Stört die Ostermärsche 2022!

Ich war eigentlich seit den 1980er Jahren nur bedingt ein Freund der Ostermärsche, weil sie mir zu sehr Latschdemo waren. Damals, Anfang der 1980er hielt ich sie dennoch für nötig, um für einen Frieden zu demonstrieren, der haltbar bleibt. Mochte manches auch naiv sein, aber aus der Zeit heraus waren es dennoch wichtige und richtige Demos: zumindest, wie bei vielen sozialen Bewegungen, als eine Form von Korrektiv und als öffentliche Stimme: Wir wollen keinen Krieg. Heute aber, angesichts eines russischen Angriffskrieges sind sie lächerlich, falsch und verlogen. Besonders die „Friedensmärsche“ in Berlin und in Hamburg. Und insofern würde ich diesmal eher dazu aufrufen, diese Aufzüge zu stören und zu unterbrechen.

Die diesjährigen Ostermärsche können keine Friedensmärsche sein. Diese hätte Sinn in Moskau, um den blutigen Lurch aufzufordern, mit seinem Angriffskriegf aufzuhören. „Give Peace a chance“ und Regenbogen-Peace-Fahnen sind nach dem russischen Angriffskrieg und nach den russischen Kriegsverbrechen an Zivilisten und der massenhaften Vergewaltigung von Frauen fehl am Platze, sie sind nachgerade lächerlich und eine Verhöhung der ukrainischen Opfer. Lennons schönen Peacesong kann man in Moskau singen. In Deutschland sind solche Friedensappelle sinnlos, die lautstart über den Täter schweigen, der diesen Krieg vom Zaun brach.

Liest man die Aufrufe zu den Ostermärschen in Berlin und in Hamburg, so werden dort die alten Feindbilder in einer trivialen Weise mobilisiert – man wähnt sich in den 1980er Jahren, man agiert nach einem abgelebten Raster. Unter den Talaren, der Muff von 50 DKP-Jahren. Äquidistanz und die üblichen Verdächtigen: böse Nato. Pflichtschuldig sondern sie auf dem Podium durchs Mikrophon einen Halbsatz zu Rußland ab, um dann in ellenlangen Reden die angeblichen Verfehlungen der Nato aufzulisten. (Und nein: die Bundeswehr rüstet nicht auf, sondern sie rüstet sich überhaupt mal wieder aus, um nicht bedingt bis gar nicht, sondern um voll Einsatzfähig zu sein.) Nein, Schuld an den russischen Kriegsverbrechen, Schuld am Angriffskrieg ist nicht die Nato, sondern ganz allein die russische Armee und die russische Bevölkerung, die auf die Propaganda des bleichen Lurchs hereinfällt.

Am 16.4. findet auch in Berlin der Ostermarsch statt – als „Friedenskundgebung“. Dort werden Redner auftreten wie Christiane Reymann (DIE LINKE, ehmals DKP, mit erheblichen Sympathien für den Verschörungsideologen Ken Jebsen) und ein NN von der SDAJ – Orangisationen, die einstmals von der DDR finanziert wurden. Es steht zu vermuten, daß das eine Veranstaltung wird, die zu Rußlands Kriegsverbrechen schweigt. Das Motto lautet nicht etwa „Rußland leg die Waffen nieder!“, sondern vielmehr „Die Waffen nieder!“ Nein, die USA und die EU und die NATO haben die Ukraine nicht angegriffen, liebe „Friedendfreunde“!)

Da zu befürchten steht, daß von Rednern wie Reymann und anderen die üblichen Beschwichtigungen kommen, sollten wir in Berlin uns zusammentun, um auf dieser Veranstaltung am Samstag um 12 Uhr auf den Oranienplatz zu Kreuzberg zu zeigen, daß wir solidarisch mit der Ukraine sind und daß wir gerne auch Zwischenrufe in die Reden bringen. Wir müssen ihre Propaganda unterbrechen: wenn sie ihre Lügen und ihre Äquidistanz verbreiten, die am Ende nur ein Teil von Putins Propaganda ist. Wie Marx es im „Kapital“ schrieb: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es“: solches nennt man dann Naivität oder pointierter gesagt, Dummheit. Denn dumm ist, wer wider besseres Wissen handelt. Bei solchen wie Chrisitiane Reymann freilich würde ich von bewußter Propaganda sprechen. Sie ist Teil von Putins System. Ich hoffe, es kommen genügend Leute nach Berlin, um diesen Aufzug der Ewriggestrigen zu stören. Mit Megaphonen und Ukrainischen Fahnen, mit Zwischenrufen und Transparenten.

