Zwischen Terror und Judenhaß: documenta 15, „antiimperialistischer“ Kampf und ein frei flottierender Antisemitismus

Wir stellen uns vor: Es gäbe eine Kunstausstellung, eine der weltweit bedeutendsten, ja, sie findet in Deutschland statt, und da träte eine Gruppe auf, ein Kollektiv, wie es so schön heißt, und dieses Kollektiv brächte folgende Ankündigung für einen Filmabend:

„Für die documenta fifteen hat Subversive Film ein Filmprogramm rund um die Vorführung eines kürzlich restaurierten Films zum Angriff auf das Münchener Oktoberfest von 1980 kuratiert. Dieser Film gibt Auskunft über die weitestgehend übersehenen und nicht dokumentierten „rechtsnationalen Solidaritätsbeziehungen“ zwischen verschiedenen nationalen Kräften in Europa

Nach einem Treffen mit Karl-Heinz Hoffmann, dem gefeierten Regisseur experimenteller Agit-Prop-Filme und ehemaligem Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, wurde Subversive Film eine Sammlung von 16-mm-Filmen und U-matic-Videokassetten anvertraut – neben dutzenden Filmplakaten und einer vollständigen Bibliothek. Den Film umgibt die Aura des Unperfekten – ein Zeugnis der sich wandelten politischen Haltung der rechtsextremistischen Bewegung der 1980er-Jahre.“

Dazu eingeflochten in dieses Ankündigungsmachwerk Begriffe aus der üblichen Galerie- und Kunstszene-Prosa: Assemblage, Neu-Assemblage und Montage. Was glaubt die geneigte Leserin, was glaubt der geneigte Leser, was mit der für diese Ausstellung und ihre Ausstellungsmacher Verantwortlichen, nennen wir sie Sabine Schormann, passiert wäre und wie lange sie noch im Amt sich hielte, wenn sich herausstellte, daß eben jene Filmemacher aus dem rechtsnationalen Milieu kämen und mit genau diesen Terroristen sympathisierten? Und was, wenn sich herausstellt, daß all das, der rechtsextremistisch-terroristische Hintegrund, bereits zum Beginn der Ausstellung bekannt wäre und deren Macher, nennen wir sie Ruangrupa, solches auf einer der größten Kunstschauen der Welt zuließen und damit anscheinend auch irgendwie als Kunst goutierten? Was wäre im deutschen Blätterwald los, wenn herauskäme, daß rechtsextremistische Anschläge und rechtsterroristische Bewegungen, sagen wir der NSU oder die Wehrsportgruppe Hoffmann, ästhetisch abgefeiert würden? Wie sähe es wohl bei Mario Sixtus, bei Georg Diez, bei Margarete Stokowski, bei Hengameh Yaghoobifarah, bei Deutschlandfunk Kultur auf Twitter aus? Wie sähe es in Berlin aus? Es gäbe, so vermute ich, eine Großdemo, den Aufstand der Anständigen und was dergleichen Slogans mehr sind, die sofort für ein Verbot der gesamten Ausstellung protestierten. Nicht ganz zu unrecht – obgleich ich von solchen Kollektivverboten nichts halte.

Aber Scherz und Konstruktion beiseite. Natürlich ist all das nicht passiert und es würde Sabine Schormann und die Ausstellungsmacher ihre Tage fürderhin in einem Ort weit außerhalb des Kulturbetriebes verbringen, wäre es so passiert. Sondern vielmehr, wie der Autor und Publizist Olaf Guercke schrieb, geschah „nur“ dieses, daß ein linksextremistisches Filmkollektiv einen Film zeigte:

„Beim Massaker am Flughafen Lod [Israel, Hinw. Bersarin] im Jahr 1972 wurden vor etwas mehr als 50 Jahren 26 Menschen von Terroristen der „Japanischen Roten Armee“ erschossen und mit Handgranaten umgebracht. Die Terroristen handelten in Zusammenarbeit und im Auftrag der palästinensischen Terrorganisation PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas). Ermordet wurden neben anderen Menschen zahlreiche Mitglieder einer christlichen Pilgergruppe aus Puerto Rico, wo dem Anschlag heute mit einem offiziellen Gedenktag gedacht wird. Nicht an die Opfer gedacht wird auf der dokumenta 15 in Kassel. Dort zeigt das palästinensisch-belgische Kollektiv „Subversive Films“ restaurierte Propagandafilme aus dem Umfeld der „Japanischen Roten Armee“, die als Ausdruck von „weitestgehend übersehenen und nicht dokumentieren ‚antiimperialistischen Solidaritätsbeziehungen‘ zwischen Palästina und Japan“ angekündigt werden. „Indem es die bewegten Bilder wieder in Umlauf bringt“, so das Kollektiv „reaktiviert Subversive Film heutige Konstellationen von Solidarität und die Utopie einer weltweiten Befreiungsbewegung.“ Kein Wort in der Ankündigung wie gesagt über die Opfer des Terrors. Man feiert den ehemaligen JRA-Terroristen und „gefeierten Regisseur“ Masao Adachi, der das Material zur Verfügung gestellt hat und lädt ihn nach Kassel ein. Das Gloria-Kino stellt seine Räume für die Veranstaltung zur Verfügung. Keiner hat sich offenbar im Vorfeld mal ersthaft gefragt, was das für „Konstellationen der Solidarität“ sind, die da „reaktiviert“ werden sollen. Oder man hat es halt verstanden und findet es trotzdem gut. Was soll man dazu noch sagen, ich finde es einfach erbärmlich.“

So ist es. Widerlich ist diese documenta 15, wenn derart mit antisemitischem, antijüdischem Terrorismus umgegangen wird: jener Anschlag am 30. Mai 1972, bei dem 26 Menschen starben. Solcher Terror wird zum antiimperialistischen, antiisraelischen Kunsthappening umfunktioniert. Und diese Ruangrupa-Pfeifen stehen da und grinsen und hopsen vor den Kameras. Wann tritt Sabine Schormann endlich zurück? Aus Lumbung wird immer mehr Humbug – freilich einer, der immer weniger lustig ist. Guercke schreibt weiter:

Hier habe ich auf Archive. org den Film „The Red Army/PFLP declaration of world war“ von Masao Adachi und Koj Wakamatsu entdeckt. In voller Länge und mit Untertiteln. Die Erklärung des revolutionären Weltkriegs ist ernst gemeint. Adachi und Wakamatsu drehten den Film 1971, als sie, vom Filmfestival in Cannes kommend, sich in Palästina mit führenden Mitgliedern der „Japanischen Roten Armee“ trafen, die dort als Gäste der PFLP lebten. 1974 schloss sich Adachi der JRA an und verließ Japan. 23 Jahre später wurde er 1997 im Libanon festgenommen. In der Zwischenzeit arbeitete er vermutlich in der bis 2001 bestehenden Organisation die, teils im Auftrag von Gaddafi zahlreiche weitere Terroranschläge ausführte. Da man Adachi keine direkte Beteiligung an Anschlägen nachweisen konnte, saß er insgesamt nur etwa 18 Monate im Gefängnis. Nun wird er auf der Dokumenta als der Mann gefeiert, der das Material zur Collage für die auf die Zukunft gerichtete Erinnerung an die „palästinensisch-japanische Solidarität“ zur Verfügung gestellt hat. Der Film ist gespenstisch, soweit ich ihn gesehen habe. Ob er auch Teil der Collage in Kassel ist, weiß ich nicht.“

Ja, Kunst darf viel, sie darf fast alles. Wenn aber Kunst als Schlachtfeld gebraucht und derart politisch instrumentalisiert wird, um im Namen des „antiimperialistischen Kampfes“ Gewaltverbrechen und Terror gegen Menschen zu rechtfertigen und eine hochfragwürdige politische Agenda in Umlauf zu bringen, dann rechtfertigt dies keine Kunstfreiheit mehr – zumindest keine solche, die von einem Staat finanziert wird, der noch vor 80 Jahren jenen Zivilisationsbruch begann: nämlich die industrielle Tötung von Juden. Nein, verbieten kann man solche Veranstaltung nicht und vielleicht ist das auch gut so. Zurücktreten wird Schormann auch deshalb nicht, weil aus den üblichen Kreisen der kulturalistischen Linken kein Gegenwind kommen wird. Aber man kann diese Vorführung auf der documenta besuchen und man kann diese Leute zur Rede stellen oder eben ihnen die Zeit dort schwer machen. Kunst wird mit Gegenkunst beantwortet.

Kollektive sind auch deshalb gut, weil niemand irgendwelche individuelle Verantwortung übernehmen muß. Am Ende heißt es: es waren alle und alle ist am Ende niemand – nur daß Niemand eben kein Eigenname ist. Frei nach Homers Odysseus. Adorno wußte, weshalb es ihm vor Kollektiven gruselte.

Evacuation d’un blessé, victime de trois terroristes japonais, à l’aéroport de Lod-Tel-Aviv, le 30 mai 1972 (AFP)

So sieht die Wahrheit dieser Kunst aus. Es starben 26 Menschen durch Terror in Israel.

Sahra Arschloch und der Parteitag der Linken

Um eine Redewendung Wolf Biermanns im Blick auf den Dichterspitzel Sascha Anderson zu gebrauchen, hier im Blick auf den Unsinn, den diese Dame im Blick auf NATO und Ukraine fabrizierte. Nein, diese Person ist nicht dumm, sie weiß, was sie sagt und sie weiß um ihre Manipulation von Menschen, und das eben macht es um so schlimmer. Es gibt freilich Äußerungen, hinter die es kein Zurück mehr gibt, mögen Wagenknechts Überlegungen zur Sozialpolitik auch manch Gutes und Sinnvolles enthalten. Ihre Äußerungen zur NATO wiederum und zum Austritt Deutschlands waren schon immer im besten Fall naiv zu nennen. Aber mit dem, was sie zur Ukraine und zu Rußland von sich gibt, ist eine Zäsur gesetzt. Wagenknecht ist und Wagenknecht bleibt persona non grata und sie bleibt jener Zarenknecht, der hier die Agenda Putins fährt. Wer wie sie auf dem Parteitag in Erfurt den Vorstand dazu zwingen will, darauf zu verzichten, den russischen Angriffskrieg zu verurteilen, um stattdessen frühere Kriege der USA anzuprangern, hat sich aus dem Kreis der Menschen verabschiedet, die für Humanität und Freiheitsrechte eintreten. Und das eben diskreditiert die Position von Wagenknecht im ganzen, und solange da bei ihr keine Rücknahme und keine Entschuldigung folgt, wird das auch so bleiben.

