10. Juni 1982, Bonn, Hofgarten, die Grünen und 40 Jahre danach

„Vorwärts! Nieder! Hoch! Nie wieder!

Von Mummelgrummel – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

„Das Basteln von Papierfriedenstauben gegen Atomraketen ist faktisch ein Zuverlässigkeitstest auf die Unbeirrbarkeit der Gesinnung, denn das Maß für Glauben, Gesinnung, Gefolgschaftstreue ist die Standfestigkeit in der Bewährungsprobe, auf welche der Verstand und die Vernunft sie stellt“.
(Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier
und wahrer Sachwalter der Menschlichkeit [Text von 1983])

„So ist die Friedensbewegung vor allem ein Teil des Übels,
für dessen Therapie sie sich irrtümlich hält.“
(Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier [1983])

Manche aus meiner Alterskohorte (und Ältere sowieso) erinnern sich noch gut an dieses Ereignis, und sie waren auf dieser legendären Demo in Bonn dabei. Denn dies war unsere Zeit, die der Westjugend: die 1980er Jahre, die Friedensbewegung mit ihren Sitzblockaden in Mutlangen und an vielen anderen Orten, ihren Aktionen und ihren Großdemos, drei davon in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt: 1981, jene von 1982 und noch einmal 1983. [Für meine jüngeren Leser: Bonn ist lebensmäßig sowas wie Berlin, nur kleiner, aber ebenso provinziell.] Die in kölnischer Mundart singende Rockpopgruppe BAP machte zu jenem aufwühlenden Tag sogar ein Lied – „10. Juni“ hieß es passender wie einfacher Weise und einfach meint damit politisch trivial, wenn man an Text und Refrain des Songs denkt. Adornos Ausführungen über Popular Music und Protest werden viele sicherlich noch im Kopf haben. Es sei hier auf diese kurze Passage noch einmal verlinkt.

In solchen (Groß)Demos, teils mit der Musik von BAP begleitet, teils mit Bots‘ genial-dämlichem Lied „Aufstehen“, teils mit Punk und Ton Steine Scherben, teils auch mit Fehlfarben und „Keine Atempause“, fand der politische Protest seinen Ausdruck, mal irrsinnig blöd, mal emotional verweint und verwirrt, weil Le Angst, mal hart und wenig zart, mal witzig und laut, mal aus Klugheitsgründen heraus: gegen jenen Nato-Nachrüstungsbeschluß, der von Helmut Schmidt auch gegen Teile der eigenen Partei durchgesetzt wurde und von dem ich im nachhinein sagen muß: Er war gut und er war richtig. Wir hatten uns geirrt und sie hatten recht, denn jenes Nachrüsten war nicht nur ein weiterer Anstoß dafür, daß der Ostblock wirtschaftlich kollabierte und sich auflöste, daß es für die Völker Osteuropas nach 1939, 1945 endlich Freiheit von Repression gab, daß eine alte und versteinerte Welt zusammenbrach. Diese Einsicht freilich ist keine Selbstverständlichkeit, die sich in der Linken als Sichtweise durchsetzte. Östlich der Elbe war Terra Incognita, bis Wladiwostok, ab da durfte wieder geschaut werden: wobei freilich die auf alten Landkarten geschnörkelte Wendung „Hic sunt dracones“ fürs unbekannte Land im Blick auf den Ostblock und Ostzone einige Wahrheit besaß. Ein Teil jener Linken begleitete diesen Zusammenbruch mit einer nicht nur klammheimlichen Trauer. Scheißdeutschland und der Spruch „USA, SA, SS“ (die Kritischen Theoretiker Adorno und Horkheimer hätten sich im Grabe umgedreht) wogen mehr als die Freiheit der anderen.

Wer nach dieser Zeitenwende mit einem „Aber der Westen und die Verwerfungen, die das im Osten und in der Sowjetunion brachte“ als Reflex kommt, der möge sich eine diese Dokus über die Stasi ansehen, so z.B.: „Feind ist, wer anders denkt“ (2018), sie lief kürzlich auf ZDF-Info und ist in der Mediathek nachzusehen. Oder er bereise den Jugendwerkhof in Torgau (ein Folterlager für Jugendliche) und das Stasi-Museum in Hohenschönhausen und schaue sich die Ausstellungen dort an oder befasse sich überhaupt einmal mit dem Repressionsapparat des Systems DDR und Sowjetunion. Diesen Blick für den Ostblock und für Bürger- und Freiheitsrechte auch dort im Machtbereich des Ostens hatte ein Großteil der Linken damals wie heute nicht.

Die DDR war bei großen Teilen der Westlinken und auch in der Friedensbewegung nicht auf dem Schirm, man verschwieg sie besser oder begnügte sich, weilʼs irgendwie doch Fleisch vom eigenen Fleisch war, mit dem dahingenuschelten Hinweis „Na ja, das meinen wir nicht mit Sozialismus!“, um dann das Thema schnell-kritisch-elegant zu wechseln: „Ja, aber die Genossen im Westknast!“ usw. usf. Der Westknast war in Dauermund, der Ostknast war es nicht. Ich hatte das große Glück, daß ich bereits Anfang der 1980er Jahre dank der Texte, Lieder und Auslassungen von Wolf Biermann und andere DDR-Autoren ziemlich genau wußte, daß die DDR ein politisches Desaster war. Nicht anders als heute Putins Rußland. Wer es wissen will, kann es wissen.

Von einem großen Teil der Westlinken hörte man zu den Zeiten des Friedensprotestes wenig, als 1983 im Rahmen der Antikriegsproteste die DDR-Bürgerrechtlerinnen Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Jutta Seidel und Irena Kukutz von der Aktion „Frauen für den Frieden“ nach einem Treffen mit der Neuseeländischen Aktivistin Barbara Einhorn in Ostberlin verhaftet wurden wegen „Verdachts auf landesverräterische Nachrichtenübermittlung“. Die Stasi verbrachte jene oppositionellen Frauen in die berüchtigte Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Erst durch massiven öffentlichen und öffentlichkeitswirksamen Protests insbesondere der Westberliner Grünen wurden die Frauen nach sechs Wochen Untersuchungshaft freigelassen. Soviel zum System DDR und auch heute zum System Putin, wo ähnliches geschieht und wo bei Teilen der Linken ein ähnliches klandestines Schweigen herrscht.

Der Zusammenbruch des Ostblocks brachte zwar nicht Gerechtigkeit, Gleichheit und Glück, aber immerhin doch eine Form von Freiheit, die es Menschen erlaubt, nach ihrem eigenen Gusto gegebenenfalls auch ihr Land zu verlassen. Und manche in der DDR-Bürgerrechtsbewegung wollten lieber Kohl oder sonstwas, aber keine neue linke Operation am offenen Herzen, sondern sie wollten, daß mit diesen Dingen Schluß ist. Soviel zu den Grass- und Lafointaine-Überlegungen, die da aus dem sicheren Westen heraus ihre Trockenschwimmerübungen in Sachen Sozialismus machten. Vor allem aber brachte dieser Zusammenbruch den von der Sowjetunion 1939 annektieren Ländern Estland, Lettland und Litauen die lange ersehnte Freiheit. Gleiches galt für Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien. Es geschah 1989 das, was Hegel die List der Vernunft nennt: im Schlechten – nämlich dem Zusammenbruch der Lebenswelt und der alten Realität vieler Menschen – realisiert sich dennoch ein Richtiges, nämlich die Freiheit für Millionen Menschen im Machtbereich der Ost-Apparatschiks. Einer der Gründe dafür war eben auch die Nachrüstung der NATO und daß der Osten wirtschaftlich dabei nicht mithalten konnte. Absehbar war der Zusammenbruch für Experten zwar schon 1980, aber auch hier half dann die Politik der tausend Nadelstiche.

