Heraus zum 1. Mai! Oder: Der offene Brief

Ihr Offene-Brief-Schreiber, die ihr nicht in Eurer Bequemlichkeit gestört werden wollt und die ihr euch die Ohren zuhaltet, wenn die Namen Mariupol und Butscha erklingen: Übergebt Eure Briefe Putin! Dort sind sie an der richtigen Stelle, wenn ihr einen Frieden ohne Waffen wollt, und nicht bei jenen, die der Ukraine ermöglichen, sich überhaupt erst gegen einen solchen Aggressor Rußland zu verteidigen, damit Butscha nicht irgendwann auch in Lwiw, Odessa, Tallinn, Riga und Warschau sich abspielt. Dieser Offene Brief gleicht einer intellektuellen Kapitulation, er ist eine denkerische Armutserklärung und ein trauriges Zeugnis dafür, was es mit deutschen Intellektuellen auf sich hat. Verständnis ist aufzubringen, für die Angst und die Nöte von Menschen in Deutschland, für ihre Sorge, daß es zu einem Krieg kommen kann. Kein Verständnis ist aufzubringen für eine naive Täter-Opfer-Umkehr, indem das Recht des Angegriffenen auf Verteidigung als Ausdruck der Aggression und vor allem der Eskalation gesehen wird. Es erinnert an jene Lehrer, die das Opfer des Schulhofschlägers am Ende dafür beschuldigen, daß es sich körperlich gewehrt hat oder daß das Opfer den Schläger beim Lehrer gemeldet habe, mit des Lehrers Hinweis „Petzen ist aber nicht schön!“

Kein Verständnis ist ebenfalls aufzubringen für jene, die intellektuell und das heißt mit den Mitteln des Denkens es nicht realiseren können, daß eine Kapitulation vor einem solchen Aggressor wie Rußland einen viel höheren Preis bedeutet, als weiterzukämpfen: der Preis ist hier nämlich die Freiheit und die Möglichkeit in Würde und unangetastet weiterleben zu können. Dies ist unter der Besatzung durch Rußland kaum vorstellbar.

In trauriger Weise faßt es Yevgenia Belorusets in ihrer Antwort auf diesen Offenen Brief zusammen:

„In meiner Wohnung in Kiew stehen die Bücher von Alexander Kluge, der zu meinen Lieblingsautoren gehört, und der mit seiner Unterschrift unter diesen Brief mich, meine Eltern, meine Wohnung mit seinen Büchern, gewissermaßen zum Verschwinden verurteilt.“

Implizit machen sich die Unterzeichner dieses Briefes zum Sprachrohr Putins, wie die Kölnische Rundschau drastisch, aber nicht ganz unzutreffend titelte: Sie wissen es nicht, aber sie tun es. Und so heißt es in der Rundschau:

„Haben die Autoren vom Massaker von Butscha gehört und von den Deportationen, die Russland offen einräumt? Wie können sie dann mit dem Schutz der ukrainischen Zivilbevölkerung argumentieren und so tun, als entscheide deren Regierung über – so wörtlich – „,Kosten an Menschenleben“? Eine unglaubliche Verdrehung: Es ist es doch allein die ukrainische Armee, die Zivilisten vor russischen Kriegsverbrechen schützt.

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Der Angriff auf Kiew zu einem Zeitpunkt, zu dem der UN-Generalsekretär in der Stadt war, zeigt, dass Russland derzeit gar nicht verhandeln will. Es geht vielmehr um Einschüchterung. Die Briefautoren machen sich zu Wirkverstärkern russischer Weltkriegs- und Atombomben-Propaganda – bis hin zur Wortwahl: Sie warnen vor einem „Gegenschlag“, als ob irgendjemand bei der Nato an einen Erstschlag dächte.

Ja, der Dritte Weltkrieg muss vermieden werden und ist vermeidbar: durch glaubwürdige Abschreckung – nicht durch Einknicken, das nur die nächste Zündelei begünstigen würde.“

Wer sich gegen einen Angriffskrieg wehrt, hat alle Rechte der Welt sich zu verteidigen. Und wie ein Krieg weiter eskaliert: das liegt allein in den Händen Putins. Und ja: im allerschlimmsten und nicht zu hoffenden Falle muß das freie Europa auch damit leben, daß es in Europa einen Krieg gibt, der kein Regionalkrieg mehr ist, weil alle Mittel unseres Verhandelns versagt haben. Nicht die Ukraine, nicht das freie Europa ist es, die über den Krieg befindet, sondern es ist Rußland, das immer weiter und bis zum totalen Krieg hin eskaliert. Hinreichend oft und ohne Unterlaß hat die EU, haben die NATO und die USA betont, daß es nicht das Ziel ist, russisches Territorium anzugreifen.

Eine der Optionen, die im Augenblick zielführend ist und die der Ukraine bisher hilft – und das mit Erfolg und ohne daß dabei eine direkte Konfrontation mit Rußland gesucht werden muß – ist die Ausrüstung (nicht Aufrüstung!) der Ukraine mit Waffen, und zwar mit all denen, die dort bedient und erfolgreich benutzt werden können. Und eine weitere Option ist, Rußland wirtschaftlich derart zu isolieren und damit zu schwächen, daß Putin sich gezwungen sieht, sich an den Verhandlungstisch zu begeben. Es Putin zunehmend schwer machen, diesen Krieg zu führen: militärisch, wie wirtschaftlich.

