9. Mai – Tag der russischen Schande

„Bewaffnete Kleptomanen rauben und brandschatzen. Dieser Krieg ist eine unglaubliche Demütigung für alle Russen, die nicht einverstanden mit den mörderischen, imperialistischen Bestrebungen Russlands. Der Krieg gegen das Ukrainische Volk ist eine Barbarei und eine Drohung gegen andere Völker.“

So schreibt im Blick auf jene Karikatur ganz zu recht und pointiert-treffend in wenigen, aber doch bündigen Worten der Photograph Gerald Zoerner auf Facebook.

Morgen also in Moskau Siegesfeiern. Solche Paraden sind immer auch ein Machtinstrument. Putins Inszenierungen auf dem Roten Platz haben nichts oder nur wenig mit jenem 8./9. Mai, dem Tag der deutschen Kapitulation zu tun, viel aber mit Putins Großmachtphantasien, wenn da militärische Stärke fürs Volk und für die Kameras und damit auch für den Westen speziell inszeniert wird. Keineswegs aber ist dies Putins Tag. Es ist der Sieg der Sowjetunion und ihrer vielen Völker über Nazi-Deutschland, nicht aber allein der Sieg Rußlands. Dessen sollten auch die Deutschen gedenken. Und es ist auch ein Sieg der westlichen Alliierten der freien Welt, allen voran der USA, die 1941 mit Flugzeugen, mit Panzern, Jeeps, Munition, Waffen und Treibstoff im Rahmen des Lend and Lease Acts die Sowjetunion unterstützten. Ansonsten wäre Hitler nämlich 1942 in Moskau einmarschiert. Und so kam es, daß bei der Begegnung von Sowjets und Amerikanern 1945 in Torgau an der Elbe die GIs auf ihre eigenen Jeeps stießen. Zu gedenken heute und morgen, im stillem Gedenken in Berlin, ist des Siegs der Sowjetunion über das Deutsche Reich, es ist an diesen 77. Jahrestag zu erinnern an die vielen Menschen, die starben: den größten Blutzolll in diesem Krieg leisteten die Völker der Sowjetunion und insbesondere und in hoher Zahl die Ukrainer. Gestern brachte es die rbb-Abendschau im Blick auf eine junge ukrainische Frau bestens auf den Begriff:

„Oleksandra Bienerts Großeltern haben als Ukrainer in der Roten Armee gekämpft. Für Olekyandra war der Tag immer ein Tag der stillen aber lebendigen Erinnerung – in diesem Jahr hat er einen Beigeschmack bekommen. So stark, dass sie sagt: ‚Ich bin froh, dass mein Opi früher gestorben ist und nicht erlebt, dass russische Bomben auf unsere Städte fallen.'“

Wie fast jedes historische Datum ist jener „Tag der Befreiung“ , wie er genannt wird, jedoch ein vielschichtiges Datum: zum einen war es für die meisten Deutschen eben keine Befreiung, sondern eine empfindliche Niederlage und es dauerte in der BRD wie auch in der DDR lange, bis die Menschen begriffen, in welchem System sie gelebt hatten: die Ohren zugekleistert mit der NS-Propaganda. Die Leuten glaubten, was sie hörten und lasen – zumindest die meisten. Und wer heute in russische Medien schaut, wird verstehen, wieso das so war. Nicht anders ergeht es den Russen mit Putins Propaganda-Apparat – auch wenn Rußland nicht NS-Deutschland ist. Jede Diktatur hat ihre eigenen Formen von Totaliarismus und Brutalität. Vor allem aber war der Tag der Befreiung keine Befreiung für die Völker Osteuropas, sondern der Beginn eines neuen Jochs und neuer Unfreiheit.

Die Annexion eines souveränen Landes durch Stalin mußten im Zuge des Abkommens zwischen Hitler und Stalin bereits die baltischen Staaten und Teile Polens erleben, und zwar im Rahmen des „Geheimen Zusatzprotokoll des Nichtangriffsvertrags zwischen Deutschland und der UdSSR“ vom 23. August 19939. Auch aufgrund dieser für viele Linke traumatischen Erfahrung – von vielen freilich auch ignoriert, verdrängt, verleugnet – schrieb Walter Benjamin seine „Geschichtsphilosophischen Thesen“. Linker Fortschrittsoptimismus einer bessern Gesellschaft war zwischen Stalinismus und Faschismus aufgerieben. Über die Lage der arbeitenden Klasse forschte bereits Erich Fromm in „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches: Eine sozialpsychologische Untersuchung“.

Und in diesem Sinne kommentierte Malte Lehming es im Tagesspiegel unter der Überschrift „Der 8. Mai brachte eine Befreiung von Hitler, aber nicht von Furcht und Terror“ wie folgt:

„Doch jenseits des Eisernen Vorhangs – in Osteuropa, dem Baltikum, der sowjetisch besetzten Zone – begann für Millionen Menschen eine andere, die kommunistische Diktatur. Befreiung von Hitler? Ja. Befreiung von Furcht, Terror und Unterdrückung? Nein.