„Frieden schaffen ohne Waffen“, so riefen wir damals auf den Demos. Manche mit Haß auf die USA, manche mit kalter Ablehnung, manche mit einem „Ja, aber“, manche mit dem Gedanken, daß es in der US-Kultur viel Gutes gab, von Kunst bis Pop-Musik, aber ein Freund der US-Politik insbesondere unter Ronald Reagan war keiner. Unterschiedlichste Gruppierungen liefen bei diesen Protesten mit, vom DDR-DKPler über den Maoisten bis zum Sponti, den Autonomen, den Öko-Linken und den Graswurzelrevolutionären, bis hin zu SPD- und Kirchenkreisen, die gerade erst gegründeten Grünen, Lehrer, Schüler, Mütter, Väter, Ärzte, Angestellte gingen auf diesen Demos mit und waren in der Friedensbewegung vertreten: An jener Heterogenität der – damaligen! – Friedensbewegung zeigte sich auch die Heterogenität der damligen West-Linken. Und die alten Debatten – bis zum Krefelder Appell, den beileibe nicht jeder teilten. Auch Ostraketen waren Atomraketen. Aber was damals schon aus dem Fokus geriet, ist bei der heutigen „Friedens“bewegung gar nicht erst Thema: das da ein Diktator mit Atomwaffen und drittem Weltkrieg droht: auch daran sei die NATO schuld. Einfaltspinsel gleich Ausfallspinsel. Hier ist es der Ausfall des kompleten Denkens.

Antideutsches ziemlich deutsches Intermezzo

Es zeigte sich mit der Zeitenwende 1989 eine neue Strömung, die in der Linken hinzutrat: die der Antideutschen, die auf eine Weise links waren, daß sie aufgrund deutscher Geschichte und der Shoah Deutschland zum Teufel wünschten („Nie, nie, nie wieder Deutschland“!, so ging der Ruf nach der Wende auf Demos, was sie freilich mit dem Großteil der Linken teilten); daß jene Antideutschen bedingungslos für das Existenzrecht Israels eintraten, was sie nur noch mit wenigen Linken teilten und daß sie spätestens mit dem Angriff des Irak auf Israel 1991 es mit dem alten linken Erbfeind USA hielten, die für das Existenzrecht Israels auch militärisch einstanden und damit in Opposition zu den verschiedenen Autonomen Bewegungen und der alten wie der neuen Antiimperialistischen Linken gerieten: Das ist eine Geschichte, die über die Friedensbewegung weit hinausreicht. Warum ich jene Antideutschen als Teil der Linken dennoch erwähne? Weil hier eine – List der Vernunft – pragmatisch denkende Linke auftrat, die sehr wohl wußte und begriff, daß man Frieden schaffen teils auch mit Waffen bewerkstelligen konnte und sogar mußte, wenn es um die intakte Staatsstruktur Israels ging und daß es staatlicher Organe und einer starken Macht bedarf, um einen so fragilen Staat wie Israel – Heimat vieler Juden nach der Shoah auch – überhaupt am Leben zu erhalten. Und dies sogar im Bund mit einem „imperialistischen“ Land, dem einzigen Land freilich, das ökonomisch und militärisch in der Lage war, diesen Schutz der Juden und Israels zu leisten: der USA, Exilort auch der Kritischen Theorie, auf die sich jene Antideutschen beriefen: Adorno, Horkheimer, Benjamin, Marcuse, Löwenthal und auch Kracauer.

Wir aber dachten 1980, 1981, 1982 ff. pp. anders im Blick auf die USA wie auch auf die NATO- Waffen. Das Recht zu solchem Anti-Rüstungsprotest hatten wir jedenfalls schon wegen unserer Jugend auf unserer Seite – so glaubten wir. Jugend will mehr, Jugend ist moralisch oder politisch teils hochfahrend. Es ist das alte Ding der sozialen Bewegungen: sie weisen auf ein politisches Problem oder eine kritische Lage, oft mit überschießender Energie. Solche Bewegungen haben mit ihren Maximalforderungen zugleich ein Gutes: sie müssen sich nicht an der politischen Realität messen. Forderungen zu stelle, ohne die politischen Möglichkeiten zu haben, sie realiter umzusetzen, ist insofern einerseits eine angenehme Sache, weil man vieles fordern und wenig dabei machen muß. Es handelt sich um Forderungen auf dem Papier und nicht solche, die im Raum tatsächlichen politischen Handelns, der politischen Organe sowie der Institutionen und auf der Ebene der Paragraphen und Gesetze sich bewegen müssen. (Sie können es, aber sie müssen es eben nicht.) Manchmal freilich auch das Prinzip Kinderkaufmannsladen: man tut so als ob. Da kann viel gefordert werden, ohne daß es mit echtem Bargeld eingelöst werden müßte.

„Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen die Atomwaffen im Land“

© Archiv Grünes Gedächtnis

Aber auch solcher Protest und passiver Widerstand ist per se nicht schlecht, weil Opposition, sei es parlamentarische, sei es außerparlamentarische, mit interessanten Überlegungen und anderen Ansätzen neue Gesichtspunkte einer scheinbar abgeschlossenen Sache freilegen kann, die womöglich später dann in die Politik einwandern und sie maßgeblich mitbestimmen kann. Solch sozialer Protest der damaligen Friedensbewegung wie auch der ökologischen Bewegungen gehört zum politischen System der BRD insgesamt dazu: nämlich das politische und teils moralische Korrektiv sozialer Bewegungen, die mit ihren Forderungen, wenn es gut läuft, in die Politik gelangen können. [Dazu auch Niklas Luhmanns Buch „Ökologische Kommunikation“ von 1988.] Die Umweltbewegung der 1980er Jahre ist ein guter Beleg dafür. Würde heute Franz Josef Strauß das Parteiprogramm der CDU lesen, dächte er vermutlich, er habe es mit einem linksextremistischen Verein zu tun. Und ebenso stehen für diesen Wandel eines Teils der Linken die Grünen im Blick auf Gewalt: so die Gewalt gegen den Staat, wie sie in den 1980er Jahren ein Teil der Linken vertrat – seien das RAF-affine oder Autonome Linke – und der die Grünen als politisches Mittel entsagten.

In solchem Protest sozialer Bewegungen geht es nur bedingt darum, ob manche Maximalforderungen auch sinnvoll und überhaupt umsetzbar sind. Immerhin hat sich aus solchen sozialen Bewegungen 1979/1980 für die alte BRD eine neue Partei herausgebildet: die Grünen, die erheblichen Anteil auch an den Friedensprotesten hatten und die als Friedenspartei antraten. Und das Gute bei vielen Grünen – nicht bei allen freilich – war es, daß sie 1982 auch die Sowjetraketen als genauso gefährlich ansahen und nicht, wie damals jene BRD-Ostblocklinken und auch heute wieder in einer neuen mit Magazinen wie Compact und Nachdenkseiten querfrontlerischen „Friedens“bewegung, die Sowjetwaffen für Friedenswaffen hielten und Sowjet-AKWs für Friedens-AKWs oder all das zumindest für beschweigenswert gehalten wurde. Damals wie heute. Dieser Zahn wurde der DKP-SDAJ-Linken dann 1986 gezogen. Obwohl auch das nicht stimmt, denn wie es bei Sekten üblich ist, gibt es da keine Überzeugungen durch Fakten. Tschernobyl ließ auch diese Leute ihre alten Legenden vom Glück ohne Ende nicht über Bord werfen. Die Erde bleibt eine Scheibe und Putin bleibt ein guter Mann, mit dem man gut verhandeln kann.

Jene fatale Dialektik der Friedensbewegung, auf Aggression und Gewalt gewaltfrei zu reagieren – damals wie heute und vor allem unter neuen und völlig anderen Bedingungen – bringt Eva-Marie Quistorp (Mitbegründerin und Aktivistin der deutschen Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung; Gründungsmitglied der Grünen) in ihrem Artikel „Die Waffen nieder?“ in dem Blog „Starke Meinungen“ zum Ausdruck. Schon im Blick auf die alte Friedensbewegung und ihre verhängnisvollen blinden Flecken schreibt sie treffend:

„Die Friedensgruppen, die offiziell das Erbe der Friedensbewegung der 50er und 80er Jahre verwalten, sind die Friedenskooperative ,die IPPNW, Pax Christi, die Ostermarschkoordination, der Friedensbeauftragte der EKD. Doch sie vertreten nur einen Teil des Erbes der Friedensbewegung der 80ger und 60ger Jahre, aber den Teil nicht, in dem es auch um Bürgerrechte in Osteuropa ging und die Kritik an der UDSSR. So wenig wie die Erinnerung an den spanischen Bürgerkrieg und den Hitler-Stalin-Pakt, den Einmarsch der UDSSR in Prag, an die Helsinki-Gruppen in Osteuropa bis Odessa. Auch fehlt bei ihnen die Geschichte der Frauenfriedens und Frauenökologiebewegung mit meiner Freundin Petra Kelly, Karin Juncker, May-Britt Theorin, Cora Weiss .Viele sind der Linkspartei oder sogar der alten DKP nah und zumindest stärker Kritiker der USA, der Nato und der EU als der Politik Putins und Chinas oder Irans.“

Diese unreflektierte USA-Kritik ist bis heute, von Nachdenkseiten bis Junge Welt und teils bis ins rechtsextreme Lager reichenden Akteuren wie Jürgen Elsässer und Horst Mahler (ehemals APO-Linke) bei jener neuen Querfront-„Friedens“bewegung der Fall, die – auch das ist interessant – eine erhebliche Schnittmenge mit Corona-Leugnern und Verschwörungsideologen wie Tom Wellbrock, Albrecht Müller, Dirk Pohlmann, Tobias Riegel und dem antisemitisch-antiamerikanisch agierenden Kayvan Soufi-Siavash (aka Ken Jebsen) aufweist.  

