Putins Tote: Elisey aus Browary (13 Jahre)

„Das ist die Mütze des 13-jährigen Elisey aus Browary, Region Kyjiw, und sein T-Shirt, das der Junge über seiner Jacke trug, um seine friedlichen Absichten zu zeigen. Elisey wurde von der russischen Armee erschossen, als er, seine Mutter und sein dreijähriger Bruder versuchten, aus dem besetzten Dorf Peremoha im Distrikt Baryshivskyogo zu fliehen.“ (Ilko-Sascha Kowalczuk)

Der russische Machthaber in Moskau ist mit dem Blut der Tschetschenen, mit dem Blut der Syrer, mit dem Blut der Ukrainer besudelt. Sein Platz kann nicht mehr der Verhandlungstisch sein, sondern nur noch in Den Haag. Und wieder, um seinen Aggressionen Ausdruck zu verleihen, droht Rußland mit einem Atomkrieg. Diesmal in Gestalt von Putins Bluthund Lawrow: Es ist die immer gleiche Strategie der Verunsicherung: im Westen Angst und Schrecken zu erzeugen und mit den Mitteln des Schulhofschlägers die Menschen zu erpressen und in Geiselhaft zu nehmen. Christian Gruber kommentierte dies auf Facebook sehr treffend und gut:

„Ich bin wirklich verwundert, dass Lawrow damit durchkommt. Er droht mit einem Weltkrieg, wenn die Ukraine nicht in ruhe vernichtet werden darf und deutsche Medien scheinen mir das nur zu gerne aufzugreifen.
Verrückt.“

Hätte jemals die USA mit einem Atom- oder Weltkrieg gedroht: die Straßen wären gefüllt mit Demonstranten dieser sogenannten „Friedensbewegung“. Denn es ist ja die USA, das gute alte Feindbild: jener Muff aus alten Jahren. Bei Rußland aber schweigen sie. Kein Wort und kein Protest gegen den Russenkrieg vor der Russenbotschaft. Statt dessen werden windige Entschuldigungen für russische Kriegsverbrechen gefunden. Klar, man muß auch Hitler irgendwie verstehen: Haben nicht die Polen die Deutschen mit ihrer Rüstung und ihren frechen Reden gegen das Deutsche Reich auch irgendwie provoziert? Und dann dieses Bündnis der Polen mit Großbritanien: welch ungeheure Provokation des Deutschen Reiches! Das Deutsche Reich sah sich geradezu gezwungen, die Polen präventiv anzugreifen. Und dann erst die polnischen Antisemiten. Da muß man ja eingreifen. Ich würde hier inzwischen von der Horst-Mahlerisierung der Friedensbewegung sprechen wollen. Und wenn man es etwas erlesener will von ihrer Stefan-Scheilisierung.

Der Schoß ist fruchtbar noch: In Deutschland hat Putin willige Helfer, Vollstrecker und seine Propagandatruppen: Autoren wie Tom Wellbrock, Dirk Pohlmann, Wolfgang Bittner, Ulrich Heyden, Uli Gellermann, Albrecht Müller, Tobias Riegel sowie Ken Jebsen sind nicht nur Spießgesellen des Kreml, sondern für diese Leute haben wir den Begriff „Schreibtischtäter“. Wellbrock, Gellermann, Pohlmann müssen sich die Kriegsverbrechen der Russen indirekt zurechnen lassen. Und ebenso jene Portale, die wie Apolut und die Nach“Denk“Seiten Verschwörungsideologie verbreiten: Sie sind Gehilfen von Putins Mordsystem.

Den armen Jungen macht all dies leider nicht lebendig.

Putins Tote

Im schönen Odessa wurde bei einem Raketenangriff der Russen die Mutter Valeria und ihre kleine Tochter Tochter Kira getötet. Vermutlich dachten sich Putin und seine Soldateska, daß man mit der Säuberung von Nazis am besten schon im Säuglingsalter anfängt. Auch Baby-Nazis sind Nazis, dachte sich der bleich-blutleere Baby-Hitler.

Der Tod einer Mutter und ihres Babys nennt sich dann wohl Kollateralschaden. Als solches die USA taten, in Vietnam etwa, war der Slogan der Demonstranten nicht etwa: „Vietcong leg die Waffen nieder!“, sondern man rief „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!“ und dieser Ho Chi Minh war nun alles andere als ein demokratisch gewählter Präsident, der auch nur annähernd ins Schema Menschenrecht und Freiheit fiel, sondern vielmehr ging auch er blutig vor. Ein lupenreiner Demokrat war jener Ho Chi Minh sicherlich nicht. Aber es ging eben auch um einen Befreiungskampf. Und das ist in der Ukraine ebenfalls der Fall, nämlich gegen eine imperialen Aggressor Putin. Und auch der Unterschied Ho Chi Minh und Wolodymyr Selenskyj dürfte intuitiv bereits ins Auge springen.

