Ostermarsch: Denken im Arsch

Lang ist es her, daß ich auf einem Ostermarsch mitlief – der letzte muß 1985 oder 1986 gewesen sein – und da bereits war die Luft schon gehörig raus und abgenutzt. Europa wurde inzwischen nachgerüstet und die Welt stand noch immer. Damals freilich ist nicht heute. Die Welt ist eine andere. Die Diktaturen im Ostblock sind zusammengebrochen, was manchen Linken aus der Fraktion KP bis heute schmerzt, und nonchalant wurde schon damals viel und laut über die DDR geschwiegen, während man bei den USA gar nicht aus dem Kritisieren herauskam. (Nein, ich gehörte als Westlinker nicht zu dieser Sorte, ich war durch Biermanns DDR-LPs und durch Reiner Kunzes und Christa Wolfs Prosa ganz gut informiert, in welchem der beiden deutschen Länder ich ganz gewiß nicht leben wollte.)

Egal wie – es waren andere Zeiten. Und wir haben inzwischen einen Putinismus und jenes Dritte Imperium, das Putin und die seinen zu installieren trachten: eine Mischung aus eurasischer Großraumphantasie, darin keine Demokratie vorgesehen ist – Gayropa, so spotten jene russischen Leader im Kreise Putins – sowie eine Form von Faschismus, der an Italien erinnert, gekoppelt mit Totalitarismus. Gnade uns Gott, wenn dieses System sich etabliert. Und nun also haben wir in Europa zum ersten Mal seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges einen Angriffskrieg und Kriegsverbrechen, wie es sie seit bald 77 Jahren nicht mehr gab – zumindest nicht in Europa und in diesem großen Stil. Die Rede Putins von der „Spezialoperation“ bekommt im Blick auf die Sonderoperationen der Wehrmacht hinter der Frontlinie einen völlig neuen Beiklang und eigentlich wäre dieser putinische Gewaltakt eine Steilvorlage für eine Friedensbewegung. Aber dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Und wie immer ist der Gegner nach dem alten Schema F, dem Muff und Ranz des abgelebten Weltbildes klar: es ist die USA. Die Friedensbewegung dieses Ostermarsches goutiert die Verbrechen Putins zu großen Teilen oder sie schweigt dazu.

Der heutige „Ostermarsch“ in Berlin lief genau so ab, wie ich es vermutete habe und wie ich es in meinem Text „Stört die Ostermärsche 2022!“ vor einigen Tagen schon schrieb: Man könnte nach den Redebeiträgen der Auftaktkundgebung meinen, die USA wären in die Ukraine einmarschiert und nicht etwa die Russen. Man könnte meinen, US-Soldaten stünden kurz vor Moskau und nicht etwa, daß Kiew von russischen Raketen getroffen wurde, daß die russische Armee kurz vor Kiew stand und daß die einstmals schöne Stadt Mariupol nun aussieht wie Grosny und Aleppo. Putin hatte ja bereits Blaupausen für das, was er dann in der Ukraine tat. Kein Wort dieser „Friedensfreunde“ zu dieser Vernichtung. Viel sprach einer der Redner von US-Hyperschallraketen und von bösen Nato-Waffen, die keinen Frieden schaffen (doch für die Ukraine tun sie es: sie vertreiben nämlich die Russen), aber so gar nicht sprach der Redner von russischen Raketen, die Zivilisten niedermetzelten und Wohnviertel in der Ukraine zerstörten: mithin die Heimat, die Wohnungen dieser Menschen. Nicht mit einem einzigen Wort wurde dieses Grauen erwähnt, stattdessen die alten, abgeschmackten, ranzige Feindbilder dieser ranzigen Redner, mit ihren ranzigen Stimmen und ihrem ranzigen Anblick.