Nur wer sich ändert bleibt sich treu!“

Quistorps Artikel im Blick auf die Grünen, die als Friedenspartei antrat, ist aber vor allem im Blick auf die Gegenwart und der damit verbundenen Gewaltfrage „Die Waffen nieder?“ bedeutsam. Denn die Frage nach der Kritik der Waffen und der Waffe der Kritik ist eine der Fragen, die sich auch die Linke in ihren langen seit Jahrhunderten währenden Kämpfen immer wieder neu und zugleich anders stellen mußte. Und ihr Text ist vor allem deshalb bedeutsam, weil er die Lebendigkeit des Denkens zeigt, nämlich nach dem Grundsatz eines Liedes von Wolf Biermann „Nur wer sich ändert bleibt sich treu“. Und so schreibt Eva Quistorp im Blick auf das Jahr 2003 und die Eskalation des islamistischen Kriegs:

„Durch den Irakkrieg 2003, der auch ein Krieg um Öl war, ist der islamistische Terror in der Region angewachsen, statt gestoppt worden. In der Berliner Erklärung vom Dezember 2002 habe ich mit Erhard Eppler und Prof. Albrecht, Mary Kaldor und Benjamin Ferensz und zehntausenden von Unterschriften make law not war gefordert vor Beginn des Irakkrieges, den die rot grüne Koalition klar abgelehnt hat.“

Aber Quistorp bleibt dabei nicht stehen, sondern sie hat einen Blick für die Entwicklung in der Welt:

„Eigentlich hätte die Kriegstreiberei von Putin der deutschen Politik schon seit 2011 spätestens auffallen müssen, nämlich in Syrien, wo Obama nicht gewagt hat, militärisch einzugreifen, trotz des Einsatzes von Putins Chemiewaffen, um so Assad und den Iran dahinter zu stoppen. Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien wurden seit 2015 bei uns deutlich wahrgenommen, doch der Krieg weniger. Auch der Krieg in der Ostukraine wurde von Medien wie Friedensbewegung weitgehend verdrängt. Am 22. Februar 2014 habe ich schon gegen die Militärdiktatur Putins vor dem Auswärtigen Amt mit 500 Ukrainerinnen geredet, so wie mit Pussy Riot und russischen Dissidenten als kleine Minderheit gegen die Wahlfälschungen in Russland und Belarus

14000 Menschen sind in der Ostukraine seit dem Mai 2014 gestorben, viele gefoltert worden von russischen Soldaten. Städte und Landschaft und die Kultur wurde zerstört, die Krim besetzt und kolonial russifiziert. Der grausame Angriffskrieg des Putin Regimes gegen die Ukraine zerschlägt jetzt für viele erst jetzt plötzlich die Illusion der Modernisierungspartnerschaft im Ostausschuss der Wirtschaft und in SPD und CDU/FDP und die Entspannungsillusionen großer Teile der Friedensorganisationen und die Blindheit vieler Medien.

Seit 2000 hätte Putins KGB-Regime mit mafiösen Zügen erkannt werden können mit Hilfe von Memorial und der Nova Gazeta und mit Kasparow und Nemtsov, Lebedev und Navalny und all den kritischen jungen Demonstranten in Russland ,die jetzt vor der totalen Propaganda des Staatsfernsehens und der brutalen Repression eines Neo-Stalinismus fliehen.“

Wir haben vor dieser entsetzlichen Entwicklung die Augen verschlossen. Es waren die Grünen, die diese Dinge realistisch sahen und die immer wieder warnten – so Marieluise Beck und Ralf Fücks.

Von der Gewalt oder: von den Herausforderungen, „die ein Heer erfordern, deren Soldaten tapfer und ohne Zögern zu den Waffen greifen

Es gibt im Prozeß der Weltgeschichte berechtigte und vernünftige Gründe, um im Blick auf militärische Gewalt umzudenken, nämlich die notwendigerweise von demokratischen Staaten gegen Aggressoren wie Putin ausgeübte Gewalt, um ein Land zu verteidigen, das überfallen wurde. Dies alles war 1982 kaum die Frage, es gab monolitische Blöcke. Daß in Vietnam auch die nicht minder blutigen Sowjets und die Mao-Chinesen agierten und folterten, interessierte wenige nur. Daß linke Revolutions-Bewegungen in ihren Maßnahmen nicht weniger zimperlich waren, konnte man in Georg Büchners „Dantons Tod“ nachlesen und bereits Goethe und Schiller verachteten jenen Terreur der Revolution. Die Realität des 20. Jahrhunderts zeigte weitere schreckliche Beispiele.

Generalmajor Christian Trull sprach 2005 in seiner Abschiedrede von der Truppe hellsichtige Sätze, die heute ihre Wahrheit gefunden haben, die aber in den fröhlich-feuchten 2000er Jahren kaum einer hören wollte. Bundeswehr war uncool.

„Dieses Land kann jederzeit vor Herausforderungen stehen, die ein Heer erfordern, deren Soldaten tapfer und ohne Zögern zu den Waffen greifen und helfen und schützen. Alles muß getan werden, um uns auf diese Fälle vorzubereiten. Die Fähigkeit, sie vorherzusagen, ist gleich null.“

Paradigmatisch und relevant für tatsächliches politisches Handeln eines Staates trat dieses Umdenken und die Abbkehr von alten Modellen des Frieden ohne Waffen zum ersten Mal als scharfer Konflikt innerhalb der Grünen wie der linken Bewegung zutage, als 1999 die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Schröder und Joschka Fischer einem Nato-Einsatz in Serbien auch unter deutscher Beteiligung zustimmte. Im vorausschauenden Blick auf weiteres hat all das und haben die Worte von Generalmajor Trull wenig genützt, und wir wollten es auch gar nicht so genau wissen. Sparen bis es quietscht war auch in der CDU, die von 2005 bis 2021 den Kanzler stellte, das Motto.

Was wir von Quistorp und vielen Grünen lernen können: Unter solchen Zeichen eines imperialistischen Angriffskrieges wie ihn heute Rußland führt, muß neu gedacht werden. Pazifismus, der das Recht das Stärkeren und das Morden von Diktatoren und Kriegsverbrechern, legitimiert, ist kein Pazifismus, sondern im besten Falle Naivität und Dummheit. Das haben auch manche Linke begriffen, die ansonsten eher Anti-USA-Reflexe hegten: teils zu recht. Die USA sind nicht der Hort der Güte, des Schönen und des politisch Wahren, wenn es um das geht, was realiter geschieht – die „Federalist Papers“ sind leider geduldiges Papier – und es wäre sicherlich sinnvoll, wenn auch die EU eine eigene und tragfähige Sicherheitsarchitektur entwickelte. Dennoch verbindet das freie Europa im Blick auf die gegenwärtigen politischen System mit den USA deutlich mehr als mit China, dem Iran oder gar mit Putins Rußland. Schon deshalb erwies sich Putins Wunsch eines Raumes von Wladiwostok bis Lissabon als Betrug: politische Partnerschaften zwischen einer Diktatur und Demokratien sind realiter kaum durchführbar. Was nicht heißt, daß wir mit Rußland für die Zukunft keinen Dialog führen sollten. Ob es freilich unter und mit Putin sein wird, dürfte das freie Europa und die USA vor erhebliche Herausforderungen stellen.