Und nein: es ist nicht mehr nur Putins Krieg. Bei der Zustimmung der Russen zu diesem Krieg ist es ein Krieg Rußlands gegen einen souveränen Staat – anders übrigens als der Irak, für alle Äquidistanzler aus dem Stall Zarenknecht-Blöcker und dem der Schreibtischtäter von den Nach“denk“seiten. Und in diesem Sinne muß Rußland genau so behandelt werden wie jenes Deutschland von 1933, 1939 und 1941. Keine russische Kultur im Austausch mit Moskau, St. Petersburg und anderen Städten, außer es handelt sich um Dissidenten und Emigranten, keine Ausstellungen, keine russischen Sportler, keine Teilnahme der Russen an internationalen sportlichen Wettkämpfen, keine russischen Oligarchen, die im freien Westen ihre Kinder auf die Internate in Frankreich und England schicken. Russische Propaganda-Autokorsos in Deutschland nur unter strengsten Auflagen und beim geringsten Verstoß: Abbruch. Und die Polizei wird doch sicherlich den einen oder den anderen technischen Mangel an einem Fahrzeug feststellen.

Aber aller Zorn über den Verbrecher in Moskau nützt nichts: Es verlieren bei diesen Angriffen Ukrainer ihr Leben. So diese Mutter und dieses Kind. Und das geht immer so weiter. Von den Deportationen der Ukrainer ganz zu schweigen und ebenso von den Verbrechen, die die Russen in Mariupol anrichten – in den Katakomben des Stahlwerkes halten sich im übrigen unzählige Kinder auf. Solange die Russen nicht aus der Ukraine vertrieben sind und Putin kapituliert, wird der Mord an Zivilisten immer weiter gehen: Entweder sie werden im Krieg getötet oder sie werden beim Widerstand sterben. Wie es den Ukrainern in den ehemals besetzten Gebieten geht, zeigten Butscha, Irpin und Mariupol, wo inzwischen weitere Massengräber entdeckt werden.

Um Putin zu vertreiben oder zu besiegen, braucht es Waffen. Und wer nun sagt: „Aber Waffen schaffen keinen Frieden!“, der muß zum einen geeignete Vorschläge machen, wie Putins Soldateska aus der Ukraine zu vertreiben ist und zum anderen sollte er lieber die Ukrainer fragen, wie sie die Sache sehen. Deren Stimmen sind entscheidend und nicht diejenigen, die hier in ihren Sesseln sitzen und ihre Ruhe wollen: Lumpenpack-Pazifisten ist das Wort der Stunde. Was zählt, sind die Ukrainer: die Stimme der in freien Wahlen ernannten Regierung des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist entscheidend und nichts sonst und dann schaut der freie Westen, das freie Europa, was es sinnvoll leisten kann. Solange solch junge Frauen und Babys von Russenraketen umgebracht werden, ist jedes Reden von Pazifismus ein Hohn auf die Opfer.

Der russische Bombenangrifff auf Odessa ereignete sich am orthodoxen Karsamstag. Es gab 6 Tote, darunter jenes Baby, und 18 Verletzte. Soviel zu Putins Frieden und zum Osterfrieden.

Ein sinnvoller Aufruf der FDP

+++ Wir schlagen vor: Europäisches Aufnahmeprogramm für russische Deserteure +++

Wer sich entscheidet, Putins #Krieg den Rücken zu kehren, nicht länger Teil einer Armee sein zu wollen, die Kriegsverbrechen begeht, und zu desertieren, hat eine Chance auf umfassenden Schutz in #Europa verdient. Deshalb werben Johannes Vogel und Konstantin Kuhle für ein europäisches Aufnahmeprogramm für desertierende russische Soldaten. Ein auf europäischer Ebene abgestimmtes Programm ist in seiner Signalwirkung um ein Vielfaches größer als ein schlichter Verweis auf das geltende Asylrecht. Und: Ein Aufnahmeprogramm für Deserteure kann auch ein Beitrag zur Schwächung der russischen Truppen in der Ukraine sein.
Auch Oppositionelle, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten, die sich in Russland aktuell unter gefährlichsten Bedingungen für #Freiheit, #Frieden und #Demokratie einsetzen, sollten unkompliziert Asyl in der Europäischen Union erhalten können, wenn die Voraussetzungen vorliegen.

Und auch ich denke: jeder kleine Schritt hilft, immer einen neuen Stachel setzen!

PS: Zu dem offenen Brief an Olaf Scholz zum Stop der Waffelieferungen an die Ukraine, unterzeichnet unter anderem von Daniela Dahn und Konstantin Wecker, hatte Sascha Lobo im „Spiegel“ einen treffenden Begriff gefunden: Lumpen-Pazifismus:

„Putins Krieg gegen die Ukraine. Der deutsche Lumpen-Pazifismus
Ein substanzieller Teil der Friedensbewegung ist in seiner Selbstgerechtigkeit das Beste, was Putin passieren kann. Leider hat er in der Politik und besonders in der SPD mächtige Partner.“

Die „Befreiung“ von Mariupol

Die „Befreiung“ der Stadt sieht so aus, wie unten zu betrachten ist, wenn dann tschetschenische Räuberbanden ins Land einziehen: Man kann sich nun gut vorstellen, weshalb es für die Ukrainer keine gute Idee wäre, zu kapitulieren. Es wartet die Hölle auf diese Menschen. Es warten Folter, Mißhandlungen, Vergewaltigungen von Frauen und Mord. Und sofern die UN nicht umgehend diesen Krieg stoppen, sollte zu überlegen sein, ob nicht eine Koalition der Willigen in den Krieg eingreift. Insofern: Waffen für die Ukraine, Militär für die Ukraine.

