20. Januar – Wannsee

„Ich muß offen sagen, auf mich wirkte diese erste Vergasung beruhigend […] Mir grauste immer vor den Erschießungen, wenn ich an die Massen, an die Frauen und Kinder dachte.“
(Rudolf Höß, 1946, zitiert nach: Reinhard Baumgart, Unmenschlichkeit beschreiben)

„Pack die Badehose ein, nimm Dein kleines Schwesterlein …“ (Schlager, 1951)

„20. Jänner“ – jener Tag, an dem Lenz in der gleichnamigen Erzählung Georg Büchners ins Gebirg ging und der vor allem für Paul Celan in seiner Büchnerpreisrede 1960 aus guten Gründen so bedeutsam war und von dem her sich ein Großteil seiner Dichtung schrieb:

„Vielleicht darf man sagen, daß jedem Gedicht sein ‚20. Jänner‘ eingeschrieben bleibt? Vielleicht ist das Neue an den Gedichten, die heute geschrieben werden, gerade dies: daß hier am deutlichsten versucht wird, solcher Daten eingedenk zu bleiben? Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu?“

Die Wannseekonferenz wird zwar einerseits als Geschichtszeichen genannt, wo ein Umschlag in der Frage der Vernichtung stattfand: so wie man Fliegen nicht mehr einzeln mit der Hand totschlug, sondern mit Insektenvertilgungsmittel wegmachen konnte, so wurden nun in ganz Europa Juden industriell ermordet: wofür der Name Zykon B und Begriffe wie Gaskammer und Dusche standen – spät erst in Deutschland im Gespräch, eigentlich erst mit der Serie „Holocaust“ 1979. Andererseits waren diese wenigen Stunden am 20. Januar in einer schönen Villa im tiefen Westen Berlins am schönen Wannsee – an den Wänden antikisierende Reliefs, geschmackvolles Dekor in den Räumen – nur ein weiterer Mosaikstein. Ein Großteil der Judenmorde war seit 1940 mitten im Gange, und zwar in den von Deutschen besetzten Ostgebieten im überfallenen Polen. Es war dieser Tag, dieser einschnitthafte 20. Januar nicht der Beginn eines völlig neuen Programms, sondern lediglich die konsequente und rationale Umsetzung eines auf Eliminierung angelegten Antisemitismus. Die systematische Deportation der Juden in Deutschland und in den besetzten Ländern freilich begann bereits 1941. Jene Konferenz war dazu da, den Mord effektiver zu gestalten und Effizenz zu fördern: viel schafft viel.

Das Singuläre dieses Mordens liegt darin, daß dabei mit einer derartigen Präzision und mit Gründlichkeit gearbeitet wurde; daß da aus der Mitte einer Gesellschaft plötzlich Nachbarn, Freunde und Bekannte verschwanden und weggebracht wurden, ohne daß sich größerer Widerstand oder Widerspruch regte; daß solcher Mord bis ins Detail organisiert wurde und noch der Ablauf des Tötens einem rationalen Kalkül unterzogen wurde, wie man am effizientesten eine größtmögliche Zahl an Menschen mit dem geringsten Aufwand („Keinen Schuß Munition vergeuden!“) beseitigen könne. Das Singuläre besteht darin, daß das Töten der Juden nicht einfach nur ein willkommener Nebeneffekt war, um sie durch ein Höchstmaß an Zwangsarbeit ansonsten ökonomisch auszubeuten: nein sie sollten vernichtet werden und das Ökonomische war, etwa durch die Enteignungen, nur ein willkommener Nebeneffekt – anders als unter Stalin, Mao und bei den Verbrechen des Kolonialismus, man denke an die Menschenverstümmelungen im Kongo unter der Besatzung der Belgier: hier war die ökonomische Ausbeutung zentral und der Tod war ein (manchmal willkommener) Nebeneffekt. Meist war man gleichgültig, denn es gab genug Material.

Diese Umstände eben machen das Singuläre dieses Verbrechens aus, und diese Art des Vorgehens und der Geschehnisse unterscheidet es von den Verbrechen des Kolonialismus. Singulär heißt dabei keineswegs, daß wir diese Verbrechen nicht in Gegenüberstellung zu anderen Verbrechen bringen dürften. Aufrechnen freilich läßt sich weder das eine noch das andere gegeneinander. Als Wissenschaftler kann man in seinen Strukturen durchaus beides betrachten, auch, was die Hierarchisierung von Menschen betrifft. Nur eben: es führt keine Linie zwangsläufig von Namibia nach Auschwitz, dafür sind die Ereignisse und die Hintergründe zu verschieden – auch wenn das instrumentelle Denken, was beidem zugrunde liegt, in Teilen ähnlich sein mag, auch über den Begriff des rassischen Denkens. Dennoch: so etwas wie Auschwitz, solches wie den Holocaust hat es weder bei den britischen, den französischen, den niederländischen, den portugisischen, den belgischen Kolonialmächten gegeben. In diesem Sinne reicht der Kolonialismus als Gewaltverbrechen an einem großen Teil der Menschheit nicht aus, um eine solche Linie zu begründen.

Einer der Teilnehmer an jener sogenannten Wannseekonferenz war der Beamte Martin Luther. Er war wesentlich in das Geschehen verstrickt.

