Selige Sehnsucht und Weltkörper. Zu Novalisʼ 250. Geburtstag

„Wenn man aber bisher noch nicht philosophirt hätte? sondern nur
zu philosophieren versucht hätte? – so wäre die bisherige Gesch[ichte] d[er]
Philosophie nichts weniger, als dies sondern nichts weiter, als eine Geschichte
der Entdeckungsversuche des Philosophirens.“
(Novalis, Hemsterhuis- und Kant-Studien)

„Nämlich zu Haus ist der Geist
Nicht im Anfang, nicht an der Quell. Ihn zehret die Heimat“
(Hölderlin, Brod und Wein)

Er ist einer der liebsten Denker mir: ein düsterer freilich, was die Aussichten anbelangt, und ein heiterer zugleich, ein intellektueller Erdinnengänger, wenn wir an seinen Bildungsroman „Heinrich von Ofterdingen“ denken, und ein luftreicher Überschäumer, wenn er in seinen Fragmenten die Philosophie denkt, sprudelnd im Geist: jener Gelehrte und Bergbau-Meister, Salinenassessor und Dichterdenker Georg Philipp Friedrich von Hardenberg. Und deshalb soll gerade in diesen Zeiten jenem Manne gedacht werden, der nicht nur Dichter, sondern zugleich Philosoph war. Symphilosophie, wie sie auch seine Freunde die Gebrüder Schlegel und Tieck andachten, damals 1797 in Jena, gemeinsames Denken, gemeinsames Leben, gemeinsames Wandern und eine unerhörte Philosophie, wie es sie bisher nicht gab:

„Ächtes Gesammtphilosophiren ist also ein gemeinschaftlicher Zug nach einer geliebten Welt – bey welchem man sich wechselseitig im vordersten Posten ablößt, auf dem die meiste Anstrengung gegen das antagonistische Element, worinn man fliegt, vonnöten ist. Man folgt der Sonne, und reißt sich von der Stelle los, die nach Gesetzen der Umschwingung unseres Weltkörpers auf eine Zeitlang in kalte Nacht und Nebel gehüllt wird. / Sterben ist ein ächtphilosphischer Act/ v[on] mir.“ (Novalis, Hemsterhuis- und Kant-Studien)

Dichten und Denken im Fragment, vielleicht auch, frei nach Heine, einer der ersten Posten im Freiheitskampf der Menschheit, und zugleich im Hinauswurf ins All und zu den Sternen, aber nicht immer zum Licht, fast ein wenig Major Tom und einsam in Gemeinschaft im kalten Weltenraum. Aufkommender Nihilismus, wofür Nietzsche rund 90 Jahre später jene Redewendung vom „unheimlichsten aller Gäste“ prägte. Ansatz und Abdrift und um diese kalte Nacht und den Nebel zu ertragen, braucht es einen Gemeinsinn: aber einen anderen sensus communis als Kant ihn sich andachte und weniger im Modell einer herkömmlichen Kommunikation, sondern als Gemeinschaft freier Geister. Darin liegt das Moderne von Novalis. Aber noch ist das All und sind die bestirnten Himmel freundlich gesonnen:

„Das Weltall zerfällt in unendliche, immer von größeren Welten wieder befaßten Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn führt wie Eine Welt allmälich zu allen Welten.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Hen kai pan und all die Bilder für Naturphilosophie, die doch immer auch den Mensch meinen muß. Aus dem Zerfall dennoch das Gemeinsame zu denken, in Erdenstaub und Wanderschaft, in Träumen und Fabelwelten, wie in jenem Novalisschen Bildungsroman, der eine Antwort und zugleich eine Kritik des „Wilhelm Meister“ sein sollte – jenem Ereignis, wie Friedrich Schlegel es in seinen Athenäums-Fragmenten formulierte, das zusammen mit Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95 und der Französischen Revolution dafür stand, die größten Tendenzen des Zeitalters auszumachen.