Das ist lange Zeit verdrängt worden. Wer sich für ein gesamteuropäisches Gedenken einsetzte, das die Opfer der Sowjet-Herrschaft umfasste, dem wurde vorgeworfen, die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren.

Es ist kein Zufall, dass die Realisierung des vom Bundestag beschlossenen Mahnmals für die Opfer des Kommunismus nicht vorankommt. Und eher verschämt wird an den 23. August 1939 erinnert, an dem sich Hitler und Stalin auf die Aufteilung Polens und des Baltikums verständigten.

Russlands Krieg gegen die Ukraine hat das Hineinholen der osteuropäischen Leidenserfahrungen in ein gesamteuropäisches Gedenken beschleunigt. Das Verständnis dafür wächst, dass die Ängste von Polen und Balten vor russischem Hegemonialstreben nicht übertrieben, sondern gut begründet sind. Das gilt auch für Finnen, die nun, gemeinsam mit Schweden, der Nato beitreten wollen. „Erfahrung macht klug“, sagt der Volksmund“

Und auch das Online-Portal dekoder wies bereits 2020 in einem Text von Iwan Dawydow auf erhebliche Mängel im offiziellen sowjetischen und russischen Gedenken hin:

„Das Schicksal der sogenannten ‚Ostarbeiter‘ ist auch in Russland kaum bekannt. Rund drei Millionen sowjetische Zivilisten waren während des Zweiten Weltkriegs als sogenannte ‚Ostarbeiter‘ zur Zwangsarbeit im Deutschen Reich eingesetzt. Darunter auch viele Frauen und Jugendliche. Nach dem Krieg stellte die Sowjetregierung sie unter pauschalen Verratsverdacht, einige kamen in Lager nach Sibirien. Ihr Schicksal blieb auch nach ihrer Rückkehr ein Stigma und Tabu. Trotz langsamer Aufarbeitung – vor allem durch die Menschenrechtsorganisation Memorial – wissen heute oft nicht mal die Enkel und Urenkel davon, schreibt Iwan Dawydow in seinem Text auf Republic. Dabei braucht Russland diese Erinnerung, meint Dawydow, um vom verlogenen Kitsch im offiziellen Kriegsgedenken wegzukommen.“

Der Große Vaterländische Krieg hat viele Facetten. Die Sowjetunion war Opfer und Täter in einem. Und auch heute begeht Rußland an jenem Tag der Befreiung vermutlich wieder Kriegsverbrechen. Zerbombte Städte, ermordete Kinder, vergewaltigte Frauen, nach Rußland verschleppte Menschen. Nein, dieser russische Angriffskrieg und die damit verbundenen Kriegsverbrechen sind nicht mit denen der USA vergleichbar: Irak 2003 und Vietnam sind andere Situationen gewesen. Und anders als in Rußland können diese Eskalationen und die damit teils auch verbundenen Kriegsverbrechen in den USA und im freien Europa eben auch zum Thema gemacht werden. Anders als in Rußland. Der Vietnamkrieg wurde auch an der Heimatfront verloren, weil ein Großteil der Menschen nicht mehr bereit war, diesen Krieg mitzutragen. Rußland führt einen Angriffskrieg, bei dem tausende Menschen ungekommen, sind, wo Kinder, Frauen und Männer ermordet wurden, teils gefesselt und auf offener Straße erschossen. Und auch das ist ein Unterschied zum Irakkrieg: nämlich der zwischen: „vereinzelte Kriegsverbrechen“ und „Kriegsverbrechen als Teil der Kriegsführung“, so wie Rußland dies betreibt. Grosny, Aleppo und Mariupol stehen für eine neue Form von Abscheulichkeit in einem sowieso schon abscheulichen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der heutige Tag der deutschen Kapitulation, der Tag der Niederlage, der Tag der Befreiung – für Rußland ist es ein Tag der Schande oder frei nach Brecht:

O Rußland, bleiche Mutter!
Wie sitzest du besudelt
Unter den Völkern.
Unter den Befleckten
Fällst du auf.

12 Gedanken zu „9. Mai – Tag der russischen Schande

  1. „In deinem Hause
    Wird laut gebrüllt, was Lüge ist.
    Aber die Wahrheit
    Muß schweigen.
    Ist es so?“

    Ja, so ist es

  2. Solshenizyn schreib im „Archipel Gulag“ auch, dass alle russischen Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten und sie überlebten, nach ihrer Rückkehr dirket in den Gulag kamen.

  3. Das Problem ist, dass für Iwan Normal gar nicht sichtbar wird, was da für Gräueltaten begangen wurden. Der fühlt sich durch die Präsenz der Waffensysteme beruhigt und fürchtet Aggression der NATO. Die Propaganda wirkt. Zumindest teilweise.Auf der anderen Seite sieht die Mehrheit der Russen den Feiertag so: „Was haben wir heute? Hauptsache frei. Raus in die Datscha und den Grill angeworfen.“

  4. @che: Das ist genau das Problem. Und es ist leider nicht nur dort das Problem, sondern ebenso bei den Nachblökseiten und all den anderen Zarenknechten – und die könnten das in der Tat besser wissen. Und was mich bei diesen Lumpen am meisten ärgert, ist dieser doppelte Standard: hätten die USA je eine Atomkriegsdrohung und ein Drohen mit dem Dritten Weltkrieg ausgestoßen: es gäbe einen Aufschrei. Und das ganz zu recht. Hier aber: Schweigen. Und da eben ist der Punkt erreicht, wo all diese Gerede von Dagdelen und Zarenknecht sich als das erweist, was es ist: Geschwätz und Lüge.

