Bedingungslose Kapitulation? Oder: Vom Mut der Ukraine

Es ist ein seltsames Ding, wenn der ZDF-Prominente und -Fernsehunterhalter Richard David Precht und mit ihm viele andere meinen: „Natürlich hat die Ukraine ein Recht auf Selbstverteidigung, aber auch die Pflicht zur Klugheit einzusehen, wann man sich ergeben muss“. Angefangen damit, daß es keine „Pflicht zur Klugheit“ gibt – wie sollte diese Pflicht aussehen und wie ist sie vor allem begründet? was ist mit Klugheit gemeint? – ist dies ein Satz aus dem Bullshitbingo. Ein Philosoph würde das im übrigen wissen und nicht solche Phrase schreiben, die lediglich dem Bedürfnis der Rhetorik dient, weil sie klug klingen. Es kann unter bestimmten Umständen richtig sein, in einem Krieg zu kapitulieren und es kann unter anderen Umständen ganz und gar unklug, nachgerade dumm sein – man blicke auf die Briten im Zweiten Weltkrieg: gäbe es da ob des deutschen Bombenterrors auf Städte wie Coventry eine Pflicht zur Klugheit gegen einen blutigen Dikator aufzugeben? Sicher nicht. Churchill hielt eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede – so wie auch Selenskyj und wie man sie sich vorgestern von einem deutschen Kanzler gewünscht hätte. Dieser ging nach Selenskyjs Rede vor dem Deutschen Bundestag ganz einfach zur Tagesordnung über. Peinlich und abstoßend. Der Precht-Satz klingt zwar zunächst, intuitiv genommen, in den Ohren mancher einleuchtend: denn wer will kein Leid vermeiden? Er ist es aber nicht, wenn man genauer auf die Begriffe schaut und wenn wir darauf sehen, was da eigentlich wie gesagt wird und wir uns nicht von der Aussage als solcher, also vom bloßen Inhalt täuschen läßt – dazu noch auf dem heimischen Sofa.

Um nämlich solche „Pflicht zur Kugheit“ einfordern zu können, müssen wir zunächst klären und uns fragen, was Klugheit ist und warum überhaupt eine „Pflicht zur Kugheit“ besteht – da werden bereits zwei sehr voraussetzungsreiche Begriffe in eine Korrespondenz gebracht. Klugheit (als phronesis oder prudentia) ist eine Sache der Abwägungen, sie ist an konkrete Umstände, an ein hohes Maß an Kenntnis und Wissen und an den Einzelfall gebunden, bei dem man eine Vielzahl an relevanten Faktoren und Aspekten wiederum kennen muß, um überhaupt entscheiden zu können und um dann auch sagen zu können: Es war eine kluge Entscheidung. Und es hängt von der jeweiligen Person ab: was für den einen klug sein kann, ist für den anderen dumm. Klugheit hat also etwas mit Individuen zu tun. Für einen erfahrenen Photographen kann es klug sein, sich im richtigen Augenblick ins Getrümmel zu werfen, um genau dieses eine Bild zu schießen. Für einen unkundigen Laienknipser kann das tödlich enden. Hinzu kommt die Unterscheidung von Einzelpersonen, Gruppen, Gemeinschaften und gar einer Gesellschaft. Es kann für einen Einzelnen klug sein X nicht zu tun, aber für eine Gruppe kann es sehr wohl klug sein, genau dieses X zu tun. Und bei Gesellschaften, die ein Verbund ganz verschiedener Menschen sind, die zudem durch einen Staat, ein Gemeinswesen zusammengehalten werden, sieht Klugheit noch einmal anders aus. Und im Sinne von Prechts Beispiel der durch Rußland angegriffenen Ukraine: Bei solchen empirischen Abwägungen kann man den Satz im Blick auf die Klugheit genauso in die andere Richtung drehen: Ist es für ein Gemeinswesen, das einmal in Freiheit und unabhängig lebte, gut so zu leben wie in dem totalitären Staat Rußland, wo eine Person herrscht, die eine Mischung aus Stalin, Zar und Angriffskrieg-Hitler darstellt? Ist es klug, unter einer Besatzungsmacht zu leben? Wäre solche Kapitulation im Hinblick auf Begriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit wirklich klug – auch in Aussicht auf weitere Konflikte? Mit Bürgermeistern, die von einer Besatzungsmacht eingesetzt werden? Mit Folter, mit Verschleppung in Lager oder Ermordung, wenn Menschen protestieren? Ist das klug?

Schon hier stoßen wir auf die ersten Schwierigkeiten beim Begriff „Klugheit“ – er ist nämlich auf bestimmte Fälle bezogen: was für den einen klug sein kann, ist für den anderen dumm und falsch. Was für einen einzelnen klug sein kann, nämlich vorm Krieg zu fliehen (wenn er z.B. gar nicht fähig ist, eine Waffe zu bedienen), ist für ein Gemeinwesen ganz und gar nicht klug und insofern hat auch ein solches Gemeinwesen wie etwa die Bundesrepublik ein Recht, seine Bürger zu Dienstpflichten heranzuziehen – sei es mit der Waffe, sofern darin ausgebildet, sei es im Versorungs- und Lazarettbereich. Ist es also klug, gegen ein gewalttätiges Land, das andere überfällt, beizugeben? Ist es klug, daß fremde Menschen dies anderen Menschen, die gerade im russischen Bombenhagel stecken, vom Fernsehsessel aus anraten? Klugheit ist anscheinend ein Begriff, der in vielerlei Hinsicht ausgelegt werden kann und schon aus diesem Grunde für eine solche Situation ganz und gar unpassend ist. Dies sollte und muß Precht wissen, selbst als Unterhaltungskünstler beim ZDF. Vor allem aber, wenn es denn eine „Pflicht zur Klugheit“ geben sollte müßte Herr Precht zunächst mal erläutern, woraus sich dieser Pflichtbegriff herleiten soll. Pflichten, die sich aus bloß Empirischem oder Kontingentem herleiten, sind nämlich beliebig und besitzen damit eher den Status einer Empfehlung, der man folgen, die man aber auch vernachlässigen kann.

So kann es genauso eine „Pflicht“ zum Standhalten geben, um ein demokratisches Gemeinwesen zu wahren, wie es klug und aus strategischen wie taktischen Erwägungen wichtig sein kann, Putin nicht einen Milimeter zu weichen. Anderes Beispiel: Vielleicht wäre es für die Wachposten in Washington im Januar 2021, als nach Trumps Aufruf zur Rebellion seine Anhänger das Kapitol stürmten, klug gewesen, stiften zu gehen angesichts der Übermacht eines Mobs. Dem stand aber eine höhere Pflicht entgegen: nämlich die, ein demokratisches Gemeinwesen gegen den Pöbel zu verteidigen. Und ja: dafür braucht es zuweilen auch Helden und Menschen, die sogar mit ihrem Leben dafür einstehen, die nicht feige sind, die nicht weichen – unsere ganze Mythologie ist nebenbei voll von solchen Heldengestalten und auch in der Pop-Kultur beten wir solcher Supermänner und Spider Man und Wonderwoman an. Filme zeigen uns Heldinnen wie Arya Stark, John Snow und einen Mann wie Marshal Will Kane in „Zwölf Uhr mittags“ oder Julia Roberts in der Rolle der Anwältin Erin Brockovich. Man kann Heldenmut nicht einfordern: Es gibt keine Pflicht zur Klugheit, ein Held zu sein. Und nein: Opfer sind nicht als Selbstzweck zu glorifizieren – einfach um des Opfers willen. Aber sie sind manchmal – so auch in Kriegen – leider nötig, um das eigene Land, die eigene Freiheit und die der Menschen, die man lieb hat, zu schützen. Um nämlich ein Gemeinwesen vor Despoten und vor Aggressoren zu bewahren. Und solange die Menschen in der Ukraine Widerstand leisetn wollen, solange müssen wir sie unterstützen. Die Freiheit Europas wird in der Ukraine verteidigt. Und diese Ukraine ist, anders als der Hindukusch, mitten und im Herzen Europas. Es ist Lemberg, es ist Odessa, es ist Czernowitz, die Stadt Paul Celans und Rose Ausländers, die Stadt von Herrn Zwilling und Frau Zuckermann.

Seltsames Ding auch in den Niederungen der Praxis: Ich habe damals und bisher von keinem der „Friedensfreunde“ und bei kaum einem in der sogenannten Friedensbewegung je als Forderung gehört, daß die Iraker 2003 ihre Waffen hätten wegschmeißen sollen und kapitulieren sollten, um unsägliches Leid zu vermeiden. Ich habe beim Sichten der Zeitumstände im Blick auf den Vietnamkrieg nirgends gehört, daß die Studenten in den westlichen Universitäten den Vietkong zum Niederlegen der Waffen aufforderten, ob der Übermacht der US-Armee. Ganz im Gegenteil fanden Vietnamkongresse statt und man sammelte Geld, um Waffen für den Vietkong zu bekommen. Sehr zu recht! Sie riefen nicht „Nieder mit den Waffen!“, sondern „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!“ Ähnliches auch beim Kampf in Nicaragua in den 1980er Jahren. Da tranken die Leute aus Solidarität diesen eher schrecklich schmeckenden Kaffee namens Sandino-Dröhnung und sie finanzierten Waffen für Rebellen. Ganz zu recht beides. Selbst wenn der Kaffee nicht schmeckte. Und auch im spanischen Bürgerkrieg hörte ich von linker Seite den Satz nicht die Debatten darum, daß man aufgeben müsse, sondern vielmehr erscholl da der Schlachtruf: „No pasarán!“ und nicht „Ihr müßt klein beigeben“. Zum Glück saßen in jenen 1930er Jahren nicht Jens Berger und Albrecht Müller von den Nachdenkseiten oder gar die Verschörungsclowns Pohlmann und Jebsen mit ihren Schmierhänden an den Schreibmaschinen. Und ich denke, diese Parole, aus Klugheit die Waffen abzugeben, wäre auch beim polnischen und tschechischen Widerstand, beim russischen Partisanenkrieg gegen den Überfall von Nazi-Deutschland auf Rußland und beim Kampf der Resistance gegen Nazi-Deutschland auf taube Ohren gestoßen – und das wäre noch die höfliche Variante. Was hier in Deutschland als Friedensbewegung herumrennt und sinnlose Parolen ruft, die sie besser in Moskau riefen, wenn diese Leute Mut hätten, oder in Kiew vor den Russen-Panzern auf Schilder schrieben, wurde von Ralf Füchs vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem „Stern“ gut auf den Begriff gebracht:

