Demonstrieren in Moskau

„Sie stand vorm Moskauer Verteidigungsministerium. Auf ihren Schild hatte sie geschrieben: „In diesem Moment werden Ukrainerinnen von russischen Streitkräften vergewaltigt und ermordet. Stoppt den Krieg“. Minuten später wurde sie festgenommen und abgeführt. Wohin, weiß man nicht.“ So schreibt Guillaume Paoli auf Facebbook.

So ergeht es Menschen, die in Moskau ihr Recht auf Demonstration wahrnehmen. Während die Zarenknechts und Blöckers hier im Land in ihrem nicht enden wollenden Furor des Laberns und der impliziten Verteidigung von Putins Kriegsverbrechen nicht müde werden, auf den ach so bösen Westen zu zeigen, fällt zu Moskau kein Wort, oder wenn, dann nur am Rande und allenfalls als Lippenbekenntnis, damit man sich nichts nachsagen lassen muß. All diese Dinge, die gegen den Westen und die Nato kritisch geäußert werden, dürfen hier gesagt werden, es dürfen hier in Berlin – leider – sogar Konvois mit Russenfahnen durch die Stadt fahren. Es können, ohne daß die Polizei sie festnimmt und verschleppt, hier beim Ostermarsch die Friedensfreunde mit ihrer Äquidistanz ungehindert durch deutsche Städte laufen – was in Ordnung ist, denn wir sind, anders als Rußland, eine Demokratie. Sie dürfen mit ihren Friedensphrasen der Äqudistanz herumlaufen, auch wenn man deren Sicht für naiv bis dumm hält, weil deren Plakate ausblenden, wer den Angriffskrieg begonnen hat. In Moskau reicht ein Wort, um vom Fleck weg verhaftet und interniert zu werden. Es reicht, wenn man auf dem Roten Platz steht und sich die Hand vor den Mund hält und stehenbleibt. Es reicht, wenn man bereits ein leeres, weißes Schild hochhält, auf dem nichts steht. Wie mutig solche Aktionen sind, zeigt sich auch darin, daß Demonstranten nach solchen Protesten Gefahr laufen, ihre Arbeit zu verlieren. Was das in einem Land bedeutet, in dem es – anders als in Deutschland – keine Sozialabsicherung gibt, kann sich jeder ausrechnen.

Rußland ist, das hatte bereits Adorno in den 1950er Jahren festgestellt, ein gigantisches Arbeitslager. Und das ist unter dem Regime des blutigen Lurchs bis heute nicht anders.

26 Gedanken zu „Demonstrieren in Moskau

  1. Kein Kommentar. Wahr gesprochen.
    Weitere Worte meinerseits würden die Essenz verwässern. Kurz, aber präzise, wie immer!

  2. Schwerpunktmäßig in der Ära Gorbatschow, 1985-1991, grundsätzlich ging es aber schon in der Spätphase Breschnew und noch unter Jelzin softer zu als z.B. heute. Wladimir Kaminer und Wiktor Jerofejew berichteten, dass so ab 1978 eine Phase einsetzte, in der das Leben relativ angenehm war. Die Zensur ließ nach, die Strafverfolgungsbehörden verfielen in ein gewisses Phlegma, der Lebensstandard war noch nicht gefallen, was er als Folge von Überrüstung und Misswirtschaft ab 1982 tun sollte. Also weit gefasst war von 1978 bis 2000 die Repression geringer als davor oder danach, allerdings innerhalb dieses Zeithorizonts aus wechselnden Gründen.

  3. Von den russischen Interna weiß ich zu wenig. Ich würde aber auch unterschiedliche Phasen ausmachen. Freiheiten in einem bürgerlichen und rechtsstaatlichen Sinne würde ich aber nicht ansetzen wollen – allenfalls begann eine Entstaubung in der Ära Gorbatschow. Aber wie weit das auf der Ebene der Apparatschiks in der Provinz oder den Städten auch ankam, muß man wohl ebenfalls bei den Historikern oder durch Zeitzeugenberichte erunieren.

  4. Das kommt drauf an was man unter Freiheiten versteht. Kommt noch was von mir dazu. Was Anderes: Wenn ich Dir Emails schicke wird mir Dein Account als nicht vorhanden gemeldet.

  5. Ich habe einen sehr spannenden neuen Kontakt zu einer Russin, die erzählt, dass über Glasnost, Perestojka und Uschkurenje jedenfalls sehr lebhaft, optimistisch und euphorisch in der Inteligentsia (nicht nur Künstler, Literaten usw., sondern Ärzte, Lehrer und auch qualifiziertes Pflegepersonal oder Ingenieure) in Städten wie Tscherkessk, Tobolsk oder Nowosibirsk diskutiert wurde.