Und es gab zugleich einen anderen Nexus, der unter der Oberfläche wirkte: Novalis und Hölderlin. Obwohl sie einander nie begegneten und einander nicht kannten oder gar Briefe wechselten, korrespondierte da ein Denken: Wie auch beim zwei Jahre zuvor geborenen Friedrich Hölderlin existiert in den Gewittern des ausgehenden 18. Jahrhunderts – jene Französische Revolution, der Spinoza-Streit und Goethes „Werther“ wie auch seiner „Lehrjahre“– ebenso bei Novalis eine Form des Denkens und Schreibens, wo sich nicht einfach mehr die strikte Scheidung zwischen Literatur hie und Philosophie da aufrechterhalten ließ. Wobei im Unterschied zu Hölderlin die Textproduktion zu den Fragen der Philosophie bei Novalis erheblich umfangreicher ausfällt: Logologische Fragmente, Fichte-Studien, Hemsterhuis- und Kant-Studien, das Allgemeine Brouillon und Blüthenstaub sowie „Dialogen und Monolog“, viele hundert Seiten und wie sich die Gedanken des Anfang 20-Jährigen in philosphischen Fragmenten, Sentenzen und Skizzen ausbreiten und sich ausprobieren, während bei Hölderlin noch viel stärker als bei Novalis sich jenes Durchdringen von Sprache, Sein, Denken und Welt in seiner Dichtung selbst findet. Etwas zu sagen, was sich mit den Mitteln normaler Sprache und mit den Mitteln diskursiver Philosophie und in ein System gebracht nicht in dieser Weise sagen läßt.

Für dieses neue Denken, diese andere Dichten, diese erweiterte Philosophie bürgerte sich, um solch Neues in einen Begriff zu fassen, die Rede von der Frühromantik ein: bei Schlegel hießt solcher Überschuß Universal- oder Transzendentalpoesie: „Die Poesie die Potenz der Philosophie, die Philosophie die Potenz der Poesie“ (Fr. Schlegel). Ähnlich hätte es auch Novalis schreiben können. Symphilosophieren. Hölderlin wird man im strengen Sinne nicht zu den Frühromantikern zählen können. Doch die Kritik des Systemdenkens einte beide Autoren. Anders als deren Zeitgenossen Hegel und Schelling (zumindest der von „System des transzendentalen Idealismus“) brachten weder Novalis noch Hölderlin Systeme des Denkens hervor, sondern sie unterminierten solches System mit Fragmenten und in einer beständigen Umschrift ihrer Dichtung. Beide Philosophen-Dichter gehören einer Alterskohorte an. Und beiden Dichterphilosophen kam das selbständige Leben um 1801 bzw. 1802 abhanden: dem einen durch Tod, dem anderen durch einen Wahnsinn. Beide zog es in jene Ferne, die wir heute die Südsee nennen:

Nein! Freunde kommt, laßt uns entfliehen
Den Fesseln, die Europa beut,
Zu Unverdorbnen nach Taiti ziehen
Zu ihrer Redlichkeit.

Und laßt uns da das Volk belehren
Wie Orpheus einstens tat;
Das Saitenspiel soll ihrer Wildheit wehren
Errichten einen Staat,

Wo nur Natur den Szepter führet,
Durch weise Künste unterstützt,
Und jeder in dem Stand, der ihm gebühret,
Dem Vaterlande nützt.
(Novalis, An meine Freunde, Gedichte / Die Lehrlinge zu Sais)

Und Hölderlin in seinem berühmten Dezemberbrief von 1801, kurz vor seiner Reise nach Bordeaux als Hauslehrer, an seinen Freund, den Dichter Casimir Ulrich Boehlendorff:

„Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Thränen gekostet, da ich mich entschloß, mein Vaterland noch jezt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab‘ ich lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen. Deutsch will und muß ich übrigens bleiben, und wenn mich die Herzens- und die Nahrungsnoth nach Otaheiti triebe.“

Wir hören noch hier den Hyperion-Ton. Einer der letzten Briefe Hölderlins vor seiner Abreise. Der „freie Gebrauch des Eigenen“ (Hölderlin), der freie Gebrauch des Nationalen verband beide. Während Hölderlin in schwäbischer Landschaft jenen Atlas griechischer Orte fand und das Deutsche im antiken Griechenland, träumte Novalis einen ästhetischen Staat, in dem die Natur regiert, unterstützt durch die Kunst und damit in einer schönen Utopie vereint, wie er sie auch in „Glauben und Liebe oder Der König und die Königin“ in einer Eloge an das 1798 frisch gekrönte preußische Königspaar Friedrich Wilhelm III. und Luise von Mecklenburg-Strelitz niederschrieb. Gut aufgenommen wurde diese Schrift nicht: die Geburt der Politik aus dem ästhetischen Geist war des Preußens Sache nicht. Die schönen Künste sollten zieren, aber nicht regieren. Was Novalis entwarf und sich erschrieb, war ein Staat, der freilich anders als der Schillers nicht durch die Schönheit ins Reich der Freiheit gelangte, sondern mittel freier Natur, durch den Glauben und die Phantasie des Dichters geschaffen wurde; in gewissem Sinne auch ein Kolonie-Projekt wie in jenem Novalis-Gedicht geschildert, („Kolonie liebt, und tapfer Vergessen der Geist“, so Hölderlin in „Brod und Wein“); und im Gesang des Orpheus, mit neuen Anfangsbedingungen einer anderen Kolonie, versuchte jener Novalis, der Mühle und der Maschine zu entkommen:

„Im Glauben suchte man den Grund der allgemeinen Stockung, und durch das durchdringende Wissen hoffte man sie zu heben. Ueberall litt der heilige Sinn unter den mannichfachen Verfolgungen seiner bisherigen Art, seiner zeitigen Personalität. Das Resultat der modernen Denkungsart nannte man Philosophie und rechnete alles dazu was dem Alten entgegen war, vorzüglich also jeden Einfall gegen die Religion. Der anfängliche Personalhaß gegen den katholischen Glauben ging allmählig in Haß gegen die Bibel, gegen den christlichen Glauben und endlich gar gegen die Religion über. Noch mehr – der Religions-Haß, dehnte sich sehr natürlich und folgerecht auf alle Gegenstände des Enthusiasmus aus, verketzerte Fantasie und Gefühl, Sittlichkeit und Kunstliebe, Zukunft und Vorzeit, setzte den Menschen in der Reihe der Naturwesen mit Noth oben an, und machte die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller und eigentlich ein ächtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sey. Ein Enthusiasmus ward großmüthig dem armen Menschengeschlechte übrig gelassen und als Prüfstein der höchsten Bildung jedem Actionair derselben unentbehrlich gemacht. – Der Enthusiasmus für diese herrliche, großartige Philosophie und insbesondere für ihre Priester und ihre Mystagogen. Frankreich war so glücklich der Schooß und der Sitz dieses neuen Glaubens zu werden, der aus lauter Wissen zusammen geklebt war.“ (Novalis, Die Christenheit oder Europa)

Was hier zunächst und aus heutigem Blick wie Katholizismus und Frömmelei sich ausnehmen mag und auch als eine (vermeintlich reaktionäre) Kritik der Französischen Revolution, dürfte die Kirchenoberen dennoch wenig erfreut haben, da sich dieser Glaube ans Wunderbare gerade nicht aus einem Papsttum speiste, sondern aus der Freiheit des Denkens und als Revolution gegen jegliches Maschinelle und damit gegen die verdinglichte Welt auch der offiziellen Kirche. Novalis war eben kein Konvertit, sondern Kritiker des Systems: Die schöpferische Vielfalt der Sphärenklänge („Die Sonne tönt nach alter Weise/ In Brudersphären Wettgesang,/ Und ihre vorgeschriebne Reise/ Vollendet sie mit Donnergang“, so dichtete Goethe zum Himmels-Prolog des „Faust“) regredierte in der aufkeimenden Moderne der Sattelzeit ins Klappern: Wenn nur noch Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen, dann verstumpft der Klang des Lebens.

Allein dieses Bild einer sich selbst mahlenden Mühle wiegt alles auf, was in diesem Text auch und zunächst bedenklich erscheinen mag. Novalis schreibt Verdinglichungskritik aus dem Geist der Dichtung und einer ahnenden Phantasie: nicht in der kalten Präzision eines Marx zwar, wie dieser es vierzig Jahre später in den Frühschriften faßte, aber doch in der Lebendigkeit von dessen Denken. Die Maschinenmetapher steht im Kontext der Aufklärungskritik, und zwar als Aufklärung über den Menschen und sein Verhältnis zur Natur. Dialektik der Aufklärung ante portas, Aufklärung über uns selbst gleichsam, aber zu jenen Zeiten der Jahrhundertwende noch als Überschwang und im Gang der Phantasie. Schönheit des Glaubens, um zum Reich der Freiheit zu gelangen.