„Russia’s „liberation“ of Mariupol looks like this, according to Ramzan Kadyrov’s Telegram channel“

Aus den ZEIT-Ticker:

Russland lehnt Waffenruhe zu Ostern offenbar ab 

„Nach Aussagen des ukrainischen Präsidenten hat Russland den Vorschlag einer Feuerpause über die orthodoxen Osterfeiertage abgelehnt. Das sagte Wolodymyr Selenskyj in einer Videobotschaft. Dies zeige, was der christliche Glaube und einer der fröhlichsten und wichtigsten Feiertage den Führern Russlands gelte, sagte Selenskyj.

„Wir werden aber trotzdem die Hoffnung behalten. Die Hoffnung auf Frieden, die Hoffnung darauf, dass das Leben über den Tod siegt.Wolodymyr Selenskyj“

Zuvor hatte Papst Franziskus zu einer Waffenruhe in der Ukraine aufgerufen. Auch UN-Generalsekretär António Guterres und der Großerzbischof der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche sprachen sich dafür aus.“

Auf Putins Kälte läßt sich nur mit Kälte und das heißt mit Waffen und am Ende auch mit dem Einsatz einer Koalition der Willigen in der Ukraine reagieren, sofern es für die Ukraine brenzlig wird. Dies muß der nächste Pfeil im Köcher des freien Europas und der übrigen freien Welt sein, der Putin trifft. Und wie in Butscha finden sich auch in Mariupol Massengräber mit Zivilisten. Und an dieser Stelle muß dann auch ein Wort zu einem UNO-Einsatz gesagt werden: Solange bei solchen schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie Putin sie verübt, immer wieder die Gegenstimmen einen von der UN gedeckten Militäreinsatz zur Hilfe für die Ukraine verhindern, muß ein anderes Prozedere her. Ohne UN-Mandat. Aber das sind Überlegungen, wie sie nur Juristen anstellen können, die sich im Völkerrecht auskennen. Politisch, aber auch im Sinne einer philosophischen Begründung wäre ein solcher Einsatz im Sinne des Begriffs der Menschenwürde von seiner Begründung her gedeckt. Denn es handelt sich bei Putins Krieg um einen Angriffskrieg. Gäbe es 1939 bereits die UN und hätte man bspw. in der UN Japan, Italien, Ungarn und Rumänien abstimmen lassen, so wäre das Ergebnis ebenfalls zugunsten eines Zusehens ausgefallen. Europa wurde von Hitlers Angriffskrieg nicht durchs Zusehen befreit. Und ähnlich ist es auch im Umgang mit Putin.

Ostermarsch – Nachtrag

Stefan Liebich (Die Linke Berlin, Ex-MdB und Ex-MdA) ist einer der wenigen in der Partei „Die Linke“, der einen richtigen Blick für die aktuelle Lage hinsichtlich Putins Angriffskrieg hat. Am Sonntag schrieb Liebich auf Twitter:

„Als die sandinistische Regierung in Nicaragua gegen die von den USA unterstützten Contras kämpfte und in El Salvador die FMLN die von den USA unterstützte Militärregierung bekämpfte, sagte kein Linker, dass sie damit aufhören sollten, damit schneller „Frieden“ ist.

Große Teile der Linken in Deutschland sammelten sogar Geld für „Waffen für El Salvador“. Heute lese ich, dass die Organisatoren des Berliner Ostermarschs Waffenlieferungen an die #Ukraine und jegliche Sanktionen gegen den Aggressor Russland ablehnen. Why?

Eine Friedensbewegung, die nicht auf der Seite der Angegriffenen, sondern nur auf der jeweils anderen Seite der USA steht, braucht kein Mensch.“

Genau dies war schon vor Wochen mein Argument gegen die Äquidistanzler und jene, deren Hauptfeind die USA sind – egal was ist, egal was geschieht, egal wie die Welt sich wandelt. Ostermärsche in Zeiten von Angriffskriegen müssen völlig anders aussehen. Oder man kann es auch so ausdrücken: die deutsche Friedensbewegung wird der Ukraine nie verzeihen, daß sie angegriffen wurde. So zumindet nehmen sich die Stimmen der Zarenknechts aus und auch derer, die Ostern für den Angriffskrieg marschierten, es nur leider nicht bemerkten. Pazifismus war bei Hitler keine Option, vielmehr wurde Hitler durch die geballte Militärmacht der westlichen Alliierten und durch die sowjetischen Menschenmassen besiegt, ausgerüstet von den USA; Pazifismus war bei Frankos Putsch gegen das demokratische Spanien keine Option und es ist auch für jene Kriegsverbrechen, die Putin und die Russten taten, keine sinnvolle Option. Und keiner weiß, was der blutige Lurch als nächstes tun wird. Abstrakt „Frieden“ und „Nie wieder Krieg“ zu rufen, reicht nicht aus, zumal wenn Täter und Land nicht genannt werden, welche die Ukraine angriffen: nämlich Rußland. Und bei diesem Ostermarsch in Berlin kam es noch deutlich schlimmer: Täter waren da plötzlich die USA. „Die Waffen nieder! – Stoppt den Krieg in der Ukraine! Stoppt das 100-Milliarden-Euro-Aufrüstungsprogramm“ Unverhohlener läßt sich nicht mehr beschwichtigen. Vom Aggressor Rußland kein Wort. „USA raus aus Vietnam“ hieß es 1968. „USA raus aus El Salvador“ hieß es einige Jahre später, und wären die USA in Belarus einmarschiert, hieße es „USA raus aus Belarus“, aber ganz sicher nicht „Die Waffen nieder“, wie auch der entsetzliche Bernd Riexinger bei sich postete. Der Schoß ist fruchtbar noch und Teile der Linken werden leider, trotz Liebich und trotz eines klugen Facebook-Beitrags von Andreas Büttner (Die Linke, Brandenburg, SVV Templin) zur russischen Kriegsschuld und zu der Mär von der NATO-Schuld, den öden Atem russischer Despoten nicht los: von Stalin bis Breschnew.