Besonders tat sich das ehemalige DKP-Parteimitglied Christiane Reymann in ihrer Rede hervor: Kein Wort zu den Kriegsverbrechen der Russen an Ukrainern, kein Wort zu Russensoldaten, die Frauen vergewaltigen und schänden, kein Wort zu Putins expansiver Außenpolitik, kein Wort zur Krim-Annexion, kein Wort zum russischen Einsatz im Donbass, kein Wort zu den Kriegsverbrechen in Butscha, kein Wort zum zertrümmerten Mariupol – alles so, wie ich es bereits vorher schon vermutet hatte. Stattdessen aber viel von Natowaffen. Im Grunde ist selbst Butscha die Schuld der NATO, so hätte man nach dieser Rede denken können. Und so auch bei allen anderen Rednern, die ich bei der Auftaktkundgebung hörte. Es war nicht einmal mehr Äquidistanz, sondern teils krude Parteinahme für Putin. Von der russischen Zensur der Medien und daß es mittlerweile keinerlei Möglichkeiten in Putins Rußland gibt, sich frei zu informieren: kein Wort. Dazu daß vom Fleck weg in Moskau und anderen Städten Demonstranten verhaftet und verschlepppt werden: kein Wort.

Während hier in Deutschland in vielen Städten jene Kritiker ungeniert das freie Recht der Demonstration in Anspruch nehmen. Hätten diese Leute ihre Kritik, die sie an den USA und der Bundesregierung übten, spiegelbildlich in Moskau vorgetragen, nur eben diesmal gegen Putin: diese Leute wären vom Fleck weg arrestiert worden und verschwänden für Jahre im Lager – siehe nur, was mit den Frauen von Pussy Riot geschah und was bis heute mit Nawalny passiert. Kein Wort zu alledem. Ähnliches bei der Religionspädagogin Monika Auener, die sich mit den Relativierungen hervortat und siehe, da wurde das christliche Wort zur Phrase. Und ebenso Lühr Henken, der vieles zur USA und zur Nato und nichts zum russischen Überfall und den Gewaltverbrechen zu sagen wußte. Wie würde sich Lühr Henken wohl verhalten, wenn auf einer Demo ihn plötzlich fünf Neonazis niederschlügen? Würde er die unverhältnismäßig schwer bewaffnete Polizei verurteilen und den Einsatz eines Schlagstockes? Vermutlich nicht. Die Friedensbewegung hat fertig.

Und was war ansonsten auf dem Oranienplatz zu sehen? Eine Ansammlung seltsamster und trüber Gestalten, daß ich mich – gleichsam „Zurück in die Zukunft“ – wieder in den frühen 1980er Jahre wähnt: die Gemeinschaftskundelehrerin mit hennagefärbten Haaren, Wallewalletuch und Wolljacke, die zottelige Kirchentagsfrau, nur diesmal um 40 Jahre gealtert, der alte Zausellehrer mit dem grauen Bart, nur ohne schäbige Corshose diesmal. Aber auch junge Leute waren dabei, teils aus dem Junge Welt-Umfeld. Wer als Bizarrologe arbeitet, fand dort gutes Anschauungsmaterial. Viele Normalnaive auch darunter mit Allwetterfunktionsjacken. Viele DKP-Fahnen und SDAJ. Und gerne pflegt man die alten und liebegewonnenen Feindbilder. Wie in den guten alten Zeiten, als man noch den Süverkrüp und all den DKP-Sound hörte. In diesem Sinne liefen dort leider schlichte Menschen mit, die nicht dazu fähig sind, auch Ambivalenzen mitzudenken, Menschen, denen es nicht vergönnt ist zu begreifen, daß die alte Welt eine andere geworden ist und daß die Freiheit, die diese Leute in Anspruch nehmen und auf die sie zugleich spucken, in der Tat verteidigt werden will. Und das macht man nicht mit Gewehren von Spiele-Max und mit Platzpatronen darin.

Was mit den Ukrainern geschieht, wenn sie besiegt werden, das zeigen Städte wie Butscha, darin die Leichen liegen, von Russen erschossene Einwohner, das zeigt Irpin, aber auch Mariupol. Und das ist genau die Erfahrung, die auch die Polen 1939 machen mußten, als sie von Hitler besiegt wurden. Nachdem sie kapitulierten und als sie zwischen Russen und Deutschen aufgeteilt wurden, geschah das Grauenvolle und damit meine ich noch nicht einmal die Morde an den Juden, sondern lediglich den Umgang der Nazis und der Russen mit den Polen – als Stichwort sei nur Katyn genannt und der Mord an polnischen Intellektuellen und Wissenschaftlern durch russische Soldaten, und als weiteres Stichwort der gnadenlose Umgang der deutschen Besatzungstruppen mit den polnischen Untermenschen. Für diese Details der Geschichte und der Gegenwart hatten die „Friedensfreunde“ jedoch keinen Blick. Wie zu erwarten. Eine einzige Frau trug eine Ukraine-Fahne als Schild. Die Dame und ihre Begleiterin waren von der IG-Metal. Ich weiß nicht, warum die sich in diesen Zug verirrten. Sie glaubten wohl, Gutes zu tun. Dem ist aber nicht so. Wer bei solchen Demonstrationen mitläuft, mußt sich das Motto und den Geist oder besser Ungeist solcher Veranstaltung zurechnen lassen.