    Und dass in der Zeit zugleich gehungert wurde.

  6. Ich denke auch, daß in dieser Frage die Dokumente von Historikern und auch solche der sog. mündlichen Geschichte zusammengetragen werden müssen. Sicherlich gab es Verschiebungen und gewisse kleine Freiheiten. Nur eben war die Gesellschaft nicht frei.

    Der Freiheitsbegriff ist nun in der Tat kompliziert. Zumindest sind die bürgerlichen Freiheiten einer Gesellschaft wie der Bundesrepublik – bei allen internen Mängeln des Systems – allemal besser als das politische System im gesamten Ostblock. Während wir hier in Deutschland all diese Dinge schreiben können und sogar die Zarenknechts und die Blöckers dürfen hier ihr krudes und dummes Zeug heraushauen, würde es in Rußland plötzlich an der Haustür klingeln und das wäre nicht der Briefträger mit Pech und bei gehöriger Prominenz hat man auch mal Nowitschok in der Unterhose. Und wie es denen ergeht, die in Moskau, in Petersburg und anderen Städten demonstrieren, wissen wir ja inzwischen auch.

  7. Ob es überhaupt irgendwo auf diesem Planeten eine freie Gesellschaft gibt wäre zu prüfen, auch wenn unsere freier als die russische ist. Zum anderen sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Phasen in der Entwicklung der russischen Gesellschaft doch beträchtlich. Schreibe ich später noch was drüber.

  8. Sicherlich sind da graduelle Differenzen, auch in der Diktatur. Sogar Nikita Sergejewitsch Chruschtschow war, als er abgesetzt wurde, froh und erleichtert: was als Aussage von ihm heute eher wie ein Witz oder wie ein Zynismus klang, war unter Stalin einst blutige Realität. Chruschtschow kommentierte seine Absetzung mit folgenden Worten: „Daß ich lediglich abgesetzt wurde und nun auf einem Landsitz leben kann, ist für die Sowjetunion bereits ein gesellschaftlicher Fortschritt. Denn unter Stalin wäre ich erschossen worden.“ (Sinngemäßes Zitat und aus dem Kopf zitiert) Allerdings sollte man bei der UdSSR eben nicht das System Lager und die Einweisung von Dissidenten in die Psychiatrie unter der Ära Breschnew vergessen – und solches rabiate Vorgehen ging bis in die 1980er Jahre hin. Und wie es freiheitsmäßig ansonsten im Ostblock aussah, konnte man bis 1989 noch in der DDR beobachten. Es war nicht einmal möglich, seinen Beruf frei zu wählen. Etwas, das ja doch erheblich mit der persönlichen Lebensplanung und Räumen von Freiheit zu tun hat.

    Was die Freiheit in Deutschland betrifft, so sind wir ganz sicherlich nicht am Endpunkt der Geschichte angelangt und leben auch nicht im besten aller möglichen Freiheitsländer. Aber es gibt eben doch jene unterschiedlichen Freiheitsgrade – und da ist es ein Unterschied, ob wir in Rußland, in den USA oder aber in Deutschland leben. In dieser Art einer graduellen Situierung würde ich Freiheit differenzieren und damit ist zugleich Freiheit ein evolutionärer, sich entwickelnder Begriff. Wobei man ja zugleich darüber streiten kann, ob die Menschen nach der Französischen Revolution und unter den Auspizien der Moderne und Spätmoderne nach dem Zweiten Weltkrieg freier geworden sind. Um es etwas im groben nur zu skizzieren, Details würden den Rahmen sprengen: Wir haben trotz vermehrter politischer Freiheit und der Freiheit im Denken, von der die wenigsten leider einen klugen Gebrauch machen, wie man gerade im Umfeld von Verschwörungsideologen und den Mitläufern sowie diversen Putinverstehern sieht, sozusagen der Scientologysierung des Denkens, in unseren Handlungen immer weniger Freiheiten, weil bei der Wahl von unendlich vielen Möglichkeiten viele Menschen überfordert sind. Vom Vergleichswahn über Instagram bis hin zur Massenkultur. War am Ende der (freie) Bauer oder Handwerker im 16. Jahrhundert, trotz Standesdenken, trotz Prägung durch Religion, trotz Kriegen und einem entbehrungsreichen Leben, das auf die gütige Fügung der Natur angewiesen war, nicht deutlich freier als jemand, der um 9 Uhr mit dem Fahrrad oder mit dem Bus oder dem Auto zur Arbeit fährt und zur Mittagpause die Wahl zwischen Sushi, Bratwurst oder Tofu-Schnitte hat? Auch hier wieder: Freiheitsgrade und daß Freiheit eben nicht nur eine gesellschaftliche Angelegenheit ist, sondern auch etwas mit den eigenen Dispositionen zu tun hat. Die Freiheit, etwas aus seinem Leben zu machen, bedeutet eben auch: Die Freiheit daran scheitern zu können, weil man sich genau damit überfordert fühlt. Vielleicht gehört eben zur Freiheit auch die Tradition und bestimmte Rituale. Feste und Feiertage sind ja noch solche Residuen.