Eine kluge Linke war niemals pazifistisch, sondern sie wußte, wo es nötig war, mit Waffen zu kämpfen oder solche zu liefern oder für Waffen zu spenden, und es riet damals in den 1960er Jahren dem Vietkong ebenfalls keiner, unbedingt nun bitte aufzugeben angesichts der erheblichen Überlegenheit der US-Army und ob der Opfer, die das kosten würde. Hätte man nicht all die Opfer durch Agent Orange und all die verbrannten Menschen durch Napalm sich sparen können, wenn der Vietkong kapituliert hätte? Keiner dachte so und wer solches ausspräche, dem hätte man im Plenum die Hammelbeine langgezogen. Dies übrigens ist der Aufruf aus der taz vom 3.11.1980 (gefunden bei Deniz Yücel auf Facebook):

PS und Nachtrag, nach dem Russenangriff auf den Donbass: Zeit wird es, SPD-Scholz, auch schwere Waffen an die Ukraine zu liefern! Vielleicht geschieht dies im Geheimen bereits. Wenn aber nicht und wenn da weiter der Kurs Scholzomat gefahren wird, so kann man nur sagen: Schande über die SPD! Die besten Figur der Politik gibt inzwischen Robert Habeck ab. Man wünscht sich ihn als nächsten Bundeskanzler. Nur wird es dann für die Ukraine zu spät sein. Es muß jetzt etwas passieren. Immerhin sind die USA und Großbritanien pfiffig genug.

Und wie sich zeigt, macht der blutige Lurch aus Moskau mit unverminderter Härte weiter. Soviel zur Friedensbewegung und zu der Parole „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Ostermarsch: Denken im Arsch

Lang ist es her, daß ich auf einem Ostermarsch mitlief – der letzte muß 1985 oder 1986 gewesen sein – und da bereits war die Luft schon gehörig raus und abgenutzt. Europa wurde inzwischen nachgerüstet und die Welt stand noch immer. Damals freilich ist nicht heute. Die Welt ist eine andere. Die Diktaturen im Ostblock sind zusammengebrochen, was manchen Linken aus der Fraktion KP bis heute schmerzt, und nonchalant wurde schon damals viel und laut über die DDR geschwiegen, während man bei den USA gar nicht aus dem Kritisieren herauskam. (Nein, ich gehörte als Westlinker nicht zu dieser Sorte, ich war durch Biermanns DDR-LPs und durch Reiner Kunzes und Christa Wolfs Prosa ganz gut informiert, in welchem der beiden deutschen Länder ich ganz gewiß nicht leben wollte.)

Egal wie – es waren andere Zeiten. Und wir haben inzwischen einen Putinismus und jenes Dritte Imperium, das Putin und die seinen zu installieren trachten: eine Mischung aus eurasischer Großraumphantasie, darin keine Demokratie vorgesehen ist – Gayropa, so spotten jene russischen Leader im Kreise Putins – sowie eine Form von Faschismus, der an Italien erinnert, gekoppelt mit Totalitarismus. Gnade uns Gott, wenn dieses System sich etabliert. Und nun also haben wir in Europa zum ersten Mal seit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges einen Angriffskrieg und Kriegsverbrechen, wie es sie seit bald 77 Jahren nicht mehr gab – zumindest nicht in Europa und in diesem großen Stil. Die Rede Putins von der „Spezialoperation“ bekommt im Blick auf die Sonderoperationen der Wehrmacht hinter der Frontlinie einen völlig neuen Beiklang und eigentlich wäre dieser putinische Gewaltakt eine Steilvorlage für eine Friedensbewegung. Aber dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Und wie immer ist der Gegner nach dem alten Schema F, dem Muff und Ranz des abgelebten Weltbildes klar: es ist die USA. Die Friedensbewegung dieses Ostermarsches goutiert die Verbrechen Putins zu großen Teilen oder sie schweigt dazu.