Zum Glück wurde dieser Vorschlag von Wagenknecht und ihrer Riege mit Mehrheit abgelehnt. Dieses Denken von Wagen- wie Zarenknecht und Konsorten folgt einer allzu simplen Logik des Anti-Amerikanismus, und dieser sozusagen internalisierte und institutionalisierte Haß auf die USA samt eines Trivialmarxismus alte Schule, der dahintersteckt, macht diese Leute blind gegen Putins Kriegsverbrechen wie auch gegen Putins imperialistische Phantasien eines Neuen Reiches. Der Gegner ist grundsätzlich die NATO – ein Verteidigungsbündnis nebenbei. Und auch zu einem repressiven Staat, einer Diktatur wie Rußland verhalten sich die Zarenknechte von Pohlmann bis Wagenknecht, bis Jens Berger und Albrecht Müller auffallend schmallippig. Eine Kritik, die derartig den doppelten Standards anheimfällt, bleibt nicht nur unglaubwürdig, sondern sie diskreditiert sich damit auch selbst und begibt sich ins gesellschaftliche Abseits. Daß allein deshalb, weil es die NATO gibt, bis heute Länder wie Estland, Lettland und Litauen, aber auch Polen ihre Souveränität und eine demokratische Grundordnung sich erhalten, schafft leider nicht den Weg in den Knallkopp von Wagenknecht. Soll es vermutlich auch gar nicht. In diesem Sinne ist und bleibt Wagenknecht eine Kasperle-Puppe, in deren Inneren ein ganzer Putin steckt – sie mag all das aus taktischen Gründen noch so sehr dementieren. Deshalb eben bleibt es dabei: Sahra Arschloch.

Daß es in der Frage, ob der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verurteilt werden soll, überhaupt eine Diskussion gibt, zeigt ein erhebliches Defizit in dieser Partei und weist auf den desolaten Zustand der Linken. Wollen wir nächstens eine Debatte darüber, ob der Angriffskrieg Hitlers auf Polen zu verurteilen ist oder nicht? Wird uns Sahra Wagenknecht auch diese Debatte aufdrücken wollen? Doch wohl eher nicht. Es gibt, um dieses andere Extrembeispiel zu wählen, Themen, da lassen sich nicht zwei Meinungen formulieren, die man im Sinne eines Erörterungsaufsatzes mit Pro- und Kontra bespricht. Angriffskrieg und Kriegsverbrechen sind keine Meinung, bei der man dieser oder auch einer anderen Ansicht sein kann. Das ist nicht anders als bei antisemitischen „Kunstwerken“, die in Wahrheit Propaganda sind. Und nein: Wenn ein Land ein anderes völkerrechtswidrig überfällt, dann ist dies nicht die Schuld der NATO oder der USA, sondern es liegt die Verantwortung für solchen zudem blutig und grausam getätigter Angriffskrieg wie ihn die Russen durchführen allein dem Aggressor: Rußland und Putin eben.

Die ukrainischstämmige Linken-Politikerin Sofia Fellinger faßt ihre auf dem Parteitag der Linken vorgetragenen, großartige Rede in einem SpOn-Interview vom 24.6. derart zusammen:

„Mir ist der Umgang meiner Partei mit diesem Krieg ein Rätsel. Wenn man sich ein bisschen mit der Situation dort auskennt, muss einem klar werden, dass die Menschen sich wehren müssen. Welche Alternativen bieten wir denn an, wenn nicht Waffen? Also wo kommt er her, der Frieden, wenn Russland einen Vernichtungskrieg führt und Menschen foltert und ermordet? Meine Partei redet von Frieden. Aber das ist ein leerer Begriff, wenn da nichts dahintersteckt. Sollen die Ukrainer die russischen Panzer umarmen? Wenn Leute für eine linke, befreite Gesellschaft kämpfen wie in Kurdistan oder Rojava – natürlich gebe ich denen Waffen!“

Zum Glück gibt es in der Linken auch solche Leute, Eine halbwegs vernünftige Rede hielt auch Bodo Ramelow, der im Grunde in der Linken falsch ist, sondern eigentlich den linken Flügel der SPD verkörpert. Und ansonsten bleibt es dabei:

„Frieden kommt nicht, wenn man die Leute sterben lässt“ (Sofia Fellinger, Die Linke)

Diese Erkenntnis ist bei Wagenknecht nicht angekommen. Das eben diskreditiert leider ihre Position im Ganzen. Und in diesem Sinne ist auch ihr als Monstranz zur Schau getragener Humanismus unglaubwürdig geworden. Team Wagenknecht läßt sich nach solchen Äußerungen in einem grundsätzlichen Sinne nicht mehr sein. Nein, Wagenknecht ist, wie manche denken, nicht auf der rechten Seite angekommen, sondern sie fährt vielmehr die abgelebten Denkmuster einer DKP-Mufflinken, sie ist eine von jenen, die die Zeitenwende nicht mitbekommen haben und die noch in den alten Strukturen denken, als Väterchen Stalin der Welt mit seinem Stahlbesen den Arsch rot schrubbte und die das auf klammheimliche oder auch offene Weise irgendwie dann doch gut fanden. „Wer aber über dieser Art von Kommunismus nicht reden will, sollte auch vom Kapitalismus schweigen.“

Clewe2807, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

E.T.A. Hoffmann – Vom Fall ins Kristall. Zum 200. Todestag des großen Dichters

Gestern hat einer der von mir sehr geschätzten Autoren seinen, ich hätte beinahe geschrieben: Jubeltag. Aber es ist ja der Todestag. Doch Tod, Verhängnis, Spaltung und vor allem die Angst vor Wahnsinn und Selbstentfremdung spielen gerade bei Hoffmann eine große Rolle. Die „Kunst der Entzweiung“ sozusagen, in der Kunst durchgespielt, am Protagonisten ausgeführt und dem Leser erzählt. Man denke nur an jenen Wahnsinn im „Sandmann“, der den Studenten Nathanael befällt und auch der in „Die Elixiere des Teufels“. Eine Schauergeschichte und eine Geschichte von der Angst des Ichs. Gestern wurde zu recht viel gelobt und geschrieben: so in der FAZ ein Arikel von Tilman Spreckelsen sowie von Jürgen Kaube über Hoffmann als Jurist. Warum es aber in solchen Artikeln wie dem gestrigen im „Tagesspiegel“ immer wieder solche Mißverständnisse und Sätze wie diesen gibt, das mögen die Götter wissen: „wobei der Romantik-Begriff seinerzeit erst geprägt und das rationalistisch-mechanistische Zeitalter der Aufklärung gründlich verabschiedet werden musste.“

Nein, dies stimmt nicht, das macht die Frühromantik nicht, auch jene „Romantik“ des E.T.A. Hoffmann kann man als eine Dialektik der Aufklärung beschreiben, darin die Nacht-, Schatten und Trübsalsseiten zum Vorschein gelangen; und die Frühromantik ist Aufklärung im besten Sinne – man lese nur Novalisʼ leider viel zu wenig rezipierte „Fichte-Studien“. Solche Fehler unterlaufen leider immer dann, wenn ein Autor irgendwas aufschnappt, was er irgendwo gehört hat, ohne die Texte zu lesen. Markige Formulierungen und Zuschreibungen können etwas anschaulich machen, aber sie verstellen in vielen Fällen auch den Blick auf eine spannende und komplexe Epoche: jenes 18. Jahrhundert, darin sich die Literatur als eigenständiges Medium ausbildetet und ein Bürgertum teils heranwuchs, das diese Werke las – auch weil es ökonomisch dazu in der Lage war und sich so etwas „leisten“ konnte. Und wie sich im ausgehenden 17. Jahrhundert „[d]ie Moderne aus dem Untergrund“ ausbreitete, kann man schön bei Martin Mulsow in „Die radikale Frühaufklärung“ nachlesen. Da wird dann mit manchem Mythos aufgeräumt.

Hinzu kommt, daß in jenem Zeitalter, wenn man denn den Begriff Aufklärung dafür wählen will, auch in der Aufklärung sehr verschiedene Positionen wirkten. Und auch darüber hinaus sind in ihrer Weise selbst noch Jacobi, Schleiermacher, Schlegel und Hegel jener Aufklärung verpflichtet. In diesen Bezirk gehören auch Hoffmanns Romane, von Hegel ganz und gar nicht geschätzt:

„Vorzüglich jedoch ist in neuester Zeit die innere haltlose Zerrissenheit, welche alle widrigsten Dissonanzen durchgeht, Mode geworden und hat einen Humor der Abscheulichkeit und eine Fratzenhaftigkeit der Ironie zuwege gebracht, in der sich [Ernst] Theodor [Amadeus] Hoffmann z.B. wohlgefiel.“ (Hegel, Vorlesungen über Ästhetik I)

Doch Dissonanz und Fragment waren bereits lange schondas Signum der Moderne. Und Hoffmann fügte dieser Dissonanz, die sich, sehr modern, ins Ich verlagerte, eine weitere Facette hinzu. Und daß Schauergeschichten mehr sind als nur Schauergeschichten zeigte unweit später der 1809 in Boston, Massachusetts, geborene Edgar Allen Poe und auch bei Baudelaire finden wir jenes Abscheuliche: dort aber angebetet und gepriesen, wie etwa in „Une Charogne“. Von solcher Feier war Hoffmann weit entfernt, es war eher eine Faszination am Abrund und zugleich eine Angst davor. Alkohol mag dabei ebenso eine Rolle gespielt haben. Wer mehr zu Hoffmanns Leben möchte, der greife zu der lesenswerten Biographie von Rüdiger Safranski. Von 1808 bis 1810 lebte Hoffmann in Bamberg und erfand dort jenen Kapellmeisters Johannes Kreisler, Hoffmanns literarisches Alter Ego. Dieser taucht in zahlreichen seiner Geschichten auf.