    Zeit wäre es, einen politischen Liberalismus von links wiederzubeleben. Aber das ist wieder ein anderes Thema und hat viel mit unserer Fähigkeit zu tun, überhaupt noch Erfahrungen machen zu können und diese zugleich ins Denken einzuholen.

  9. Ich würde hier eher von Libertarismus als von Liberalismus sprechen, wenngleich auch dieser Ausdruck schon wieder kontaminiert ist. Das eröffnet ein sehr sehr weites Diskussionsfeld, wobei man hier ganz gut an Adornos Minima Moralia und auch bei der Dialektik der Aufklärung – und auch bei Erich Fromms Haben oder Sein und Die Kunst des Liebens – anknüpfen kann: Warum gelingt es den Menschen nicht, so zu leben wie es ihnen tatsächlich gut tun würde ?

    Zu dem anderen Thema: Nach dem was ich weiß, unter dem Vorbehalt, vielleicht nicht sehr gut informiert zu sein, ließ in der späten Breschnew-Ära die Repression insgesamt nach. Nicht aus Gründen, die etwas mit Liberalisierung zu tun hatten, sondern eher aus einer Gemengelage aus Überalterung der Führung, verbreiteter Korruption, Null-Bock-Stimmung in Teilen des Repressionsapparats und innerhalb dieses Koordinatensystems sehr mühsam erkämpfter Freiräume bestimmter sozialer Gruppen heraus. Um das Chrustschow-Beispiel weiterzuspinnen: Andrej Sacharow wurde zur Residenzpflicht in einer Besuchern aus dem Westen nicht zugänglichen Stadt verdammt, wo er öfter Hausbesuch vom KGB bekam. Ihm wurde die Wohnnung durchsucht und deren Verwüstung angedroht („Aus Deiner Wohnung ein Afghanistan machen“), die Drohung aber nicht umgesetzt. Sehr übel, typisch Diktatur halt, aber verglichen mit „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ ein Fortschritt. Die Dissidenten, die man in den 70ern und 80ern irgendwann ausreisen ließ wären unter Stalin hingerichtet worden.

    Für jemanden, der in Kaunas zwangspsychatrisiert wurde habe ich selber bei amnesty international Kampagnenarbeit gemacht. Diese Menschen wurden weißer Folter mit Haldol ausgesetzt; letzlich bekamen wir ihn mit unserer Kampagnenarbeit aber frei. Im Iran sah es zum gleichen Zeitpunkt sehr viel schlimmer aus, von China erfuhr man gar nicht erst, was mit Andersdenkenden passierte.

    In der Zeit 1978 bis Gorbi war es hinsichtlich des Herankommens an westliche Konsumgüter, auch Luxusartikel und hinsichtlich der Möglichkeiten, individuell Geschäfte zu machen besser als je zuvor oder danach in der Sowjetunion, allerdings aufgrund von Netzwerken aus Korruption und Schwarzmarkt, die schon die Grundlagen der späteren „Diebe im Gesetz“, der Russenmafia schufen – damals sozusagen deren noch fast unschuldige Vorläuferstufe, an der noch Iwan Normal partizipieren konnte. .

    In entlegenen Regionen herrschte mangels der heutigen Überwachungs- und Kommunikationsmittel auch noch eine „Moskau ist weit“ – Autonomie. Was in Jakutsk oder Tannu-Tuwa oder Byschkek passierte wurde halt oft in Moskau oder Leningrad gar nicht bemerkt.

    Die DDR war hinsichtlich der Durchdringung des Alltags sicherlich am repressivsten vom gesamten Ostblock. Es hieß, das Kriegsrecht in Polen sei erträglicher als der Frieden in der DDR.