Es helfen die alten Modelle eines „Frieden schaffen ohne Waffen“ nicht weiter, wenn da ein Aggressor wie Putin sitzt, dem man mit diesen Slogans am Ende in die Hände spielt, weil mit solchem „ohne Waffen“ lediglich dem Recht des Stärkeren Vorschub geleistet wird. Diese Zeitenwende haben die Grünen eher als alle anderen erkannt. Während die heutige Friedensbewegung es schaffte, sich ins Abseits zu bringen und als Klub Gestriger nicht zu realisieren, was einst Bob Dylan sang:

„And you better start swimmin‘
Or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin'“

***

Wir glaubten damals in einer Welt zu leben, die sich durch Kritik zwar nicht mehr verändern würde, darin dem Denken Adornos und der kritischen Theorie verhaftet, die aber durch bestimmte Negation dennoch zu kritisieren wäre, und zwar in ihren Grundfesten und in ihrer Struktur, um auf das Ganze einer Gesellschaft zu gehen, nämlich ihrer ökonomischen Basis wie auch auf ihren Überbau zu zielen. Eine solche Kritik, der Destruktion geschuldet, wie sie teils Heidegger im ganzen und als philosophische Runderneuerung tätigte und wie sie Walter Benjamin politisch mit dem von ihm so bezeichneten „destruktiven Charakter“ beschwor und wie sie verschiedene politisch-ästhetische Avantgarden wie der Surrealismus vertraten und in den 1980ern, jenen wilden und wunderbaren Jahren teils mit Punk und Industrial Music, ist in bestimmten Zeiten nicht mehr möglich. Sie war es im Grunde und wenn wir ex post facto blicken, bereits zu Weimarer Zeit, als Hitler vor der Tür stand, nicht mehr: doch konservative wie linke Denker glaubten an eine Zeitenwende und daß jene Republik zu beseitigen und hinwegzufegen sei. Aber es gibt Zeiten, da sollte man selbst die Abschaffung einer nicht vollkommenen, aber doch auch zugleich guten, weil freien Gesellschaft sich nicht zum Ziel machen. Weil nämlich das, was danach kommen, deutlich schrecklicher ist. Wir haben dies in Europa gesehen und gespürt. Das freie Europa ist nicht perfekt, aber mit Blick auf Putins Rußland und einem repressiven China, darin Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, scheint der Westen die allemal bessere Möglichkeit. Diese gilt es zu verteidigen. Auch mit Waffen.

„Der Nation ausgerechnet im Friedensrausch vorzurechnen, daß niemand als sie selbst den Pazifismus diskreditiert hat, wurde als umso größere Bosheit, Gemeinheit und Niedertracht empfunden, als sich die Tatsache nicht leugnen läßt. Denn in der Tat hat Deutschland den Pazifismus diskreditiert und ad absurdum geführt, indem es praktisch vorgeführt und damit empirisch bewiesen hat, daß es Schlimmeres geben kann als den Krieg; dass Schrecken möglich sind, von denen nur eine starke Armee befreit. Deutschland selbst unter den Nazis war dieser Schrecken, gegen den es kein Mittel als Bomberflotten und Panzerverbände gab. Die Armee als wirklichen Befreier und den Krieg als wahren Sachwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit in die Weltgeschichte eingeführt zu haben ist das verhängnisvolle Verdienst dieses Landes. Es hatte in seinen Vernichtungslagern Millionen Menschen Grund gegeben, den Angriff durch Bomber und Kampfflugzeuge herbeizusehnen, weil der wahrscheinliche Tod im Bombenhagel die Rettung vor dem sicheren und unendlich qualvolleren Tod in der Gaskammer war.“ (Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier und wahrer Sachwalter der Menschlichkeit)

31 Gedanken zu „10. Juni 1982, Bonn, Hofgarten, die Grünen und 40 Jahre danach

  1. Aus „damaligen“ „damligen“ zu machen, ist genial.

    Für mich problematisch bleibt Ihre Parteinahme für den Krieg, zumal einen, der aus meiner Sicht unumgänglicherweise atomar geführt werden würde – nämlich dann, wenn Putin ebenso unumgänglicherweise wird einsehen müssen (und es wahrscheinlich aber längst weiß), daß Rußland auf konventionelle Kriegsweise nicht gewinnnen kann und also die russische Nukleardoktrin greift, Atomwaffen erst einzusetzen, wenn die Existenz Rußlands gefährdet werde. Genau das wäre bei einem – kriegsrechtlich erklärten – Kriegseintritt des Westens der Fall, doch imgrunde schon (auch wenn es einen, sagen wir, „Ermessungsspielraum“ gibt) … – imgrunde also schon bei Abschuß z.B. eines russischen Bombers durch eine NATO-Kampfflieger. Ein solcher Atomkrieg aber wäre – einmal ganz abgesehen von den menschheitsgeschichtlich unvergleichlichen Opfer- und Folgeopferzahlen, die in die Milliarden gingen – insgesamt nicht zu gewinnen, für k e i n e Seite. Hingegen „konventionell“ zu erliegen, würde für Putin Den Haag bedeuten; bevor einer wie er da vor Gericht treten würde, reißt er „lieber“ gleich a l l e mit.

    Noch eine Kleinigkeit: Es ist ein bißchen ungeschickt, das Adorno-Interview in die – bekanntlich von mir durchweg geteilte und nachdrücklich vertretene – Kritik an der Popularmusik als politisches Mittel einzublenden und auch argumentativ mitzutragen, dann aber ausgerechnet mit drei Songversen Bob Dylans zu kommen.

  2. „Für mich problematisch bleibt Ihre Parteinahme für den Krieg, …“

    Das ist sie auch. Niemand ist für den Krieg. Aber es gibt Kriege, die muß man führen – eben weil man angegriffen wurde. So wie eben auch 1939. Und zum Glück gab es einen Winston Churchill und Engländer, Polen und Franzosen, die um jeden Preis durchhalten wollten. Und es auch taten. Auch für sie war es keine Parteinahme für den Krieg, sondern der Krieg war für diese Menschen schlicht die Überlebensnotwendigkeit. So wie das heute auch für die Ukraine der Fall ist. Denn wenn das Land erobert ist, läßt sich ahnen, was passiert.

    Was Putin macht oder nicht macht, steht am Ende eh in seinem Ermessen. Ich denke, der Westen sollte sich nicht den Kopf Putins zerbrechen. Zumal ja von den USA und der NATO immer wieder gesagt wird, daß es keinen Angriff auf Rußland geben wird und daß Raketen an die Ukraine nur geliefert werden, wenn damit kein russisches Territorium beschossen wird. Das einzige, was Putin nicht verärgern wird ist, wenn man nichts tut. Was das für die Ukraine bedeutet, dürfte klar sein. Und auch, was das für die nächsten Länder bedeuten wird, die dann dran sind.

    „Es ist ein bißchen ungeschickt, das Adorno-Interview …“ Nein, das ändert ja nichts am Adornos Pop-Kritik, meinetwegen auch im Blick auf Dylan. Wobei ja manche sagen, es seien die Texte und die Musik Dylans des Literaturnobelpreises würdig. Der Dylan-Bezug steht übrigens gerade deshalb da, weil dessen Songs damals Teil der Friedensbewegung waren und ganz wesentlich zu den neuen sozialen Bewegungen gehörte. DAS ist die Motivation des Zitates. Unabhängig von der Qualität der Musik. Und eben, daß sich die Zeiten geändert haben und daß das einige, die diesen Song einst gerne sangen, nicht gut realiseren. Sozusagen der Selbstwiderspruch innerhalb des eigenen Milieus, anhand der Musik illustriert.

  3. Die neuen Antiimperialisten vertreten zumindest seit 1991 keine prinzipiel israelkritische Position mehr, für sie steht allerdings grundsätzlich die soziale Frage und die Kritik an westlicher Industrialisierung in der ehemaligen „Dritten Welt“ und nicht mehr der Palästinakonflikt im Mittelpunkt. In den Auseinandersetzungen zwischen Antideutschen und klassisch antiimperialistischen Linken kommen sie nicht vor oder kommen sie als ein tertium vor.