Der heutige „Ostermarsch“ in Berlin lief genau so ab, wie ich es vermutete habe und wie ich es in meinem Text „Stört die Ostermärsche 2022!“ vor einigen Tagen schon schrieb: Man könnte nach den Redebeiträgen der Auftaktkundgebung meinen, die USA wären in die Ukraine einmarschiert und nicht etwa die Russen. Man könnte meinen, US-Soldaten stünden kurz vor Moskau und nicht etwa, daß Kiew von russischen Raketen getroffen wurde, daß die russische Armee kurz vor Kiew stand und daß die einstmals schöne Stadt Mariupol nun aussieht wie Grosny und Aleppo. Putin hatte ja bereits Blaupausen für das, was er dann in der Ukraine tat. Kein Wort dieser „Friedensfreunde“ zu dieser Vernichtung. Viel sprach einer der Redner von US-Hyperschallraketen und von bösen Nato-Waffen, die keinen Frieden schaffen (doch für die Ukraine tun sie es: sie vertreiben nämlich die Russen), aber so gar nicht sprach der Redner von russischen Raketen, die Zivilisten niedermetzelten und Wohnviertel in der Ukraine zerstörten: mithin die Heimat, die Wohnungen dieser Menschen. Nicht mit einem einzigen Wort wurde dieses Grauen erwähnt, stattdessen die alten, abgeschmackten, ranzige Feindbilder dieser ranzigen Redner, mit ihren ranzigen Stimmen und ihrem ranzigen Anblick.

Besonders tat sich das ehemalige DKP-Parteimitglied Christiane Reymann in ihrer Rede hervor: Kein Wort zu den Kriegsverbrechen der Russen an Ukrainern, kein Wort zu Russensoldaten, die Frauen vergewaltigen und schänden, kein Wort zu Putins expansiver Außenpolitik, kein Wort zur Krim-Annexion, kein Wort zum russischen Einsatz im Donbass, kein Wort zu den Kriegsverbrechen in Butscha, kein Wort zum zertrümmerten Mariupol – alles so, wie ich es bereits vorher schon vermutet hatte. Stattdessen aber viel von Natowaffen. Im Grunde ist selbst Butscha die Schuld der NATO, so hätte man nach dieser Rede denken können. Und so auch bei allen anderen Rednern, die ich bei der Auftaktkundgebung hörte. Es war nicht einmal mehr Äquidistanz, sondern teils krude Parteinahme für Putin. Von der russischen Zensur der Medien und daß es mittlerweile keinerlei Möglichkeiten in Putins Rußland gibt, sich frei zu informieren: kein Wort. Dazu daß vom Fleck weg in Moskau und anderen Städten Demonstranten verhaftet und verschlepppt werden: kein Wort.

Während hier in Deutschland in vielen Städten jene Kritiker ungeniert das freie Recht der Demonstration in Anspruch nehmen. Hätten diese Leute ihre Kritik, die sie an den USA und der Bundesregierung übten, spiegelbildlich in Moskau vorgetragen, nur eben diesmal gegen Putin: diese Leute wären vom Fleck weg arrestiert worden und verschwänden für Jahre im Lager – siehe nur, was mit den Frauen von Pussy Riot geschah und was bis heute mit Nawalny passiert. Kein Wort zu alledem. Ähnliches bei der Religionspädagogin Monika Auener, die sich mit den Relativierungen hervortat und siehe, da wurde das christliche Wort zur Phrase. Und ebenso Lühr Henken, der vieles zur USA und zur Nato und nichts zum russischen Überfall und den Gewaltverbrechen zu sagen wußte. Wie würde sich Lühr Henken wohl verhalten, wenn auf einer Demo ihn plötzlich fünf Neonazis niederschlügen? Würde er die unverhältnismäßig schwer bewaffnete Polizei verurteilen und den Einsatz eines Schlagstockes? Vermutlich nicht. Die Friedensbewegung hat fertig.

Und was war ansonsten auf dem Oranienplatz zu sehen? Eine Ansammlung seltsamster und trüber Gestalten, daß ich mich – gleichsam „Zurück in die Zukunft“ – wieder in den frühen 1980er Jahre wähnt: die Gemeinschaftskundelehrerin mit hennagefärbten Haaren, Wallewalletuch und Wolljacke, die zottelige Kirchentagsfrau, nur diesmal um 40 Jahre gealtert, der alte Zausellehrer mit dem grauen Bart, nur ohne schäbige Corshose diesmal. Aber auch junge Leute waren dabei, teils aus dem Junge Welt-Umfeld. Wer als Bizarrologe arbeitet, fand dort gutes Anschauungsmaterial. Viele Normalnaive auch darunter mit Allwetterfunktionsjacken. Viele DKP-Fahnen und SDAJ. Und gerne pflegt man die alten und liebegewonnenen Feindbilder. Wie in den guten alten Zeiten, als man noch den Süverkrüp und all den DKP-Sound hörte. In diesem Sinne liefen dort leider schlichte Menschen mit, die nicht dazu fähig sind, auch Ambivalenzen mitzudenken, Menschen, denen es nicht vergönnt ist zu begreifen, daß die alte Welt eine andere geworden ist und daß die Freiheit, die diese Leute in Anspruch nehmen und auf die sie zugleich spucken, in der Tat verteidigt werden will. Und das macht man nicht mit Gewehren von Spiele-Max und mit Platzpatronen darin.

