Putins Tote

Im schönen Odessa wurde bei einem Raketenangriff der Russen die Mutter Valeria und ihre kleine Tochter Tochter Kira getötet. Vermutlich dachten sich Putin und seine Soldateska, daß man mit der Säuberung von Nazis am besten schon im Säuglingsalter anfängt. Auch Baby-Nazis sind Nazis, dachte sich der bleich-blutleere Baby-Hitler.

Der Tod einer Mutter und ihres Babys nennt sich dann wohl Kollateralschaden. Als solches die USA taten, in Vietnam etwa, war der Slogan der Demonstranten nicht etwa: „Vietcong leg die Waffen nieder!“, sondern man rief „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!“ und dieser Ho Chi Minh war nun alles andere als ein demokratisch gewählter Präsident, der auch nur annähernd ins Schema Menschenrecht und Freiheit fiel, sondern vielmehr ging auch er blutig vor. Ein lupenreiner Demokrat war jener Ho Chi Minh sicherlich nicht. Aber es ging eben auch um einen Befreiungskampf. Und das ist in der Ukraine ebenfalls der Fall, nämlich gegen eine imperialen Aggressor Putin. Und auch der Unterschied Ho Chi Minh und Wolodymyr Selenskyj dürfte intuitiv bereits ins Auge springen.

Und nein: es ist nicht mehr nur Putins Krieg. Bei der Zustimmung der Russen zu diesem Krieg ist es ein Krieg Rußlands gegen einen souveränen Staat – anders übrigens als der Irak, für alle Äquidistanzler aus dem Stall Zarenknecht-Blöcker und dem der Schreibtischtäter von den Nach“denk“seiten. Und in diesem Sinne muß Rußland genau so behandelt werden wie jenes Deutschland von 1933, 1939 und 1941. Keine russische Kultur im Austausch mit Moskau, St. Petersburg und anderen Städten, außer es handelt sich um Dissidenten und Emigranten, keine Ausstellungen, keine russischen Sportler, keine Teilnahme der Russen an internationalen sportlichen Wettkämpfen, keine russischen Oligarchen, die im freien Westen ihre Kinder auf die Internate in Frankreich und England schicken. Russische Propaganda-Autokorsos in Deutschland nur unter strengsten Auflagen und beim geringsten Verstoß: Abbruch. Und die Polizei wird doch sicherlich den einen oder den anderen technischen Mangel an einem Fahrzeug feststellen.

Aber aller Zorn über den Verbrecher in Moskau nützt nichts: Es verlieren bei diesen Angriffen Ukrainer ihr Leben. So diese Mutter und dieses Kind. Und das geht immer so weiter. Von den Deportationen der Ukrainer ganz zu schweigen und ebenso von den Verbrechen, die die Russen in Mariupol anrichten – in den Katakomben des Stahlwerkes halten sich im übrigen unzählige Kinder auf. Solange die Russen nicht aus der Ukraine vertrieben sind und Putin kapituliert, wird der Mord an Zivilisten immer weiter gehen: Entweder sie werden im Krieg getötet oder sie werden beim Widerstand sterben. Wie es den Ukrainern in den ehemals besetzten Gebieten geht, zeigten Butscha, Irpin und Mariupol, wo inzwischen weitere Massengräber entdeckt werden.

Um Putin zu vertreiben oder zu besiegen, braucht es Waffen. Und wer nun sagt: „Aber Waffen schaffen keinen Frieden!“, der muß zum einen geeignete Vorschläge machen, wie Putins Soldateska aus der Ukraine zu vertreiben ist und zum anderen sollte er lieber die Ukrainer fragen, wie sie die Sache sehen. Deren Stimmen sind entscheidend und nicht diejenigen, die hier in ihren Sesseln sitzen und ihre Ruhe wollen: Lumpenpack-Pazifisten ist das Wort der Stunde. Was zählt, sind die Ukrainer: die Stimme der in freien Wahlen ernannten Regierung des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist entscheidend und nichts sonst und dann schaut der freie Westen, das freie Europa, was es sinnvoll leisten kann. Solange solch junge Frauen und Babys von Russenraketen umgebracht werden, ist jedes Reden von Pazifismus ein Hohn auf die Opfer.

Der russische Bombenangrifff auf Odessa ereignete sich am orthodoxen Karsamstag. Es gab 6 Tote, darunter jenes Baby, und 18 Verletzte. Soviel zu Putins Frieden und zum Osterfrieden.