„Der deutsche Nationalpazifismus zeigt hier seine egoistische Seite: die Verteidigung von Sicherheit und Freiheit will man mitsamt den damit verbundenen Kosten lieber anderen überlassen. Dieser Egoismus wird mit einer höheren Moral des Gewaltverzichts veredelt.“

Es gibt Situationen, wo die Gewalt eines Despoten und Menschenmörders wie Putin nicht mehr mit Worten, sondern mit allen Mitteln der Gegenwehr beantwortet werden muß. Den Krieg zu vermeiden? Er ist längst da. Putin hat den Krieg in die Mitte Europas getragen – bis vor unsere Haustür. Und ob dieser Krieg eskaliert oder nicht, liegt nicht daran, ob Länder wie Litauen, Estland, Lettland, Polen und Rumänien nun ihre Verteidigung organsisieren und ob die Ukraine mit unserer Hilfe, mit Panzerabwehr, Stinger-Raketen, Flugzeugen und Panzern, ihre Verteidigung gegen einen Mann organisiert, der die Zivilbevölkerung in Spezialeinsätzen ermordet, sondern es ist an Putin, diesen Krieg zu stoppen.

In Replik auf Prechts Vorschlag kommentierte Guillaume Paoli auf Facebook im Blick auf die Situation in Frankreich nach dem deutschen Überfall 1939 folgendes pointiert:

„Die Armee der Invasoren ist hoffnungslos überlegen, wir wollen Frieden, eine Fortsetzung des Konflikts würde der Bevölkerung nur unnötiges Leid bringen. Widerstand ist zwecklos bzw. nützt nur den Eigeninteressen der Angloamerikaner, besser ein halb besetztes Land als ein ganz besetztes. Das waren ganz genau die Argumente, die Pétain für die Kapitulation Frankreichs 1940 verwendete. Deswegen werde ich bei solchen Behauptungen hellhörig. Was, wie schon gesagt, nicht heißt, dass ich für Märtyrerkult und Heldenpathos werben würde -mich jedoch auf die gepredigte „Pflicht zur Kapitulation“ allergisch macht, zumal wenn diese von Menschen kommt, denen es ganz offensichtlich nur um den eigenen egoistischen Komfort geht. Und sich deswegen die Frage nicht stellen wollen, wie würde für Ukrainer das Leben unter russischer Besatzung aussehen.“ (Guillaume Paoli, auf Facebook; 14.3.2022)

Und das genau ist die Frage: Wie wohl mag ein Leben in der Ukraine unter russischer Besatzung aussehen? Seltsam auch, daß Menschen, die hier bequem in Deutschland auf Sofas sitzen, Menschen, die demonstrieren können und alle Freiheiten der Welt besitzen, die sie in Moskau niemals haben werden, solch gute Ratschläge für Menschen parat haben, die es sich nicht gefallen lassen wollen, wenn sie überfallen, bombardiert, umgebracht und ermordet werden. Vor allem wegen dieser verlogenen Doppelmoral ist solche Haltung verlogen: Hier in Frieden und Freiheit zu hocken und all die Freiheiten des Sofamaulens zu genießen, den tapferen Ukrainern aber, die sich gegen einen Angriffskrieg wehren und die ihre Heimat, ihr Land, ihr bisheriges Leben, das es so oder so nicht mehr geben wird, gegen einen Aggressor verteidigen, dieses Recht absprechen zu wollen. Putin macht vor, was auch in vielen anderen Ländern geschehen wird. Besser ihn jetzt stürzen und aus dem Weg bringen.

Und mein ceterum censo zum Schluß: Im übrigen bin ich der Meinung, daß es einen Untersuchungsausschuß im Blick auf die Regierungen Schröder und Merkel geben muß, wie die Bundesrepublik derart abhängig von Rußland werden konnte. So schrieb es kürzlich Alice Bota. Zu recht. Und wie von mir bereits geschrieben: Das größte Exportgut der Russen ist nicht Gas, sondern Korruption. Und im Falle der deutschen Abhängigkeit ist nun die Frage zu untersuchen, ob Schmiergelder geflossen sind, ob Leute abhängig gemacht wurden oder ob sie gar erpressbar waren. In der Diktion der Verschwörungsschwurbler müßte man nun schreiben: Merkel ist nicht abhängig von den USA gewesen, sondern vielmehr wurde sie mit ihrer (angeblichen) Kaderakte von dem ehemaligen KGB-Mann Putin erpreßt. Jenem Leningrader Hinterhofschläger, der inzwischen seine Methoden verfeinert hat. Aber solcher Logik eben sollten wir nicht folgen: Es ist die der Verschwörungsschwurbler.

Und auch auf diese Bilder hat der Mörder aus Moskau das Copyright:

Irpin, Roman Pilipey
Abschied am Bahnhof in Lwiw, Mykola Tys Imago images
Eine Frau und ihre Enkelin warten am polnischen Grenzübergang Medyka auf den Transfer zu einem Bahnhof. Louisa Gouliamaki AFPGetty Images

18 Gedanken zu „Bedingungslose Kapitulation? Oder: Vom Mut der Ukraine

  1. Ehrlich gesagt bewundere ich Ihren Willen, sich tatsächlich sachgerichtet mit diesen Kapitulations-Adepten (von denen Precht nur die Speerspitze ist; andere, sich intellektuell gebende, sind da fast noch zynischer [Varwick etwa oder auch Münkler]) auseinanderzusetzen.

    Der Wunsch der Kapitulation der Ukraine entspringt dem Wunsch nicht über Gebühr länger mit Opferbildern belästigt zu werden. Von den Säuberungen nach einer Kapitulation bliebe man medial ja längere Zeit verschont. Also ruft man die Humanität auf den Plan – und blendet damit mit herrenmenschlichem Gestus den Wunsch der Ukrainer aus, eben gerade nicht unter einem Vasallenregime von Putins Gnaden (wie etwa in Belarus) leben zu wollen.

    Inzwischen mehren sich auch die Stimmen, die die Waffenlieferungen stoppen wollen. Auch das soll Humanität suggerieren. Tatsächlich verlängern die Waffenlieferungen an die Ukraine den Krieg. Aber sie stärken auch eine evtl. Verhandlungsposition der Ukraine in Waffenstillstandsverhandlungen (wobei ich wenig Hoffnung habe, dass Russland hieran schnell interessiert ist). Realpolitik besteht gerade nicht darin, sich mit dem Aggressor abzufinden und dessen Interessen als alleinige Maxime zu akzeptieren. Somit ist die Unterstützung der Ukraine eine geopolitische Pflicht, weil hiermit eine aggressive, militärische Ausdehnung der russischen Einflußzone Grenzen gesetzt werden. Hätte die Ukraine nach drei oder fünf Tagen kapituliert, hätte dies unmittelbar Auswirkungen auf Moldawien gehabt und später – NATO hin oder her – auch die baltischen Staaten.

    Freilich bleibt ein Problem: Langfristig wird die Ukraine militärisch nicht bestehen können, sollte Russland auf Zerstörung aus sein. Es bleibt die Frage, ob man dies im Angesicht der Weltöffentlichkeit bspw. an Kiew exerzieren möchte. Kiew ist nicht Grosny.

  2. Sie nennen die entscheidenden Aspekte. Vor allem dieses Suggerieren von Humantiät. Entweder, die Leute, die das machen, sind naiv, weil sie diese Nachgeben für Hilfe halten, übersehend, daß eine starke Ukraine auch eine starke Verhandlungsposition bedeutet und vor allem übersehend, daß es die Menschen in der Ukraine sind, die nach Hilfe rufen. Oder aber es sind jene Leute, die im Bann des USA-Hasses agieren und nach dem alten Muster Annomuff.

    Ich vermute, daß Rußland auf Zerstörung aus ist. Die Weltöffentlichkeit, denke ich, ist Putin inzwischen egal. Er weiß, daß er sich in keinem einzigen westlichen Land mehr wird blicken lassen können – wie auch Assad nicht. Aber vieles von dem, was wir uns überlegen und all die Szenarien, die wir durchspielen, sind am Ende auch nur Mittel, diesen schrecklichen russischen Angriffskrieg irgendwie handhabbar zu machen. Was als nächstes geschieht, ist schwer zu sagen. Das kann von einem Weltkrieg reichen bis hin zu einer Syrisierung des Konfliktes. Darin hat Putin ja einige Erfahrung, Terror zu verbreiten: schon seit 2014 beim russisch-ukrainischen Krieg im Donbas. Im Donbas hätten wir es sehen müssen, wie Putin vorgeht. Aber vermutlich haben die USA das auch gesehen und die Ukraine anscheinend doch ganz gut mit Waffen ausgestattet.