    Ansonsten: Trotzki: „Wir richten niemanden hin, das war die Sache bürgerlicher Jakobiner.“

    „Wisst Ihr, was Euch erwartet?“
    Jakowenko: „Ihr werdet uns vor ein Kriegsgericht stellen.“
    Trotzki: „Uns reicht eine Wand.“
    Die Matrosen von Kronstadt

    „Ich kann Ihnen nichts anderes versprechen als Jahre voller Blut, Schweiss und Tränen.
    Wir werden sie zu Land bekämpfen, wir werden sie zur See bekämpfen, wir werden sie in der Luft bekämpfen, wir werden sie in den Dünen bekämpfen, wir werden sie in den Hügeln bekämpfen. Und wir werden uns nie ergeben.
    England erwartet, dass jedermann seine Pflicht tut.“

  4. Das Problem mit den Antideutschen ist, dass zumindest ihre lauteste Richtung sich über die von Dir dargestellten Positionen schnell weiterentwickelte in eine Art subkulturelle Bewegung, in der einerseits das Antideutsche als eine Art Lifestyle gelabelt wurde und die sich andererseits offen gegen die alten klassenkämpferischen Ziele der Linken wendete.

    https://raidrush.net/threads/wie-antideutsch-bist-du-test.462319/

    Dazu gehören dann Demoparolen wie im Rhythmus von Nie-nie-nie-wieder Deutschland gerufen
    „Hub-Hub-Hubschrauberangriff!“, „Panzer in Ramallah, hier marschiert die Antifa!“ und Streiks von Opel Arbeitern um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze als „strukturellen Antidsemitismus“ zu bekämpfen.

  5. Es ging mir auch nicht so sehr darum, die binnenperspektiven und Differenzierungen im Blick auf Antideutsche und neue und alte Antiimerpialisten auszufalten – und da gibt es ja vermutlich in der antideutschen Fraktion ebenfalls erhebliche Binnenkonflikte, zumindest was ich am Rande mitbekommen habe -, sondern vielmehr um einen eher am Pragmatismus orientierten Blickwechsel: daß da eine Linke antrat, die die USA nicht nur kritisierten, sondern sie zumindest in der Sache als notwendig ansahen, das Existenzrecht Israels zu sichern. In diesen Details zu neuem Antiimperialismus wirst Du sicherlich sehr viel besser Auskunft geben können. Zumal, da ich diese linken Debatten eher aus einer an Kant, Hegel, Marx, Adorno, Benjamin, Heidegger orientierten Perspektive wahrgenommen habe.

    Wobei ich im Blick auf Deinen letzten Kommentar schon noch differenzieren würde. Die antideutschen Positionen, die ich kenne sind in der Tat israelfreundlich und araberkritisch, aber doch im Blick auf die Lektüre von Adorno, Horheimer und Marx eben doch gesellschaftskritisch. Freilich die Aporien einbekennend.

    Zentral ist aber vor allem, daß im Blick auf die Gewalt es eine Linke gab, die nie wirklich pazifistisch war – sei es die Solidarität mit dem Vietkong oder mit dem Widerstand in El Salvador und Nicaragua und das läßt sich ja bis zum Spanischen Bürgerkrieg und den unterschiedlichen linken Strömungen dort zurückverfolgen. Und diesen Move haben auch die in den 1980er Jahren tendenziell pazifistischen Grünen (sieht man mal von ein paar K-Gruppen-Leuten und Resten der ehemaligen Putztruppe in Frankfurt/M ab) spätestens im Blick auf die Ukraine hingelegt, wo nun – zum Glück – auch die Parteibasis mitgeht.

    Churchills Rede ist nach wie vor großartig!

  6. Auch den Kreis von „Kunst Spektakel Revolution“ würde ich als antideutsches Umfeld lesen wollen, aber eben nicht in der von Dir genannten Weise, sondern sehr an solchen Klassenkämpfen, an sozialen Kämpfen und an Marx bzw. an Kritischer Theorie orientiert.

    http://spektakel.org/

    Schwerpunkt vor allem auf Ästhetik und ich finde, die machen da eine sehr gute Arbeit. Iris Dankemeyer hat in Weimar in der ACC-Galerie vorgetragen, Roger Behrens, Kerstin Stakemeier und auch ich drei- oder viermal. Die Macher sind sehr umtriebig und leisten da gute Arbeit im Blick auf Kritische Theorie, Ästhetik und Gesellschaftskritik von Marx her.

    Ebenso der Ca ira Verlag in Freiburg, der teils gute Schriften und Texte vertreibt. Ich weiß, Du schätzt ihn nicht, aber er hat ein gutes Programm: Friedrich Pollock, Alfred Sohn-Rethel unter anderem, aber auch Klaus Heinrich. Das ist auch kein Livestyle dort und auch kein Zynismus.

    https://www.ca-ira.net/

  7. 1. wir sind gar nicht so schlecht im hybriden krieg:
    „09:40 Russische Zentralbankchefin fordert Fokus auf heimischen Markt +++
    Russlands Zentralbankchefin sagt, dass Russland seine Exportpolitik im Zuge der westlichen Sanktionen überdenken müsse. Elvira Nabiullina regte auf der wichtigsten russischen Wirtschaftskonferenz in St. Petersburg an, ein „beträchtlicher Teil“ der russischen Industrie solle für den heimischen Markt arbeiten, anstatt sich auf Exporte als Einnahmequelle zu verlassen.“

    das is nix anderes als ein offenbarungseid

    2. es gibt keine mehrheiten für einen heissen krieg in russland
    er wäre sinnlos
    wäre munitions waffentechnisch nicht unterfüttert
    wär völlig kontraproduktiv für die ukraine
    eine kriegswirtschaft kriegt noch nichmal putin hin
    wir noch weniger – wäre völlig abstrus
    und würde in einem sinnlosen atomkrieg enden

    wir haben nicht 1933 sondern 2022!
    die welt hat sich dramatisch verändert
    der deutsche heute ist nicht kriegsfähig wie in der ukraine!
    es wäre schon problematisch bei einem zentralen angriff aufs eigene land
    da sähe ich nix gutes
    für nato-beiträge zur verteidigung sähe ich das wesentlich anders

    wir haben unsere stärken im wirtschaftlichen potential
    das sich erfreulicherweise durch russische exilanten verstärken wird
    weil sie nicht im kambrium eines irren narren leben wollen
    umgeben von täglichen runkelrüben die ihnen kulinarisch verköstigt werden

  8. der rüstungskonzern nexter wurde von macron aufgefordert auf kriegsproduktion umzustellen
    anderen ländern geht es doch auch nicht anders

    die waffenstarrende nato oder eu hat es doch nur in der propaganda putins gegeben
    das brauch doch alles seine zeit
    die techniker wachsen nicht auf bäumen die eingestellt werden müssen

    da geh ich nicht in ein regal von lidl oder aldi
    begreif das doch
    der kalte krieg wurde vor 20 jahren völlig abgewickelt
    flugabwehr rudimentär für natoeinsätze
    munitionsdepots nur für natoeinsätze
    alles andere abgeschafft
    liegenschaften der bundeswehr verkauft

    mit sowas kann man keine krieg führen!
    man kann punktuell aushelfen
    man kann kriegspotential generieren aber in einem zeitraum von jahren
    das wird der ukraine nicht helfen

    lass uns das doch machen was wir können bersarin
    lass uns im hybriden krieg mitmischen wo wir der technologischen überlegenheit langfristig gewiss sind

    wir können keine direkte konfrontation
    wir haben unsere stärken woanders
    ich nehm nur mal ein beispiel beim erdgas:
    warum reduziert putin nur auf 40% ?
    weil wir in den sommermonaten nur 35% verbrauchen

    der typ ist im arsch

  9. Wie gesagt: Man muß alle Möglichkeiten ausschöpfen. Die einzigen, die wirklich liefern können, sind vermutlich die USA und die Briten. Die waren nie dumm.

    Klar kann man einen Hybridkrieg gegen Rußland führen. Dazu sollte dann aber die deutsche Infrastruktur derart geschützt sein, daß es am Ende nicht auf uns zurückfällt. Wenn ich mir die Berliner Verwaltung und ihre Fähigkeiten ansehe, habe ich da eher meine Zweifel, was diese Fähigkeiten betrifft.

    Waffen sowiel wie wir abgeben können. Natürlich muß die europäische Nato verteidigungsfähig bleiben. Aber es müssen ab dem Februar 2022 nun auch die Fabriken angeschmissen werden. Der CIA warnte ja bereits im Winter 2021, daß es einen russischen Angriff geben würde. Die einzigen, die auf den bleichen Blutkrebslurch aus Moskau sich vorbereiteten, waren die Ukraine und die USA. Sie wußten, was kommt.

    Was das Erdgas betrifft: wir brauchen es, um die Speicher zu füllen, der bleiche Blutkrebslurch weiß das natürlich. Und es ist zudem ein deutliches Zeichen an Scholz für die Ukraine-Reise.