22 Gedanken zu „Putins Tote

  1. Ich bin mir nicht immer sicher, wie ich die Einstellung der russischen Bevölkerung zu diesem Krieg einschätzen soll. Es gibt ja Umfragen nach denen 83% der Russen den Krieg unterstützen, aber kann man russischen Umfragen trauen? Dürften die nicht genauso gefälscht sein wie alles andere in russischen Medien?

    Die (wenigen) Russen die ich bisher kennen gelernt habe, waren völlig in Ordnung. In den letzten 20 Jahren haben die Russen mehr Kontakt mit der Außenwelt gehabt als je zuvor, ich habe in Mexiko russische Touristen getroffen, denen es da gut gefiel. In der Türkei stellen sie inzwischen eine der größten Touristengruppen. Immer mehr Russen sprechen Englisch (das Bildungssystem ist ja wohl recht gut). Also da dürfte sich schon was geändert haben, zumindest bei den unter 50jährigen.

    Aber es ist halt nicht jeder ein Held, und von der russischen Polizei verhaftet zu werden, dürfte schon recht hart sein.

    Im Grunde gleicht die aktuelle Situation dem Ende der Sowjetunion, die ja auch nicht wegen der bösen Nato zusammenbrach oder wegen des Einflusses der westlichen Dekanz, sondern vor allem wegen der dysfunktionellen Ökonomie. In eingen Monaten dürften die Sanktionen sehr schmerzhaft spürbar sein in Russland, und zehntausende Familien werden sich fragen, wozu ihr Sohn oder Vater eigentlich in der Ukraine gestorben ist.

    Also einen kleinen Anlass zum Optimismus sehe ich schon. Auch wenn leider weiter Mütter mit ihren kleinen Kindern sterben müssen.

  2. Schwierig zu sagen: den Umfragen würde ich ebenfalls nicht unbedingt trauen. Was macht man in einer Diktatur, wenn man 1940 von eine Marktforscher gefragt wird „Was halten Sie von dem Überfall auf Polen?“ Man wird vermutlich aus Klugheitsgründen antworten „Finde ich gut!“. Was ich aber für glaubhafter halte, sind jene Ukrainer, die von ihren russischen Verwandte berichten und wenn diese Verwandten den Krieg gegen die Ukraine wortreich verteidigen. Was die Bildung betrifft: Ja, es gibt eine Zahl an jungen Leuten in den Städten. Aber es gibt eben auch das traditionelle Land und die vielen Alten. Ich denke, dort stimmen die meisten diesem Krieg zu. Aber es ist eben, wie gesagt, schwierig, unabhängige Infos zu bekommen. Im Augenblick bin ich wenig optimistisch. Wenn den bleichen Lurch nicht seine Krankheit dahinrafft oder die Oligarchen oder die Chinesen ihn wegfegen, sehe ich die Dinge weniger optimistisch. Was er immerhin erreicht hat: Schweden und Finnland öffnen sich einem NATO-Beitritt und es wird kein Land der EU ihn mehr zu sich einladen. Zumal Putin und die seinen fürchten müssen, verhaftet und nach Den Haag zum Internationalen Strafgerichtshof überstellt zu werden. Ein neues Rußland wird es nur ohne Putin geben. Allerdings: was da an Putins Seite sitzt, ist ebenfalls wenig vertrauenserweckend.

  3. Ansonsten gucke man sich dieses Video einer „patriotischen“ russischen Mutter an: „Rede einer Mutter bei der Beerdigung ihres Sohnes an, der im Krieg in der Ukraine gefallen ist. Sie dankt Wladimir Putin für die „Spezialoperation“.“

    Immerhin gibt es von Putin das Schweigegeld, dafür muß man dann auch mal lobhudeln – es sollen wohl rund 100.000 Euro sein. Bei dieser Summe sind die fahrenden Krematorien der Russen-Armee verständlich, damit die Kosten nicht zu hoch werden.

    Sehr schön wurde in den Kommentaren auch Tucholsky zitiert: „Eine Katze, die eine Maus tötet, ist grausam. Ein Wilder, der seinen Feind auffrisst, ist grausam. Aber das grausamste von allen Lebewesen ist eine patriotische Mutter“

  4. Straßenunfrage von 1420: What do Russians think now? 2 months after the start. Die Umfrage machten sie in Kostroma, Aachens Partnerstadt. Sie liegt etwa 300 Kilometer nordöstlich von Moskau an der Wolga und zählte 2012 rund 270.000 Einwohner (keine Ahnung, wie viel es aktuell sind)..