Doch gibt es auf jeder Veranstaltung auch diese geheimen Höhepunkte, von denen wir dunkel ahnen, daß sie kommen, aber von denen wir eben nicht genau wissen, wann und wo es geschieht. Man muß dabei sein, gleichsam der Kairos der guten Stunde, der Zufall der Situation. So geschah es mir. Ich ahnte freilich bereits, daß solches Ereignis passieren würde und habe ein wenig auch darauf gelungert und gehofft, und es kam der geheime Höhepunkt dieser morbiden Veranstaltung. Es fuhr der Lautsprecherwagen, wie es auf Demos üblich ist. Es wurden – ich ging zum Photographieren des Zuges und als forschender Bizarrologe auf dem Gehweg nebenher, damit mich von den Passsanten niemand für einen Mitmarschierer halten konnte, was freilich schon ob meiner schicken Harrington-Jacke ausgeschlossen wäre. Ich ging also mit Kamera, Auge und Ohr bewaffnet und da, es geschah, da stieg ein Lied. O reine Übersteigung! O Orpheus singt! O hoher Ton und ohne Übertreibung, da klangs, da war’s im Ohr! (Sie werte Leserin, erkennen Rilke, natürlich!, diese geschickt gesetzte Anspielung): Aber nein, es war ein hohler Ton, der da aus der Box klang: da wurden also aus einem der Lautsprecherwagen, ich wage es kaum auszusprechen, die „Bots“ gespielt: Der Song „Aufstehen“ erst und dann „Was wollen wir trinken*“ – ich spreche den Titel immer mit diesem holländischen Akzent aus, dieser Mischung aus Rudi Carell und Friedensbewegung. Es war zum Steineerweichen schlimm und spätestens ab diesem Punkt wünschte ich mir den Einsatz eines US-Marschflugkörpers oder wenigstens einer ukrainischen Bayraktar auf genau diesen Wagen. Andererseits: diese Waffen werden für Wichtigeres gebraucht.

Um mir nach derart viel naiver und traurig-dummer Weltsicht wenigestens etwas Gutes noch widerfahren zu lassen, ging ich in die Weinhandlung „Suff“ in der Oranienstraße und erstand schnell noch einen Grünen Veltliner für den heutigen Abend. Das bei weitem Beste an diesem Samstagmittag, neben dem Eis an der Eisdiele am Oranienplatz und dem Lob des Eisverkäufers zu meiner Harrington-Jacke.

Diese erste, unten gezeigte Photographie sagt eigentlich alles zu dieser Demonstration: Unter den Talaren, der Muff von 50 DKP-Jahren. Wenigstens der rote Rock da aus einem der Schaufenster, in der Oranienstraße photographiert, mit dem dieser Text auftaktet, bringt ein wenig Schwung in die Sache.

Zum Glück freilich gab es in Berlin-Mitte auch einen alternativen Ostermarsch, der den russischen Aggressor klar benannte. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist bei einem Kriegsfürsten wie Putin kaum möglich.

++++

*Sternchenfußnote: In einer Fußnote brächte ich hier noch an, daß dieses Bots-Lied auf jeder wirklich jeder Demo der 1980er Jahre, wo die DKP und die SDAJ dabei waren, aber auch kirchlich-friedensbewegte Gruppen mittaten, gespielt wurde, und zwar regelmäßig zum Auftakt der Demo. Aus diesem Grunde lief ich lieber bei den Autonomen des Schwarzen Blocks mit. Da erklangen wenigstens Slime und Ton Steine Scherben – wenngleich auch das im Rückblick mich nicht weise erscheinen läßt. Aber das waren eben die anderen Jahre, die wunderbaren Jahre der Jugend und junge Menschen dürfen manchmal diese Fehler machen. In diesem Sinne war ich heute auch froh, daß auf diesem Ostermarsch in Berlin nur wenige junge Menschen waren. Eher war es aus der Serie „Betriebsausflug des Altersheims und derer, die nicht mehr davongekommen und im Denken sich stillgestellt haben.“ Man kann dem auch mit Reinhard Mey antworten: Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für euch zu gehn!