    Die Haltung im letzten Satz ist ja noch sympathisch irgendwie. Es erinnert an die DDR, wo das schönste am 1. Mai das Trinken war und wenn man von der Parade weg war.

  5. Feine Aktion in Warschau: Dort wurde der russische Botschafter mit roter Farbe beworfen. Und so stand er rot und blutbesudelt da wie seine russischen Soldateska.

    Solche Aktionen sind zwar eigentlich fragwürdig. Aber dieses Bild bringt das, was die Russen in der Ukraine tun, gelungen zum Ausdruck. In einem Photo verdichtet. Und so sollen jene Russen, die diesen Krieg verteidigen, sehen, daß sie als Besuldelte unter den Völkern dastehen.

    https://www.tagesspiegel.de/politik/mit-roter-substanz-ueberschuettet-angriff-auf-russischen-botschafter-in-polen/28318572.html

  6. Ich hatte seinen Einwand gelesen, aber ich halte diese Sicht für falsch. Denn in Rußland hilft alles Rußland: die Massaker in Irpin, in Butscha, in Mariupol, Vergewaltigungen: all diese russischen Verbrechen kommt gar nicht erst in Rußland an oder diese Kriegsverbrechen werden umgedeutet, als heldenhafte Taten ruhmreicher Russen, wenn sie völkermorden und vergewaltigen. Und selbst wenn im Westen oder auch in Rußland friedlich protestiert wird, so wird solcher Protest in Rußland als Russophobie umgelabelt.

    Oder ein anderes Beispiel: hier in Deutschland werden unzählige Polizeikräfte inzwischen aufgeboten und von anderen, sinnvolleren Aufgaben leider abgezogen, um russischen Einrichtungen zu schützen. In der russischen Propaganda heißt es trotz alledem: Russophobie im Westen. Insofern ist es in diesem Sinne egal, was der Westen tut. Man sollte darauf keine Rücksicht nehmen. Und vor allem: Russen an all den Orten isolieren, wo sie in Verbindung mit dem russischen Staat stehen. Schon beim Einreisen der Nachtwölfe hätte man gleich mal ein paar Sicherheitskontrollen an den Motorrädern machen sollen. Wurde dann ja teils auch getan: und sie da: wer finden will, der findet. Genau so bekommt man diese Drecksbande dran. Schrittt für Schritt zermürben.

    Insofern denke ich: solche Photographien wie von dem russischen Botschafter in Polen, der deutlich auch sein Bekenntnissprüchlein zu Putin aufsagte, sind Bilder für die Welt. Und jene Russen, die den Krieg kritisch sehen, werden auch die Symbolkraft dieser Photographie des Blutbesudelten richtig zu deuten wissen.

  7. Kevin Rothrock zeigt ein Video einer Gegenattacke:

    Poland’s embassy in Moscow gets the red-paint treatment, following a similar attack against Russia’s ambassador in Warsaw on Victory Day.

    Hoffen wir mal, dass es bei Farbe aufs Botschaftsschild bleibt.

  8. Bei Rußlands Vorgehen weiß man es am Ende nicht. Wir erleben es im Augenblick ja bei den russischen Besatzern in der Ukraine. Wobei die wohl im Augenblick gehörig einen auf die Fresse dort bekommen.

  9. Igor Sereda ist 24 Jahre alt und führt seit dem frühen Tod seines Vaters dessen Bestattungsunternehmen in dem kleinen Ort Nemishaieve weiter. Er brach dafür sein Studium ab.
    Igor Sereda bestattete auch während der Kämpfe. Jetzt exhumiert er Leichen in Bucha.

    ‘We dug up an old woman in а diaper’

    Etliche von den Menschen, die er während der Kämpfe bestattete oder nach der Befreiung exhumierte, kannte er.

  10. Ich fürchte, man wird eine bestimmte Klientel damit nicht erreichen. Die, die bei jedem kleinen Furz der USA im Kreis springen, halten nun frech ihre Schnauzen oder faseln irgendwas von „Kapitulieren“, weil das ja für die Menschen besser wäre. Ein perverses Denken, daß diese Perversion auch noch hinter dem Begriff „Humanismus“ tarnt. Nein, niemand, der für Waffenlieferungen plädiert, ist für den Krieg. Im Gegenteil. Aber den Krieg haben eben nicht die angefangen, die sich wehren und denen wir helfen, sondern der russische Aggressor. Der Ausdruck Lumpenpazifismus trifft es für diese Leute insofern sehr genau.

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