100 Tage russischer Angriffskrieg oder: Wie man Propaganda macht und wie Verschwörungsideologen manipulieren

Man betrachte sich dieses Facebook-Posting des Verschwörungsideologen Tom J. Wellbrock (Autor bei Nach“denk“seiten, Neulandrebellen, Junge Welt), es stammt vom 30.5.2022: So sieht die Propaganda von Leuten wie Tom J. Wellbrock und Konsorten aus. Der Bürgermeister von Melitopol ist nicht jene Dame, die da spricht und offiziell tut, sondern der 2020 frei gewählte Iwan Fedorow, der bei der Besatzung der Stadt von den Russen entführt, dann aber befreit wurde. An seiner Stelle wurde eine den Russen genehme Person eingesetzt.

Hoffen wir nur, daß bei Geschichtsdebatten in anderer Sache Tom J. Wellbrock uns nicht auch noch erzählt, daß der 1940 eingesetzte neue polnische Regierungschef Hans Frank hieße.

Mittels solcher russischer Inszenierungen, die Putin-Propagandisten ad nauseam und nach dem Prinzip „steter Tropfen höhlt den Stein“ weiterverbreiten, soll der Eindruck erzeugt werden, bei der Okkupation der Ukraine ginge alles mit rechten Dingen zu und es soll vor allem der Widerstand der Ukraine Stück für Stück delegitimiert werden. (Daß rund 80 % der Ukrainer nach Putins Invasion gegen jeden Kompromiß mit Putin sind, unterschlagen Typen wie Wellbrock.) So eben sieht Propaganda aus, die Leute wie Wellbrock, Dirk Pohlmann, Mathias Bröckers den Leuten einträufeln und die eingesogen und dann in Debatten immer wieder ins Spiel gebracht wird, um Nebeltöpfe zu werfen. Vergleichbar ist dieses System der Verschwörungsideologien und ihrer Anhänger mit Sekten wie Scientology: einmal am Informationspool angedockt, kommen die Leute davon nicht mehr los.

Der Krieg findet nicht nur in der Ukraine statt, sondern schon lange auch hier bei uns über solche Kanäle, nämlich über Verschörungsideologen wie Wellbrock, Ken Jebsen, Mathias Bröckers, Albrecht Müller und damit über Portale wie Nachdenkseiten und einige andere, die gezielt Fakes und Lügen verbreiten. Wir sollten uns mit gutem Faktenwissen darauf einstellen, diesen Leuten zu begegnen. Nicht um diese Leute zu überzeugen: das ist, wie bei den Bossen von Scientology, nicht möglich, sondern eher um all den stummen Mitlesern zu zeigen: was die da propagieren, stimmt nicht.

Was die Russen mit der Ukraine vorhaben, läßt sich erahnen, wenn man Putins Agenda kennt: Ziel ist ihre kulturelle Auslöschung, ihre Auslöschung als Land. Gegen solches Gebaren muß sich das gesamte freie Europa und eine freie Welt stellen. Und in diesem Sinne muß es ebenso um den Sturz von Putin gehen: wie ich es bereits am 25.2.2022 schrieb:
Ene mene miste
Putin in die Kiste
Russische Sniper her
Mit nem Präzisionsgewehr

Dies wird vermutlich nicht passieren. Insofern muß der Westen in diesem Falle Rußland wirtschaftlich treffen und erledigen. Durch den Wirtschaftsboykott ist schon einiges erreicht. Es fehlt, auch für die Ölindustrie, westliche Technik. Bringen wir Rußland auf den Stand von Venezuela. Auch Hunger und Armut der Bevölkerung können eine gute Waffe sein. Inhuman? Nein, denn wir sind im Krieg, wenn auch einem indirekten. Weiterhin: Putin steht es jederzeit frei, diesen Zustand zu beenden, die Ukraine zu verlassen und den Wiederaufbau der zerstörten ukrainischen Städte zu veranlassen. Es ist Putins Entscheidung, wie es um Rußland stehen wird. Bleibt es, wie es ist, wird Putin vor der Welt als Besudelter dastehen und in die Geschichte eingehen.