17 Gedanken zu „Ostermarsch: Denken im Arsch

  1. Hier auch ein Link zu Friedensdemo-Watch, der diese dubiose Sekte dort, die vieles mit den Querdusseln und mit Coronaleugnern gemeinsam hat, noch etwas genauer auf den Punkt bringt. Mir ist eher diese Altlinke aufgefallen und mein Blick ist dort hängengeblieben, aber es waren in der Tat auch diese anderen Leute dort, die Friedensdemo-Watch gut abgebildet hat. Die Nähe zwischen Corona-Leugnern, Impfgegnern und Putinfreunden weist eine erstaunliche Schnittmenge auf.

  2. Sehr schöner Bericht. Erstaunlich dass es die DKP wirklich noch gibt (wer finanziert die? Haben sie auch DDR-Geld abgegriffen wie die Linke?). Ich habe ja schon geschrieben, dass es mich nachdenklich macht, dass Putin von äußerst Lnks und äußerst rechts unterstützt wird. Werde dazu bald mal etwas schreiben.

  3. Das Finanzierungsmodell der DKP und der SDAJ würde mich auch interessieren, aber vermutlich läuft das durch die üblichen Steuermittel, die die Parteien für den Wahlkampf gekommen.

    Prinzip der DKP und der SDAJ auf den Demos schon damals in den 1980er Jahren: möglichst jeder muß eine Fahne tragen, damit es nach viel aussieht, und wenn dann jeder oder jeder zweite solch eine Fahne trägt, schaut es aus wie ein Fahnenmeer – als ob die DKP die größte Gruppe dort wäre.

  4. Was damals auch immer zu hören war, von den Kirchentagsfriedensbewegten und der Ökofundi-Fraktion war das leierige „Wehrt Euch leistet Widerstand, schließt Euch fest zusaaaaammmen, schließt Euch fest zusaaaaammmen!“, was von uns dann immer mit der Antiimp-Parole: „Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland! Aufruhr, Widerstand, der Funke wird zum Flächenbrand!“ konterkariert wurde. Hinter der zweiten Hälfte der Parole stand ich schon nicht mehr so richtig, aber es tat gut, damit der klebrigen Friedensbesoffenheit etwas entgegenzusetzen.

  5. @willy, “ Ich habe ja schon geschrieben, dass es mich nachdenklich macht, dass Putin von äußerst Lnks und äußerst rechts unterstützt wird. “ —- Ich hatte darauf ja schon geantwortet, nicht äußerst links, sondern Altkommunisten moskautreuer Prägung. Trotzkisten, Anarchisten, Autonome, Ökolinke, als Kräfte, die ich als Links von den Kasernenhofkommunisten definieren würde tun das nicht. Und bezeichneten dieses autoritärkommunistische Spektrum schon in den Siebziger Jahren als Sozialfaschisten.

  6. @che: In der Tat: Die Linke war immer schon eine heterogene Versammlung und das konnte man auf den alten Friedensdemos der 1980er Jahre auch noch gut beobachten. Den Song „Wehrt euch, leistet Widerstand“ fand ich im Sinne solcher Straßenblockaden soweit ok, zumal er zu dieser schönen und leicht melancholischen Melodie von „Hejo, spann den Wagen an, denn der Wind treibt Regen übers Land“ gesungen wurde. Punks und Autonome liefen da mit Alt-KPlern, DKPiste, Ökolinken, der Kirchentagsfraktion, der neuen undogmatischen Linken, Althippies, Intellektuellen, Medienleuten vom NDR und den Grünen. Anders als das, was ich beim Ostermarsch 2022 in Berlin beobachten konnte. Was da lief, waren einfältige Gestalten, die in längst überkommenen Mustern dachten und die ihre alten liebgewonnenen Feindbilder pflegten. Die Antworten darauf, wie deren „Pazifismus“, der bei vielen leider nur ein allzuwenig kaschierter Putinismus war, russischen Angriffskrieg und russische Kriegsverbrechen verhinderten, habe ich von keinem dieser Leute irgendwie erfahren können. Die Antworten dort waren pauschale Parolen als Nullaussagen. Mithin Phrasen.