Wer durch das herrliche Bamberg streift, der wird immer wieder, sofern der Spaziergänger genügend Phantasie besitzt, in Hoffmann-Szenarien hineingezogen: die engen Gassen hin zum Stephansberg oder auch hinunter zur Regnitz laden dazu ein, sich in Gedanken in jene Welt des Schauers, des Abenteuerlichen und auch des Rausches zu begeben. Was ist „Der goldene Topf“, jenes phantastische Märchen in zwölf Vigilien, anders als eine grandiose Alkoholrauschphantasie, darin immer wieder gernedem Punsch zugeprochen wird? Und als der brave Student Anselmus beim seltsamen Advokaten Geheimen Archivarius Lindhorst seinen ersten Arbeitstag beginnt, da erscheint ihm am Türknauf jenes Apfelweib, welches Anselmus in Dresden umrannte, so daß die Äpfel fielen und kullerten. Und es schimpfte jenes alte Weiblein:

„Nun öffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der junge Mensch hinausschoß, rief ihm die Alte nach: »Ja renne – renne nur zu, Satanskind – ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall!« – Die gellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so daß die Spaziergänger verwundert stillstanden, und das Lachen, das sich erst verbreitet, mit einemmal verstummte.“

Und da ist sie dann plötzlich, wie im Absinthrausch – das kühle Bamberger Kellerbier vermag solche Bilder nur bedingt zu evozieren –, als der Student diese Tür öffen wollte: jenes seltsame Apfelweibla bzw. jener Türgriff in der Eisgrube 14, darin es flimmert und wie sich die Gestalt des Knaufs metamorphosiert. Rausch und schlechtes Gewissen und eine seltsame Angst-Scham. Leider ist es, wenn wir an der Eisgrube entlangschlendern, eine Kopie, das Original liegt im Bamberger Museum. Es ist eine Geschichte über den Rausch von Drogen, eine lucht aus dem tristen Alltag, jugendliches Ungestüm, ein Rausch der Bilder, der Phantasie und auch des Rausches der Poesie, wenn jene Bilder in eine Geschichte verwandelt werden. Und so endet dieses Märchen in einem Erwachen und, nun ja, mit einem Kater:

„Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute in Atlantis gesehen, verdankte ich wohl den Künsten des Salamanders, und herrlich war es, daß ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem Papier, das auf dem violetten Tische lag, recht sauber und augenscheinlich von mir selbst aufgeschrieben fand. – Aber nun fühlte ich mich von jähem Schmerz durchbohrt und zerrissen. »Ach, glücklicher Anselmus, der du die Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der du in der Liebe zu der holden Serpentina die Schwingen rüstig rührtest und nun lebst in Wonne und Freude auf deinem Rittergut in Atlantis! – Aber ich Armer! – bald – ja in wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem schönen Saal, der noch lange kein Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachstübchen, und die Armseligkeiten des bedürftigen Lebens befangen meinen Sinn, und mein Blick ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umhüllt, daß ich wohl niemals die Lilie schauen werde.« – Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise auf die Achsel und sprach: »Still, still, Verehrter! Klagen Sie nicht so! – Waren Sie nicht soeben selbst in Atlantis, und haben Sie denn nicht auch dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres innern Sinns? – Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwas anderes als das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbarer?«“

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren. Die Natur, als Kulturlandschaft freilich, hat man dann beim Spazieren im Bamberger Hain, wo einem mit ein wenig Glück sogar der sprechende Hund Berganza begegnet. Das Denkmal zumindest befindet sich dort. Ich könnte hier im Hoffmann-Sinne noch lange fabulieren, vermutlich eher schwelgerisch ans schöne Bamberg denkend. Und wer dann nach solch einem Hoffmann-Spaziergang ganz im Sinne von Hoffmann pokulieren und auch gut essen möchte, der kehre in Eckerts Wirtshaus ein. Es liegt an der Regnitz und bietet einen herrlichen Blick auf Fluß und Wehr. Nein, das ist keine Werbung. Das Restaurant ist einfach gut. Und Hoffmanns Prosa ist es sowieso. Angst essen Seele auf.

Documenta 15: Es klappert die Botschaft im rauschenden Bach. Zwischen Workshop-Kunst und Antisemitismus

Dieser Text wird auf diesem Blog der erste und auch der letzte Artikel zur vermutlich sterbens- und steinlangweiligen documenta 2022 sein – außer vielleicht, es fällt mir noch die eine oder die andere Polemik ein. So wollte ich am 20.6. auftakten. Aber aufgrund eines antisemitischen Machwerkes der Gruppe Taring Padi hat sich das erledigt. Allerdings bleibt es wohl dabei: Ich werde nicht nach Kassel fahren, dafür ist mir meine Zeit und vor allem mein Geld zu schade – wenngleich Kassel als Stadt einer der spannenden bundesrepublikanischen Städte ist: Wegen der Architektur, dieser seltsamen Nachkriegsmoderne aus Beton, Funktionalität und dem neuen Wirtschaftswunder. Die Häßlichkeit und die Unwirtlichkeit der Städte verkeht sich ins Gegenteil. Kassel ist solch ein Ort. Hier kann man also mit Fug und Recht vielleicht doch sagen: Das beste an der documenta 15 ist Kassel. (Wäre vielleicht auch ein guter Spruch fürs Stadtmarketing.)

Kassel, August 2012

Es gab einmal eine Reisesendung, am Sontag beim NDR, die hieß „Zwischen Hamburg und Haiti“. Für die Fahrt nach Kassel kann man nun schreiben „Zwischen Lumbung und Humbug“. Absatz und Neubeginn.

Wir bereisen lieber andere Orte. Denn wer schöne und gute Kunst sehen will, der mache doch in seinen Ferien dieses Jahr eine Deutschlandreise (auch wenn Sprit teuer ist, ein guter Riesling liegt immer bei 10 Euro, aber es lohnt sich) und besuche zum Beispiel das wunderbare Museum Georg Schäfer in Schweinfurt, auch von der Architektur her ein faszinierender Bau, und der Betrachter tut einen schönen Gang durch die Kunstgeschichte – so zum Beispiel Carl Spitzweg, der sehr unterschätzte witzig-geniale Maler, wie auch Max Slevogt sind dort zu sehen. Oder er fahre nach Chemnitz und schaue das architektonisch ebenfalls wunderbare Musuem Gunzenhauser sich an: unter anderem findest sich dort eine Vielzahl an Gemälden von Otto Dix; ein Dix, der nicht ins Exil ging, sondern unter den Nazis weitermalte: seltsam-kalte, aber doch faszinierende Landschaften in realistischem Stil. Ebenfalls findet sich dort eine Vielzahl an Gemälden von Alexej von Jawlensky.

Und weil wir im Osten uns befinden und die Reise westwärts geht, haben wir vorher noch einen Abstecher nach Halle ins Kunstmuseum Moritzburg getan, darin sich insbesondere deutsche Malerei vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart findet. Daß ich hier eine der schönsten Sammlungen für die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts und auch der DDR-Kunst, nämlich das Museum der bildenden Künste in Leipzig, nicht eigens erwähne – obwohl: nun tue ich’s ja doch – hat allein darin seinen Grund, daß ich davon ausgehe, daß jeder Mensch mit ästhetischem Verstand bereits diese herrliche Kunsthalle einmal in seinem Leben mindestens besucht hat. Auch die Sichtachsen und die Architektur sind eine Reise wert. Und wer sich für die verschiedenen Maler der DDR interessiert, findet hier eine kleine, feine Sammlung.

Kassel, August 2012

Weiterhin bereise man, so wurde es mir empfohlen, ich war selber noch nicht dort, das Museum Schloß Schwerin, wie auch das Staatliche Museum Schwerin: Was vom Namen wie Residual-DDR klingt, erweist sich als ganz und gar wundervolle Kunstsammlung. Allerdings muß man sich diese Reise bis 2024 aufheben, da die Kunstsammlung in Renovierung ist, und so bleibt zunächst mal nur das Schloß und die schöne Stadt. Genannt werden sollte solche Perle, die abseits des Weges liegt, aber doch. Wenn wir schon bei Diversität sind. Und von dort geht es weiter in den hohen Norden – fast schon zu den Wikingern. Haithabu ist nicht weit entfernt.

Wer also Kunst, Kultur und Landesegeschichte von Schleswig und Holstein sich betrachten will, der fahre zum Schloß Gottdorf bei Schleswig. Man kann dort einen ganzen Tag verbringen, schlendern, schauen, stöbern und Kuchen essen. Sogar Moorleichen gibt es zu sehen und immer wieder wechselnde Ausstellungen über die Monate. Und auch die Landschaft in der Umgebung ist ein Kunstwerk für sich: Nordisch by Nature, nordische Landschaft, Land zwischen den zwei Meeren, das Naturschöne in Gestalt. Und von dort aus einmal quer durch Schleswig-Holstein zum Emil-Nolde-Museum in Seebüll. Auch hier wieder ist es dieses Zusammenspiel von Archtektur, Ausstellungsraum, Kunstwerken und dem Garten, welches sich aufs Sehen auswirkt und worin sich zeigt, daß Bilder einen Ort haben. Durch diese Umgebung wird die Betrachtung eines Werkes mitbestimmt. Deshalb eben ist auch die Betrachtung der so schönen Gioconda eine lästige Sache, weil ich im Louvre diese Schönheit nicht für mich allein oder zumindest nur mit wenigen habe, sondern sie mit Hunderten von Leuten teile, die das Gemälde durch ihr Smartphone sich betrachten. Das ändert auch die Qualität eines Bildes hinsichtlich seines Betrachtetwerdens. Während Fragonards frivoles Liebes- und Eifersuchtsgemälde „Der Riegel“ oder Jean-Auguste-Dominique Ingres‘ herrlicher Orientalismus, wie in „Das türkische Bad“ und in „La Grande Odalisque“ oder auch “ Die Badende von Valpincon“ nahezu unbetrachtet an den Wänden hängen. Kein Mensch zu sehen. Alles drängelte vor den Gemälden im großen Saal.

Kassel, August 2012

Ebenso sollte man auf solcher Fahrt diesen Sommer einmal wieder Werner Tübkes Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen bereisen und weil Naumburg nicht weit weg ist, dort im Naumburger Dom die Stifterfiguren und jene hoheitsvoll-wunderbare Uta von Naumburg. Weiblich, ragend, kühl und mit diesem für jene Zeit so besonderen Gesichtsausdruck. Umberto Eco formulierte es auf eine witzige Weise: „Wenn Sie mich fragen, mit welcher Frau in der Geschichte der Kunst ich essen gehen und einen Abend verbringen würde, wäre da zuerst Uta von Naumburg.“ So geht es mir auch, wenn wir denn überhaupt Kunstwerke aufs Kulinarische herunterbrechen wollen.

Es gibt in Deutschland viel wunderbare Kunst zu sehen: Modernes, Spätmodernes, Klassisches oder weit in die Vergangenheit Reichendes. Kassels Documenta scheint mir nach dem, was ich las und in Zeitungen sah, sehr verzichtbar, vor allem im Blick auf die dort dargebotene Agitprop-Kunst. Diese Kunst-Show hat, so scheint es mir, eher etwas von einer gymnasialen Mittelstufe-Projektwoche beflissener Schüler, die auch mal was Politisches ausstellen wollen: ein wenig Ökologie, ein wenig Kolonialismus, auch ein Wandbild muß her, ein wenig Gesellschaft und irgendwie auch Kunst. Verstörend an alledem allenfalls, daß da nichts ist, was wirklich verstört. Langeweile herrscht vielmehr, so scheint es mir: das von Berlin aus nach Kassel schippernde „Citizenship“, es fährt ökologisch und nachhaltig, um voranzukommen, muß man, Prinzip Trettboot, auf Fahrrädern kräftig in die Pedale treten. Bevor ich mich mit diesem Boot befasse gucke ich mir dann doch lieber John Hustons „African Queen“ mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart an. Man kann sowas als Kunst machen, aber wirklich aufregend ist es nicht.