  3. Im großen und ganzen teile ich Ihre Meinung, in manchem einzelnen aber nicht.

    1) „Der Krieg ist längst da.“ Ja. In der Ukraine. Aber in Deutschland nicht, nicht in Frankreich und Italien, nicht in Greichenland, nicht in Großbritannien (- es sei denn, Sie sähen „Krieg“ als metaphorischen Begriff an, was ich nicht glaube, weil es eine Mitachtung des objektiven Leids der ukrainischen Bevölkerung wäre). Und wir sollten, jedenfalls ich selber werde alles tun, um zu verhindern, daß er sich hierher nicht ausweitet. Und zwar schon aus dem einfachsten aller Gründe: Ich bin für meine Kinder schutzbefohlen, und zwar lebenslang. Ich habe sie, zusammen mit ihrer Mutter, in die Welt gesetzt, also habe ich für ihre Wohlfahrt zu sorgen. Sie für irgendeine Idee zu opfern, ist absolut ausgeschlossen, auch nicht für Freiheit, Brüderlichkeit, Demokratie. Es ist besser, sie leben unter unterdrückten Verhältnissen, als daß sie gar nicht leben. (Für mich selber sähe ich es wahrscheinlich anders, aber ich bin eben nicht mehr allein. Wenn die Kinder dann erwachsen sind, werden sie selber entscheiden, ob sie zum Beispiel in den Widerstand, also erst einmal Untergrund, gehen. Wo dann wahrscheinlich ich schon wäre – und was im Falle einer Kapitulation der Ukraine, da bin ich mir ziemlich sicher, dort ebenfalls flächendeckend geschähe. Nur da dann läßt sich’s mit allem Recht „no pasarán!“ auch rufen.) Ein Kriegseintritt der NATO wird – angesichts von Putins erklärter Märtyrerbereitschaft – eine atomare Auseinandersetzung zur Folge haben, nach der ungefähr die halbe Welt tot und unbewohnbar sein geworden sein wird, und zwar binnen weniger Stunden. Wer dann noch nicht tot ist, leidet noch über Generationen.)
    2) Selbstverständlich können „wir“ der Ukraine die Kapitulation nicht raten; es doch zu tun, ist überheblich, ja ein Übergriff, zumal, da haben Sie völlig recht, aus höchst komfortabler Zone. Aber wir können sie für eine der besten Entscheidungen halten, die grad denkbar sind, und dürfen das auch sagen. Angesichts und im Elend der Bombardierungen ist „no parasán“ schlichtweg lebensfeindlich; es opfert auch die Kinder einer Idee, hier sogar der an sich schon hochproblematischen der „Nation“. Zu der habe ich heute früh >>>> ein wenig etwas ausgeführt. (Doch das nur am Rande).
    Problematisch ist freilich auch die Bewaffnung der Zivilbevölkerung gegen einfache Vorlage des Personalausweises, ja sie zum aktiven Kampf aufzurufen. Es verstößt dies gegen die Den Haager Konvention und unterläuft also den Schutz der Zivilbevölkerung. Zumal, inwieweit tatsächlich so viele Ukrainer jetzt im Widerstand kämpfen würden, wäre den Männern über 18 nicht verboten, das Land zu verlassen, überdies eine Frage ist, die man schwer beantworten kann. Es läßt sich ja durchaus sagen, daß die ukrainische Regierung viele ihrer Kämpfer genauso aushebt, also unter Zwang verdingt, wie es die imperialistischen Staaten in den Kriegen vergangener Jahrhunderte stets getan haben, jedenfalls bis zur Genfer Konvention.
    3) Ich verstehe alle die Aufrufe sehr, auch die nach einem NATO-Eintritt. Aber ich verstehe sie als Ausdruck unserer objektiven Hilflosigkeit angesichts des Leides, dem sämtliche Sanktionen nicht unmittelbar, sondern erst dann wehren können, wenn die meisten Menschen schon totgebombt worden sind. Psychologisch also sind diese Aufruhe mehr als nur nachvollziehbar, indessen objektiv verantwortungslos. Weshalb, habe ich >>>> dort geschrieben. (Verzeihen Sie die Links, aber es würde zu lang werden, alles hier zu wiederholen.) Putins völkerrechtswidrige, menschenverachtende Invasion der Ukraine ist darüber hinaus auch nicht mit Hitlers Angriffskriegen zu vergleichen, sondern seine Machtpolitik erinnert vielmehr an Mussolinis, gepaart mit Strukturen, wie wir sie vom Machtgefüge der Camorra kennen. (Etwa bin ich mir nicht sicher, ob Gerhard Schröders Reise zu Putin nicht in Wirklichkeit einer Firmung des „Omertà“-Gebotes dienen sollte – weil Verrat, so hat es Putin selbst einmal ausgedrückt, auf keinen Fall verziehen würde, jedes andere Verbrechen aber schon. Schröder könnte also unter der unausgesprochenen, vielleicht auch nur eingebildeten Drohung eines Killerkommandos gehandelt haben. Denkbar, aber vielleicht nur die „phantastische“ Idee eines Romanciers.)

    Soweit erstmal, vielleicht später mehr.

  4. Auch die Ukraine hat Fehler im Donbas gemacht, aber der größte Fehler war der des „Westens“: Die Separatisten-„Regierungen“ wurden Bestandteil des Minsker Abkommens, während Russland als eine Art Garantiemacht gesehen wird, die keinerlei sonstige Verpflichtungen einzugehen hatten. In der OSZE nahmen sogar – vollkommen legal – Russen teil. Da hatte man den Bock zum Gärtner gemacht – weil man seinen Frieden haben wollte (den es tatsächlich nicht gab). Ich glaube, dass man sowohl in Europa wie auch in den USA nicht bereit war, grössere weltpolitische Verwerfungen für die Stabilität der Ukraine hinzunehmen. Die Annexion der Krim geriert durch den Donbas quasi in Vergessenheit.

    Eine Syrisierung des Krieges in der Ukraine dürfte die westliche Öffentlichkeit nur sehr schwer aushalten. Zudem würde es das russische Narrativ vom „Brudervolk“ unterminieren. Tatsächlich bleibt die Frage, wie man jemanden wier Putin überhaupt noch in internationale Verbindungen einbinden kann. Ihr Vergleich mit Assad ist da interessant; ich komme noch auf den Nordkoreaner. Andernfalls: China steht als Schutzmacht Russlands bereit – und sei es nur als Abnehmer russischer Produkte. Auch sonst ist die „Front“ in der Welt nicht ganz so eindeutig. Indien und einige ASEAN-Staaten (Vietnam etwa), Brasilien, der Iran und womöglich auch Pakistan sind in dieser Angelegenheit nicht auf der Seite des Westens. Selbst Saudi-Arabien lässt den Yuan, die chinesische Währung, demnächst als Zahlungsmittel zu. Am Ende stärkt dies Chinas Großmachtstreben. Auch hier sollten wie rasch aufwachen („Neue Seidenstaße“, 5G-Technologie, Lieferketten).

  5. Ohne Frage gibt es diese Fehler auch auf Seiten der UKraine – im Grunde hätte man sofort 2014 freie Wahlen und ein unter UN-Aufsicht durchgeführtes Referendum dort abhalten müssen, noch bevor Putin seine russischen Pässe dort im Donbas verteilte und wie die Italiener unter Mussolini in Südtirol die eigenen Volksgruppe dort einzuschleuste, um so die Gewichtung zu verschieben. Heute sind solche freien Wahlen nicht mehr möglich.

    Was nun die Syrisierung betrifft, steht da einerseits das Narrativ vom „Brudervolk“, andererseits scheint es wohl so zu sein, daß Putins Propaganda bei den meisten Menschen in Rußland verfängt. Wie es weitergeht, wenn Putin nicht vorankommt, steht freilich in den Sternen: verhandelt er? Bombardiert er? Noch haben die Angriffe nicht das Ausmaß von Grosny und Aleppo und Putin weiß, als Verhandlungsposition, daß der Westen um diese Bilder weiß.

    Die Causa China ist ein weiteres Problem, dem man sich schon vor längerer Zeit, auch von Seiten der Politik her, hätte zuwenden können. Aber es ließ sich dort eben auch günstig und gerne und westliche Umwelt- und Arbeitsstandards unterlaufend produzieren. Um so wichtiger, nun endlich aufzuwachen und vor allem keine chinesische Technik in für die deutsche und die europäische Sicherheit relevante Kommunikationstechnik zu stecken. Aber Zeiten wirtschaftlicher Kooperation sind eben andere als solche des Konfliktes. Dennoch sollte man immer auch den Konflikt mitdenken. Und mit China werden wir ähnliche Konflikte bekommen. Aber das ist ein weiteres Thema.

  6. @Alban Nikolai Herbst: An Ihren Ausführungen und auch in Ihren Blogtexten ist derart viel Falsches, daß ich mich hier nur auf Auszüge beschränke und nur auf das eingehe, was Sie hier kommentiert haben. (Und das Wort „Falsches“ ist noch sehr höflich formuliert.)

    Der Krieg ist in Europa. Mitten in Europa. Er ist NOCH nicht bei uns. So wie er 1938 NOCH nicht in Polen war, aber doch wußten manche, daß das nicht so bleiben wird. Der Krieg ist auch deshalb schon bei uns in Europa, weil die Flüchtlinge hier in Polen und in Deutschland sind. Insofern ist das nicht bloß eine Metapher. Natürlich ist es ein Unterschied, ob wir von NATO-Boden aus uns gegen die Russen verteidigen müssen – ich spreche hier nicht mehr von Putin, weil an diesem Krieg eben doch die Russen teilnehmen und es ja nicht nur Putin ist, der in einem Panzer sitzt und damit ganz allein nach Kiew fährt – oder aber ob wir bloß, so wie jetzt und richtigerweise, aktiv-passiv in der Ukraine mit Waffenlieferungen verteidigen oder ob wir gar nichts tun. Michael Roth von der SPD hat es richtig gesagt: „Das Einzige, womit wir Putin nicht provozieren, wäre Nichtstun.“ Und diese Haltung eben geht nicht mehr. Der freie Westen hat viel zu lange weggeschaut in Sachen Ukraine. Und mit diesem Wegschauen rechnet Putin.

    Daß die Ukraine eben nicht verloren ist, zeigt ihr tapferer Widerstand. Oder was meinen Sie wohl, Alban Nikolai Herbst, wäre die Verhandlungssituation zwischen der Ukraine und den frechen Russen, wenn Selenskyj nach zwei Tagen kapituliert hätte? Nein, er lebt noch, zum Leidwesen des Mörders aus Moskau und das schon über drei Wochen. Zum Bedauern der Pseudofriedensfreunde hier. „Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit, sondern ich brauche Munition!“ Was für ein großer Satz für einen Staatsmann, der eben nicht seinen eigenen Arsch rettet, um mit Frau und Kindern nett in den USA eine Exilregierung zu bilden.