    Ich werde vielleicht in den nächsten Tagen etwas zu Wolfgang Pohrts Text “ Der Krieg als wirklicher Befreier und wahrer Sachwalter der Menschlichkeit“ (1983) im Hinblick auf die damalige Friedensbewegung schreiben.

  7. @“stattdessen die alten, abgeschmackten, ranzige Feindbilder dieser ranzigen Redner, mit ihren ranzigen Stimmen und ihrem ranzigen Anblick. “ —— Ebenso ranzig wie Leute vom „Corona-Ausschuss“ und Umfeld.

  8. Auf den Punkt gebracht, che. Da gab es eine Menge Überschneidungen auch auf dieser Demo und auch diese Gestalten verirrten sich hierher.

  9. Ich hatte die AfD und die Linke vor Augen, bei denen sich jeweils unübershbare Putin-Sympathien finden. Mein dahinter stehender Gedanke ist, das sich hier eine allgemeine irrationale Ablehnung der westlichen Kultur, wie sie von der Aufklärung herkommt, zeigt.

  10. Ja, wobei hier bei der Ostermarachdemo eher so ein Corona-Querfront-Ansätzchen mit stärkerer DKP-Ausrichtung war und dazu jene Älteren, deren Denken in einer anderen Zeit stehengeblieben war, altes Muster, altes Feindbild, AfD weniger, auch keine rechten Parolen, wie schon bei den sogenannten Montagsmahnwachen die AfD nicht sichtbar war. Eher naiv-dummes Zeug, von Leuten mit einem klaren Feindbild. Da hockten Verschwörungsschwätzer wie Ken Jebsen neben Esoterikern und Altlinken aus dem DKP-Umfeld, die den Wandel der Zeiten nicht mitbekommen haben. Eine ziemlich krude Mischung, die sich dann teils auch in den Corona-Protesten wiederfindet – wo dann wiederum vermehr auch AfD und andere rechtsextremistische Strukturen präsent waren. Eine soziologische Untersuchung dieser Milieus wäre interessant. Auf alle Fälle unterscheiden sie sich von der Mischung auf den Ostermärschen der 1980er Jahre, wo es eine dezidiert linke Bewegung war, plural zwar, aber doch eher links bis liberal.

    Was das Kulturnarrativ betrifft: das ist schwierig zu sagen. Ich denke, die meisten dieser Leuten tragen eine Abneigung gegen die USA in sich, weil sie in simplen binären Schemata denken. Was von diesen Leuten nur leider vergessen wird: Der irakkrieg 2003, Vietnamkrieg, Guantanamo, Abu Ghraib geschahen zwar durch die USA, aber sie können eben auch nur in den USA und im Westen kritisiert werden. Wer in Rußland auch nur ein Wort über die russischen Kriegsverbrechen im Tschetschenienkrieg schreibt, riskiert im besten Falle verboten zu werden und in einem der Lager zu verschwinden oder aber im schlimmsten Fall als Journalist ermordet zu werden. Jene Ostermarschierer könnten in Moskau nicht einen Schritt vor die Tür setzen. Das Problem dieser Leute ist ihr monokausales Denken.

  11. Im Blick auf die sogenannten „Friedensmärsche“ auch gut und lesenswert: das Interview mit Herfried Münkler beim WDR:

    WDR: Geben deutsche Waffenlieferungen Putin nicht einen Vorwand für weitere Eskalation?

    Münkler: Nach völkerrechtlicher Auffassung wird man durch die Lieferung von Waffen an Kriegsparteien nicht selber zur Kriegspartei. Ob das Putin auch so sieht, ist die Frage. Aber er hat nun mal die Eskalations-Dominanz in der Ukraine. Ich denke, es geht schon lange nicht mehr darum, sich möglichst klein und unsichtbar zu machen, um den Eindruck zu erwecken, es gebe diese Eskalations-Dominanz nicht und man habe mit all dem nichts zu tun. Die Herausforderung ist, der Eskalations-Fähigkeit Putins Entsprechendes entgegenzusetzen.