Daß ich solche intervenierende Kunst für trivial halte, brauche ich nicht extra dazuzusagen. Zumal solch erweiterter Kunstbegriff am Ende zu einer Entleerung von Kunst überhaupt führt und sich die Sache auf dem Bastel-Bau-und-Heimwerker-Niveau ansiedelt: jeder kann irgendwie irgendwas und kann es eben doch nicht. Kunst, die neugierig auf andere Kontinente, auf Ökologie oder auf Fragen des Klimawandels machen will, sollte uns etwas mehr zu erzählen haben als solche Flußfahrtgeschichte. Und auch wenn ich mir diese vier in der FAZ gezeigten Bilder von Werken ansehe, bleibe ich skeptisch. Die Textilkollagen der Künstlerin Malgorzata Mirga-Tas aus der Zigeuner- bzw. Roma- und Sinti-Kultur scheinen mir zwar interessant und es ist gut, Blicke auf andere Kulturen und Kontinente zu erhalten. Aber ob ich mir dafür dieses Gesamtspektakel einer fröhlichen Schülerprojektwoche, die 100 Tage währt, dazu noch in einer derart durchschaubaren Weise, ansehen möchte?: „I would prefer not to“. Es ist dies eine Form von Kunstgewerbe, wie sie auf Dritte-Welt-Workshops erbastelt wird. In den 1980er Jahren und davor waren es Frauen in Walle-walle-Gewändern und nach dieser unnachahmlichen Mischung aus Achselschweiß und Patschuli-Moschus duftend. Dann doch lieber die griechische Säulenordnung und um auszurufen: Et in Arcadia ego, da bereise ich lieber gleich vor der Haustür Potstdams Parklandschaft oder das Schloß Glienicke mit dem herrlichen Schinkel-Casino, davor man mit einer Frau Wunder ein Sommerpicknick veranstaltet, um abends den Sonnenuntergang zu schauen. Preußische Parklandschaft gegen Kurhessens Politprop.

Großflächige Werke des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ im Hallenbad-Ost. Bild: dpa

Und bei jenem Werk der bereits im Beitrag vom 20.6. erwähnten und durch kruden Antisemitismus aufgefallenen Gruppe Taring Padi scheint mir die im Vordergrund stehende Frau sowie ihr Shirt samt der damit korrespondierenden Tasche noch der interessanteste Teil des Bildes zu sein und man sehnt sich nach längst abgelebt geglaubter Farbfeldmalerei. Man merkt bei solchen Werken das gut Gemeinte und ist verstimmt, wie ein altes indonesisches Fischersprichwort lautet. Und das ist nach jenem widerlichen Wandbild auf dem Friedrichsplatz eine freundliche Umschreibung.

Überhaupt das Politische der Documenta und dazu der Gaza-Kitsch von Mohammed Al Hawajri von der Gruppe Eltiqa. Nichtmal ignorieren, wäre eigentlich das Motto, wenn die Sache nicht so ärgerlich und derart symptomatisch wäre. Vor allem aber:ein Titel wie „Guernica Gaza“ ist billiger Agitprop, der Täter zu Opfern verkehrt und zudem eine widerliche Asoziation bzw. eine Parallele zu den Nationalsozialisten und Israel zieht. Klar, Kunst darf das. Aber es ist dies deshalb noch lange keine gelungene Kunst. Eine Verkehrung im übrigen und eine Codierung, wie man sie auch von rechtsextremistischen Antisemiten kennt: hier eben geliefert von arabischen, die in Kassel anscheinend ein Forum bekommen haben. Kunst darf das, klar, aber niemand muß solche Scheiße goutieren und es ist dies deshalb noch lange keine gelungene Kunst, sondern vielmehr das Gegenteil. Eine kitschige und durchschaubare Agenda nämlich ohne doppelten Bode und eine die Sache erweiternde Ebene. Interessant vor allem, daß die Polit-Leute von Ruangrupa bei ihrer eigenen Heimat Indonesien und den Problemen dort, gerade auch in puncto Rassismus in Indonesien, sehr schmalllipig sich verhalten. Marco Stahlhut brachte in der FAZ vom 21. Mai dieses bigotte Verhalten in einem Artikel mit der Überschrift „Warum so viele blinde Flecken? gut auf den Punkt:

„Trotz aller Verstiegenheit im Vokabular über Israel und die Palästinenser haben Ruangrupa bisher kein einziges kritisches Wort über Papua verloren, und schon gar nicht haben sie kritische Künstler aus dieser östlichsten Provinz Indonesiens eingeladen. Dabei ist Papua das größte schwelende Problem des Landes. Man kann sich freilich nicht sicher sein, ob Ruangrupa es überhaupt sehen. Zu einer Vorveranstaltung der Documenta im Goethe-Institut von Jakarta hatten sie zwar eine Fotoschule aus Papua eingeladen, aber deren Repräsentanten waren vergleichsweise hellhäutige Indonesier. Papuas sehen dagegen als ethnische Melanesier mit ihrer dunklen Haut und krausem Haar sehr verschieden vom Rest der Landesbevölkerung aus.

Dabei gäbe es wichtige Künstler aus Papua. Einer von ihnen ist Wensislaus Fatubun, ein Filmemacher und informeller Lehrer, politisch engagiert – alles Bereiche, die Ruangrupa doch so sehr am Herzen liegen.

[…]

Erst im März warnten UN-Vertreter in eindringlichen Worten vor „schockierenden“ Verstößen gegen die Menschenrechte in Papua, einschließlich Tötung von Kindern, Folter, verschwundener Menschen und Massenvertreibungen. Und erst vor wenigen Tagen sollen Papuas in verschiedenen Orten ihrer Heimatinsel für ein Unabhängigkeitsreferendum de­monstriert haben, wie Amnesty International Australien behauptet. Allerdings kann die Authentizität von Videos dieser Demonstrationen nicht verifiziert werden.

Kein Wort zu alldem von Ruangrupa, kein kritisches Wort generell zum beschämenden Umgang mit dunkelhäutigen Menschen in Indonesien, und dies trotz aller von der Gruppe zur Schau getragenen Sensibilität für Rassismus. Offenbar ist der nur dann ein Problem, wenn er sie angeblich selbst betrifft. Im Übrigen auch kein kritisches Wort von Ruangrupa zum chinesischen Völkermord an den muslimischen Uiguren – ein andauerndes Verbrechen, das die kulturelle Auslöschung einer ganzen Ethnie zum Ziel hat. Ebenso kein kritisches Wort zur Militärjunta in Myanmar, die die muslimischen Rohingya und andere ethnische Minderheiten verfolgt – alles Ereignisse, die sich geographisch viel näher an Indonesien abspielen und un­gleich menschenverachtender sind als das Verhalten Israels in den palästinensischen Gebieten.“

Aber für eine in der Sache gegründete Kritik wird der Kritiker am Ende eben doch sich diese documenta anschauen müssen, ob das so ist. Ansonsten eben bleibt es, wie dieser Text auch, zunächst mal eine Mutmaßung, was das Gesamt dieser Ausstellung betrifft. Das feine ist aber: da hier in Berlin bereits die 12. Berlin Biennale ist, brauche ich vermutlich gar nicht so weit zu fahren, um ähnliches, wenn nicht gleiches zu sehen. Oder um es mit Adorno/Horkheimer zu sagen:

„Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“ (Adorno/Horkheimer: Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug)

Freilich kann man diese ganze Documenta-Farce, die sich die Ausstellungsmacher da geleistet haben, auch einfach mit einem Satz von Mutter Kempowski in „Ein Kapitel für sich“ beschreiben: „Bist Du wirklich so dumm, mein Junge?

Kassel, August 2012

Documenta 15: Zwischen arabischem Antisemitismus und „Stürmer-Ästhetik“

Hier hätte heute eigentlich ein anderer Text zur Documenta 2022 stehen sollen, kein wohlwollender zwar, sondern mehr nach dem Motto „Bleib ich halt zu Hause“ – ich bringe die Glosse dann morgen oder übermorgen. Aber was ich heute früh im Internet fand und was auf der Documenta 15 von den Ausstellungsmachern, dem indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa, als Bild und als „Kunstwerk“ gezeigt wird, das verwundert doch sehr. Um es in der höflichsten Formulierung zu fassen.

„Das Künstlerkollektiv, das für das Bild verantwortlich zeichnet, nennt sich „Taring Padi“. Zu sehen ist es am Friedrichsplatz“, so Thorsten Sommer auf Twitter, wo er diesen Fund veröffentlichte. Ein Twitterer mit gerade einmal 75 Followern und nicht mit der Reichweite von Deutschlandfunk Kultur und dem Sendeplatz eines Tobi Müller, genannt auch Schweige-Müller. Schauen wir mal, ob Kulturzeit heute abend dazu etwas bringen wird und ob es in den Sendungen von Deutschlandfunk auftaucht.

Sommer schreibt weiterhin auf Twitter:

„Der Jude“ als zoomorphes Wesen mit verzerrter Physiognomie (blutunterlaufene Augen, spitze Raffzähne, krumme Nase) samt Kippot, Hut und Schläfenlocken. Auf dem Hut prangt eine „SS“ Rune, die „den Juden“ als Nazi und somit als das personifizierte Böse charakterisiert“

Daß solche Bilder in einer Kunstausstellung, die zudem mit öffentlichen Geldern gefördert wird, in einem Land, in dem der Holocaust stattgefunden hat, gezeigt werden, ist nicht mehr nur befremdlich zu nennen – von der billigen Kindergarten-Ästhetik sowie einer Polit-Ästhetik, die bereits vor 55 Jahren schon dumm zu nennen gehörig untertrieben ist, einmal ganz abgesehen. Solche „Kunst“ wie die von Taring Padi disqualifiziert sich aber nicht etwa nur wegen solcher Inhalte, wie man sie aus dem „Stürmer“ oder in anderen NS-Karikaturen kennt, sondern bereits von ihrer Form hier. „Infantile Ästhetik“, wie Herwig Finkeldey auf Facebook schreibt, der diesen Fund ebenfalls verbreitete. Auch wenn Kunstförderer nicht über Bilder und Inhalte zu bestimmen haben, bedeutet dies nicht, daß ein Kulturminister solche Bilder unkommentiert lassen müßte. Daß solche Bilder nicht einfach nur schlechte Kunst, sondern gar keine Kunst sind, weil sie ästhetisch bereits derart mißlungen und hinter ihrer Zeit zurückgeblieben sind, ist das eine. Hier können Debatten der Kunstkritik und auch der Ästhetik einsetzen: die Frage nach den Maßstäben und nach den Möglichkeiten von Werken heute. Wenn Adorno in „Vers une musique informelle“ schreibt „Die Gestalt aller künstlerischen Utopie heute ist: Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind“, so trifft das von der Materialbeschaffenheit, von der Art der Ausführung und Darstellung des Werkes, vom Sujet bis zum Stil und zu den Details, mithin der gesamten Auseinandersetzung des Künstlers mit seinem Material, auf dieses Machwerk ganz sicher nicht zu.