Man mag diesen Aspekt der Religion bei Novalis verspotten, zumindest beim naiven Betrachter, aber wenn wir bedenken, daß auch in Hegels Diktion in den Religionen die Völker ihre höchsten und besten Weisen der Vorstellung niederlegten, so mag dieses Religiöse als Moment und Konstitutivum von Sittlichkeit, Gemeinschaft und Gesellschaft doch weniger lachhaft erscheinen als es uns heute ist. Uns fehlt diese religiöse Musikalität, die zugleich auch eine Sache der Kunst ist, ohne daß es in Kunstreligion driftet, sondern wo Kunst und Religion eine Angelegenheit nicht nur des objektiven und absoluten, sondern auch des subjektiven Geistes sind:

„Wenn mich nicht körperliche Unruhe verwirrt, welches doch nicht häufig geschieht, so ist mein Gemüth hell und still. Religion ist der große Orient in uns, der selten getrübt wird. Ohne sie wäre ich unglücklich. So vereinigt sich Alles in Einen großen, friedlichen Gedanken, in Einen stillen, ewigen Glauben.“ (Novalis, Brief an Kreisamtsmann Just, November 1800)

Hen kai pan, zumindest hier, im Gemüt, im Krisenfall des Grübelns und der körperlichen Versehrtheit. Und in der Dichtung allemal.

„Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.“ (Novalis, Heinrich von Ofterdingen)

Das mag wohl sein, denn das Ende unseres Lebensweges ist die Erde, das Wasser, die Luft oder das Feuer: eines der Urstoffe und Elemente. Dieses Denken eines Wurzelhaften, einer Herkunft als Verflechtung ist dialektisch wie auch die Dichtung Hölderlins.

Die schönsten Verse der Menschen
– nun finden Sie schon einen Reim! –
sind die Hardenbergenschen.

Und so möchte ich, frei nach Rühmkorfs „Lied“ mit einem der schönsten Zeilen der Lyrik des ausgehenden 18. Jahrhunderts enden, weil darin Liebe, Philosophie, Sinnlichkeit, Welt und ein Überborden des Denkens ihre Stätte haben:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Aufhebung der Entfremdung im Akt des Dichtens, des Singens und des Liebens. Doch diese Möglichkeiten sind uns im 20. und im 21. Jahrhundert nur noch bedingt gegeben. Kunst kennt Grenzen. Novalis gemahnt an eine Welt, die verschüttet ist. Sein Ton mag nach Unmittelbarkeit klingen. Anders aber als Hermann Hesse und Konsorten Beatnick geschieht dieser Schwung nicht im Kitsch, sondern in einer Emphase, die für uns Heutige kaum noch verständlich und auch kaum noch durchführbar ist. Es sei denn, wir gingen anders.

(Novalis-Ausgabe aus dem Aufbau-Verlag, DDR-Zeit)

3 Gedanken zu „Selige Sehnsucht und Weltkörper. Zu Novalisʼ 250. Geburtstag

  1. Novalis runder Geburtstag fällt – da glaube ich ja nicht wirklich an einen Zufall – in meine erste, vollständige „Meister“-Lesung.
    Das hat Bedeutung und ist gefällig, denn Novalis Kritik an diesem Roman, die eine geheime Würdigung darstellt , ist zu recht legendär und hat unter anderem Thomas Mann stimuliert.

    Was mich bezüglich Novalis fast noch mehr beschäftigt, sind aktzuelle Diskussionen über die Rolle der russischen Literatur in Putins Diktatur, die mich unweigerlich an Diskussionen der 30er und 40er Jahre erinnern, in denen die Rolle der deutschen Romantik, namentlich eben Novalis, bei der Etablierung der Diktatur Adolf Hitlers erörtert wurden. Hat Novalis Hitler vorweg genommen?
    Und – noch nicht lange her!!! und damit korrespondierend – hat Novalis Anteil an der Impfskepsis? Es gab einen langen Artikel in der ZEIT mit seinem Bild als Teaser über dieses Thema.

    Heinrich Mann schrieb über die Romantiker und deren Rolle in der deutschen Geisteswelt und der deutschen Kulturentwicklung: „Diese Schriftsteller schreiben wie die letzten Menschen.“
    MRR hat das später kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Und über heutige Diskussionen bezüglich des „Beitrags“ russischer Schriftsteller zu Putins Vernichtungskrieg hätter er sicher seine eigene Meinung gehabt („Als ich „Die Brüder Karamasaow“ das erste Mal las, dachte ich: Das ist der beste Roman der Welt! Und das denke ich auch heute noch“).

    Aber gut: Die Diskussion, mit Bezug zu damals („Dostojewski – mit Maßen“ und Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrungen“ natürlich jeweils von Thomas Mann) ist eröffnet. OIch erlaube mir kein abschließendes Urteil.