    „Und wir sollten, jedenfalls ich selber werde alles tun, um zu verhindern, daß er sich hierher nicht ausweitet.“

    Ähm, das tut wir doch aber bereits und schon lange. Gibt es die eigentlich nötigen Flugverbotszonen in der Ukraine? Nein. Sie wären aber nötig, um Menschen zu retten und Kinder vor allem, während Sie sich hier um Ihre Kinder sorgen, daß es ihnen auch ja gutgeht. Werden MIG-29 in die Ukraine geliefert? Nein. Werden NATO-Truppen eingesetzt? Nein, und zu recht nicht, denn es ist nun einmal kein Bündnisfall. Sehr wohl aber kann man der Ukraine helfen, solange die Bevölkerung es will.

    „Und zwar schon aus dem einfachsten aller Gründe: Ich bin für meine Kinder schutzbefohlen, und zwar lebenslang. Ich habe sie, zusammen mit ihrer Mutter, in die Welt gesetzt, also habe ich für ihre Wohlfahrt zu sorgen.S ie für irgendeine Idee zu opfern, ist absolut ausgeschlossen, auch nicht für Freiheit, Brüderlichkeit, Demokratie.“

    Das mag aus Ihrer Perspektive verständlich sein, aber mit Verlaub, Herr Herbst, das haben sich auch Millionen ukrainischer Mütter gesagt. Insofern muß ich das, was Sie hier schreiben, als wohlfeil einordnen und ich empfinde es ob des Leid auch als eine Narretei – und das ist jetzt die sehr höfliche Formulierung. Davon einmal abgesehen, daß Ihre Kinder für sich sprechen müssen. Und warum sollten sich die Ukrainischer Mütter für Ihre Kinder interessieren? Haben Sie sich für die ukrainischen Kinder interessiert? Haben Sie etwas dagegen getan, daß sie bombardiert und ermordet werden? Daß diese Kinder in Luftschutzbunkern harren? Sie und ich sitzen hier mit unseren Hintern im Warmen und profitieren von all diesen Freiheiten, die Sie und ich in Anspruch nehmen (sogar die des freien Wortes, verkünden Sie ihre Reden doch mal in Moskau!) und das ist genau diese Art von Mitnahmegesellschaft, die ich verachte: ja es gibt Zeiten, da müssen Menschen auch etwas zurückgeben.

    Niemand spricht hier im übrigen davon einen Krieg gegen Rußland anzuzetteln, auch das ist ein Griff in die rhetorische Trickkiste: den Krieg hat bereits der Mörder aus Moskau angezettelt, und es ist an Putin, diesen Krieg zu beenden. Zudem: Es steht im Augenblick kaum zur Debatte, Rußland anzugreifen, sondern vielmehr, die Verteidigung der Ukraine zu stärken. Und wenn Putin das als einen Affront auffaßt, dann ist es Putins Krieg. Und der freie Westen wird sich dann verteidigen müssen: manchmal gibt es Entscheidungen, denen eine Gesellschaft, ein Verbund von freien Nationen sich stellen muß. Was übrigens auch Ihren Kindern am Ende zugute kommt. Wir im Norden haben für solche Aggressoren, die die Welt mit ihrer Diktatur überziehen wollen ein Sprichwort: „Lieber tot als Sklave!“ Und deshalb hat sich die Freie Bauernrepublik Dithmarschen auch nicht den zahlen- und waffenmäßig überlegenen Dänen ergeben und diese in der Schlacht von Hemmingstedt besiegt, anzuschauen heute noch beim Denkmal der Dusenddüwelswarf.

    Und es geht hier auch nicht um IDEEN, sondern um reale Freiheit in einer Gesellschaft, es geht um die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine und damit auch der Ukrainer, das diese verteidigen. Der Russisch-Übersetzer Anselm Bühling beschrieb das ganze im Blick auf einen ekelhaften und widerlichen Artikel von Salome Balthus in der Berliner Zeitung sehr treffen. Ich zitiere Ihnen das gerne noch einmal, weil er das sehr höflich formulierte:

    „Wer Frieden allein durch die Kapitulation des Gegners akzeptiert, will nicht Verständigung, er will Vernichtung.“ Genau.
    Aber Salome Balthus spricht hier nicht vom Angreifer, sondern von den Angegriffenen und denen, die sie unterstützen.
    Natürlich kann die Ukraine jetzt die Waffen niederlegen und sich Putin bedingungslos ausliefern. Um der Verständigung willen.
    Und wir heben die Sanktionen auf. Als Kompromiss, damit Putin sieht, dass wir ihn nicht vernichten wollen.
    Wir gehen hier auch nicht mehr auf die Straße, das wäre ja einseitige Parteinahme.
    Wir sitzen in unseren Wohnungen, drehen die Heizung schön mollig warm auf und drücken den Menschen in Russland und der Ukraine ganz doll die Daumen, aber nur unter der Tischplatte, sonst könnte es ja jemand sehen. Sie werden mit Putin bestimmt allein viel besser fertig, unsere Einmischung stört da nur. Und wenn sie schön brav friedlich bleiben, kommt dort sicher auch niemand um und niemand wandert für Jahre ins Gefängnis.
    Die NATO lösen wir auf, die Bundeswehr auch. Wir brauchen sie ja nicht. Und falls dann ganz wider Erwarten doch jemand mit Panzern und Raketen unser Land besetzt, dann seufzen wir kurz und leise und gießen Geranien.“

    Diese polemischen Zeilen bringen die Haltung des vermeintlich Friedensbewegten, der gern abgreift, aber wenig gibt, gut auf den Punkt.

    Ich denke zudem in Ihrer Emotionalität hinsichtlich Ihrer Kinder bekommen Sie einige logische Aspekte nicht gut in den Blick: Sie haben als Vater eine Pflicht für Ihre Kinder in privaten Dingen: spielen Sie mit Ihnen, widmen Sie Ihnen Ihre Zeit, jeden Tag mindestens zwei, drei Stunden, sorgen Sie für ein intaktes und heiles Familienleben, damit Ihre Kinder unbeschwert aufwachsen können, ermöglichen Sie Ihren Kindern Bildung und Wissen. All das steht in Ihrer Macht. Aber es gibt Bereiche, die Ihnen nicht obliegen und worauf Sie keinen Einfluß haben. Denn mit demselben Argument, das Sie hier leider pseudoindividualistisch und in einem falschen Verständnis von Freiheit in Anschlag bringen, könnten Sie sich auch dagegen aussprechen, daß Ihre Kinder in eine staatliche Schule gehen sollen, weil Sie ja für das Wohl Ihrer Kinder sind. Und da eben liegt ein falscher Begriff von Freiheit vor. (Hegels Verständnis von Freiheit lasse ich hier mal außen vor – auch wenn es philosophisch-intellekektuell in dieser Causa paßt.) Freiheit bedeutet nicht in jedem Falle das tun und lassen zu können, was man möchte – zumal die Freiheit für IHRE Kinder an die Grenze der Freiheit der ukrainischen Kinder stößt, gerade auch wenn man wie Sie den Begriff der Nation kritisiert, wären Sie nun doppelt und dreifach in der Verantwortung für die Menschen in der Ukraine. Wenn man den Begriff von Staat und Nation kritisiert, dann haben wir alle erst recht ein Hilfspflicht für die Menschen, die da gerade überfallen werden. Und zwar unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten.

    „Ein Kriegseintritt der NATO wird – angesichts von Putins erklärter Märtyrerbereitschaft – eine atomare Auseinandersetzung zur Folge haben, …“

    Und das wissen Sie woher? Haben Sie mit Putin direkt gesprochen? Im übrigen: genau mit solcher Angst spekuliert Putin und darauf baut er sein Spiel. Ich habe diesen Mechanismus, wie Sie sich erinnern, in einem anderen Text analysiert. Er ist durchschaubar. Feigheit ist in solchen Fragen keine Option. Was Putin bisher immer beeindruckt hat, ist Entschlossenheit. Deshalb fürchtet er die Amerikaner und verachtet die Europäer.

    „Angesichts und im Elend der Bombardierungen ist „no parasán“ schlichtweg lebensfeindlich; es opfert auch die Kinder einer Idee, hier sogar der an sich schon hochproblematischen der „Nation“.“

    Schrieb ich schon oben: dann wären Sie sicherlich auch dafür, daß die Engländer und der polnische und französische Widerstand vor Hitler-Deutschland kapituliert hätte? Vermutlich nicht. Die Kinder in der Ukraine werden übrigens bereits geopfert. Aber wenn man nur den Blick für die eigenen Kinder hat, geraten andere eben schnell aus dem Blick. Hauptsache einem selbst geht es gut. Die Nation im übrigen, die Sie problematisch finden, sichert Ihnen hier Ihr Leben, Ihre Freiheit und Ihre ganzen Bequemlichkeiten. Und nach bisherigem politischem Maß gibt es für den Sozialstaat und für eine freiheitliche Grundordnung kein anderes Gebilde als einen Staat. Im übrigen verwechseln Sie Staat und Nation. Bevor Sie sich an die Analyse einer Sache machen, sollten Sie auf die Begrifflichkeiten schauen – auch da können einem (verständliche) Emotionen manchmal den analytischen Blick verstellen. Die Ukraine ist ein Staat, in dem unterschiedliche Menschen leben. Und das gilt auch für solche Staaten wie Frankreich und Deutschland und erst recht für die USA und auch für Rußland. Und weiterhin: niemand hier in Deutschland opfert in diesem Krieg die Kinder für eine Nation. Was Sie hier fahren, ist das Narrativ der Täter-Opfer-Umkehr.