Bringen wir es aber mit dem herrlichen Harald Martenstein aus seiner ZEIT-Kolumne Ende März auf dem Punkt:

„Alle kämpfen gegen den Krieg, sogar die Oldiesender. Die meisten Deutschen scheinen nach meinem Eindruck ganz allgemein gegen Krieg zu sein, also, gegen Krieg an sich, egal wer ihn führt und warum. Es wäre ja auch wirklich ziemlich einfach, den Krieg in der Ukraine zu beenden, sofort, noch heute. Die Ukrainer müssten aufgeben, sie müssten alle Bedingungen Putins annehmen. Der ukrainische Präsident, der Kiewer Bürgermeister und ihre engsten Mitarbeiter müssten sich den Russen stellen, dann würde man diesen zahlenmäßig überschaubaren Personenkreis vielleicht erschießen, oder vergiften, nicht schön, klar, womöglich auch nur ins Straflager stecken. Das macht international einen besseren Eindruck. Die Ukraine wäre dann eine Art russische Kolonie, fertig, aus. Frieden.

Aber die meisten Ukrainer wollen so einen Frieden halt nicht. Nur deshalb gibt es den Krieg. Weil die sich wehren. Man könnte also durchaus sagen: Die Ukraine will Krieg. Denn wenn sich von Anfang an niemand dort gegen eine Besetzung gewehrt hätte, dann wäre das Land friedlich besetzt worden. Putin hätte die Regierung friedlich ausgetauscht, die Freiheiten friedlich abgeschafft, die Gefängnisse friedlich gefüllt, zahlreiche Menschen wären friedlich ins Exil geflohen, viel mehr wäre nicht passiert. Ein paar Regimegegner hätte der russische Präsident oder sein ukrainischer Filialleiter möglicherweise von Zeit zu Zeit umbringen lassen, gerade genug, damit der Rest Angst hat. Viele, die heute tot sind, würden jedenfalls noch leben. Und das stimmungsvolle Konzert am Brandenburger Tor hätte es womöglich auch nie gegeben.

[…]

Im Grunde wissen wir alle, dass Putin sich von Peace-Zeichen auf Fußballplätzen nicht beeindrucken lässt, nicht mal von Marius Müller-Westernhagen, so schön sein Song Freiheit auch ist. Der Krieg ist da, weil viele Ukrainer ihre Freiheit mehr lieben, als manche Deutsche es nachvollziehen können, sogar mehr als ihr Leben. So etwas gab’s in der Weltgeschichte öfter mal, früher nannte man das „Heldentum“. War das wirklich falsch? Ich hoffe, dass die Ukraine gewinnt, so verrückt diese Hoffnung auch ist. Und ich hoffe, dass mein Land dabei hilfreicher sein kann, als es heute den Anschein hat.“

Insofern: Stört die Östermärsche und laßt diesen Leuten ihre Täuschungen nicht durchgehen! Mancher mag dort in vermeintlich ehrenwerter Absicht demonstrieren. Falsch ist es dennoch und vor allem ist es verlogen. Frieden kommt nur dann, wenn Putin seinen blutigen Krieg abbricht und wenn die Ukraine frei wird.

Butscha – eines der harmloseren Photographien noch

11 Gedanken zu „Stört die Ostermärsche 2022!

  1. Während des Vietnamkriegs gab es Ostermärsche, auf denen für den Vietcong „Sieg im Volkskrieg“ gefordert wurde. Da ließe sich ja dran anknüpfen.