    Ende März fragten sie in Moskau: What do Russians think now? 1 month after the start.. Es gibt frühere Umfragen nach der ersten, zweiten und dritten Woche – ich habe sie bei mir unter den Bäumen verlinkt, sie sind sehenswert. Man merkt auch im Verlauf der Wochen, wie die Leute immer vorsichtiger werden und zunehmend verklausulierte Antworten geben.

    In dieser Umfrage von 1420 in Moskau geht es vordergründig um die Deutschen während des Zweiten Weltrkiegs: Russians share thoughts on Germans of WW2

    Die Frage Do you think Ukraine is full of nazis? stellte 1420 ebenfalls in Kostroma.

    Es gibt auch eine, in der sie den Leuten Videos aus Butscha zeigen.

  5. Es ist ja zudem die Schwierigkeit in einer blutigen Diktatur, sei es Hitler-Deutschland, sei es Putins Rußland, tatsächliche Ergebnisse zu bekommen. Andererseits ist eben, wie Hitler-Deutschland zeigte, die Zustimmung auch sozusagen „in echt“ denn doch hoch. Propaganda wirkt. Aber ich schaue die nächsten Tage mal in die Videos rein und lasse mich überraschen.

  6. Schauen Sie sich auch die Umfragen nach der ersten, zweiten und dritte Woche an. Ehrlich gesagt, habe ich bei einigen Statements die Luft angehalten und hoffe, dass die entsprechenden Dienste weder den Kanal finden noch irgendeine automatische Gesichtserkennung nutzen.

    1420 schrieb bei einigen Umfragen auch in den Infos zu den Videos, wie viele Leute sich nicht zu antworten trauten.

    Bei Monsieur Avantgarde habe ich noch auf neue Infos über den Stardirigenten Gergiev hingewiesen und auf kurzfristige Konzertabsagen, weil DDT und Bi-2 nicht vor dem Z-Symbol spielen wollten. Die Shows wurden von den Behörden gestrichen. Bei Bi-2 standen die Fans schon in der Halle.

  7. Vielen Dank für die Info: immer gut, solches Hintergrundwissen zu haben. Für das Bewußtsein in Rußland sehe ich schwarz. Eine Minderheit von Leuten, die noch frei ihre Meinung sagen. Schon aus diesem Grunde ist das Schweigen eines Großteils der Linken zu Rußland ein Skandalon, selten leider solche wie che oder wie Greg Yudin. Die Linkspartei ist zu großen Teilen verbrannt.

  8. Hat sich jemand von euch schon mit Alexander Dugin beschäftigt, dem Mann „auf den Putin hört“?

    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/alexander-dugin-auf-diesen-mann-hoert-wladimir-putin-12991924.html

    Hier ist ein Interview mit ihm: https://deutsche-stimme.de/alexander-dugin-nach-dem-tod-gottes-folgt-logischerweise-der-tod-des-menschen/

    Haarsträubend was der da so von sich gibt. Sein neues Buch habe ich grade heruntergeladen und zu lesen begonnen.

    Nach dem ich den Patriarchen Kyrill der russischen Orthodoxen Kirche im Interview gehört habe, in dem er sagte, es ginge hier um einen metaphysischen Krieg, in dem die Nato das Ziel habe, „in Kiev Gay-Paraden abzuhalten“, habe ich beschlossen, micht mal ein bisschen kit den Hintergründen zu beschäftigen.

  9. Kenne ich. Ein mystisch-gnostischer Seins- und Wahrheitsbegriff kombiniert mit absoluter Feindseligkeit gegen die westliche Moderne, den Marxismus und den Liberalismus. Kein Wunder dass ein Naziblatt darauf abfährt.

  10. Ziemlich seltsame Gestalt und erschreckend. Er wird auch in diesem sehr lesenswerten Buch beschrieben:

    Michel Eltchaninoff: In Putins Kopf. Die Philosophie eines lupenreinen Demokraten Tropen Verlag, Stuttgart 2016

  11. Die metaphysische Vorstellung die dahintersteckt ist die einer Welt des reinen Geistes, die völlig getrennt vom physikalischen Universum existiert, der die menschlichen Seelen entstammen und in die sie zurückkehren müssen und einer physikalisch-materiellen Welt, die eigentlich eine Sinnestäuschung ist und in der Verführung und Ablenkung lauern die uns vom Rückweg in die Geisteswelt abhalten wollen. Beherrscht wird dieses materielle Universum von einer Kraft die es erschaffen hat und als Demiurg, Satan oder Azatoth bekannt ist, während das Göttliche sich in der jenseitigen Geisteswelt befindet. Jedwede naturalistisch-materialistische Philosophie ist in dem Sinne als „böse“ anzusehen, seit der Renaissance und auch inklusive Aristoteles.