    Und was das „Elend der Bombardierungen“ betrifft: lebensfeindlich ist nicht das „no parasán“, sondern der Bombenkrieg Putins gegen Zivilisten, gegen Frauen und Kinder. Gehen Sie, reisen Sie nach Moskau oder nach Kiew und sagen Sie das Putin oder den armen Menschen in Charkiw und Mariupol, die dort ermordet werden. Im übrigen widerspricht dieser Ihr Satz logisch dem, was Sie zuvor schrieben, daß es die Entscheidung der Ukraine sei. Und nicht Sie und auch nicht ich entscheiden, welche Formen von Widerstand die Ukraine fährt. Es mag manche dieser Krieg in seiner privaten Bequemlichkeit stören, aber es ist dieser Krieg, was die Debatten und was die Menschen und die Flüchtlinge anbelangt, schon lange mitten in Europa.

    „Problematisch ist freilich auch die Bewaffnung der Zivilbevölkerung gegen einfache Vorlage des Personalausweises, ja sie zum aktiven Kampf aufzurufen. Es verstößt dies gegen die Den Haager Konvention …“

    Leider doppelter Standard. Denn das sagen Sie doch bitte zunächst mal dem Herrn Putin beim Einsatz von Kindersoldaten teils und Soldaten, die nicht wissen, wohin es geht und weiterhin beim Zerbomben der Zivilbevölkerung. Wenn Sie also schon die Haager Konvention aufrufen, dann nennen Sie doch bitte zuerst einmal das Völkerrecht und erzählen, was dieses Völkerrecht zu einem Angriffskrieg zu erzählen hat. Die Ukraine wehrt sich dagegen und diese Gegenwehr ist vom Völkerrecht gedeckt. Oder was meinen Sie, wie der polnische, der griechische, der jugoslawische, der französische und der tschechische Widerstand gegen die Okkupation ihrer Länder angingen? Sicherlich nicht mit regulären Soldaten, sonderndie Bevölkerung dieser Länder kämpfte mit allen Waffen und Mitteln und für die Erschießungen, die dann die SS durchführte, aus Rache, wenn Partisanen angriffen, sind nicht die Partisanen, sondern die SS und damit die Deutschen verantwortlich. So wie beim Morden in der Ukraine die Russen dafür verantwortlich sind – und auch nicht einfach abstrakt Putin. Was an einer Volksbewaffnung problematisch sein soll, wenn ein Land sich verteidigt, müßten Sie bitte ebenfalls darlegen können. Zumal wenn die Leute das freiwillig tun. Oder woher denken Sie kommt der ungeheure Widerstand gegen die Russen? Während die Russen nicht vorankommen, weil die eigenen Soldaten ihre Ausrüstung sabotieren, kämpfen die Ukrainer und verteidigen ihre Heimat. Die Russen werden eben nicht mit Salz und Brot als Befreier empfangen, sondern als Aggressoren. Und all das geht nur mit Heldenmut und mit Kampfeswille. Den kann man niemandem aufzwingen, sondern der kommt aus dem Herz der Menschen. Ihre Einlassungen hier sind scheinheilig und vor allem verwischen Sie die Linien erheblich und werfen mit solchen Einlassungen Nebeltöpfe: Wer nämlich sich gegen einen Angriffskrieg verteidigt oder ob einer der selber angegriffen hat, nun das letzte Aufgebot bestellt, bedeutet einen erheblichen Unterschied. Diesen sollten Sie bitte realisieren.

    „Zumal, inwieweit tatsächlich so viele Ukrainer jetzt im Widerstand kämpfen würden, wäre den Männern über 18 nicht verboten, das Land zu verlassen, überdies eine Frage ist, die man schwer beantworten kann.“

    Wenn Sie in das Grundgesetz unseres Landes sehen, Artikel 12a, dann finden Sie dort Passagen zur Wehr- und Dienstpflicht im Kriegsfall und für Männer ab 18 Jahren, die für den Verteidigungsfall gelten. Und ein ähnliches Recht steht auch der Ukraine zu, die ja nun einmal angegriffen wurde. Ich wüßte also nicht, weshalb das nicht auch für die Ukraine gelten sollte. Ein wenig mehr Wissen um politische Umstände würde solche Fehlleistungen zu vermeiden helfen.

    „Psychologisch also sind diese Aufruhe mehr als nur nachvollziehbar, indessen objektiv verantwortungslos.“

    Sie verkennen ein wenig die Situation. Es geht hier nicht um Psychologie, sondern um Realpolitik und auch um Machtpolitik. Verantwortungslos ist es vielmehr, die Menschen in der Ukraine schutzlos einem Aggressor auszuliefern. Wäre die Ukraine in der NATO wäre ihr nämlich genau das nicht passiert. Da liegt ihr Denkfehler. Und wenn es passiert wäre, dann zu einem sehr sehr hohen Preis auch für Putin, denn bei einem Angriff auf ein NATO-Land greift der Verteidigungsfall – auch diesen Unterschied sollten sie politisch herausarbeiten.

    „Putins völkerrechtswidrige, menschenverachtende Invasion der Ukraine ist darüber hinaus auch nicht mit Hitlers Angriffskriegen zu vergleichen, sondern seine Machtpolitik erinnert vielmehr an Mussolinis, gepaart mit Strukturen, wie wir sie vom Machtgefüge der Camorra kennen.“

    Das ist historisch genommen leider falsch. Es geht bei diesem Vergleich von Angriffskriegen nur sekundär um Machtstrukturen und auch nicht ist das Tertium der Vernichtungskrieg gegen die Juden, die Zigeuner und viele andere. (Wobei man Putins Umgang mit den Tschetschenen sich dazu nochmal gesondert anschauen muß, inwieweit das Parallelen zum Vernichtungskrieg der Wehrmacht in Rußland bestehen.) Weshalb der Vergleich mit Hitler trägt, nannte ich ebenfalls an einem anderen Ort: nämlich in bezug auf einen Angriffskrieg und die Logik der Eskalation, die bei Putin und bei Hitler ähnlich ist. Da liegt das Tertium comparationis, das bei jedem Vergleich angeben werden muß und was geprüft werden kann. Wie auch Hitler hat Putin neutrale Länder überfallen und das mit dem eigenen Sicherheitsbedürfnis gerechtfertigt: Österreich, Tschechoslowakei und dann Polen. Und wie auch Hitler im Blick auf Polen schob Putin die Schuld dem Opfer zu. Während Mussolini in Afrika blutige Kolonialkriege führte; allenfalls Mussolinis Überfall auf Albanien mag eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, aber da greifen die Täter-Opfer-Umkehr und das Appeasement nicht, was in der Causa Hitler-Putin ebenfalls das Tertium comparationis bildet. Jenes Appeasements, das gegen Hitler wie auch gegen Putin lange Jahre gefahren wurde – Stichwort Nord Stream 2.

  7. Und was den Verteidigungswillen der Ukrainerund auch ihr Recht auf Verteidigung betrifft, so sei auf den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan verweisen der im Spiegel schrieb und sich noch immer im belagerten Charkiw befindet. Auf SpOn „richtet er sich an den Westen und appelliert an die Deutschen, diesen Krieg als das zu sehen, was er ist.“:

    „Meine Freunde wurden am Donnerstag in Charkiw durch ein russisches Grad beschossen, das ist ein Mehrfachraketenwerfersystem. Ein Geschoss explodierte ein paar Dutzend Meter von ihnen entfernt und traf dann das Auto, das hinter ihnen fuhr.

    Wären sie fünf Sekunden langsamer gewesen, hätten sie ihr Leben verloren. Sie sind keine Soldaten. Sie sind Künstler. Angesagte junge Künstler. Vor dem Krieg hatten sie ihre eigenen Ausstellungen, lebten ein Künstlerleben. Nach dem Einmarsch der Russen blieben sie in der Stadt und arbeiteten ehrenamtlich, sie brachten Lebensmittel und Medikamente in die Stadt und halfen der Zivilbevölkerung. Sie gerieten nun unter Beschuss.

    In Charkiw kann das im Augenblick jeden treffen: Die Russen bombardieren die Stadt chaotisch und ununterbrochen, treffen Wohngebiete, Schlafzimmer, Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten. Das Bombardement ist ständig zu spüren. Das ist unsere Realität. Aber die Stadt hat keine Angst, sie lebt ihr Leben weiter. Dieses Leben findet jetzt eben nur unter dem Hagel von Raketen statt.

    Charkiw liegt sehr nah an der russischen Grenze. Schon am ersten Tag des Krieges tauchten hier russische Truppen auf. Es schien, als rechneten sie damit, die Stadt schnell und mit wenig Blutvergießen einzunehmen. Ebenfalls am ersten Tag tauchten russische Panzer auf den umliegenden Straßen in der Nähe der Stadt auf. Sie wurden abgeschossen und verbrannten.
    […]
    Ich weiß nicht, wie dieser Krieg in Deutschland dargestellt wird, wie man ihn schildert, was man darüber sagt. Aber mehrmals habe ich schon westliche Politiker gesehen, die davon sprechen, die Nato werde sich nicht in den Ukrainekonflikt einmischen. Also nicht in den »Krieg«, oder »Krieg mit dem Aggressor«, sondern »Konflikt«. Tatsächlich überrascht mich das nicht.