    Ich hoffe sehr, daß nach diesem 24.2. ein Ruck durch dieses Land geht. Aber ich habe den Verdacht, daß hier viele immer noch nicht aufgewacht sind. Von den Putinverstehern ganz zu schweigen.

  10. “ Sozusagen der Selbstwiderspruch innerhalb des eigenen Milieus, anhand der Musik illustriert“: So betrachtet nehme ich meinen Einwand selbstverständlich zurück.
    „Ich denke, der Westen sollte sich nicht den Kopf Putins zerbrechen“: Das wiederum halte ich exakt für falsch. Diplomatie bedeutet, nach dem Kalkül eines Introjekts des Gegners zu handeln; ich muß imaginär der Gegner selber s e i n, um seine Taktiken spekulativ voraussehen und entsprechend gegensteuern zu können. In der Kriegsführung gilt dies ganz besonders.

  11. Mit „Nicht den Kopf Putins zerbrechen“ meinte ich auch eher, daß wir nicht seine Drohungen hier einfach durchspielen und reproduzieren sollten, um auf diese Weise kostenlos seine Botschaften hier zu verbreiten. Man kann Möglichkeiten durchspielen und sicherlich muß man schauen, welche Optionen Putin fahren könnte: das ist die Aufgabe der Politiker und im Zusammenspiel mit den Militärs und da muß dann geschaut werden, welche (Alarm)Pläne gelten. Aber wir sollten nicht die Spiele Putins spielen, indem wir seine Angst, die er dem Westen einjagen will, mitmachen. Es ist diese Angst vor einem Atomkrieg insbesondere in Europa genau das Kalkül von Putin. Das meinte ich damit. Natürlich kann Putin einen Atomkrieg auslösen und das ist dann das Ende der Erde. Dann aber haben wir es so oder so mit einem Irren zu tun und keiner kann wissen, was morgen ist, und dann wird man es so oder so Putin nie rechtmachen können, außer eben durch Schweigen und Nachgeben, denn wir wissen ja nicht, was er morgen tun könnt. So müssen wir also nachgeben: Atomwaffen als Drohkulisse für eine Expansionspolitik und für seinen neuen Imperialismus. Genau dieses Spiel, das Putin uns aufdrängen will, dürfen wir nicht mitspielen. Das meinte ich damit. Deshalb schließe ich diese Möglichkeit aus. Zumal USA, NATO und die EU immer wieder kommunizieren, daß es keinen Angriff auf Rußland geben wird und Scholz und Emmanuel Macron immer wieder mit Putin gesprochen haben. Wenn also Putin verhandeln möchte, wird er wissen, daß da offene Ohren sind. Nur eben: Er tut es nicht. Und es ist ja vom Westen nicht einmal eine Flugverbotszone angedacht. Also auch hier: Kompromiß und nachgeben.

    Und gerade aus diesem Grund im übrigen finde ich die gegenwärtige Friedensbewegung derart verachtenswert, jämmerlich und widerlich. Hätten die USA der Welt mit einem Dritten Weltkrieg gedroht: Die Menschen wären zu hundertausenden in Deutschland auf den Straßen.

    Interessant im Blick auf Stalin und im Weitergang damit auch auf Putin, was die Machtpolitik und die Neurosen des Herrschers anbelangt. hier ein Artikel in der ZEIT dieser Woche:
    „George F. Kennan: Der Kreml-Versteher. Vor 75 Jahren verfasste der US-Diplomat George F. Kennan eine Analyse der Moskauer Politik, die aktueller nicht sein könnte – und prägte damit über Jahrzehnte die Strategie der Vereinigten Staaten im Kalten Krieg.“

    „Der Beitrag in der Zeitschrift Foreign Affairs ist nicht namentlich gezeichnet, „By X“ lautet die Autorenzeile, die Wirkung des Artikels aber ist enorm. In geschliffenen Sätzen schildert der anonyme Verfasser, mit wem man es im Kreml zu tun habe: Die Moskauer Machthaber betrachteten jede Opposition als illegitim und von äußeren Feinden gelenkt. Sie strebten nach totaler Kontrolle im Innern und pflegten den Mythos einer permanenten Bedrohung von außen. Ihre Außenpolitik sei geprägt von Doppelzüngigkeit. Was als Wahrheit ausgegeben werde, ändere sich mitunter von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Bezüglich seiner Ziele aber denke der erste Mann im Kreml in historischen Dimensionen.
    […]
    Wie sein Aufsatz von 1947 liest sie sich beängstigend aktuell: Stalin und die sowjetischen Machthaber seien von einem tief in der russischen Geschichte verwurzelten Misstrauen und einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen besessen, von dem sie sich bedroht und verachtet fühlten. Nichts fürchteten sie so sehr wie den offenen Austausch mit der Welt, der den „archaischen“ Charakter ihrer Herrschaft entlarven könnte. Die entscheidende Triebkraft der sowjetischen Politik ist nach Kennans Einschätzung nicht das „Feigenblatt des Marxismus“, sondern ein paranoides Sicherheitsstreben, das nach der Vernichtung aller potenziellen inneren und äußeren Gegner trachte. Deshalb ordne der Kreml die wirtschaftliche Entwicklung des Landes der Aufrüstung und der Erweiterung seines territorialen Machtbereichs unter. In Ländern außerhalb seines direkten Einflussbereichs bediene sich Moskau verdeckter Subversion.“

    https://www.zeit.de/2022/25/george-frost-kennan-usa-politik-kalter-krieg

  12. erstmal die gute nachricht: der ölpreis bricht um über 5% ein
    dann die weniger gute nachricht:
    wer flüssiggas in rotterdam kaufen muss zahlt für termin juli 50% mehr als vor 3 tagen
    der gaspreis selbst ist drastisch gesunken
    wie kommt sowas?

    lesen wir den focus aus dem januar
    so schlimm isses heute noch nicht
    nur verdienen tut daran nicht putin obwohl es in den medien unentwegt kolportiert wird
    und es ist ja keiner dazu verdammt das erdgas zu diesem preis zu kaufen
    wenn habeck es meint
    ich sehe das völlig anders
    die schlimmste preisbewegung war im dezember da sind wir noch lange nicht
    https://www.focus.de/finanzen/boerse/f100/preis-in-deutschland-1300-prozent-hoeher-flotte-von-us-tankern-bringt-jetzt-erdgas-zu-uns_id_29267330.html

    wir haben beim privaten verbrauch ab januar nahezu traumhafte einsparungen
    lt daten der bundesnetzagentur
    ich selbst komme dieses jahr auf minus 25% aber das kann man nicht grosskotzig übertragen weil es ist individuell wird aber in der tendenz von 72% der verbraucher unterfüttert lt. umfragen

    wir kämen mit den bisherigen füllmengen locker durch den winter
    das ist alles erstaunlich positiv
    egal was der lurch da trötet beim petersburger gipfel aus seiner wirren traumwelt
    die dumme frage: kommt er denn dauerhaft mit der kohle aus die ihm fehlt unterlasse ich mal
    ich vermute eher der typ hat sich selbst in den arsch gefickt zitterwölfisch gesprochen

    wir führen auf diesem gebiet einen hybriden krieg
    der gegner ist grandios tump
    seine dümmliche propaganda wird es dauerhaft nicht überdecken können

    kolonisiert wird er in zukunft von china
    auch wenn er den westen schon in moskau sieht
    keine ahnung was er wirr sieht
    jedes unternehmen aus dem westen wandert doch ab
    wir entkolonisieren doch

    stalin kann man mit putin nicht vergleichen
    nochweniger die sowjetunion
    putin ist eine ganz andere hausnummer
    die SU hat nie irrational gehandelt

  13. es stehen natürlich schadensersatzforderungen im raum
    die sich gewaschen haben
    die verträge sagen aus: bezahlen was du bestellt hast egal ob du weniger abnimmt und der putin grinst wenn ich reduziere
    wir haben aber nicht reduziert
    im umkehrschluss heisst das :
    kannst du nicht liefern bezahlst du mir die preisdifferenz bei ersatzlieferung woher und von wem auch immer

  14. „stalin kann man mit putin nicht vergleichen“ Sicherlich nicht. Aber das Prinzip der Macht und das düstere Kreml-Gemauschel durchaus. Auch was die Drohszenarien angeht und die Inszenierung, bedroht zu werden. So nach dem Prinzip: Überall Nazis. Und dagegen ist noch der letzte Ukraine-Oligarch eine freudliche Gestalt.