    Unter Gorbatschow wurde die Zensur weitgehend aufgehoben, was unmittelbar politische Meinungsbekundungen anging. Anders im Bereich Kultur, wo jede Art Darstellung von Nacktheit, westliche Popmusik und Hollywoodfilme weiterhin ausgesperrt blieben. Ob die Perestroika in eine Demokratie geführt hätte wenn Gorbatschow nicht gestürzt worden wäre bleibt Spekulation. Unter Jelzin und in den ersten Putin-Jahren herrschte etwas, das ich weder Diktatuir noch Demokratie nennen würde, sondern ein ambivalentes Zwischenstadium. Eine gelenkte Demokratie oder Demokratur, ähnlich wie in der Türkei, Mexiko oder Pakistan.

    Was jetzt in Russland passiert erscheint mir hingegen wie ein Rückfall in Zeiten des Stalinismus. In der Sowjetunion gab es wenigstens ein ZK und ein Politbüro, deren Mitglieder sich gegenseitig in Schach hielten, und keinen Alleinherrscher.

  10. @El Mocho: Nun muß man solche Texte freilich aus ihrer Zeit heraus lesen – vor allem im Blick auf die Begrifflichkeiten, die ja mit dem damaligen Verständnis von Liberalismus im ausgehenden Kaiserreich zu verstehen sind.

  11. @Che: Na ja, Fortschritte in der Hölle sind eben nur bedingt Fortschritte und da ist mir am Ende selbst die angebliche „repressive Toleranz“ einer spätbürgerlichen Gesellschaft dann doch wieder lieber. Dennoch ist es richtig, daß im Vergleich zu dem Iran vor und nach 1979 und auch im Vergleich zu China in der UdSSR ein Leben möglich war. Es kommt freilich auch hier auf die Perspektiven an. Insofern halte ich Deine Schilderungen für nachvollziehbar – kenne mich freilich in dieser Materie auch nicht aus. Man sollte wohl in der Tat eben die unterschiedlichen Geschichten und Erfahrungen – von normalen Leuten wie von Dissidenten oder Untergrundkünstlern – zusammentragen, um daraus eine Annäherung zu bekommen oder ein Bild sich zu machen.

    Andererseits: Wer in der DDR als Beruf Lehrer werden wollte und es aus ideologischen Gründen nicht durfte und nicht einmal das Land verlassen durfte, der wird über solchen neuen Freiheiten am Ende auch nur bedingt glücklich sein. Der Ausdruck der bleiernen Zeit, von Hölderlin stammend, trifft am Ende eben auch gut auf den Ostblock zu, und viele Bürger der DDR empfanden das genau so: ein graues, trostloses Land, in dem man zwar irgendwie leben konnte, im Vergleich zur Bundesrepublik aber in beengten und eben vor allem unfreien Verhältnissen, wenn nicht einmal die freie Berufswahl möglich war, weil man wegen seiner Eltern oder aus anderen ideologischen Gründen ein bestimmtes Studium nicht antreten durfte.

  12. Im Jahre 1996 streikte (nicht meuterte, es galt als legaler Streik) die Besatzung des Raktenkreuzers Tscherwona Ukraina, weil der Name des Schiffes auf ein Territorium bezug nahm das ein souveräner Staat ist und nicht mehr zu Russland gehört und benannte das Schiff um. Man stelle sich einen solchen Vorfall mal heute vor.

  13. Nun ja, Eduard Bernstein habe ich schon immer für einen hervorragenden, weit unterschätzten politischen Theoretiker gehalten. Ich denke (als Sozialdemokrat, für den ich mich noch immer halte) dass seine Thesen auch heute noch relevant sind. Ich finde es ziemlich erschreckend, wenn heute wieder Enteignungen, staatliche Preiskontrollen, Abschaffung des Kapitalismus usw. gefordert werden, was alles schon ausprobiert wurde und in Katastrophen endete. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird offenbar nicht mehr studiert.

  14. Ich nicht. Allerdings bin ich, Sozialrevolutionär dem Theorieansansatz nach, ziemlich skeptisch bis verzweifelt was die Intelligenz oder besser gesagt Nichtintelligenz der Massen angeht, was sich ja aktuell am Covidiotentum zeigt.

  15. Hinsichtlich einer staatlichen Lenkung der Wirtschaft muss man übrigens nicht zwangsläufig an den Kasernenhofkommunismus denken, sondern z.B. an Frankreich – das gerade den Benzin- und Gaspreiserhöhungen durch staatliche Preusfixierungen entgegensteuert – oder Schweden. Dem neoliberalen Ausverkauf aller sozialen Komponenten der Marktwirtschaft entgegenzusteuern halte ich für das Gebot der Stunde.

  16. Bernstein sollte gespiegelt durch seinen Kollegen Hilferding gelesen werden. Der reine Revisionismus ist ebenso Unfug wie auf der anderen Seite die Marxorthodoxie.