Was mit den Ukrainern geschieht, wenn sie besiegt werden, das zeigen Städte wie Butscha, darin die Leichen liegen, von Russen erschossene Einwohner, das zeigt Irpin, aber auch Mariupol. Und das ist genau die Erfahrung, die auch die Polen 1939 machen mußten, als sie von Hitler besiegt wurden. Nachdem sie kapitulierten und als sie zwischen Russen und Deutschen aufgeteilt wurden, geschah das Grauenvolle und damit meine ich noch nicht einmal die Morde an den Juden, sondern lediglich den Umgang der Nazis und der Russen mit den Polen – als Stichwort sei nur Katyn genannt und der Mord an polnischen Intellektuellen und Wissenschaftlern durch russische Soldaten, und als weiteres Stichwort der gnadenlose Umgang der deutschen Besatzungstruppen mit den polnischen Untermenschen. Für diese Details der Geschichte und der Gegenwart hatten die „Friedensfreunde“ jedoch keinen Blick. Wie zu erwarten. Eine einzige Frau trug eine Ukraine-Fahne als Schild. Die Dame und ihre Begleiterin waren von der IG-Metal. Ich weiß nicht, warum die sich in diesen Zug verirrten. Sie glaubten wohl, Gutes zu tun. Dem ist aber nicht so. Wer bei solchen Demonstrationen mitläuft, mußt sich das Motto und den Geist oder besser Ungeist solcher Veranstaltung zurechnen lassen.

Doch gibt es auf jeder Veranstaltung auch diese geheimen Höhepunkte, von denen wir dunkel ahnen, daß sie kommen, aber von denen wir eben nicht genau wissen, wann und wo es geschieht. Man muß dabei sein, gleichsam der Kairos der guten Stunde, der Zufall der Situation. So geschah es mir. Ich ahnte freilich bereits, daß solches Ereignis passieren würde und habe ein wenig auch darauf gelungert und gehofft, und es kam der geheime Höhepunkt dieser morbiden Veranstaltung. Es fuhr der Lautsprecherwagen, wie es auf Demos üblich ist. Es wurden – ich ging zum Photographieren des Zuges und als forschender Bizarrologe auf dem Gehweg nebenher, damit mich von den Passsanten niemand für einen Mitmarschierer halten konnte, was freilich schon ob meiner schicken Harrington-Jacke ausgeschlossen wäre. Ich ging also mit Kamera, Auge und Ohr bewaffnet und da, es geschah, da stieg ein Lied. O reine Übersteigung! O Orpheus singt! O hoher Ton und ohne Übertreibung, da klangs, da war’s im Ohr! (Sie werte Leserin, erkennen Rilke, natürlich!, diese geschickt gesetzte Anspielung): Aber nein, es war ein hohler Ton, der da aus der Box klang: da wurden also aus einem der Lautsprecherwagen, ich wage es kaum auszusprechen, die „Bots“ gespielt: Der Song „Aufstehen“ erst und dann „Was wollen wir trinken*“ – ich spreche den Titel immer mit diesem holländischen Akzent aus, dieser Mischung aus Rudi Carell und Friedensbewegung. Es war zum Steineerweichen schlimm und spätestens ab diesem Punkt wünschte ich mir den Einsatz eines US-Marschflugkörpers oder wenigstens einer ukrainischen Bayraktar auf genau diesen Wagen. Andererseits: diese Waffen werden für Wichtigeres gebraucht.

Um mir nach derart viel naiver und traurig-dummer Weltsicht wenigestens etwas Gutes noch widerfahren zu lassen, ging ich in die Weinhandlung „Suff“ in der Oranienstraße und erstand schnell noch einen Grünen Veltliner für den heutigen Abend. Das bei weitem Beste an diesem Samstagmittag, neben dem Eis an der Eisdiele am Oranienplatz und dem Lob des Eisverkäufers zu meiner Harrington-Jacke.

Diese erste, unten gezeigte Photographie sagt eigentlich alles zu dieser Demonstration: Unter den Talaren, der Muff von 50 DKP-Jahren. Wenigstens der rote Rock da aus einem der Schaufenster, in der Oranienstraße photographiert, mit dem dieser Text auftaktet, bringt ein wenig Schwung in die Sache.

Zum Glück freilich gab es in Berlin-Mitte auch einen alternativen Ostermarsch, der den russischen Aggressor klar benannte. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist bei einem Kriegsfürsten wie Putin kaum möglich.

++++

*Sternchenfußnote: In einer Fußnote brächte ich hier noch an, daß dieses Bots-Lied auf jeder wirklich jeder Demo der 1980er Jahre, wo die DKP und die SDAJ dabei waren, aber auch kirchlich-friedensbewegte Gruppen mittaten, gespielt wurde, und zwar regelmäßig zum Auftakt der Demo. Aus diesem Grunde lief ich lieber bei den Autonomen des Schwarzen Blocks mit. Da erklangen wenigstens Slime und Ton Steine Scherben – wenngleich auch das im Rückblick mich nicht weise erscheinen läßt. Aber das waren eben die anderen Jahre, die wunderbaren Jahre der Jugend und junge Menschen dürfen manchmal diese Fehler machen. In diesem Sinne war ich heute auch froh, daß auf diesem Ostermarsch in Berlin nur wenige junge Menschen waren. Eher war es aus der Serie „Betriebsausflug des Altersheims und derer, die nicht mehr davongekommen und im Denken sich stillgestellt haben.“ Man kann dem auch mit Reinhard Mey antworten: Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für euch zu gehn!