    Kleine Freudenhausveranstaltung ohne Vergnügungssteuer, Ziwonius: Geh mal auf die Nachdenkseiten oder schau Dir das dumme Geschwätz von Leuten wie Dirk Pohlmann und der alten Cannabispflanze Mathias Bröckers an: Dann weißt Du in etwa, was hier in Deutschland teils abgeht und was da für Dreck aufgesogen wird. Und das reicht hin bis zu Medien wie dem Freitag: verwahrloste Westwohlstandslinke wie Jakob Augstein, die gerne im Geld baden, aber ihren Mitarbeitern Dreckslöhne zahlen. (Aber das ist wieder ein anderes Thema: links blinken und schlechter als jede Konservative zahlen.)

    Slawa Ukrajinii!

  15. bersarin
    ich bin ja merkbefreit
    die nachdenkseiten haben mich nicht erschüttert
    ich hatte es auch vorhergesehen
    jakob augstein würd ich als psychisch perversen einschätzen wie putin
    passen doch gut zusammen

    wir sind sehr langsam in unserem system der 27 staaten wo logischerweise immer welche in die suppe spucken
    wir sind wie diesellocks in ausstralien mit irrsinnig langen wagons
    bis das teil erstmal läuft kannst du buster keaton mit weltkugel stundenlang gucken
    aber dann schaus du raus aus deinem güterwagon
    den du als mitfahrgelegenheit gekapert hast
    und das teil läuft und läuft und läuft

    diese dynamik versteht putin nicht
    er sitzt dem irrglauben auf mit der zeit würde sich alles befrieden
    der dumme westen würde wieder zu business wie früher übergehen

    er müsse dann nicht mehr auf wolga und pobeda zurückgreifen
    https://www.n-tv.de/wirtschaft/Moskau-moechte-wieder-Autos-bauen-article23407601.html

    er irrt sich!
    alle westkonzerne ziehen sich aus russland zurück
    glaubt der ernsthaft sie würden jemals nochmal derart riesige verluste machen?
    bei jeder hauptversammlung würde er als schreckgespenst eine perfekte figur spielen

    es wird niemals mehr einer aus dem westen mit putin geschäfte machen bis auf paar speichellecker und abnormale irre
    und china lernt grinsend daraus

    china wird ihn unterfüttern nicht zu viel und nicht zu wenig wie am ausgestrecktem arm
    und er kommt von diesem arm nicht mehr weg
    er hat russland verkauft
    wie ihm ja auch die 40000 soldaten am arsch vorbeigehn die gestorben sind
    von den verletzen wollen wir gar nicht sprechen
    stalin hat sich auch nicht um millionen tote geschert
    er ist da in guter tradition

  16. Ich denke auch, daß die Dynamik und die Vielzahl der Länder, die sich gegen Putin stellen (und Europa ist eben und bleibt noch lange genug wichtig, als daß man als Handelspartner, auch im Blick auf die Technik für Anlagen und Maschinen, wird verzichten können. Hinzu kommt, daß Putin sich in keinem Land des freien Europa mehr wird blickenlassen können. Und den europäischen Luftraum darf er eh nicht mehr bereisen. Insofern: Maximalen Druck ausüben.

    Was die Toten betrifft: das sehe ich ganz ähnlich. Putin verheizt die Menschen. Und er weiß, daß in Rußland, anders als im freien Westen, niemand dagegen protestieren wird. Und wer es auf dei Straße geht, wird schnell im Knast oder im GULAG landen. Schon aus diesem Grunde müßte man all die Putinfreunde mal zur Anschauung zwei Jahre nach Rußland verfrachten.Danach werden Schreiberlinge von so Dünnpfiffportale wie Nach“denk“seiten hier in Deutschland vermutlich Deutschlandelogen singen und nie mehr wegwollen. All die Selbstwidersprüchlichkeiten dieser Leute muß man immer wieder zu m Thema machen.

  17. @ El Mocho: Bingo, das ist genau der Punkt und aus diesem Grunde umgehen die Chinesen auch das Emgargo nicht auf direkte Weise, weil die chinesischen Firmen ahnen, daß sie dann weg vom Fenster sind.

  18. Es gibt dafür jetzt keinen Link, nur Gewisper aus Diplomatenkreisen, aber ganz zu Anfang des krieges soll es eine infornelle Anfrage Russlands an China gegeben haben ob dieses Russlands Vorhaben unterstütze. Darauf antwortete der gelbe Mann, er sei dafür zu bestimmten Bedingungen bereit und nannte darunter die Abtretung ehemals chinesischer Territorien in Sibirien, insgesamt etwa in der Größe Frankreichs.

  19. Trotz (oder gerade wegen?) der Hitze jetzt erst auf diesen Beitrag gestoßen und vielen Dank hierfür, weil er einen großen Bogen spannt.

    Merkwürdig, diese Parallele zu 1982/83, als Helmut Schmidt innerparteilich durch einen Wortführer aus der eigenen Partei (Erhard Eppler) in punkto Doppelbeschluss unter Druck geriet. 1983 dann polterte dann Heiner Geißler (den Brandt einst mit Goebbels verglich) im Bundestag mit dem Ausspruch, wonach der Pazifismus der deutschen Friedensbewegung der 1930er Jahre, die er in den 80ern wiederkommen sah, Auschwitz erst ermöglicht habe. Es gab fast Tumulte bei SPD und den gerade frisch eingezogenen Grünen (5,6%).

    So ganz hat sich die SPD nie von ihrem russlandfreundlichen, naiven Bild entfernt. Es ist vermutlich der Wunsch generationenübergreifender Buße für die Untaten während der Nazi-Zeit, verbunden mit der ökonomischen Einfalt, dass Handelsbeziehungen irgendwann in Friedenspolitik umschlagen. Das funktionierte schon 1914 nicht, aber das weiß die SPD nicht mehr, weil auch sie damals für den Krieg war.

    Praktisch ist dabei die moralische Selbsterhöhung zur „Friedenspartei“, denn, wie Sie, lieber bersarin in einem Ihrer Kommentare schreiben: Wer will schon den Krieg? Und wer will all das militärische Gerede von Waffen, Prävention, Stolperdraht, Erst- und Zweitschlag hören? Eigentlich niemand. Und daher führte man in den 2000er Jahren lieber Gendertoiletten in der Bundeswehr ein. Die Welt als Ponyhof. Man muß nur ganz fest dran glauben.

    Und jetzt muß die Ukraine dran glauben und der Deutsche macht das, was er am besten kann, er verkriecht sich in seiner Angst (hier: vor dem Atomkrieg) und das kennt man auch aus den 1980ern. Da haben die Grünen dann auch ihren Anteil dran.

    Vielleicht haben Scholz und Macron längst ausgehandelt, dass Putin wenigstens einen kleinen Rest der Ukraine stehen lässt und vielleicht gab es deshalb noch keinen Enthauptungsschlag der Russen gegen Kiew, der leicht möglich wäre, etwa wenn Selenskij im Parlament auftritt oder auch sonst. Die Ukraine werde „bestehen“ sagt Scholz – das tut Zypern ja auch (aber eine Ukraine ohne Meerzugang ist praktisch tot). Man frage ihn einmal, mit welcher Hauptstadt. Kiew oder Lemberg/Lviv?

    „Der Westen“ (genauer: die westeuropäischen Staaten) werden mit ihrem Zaudern den Aggressor zum Sieger machen. Seit Beginn von Putins Aggression hat man zuverlässig immer gesagt, was man nicht machen wird; die USA (also Biden) schon am 13. März. Nein, man wird als NATO nicht eingreifen. Nein, man will kein russisches Territorium angreifen. Nein, man wird keinen Luftraum sperren. Nein, man will bestimmte Waffensysteme nicht liefern. Soviele Festlegungen. So einfach für Russland; das Heft des Handelns blieb immer in Moskau.