Und das gilt vermutlich heute überhaupt für einen Großteil der Kunst, die fern solcher Utopie eines Anderen ist: insbesondere jene eher an die Staatskunst der DDR gemahnenden Werke aus Wokistan, wenn da sogenannte Künstler artgerecht ihre Stücke für die Findungskommission schreiben und brav Themenliste abarbeiten.

Ich bin im Blick auf die documenta dafür, daß alle Kunst Kunst bleiben muß. Aber solcher Agitprop, der Judenhaß zum Thema hat, indem jüdische Stereotype gezeichnet werden, und solches Hetzprogramm als Kunst zu maskieren: das geht nicht, das ist nur noch bedingt von der Kunstfreiheit gedeckt. Zumindest muß solcher Judenhaß laut und deutlich zum Thema gemacht werden. Zumal in diesem Machwerk eben kein irgendwie auszumachender doppelter Boden oder ein Spiel oder eine Art von Kippfigur eingebaut ist. Dies ist ganz einfach und deutlich gesagt „Stürmer“-Ästhetik, die in bestimmten Kreisen anscheinend hoffähig geworden ist.

Was sagen die üblichen Medien-Aktivsiten dazu? Haben wir schon eine Kolumne von Margarete Stokowski, haben wir was von Teresa Bücker oder von Kübra Gümüsay gehört? Oder von Annika Brockschmidt, die auf Twitter immer mal wieder gerne und aktivistisch in moralisch hochfahrendem Ton sich gebärdet? Werden wir etwas von jener Allzeit-bereit-immer-bereit-Aktivisten von Diez bis Sixtus im dauernden Kampf für das Gute und das politisch Korrekte, die beim kleinsten Anlaß reagieren und immer woke und wachsam sind, noch zu hören bekommen und ein „Wir-sind-mehr“ gegen Antisemitismus und antijüdischen Rassismus erleben? Was wäre gewesen und was gäbe es für ein Hallo, wenn ein eher konservativer Künstler sich solches geleistet hätte? Sagen wir Georg Baselitz oder Neo Rauch? Wie war das eigentlich nochmal mit dem Leipziger Maler Axel Krause? Da gab es erhebliche Skandalisierungen bei deutlich geringerer Verfehlung. Würde man, wenn Matthias Matussek ein Bildender Künstler wäre und ein Werk mit dem Titel „The Muslime as a massacre man“ ausstellen wollte, auf einer Leistungsschau der Kunst auch derart darüber hinweggleiten? Vermutlich nicht, vermutlich wäre dieses Werk nicht einmal zugelassen – und das nicht etwa nur wegen mangelnder formaler Qualität.

Während es bei Uwe Tellkamp eine Woge der Empörung gab, habe ich leider den Verdacht, daß im Falle dieses Bildes und noch eniger anderer Werke von den üblichen Verdächtigen eine Woge des Schweigens samt dessen Deckmantel über solche antisemtischen Machwerke hinwegsäuselt: Was wird es im Blick auf solche Inszenierungen geben, die Ruangrupa, die Ausrichter der dieser documenta 15, zu verantworten haben: Etwa Taring Padis Wandbild oder auch (ich komme diese Woche darauf noch zu sprechen) solchen Gaza-Kitsch wie ihn Mohammed Al Hawajri von der Gruppe Eltiqa produziert: mit einem Titel wie „Guernica Gaza“? Darüber wird zu sprechen sein. Und dieses Thema Antisemitismus wird, wenn Ruangrupa Debatte und Dikussion will, immer wieder auf den Tisch zu bringen sein in dem sogenannten „Lumbung“, den Ruangrupa als kommunikative Öffnung und als Gesprächsraum eröffnen will. Und solche Kritik an solchen Machwerken wie von Taring Padi und Mohammed Al Hawajri läßt sich auch nicht mit der Phrase „antislamisch“ erledigen, sondern wir haben das binnenästhetisch auch im Blick auf die sogenannte engagierte Kunst zu debattieren – hier täte ein Blick in Adornos in den „Noten zur Literatur“ zu findenden Essay „Engagement“ gut – und wir haben das zugleich über die Reichweite und das, was Kunst darf zu debattieren.

Kunst kann und darf alles, so sagt man. Sie darf auch Kritik an Ländern und Politikern üben, vor allem, wenn es im Werk selbst gut gemacht ist. Aber es sagt niemand, daß das, was Kunst darf, nicht auch kritisiert werden darf und unkommentiert gelassen werden muß – vor allem im Blick aufs ästhetische Gemachtsein und besonders dann, wenn es in solch plumper Art und Weise daherkommt wie auf der documenta 15. Auch durch Kunst kaschierter Antisemitismus bleibt Antisemitismus. „Stürmer“-Karikaturen wären ja auch nicht deshalb gelungene Kunst, weil es sich um Zeichnungen von Ivo Saliger handelt. Auch poltisch muß es nicht ukommentiert gelassen werden. „Naivität“ und „Antisemitismus“ sollten nicht als „Klugheit“ oder „Gewitztheit“ bezeichnet werden, sondern als das, was sie sind.

Und solche Freiheit der Kunst bedeutet ebensowenig, daß man über bestimmte Werke nicht debattieren und zudem und vor allem die Frage stellen dürfe, ob solches überhaupt Kunst sei und nicht vielmehr wegen ästhetischer Minderleistung niemals hätte ausgewählt werden dürfen. Es hat Gründe, warum es auch in den Kunstkursen an Schulen Fünfen und Vieren gibt. Nicht jedes Objekt, das sich selbst Kunstwerk nennt, ist ein Kunstwerk. Und ein Kunstwerk ist nicht deshalb ein Kunstwerk, weil es in einer Galerie oder einer der wichtigsten Kunstschauen Europas hängt. Kunstwerke bedürfen der Institutionen, aber sie sind nicht durch Institutionen. Freilich hätte man sich gewünscht, daß eine solche Debatte über den Status des Werkes – gewissermaßden die immerwährende Frage der Ästhetik nach „der Verklärung des Gewöhnlichen“ und was ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk macht – nicht an derartig dummen und einfältigen Objekten geführt wird.

Andererseits, denke ich, sollten wir es nicht machen wie die Cancel Culturer, jene Woko Haram aus Identitätshausen. Eine kluge Form von Protest und Gegenaktion muß dafür her: Nicht-Kunst nicht mit Nicht-Kunst, sondern mit Kunst zu begegnen.

Nachtrag, heute Mittag:

Hanno Hauenstein zu jenem Twitter-Text von Thorsten Sommer


Hanno Hauenstein ist Ressortleiter im Kulturbuch der Wochenend-Ausgabe der Berliner Zeitung. Wenn einer also benennt, was da auf einem Bild zu sehen ist, reproduziert er damit das, was da zu sehen ist. Nicht jene, die solche antisemitischen Karikaturen produzieren, werden von Hanno Hauenstein auf Twitter als erstes Mal scharf kritisiert, sondern jener Mensch, der auf Antisemitismus hinweist, wird von Hauenstein zur Ordnung gerufen und als fremdenfeindlich diskreditiert. Was kommt als nächstes: Kritiker des NSU reproduzieren nur die Denke des NSU? Putinkritiker sind in Wahrheit Apologeten Putins, weil sie wiedergeben, was Putin sagt?

Bei jeder falschen Klotür und bei jedem unbedarften Wort machen diese Leute Gewese und Geschiß. Bei arabischem Antisemitismus aber schweigen oder beschwichtigen sie und machen, labeln die, die darauf hinweisen als islamophob. Es ist zum Kotzen.

10. Juni 1982, Bonn, Hofgarten, die Grünen und 40 Jahre danach

„Vorwärts! Nieder! Hoch! Nie wieder!

Von Mummelgrummel – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

„Das Basteln von Papierfriedenstauben gegen Atomraketen ist faktisch ein Zuverlässigkeitstest auf die Unbeirrbarkeit der Gesinnung, denn das Maß für Glauben, Gesinnung, Gefolgschaftstreue ist die Standfestigkeit in der Bewährungsprobe, auf welche der Verstand und die Vernunft sie stellt“.
(Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier
und wahrer Sachwalter der Menschlichkeit [Text von 1983])

„So ist die Friedensbewegung vor allem ein Teil des Übels,
für dessen Therapie sie sich irrtümlich hält.“
(Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier [1983])

Manche aus meiner Alterskohorte (und Ältere sowieso) erinnern sich noch gut an dieses Ereignis, und sie waren auf dieser legendären Demo in Bonn dabei. Denn dies war unsere Zeit, die der Westjugend: die 1980er Jahre, die Friedensbewegung mit ihren Sitzblockaden in Mutlangen und an vielen anderen Orten, ihren Aktionen und ihren Großdemos, drei davon in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt: 1981, jene von 1982 und noch einmal 1983. [Für meine jüngeren Leser: Bonn ist lebensmäßig sowas wie Berlin, nur kleiner, aber ebenso provinziell.] Die in kölnischer Mundart singende Rockpopgruppe BAP machte zu jenem aufwühlenden Tag sogar ein Lied – „10. Juni“ hieß es passender wie einfacher Weise und einfach meint damit politisch trivial, wenn man an Text und Refrain des Songs denkt. Adornos Ausführungen über Popular Music und Protest werden viele sicherlich noch im Kopf haben. Es sei hier auf diese kurze Passage noch einmal verlinkt.