    In den vergangenen acht Jahren, seit der Annexion der Krim, habe ich sehr häufig gesehen, wie Bürger Deutschlands, Frankreichs oder der Schweiz nach immer neuen Möglichkeiten gesucht haben, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Zum Beispiel, Russland nicht als »Aggressor« zu bezeichnen, Putin nicht als »Schurken« zu bezeichnen, den Krieg im Donbass nicht als »russisch-ukrainischen Krieg« zu bezeichnen. Wir haben gesehen, wie die westlichen Mächte weiterhin mit dem Kreml Handel getrieben haben und auch immer noch treiben ? und dabei schöne Worte über »Freiheit« und »Demokratie« verlieren.
    Ich weiß nicht, wann dieser Krieg zu Ende sein wird und welchen Preis wir für unseren Sieg zahlen müssen. Aber ich möchte ein paar Worte über die kollektive Verantwortung des Westens für all das sagen, was hier vor sich geht. Ihr habt zu lange und zu unverschämt mit den Tätern dieses Kriegs verhandelt. Ihr habt lange zwischen euren Prinzipien und eurer Bequemlichkeit geschwankt und dabei alle Verpflichtungen der Partnerschaft vergessen. Ihr habt zugelassen, dass die russische Propaganda euer Bewusstsein mit Lügen über »ukrainische Nazis« und den »Bürgerkrieg in der Ukraine« oder den »gesellschaftlichen Konflikt« überschwemmt hat. Ihr habt eine Mitverantwortung.“

    Und diese letzten Sätze muß auch ich mir zurechnen lassen. Und es erfüllt mich mit Scham, das, was offensichtlich war, um ein paar Lebenslügen willen, nicht sehen zu wollen. Viele von uns haben weggesehen. Wenige nur haben vor Putin gewarnt. Daß er gefährlich war und ein Despot, darin waren sich viele einig, so auch ich. Aber wir wollten die Zeichen nicht sehen. Immerhin scheint die Armee der Ukraine derart ausgestattet zu sein, daß Putins Armee nicht vorankommt. Und so haben wohl einige doch genau geahnt, was kommen würde.

    Und diese Sätze, lieber Herr Herbst, sollten auch Sie sich einmal zu Herzen nehmen.

    https://www.spiegel.de/kultur/literatur/krieg-in-der-ukraine-liebe-europaeer-machen-sie-sich-keine-illusionen-a-62d574fb-97f9-48b4-8d2d-ab763731e476

  8. DANKE, Bersarin, für diese Replik – auf die – höflichst formuliert – „Narreteien“, die ANH so selbstherrlich und selbstbezüglich hier schreibt. Du sprichst mir aus dem Herzen!

  9. Dioe Narreteien gebe ich – fast ,mit Liebe, nun aber einer invertierten; lebem Sie also wohl, Sie kriegsbereite Christin; vielleicht wird Ihnen eines Tages „von oben“ Antort gegeben werden – gerne zurück.

  10. Sie sollten statt auf Emotionen besser auf die Analyse setzen. Was im übrigen passiert, wenn Staaten sich in die Hände von Geiselgangstern begeben, kann man an Hitler gut sehen: Stichwort Appeasement. Zudem: Der Krieg ist bereits da. Und es ist an Putin, ihn zu beenden. Richten Sie Ihre warmen Worte an ihn. Er ist der richtige Adressat. Jedes Volk, das überfallen wird, hat ein Recht, sich dagegen zu wehren. Hinzu kommt: Über Kapitulation läßt sich dann reden, wenn die Ukraine zu großen Teilen besetzt ist. Aber das ist bisher nicht der Fall. Auch dank der Hilfe des Westens, dessen Freiheiten Sie hier bequem in Anspruch nehmen, um solche Dinge schreiben zu können. Auch aus diesem Grunde heraus ist Ihre Darstellung leider mehr als schief und holperig. Zum einen verkennen Sie die politischen Optionen für eine Verhandlung, die sich daraus ergeben können, wenn ein Angreifer nicht weiterkommt, zum anderen geht es nicht darum, was Sie oder was ich gerne möchten oder was der deutsche Kanzler gerne will, sondern darum, was die Bevölkerung der Ukraine tut. Und noch einmal: Es ist nicht die NATO, die diesen Widerstand den Ukrainern aufzwingt, sondern es ist die Bevölkerung der Ukraine. Und die besteht auch nicht, wie Sie auf üble Weise bei sich im Blog insinuieren, aus dem Regiment Asow. Das beträg gerade mal 2500 Menschen. Da sind auf jeder Pegida-Demo in Dresden zwei- oder dreimal mehr Leute. Ich rate Ihnen, Herr Herbst, sich in diesen Dingen ein wenig besser zu informieren.

    Dazu auch dieser Artikel aus der WELT:

    „Putins „Entnazifizierung“
    Das Regiment Asow und der Mythos einer faschistischen Ukraine
    Von Dominik Kalus
    Der Vorwurf, dass Nationalsozialisten in der Ukraine ihr Unwesen treiben, bildet das zentrale Gerüst der russischen Propaganda. Bereits seit den Maidan-Protesten 2014 versucht der Kreml, die Ukraine wahlweise als einen von Nazis kontrollierten oder vom faschistischen Umsturz bedrohten Staat darzustellen. Mit dieser Begründung ist Putins Armee auch in die Ukraine eingefallen – um das Land zu „entnazifizieren“. Dass die Ukraine einen demokratisch gewählten jüdischen Präsidenten hat, bleibt unbeachtet. […]
    In den vergangenen Jahren hat sich das Asow-Regiment verändert, was die russische Propaganda jedoch geschickt zu ignorieren weiß. Das Regiment wurde in die ukrainische Nationalgarde eingegliedert und untersteht damit dem Innenministerium. Das bedeutet allerdings nicht, dass der ukrainische Staat rechtsextreme Strukturen aufweist, sondern ganz im Gegenteil: Die rechtsextreme Gruppe muss sich nun den staatlichen Strukturen anpassen. „Wir diskutieren über Asow immer noch auf Basis des Bildes von 2014. Das ist genau das, was der Kreml will“, sagt Forscher Rekawek. Die meisten radikalen Gründungsmitglieder haben das Regiment inzwischen verlassen, neue Mitglieder schließen sich der Gruppe oft aufgrund ihres Rufes als erfolgreiche Einheit an und nicht wegen des rechtsradikalen Anstrichs. Und noch etwas zeigt, dass die Bedeutung des Regiments nicht im Verhältnis zu der ihm gewidmeten Aufmerksamkeit steht: Je nach Schätzung gehören der Einheit zwischen 1000 und 2000 Personen an. Das ist nur ein Bruchteil der mehreren hunderttausend Soldaten und Freiwilligen, die derzeit die Ukraine und ihre mehr als 40 Millionen Einwohner verteidigen. […]
    Schon 2014 im Donbass kämpften Neonazis aus Russland auf Seiten der ukrainischen Separatisten. Außerdem nutzt der Kreml die Dienste der Söldner-Gruppe Wagner, deren Mitglieder zum Teil bekennende Neonazis sind und deren Anführer Dmitri Utkin Tätowierungen der Waffen-SS trägt. 400 dieser Söldner sollen sich derzeit in der Ukraine aufhalten, um den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu töten.“

    https://www.welt.de/politik/ausland/plus237593101/Putins-Entnazifizierung-Das-Regiment-Asow-und-der-Mythos-einer-faschistischen-Ukraine.html

  11. @Bersarin. Ich weiß, was in der Verfassung steht; weil es das tut, muß es noch nicht richtig sein. Entscheiden, allein dem Sternenhimmel meines moralischen Kompß‘, um Kant zu zitieren, folgend, werde immer ich selbst allein. So, wie ich auch nie einem Befehl folgen würde, dessen Folgen ich falsch fände oder den ich nicht verstehen würde. Und was nun die Kinder anbelangt: Ich bin für meine Kinder verantwortlich; müßte ich wählen, wäre es für mich keine Wahl, sondern, wie ich mich verhalte, stünde und steht von vornherein fest. Wenn Sie das unmoralisch finden, meinetwegen, ist mir komplett schnuppe.
    „Putin als Hitler“, das empfinde ich als geradezu Diskriminierung der Hitleropfer. Welche Lager gibt es in Rußland, die in industriellem Stil Völkermord betreiben? Wenn Sie welche wissen, wäre es an der Zeit, sie zu nennen. Im übrigen ist Putins, schrecklich genug, Diktatur (ja, entsetzlich: Diktatur) nicht völkisch.
    Da ich einfach keine Lust dazu habe, für sowas meine Lebenszeit zu opfern, gehe ich auf Ihr „höfliches Falsches“ gar nicht erst ein, sondern verlinke hier auf das von mir >>>> heute morgen erstellte PDF eines Interviews, das mir von großer Hellsicht getragen zu sein scheint.
    „Wäre die Ukraine in der NATO gewesen, wäre dieser Angriffskrieg nicht erfolgt“: Wahrscheinlich wahr. Das bedeutet aber keine Notwendigkeit des Einschreitens der NATO jetzt umd darf es auch nicht bedeuten. Aus den genannten Gründen.

    Aber eine Polemik (doch ist sie mehr Schmerz als sottis) kann ich mir d o c h nicht verkneifen. Sie fragen mich, was ich dagegen getan hätte, daß ukrainische Kinder bombardiert und ermordet werden? Haben denn Sie selbst etwas dagegen getan? W a s hätten Sie, w a s hätte ich selbst tun können? Für die Auslösung eines Atomkriegs zu sein? Klasse, Sie dürfen sich als zu denen gehörig, die mit allen anderen recht haben, auf die Schulter klopfen.
    Und ich habe auch etwas dagegen getan, lange, bevor ich die eines solchen Krieg auch vor Augen hatte; aber ich ahnte ihn offenbar. Ich bin immer, auch publizistisch, gegen die Osterweiterung der NATO gewesen und habe sehr wohl auch die Völkerrechtsbrüche der USA wie der NATO, siehe Interview, scharf kritisiert. Und sehe jetzt mit Schaudern, wie sich selbst kritische Geister auf Reihe bringen lassen. Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich (Mark Twain, der aber unterdessen als nicht mehr „correct“ gilt; denken Sie ihn sich also weg).

  12. @Bersarin. Ich weiß, was in der Verfassung steht; weil es das tut, muß es noch nicht richtig sein.“

    Nein, das wissen Sie anscheinend nicht, sonst hätten Sie diese Ihre Sätze in Ihrem ersten Kommentar nicht geschrieben. Ansonsten darf Ihnen für die politische Struktur der Bundesrepublik Deutschland vielleicht dieses Buch empfehlen:

    Manfred G. Schmidt, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Beck Verlag

    Dies ist eine sehr gute Einführung über die politischen Prozesse und Zusammenhänge, auch zum Grundgesetz und zur politischen Entscheidungsbildung über Parlament und Bundesrat und über die politische, föderale Struktur der BRD.