    Stattdessen fahren die Staatslenker der drei wichtigsten Industrienationen > 100 Tage nach dem Krieg nach Kiew – und bieten ein Stück Papier: die Zusage, die Ukraine in die EU aufzunehmen. Da erobert also Putins Russland die Ukraine, die bald nur noch als Rumpfgebilde existieren wird. Und gleichzeitig bietet man diesem Land eine Mitgliedschaft in vielleicht zehn oder fünfzehn Jahren an. Die Aussicht, auf gleiche Traktorsitze und das beim Aufruf ukrainischer Webseiten immer schnell die Cookie-Hinweise aufpoppen. Dann ist Odessa zwar längst russisch, Millionen Ukrainer vertrieben, gefangen oder ermordet und Putin oder folgende organisieren den nächsten Angriff, aber Scholz et. al. haben uns vor dem Atomkrieg beschützt und deutsche Intellektuelle schmücken sich mit der gnädigen Aufnahme ihrer flüchtenden ukrainischen Kollegen.
    Der Bekenntnis-Billigmut bleibt das einzig Beständige. Er bleibt uns erhalten. Die ukrainische Fahne als Binde bei Fußballspielern, das Deko in Avataren, auf Webseiten, Krawatten, Halstüchern, Basecaps. Man kommt kaum nach: Regenbogen, Ukraine, Kniefälle. Zu mehr sind wir nicht mehr in der Lage.

  20. Interessant ist ja in der Tat der Wandel, den die Grünen hingelegt haben. Man kann viel bei den Grünen beklagen und ich werde sie wegen anderer Aspekte in ihrem Parteiprogramm nicht wählen, aber diesen Move so hinzubekommen und bei einem derart gefährlichen Gegner wie Putin die Dinge richtig eingeschätzt zu haben – anders als SPD und CDU und da merkt man eben doch noch die alte Bürgerrechtspartei heraus -, das ist schon eine gelungene Leistung. Marielouise Beck hat diese russische Aggression und Putins imperiale Außenpolitik seit Jahren schon scharf in die Kritik genommen. Ich und viele andere wollten all das nicht wahrhaben. Der Wandel durch Handel und der Gedanken von einer Annäherung durch Handel war ein Manöver von Putin, um den Westen in der Ruhe zu wiegen. Doch wenn man sein Gesicht und sein verächtliches Grinsen auch bei Merkel und in anderen Zusammenhängen sich im nachhinein anschaut, dann wissen wir vom Heute her, was all das zu bedeuten hat. Putin wartete, bis die Geldkassen gut gefüllt sind. Und ich denke, er wird diesen Krieg noch lange führen können. So wie in Syrien. Immer wieder punktuelle Schläge. Und solange die Ukraine keine vernünftiten Waffen hat, um Putin aus den eroberten Gebieten und letztentlich auch aus dem Donbass und ggf. sogar der Krim zu drängen, wird es keinen Frieden geben.

    Was unter der Hand geschieht, wissen wir nicht – zum Glück vielleicht sogar. Man kann nur hoffen, daß die USA hier nicht klein beigeben. Fatal ist in der Tat dieses Signalsenden, was man nicht machen wird, statt es genau so wie Putin zu tun und ihn im Ungewissen zu lassen.

  21. Und was Sie zur Bekenntniskultur sagen, möchte ich genau so unterschreiben. Man hängt sich eine Fahne ans Fenster, aber kosten und wehtun darf es nicht. Und keiner ist hier in Deutschland und hält einmal nur eine solche Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede oder wenigstens eine solche Rede, die klar ausspricht, daß ein Ruck durch unser Land gehen muß.

    Die EU-Zusage wirkt in der Tat wie eine Packung Baldrian-Pillen, aber nicht wie ein tatsächliches Angebot. Aber ich fürchte fast: Die Bundeswehr hat die Waffen, die geliefert werden sollten, gar nicht. Und auch Scholz Verteidigung von Merkels Rußlandpolitik – was ja implizit auch eine Selbstverteidigung und eine von Frau Schwesig ist – zeigt deutlich, auf welchem Dampfer wir gerade rudern. Bloß nicht der Ukraine helfen, daß es Rußland wehtut. Doch gerade die nächsten zwei Monate werden für die Ukraine überlebenswichtig sein.

    Über die Verquickungen Deutschlands mit Rußland müßte es eigentlich einen BT-Untersuchungsausschuß geben oder es wäre dies zumindest die Aufgabe von Spiegel das im Detail mal zu recherchieren. Aber auch da habe ich inzwischen jegliche Hoffnung aufgeben.

    Es wird für Europa und für Deutschland ein bitteres Erwachen geben. Spätestens wenn irgendwann, wenn Putin mit der Ukraine fertig ist, das nächste Land angegriffen oder destabilisiert wird.

  22. Aber ein „Gutes“ hat dieser bleiche blutige Lurch aus Moskau vielleicht doch: Wir beschäftigen uns vielleicht etwas mehr wieder mit Osteuropa und mit dem Baltikum. Und es kommt vor allem das Schicksal des Baltikums in den Blick: nämlich die Annexion 1939 durch die Sowjetunion und wie sehr dieser Überfall die Länder Estland, Lettland und Litauen prägte. Wobei man diese Dinge auch nicht zu optimistisch sehen sollte. Solche Trends verblassen morgen wieder und die meisten Deutschen können vermutlich nicht einmal drei polnische Schriftsteller, Komponisten oder Staatsmänner nennen.

    Vor zwei Wochen in Deutschlandfunk Lange Nac eine Sendung über Estland (auch Sofi Oksanen hat im übrigen schon lange und beständig vor Putin gewarnt):

    Geschichte und Kultur Estlands
    „WIR haben noch die Erinnerung“
    Von Elke Pressler · 04.06.2022
    Die Geschichte des baltischen Staates Estland ist bewegt, dramatisch und kaum bekannt. Es ist eine Geschichte des fortwährenden Versuchs der Auslöschung durch andere Länder – und der Gegenbewegung durch estnische Künste.
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/estland-unabhaengigkeit-geschichte-kultur-100.html?f

  23. der nächste staat wäre kasachstan

    nun schreibt der spiegel vor 4 std.:
    „Ende dieser Woche fand in St. Petersburg ein internationales Wirtschaftsforum statt, bei dem in den vergangenen Jahren Angela Merkel, Emmanuel Macron und Xi Jinping zu Gast waren. In diesem Jahr ist die internationale Gästeschar nicht so umfangreich, aber es gibt mehr Vertreter aus Lateinamerika: Der Premierminister von Kuba, der Vizepräsident von Venezuela und der Finanzminister von Nicaragua nahmen teil. Nur der kasachische Präsident war persönlich bei der Plenarsitzung mit Putin anwesend, während Xi Jinping und der ägyptische Präsident El-Sisi per Videoschaltung sprachen. Auch an einer solchen Beteiligung lässt sich die stille Befürwortung für Putin ablesen.“
    so einfach ist das nun wirklich nicht!

    Toqajew hatte einen ehrensitz beim wirtschaftsforum hat sich aber diesem völlig unwürdig gezeigt bez. der ukraine woraufhin putin der tobsucht anheimgefallen sein muss denn er verordnete handelsbeschränkungen mit den üblich dürftigen lügenbekundungen warum was und wie nicht ausgeladen werden könne

    Toqajew muss mehr wissen als wir sonst hätte er sich nicht so frontal wider putin gestellt
    waffentechnisch hat er eine zirkusarmee bez. russland
    verheizt putin truppen in der ukraine die er wider kasachstan einsetzen könnte?

    so negativ wie keuschnig will ich das übrigens nicht sehen:
    wenn wir die waffen liefern wie scholz avisiert hat
    die ukrainer die ausbildung hinter sich haben
    was zwingend ist denn die schlagkraft entwickeln sie nur im verbund
    dann ist das schon ein dickes pfund für die ukraine
    und wenn ich das im zusammenhang mit anderen staaten sehe die liefern dann kommen da keine luftschlangen an

  24. Off Topic aber ich bin froh darüber: In Kolumbine hat der linke Kandidat die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen gewonnen: https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/kolumbien-wahl-praesident-103.html

    Gustavo Petro, ehemaliger Guerillero, mit einer schwarzen Vize-Kandidatin. Gegen einen Unternehmer mit wenig politischer Erfahrung und Bewunderer von Hitler.

    Kolumbien wird zum ersten mal in seiner Geschichte eine gemäßigt linke Regierung haben.

    Ich bin erleichtert.

  25. @ El Mocho: Wenigstens kleine Zeichen der Hoffung. Und man muß wohl, trotzdem Lula da Silva eine dubiose Haltung zu Putin hat, hoffen, daß er die Wahlen gegen Bolsonaro gewinnt. Denn dieser ist noch schlimmer.

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