    Die Frage an die deutsche Politik ist, was ist verantwortungsvoll. Ist es verantwortungsvoll, ständig mit einem Ohr am Tor des Kreml zu lauschen und zu hören, was möglicherweise den Herren dort nicht besonders gefällt. Das läuft auf Unterwerfungs-Pazifismus hinaus – man unterlässt alles, was Putin nicht gefallen könnte. Das heißt, man richtet seine eigene Politik an den Vorgaben aus dem Kreml aus.

    WDR: Gibt es eine deutsche Verpflichtung, Waffen an die Ukraine zu liefern?

    Münkler: Ja. Es war die Bundesregierung, die letzten Endes mit ihrem Veto den Beitritt Georgiens und der Ukraine in die NATO 2008 verhindert hat. Frau Merkel hat ja auch jetzt nochmal gesagt, diese Entscheidung sei richtig gewesen – vermutlich weil sie befürchtet hatte, das Putin gewissermaßen gleich darauf reagiert hätte, indem er die Ukraine angegriffen hätte. Dahinter steckte die Vorstellung, dass zwischen NATO und Russland ein Puffer ist, der sich durch Neutralität auszeichnet. Diese Vorstellung ist nun mal nicht aufgegangen aus Gründen vielfältiger Art.

    https://www1.wdr.de/nachrichten/interview-deutsche-waffenlieferungen-ukraine-100.html

  12. Ich erinnere mich als sei es gestern gewesen an die Göttinger 8.Mai Demo 1985, wo verbieserter Überernst und schalkhafte Selbstparodie zusammenkamen dass es dem Bizarrologen ein innerer Reichsparteitag war. Voran die Jusos mit der Parole „Nie mehr Faschismus, nie mehr Krieg, für den Sozialismus bis zum Sieg!“, dann der SHB (Sozialistischer Hochschulbund, eine gewerkschaftlich ausgerichtete Fraktion der studentischen Sozialdemokratie) mit „Kampf dem Faschismus, Krieg dem Krieg, für den Sozialismus bis zum Sieg!“, dahinter der MSB Spartakus (studentischer Ableger der DKP) mit „Tod dem Faschismus, Krieg dem Krieg, für den Sozialismus bis zum Sieg!“ und wiederum dahinter der KB (Kommunistischer Bund) mit „Tod dem Faschismus, Krieg dem Krieg, für den Kommunismus bis zum Sieg!“ und dahinter die Antiimps mit: „Nie mehr Frieden, nie mehr Krieg, nur noch Terror bis zum Sieg!“ und dann Autonome mit „Molotow, Kalaschnikow, das gibt Zoff!“ und „Hängt Gott an seinen Eiern auf!“ und jemanden, der in einen Gully hineinrief: „Mutti, bist Du da unten?“.

  13. Wie sehr das damals noch eine andere Zeit war, berichtet auch der Verleger Klaus Bittermann gestern im taz-Interview, im Blick etwa auf das Jahr 1981 in Nürnberg:

    „Im selbstverwalteten Kommunikationszentrum gab es eine Veranstaltung und eine anschließende kleine Spontandemonstration von vielleicht hundert Leuten, bei der drei Scheiben zu Bruch gingen. In Berlin hätte niemand davon Notiz genommen, da passierte das jeden Tag. In Nürnberg wurde das Gelände des Zentrums, in das sich die Demonstranten zurückgezogen hatten, von einer riesigen Polizeistreitmacht umzingelt, alle anwesenden Personen – so an die 150 Leute – verhaftet und ihnen wurde der Prozess gemacht. Die Nürnberger Justiz bewies dabei großes Fingerspitzengefühl: Die Urteile ergingen im selben Raum des Justizgebäudes, in dem schon die Nürnberger Prozesse stattgefunden hatten. Das hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, aber Nürnberg ließ sich nicht beirren. Höchste Zeit für mich, nach Berlin zu gehen.“

    Sowieso: tolles Interview mit einem großartigen Verleger. Dürfte Dir in großen Teilen auch gefallen, che.

    https://taz.de/Verleger-ueber-Lebenswerk/!5846716/

  14. Über Bots musste ich eben sehr lachen.

    Allein die Gema-Gebühren von deutschen Friedensdemos dürften deren schöne Renten gesichert haben.

  15. Das vermute ich auch: die habe ausgesorgt Es war eine Reise in die Vergangenheit, als da die Bots erklangen. Aber schon vorher die Gestalten und die Parolen dort. Die müssen tief eingeschlafen sein, wie weiland Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser.

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