    Ansonsten sei hier bereits auf Platon verwiesen, daß um des gerechten Lebens willen ein Land gut gerüstet sein muß. In den Nomoi heißt es, auch um des glücklichen und des guten Lebens und damit auch um der Gerechtigkeit willen:

    „Die vornehmste Grundlage eines glückseligen Lebens aber ist dies, daß man weder Unrecht tut noch von anderen Unrecht erleidet. Hievon ist nun das erstere nicht so gar schwer zu erreichen, wohl aber soviel Macht zu erwerben, daß man sich gegen jedes Unrecht zu sichern vermag, und es ist unmöglich auf eine andere Weise vollkommen zu derselben zu gelangen, als dadurch, daß man selber vollkommen tüchtig dasteht. Und ebenso ergeht es auch einem Staate: ist er wahrhaft tüchtig, so wird ihm ein friedliches Leben zuteil; ist er es nicht, so bedrängt ihn Fehde von innen und außen. Steht es aber so damit, so muß sich jeder nicht erst im Kriege, sondern schon in Friedenszeiten auf den Krieg einüben, und darum muß eine verständige Bürgerschaft in jedem Monat nicht weniger als einen Tag Kriegsdienste tun, wohl aber noch mehrere, wenn es den Behörden nötig erscheint, und dabei weder Frost noch Hitze scheuen. Und zwar muß sich dies nicht bloß auf die Männer erstrecken, sondern die ganze Bürgerschaft oder auch einzelne Abteilungen derselben, je nachdem es die Behörden für gut finden, muß mit Weibern und Kindern ausrücken. Und außerdem müssen alle Opfer mit schönen Kampfspielen verbunden sein, sodaß festliche Kämpfe ausgeführt werden, welche so treu als möglich die wirklichen Kämpfe im Kriege nachahmen.“ (Platon, Nomoi 829b-c)

    Dies ist gleichsam auch von der Begründungsstruktur der Vorläufer für eine wehrfähige Demokratie. Ob Ihnen persönlich das gefällt oder nicht, ist dafür ganz und gar unerheblich. So wie es für das Staatswesen auch unerheblich ist, ob andere Menschen nun die Subventionierung von Kultur gut finden, wenn diese Menschen für sich selbst nicht genügend im Kühlschrank haben oder wenn sie lieber besser ausgebaute Straßen hätten. Wenn Sie also Ihre eigene Sichtweise verabsolutieren und zum Maßstab machen, so steht, argumentationsmäßig genommen, eben auch eine andere Sichtweise, die mit dem gleichen Recht ihre Ansprüche zur Geltung bringen kann und genauso zum Maßstab macht. Soviel zu den individuellen Befindlichkeiten, die man mit dem Raum des Politischen verwechselt.

    Was Sie persönlich empfinden und denken, ist Ihre Sache und Sie haben das hier hinreichend kundgetan. Tun Sie es nun bitte auf Ihrem eigenen Weblog kund. Mein Blog ist keine Plattform zur Kundgebung persönlicher Sichtweisen anderer Leute. Und auch Ihre Befindlichkeiten spielen zur Beurteilung der Lage keine Rolle, weil es um Dinge hier geht, die über einen Rechsstaat geregelt sind. Und da brauchen Sie sich auch nicht auf Kant zu berufen, zumal noch in dieser falschen Weise. Denn Kant ging es gerade in solchen Fragen nicht ums sinnliches Empfinden der privativen Art, sondern dieser bestirnte Himmel einerseits und das moralische Gesetz in einem jeden Individuum sollte, gleichsam als Metapher und Bild, eine komplexe Begründungsstruktur für Vernunft und den darin eingebetteten Kategorischen Imperativ noch einmal auch sinnlich einsichtig machen. Keineswegs aber ist es ein Bild, daß Ihren Privatkompaß rechtfertigt. Im Gegenteil. Für Kant wäre es vermutlich sogar erforderlich gewesen, um eines solchen allgemeinen Gesetzes willen in den Krieg zu ziehen. Weil es in einem solchen gerechten Krieg auch um Ihre eigene Sache geht. Aber das muß man dann am Text selbst festmachen. Auch insofern helfen solche Bezugnahmen, wie Sie sie hier tätigen, nicht besonders viel weiter.

    „„Putin als Hitler“, das empfinde ich als geradezu Diskriminierung der Hitleropfer. Welche Lager gibt es in Rußland, die in industriellem Stil Völkermord betreiben?“

    Ich empfehle Ihnen, meine Ausführungen gründlich zu lesen. Ich habe oben das Tertium comparationis angegebben. Und das war eben nicht der Massenmord, sondern das Appeasement. Zumal es diesen Massenmord an Juden 1938/39 noch nicht gab.

    „Im übrigen ist Putins, schrecklich genug, Diktatur (ja, entsetzlich: Diktatur) nicht völkisch.“

    Auch das ist im Blick auf seine Ausführungen zum Russischen nicht ganz richtig. Denn Putin geht es ja genau darum, die Russen zu sammeln und zu vereinen.

    „Sie fragen mich, was ich dagegen getan hätte, daß ukrainische Kinder bombardiert und ermordet werden? Haben denn Sie selbst etwas dagegen getan? W a s hätten Sie, w a s hätte ich selbst tun können?“

    Nun, ich schwinge mich hier nicht zu Reden auf, daß man am besten den Widerstand aufgibt. Und noch einmal: Es sind die Russen, die Menschen ermorden und Zivilisten in der Ukraine bombardieren, nicht Selenskyj. Ersparen Sie uns hier also Ihre wiederholte Täter-Opfer-Umkehr. Was zu tun ist? Sie können z.B. spenden, Sie können am Hauptbahnhof helfen. Das, was zu tun ist, kann man niemandem vorschreiben. Ich selbst habe einiges Geld für Kriegsgerät für den Widerstand gespendet. Und auch Geld für humanitäre Zwecke. Wäre ich Soldat würde ich dienen und für die Bundesrepublik kämpfen. Würde es zu einem Krieg auch auf NATO-Gebiet kommen, werde ich mich entweder an der Waffe ausbilden lassen oder aber als ehemaliger Zivildienstleistender in Sanitätseinrichtungen, in der Versorgung, Verwaltung oder Logistik der Bundeswehr meine Arbeit tun und diesem Land, das mir viel ermöglichte, dienen.

    „Für die Auslösung eines Atomkriegs zu sein? Klasse, Sie dürfen sich als zu denen gehörig, die mit allen anderen recht haben, auf die Schulter klopfen.“

    Fallen Sie wirklich auf diesen billigen Kinderspieler- und Erpressungstrick herein? Sie spielen entweder wissentlich oder unwissentlich aus Naivität das Spiel Putins mit.

    „Ich bin immer, auch publizistisch, gegen die Osterweiterung der NATO gewesen…“

    Auch das ist einer der Mythen, denen Sie hier aufsitzen. Die Länder, die sich 1999 und 2004 der NATO anschlossen, wußten nach dem ersten und dem zweiten Tschetschenienkrieg sehr genau, warum sie das taten. Und es hat diese Länder niemand dazu gezwungen. Das Baltikum wurde unter dem Hitler-Stalin-Pakt Opfer Stalins, ebenso Polen. Hitler und Stalin teilten sich diesen Staat brav auf. Auch das wird beim Angriffskrieg Hitlers gerne unter den Tisch fallen gelassen. Und Churchill wußte genau, daß Stalin nicht einen Deut besser als Hitler ist. Und wie richtig es war, sich der NATO anzuschließen und dort Schutz zu erhalten, zeigt sich insbesondere jetzt nach dem Überfall auf die Ukraine. Sie haben also, um es mal grob zu sagen, ziemlichen Quatsch geschrieben. Sie sind Schriftsteller sie sind ein guter Schriftsteller. Widmen Sie sich den Dingen, die Sie können. Was Sie im Augenblick machten, das ist in etwa so, als wollte ich im Kunstturnen oder im Synchronschwimmen antreten oder darüber Texte schreiben.

    „Und sehe jetzt mit Schaudern, wie sich selbst kritische Geister auf Reihe bringen lassen.“

    Ich sehe vielmehr, wie sich Leute, die von politischen Zusammenhängen ersichtlich wenig Ahnung haben, sich verheben und emotional freidrehen. Um es für Sie noch einmal ersichtlich zu machen: Am 24.2.2022 hat Putin die Ukraine angegriffen. Wer ist hier also nochmal der Aggressor? Wer zerbomt Menschen und läßt Kinder in Luftschutzkellern sitzen? Wenn im übrigen ein Staat gegen Neonazis oder andere Staatsfeinde, die diesen Staat abschaffen wollen vorgeht, und wenn das von vielen seiner Bürger unterstützt und begrüßt wird, dann lassen diese Leute sich nicht auf Reihe bringen, sondern sie haben, um einmal Ihr Bild hier aufzugreifen, ihren moralischen Kompaß noch nicht verloren und wissen Unrecht von Recht zu unterscheiden. DIES geht anscheinend nicht jedem so.