In solchen (Groß)Demos, teils mit der Musik von BAP begleitet, teils mit Bots‘ genial-dämlichem Lied „Aufstehen“, teils mit Punk und Ton Steine Scherben, teils auch mit Fehlfarben und „Keine Atempause“, fand der politische Protest seinen Ausdruck, mal irrsinnig blöd, mal emotional verweint und verwirrt, weil Le Angst, mal hart und wenig zart, mal witzig und laut, mal aus Klugheitsgründen heraus: gegen jenen Nato-Nachrüstungsbeschluß, der von Helmut Schmidt auch gegen Teile der eigenen Partei durchgesetzt wurde und von dem ich im nachhinein sagen muß: Er war gut und er war richtig. Wir hatten uns geirrt und sie hatten recht, denn jenes Nachrüsten war nicht nur ein weiterer Anstoß dafür, daß der Ostblock wirtschaftlich kollabierte und sich auflöste, daß es für die Völker Osteuropas nach 1939, 1945 endlich Freiheit von Repression gab, daß eine alte und versteinerte Welt zusammenbrach. Diese Einsicht freilich ist keine Selbstverständlichkeit, die sich in der Linken als Sichtweise durchsetzte. Östlich der Elbe war Terra Incognita, bis Wladiwostok, ab da durfte wieder geschaut werden: wobei freilich die auf alten Landkarten geschnörkelte Wendung „Hic sunt dracones“ fürs unbekannte Land im Blick auf den Ostblock und Ostzone einige Wahrheit besaß. Ein Teil jener Linken begleitete diesen Zusammenbruch mit einer nicht nur klammheimlichen Trauer. Scheißdeutschland und der Spruch „USA, SA, SS“ (die Kritischen Theoretiker Adorno und Horkheimer hätten sich im Grabe umgedreht) wogen mehr als die Freiheit der anderen.

Wer nach dieser Zeitenwende mit einem „Aber der Westen und die Verwerfungen, die das im Osten und in der Sowjetunion brachte“ als Reflex kommt, der möge sich eine diese Dokus über die Stasi ansehen, so z.B.: „Feind ist, wer anders denkt“ (2018), sie lief kürzlich auf ZDF-Info und ist in der Mediathek nachzusehen. Oder er bereise den Jugendwerkhof in Torgau (ein Folterlager für Jugendliche) und das Stasi-Museum in Hohenschönhausen und schaue sich die Ausstellungen dort an oder befasse sich überhaupt einmal mit dem Repressionsapparat des Systems DDR und Sowjetunion. Diesen Blick für den Ostblock und für Bürger- und Freiheitsrechte auch dort im Machtbereich des Ostens hatte ein Großteil der Linken damals wie heute nicht.

Die DDR war bei großen Teilen der Westlinken und auch in der Friedensbewegung nicht auf dem Schirm, man verschwieg sie besser oder begnügte sich, weilʼs irgendwie doch Fleisch vom eigenen Fleisch war, mit dem dahingenuschelten Hinweis „Na ja, das meinen wir nicht mit Sozialismus!“, um dann das Thema schnell-kritisch-elegant zu wechseln: „Ja, aber die Genossen im Westknast!“ usw. usf. Der Westknast war in Dauermund, der Ostknast war es nicht. Ich hatte das große Glück, daß ich bereits Anfang der 1980er Jahre dank der Texte, Lieder und Auslassungen von Wolf Biermann und andere DDR-Autoren ziemlich genau wußte, daß die DDR ein politisches Desaster war. Nicht anders als heute Putins Rußland. Wer es wissen will, kann es wissen.

Von einem großen Teil der Westlinken hörte man zu den Zeiten des Friedensprotestes wenig, als 1983 im Rahmen der Antikriegsproteste die DDR-Bürgerrechtlerinnen Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Jutta Seidel und Irena Kukutz von der Aktion „Frauen für den Frieden“ nach einem Treffen mit der Neuseeländischen Aktivistin Barbara Einhorn in Ostberlin verhaftet wurden wegen „Verdachts auf landesverräterische Nachrichtenübermittlung“. Die Stasi verbrachte jene oppositionellen Frauen in die berüchtigte Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Erst durch massiven öffentlichen und öffentlichkeitswirksamen Protests insbesondere der Westberliner Grünen wurden die Frauen nach sechs Wochen Untersuchungshaft freigelassen. Soviel zum System DDR und auch heute zum System Putin, wo ähnliches geschieht und wo bei Teilen der Linken ein ähnliches klandestines Schweigen herrscht.

Der Zusammenbruch des Ostblocks brachte zwar nicht Gerechtigkeit, Gleichheit und Glück, aber immerhin doch eine Form von Freiheit, die es Menschen erlaubt, nach ihrem eigenen Gusto gegebenenfalls auch ihr Land zu verlassen. Und manche in der DDR-Bürgerrechtsbewegung wollten lieber Kohl oder sonstwas, aber keine neue linke Operation am offenen Herzen, sondern sie wollten, daß mit diesen Dingen Schluß ist. Soviel zu den Grass- und Lafointaine-Überlegungen, die da aus dem sicheren Westen heraus ihre Trockenschwimmerübungen in Sachen Sozialismus machten. Vor allem aber brachte dieser Zusammenbruch den von der Sowjetunion 1939 annektieren Ländern Estland, Lettland und Litauen die lange ersehnte Freiheit. Gleiches galt für Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien. Es geschah 1989 das, was Hegel die List der Vernunft nennt: im Schlechten – nämlich dem Zusammenbruch der Lebenswelt und der alten Realität vieler Menschen – realisiert sich dennoch ein Richtiges, nämlich die Freiheit für Millionen Menschen im Machtbereich der Ost-Apparatschiks. Einer der Gründe dafür war eben auch die Nachrüstung der NATO und daß der Osten wirtschaftlich dabei nicht mithalten konnte. Absehbar war der Zusammenbruch für Experten zwar schon 1980, aber auch hier half dann die Politik der tausend Nadelstiche.

„Frieden schaffen ohne Waffen“, so riefen wir damals auf den Demos. Manche mit Haß auf die USA, manche mit kalter Ablehnung, manche mit einem „Ja, aber“, manche mit dem Gedanken, daß es in der US-Kultur viel Gutes gab, von Kunst bis Pop-Musik, aber ein Freund der US-Politik insbesondere unter Ronald Reagan war keiner. Unterschiedlichste Gruppierungen liefen bei diesen Protesten mit, vom DDR-DKPler über den Maoisten bis zum Sponti, den Autonomen, den Öko-Linken und den Graswurzelrevolutionären, bis hin zu SPD- und Kirchenkreisen, die gerade erst gegründeten Grünen, Lehrer, Schüler, Mütter, Väter, Ärzte, Angestellte gingen auf diesen Demos mit und waren in der Friedensbewegung vertreten: An jener Heterogenität der – damaligen! – Friedensbewegung zeigte sich auch die Heterogenität der damligen West-Linken. Und die alten Debatten – bis zum Krefelder Appell, den beileibe nicht jeder teilten. Auch Ostraketen waren Atomraketen. Aber was damals schon aus dem Fokus geriet, ist bei der heutigen „Friedens“bewegung gar nicht erst Thema: das da ein Diktator mit Atomwaffen und drittem Weltkrieg droht: auch daran sei die NATO schuld. Einfaltspinsel gleich Ausfallspinsel. Hier ist es der Ausfall des kompleten Denkens.

Antideutsches ziemlich deutsches Intermezzo

Es zeigte sich mit der Zeitenwende 1989 eine neue Strömung, die in der Linken hinzutrat: die der Antideutschen, die auf eine Weise links waren, daß sie aufgrund deutscher Geschichte und der Shoah Deutschland zum Teufel wünschten („Nie, nie, nie wieder Deutschland“!, so ging der Ruf nach der Wende auf Demos, was sie freilich mit dem Großteil der Linken teilten); daß jene Antideutschen bedingungslos für das Existenzrecht Israels eintraten, was sie nur noch mit wenigen Linken teilten und daß sie spätestens mit dem Angriff des Irak auf Israel 1991 es mit dem alten linken Erbfeind USA hielten, die für das Existenzrecht Israels auch militärisch einstanden und damit in Opposition zu den verschiedenen Autonomen Bewegungen und der alten wie der neuen Antiimperialistischen Linken gerieten: Das ist eine Geschichte, die über die Friedensbewegung weit hinausreicht. Warum ich jene Antideutschen als Teil der Linken dennoch erwähne? Weil hier eine – List der Vernunft – pragmatisch denkende Linke auftrat, die sehr wohl wußte und begriff, daß man Frieden schaffen teils auch mit Waffen bewerkstelligen konnte und sogar mußte, wenn es um die intakte Staatsstruktur Israels ging und daß es staatlicher Organe und einer starken Macht bedarf, um einen so fragilen Staat wie Israel – Heimat vieler Juden nach der Shoah auch – überhaupt am Leben zu erhalten. Und dies sogar im Bund mit einem „imperialistischen“ Land, dem einzigen Land freilich, das ökonomisch und militärisch in der Lage war, diesen Schutz der Juden und Israels zu leisten: der USA, Exilort auch der Kritischen Theorie, auf die sich jene Antideutschen beriefen: Adorno, Horkheimer, Benjamin, Marcuse, Löwenthal und auch Kracauer.

Wir aber dachten 1980, 1981, 1982 ff. pp. anders im Blick auf die USA wie auch auf die NATO- Waffen. Das Recht zu solchem Anti-Rüstungsprotest hatten wir jedenfalls schon wegen unserer Jugend auf unserer Seite – so glaubten wir. Jugend will mehr, Jugend ist moralisch oder politisch teils hochfahrend. Es ist das alte Ding der sozialen Bewegungen: sie weisen auf ein politisches Problem oder eine kritische Lage, oft mit überschießender Energie. Solche Bewegungen haben mit ihren Maximalforderungen zugleich ein Gutes: sie müssen sich nicht an der politischen Realität messen. Forderungen zu stelle, ohne die politischen Möglichkeiten zu haben, sie realiter umzusetzen, ist insofern einerseits eine angenehme Sache, weil man vieles fordern und wenig dabei machen muß. Es handelt sich um Forderungen auf dem Papier und nicht solche, die im Raum tatsächlichen politischen Handelns, der politischen Organe sowie der Institutionen und auf der Ebene der Paragraphen und Gesetze sich bewegen müssen. (Sie können es, aber sie müssen es eben nicht.) Manchmal freilich auch das Prinzip Kinderkaufmannsladen: man tut so als ob. Da kann viel gefordert werden, ohne daß es mit echtem Bargeld eingelöst werden müßte.

„Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen die Atomwaffen im Land“

© Archiv Grünes Gedächtnis

Aber auch solcher Protest und passiver Widerstand ist per se nicht schlecht, weil Opposition, sei es parlamentarische, sei es außerparlamentarische, mit interessanten Überlegungen und anderen Ansätzen neue Gesichtspunkte einer scheinbar abgeschlossenen Sache freilegen kann, die womöglich später dann in die Politik einwandern und sie maßgeblich mitbestimmen kann. Solch sozialer Protest der damaligen Friedensbewegung wie auch der ökologischen Bewegungen gehört zum politischen System der BRD insgesamt dazu: nämlich das politische und teils moralische Korrektiv sozialer Bewegungen, die mit ihren Forderungen, wenn es gut läuft, in die Politik gelangen können. [Dazu auch Niklas Luhmanns Buch „Ökologische Kommunikation“ von 1988.] Die Umweltbewegung der 1980er Jahre ist ein guter Beleg dafür. Würde heute Franz Josef Strauß das Parteiprogramm der CDU lesen, dächte er vermutlich, er habe es mit einem linksextremistischen Verein zu tun. Und ebenso stehen für diesen Wandel eines Teils der Linken die Grünen im Blick auf Gewalt: so die Gewalt gegen den Staat, wie sie in den 1980er Jahren ein Teil der Linken vertrat – seien das RAF-affine oder Autonome Linke – und der die Grünen als politisches Mittel entsagten.

In solchem Protest sozialer Bewegungen geht es nur bedingt darum, ob manche Maximalforderungen auch sinnvoll und überhaupt umsetzbar sind. Immerhin hat sich aus solchen sozialen Bewegungen 1979/1980 für die alte BRD eine neue Partei herausgebildet: die Grünen, die erheblichen Anteil auch an den Friedensprotesten hatten und die als Friedenspartei antraten. Und das Gute bei vielen Grünen – nicht bei allen freilich – war es, daß sie 1982 auch die Sowjetraketen als genauso gefährlich ansahen und nicht, wie damals jene BRD-Ostblocklinken und auch heute wieder in einer neuen mit Magazinen wie Compact und Nachdenkseiten querfrontlerischen „Friedens“bewegung, die Sowjetwaffen für Friedenswaffen hielten und Sowjet-AKWs für Friedens-AKWs oder all das zumindest für beschweigenswert gehalten wurde. Damals wie heute. Dieser Zahn wurde der DKP-SDAJ-Linken dann 1986 gezogen. Obwohl auch das nicht stimmt, denn wie es bei Sekten üblich ist, gibt es da keine Überzeugungen durch Fakten. Tschernobyl ließ auch diese Leute ihre alten Legenden vom Glück ohne Ende nicht über Bord werfen. Die Erde bleibt eine Scheibe und Putin bleibt ein guter Mann, mit dem man gut verhandeln kann.

Jene fatale Dialektik der Friedensbewegung, auf Aggression und Gewalt gewaltfrei zu reagieren – damals wie heute und vor allem unter neuen und völlig anderen Bedingungen – bringt Eva-Marie Quistorp (Mitbegründerin und Aktivistin der deutschen Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung; Gründungsmitglied der Grünen) in ihrem Artikel „Die Waffen nieder?“ in dem Blog „Starke Meinungen“ zum Ausdruck. Schon im Blick auf die alte Friedensbewegung und ihre verhängnisvollen blinden Flecken schreibt sie treffend:

„Die Friedensgruppen, die offiziell das Erbe der Friedensbewegung der 50er und 80er Jahre verwalten, sind die Friedenskooperative ,die IPPNW, Pax Christi, die Ostermarschkoordination, der Friedensbeauftragte der EKD. Doch sie vertreten nur einen Teil des Erbes der Friedensbewegung der 80ger und 60ger Jahre, aber den Teil nicht, in dem es auch um Bürgerrechte in Osteuropa ging und die Kritik an der UDSSR. So wenig wie die Erinnerung an den spanischen Bürgerkrieg und den Hitler-Stalin-Pakt, den Einmarsch der UDSSR in Prag, an die Helsinki-Gruppen in Osteuropa bis Odessa. Auch fehlt bei ihnen die Geschichte der Frauenfriedens und Frauenökologiebewegung mit meiner Freundin Petra Kelly, Karin Juncker, May-Britt Theorin, Cora Weiss .Viele sind der Linkspartei oder sogar der alten DKP nah und zumindest stärker Kritiker der USA, der Nato und der EU als der Politik Putins und Chinas oder Irans.“

Diese unreflektierte USA-Kritik ist bis heute, von Nachdenkseiten bis Junge Welt und teils bis ins rechtsextreme Lager reichenden Akteuren wie Jürgen Elsässer und Horst Mahler (ehemals APO-Linke) bei jener neuen Querfront-„Friedens“bewegung der Fall, die – auch das ist interessant – eine erhebliche Schnittmenge mit Corona-Leugnern und Verschwörungsideologen wie Tom Wellbrock, Albrecht Müller, Dirk Pohlmann, Tobias Riegel und dem antisemitisch-antiamerikanisch agierenden Kayvan Soufi-Siavash (aka Ken Jebsen) aufweist.  

Nur wer sich ändert bleibt sich treu!“

Quistorps Artikel im Blick auf die Grünen, die als Friedenspartei antrat, ist aber vor allem im Blick auf die Gegenwart und der damit verbundenen Gewaltfrage „Die Waffen nieder?“ bedeutsam. Denn die Frage nach der Kritik der Waffen und der Waffe der Kritik ist eine der Fragen, die sich auch die Linke in ihren langen seit Jahrhunderten währenden Kämpfen immer wieder neu und zugleich anders stellen mußte. Und ihr Text ist vor allem deshalb bedeutsam, weil er die Lebendigkeit des Denkens zeigt, nämlich nach dem Grundsatz eines Liedes von Wolf Biermann „Nur wer sich ändert bleibt sich treu“. Und so schreibt Eva Quistorp im Blick auf das Jahr 2003 und die Eskalation des islamistischen Kriegs:

„Durch den Irakkrieg 2003, der auch ein Krieg um Öl war, ist der islamistische Terror in der Region angewachsen, statt gestoppt worden. In der Berliner Erklärung vom Dezember 2002 habe ich mit Erhard Eppler und Prof. Albrecht, Mary Kaldor und Benjamin Ferensz und zehntausenden von Unterschriften make law not war gefordert vor Beginn des Irakkrieges, den die rot grüne Koalition klar abgelehnt hat.“

Aber Quistorp bleibt dabei nicht stehen, sondern sie hat einen Blick für die Entwicklung in der Welt:

„Eigentlich hätte die Kriegstreiberei von Putin der deutschen Politik schon seit 2011 spätestens auffallen müssen, nämlich in Syrien, wo Obama nicht gewagt hat, militärisch einzugreifen, trotz des Einsatzes von Putins Chemiewaffen, um so Assad und den Iran dahinter zu stoppen. Die Kriegsflüchtlinge aus Syrien wurden seit 2015 bei uns deutlich wahrgenommen, doch der Krieg weniger. Auch der Krieg in der Ostukraine wurde von Medien wie Friedensbewegung weitgehend verdrängt. Am 22. Februar 2014 habe ich schon gegen die Militärdiktatur Putins vor dem Auswärtigen Amt mit 500 Ukrainerinnen geredet, so wie mit Pussy Riot und russischen Dissidenten als kleine Minderheit gegen die Wahlfälschungen in Russland und Belarus

14000 Menschen sind in der Ostukraine seit dem Mai 2014 gestorben, viele gefoltert worden von russischen Soldaten. Städte und Landschaft und die Kultur wurde zerstört, die Krim besetzt und kolonial russifiziert. Der grausame Angriffskrieg des Putin Regimes gegen die Ukraine zerschlägt jetzt für viele erst jetzt plötzlich die Illusion der Modernisierungspartnerschaft im Ostausschuss der Wirtschaft und in SPD und CDU/FDP und die Entspannungsillusionen großer Teile der Friedensorganisationen und die Blindheit vieler Medien.

Seit 2000 hätte Putins KGB-Regime mit mafiösen Zügen erkannt werden können mit Hilfe von Memorial und der Nova Gazeta und mit Kasparow und Nemtsov, Lebedev und Navalny und all den kritischen jungen Demonstranten in Russland ,die jetzt vor der totalen Propaganda des Staatsfernsehens und der brutalen Repression eines Neo-Stalinismus fliehen.“

Wir haben vor dieser entsetzlichen Entwicklung die Augen verschlossen. Es waren die Grünen, die diese Dinge realistisch sahen und die immer wieder warnten – so Marieluise Beck und Ralf Fücks.

Von der Gewalt oder: von den Herausforderungen, „die ein Heer erfordern, deren Soldaten tapfer und ohne Zögern zu den Waffen greifen

Es gibt im Prozeß der Weltgeschichte berechtigte und vernünftige Gründe, um im Blick auf militärische Gewalt umzudenken, nämlich die notwendigerweise von demokratischen Staaten gegen Aggressoren wie Putin ausgeübte Gewalt, um ein Land zu verteidigen, das überfallen wurde. Dies alles war 1982 kaum die Frage, es gab monolitische Blöcke. Daß in Vietnam auch die nicht minder blutigen Sowjets und die Mao-Chinesen agierten und folterten, interessierte wenige nur. Daß linke Revolutions-Bewegungen in ihren Maßnahmen nicht weniger zimperlich waren, konnte man in Georg Büchners „Dantons Tod“ nachlesen und bereits Goethe und Schiller verachteten jenen Terreur der Revolution. Die Realität des 20. Jahrhunderts zeigte weitere schreckliche Beispiele.

Generalmajor Christian Trull sprach 2005 in seiner Abschiedrede von der Truppe hellsichtige Sätze, die heute ihre Wahrheit gefunden haben, die aber in den fröhlich-feuchten 2000er Jahren kaum einer hören wollte. Bundeswehr war uncool.

„Dieses Land kann jederzeit vor Herausforderungen stehen, die ein Heer erfordern, deren Soldaten tapfer und ohne Zögern zu den Waffen greifen und helfen und schützen. Alles muß getan werden, um uns auf diese Fälle vorzubereiten. Die Fähigkeit, sie vorherzusagen, ist gleich null.“

Paradigmatisch und relevant für tatsächliches politisches Handeln eines Staates trat dieses Umdenken und die Abbkehr von alten Modellen des Frieden ohne Waffen zum ersten Mal als scharfer Konflikt innerhalb der Grünen wie der linken Bewegung zutage, als 1999 die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Schröder und Joschka Fischer einem Nato-Einsatz in Serbien auch unter deutscher Beteiligung zustimmte. Im vorausschauenden Blick auf weiteres hat all das und haben die Worte von Generalmajor Trull wenig genützt, und wir wollten es auch gar nicht so genau wissen. Sparen bis es quietscht war auch in der CDU, die von 2005 bis 2021 den Kanzler stellte, das Motto.