    Eine Verbindung aus Gnosis, Theosophie, mittelalterlicher Mystik und sehr radikaler Orthodoxie.

  12. Diese Dinge in der Philosophie und auch in der Theologie und der Mystik gedacht sind eben nochmal etwas ganz anderes, als wenn einer versucht, aus solchem Denken plötzlich eine Praxis zu machen und daraus in völlig falschen logischen Schlüssen Kausalitäten zu erzeugen, die in Wahrheit keine sind. Davon ab, daß man bei den Mystikern immer in Anschlag bringen muß, daß es sich zugleich um ein literarisches Sprechen handelt.

  13. Da bin ich ja durch die Hardcore-Gnosis geprägt, die sagt: „Du musst Dich aus allen Verstrickungen in die körperlich-materielle Welt befreien und die Wiedergeburt im Geiste erleben“, und das ist nicht als literariischér Sprechakt, sondern als meditativ-introspektive Praxis gemeint (deren Voraussetzung völlige innere Stille, das Gegenteil von Sprechen ist). Aber auf politische Dimensionen projiziert wird das zu völligem Unsinn, es ist, als würde jemand aus den Mysterien von Eleusis die Schlachten Alexanders ableiten.

  14. Genau. Man muß halt immer sehen, worauf sich solche Texte beziehen und aus welcher Zeit sie stammen. Sicherlich haben meditative Anweisungen eine anderen Charakter als Texte, die über ein Mystisches reflektieren. Wenn wir solche Texte heute lesen, haben sie immer auch jene literarisch-rhetorische Dimension, selbst wenn wir sie neu insozenieren und praktizieren, in einer Art von Reenactment. Die unmittelbare Eins-zu-ein-Übersetzung von Theorien in Praxis läuft meisten auf Schreckliches hinaus.

  15. Ich habe das neue Buch von Dugin jetzt beendet.

    Ist eigentlich nur ein Pamphlet, 33 Seiten lang. Absolut erschreckend; demnächst vielleicht ein paar Zitate usw.

    Mein Gott, er hasst Galiliei, der wirklich einer der Menschen ist, die ich am meisten verehre. Der uns gelehrt hat, dass das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist, dass wir die Welt erkennen und verstehen können, und das wir uns seber als Teilder Natur zu verstehen haben. Und an dessen Stelle setzt er alles, was nicht westlich ist, China, den Islam, Afrika…grauenhaft.

  16. Wobei diese Gegensetzungen ja noch nicht mal stimmen. Bestimmte chinesische Philosophien, z.B. Lao Tse oder Mo Ti, wären mit der heutigen chinesischen Staatsdoktrin unvereinbar. Der uns so „orientalisch“ anmutende Islam hat eine gemeinsame Genese mit Judentum und Christentum, die aus der Sicht Indiens oder Chinas „westlich“ ist.

    Soweit ich weiß ist Dugin auch gegen Aristoteles, aber für Plato und Sokrates. Weil ersterer für einen technokratischen Expertenstaat ist und seine Ideenlehre der Gnosis nahekommt und weil letzterer aus Gehorsam gegenüber dem Staat in den Tod gegangen ist.

    Bin gespannt auf die Zitate.

  17. @“Und an dessen Stelle setzt er alles, was nicht westlich ist, China, den Islam, Afrika…grauenhaft.“ Die Frage ist, ob er das aus innerer Überzeugung tut oder ob es mit dem politischen Anspruch korreliert, Seit an Seit mit China und Nordkorea und auch Indien zur Führungsmacht der Dritten Welt gegen den Westen zu reüssieren.

  18. Das, was man heute in so einen netten Wort wie interkulturelle Philosophie faßt – mal unabhängig davon, ob dieser Begriff sinnvoll ist -, gerät dann zu einer fatalen und schlimmen Angelegenheit, wenn man nicht mehr die Texte selbst und ihren Raum, in dem sie entstanden sind, nimmt, sondern sie explizit auf eigene, meist auch noch politische Deutungshorizonte bezieht.