  13. „Wenn im übrigen ein Staat gegen Neonazis oder andere Staatsfeinde, die diesen Staat abschaffen wollen vorgeht, und wenn das von vielen seiner Bürger unterstützt und begrüßt wird, dann lassen diese Leute sich nicht auf Reihe bringen, sondern sie haben, um einmal Ihr Bild hier aufzugreifen, ihren moralischen Kompaß noch nicht verloren und wissen Unrecht von Recht zu unterscheiden.“: Wo habe ich denn bitte davon gesprochen? Selbstverständlich geht man gegen Neonazis vor, Leute hingegen, die diesen Staat abschaffen wollen, könnten auch etwas ganz anderes sein als Neonazis u.ä.; sie könnten einfach skeptisch gegenüber zu Wesen idealisierten, aber eigentlich nur Institutionen sein, die lediglich der Administration nötig sind
    Was ich selbst – außer, zuallererst meine Kinder in Sicherheit zu bringen – im Kriegsfall tun würde, weiß ich nicht. Ich bin nicht in der Situation, und keiner und keine, die es nicht sind, können es jetzt wissen. Jede andere Behauptung ist wohlfeil. Und was die Bereitschaft, zu kämpfen oder es nicht zu tun, anbelangt, erinnere ich an einen der wichtigsten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts, Benjamin Britten, der sich aus pazifistischer Überzeugung selbst im zweiten Weltkrieg weigerte, Kriegs- oder auch nur dafür Hilfsdienste zu leisten; in der zweiten Instanz wurde ihm das zugestanden – ein Segen für die hörende Welt. D a s sind meine Kriterien und nicht „Heldenmut“ und „Kampfwille“ – welches, wie mir gerade ein Leser schrieb, der auch hier mitliest, Wörter sind, mit denen die Begeisterung in den ersten Weltkrieg hineinlief. Es ist dies das, was ich momentan fast körperlich spüre. – Ich hätte mehr zu schreiben, aber verzichte darauf, da Sie mir ja oben sozusagen Blogverbot erteilt haben. Was eine nette Lösung ist. Ich bin zu stolz, um Ihr Hausrecht auch nur zu bestreiten.

  14. „Wo habe ich denn bitte davon gesprochen?“

    Lesen Sie doch mal richtig! Ist das denn so schwierig? Erfassen Sie dieses Beispiel nicht? Soll ich es Ihnen im Detail noch erläutern? Gerne: Sie schreiben hier, in einer rhetorisch zudem durchschaubaren Art, von Mitläufern – davon einmal abgesehen, daß Sie dann genauso einer sind, nämlich bei einer naiven Friedensbewegung. Also auch in diesem Bezug ein Eigentor. Es geht in diesen beiden Fällen jedoch um sinnvolle Handlungsweisen eines Staates, um eine Gefahr abzuwenden, im Fall der Ukraine um den ungerechten Krieg eines Aggressors, gegen den vorgegangen wird. Und dafür nun das Wort Mitläufer zu schreiben, ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit. Zumal von jemandem, der von diesem Staat hier bestens profitiert.

    Und auch hier: Genaues Lesen ersetzt das vorschnelle Schreiben von Kommentaren:

    „Ich hätte mehr zu schreiben, aber verzichte darauf, da Sie mir ja oben sozusagen Blogverbot erteilt haben. Was eine nette Lösung ist. Ich bin zu stolz, um Ihr Hausrecht auch nur zu bestreiten.“

    Mein Blog ist keine Plattform für Meinungsbekundungen. Ihre Kinder und was Sie dazu denken, sind, wie ich Ihnen darlegte, kein Argument. Hier aber, auf meinem Blog müssen Sie Dinge begründen. Was Sie empfinden und denken und fühlen behalten Sie bitte für sich und schreiben das bei sich. Aber eben nicht bei mir.

    Mit Ihren „Kriterien“, die argumentationslogisch auf dünnem Eis stehen, bewahren Sie ein Gemeinwesen nicht vor Übergriffen. Ein Gemeinwesen zudem, das Sie selbst vielfach in Anspruch nehmen – auch damit schon gerät die Sache selbstwidersprüchlich und inkonsistent. Ein Gemeinwesen muß allerdings auch solche wie Britten ertragen, die davon profitieren. Niemand darf zum Dienst mit der Waffe gezwungen werden, aber ein Staat sollte sich vorbehalten, dann einen Ersatzdienst einzurichten. Das übrigens, was Britten widerfuhr, lustige Pointe auch hier wieder, kann nur in einer solchen Demokratie geschehen, die Britten zu verteidigen ablehnt. Unter Hitler hätte Britten kein einziges Stück mehr komponiert – allenfalls vielleicht in einem Lagerorchester. Auch in solcher Sicht sind Leute wie Britten naiv.

  15. Zwei Anmerkungen.
    Auf den „Putin als Hitler“-Vergleich sind die Menschen in Osteuropa seit einigen Jahren schon selber gekommen. Sie nennen ihn „Putler“ – und das aus gutem Grund. Der Vergleich speist sich neben den eindeutigen Zeichen eines faschistischen Staatysystems in Russland auf die Scheibchenaggressionen Putins in Georgien (Abchasien, Südossetien), Krim, Donbas, die mit Hitlers Vorgehen im Rheinland, Sudetenland und Österreich beziehen. Ich überlasse es den Auguren, ob die Ukraine nun Hitlers Polenfeldzug ist oder eher Frankreich.

    Tatsächlich hat Putin wohl noch keine KZ errichten lassen. Dafür bombardiert er Zivilisten, in Grosny, Aleppo, Mariupol, Charkiw, demnächst auch in Kiew. Ohne militärische Signifikanz. Es ist sehr wohl ein Muster eines beginnenden Genozids zu erkennen, zumal er in seinen Reden den Ukrainern das Recht als eigenständige Entität abspricht. Man würde nach einer Kapitulation der Ukraine sehen, wie diese Säuberungen ablaufen. (Es muss wohl eine große Faszination davon ausgehen Nachfahre jener Generation zu sein, die dem größten Massenmörder der Geschichte zugejubelt hat.)

    Zum Pazifismus empfehle ich das Zitat von Heiner Geißler aus 1983 in Bezug auf die Friedensbewegung gesprochen, die sich gegen den NATO-Doppelbeschluss formierte:

    „Der Pazifismus der 30er Jahre, der sich in seiner gesinnungsethischen Begründung nur wenig von dem unterscheidet, was wir in der Begründung des heutigen Pazifismus zur Kenntnis zu nehmen haben, dieser Pazifismus der 30er Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht.“

    Damit wäre dieses Herumschwadronieren über Britten auch erledigt.

    Noch eine kleine Anmerkung an Sie, lieber Bersarin: Herrn Herbst geht es ums Verlinken, um sein Fiktionsspiel. Der Krieg und die Opfer interessieren ihn nicht.

  16. @Gregor Keuschnig: Danke für Ihren guten Kommentar! Die meisten Dinge sehe ich ähnlich. Und deshalb eben kapituliert die Ukraine nicht, weil die Menschen wissen, was ihnen unter dem Regime Putin blüht. Es wird so grausam sein, wie die Besatzung Polens durch Hitler oder die Frankreichs. Daß es hier in Deutschland Leute gibt, die das mit dieser seltsamen Äquidistanz betrachten – Leute im übrigen, die bei der kleinsten Regung der USA einen Affentanz aufführen – stößt bei mir auf völliges Unverständnis. Pazifismus ist in Rußland eine zielführende Haltung, aber nicht für die Ukraine. Die zudem selbst darüber entscheidet. Gibt die Ukraine ihren Widerstand auf, gibt es keine freie Ukraine mehr, sondern eine russische Provinz.

    An dieses Zitat von Geißler im Blick auf die Appeasement-Politik hatte ich ebenfalls schon gedacht. Und das ist eben der Punkt: Pazifismus hilft nicht gegen den Tyrannen. Brittens Haltung ist wohlweil und lächerlich und vor allem ist sie selbstwidersprüchlich.

    Und ein weiterer Punkt: Wenn hier davon geredet wird, daß die Bundeswehr nun aufrüsten müsse, so ist das ein erheblicher Unfug: die Bundeswehr rüstet nicht auf, sondern sie muß überhaupt erstmal in die Lage versetzt werden, die Landesverteidigung und dann auch die Verteidigung von NATO-Gebiet zu bewältigen. Insofern handelt es sich eher darum, daß die Bundeswehr auf einen Minmimalstandard gebracht werden muß und die Soldaten warme Wäsche und Ausrüstung überhaupt haben. EIn Trauerspiel ist das.

  17. Alles richtig. Leider muss man auch sagen, dass man vernünftigerweise der deutschen Politik keinen guten Rat geben kann. Mit welchen Mitteln sollen wir helfen? (Energie)politisch gefesselt und mit einer Bundeswehr ausgestattet, die allenfalls im Bereich des Kantinenessens (vegan + Bio) und bei den Frauenbeauftragten Weltspitze darstellt. Sonst eher nicht. Tja…

    Hat da eine – ja, wie soll ich sagen? – ein wenig falsch justierte, linke Friedenspolitik eine wenig rühmliche Rolle gespielt?
    Hat da auch zusätzlich eine geschichtspolitische Naivität den Blick vernebelt? Gebe als Stichwort ein Datum: 23.08.1939. Jeder in Osteuropa kennt dieses Datum im Schlaf. Unsere westeuropäischen Friedensfreunde werden mehrheitlich wohl googeln müssen. Auch da liegt der Hase begraben.

  18. So ist es, Herwig. Deine Einordnung teile ich. Und guter Rat ist in der Tat für die Bundesregierung in diesem Falle teuer. Wie auch aufholen, was in Jahrzehnten versäumt wurde?

    Ein weiterer Aspekt ist, daß wir – oder ein großer Teil der Politiker und der Bevölkerung – nicht geopolitisch denken wollten. Wobei ich das nicht auf mich beziehen kann. Ich tat es eigentlich immer. Die NATO war mir nicht lieb, aber noch weniger lieb sind mir Länder wie Rußland und China. Das Problem des Westens, jetzt auch wieder in Katar zu sehen: Es läuft immer auch die Frage nach Menschenrechten mit. Dieses Problem haben Länder wie China und Rußland nicht. Die fahren nach Afrika oder Asien und nehmen, was sie kriegen können. Von unseren Friedensfreunden selten kritisiert. Erinnert mich auch ein wenig an die Friedensbewegung: laut rief man gegen Pershings, leise bis gar nicht gegen die sowjetischen SS-20 und daß die NATO-Nachrüstung eben auch eine Reaktion auf die Aktion der Russen war.

    Der 23.8.1939 ist ein guter Hinweis. Und auch für den Blick auf die sogenannte NATO-„Osterweiterung“ ist dieses Datum mehr als bedeutsam und eben keine Petitesse.

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