„Moskwa“ oder: Die Auferstehung fällt aus

„Auf Vermittlung der Ukrainer wechselte der Kreuzer „Moskau“, Stolz und Flaggschiff der russischen Schwarzmeer-Flotte, zu der russischen U-Boot-Flotte. Reden hilft!“
(Dank der Lieferung von britischen Harpoon-Raketen übrigens.)

Lawrow: „Wir hatten nie ein Schiff namens ‚Moskva‘, oder sehen Sie eines?“
(aus der Rubrik „Putins Logik“, gesendet auf dem Facebookaccount der „Botschaft der russischen Lügeration“)

Spekulativer Karfreitag

„Der reine Begriff aber oder die Unendlichkeit als der Abgrund des Nichts, worin alles Sein versinkt, muß den unendlichen Schmerz, der vorher nur in der Bildung geschichtlich und als das Gefühl war, worauf die Religion der neuen Zeit beruht – das Gefühl: Gott selbst ist tot (dasjenige, was gleichsam nur empirisch ausgesprochen war mit Pascals Ausdrücken: »la nature est telle qu’elle marque partout un Dieuperdu et dans l’homme et hors de l’homme«) -, rein als Moment, aber auch nicht als mehr denn als Moment der höchsten Idee bezeichnen und so dem, was etwa auch entweder moralische Vorschrift einer Aufopferung des empirischen Wesens oder der Begriff formeller Abstraktion war, eine philosophische Existenz geben und also der Philosophie die Idee der absoluten Freiheit und damit das absolute Leiden oder den spekulativen Karfreitag, der sonst historisch war, und ihn selbst in der ganzen Wahrheit und Härte seiner Gottlosigkeit wiederherstellen, aus welcher Härte allein – weil das Heitere, Ungründlichere und Einzelnere der dogmatischen Philosophien sowie der Naturreligionen verschwinden muß – die höchste Totalität in ihrem ganzen Ernst und aus ihrem tiefsten Grunde, zugleich allumfassend und in die heiterste Freiheit ihrer Gestalt auferstehen kann und muß.“ (G.W.F. Hegel, Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, Jacobische und Fichtesche Philosophie)

Sätze, die einen gleichsam in den Taumel und in das Schwindeligwerden versetzen, so daß einem Leser Hören und Sehen vergeht, wie es Hegel auch als Voraussetzung der Philosophie bemerkte. Tod des einfachen Bewußtseins. Eben Karfreitag. Aber auf den Karfreitag folgt die Auferstehung: Was sucht ihr den lebendigen Geist bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden! Und für diesen Wahnsinn des Sinns habe ich schon früh und in Schulzeiten Hegel gerne gelesen – auch wenn ich wenig bis gar nichts damals verstanden habe.

Tintoretto, Kreuzigung, 1565, Sala dell’Albergo, Scuola di San Rocco, Venedig

Stört die Ostermärsche 2022!

Ich war eigentlich seit den 1980er Jahren nur bedingt ein Freund der Ostermärsche, weil sie mir zu sehr Latschdemo waren. Damals, Anfang der 1980er hielt ich sie dennoch für nötig, um für einen Frieden zu demonstrieren, der haltbar bleibt. Mochte manches auch naiv sein, aber aus der Zeit heraus waren es dennoch wichtige und richtige Demos: zumindest, wie bei vielen sozialen Bewegungen, als eine Form von Korrektiv und als öffentliche Stimme: Wir wollen keinen Krieg. Heute aber, angesichts eines russischen Angriffskrieges sind sie lächerlich, falsch und verlogen. Besonders die „Friedensmärsche“ in Berlin und in Hamburg. Und insofern würde ich diesmal eher dazu aufrufen, diese Aufzüge zu stören und zu unterbrechen.

Die diesjährigen Ostermärsche können keine Friedensmärsche sein. Diese hätte Sinn in Moskau, um den blutigen Lurch aufzufordern, mit seinem Angriffskriegf aufzuhören. „Give Peace a chance“ und Regenbogen-Peace-Fahnen sind nach dem russischen Angriffskrieg und nach den russischen Kriegsverbrechen an Zivilisten und der massenhaften Vergewaltigung von Frauen fehl am Platze, sie sind nachgerade lächerlich und eine Verhöhung der ukrainischen Opfer. Lennons schönen Peacesong kann man in Moskau singen. In Deutschland sind solche Friedensappelle sinnlos, die lautstart über den Täter schweigen, der diesen Krieg vom Zaun brach.

Liest man die Aufrufe zu den Ostermärschen in Berlin und in Hamburg, so werden dort die alten Feindbilder in einer trivialen Weise mobilisiert – man wähnt sich in den 1980er Jahren, man agiert nach einem abgelebten Raster. Unter den Talaren, der Muff von 50 DKP-Jahren. Äquidistanz und die üblichen Verdächtigen: böse Nato. Pflichtschuldig sondern sie auf dem Podium durchs Mikrophon einen Halbsatz zu Rußland ab, um dann in ellenlangen Reden die angeblichen Verfehlungen der Nato aufzulisten. (Und nein: die Bundeswehr rüstet nicht auf, sondern sie rüstet sich überhaupt mal wieder aus, um nicht bedingt bis gar nicht, sondern um voll Einsatzfähig zu sein.) Nein, Schuld an den russischen Kriegsverbrechen, Schuld am Angriffskrieg ist nicht die Nato, sondern ganz allein die russische Armee und die russische Bevölkerung, die auf die Propaganda des bleichen Lurchs hereinfällt.