Und vielleicht liegt ein Teil der Hoffnung auch auf den russischen Müttern, die dann in der Tat, Herr Reinhard Mey, Ihren Song „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ singen. Dort in Moskau, in St. Petersburg, in Wladwostok, in Perm, in Nischni Nowgorod, in Kasan, in Rostow: da ist dieses Lied sehr angebracht. Im Deutschland der 2020er Jahre nicht. Da nämlich ist es Feigheit, Naivität oder Dummheit oder ein Verbund von allen drei Sünden: von einem System zu profitieren, das man im Zweifelsfall nicht bereit ist, auch zu verteidigen – ein System übrigens, das anders als Rußland, sogar noch erlaubt, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Es ist der Egoismus dieser Brief-Unterzeichner und vor allem deren Naivität schwer faßbar. Und auch Edgar Selge heute in einem Interview im „Tagesspiegel“ so:

„Büdde, büdde, liebe Ukraine, ich bin natürlich voll solidarisch mit euch, zwar nicht so, daß es auch Putin mitbekommt, denn das könnte ihn provozieren, aber büdde, büdde, belästigt mich nicht derart mit euren Problemen wie den schweren Waffen und was ihr sonst noch so wollt. Und Theater und Film im kalten zu spielen, ohne Heizgas: das ist auch nicht ohne, ihr ahnt gar nicht, was wir in Deutschland für Kämpfe auszustehen haben. Also büdde, büdde, liebe Ukraine: Verliert mal schön, damit hier wieder Ruhe einkehrt!“

Vor allem möchte ich einen konstruktiven Vorschlag dieser Leute hören, auf welche Weise einer wie Putin zu stoppen sei. Wie hören die russischen Angriffe, die russischen Kriegsverbrechen, das russische Foltern, das Vergewaltigen, das Verschleppen und das Ermorden von Zivilisten auf? Es ist ja nicht so, daß wir mit dem russischen Angriff irgendein abstraktes Problem aus einem Lehrbuch abhandeln, das sich in Gedankenspielen stellt, sondern mit dem Angriff Rußlands und den russischen Kriegsverbrechen, den Menschenverschleppungen, Folterungen und Vergewaltigungen geschehen schlimme Dinge, die realiter gelöst werden müssen und nicht am Schreibtisch und nicht in Petitionen. Warum reisen diese Leute nicht nach Moskau oder nach Mariupol und überreichen dort Putin oder dem zuständigen russischen Kommandanten ihren Brief, wenn es ihnen angeblich um den Frieden geht? Es sind ja kaum Scholz und die Bundesregierung, die immer weiter esaklieren und Kriegsverbrechen im Donbass und um Kiew herum begehen. Soviel auch an Putins 5. Kolonne hier die Nachblöckseiten und an die Schreibtischtäter Dirk Pohlmann, Tom Wellbrock und eine Reihe anderer Verschwörungsschwätzer, die ihren Salms, den sie für kritisches Bewußtsein halten, hier in Deutschland schreiben dürfen.

Wer Frieden von Putin will, muß das Putin sagen. Und wer keine anderen Vorschläge machen kann als „Wehrt euch nicht, wenn ihr angegriffen werden, sondern laßt euch verschleppen, ermorden und vergewaltigen“, der ist entweder ein verlogener Lump oder aber er soll sich, wenn er es ernst meint, in einer gemeinsamen Aktion von Prominenten nach Moskau begeben und dort für den Frieden demonstrieren.

Und auch gegen Habermas‘ Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt: das Problem ist nicht moralische Überhitzung – würden wir beim Zeiten Weltkrieg und bei den Debatten, ob die Briten den Polen helfen sollten, auch von solcher moralischen Überhitzung sprechen? Sicherlich nicht. Sondern das Problem ist ein zu langes Zaudern und Zögern. Die Gunst der Stunde nämlich zu nutzen und eine schwer dezimierte russische Armee in der Ukraine aus der Ukraine herauszudrängen. Habermas langen Artikel kann man auch mit einer dieser deutschen Redensarten zusammenfassen: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß!

Ansonsten bleibt, wenn wir schon beim Protest am 1. Mai sind, diese Photographe zu zeigen:

„Moskau, Roter Platz, 29. April 2022: Menschenrechtsaktivist Oleg Orlow und die ehemalige Mitarbeiterin von International Memorial, Irina Galkowa, werden auf dem Roten Platz festgenommen, weil sie für den Frieden in der Ukraine demonstrieren. Das ist der richtige Ort! #StandWithUkraine
(Ilko-Sascha Kowalczuk)

Genau so ist es: der einzige Ort, um am 1. Mai für Frieden zu demonstrieren, ist der Rote Platz oder in anderen russischen Städten. Denn von Rußland geht dieser Angriffskrieg und geht die Aggression aus. Es liegt an Rußland, seinen Angriff abzubrechen.