    Der Islam des frühen Mittelalters ist wesentlich durch die griechische Antike geprägt. Hier kann man auf das unterhaltsame und gut zu lesende Buch von John Freely verweisen: „Platon in Bagdad. Wie das Wissen der Antike zurück nach Europa kam.“ Sowieso sind die Berührungen auch mit Indien mitzudenken. Das Andere ist immer auch ein Teil des Eigenen. Platon nicht ohne Ägypten denkbar, was nicht heißt, daß alles ein Kulturraum wäre. Es gab durchaus ein spezifsch griechisch-antikes Denken. Aber nicht im Sinne eines, in heutigen Begriffen gedacht, Ethnopluralismus wie es die Neue Rechte andenkt oder aber als völlig getrennte Sphären. So wie eben die französische Kultur teils große Unterschiede zur deutschen aufweist und es dennoch eine Art von Osmose gibt. Wer die deutschesten Franzosen erleben will, der fahre ins Elsaß. Starre Dualitäten sind Audruck undialektischen und starren Denkens. Der Begriff der Kultur zeichnet sich ja gerade durch eine hohe Offenheit aus – weshalb auch (neues Faß aufgemacht) Begriffe wie Cultural Approbiation in solchen Kontexten dumm sind, wo Menschen Elemente anderer Kultur aufgreifen, ohne dabei wiederum in eine naive One-World-Ideologie zu gleiten.

    Worin liegt das Problem bei Leuten wie Dugin, insbesondere in den Fragen der Auslegung der Primärtexte? che bringt es auf den Punkt:

    „Soweit ich weiß ist Dugin auch gegen Aristoteles, aber für Plato und Sokrates. Weil ersterer für einen technokratischen Expertenstaat ist und seine Ideenlehre der Gnosis nahekommt und weil letzterer aus Gehorsam gegenüber dem Staat in den Tod gegangen ist.“

    Es sind doxographische, formelhafte Festschreibungen von bestimmten philosophischen Positionen, um sie handhabar für die eigene Sache zu machen. Nur eben, daß diese Philosophien in ihrer Komplexität sich gerade nicht auf solche Zuschreibungen vereidigen lassen. Bei Platon gibt es keine Ideenlehre (Betonung liegt hier auf Lehre und wer den Begriff des eidos einmal nimmt und wie das bei Platon ausgefaltet wird, wird ebensowenig auf eine solchen Gedanken kommen); seine „Politeia“ ist ein hochkompliziert gebautes Werk – unter anderem über die Gerechtigkeit -, so daß sich jede Zuschreibung, wie sie schon Popper dumm getroffen hat, verbietet. Vor allem wird meist die rhetorische Struktur des Textes: die Dialogform und das Wesen von eigentlichem und uneigentlichem Sprechen nicht beachtet. Und weil eben Leute dann auch nicht gelernt haben, Primärtexte ordentlich zu lesen, lassen sich manche lieber auf solche Tertiärlektüren wie die von Dugin ein und neben solche doxographischen Auslegungen für bare Münze. Und das geschieht leider nicht nur bei Dugin, sondern erheblich auch im universitären Betrieb. Das Problem auch hier: Ein verdinglichtes Denken, das sich gerne mit Zuschreibungen begnügt, um eine Sache einzuordnen. Und da kommen dann halt, wenn man Leute fragt, etwa zu dem Wort Romantik, aber auch zu Autoren wie Marx, Heidegger, Nietzsche unfaßbar triviale Aussagen zustande. Nein, Romantik ist kein Irrationalismus und schon gar nicht die Jenaer Frühromantik um Schlegel und Novalis. Novalis war Wissenschaftler. Seine Fichte-Studien sind alles andere als irrational, sie sind eine vernunftgeleitete Auseinandersetzung mit dem Denken Fichtes und der Frage nach dem Ich als Prinzip der Philosophie.

  19. @Netbitch: Das ist eine berechtigte Frage, und in der Antwort, zumindest als erste Vermutung, denke ich ebenfalls, daß bei Dugin geopolitische Überlegungen, auch im Sinne eines Dritten Imperiums, wie das russische Ideologen andenken, eine Rolle spielen. Sicherlich auch im Sinne des Aufschließens zur Weltmacht. Daß dabei Rußland mehr und mehr zum Anhang Chinas werden wird, weil Rußland am Ende mit dem Stärkeren mitgehe wird müssen, ist dabei von solchen Ideologen nicht mitgedacht.