  2. Von solchen Zuschreibungen wie im Falle Novalis halte ich sowieso wenig: wenn ein Künstler, ein Autor genommen wird, der in einer völlig anderen Zeit lebte, um dann in ihn etwas hineinzuprojizieren. Dieser Novalis-Move mit den Impfgegnern war nun an Dummheit und Dreistigkeit kaum zu überbieten und es zeigte sich bei sowas einmal um so mehr, daß diese Leute nichts, wirklich nichts von Novalis gelesen hatten: Keine Fichte-Studien, keine Kant- und Hemsterhuis-Studien. Daß Novalis sich mit Wissenschaft befaßte und nicht mit Spökenkiekerei, daß er im Bergbau eine leitende Stelle hat und im Salinendirektorium saß, dürfte eher wenig esoterisch anmuten. Was Volker Weidermann sich da geleistet, hat, ist nicht einmal mehr als Feuilletonwitz, um mit Absicht Streit zu organisieren, irgendwie witzig zu nennen.

    Eine ähnlich seltsame Einstellung zu dieser Epoche, die die Frühromantik genannt wird und zu einigen dieser Autoren pflegte Georg Lukács in seinem dreibändigen Werk „Die Zerstörung der Vernunft“, wovon wiederum Adorno sagte, daß da wohl eher Lukács‘ eigene Vernunft zerstört gewesen sei: eben im Hinblick auf diesen Irrationalismusvorwurf gegen die Romantik und daß diese Vorläufer des Faschismus sei. Wer solches schreibt, erweist auch hier: nichts gelesen. Und würde man diese Leute nach Zitatbelegen fragen, dann käme das große Schweigen im Walde.

    Ähnliches auch mit Nietzsche: diesem ging es um Denkprobleme, die er in einer Mischung aus Philosophie und Literatur und in diversen Textformen, vom Aphorismus, über die Abhandlung und auch über Prosa („Zarathustra“), zu lösen trachtete. Selbst da halte ich diesen Bezug Nietzsche – Nazis für viel zu kurz gesprungen. (Ebenfalls bei Heidegger.) Und Dostojewski ist und bleibt große Literatur, mag man von Dostojewksi als Mensch und vom Rußland Putins auch halten, was man mag.

    Novalis‘ Reaktion auf den Wilhelm Meister war ja durchaus ambivalente: einerseits schätze er das Buch hoch, andererseits hielt der diesem Buch die kalte Rationalität vor:

    „Wilhelm Meisters Lehrjahre sind gewissermaaßen durchaus prosaïsch – und modern. Das Romantische geht darin zugrunde – auch die Naturpoësie, das Wunderbare. – Er handelt blos von gewöhnlichen menschlichen Dingen – die Natur und der Mystizism sind ganz vergessen. Es ist eine poëtisierte bürgerliche und häusliche Geschichte. Das Wunderbare darinn wird ausdrücklich als Poesie und Schwärmerey behandelt. Künstlerischer Atheismus ist der Geist des Buchs. Sehr viel Ökonomie; mit prosaischem, wohlfeilem Stoff ein poetischer Effekt erreicht. Meistern geht es wie den Goldmachern – Sie suchen viel und finden zufällig indirekt mehr.“ (Novalis, Fragmente und Studien 1799/1800)

    „Gegen Wilhelm Meisters Lehrjahre. Es ist im Grunde ein fatales und albernes Buch – so pretentiös und pretiös – undichterisch im höchsten Grade, was den Geist betrifft – so poëtisch auch die Darstellung ist. Es ist eine Satyre auf die Poësie, Religion usw. Aus Stroh und Hobelspänen ein wolschmeckendes Gericht, ein Götterbild zusammengesezt. Hinten wird alles Farçe. Die Oeconomische Natur ist die Wahre – Übrig bleibende. Göthe hat auf alle Fälle einen widerstrebenden Stoff behandelt. Poëtische Maschinerie.“ (Novalis, Fragmente und Studien 1799/1800)

    Diese Einschätzung paßt ganz sicherlich gut auch zu dem, was im „Heinrich von Ofterdingen“ geschieht und was doch so ganz anders als der Wilhelm Meister ist.

  3. Hinweis des Blogbetreibers:
    Ich habe Ihr hier eingestelltes Gedicht gelöscht, da ich das anlaßlose Posten solcher (eigener) Texte auf meinem Blog nicht schätze. Wenn Sie hier etwas schreiben wollen, dann beziehen Sie sich bitte auf meinen Beitrag und stellen bitte Bezüge dazu her. (Bersarin)

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