Was wir von Quistorp und vielen Grünen lernen können: Unter solchen Zeichen eines imperialistischen Angriffskrieges wie ihn heute Rußland führt, muß neu gedacht werden. Pazifismus, der das Recht das Stärkeren und das Morden von Diktatoren und Kriegsverbrechern, legitimiert, ist kein Pazifismus, sondern im besten Falle Naivität und Dummheit. Das haben auch manche Linke begriffen, die ansonsten eher Anti-USA-Reflexe hegten: teils zu recht. Die USA sind nicht der Hort der Güte, des Schönen und des politisch Wahren, wenn es um das geht, was realiter geschieht – die „Federalist Papers“ sind leider geduldiges Papier – und es wäre sicherlich sinnvoll, wenn auch die EU eine eigene und tragfähige Sicherheitsarchitektur entwickelte. Dennoch verbindet das freie Europa im Blick auf die gegenwärtigen politischen System mit den USA deutlich mehr als mit China, dem Iran oder gar mit Putins Rußland. Schon deshalb erwies sich Putins Wunsch eines Raumes von Wladiwostok bis Lissabon als Betrug: politische Partnerschaften zwischen einer Diktatur und Demokratien sind realiter kaum durchführbar. Was nicht heißt, daß wir mit Rußland für die Zukunft keinen Dialog führen sollten. Ob es freilich unter und mit Putin sein wird, dürfte das freie Europa und die USA vor erhebliche Herausforderungen stellen.

Es helfen die alten Modelle eines „Frieden schaffen ohne Waffen“ nicht weiter, wenn da ein Aggressor wie Putin sitzt, dem man mit diesen Slogans am Ende in die Hände spielt, weil mit solchem „ohne Waffen“ lediglich dem Recht des Stärkeren Vorschub geleistet wird. Diese Zeitenwende haben die Grünen eher als alle anderen erkannt. Während die heutige Friedensbewegung es schaffte, sich ins Abseits zu bringen und als Klub Gestriger nicht zu realisieren, was einst Bob Dylan sang:

„And you better start swimmin‘
Or you’ll sink like a stone
For the times they are a-changin'“

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Wir glaubten damals in einer Welt zu leben, die sich durch Kritik zwar nicht mehr verändern würde, darin dem Denken Adornos und der kritischen Theorie verhaftet, die aber durch bestimmte Negation dennoch zu kritisieren wäre, und zwar in ihren Grundfesten und in ihrer Struktur, um auf das Ganze einer Gesellschaft zu gehen, nämlich ihrer ökonomischen Basis wie auch auf ihren Überbau zu zielen. Eine solche Kritik, der Destruktion geschuldet, wie sie teils Heidegger im ganzen und als philosophische Runderneuerung tätigte und wie sie Walter Benjamin politisch mit dem von ihm so bezeichneten „destruktiven Charakter“ beschwor und wie sie verschiedene politisch-ästhetische Avantgarden wie der Surrealismus vertraten und in den 1980ern, jenen wilden und wunderbaren Jahren teils mit Punk und Industrial Music, ist in bestimmten Zeiten nicht mehr möglich. Sie war es im Grunde und wenn wir ex post facto blicken, bereits zu Weimarer Zeit, als Hitler vor der Tür stand, nicht mehr: doch konservative wie linke Denker glaubten an eine Zeitenwende und daß jene Republik zu beseitigen und hinwegzufegen sei. Aber es gibt Zeiten, da sollte man selbst die Abschaffung einer nicht vollkommenen, aber doch auch zugleich guten, weil freien Gesellschaft sich nicht zum Ziel machen. Weil nämlich das, was danach kommen, deutlich schrecklicher ist. Wir haben dies in Europa gesehen und gespürt. Das freie Europa ist nicht perfekt, aber mit Blick auf Putins Rußland und einem repressiven China, darin Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, scheint der Westen die allemal bessere Möglichkeit. Diese gilt es zu verteidigen. Auch mit Waffen.

„Der Nation ausgerechnet im Friedensrausch vorzurechnen, daß niemand als sie selbst den Pazifismus diskreditiert hat, wurde als umso größere Bosheit, Gemeinheit und Niedertracht empfunden, als sich die Tatsache nicht leugnen läßt. Denn in der Tat hat Deutschland den Pazifismus diskreditiert und ad absurdum geführt, indem es praktisch vorgeführt und damit empirisch bewiesen hat, daß es Schlimmeres geben kann als den Krieg; dass Schrecken möglich sind, von denen nur eine starke Armee befreit. Deutschland selbst unter den Nazis war dieser Schrecken, gegen den es kein Mittel als Bomberflotten und Panzerverbände gab. Die Armee als wirklichen Befreier und den Krieg als wahren Sachwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit in die Weltgeschichte eingeführt zu haben ist das verhängnisvolle Verdienst dieses Landes. Es hatte in seinen Vernichtungslagern Millionen Menschen Grund gegeben, den Angriff durch Bomber und Kampfflugzeuge herbeizusehnen, weil der wahrscheinliche Tod im Bombenhagel die Rettung vor dem sicheren und unendlich qualvolleren Tod in der Gaskammer war.“ (Wolfgang Pohrt, Der Krieg als wirklicher Befreier und wahrer Sachwalter der Menschlichkeit)

Scholz am Telefon: wann ruft er Putin wieder an? (Frei nach „Ideal“)

Immer mal wieder stimme ich, von Zeit zu Zeit, Jan Fleischhauer zu:

„Wladimir Putin hält den Westen für zu weich, zu dekadent, zu verwöhnt. Wenn man einem Bericht in der „Washington Post“ glauben darf, der sich auf Quellen im russischen Machtapparat beruft, dann ist der Kreml-Chef davon überzeugt, dass die Zeit für ihn arbeitet. Je länger sich der Krieg hinzieht, so sein Kalkül, desto größer die Chance, dass Kriegsglück zu Gunsten Russlands zu wenden.

Demokratische Gesellschaften haben einen strukturellen Nachteil gegenüber Diktaturen: Sie müssen auf die Meinung der Öffentlichkeit Rücksicht nehmen. Und die Öffentlichkeit ist wankelmütig.

Welches Signal vernimmt Putin also, wenn Olaf Scholz wieder und wieder um einen Telefontermin bittet? Ein Signal der Entschlossenheit und Stärke, dass man im Westen nicht zurückweichen werde. Oder eher einen Hinweis auf steigende Nervosität im Lager der Gegner? Ich bin kein Kremlexperte, aber ich tippe auf Letzteres.“

Aber Putin wird eben nicht so wie Ideal singen:

„Warum rufst Du mich nicht an?
Ich sitze hier im halben Wahn
Du hast gesagt, du meldest dich
Warum tust du’s nicht?“

Sondern der Blutkrebslurch aus Moskau wird mit einem Feixen im Teiggesicht dasitzen.

Abitur in der Ukraine

„DAS ist die Realität in der Ukraine. DAS müssen dort nun junge Menschen ertragen, die einfach nur ein friedliches, modernes, gen Westen ausgerichtetes Leben führen möchten.“ (Liane Bednarz)

Putin trägt nicht deshalb seinen Haß in die Ukraine, weil die Ukraine angeblich zu Rußland gehörte und nun zurückerobert werden müßte, sondern weil der blutige Despot in seiner Umgebung keine Länder duldet, die Demokratien sind, und ebensowenig duldet der bleiche Lurch aus Moskau Menschen, die ein Leben in Freiheit wünschen, so wie es sich die Ukrainer bei ihrer Revolution auf dem Maidan 2014 und der Orangen Revolution vorgestellt haben. Und das wissen auch Polen, Letten, Esten, Litauer, Schweden und Finnen sehr gut. Polen und das Baltikum haben uns lange schon gewarnt, wir in Deutschland haben es lange nicht hören wollen: weder Merkel, noch Steinmeier. Frieden schaffen geht nur mit Waffen. Die Chance, daß Putin mit seinem Angriffskrieg aufhört, dürfte eher als gering einzuschätzen sein. Als der UN-Generalsekretär António Guterres in Moskau weilte, um zu sondieren, wie es mit Frieden aussähe, beschoß Rußland als erstes und zunächst mal Kiew. Und als Guterres dann in Kiew weilte, wurde Kiew gleich nochmals unter Beschuß genommen. Deutlicher kann man keine Zeichen aussenden. Und damit läuft das Gerede der Zarenknechte hier ins Leere.

Zum Tod von Julee Cruise

Selbst wer Julee Cruise nicht kennt, kennt sie, wenn er die wunderbare TV-Serie „Twin Peaks“ von David Lynch geschaut hat. Nämlich jenen Titelsong „Falling“. Cruise starb, nach langer Krankheit einen frei gewählten Tod. Ihr Ehemann Edward Grinnan schrieb auf Facebook:

„For those of you who go back I thought you might want to know that I said goodby to my wife, Julee Cruise, today. She left this realm on her own terms. No regrets. She is at peace. Having had such a varied music career she often said that the time she spent as a B [The B-52’s] filling in for Cindy while she was having a family was the happiest time of her performing life. She will be forever grateful to them. When she first stepped up to the mic with Fred and Kate she said it was like joining the Beatles. She will love them always and never forget their travels together around the world. I played her Roam during her transition. Now she will roam forever. Rest In Peace, my love, and love to you all.“

David Lynch tat einen Glücksgriff, als er Julee Cruises Musik für diese Serie auswählte. Cruise brachte den Menschen mit ihrer Musik einen Moment melancholischen Glücks. Wenn sie versunken auf der Bühne des Roadhouse stand, als sie sang und als mit dem Sound dieser Musik für einen Moment die Zeit anhielt und mit der Musik und der Wehmut eine andere Dimension in die gewöhnliche Zeitordung einbrach und als würde all das, was dann geschehen sollte, vielleicht doch nicht passieren und weil es, wie vorausgesagt, dennoch geschieht: das macht die Traurigkeit und die Wehmut dieser Songs aus. Etwas von Vergeblichkeit und doch auch einer Schönheit, wie sie die Welt von Twin Peaks bereithielt: „Ein verdammt guter Kaffee!“, wie Cooper ausrief, schöne Frauen, schöne Männer, eine Kleinstadtgemeinde und dabei erhebliche Abgründe, in die mancher leicht versinken kann. Julee Cruise lieferte mit „Falling“ die Titelmelodie zu dieser Welt: das Dunkel des Waldes, die Douglastannen, die Straße, da im Nordwesten der USA, dem Idyll, der Liebe und dem entsetzlichen Abgrund in Gestalt der Leiche von Laura Palmer.