Karl Schlögel zur Ukraine

Gegen das Schweigen der Friedensbewegung und der Zarenknechte, der Lafontaines und der Dagdelens zu den russischen Kriegsverbrechen ist immer wieder der Historiker Karl Schlögel zu setzen:

„Die Handykameras sind überall, die abgefangenen Gespräche der Soldateska werden jetzt mitgehört von Millionen auf der ganzen Welt. Leichen am Straßenrand, Massengräber, Berichte von Vergewaltigungen, Plünderung, der mörderische Raketenbeschuss – das sind alles nur hilflose Abstraktionen –: Es geschieht jetzt, hier, in unseren Städten. „Der Firnis der Zivilisation ist dünn“ – noch so eine Art von Allgemeinplatz, der den Schrecken, den Schock auffangen und in die kultivierte Sprache des disziplinierten Diskurses überführen soll. Solche Wucht an Zerstörungskraft haben wir in Europa seit den Bildern von der Zerstörung Warschaus oder den Ruinen Dresden nicht mehr gesehen.
[…]
Wir sollen uns aber auch nichts vormachen angesichts der anhaltenden Destabilisierung, und der putinistischen Autokorsos in deutschen Städten. Eher sollte man sagen: Endlich tritt sie hervor, „russki mir“, die russische Welt, getarnt unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Russophobie und Diskriminierung aller Russischsprachigen, wo sie doch in Wahrheit eine von russischen Agenturen längst unterwanderte Parallelwelt ist, die mehr dem ersten Kanal des russischen Staatsfernsehens und „Russia Today“ vertraut als den Nachrichten der „Tagesschau“. Ob Europa eine Zukunft hat, wird in der Ukraine entschieden, auch darüber, ob Russland einen Weg aus der Sackgasse herausfindet, in die Russland sich von Putin hat führen lassen.

Alle Nachrichten deuten darauf hin, dass im Osten der Ukraine eine furchtbare Schlacht im Gange ist. Es geschieht, was man wiederum für unvorstellbar hält, aber derzeit in Vorbereitung ist: die Feier eines „Tages des Sieges“ unter dem Zeichen des Putin’schen Hakenkreuzes Z. Nie ist die Ehre der im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen Hitler gefallenen sowjetischen Soldaten so sehr beschmutzt worden wie von diesem kleinen, niederträchtigen Diktator und Massenmörder. Mariupol wird nicht nur zum Symbol seiner Schande, sondern ist jetzt schon das Symbol für die Tapferkeit und Ehre der Ukrainer geworden – vielleicht auch zum Menetekel des Versagens der Europäer, unseres Versagens.“

So schreibt der Historiker Karl Schlögel auf FR-Online sehr zu recht. Es ist anzuraten, diesen guten Artikel ganz zu lesen.

7 Gedanken zu „Karl Schlögel zur Ukraine

  1. @El Mocho: Davon gibt es leider nur noch wenige und es wird ihm vermutlich schlecht bekommen.

    Schlögel ist ansonsten immer lesenswert. Und er hatte bereits 2014 vehement vor Putin und seinem Expansionskurs gewarnt.

  2. Ja, das ist eine interessante und wichtige Debatte: wie, auch von linker Seite, umzudenken ist und man eben nicht in der Denke der alten Zeit und mit den überkommenen Kategorien einer Friedensbewegung hängenbleibt, die das Dritte Imperium eines Putin, den neuen faschistischen, totalitären Staat durchwinkt, weil, es darf ja nicht anders sein, der Gegner die USA und die „Neue Weltordnung“ zu sein hat. Die derzeitige deutsche Friedensbewegung ist leider zu großen Teilen inzwischen bei den Covidioten angelangt.

    Vielleicht ist im Blick auf Putins neues Rußland in einigen Bezügen in der Tat der Weg zu Mussolini und Franco näher als zu dem doch sehr spezifisch deutschen Faschismus. Wenn ich Zeit habe, werde ich zu Deinem Beitrag auch was schreiben oder kommentieren.

  3. Da bin ich schon sehr gespannt Deinen Text zu lesen. Beim Vergleich mit historischen Faschismen wären vor allem die Regime interessant, bei denen kein faschistischer Umsturz als Bruch mit der Demokratie am Anfang stand, sondern ein schleichender Übergang aus der Demokratie heraus stattfand: Salazar in Portugal, Peron in Argentinien, Bordaberry in Uruguay und Palpatine im Galaktischen Imperium.

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