in Kreuzberg mit Zwillen auf DDR-Grenzsoldaten

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