14 Gedanken zu „Heraus zum 1. Mai! Oder: Der offene Brief

  1. Sehr mutig von den beiden. In den vergangenen Tagen sah ich öfter Tweets, dass in Russland Menschen festgenommen wurden, weil sie still demonstrierten, indem sie unsichtbare Schilder hochhielten (siehe Foto).

    Eine Geldbuße zahlen musste ein Mann, der blaue Laufschuhe mit gelber Sohle trug, sowie eine Frau, die ihre Fingernägel blau-gelb lackiert hatte. Sie musste den Nagellack zudem entfernen.

  2. Ja, solche Demos sind in der Tat mutig und ich bewundere diese Leute für solche Haltung. Während der Ken-Jebsen- und Nachblöckseiten-Krams hier von Diktatur faselt. Und kein Wort zu russischen Kriegsverbrechen.

  3. Es gibt noch weitere Antworten auf den offenen Brief in „Emma“.

    Der Hamburger Lyriker, Musiker und Erzähler Wolfgang Müller schreibt:

    Der offene Brief in der “Emma” und warum “Aufrüstung ja oder nein” die falsche Frage ist

    Das Rhein-Main-Gebiet, Ramstein und die Eifel sind übrigens auch nach 1990 strategische Ziele für Atomraketen geblieben. Heidelberg ist inzwischen keins mehr, das us-amerikanische Hauptquartier zog ja um ins Rhein-Main-Gebiet. Und in Frankfurt ist zudem der Denic-Knoten. In hessischen Kommunen gibt es auch noch die Sirenen und einmal im Quartal Probealarm.

    Tobias Buturoaga startet seinen offenen Brief an Bundeskanzler Scholz als Petition:

    Jetzt ist nicht die Zeit, typisch deutsche Zurückhaltung zu üben

  4. Vielen Dank für die instruktiven Links! Die Repressionen gegen Demonstranten unter Putin reichen ja bereits weit zurück. Auch das vergessen all jene, die die USA für das Übel der Welt halten, aber leider bisher nicht mitbekommen haben, wie es in Rußland zugeht. Da hat man schnell mal Nowitschok in der Unterhose. Und was mit der Band Pussy Riot geschah, dürfte den meisten ebenfalls noch im Gedächtnis geblieben sein.

  5. Ich denke auch jedes Entgegenkommen wird von Putin als Schwäche ausgelegt werden. Verhandeln wird er erst, wenn er den Eindruck hat, dass dabei etwas besseres für ihn herauskommt als bei Fortsetzung des Krieges, sprich: wenn ihm klar wird dass er den Krieg nicht gewinnen kann. Dann wäre auch der Zeitpunkt, ihm entgegen zu kommen, vorher nicht.

  6. @El Mocho: Genau das ist auch meine Vermutung. Oder wie es heute Josef Joffe im Tagesspiegel richtig schrieb:die Putin-Versteher werden niemals begreifen, daß man mit einem Killer nur verhandeln kann, wenn man ihm mit einer geladenen Pistole gegenübersitzt. Und was der Verbrecher im Kreml von Verhandlungen hält, hat er gezeigt, als er während des Besuchs von UN-Generalsekretär António Guterres Kiew beschießen ließ. Deutlicher kann man der Welt nicht zu verstehen geben: Wie scheißen auf die UN und auf die übrigen Welt. Wer derart mit der UN umgeht, von dem ist nichts zu erwarten. Der Mann ist Dreck.

  7. Vielleicht könnte man noch einmal nachverhandeln während die 6. US Flotte im Mittelmeer und eine britische Trägergruppe in der Ostsee kreuzt, die US Navy mit den Japanern ein Flottenmanöver vor Wladiwostok abhält und die Panzertransporte für die Ukraine durch die Ukraine von NATO-Hubschraubern eskortiert werden.

  8. @ziwolanum: Das wäre zumindest keine schlechte Option. Und gerade weil die NATO all das eben nicht macht, ist das ganze Gerede dieser Schweinebande von den Nachblöckseiten, von Ulrich Heyden, Wellbrock, Pöhlmann und wie diese Schreibtischtäter alle heißen, daß die Nato der Aggressor sei, derart läppisch und dumm.

  9. Und dieses ist das allerbeste:
    „Moskau ist wegen Beschuss aus der Ukraine beleidigt
    Moskau beklagt sich nach seinem Einmarsch in der Ukraine über Angriffe auf sein Staatsgebiet. Das Zetern darüber ist enorm. Die Russen merken nun an den Grenzen selbst, was es bedeute, „entmilitarisiert“ zu werden, meinte der ukrainische Präsidentenberater Podoljak.“

    Tja, sowas kommt von sowas.

    https://www.welt.de/politik/ausland/article238488425/Angriffe-gegen-den-Angreifer-Moskau-ist-wegen-Beschuss-aus-der-Ukraine-beleidigt.html?

  10. So ist das: Erst überfällt man diese Leute, brandschatzt sie, metzelt sie nieder, und dann drehen die ohne jeden Grund den Spieß plötzlich um (Zenturio Nixalsverdrus).

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