  17. Es ist ja sowieso der Fall, daß der Staat eingreift: das fängt bei der Bereitstellung von Infrastruktur und bei der Bildung an. Ebenso die Steuern. Aufgabe des Staates ist es, gesellschaftliche Prozesse zu regeln und teils auch zu beschleunigen. Wer eine Energiewende will, muß das Bahnfahren besser gestalten. Besonders beim ÖPNV auf dem Land. Wer wenige Rohstoffe zum Exportieren hat, der muß auf Bildung setzen. Auch dies ist eine Aufgabe des Staates. Und auch die öffentliche Daseinsvorsorge sollte dem Markt enhoben sein. Insofern bin ich da, was diesen Ausverkauf betrifft, ganz bei Dir.

    Kleine Empfehlung für Dich, che (und auch für andere): bei Arte gibt es in der Mediathek eine schöne sechsteilige Reihe zum Kapitalismus: Von Adam Smith, über Ricardo, Marx, Hayek, Keynes zu Polanyi.

    https://www.arte.tv/de/videos/RC-014948/der-kapitalismus/

  18. @Hessenhenner: Denker wie Bernstein waren im Blick auf die 1930er und vor allem die 1940er Jahre Philosophen wie Horkheimer und Adorno im Grunde sehr nahe. Auch letztere wußten, daß es keine proletarische Revolution mehr geben würde und daß auf der Ebene pragmatischer Politik lediglich der langsame Wandel einer Sozialdemokratisierung erfolgreich sein würde. Es etablierte sich eine Massengesellschaft, die im Westen nicht mehr nur durch das Politische, sondern durch einen zunehmenden materiellen Wohlstand zusammengehalten wurde. Man konnte sich Kino leisten. Adorno hegte da einige berechtige und andere unberechtigte Vorbehalte. Die BRD – in Absetzung zur DDR – war für Adorno sicherlich nicht der Idealstaat, aber allemal besser als das, was er in den USA erlebte. (Wobei Adorno nun ganz und gar nicht USA-feindlich war, wie man in seinen Vorträgen und Essays sehen kann: so in „Kultur und Culture“ und vor allem in „Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika“.

    An der aufklärerischen und der intellektuellen Gründung der BRD war Adorno (und gar nicht so sehr Horkheimer, der sich in den Tessin zurückzog) maßgeblich mit seinen Radiovorträgen beteiligt. Man lese seine letztes Jahr bei Suhrkamp erschienenen „Vorträge“ und höre seine Radioessays sich an. In Gisela von Wysockis Roman „Wiesengrund“ wird diese Faszination, die von Adornos Stimme und seinen Vorträgen ausging, sehr fein dargestellt.

    Über die gegenärtige Situation in der BRD sagte er in einer seiner Vorlesung zur „Negativen Dialektik“ von 1965/1966:

    „Dieses Zurückgeworfensein auf die Philosophie hat nun in der Situation selbst auch sein reales Äquivalent. Wir befinden uns in einer Art geschichtlicher Atempause. Wir sind in einer Lage, in der im Ernst nachzudenken uns den materiellen Voraussetzungen und auch einer gewissen Friedlichkeit der Zustände nach, jedenfalls soweit es sich um die Bundesrepublik handelt, wieder möglich ist. Und die Versuche, einen darin irre zu machen und unterbrochen: Wolf, Wolf! zu rufen, sind wohl im Augenblick gerade deshalb eine Ideologie, weil auf Grund einer gesellschaftlichen Analyse à la longue nicht damit zu rechnen ist, daß dieser Zustand, in dem man überhaupt nachdenken kann, sich erhält, – so daß man diesen Zustand nicht versäumen darf.“ (Adorno, Vorlesungen Negative Dialektik, S. 88)

    Solcher Zustand schließt sicherlich auch ein, sich in der Theorie darauf zu besinnen, was möglich und was nicht mehr möglich ist.

  19. „Wir befinden uns in einer Art geschichtlicher Atempause. “ Und genau darauf bezog sich die Band Fehlfarben mit „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht“ und unsere klandestine Gruppe wiederum auf „Paul ist tot, kein Freispiel drin“ als wir unsere illegalen Aktionen mit „Zelle Paul“ signierten.

  20. Deshalb auch sind jene sozialen Bewegungen und jener soziale Protest in der BRD auch derart wichtig, um solchen gesellschaftlichen Wandel voranzubringen. Hegelsche List der Vernunft. Die Anti-AKW-Bewegung, die Autonomenproteste, der ökologische Protest und die Proteste der Hausbesetzer haben aus der BRD in den 1980er Jahren eine andere gemacht. Und das ist zu großen Teilen auch gut und richtig.

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