Valeriia Semeniuk schrieb heute im „Tagesspiegel“:

„Der ukrainische Offizier Alexander Pawljuk kämpfte in den vergangenen 100 Tagen bereits in Odessa, Cherson und Nikolajew. Der Tagesspiegel hat seine Eltern gefragt, ob die Ukraine ihrer Meinung nach in diesem Krieg einen zu hohen Preis zahlt. Ob es sich vielleicht lohnen würde, dem Feind gewisse Zugeständnisse zu machen und die Besetzung eines Teils des ukrainischen Territoriums zu akzeptieren, damit ihr Sohn heil nach Hause kommt. Nein, sagen Oksana und Jurij Pawljuk. Sie sind überzeugt, dass die Ukraine weiterkämpfen muss, auch wenn sie dabei Verluste erleidet.

Sowohl die ukrainische Gesellschaft als auch die politische Führung in Kiew nehmen Forderungen nach einem Kompromiss mit Putin übel. In den vergangenen Wochen sind diese Forderungen im Westen häufiger und hartnäckiger geworden. Doch die Ukrainer sind nicht bereit, ihren Widerstand aufzugeben, so anstrengend er für das Land auch sein mag.

Vor allem glauben sie nicht an die Effektivität einer Beschwichtigungspolitik gegenüber Russland. Oft werden in der Ukraine in diesem Zusammenhang sogar Parallelen zum Münchner Abkommen von 1938 gezogen, als Großbritannien und Frankreich die Tschechoslowakei zwangen, das Sudetenland an Hitler abzutreten. Ein Jahr später begann der Zweite Weltkrieg.

Im Jahr 2014 riet der Westen der Ukraine nachdrücklich, bei der Annexion der Krim ein Auge zuzudrücken und die aus ukrainischer Sicht ungünstigen Minsker Abkommen zum Donbass zu unterzeichnen. Heute sind sehr viele Ukrainer überzeugt, dass es genau diese Nachgiebigkeit war, die nun zu einem großen Krieg führte. Das Präsidialamt in Kiew wiederholt wie ein Mantra: „keine Beschwichtigung des Aggressors, keine Wiederholung von Minsk“.“

Dies ist genau der Punkt: Alles Nachgeben gegenüber Putin führte lediglich zum Gegenteil und wurde als Schwäche ausgelegt. So wußte der bleiche Lurch aus Moskau: eer durfte noch einen Schritt weitergehen. Es gibt nur eine Sprache, die der Putin versteht, die der Härte. Hinterhofschläger bleibt Hinterhofschläger,

4 Gedanken zu „100 Tage russischer Angriffskrieg oder: Wie man Propaganda macht und wie Verschwörungsideologen manipulieren

  1. Man muss sich nur vor Augen halten, welche Perspektive die Ukrainer haben. Dauerhaft unter der Herrschaft dieser Leute leben, die da morden, plündern und vergewaltigen, oder den Weg Polens nachzugehen. Anfang der 2000er Jahre kamen viele Polen nach Deutschland auf der Suche nach Arbeit. Die sind heute nicht mehr da, sie sind wieder in Polen, dessen Wirtschaft nicht schlecht dasteht. Stattdessen kamen in den letzten Jahren viele Ukrainer nach Polen, auf der Suche nach Arbeit. Wenn die Ukraine in die EU aufgenommen wird und es den Ukrainern in 20 Jahren etwa so gut geht wie den Polen heute, was dann? Kommen dann Russen in die Ukraine auf der Suche nach Arbeit? Was sagt Putin dann?

  2. El Mocho, es kann gut sein, dass diese Problematik eine wesentliche Motivation für Putins krieg ist.

  3. Genau das denke ich auch. Irgendwann werden die Russen nicht mehr damit zufrieden sein, zu einer Weltmacht zu gehören aber deutlich schlechter zu leben als ihre Nachbarn. Nur damit eine Bande von Mafiosi alles ausrauben kann.

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