Am 16.4. findet auch in Berlin der Ostermarsch statt – als „Friedenskundgebung“. Dort werden Redner auftreten wie Christiane Reymann (DIE LINKE, ehmals DKP, mit erheblichen Sympathien für den Verschörungsideologen Ken Jebsen) und ein NN von der SDAJ – Orangisationen, die einstmals von der DDR finanziert wurden. Es steht zu vermuten, daß das eine Veranstaltung wird, die zu Rußlands Kriegsverbrechen schweigt. Das Motto lautet nicht etwa „Rußland leg die Waffen nieder!“, sondern vielmehr „Die Waffen nieder!“ Nein, die USA und die EU und die NATO haben die Ukraine nicht angegriffen, liebe „Friedendfreunde“!)

Da zu befürchten steht, daß von Rednern wie Reymann und anderen die üblichen Beschwichtigungen kommen, sollten wir in Berlin uns zusammentun, um auf dieser Veranstaltung am Samstag um 12 Uhr auf den Oranienplatz zu Kreuzberg zu zeigen, daß wir solidarisch mit der Ukraine sind und daß wir gerne auch Zwischenrufe in die Reden bringen. Wir müssen ihre Propaganda unterbrechen: wenn sie ihre Lügen und ihre Äquidistanz verbreiten, die am Ende nur ein Teil von Putins Propaganda ist. Wie Marx es im „Kapital“ schrieb: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es“: solches nennt man dann Naivität oder pointierter gesagt, Dummheit. Denn dumm ist, wer wider besseres Wissen handelt. Bei solchen wie Chrisitiane Reymann freilich würde ich von bewußter Propaganda sprechen. Sie ist Teil von Putins System. Ich hoffe, es kommen genügend Leute nach Berlin, um diesen Aufzug der Ewriggestrigen zu stören. Mit Megaphonen und Ukrainischen Fahnen, mit Zwischenrufen und Transparenten.

Bringen wir es aber mit dem herrlichen Harald Martenstein aus seiner ZEIT-Kolumne Ende März auf dem Punkt:

„Alle kämpfen gegen den Krieg, sogar die Oldiesender. Die meisten Deutschen scheinen nach meinem Eindruck ganz allgemein gegen Krieg zu sein, also, gegen Krieg an sich, egal wer ihn führt und warum. Es wäre ja auch wirklich ziemlich einfach, den Krieg in der Ukraine zu beenden, sofort, noch heute. Die Ukrainer müssten aufgeben, sie müssten alle Bedingungen Putins annehmen. Der ukrainische Präsident, der Kiewer Bürgermeister und ihre engsten Mitarbeiter müssten sich den Russen stellen, dann würde man diesen zahlenmäßig überschaubaren Personenkreis vielleicht erschießen, oder vergiften, nicht schön, klar, womöglich auch nur ins Straflager stecken. Das macht international einen besseren Eindruck. Die Ukraine wäre dann eine Art russische Kolonie, fertig, aus. Frieden.

Aber die meisten Ukrainer wollen so einen Frieden halt nicht. Nur deshalb gibt es den Krieg. Weil die sich wehren. Man könnte also durchaus sagen: Die Ukraine will Krieg. Denn wenn sich von Anfang an niemand dort gegen eine Besetzung gewehrt hätte, dann wäre das Land friedlich besetzt worden. Putin hätte die Regierung friedlich ausgetauscht, die Freiheiten friedlich abgeschafft, die Gefängnisse friedlich gefüllt, zahlreiche Menschen wären friedlich ins Exil geflohen, viel mehr wäre nicht passiert. Ein paar Regimegegner hätte der russische Präsident oder sein ukrainischer Filialleiter möglicherweise von Zeit zu Zeit umbringen lassen, gerade genug, damit der Rest Angst hat. Viele, die heute tot sind, würden jedenfalls noch leben. Und das stimmungsvolle Konzert am Brandenburger Tor hätte es womöglich auch nie gegeben.

[…]

Im Grunde wissen wir alle, dass Putin sich von Peace-Zeichen auf Fußballplätzen nicht beeindrucken lässt, nicht mal von Marius Müller-Westernhagen, so schön sein Song Freiheit auch ist. Der Krieg ist da, weil viele Ukrainer ihre Freiheit mehr lieben, als manche Deutsche es nachvollziehen können, sogar mehr als ihr Leben. So etwas gab’s in der Weltgeschichte öfter mal, früher nannte man das „Heldentum“. War das wirklich falsch? Ich hoffe, dass die Ukraine gewinnt, so verrückt diese Hoffnung auch ist. Und ich hoffe, dass mein Land dabei hilfreicher sein kann, als es heute den Anschein hat.“

Insofern: Stört die Östermärsche und laßt diesen Leuten ihre Täuschungen nicht durchgehen! Mancher mag dort in vermeintlich ehrenwerter Absicht demonstrieren. Falsch ist es dennoch und vor allem ist es verlogen. Frieden kommt nur dann, wenn Putin seinen blutigen Krieg abbricht und wenn die Ukraine frei wird.

Butscha – eines der harmloseren Photographien noch