    Die USAF könnte jetzt ja mal 5 B1 mit Atomsprengköpfen an Bord und einer Begleitstaffen F15 von Konya nach Turku verlegen – auf direktem Wege;-)

  2. So ist es, und so ist auch mein Beitrag gedacht: ich hoffe, daß da ein paar andere Stimmen am Samstag noch ertönen als die der Alt-DKPler und der SDAJ.

    Krieg ist entsetzlich und schlimm, und das sehen wir gerade wieder. Und Herr Putin ist nicht gewillt, diesen Krieg zu beenden. Es läge an ihm, noch heute aufzuhören und mit dem Osterfrieden dieses Grauen zu beenden.

  3. Gerade ein Interview im DLF mit einem Friedensaktivisten gehört. Nur soviel: Auch Frieden und so manche Vorstellung, wie er zu erreichen ist, können gruselig sein.
    Immerhin hielt die Interviewerin dagegen.

  4. @Drinnenwiedraussen: So ist es. Ich werde diese Dinge dokumentieren und mal sehen, wieviele Leute dabei sind, die diese Reden nicht goutieren werden, wenn da dieser Blödsinn der Äquidistanz abgesondert wird.

    @Herwig: Was man da bei den „Arumenten“ der „Friedensfreunde“ liest und hört, ist teils haarsträubend: auch im Internet. Die Fraktion Dieter Dehm, Zarenknecht, Jebsen, diese ganze Mischpoke: ihre Ideologie ist mehr als präsent. Hut hab muß ich sagen, und ich bin kein Freund der Grünen je gewesen, das wirst Du sicherlich wissen, vor Habeck, Baerbock, Hofreiter und auch vor Winfried Kretschmann: „Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) bedauert, dass er nicht schon im vergangenen Jahr Forderungen nach Waffenlieferungen in die Ukraine unterstützt hat. «Ich schäme mich dafür, dass ich die Klappe gehalten habe, als Robert Habeck im Mai letzten Jahres aus der Ukraine zurückkam und Defensivwaffen forderte», sagte er dem «Tagesspiegel» (Sonntag). Im vergangenen Jahr war Habeck, damals noch Bundesvorsitzender der Grünen, nach Kiew und an die Kontaktlinie im Osten der Ukraine gereist und hatte anschließend gesagt, man könne dem Land Waffen zur Selbstverteidigung nicht verwehren. Daraufhin hatte es heftige Kritik an Habeck gegeben – auch aus seiner eigenen Partei.“ (stern)

    Das ist ehrlich. Wobei ich im Sommer ebenfalls dachte, daß die Ukraine Waffen braucht, zugleich aber schon ahnte, daß da gute Ausbilder vor Ort sind. Denn ansonsten hätte die ukrainische Armee nicht derartige Erfolge erzielt. Auch dank Bayraktar.

  5. Das steht zu vermuten, wobei ich da auch die Kanzlerschaft Merkels miteinbeziehen möchte und ihren Kurs gegenüber Putin. Ich habe es vorhin schon bei Herwig geschrieben:

    Es wird wohl langsam doch Zeit für einen Untersuchungsausschuß, inwieweit hier Rußland in die deutsche Politik involviert war und wieweit es sich um Korruption und Bestechung handelt. Und inwieweit sich auch Regierungsmitglieder allzu willfährig gegenüber Putin verhielten – um es freundlich bis vorsichtig zu sagen. Hier ist dringend Aufklärung erforderlich.

    Für die SPD ist es mehr als peinlich. Scholz‘ Haltung ist schwierig zu beurteilen. Einerseits wird man, da Putin leider nicht erschossen wird und da keiner eine Aktentasche unter seinem Tisch plaziert, eben am Ende doch mit Putin verhandeln müssen. Oder aber, was besser wäre, ihn besiegen und zermürben. Auf alle Fälle scheint es da bei der SPD doch einige Leichen im Keller zu geben.

  6. Ja, das ist unheimlich. Aber ich sehe es so: Es gibt eben unterschiedliche Hinsichten und unterschiedliche Themen, wo die Argumente in die eine oder in die andere Richtung gehen.

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