    Sehr gut sagt es der Historiker Yuval Noah Harari: „Russland ist im Grunde nichts anderes als eine Tankstelle mit Atomwaffen. […] Wenn Russland eine Weltmacht werden will, sollte es Schulen statt Panzer bauen.“

    https://www.zeit.de/2022/17/yuval-noah-harari-russland-ukraine-krieg (Harari: „Imperiale Kriege lohnen sich nicht mehr“)

  20. Nur mal ein paar Auszüge, die Dugins Denken aus meiner Sicht ganz gut chrakterisieren.

    „The roots of the liberal (=capitalist) system go back to the scholastic dispute about universals. This dispute split Catholic theologians into two camps: some recognised the existence of the common (species, genus, universalia), while others believed in only certain concrete — individual things, and interpreted their generalizing names as purely external conventional systems of classification, representing “empty sound”. Those who were convinced of the existence of the general, the species, drew on the classical tradition of Plato and Aristotle. They came to be called “realists”, that is, those who recognised the “reality of universalia”.

    Darin sieht er den Beginn des Niederganges der europäischen Kultur. Die Abwendung vom Glauben an die reale Existenz von Unversalien (platonischen Ideen) führt auf eine Bahn, die mit dem „Great Reset“ von Klaus Schwab und dem WEF endet.

    „Starting from nominalism, we can trace the entire path of historical liberalism, from Roscelin and Occam to Soros and Biden.“

    “By the twentieth century, through the period of colonial conquests, Western European capitalism had become a global reality. The nominalist approach prevailed in science and culture, in politics and economics, in the very everyday thinking of the people of the West and of all humanity“

    Mit keinem Wort wird darauf eingegangen, warum sich wohl der Nominalismus gegen das idealistische Denken durchsetzen konnte, er erscheint als eine bösartige Erfindung von Willhelm von Ockham mit der Absicht, das Christentum zu vernichten.

    Dugin rekonstruiert dann von diesem Ausgangspunkt die Geschichte der westlichen Kultur. Nominalismus führte zur Reformation, diese zur Aufklärung und zur Entstehung der materialistischen Wissenschaften, diese wiederum zum Kapitalismus und zum Triumph des Liberalismus in der ganzen Welt. Mit dem Ende der Sowjetunion schien der Liberalismus endgültig triumphiert zu haben. Die Entwicklung ist aber noch nicht abgeschlossen; der Liberalismus hat erst gesiegt, wenn er den Menschen ganz abgeschafft hat:

    „We have seen that the entire history of liberalism is the successive liberation of the individual from all forms of collective identity. The final accord in the process of this logically perfect implementation of nominalism will be the transition to posthumanism and the probable replacement of humanity with another —posthuman — machine civilisation. This is what consistent individualism, taken as something absolute, leads to.“

    Menschen sollen also durch eine Art von Cyborgs ersetzt werden, die über keinerlei Identität verfügen und von den Globalisten beliebig manipuliert werden können.

    Abere inzwischen ist weltweit eine Widerstandsbewegung gegen den großen Reset entstanden, das Große Erwachen (Great Awakening).

    „The Great Awakening is the spontaneous response of the human masses to the Great Reset.“
    Das ist der spontane Widerstand der Menschen gegen ihre Abschaffung. Symbolisch dafür stehen die Wahlt von Trump zum Präsidenten der USA, die populistischen Bewegungen und Parteien in Europa und natürlich Russland unter Putin:

    „Russia has never been “just a country”, much less “just one among other European countries”. For all the unity of our roots with Europe, which go back to Greco-Roman culture, Russia at all stages of its history has followed its own particular path. This also had an impact on our firm and unwavering choice of Orthodoxy and Byzantinism in general, which largely determined our estrangement from Western Europe, which chose Catholicism and later Protestantism. In the modern age, this same factor of profound distrust of the West was reflected in the fact that we were not so affected by the very spirit of modernism in nominalism, individualism, and liberalism.“

    Wobei natürlich alle Bestrebungen von Russen, ihr Land zu modernisieren und an die westliche Kultur anzuschließen, von Peter dem Großen über Alexander Herzen, Ivan Turgenjew bis hin zu Lenins Gegner Kerenski einfach unterschlagen werden.

    Ich denke das reicht erstmal; es ist wirklich kein Spaß, sich damit zu beschäftigen. Jedenfalls äußerte sich Putin in seiner heutigren Rede zum Jahrestag der deutschen Kapitulation in ganz ähnlichem Sinne, dass der Westen dekadent sei und seine Werte verraten hätte.

    Auffällig ist übrigens Dugins Obsession mit den Gay-Paraden und mit „LGBT“, darauf kommt er ständig zurück. Es hat ihn offenbar ganz besonders schockiert.

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