Eine Dystopie mit dem Funkenflug des Realen

Von Karl Adam (Facebook vom 25.2.2022)

Oder soll man es lassen? Eine Dystopie

Während ostdeutsche Städte längst in Schutt und Asche liegen, Tausende vergewaltigt und ermordet wurden und das Ausmaß des Schreckens tagtäglich sichtbarer wird, debattieren westeuropäische Gesellschaften, ob und wie man Deutschland gegen die russische Aggression helfen sollte.

Während die Deutschen sich dem Angriff zu erwehren versuchen, fordern deutsche Diplomat:innen und Politiker:innen immer dringlicher nach Waffen und militärischer Unterstützung.

US-Präsident Trump hat längst abgewunken: „Das ist ein europäisches Problem. Die Zeiten, in denen wir für andere die Kastanien aus dem Feuer holen, sind ein für alle Mal vorbei.“

Doch auch in den Benelux-Staaten, in Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien wachsen die Zweifel:

„Wir dürfen auf keinen Fall einen Atomkrieg riskieren.“

„Die Deutschen sollten verhandeln und für ein Ende des Blutvergießens sorgen.“

„Kulturell eint Deutsche und Russen ja vieles.“

„NSU, Hanau, Halle, Lübcke, Nazi-Netzwerke in der Bundeswehr, bei der Polizei, beim Verfassungsschutz – wen sollen wir da eigentlich verteidigen?“

„Im Bundestag und in fast jedem Landesparlament sitzen Rechtsradikale. Und für die sollen wir ein solches Risiko eingehen?“

„CumEx, Warburg, Masken-Deals, Aserbaidschan-Connections, Diesel-Skandal, Wirecard – die reinste Bananenrepublik. UNSERE Werte werden da garantiert nicht verteidigt!“

„Sogar Ausgangssperren sollen in Deutschland verhängt worden sein. Also mir ist das zu totalitär!“

„Wichtig wäre jetzt, die Logik des Krieges zu überwinden.“

„Der deutsche Botschafter soll sich mal nicht so aufspielen! Bei allem Verständnis für tausende getötete Zivilisten – aber es gibt auch gewisse diplomatische Spielregeln!“

„Sofort ausweisen den Mann!“

„Es ist jetzt die Zeit für einen Waffenstillstand entlang der Elblinie. Dann wird man sehen.“

„Frieden schaffen ohne Waffen!“

„Hat man eigentlich mal die Menschen gefragt, ob sie sich überhaupt verteidigen wollen?“

„In Wahrheit tobt da ein Stellvertreterkrieg um geopolitische Dominanzansprüche zwischen den USA und Russland und nicht um Freiheit oder Demokratie oder so was.“

„Man darf die Situation nicht moralisch bewerten und muss unbedingt auf bequeme Gut-Böse-Markierungen verzichten.“

„Kriegsverbrechen – wer auch immer sie begangen hat – müssen natürlich von unabhängigen Stellen aufgearbeitet werden.“

„Von einem deutschen Sieg zu sprechen, ist eine gefährliche Eskalation. Einige Bundesländer werden – realistisch betrachtet – dauerhaft russisch bleiben.“

„Es kommt der Moment, an dem der Blutzoll, den die deutsche Gegenwehr kostet, zu viel wird und das unmittelbare Recht zur Selbstverteidigung außer Kraft setzt.“

„Ich habe jedenfalls keine Lust zu frieren. Bis auf weiteres sind wir auf Russland angewiesen.“

SECHS MONATE SPÄTER …

„WAS? Die wollen immer noch Waffen? Jetzt reicht‘s aber langsam! Wir haben genug eigene Probleme!“

#FCKPTN #forever #standwithukraine

Am schönsten aus solchem Scheiße-bis-Bullshit-Bingo finde ich jene Satz „Hat man eigentlich mal die Menschen gefragt?“ Vielleicht wird die Absurdität all dieser Phrasen, wie sie aus dem Munde vermeintlicher Pazifisten, Abwiegeler und Äquidistanzler kommen, mit dieser Zuspitzung zum Bewußtsein gebracht. Ja, die meisten Ukrainer hassen die Russen für diesen Angriff und es gibt genügend freiwillige Ukrainer, die in der Zivilverteidigung sich engagieren und es gibt genügend Frauen, die freiwillig in der Armee dienen und für ihre Heimat kämpfen. Nein, wir sind in diesem Krieg nicht nur Zuschauer und es reicht nicht, mit dem kalten Blick der Wissenschaft die Möglichkeiten zu betrachten: die Optionen und die Art der Waffen. Solche Betrachtungen dürfen nicht neutral bleiben, auch wenn der kalte Blick für die Anlyse und die Kritik der Waffen als Waffe der Kritik gegen Putin wichtig ist, sondern solche Betrachtungen sind für jene Analyse wichtig, was die Ukraine braucht und wie sie gegen den russischen Aggressor bestehen kann, wie sie ihr Land zurückerobern kann. Und ggf. muß man eben auch überlegen, ob die Schiffe mit dem Weizne, die Putin als Erpressung und als Waffe gegen den Westen einsetzt, mit militärischem Konvoi und mit dem Schutz der Internationalen Gemeinschaft aus den Häfen gebracht werden. Was Putin nämlich versteht: Klare Ansagen. Wo er Schwäche wittert, wie bei Scholz und Macron: da droht er, weil er genau um Le German Angst weiß. Und er weiß um eine Friedensbewegung, die auf der Seite Moskaus ist.

Die immer wieder von Putin und seinen Gefolgsleuten hier in Deutschland inszenierte Bedrohung Rußlands durch die Nato: auch sie ist eines dieser Narrative, die gerne in Umlauf gebracht werden, um vom eigenen russischen Versagen abzulenken. Die größte Bedrohung für Rußland ist Rußland selbst oder wie es der israelische Historike Yuval Noah Harari formulierte:

„Russland ist im Grunde nichts anderes als eine Tankstelle mit Atomwaffen. […] Wenn Russland eine Weltmacht werden will, sollte es Schulen statt Panzer bauen.“