„Am 20. Januar 1942 nahm Unterstaatssekretär Martin Luther an der Wannsee-Konferenz teil, auf der 15 Vertreter aus NS-Staat, SS und NSDAP die „Endlösung der Judenfrage“ planten – den Völkermord an den Juden Europas. Es wurde „von Töten und Eliminieren und Vernichten gesprochen“ und Cognac gereicht, sagte Protokollant Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem aus. Von 30 schriftlichen Ausfertigungen entging nur Nummer 16 der Aktenvernichtung: das Exemplar von Martin Luther, Auswärtiges Amt.“

Wer je das Haus am Wannsee besucht hat, jene ehemalige Villa Marlier, findet da eine merkwürdige Aura. Eigentlich ein schönes Haus, mit herrlichem Garten. Die Liebermannvilla ist nicht weit weg, der Flensburger Löwe steht um die Ecke und von dort der schöne Wasserwanderweg bei Heckeshorn, hin zur Anlegestelle, wo es hinüber zur Pfaueninsel geht, ein schöner Weg, durchs Waldgelausche, ein Weg, der bis nach Potsdam, zur Glienicker Brücke führt. Die seltsame Aura eines Ortes. Der Garten und das Interieur. Die antikisierenden Statuen. Der Weg hinunter in den kleinen Park und hin zum Wasser und der Blick über den Wannsee und auf der anderen Seite das nette Strandbad. Etwas weiter nördlich Schwanenwerder, da wo der Bock von Babelsberg sein Domizil hatte.

Der Tagesspiegel berichtet über die Enkelin von Luther, ihre Scham, ihre Möglichkeiten sich mit dem Schrecklichen auseinanderzusetzen. Für Verwandtschaft kann niemand etwas und es gibt in Fragen des Holocausts keine Kollektivschuld, schon gar nicht für Nachgeborene. Schuld ist konkret und es läßt sich sagen, was jemand getan hat oder nicht getan hat, ob er wußte, ob er schwieg, sei es aus Angst, sei es, weil man es nicht so genau wissen wollte. Mit dieser Vergangenheit geht jeder auf seine Weise um. Bis ins zweite und dritte Glied. Wie über solche Fragen und solchen Familienstruktur nachdenken? Man kann das literarisch machen, so wie etwa Per Leo in seinem Roman „Flut und Boden“; halb fiktiv, und doch in den Grundzügen wohl eine wahre Geschichte. Man kann dieses Buch als Fiktion lesen oder als einen Familienroman mit Echtzeithintergrund, als eine besondere Form eines Historikers, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen und Geschichte – in diesem Falle auch die eigene – zu erzählen. Andere wieder schrieben über ihren Familienhintergrund in Sachbüchern, dachten über ihn nach und es ließ sie ein Leben lang nicht mehr los: ob das Thomas Harlan war oder Berndward Vesper, der sich in seiner Reise in die Drogenwelt und den Wahn flüchtete, Niklas Frank oder Wiebke Bruns, deren Vater erst mittat und dann im Widerstand vom 20. Juli hingerichet wurde.

„Ulrike Luther betont, sie habe nie wirklich an der Schuld ihres Großvaters gezweifelt. Sie räumt aber ein, dass sie diese Tatsache erst „vor drei, vier, fünf Jahren“ an sich heranließ. 2018 beschloss sie, zumindest einmal den Garten am Wannsee zu besuchen.

Am Ufer spricht sie von ihrer Kindheit. Wenn im Geschichtsunterricht NS-Dokus liefen, ging sie raus. Als auf einer Orchesterfahrt, sie war zwölf, das KZ Flossenbürg besucht werden sollte, weigerte sie sich. Ihre Abwehrhaltung habe da aber noch nichts mit ihrer Familiengeschichte zu tun gehabt, von der habe sie erst später erfahren – auch dass sie mütterlicherseits mit Hanns Ludin verwandt ist, Hitlers Botschafter in der Slowakei, ein verurteilter Kriegsverbrecher. Sie habe schlicht die Gräuel des Holocaust nicht ertragen. ‚Ich habe versucht, da drumherumzuschrammen und mich so zu benehmen, dass sich so was nie wiederholt.‘

Erst mit 14 oder 15 habe sie mitbekommen, dass ihr Großvater dem NS-Regime angehörte. „‚Mein Vater und sein Bruder Klaus kamen bei Familienfeiern immer wieder aufs Thema Martin Luther. Klaus sagte: Natürlich hat er es gewusst. Mein Vater hielt dagegen. Und ich ging immer schnell raus, auch später als Erwachsene. Das hat meinen Vater sehr verärgert.‘“

Seine Familie kann sich keiner aussuchen. Und wer solche Familiengeschichte in teils harter, aber eben auch teils heiterer Weise lesen möchte, der greife zu dem sehr gut gemachten Roman „Flut und Boden“. Es wird dort nicht einfach nur gejammert oder betroffen geglotzt, sondern vielschichtig erzählt, und es kommt dabei auch zum Tragen, daß Geschichte Arbeit ist: Faktenwissen sich anzueignen, in die Archive zu steigen, Zusammenhänge lesen und begreifen zu lernen. Ulrike Luthers Geschichte zumindest läßt den Leser traurig zurück. Es gibt Verhängnisse, die sich nicht so einfach auflösen lassen. Und auch dieses gilt es auf irgendeine Weise mitzudenken.

51 Gedanken zu „20. Januar – Wannsee

  1. Ich empfehle Wachsmanns großes KL-Buch,sowie Rosemans Wannsee-Buch um das Reden von der großen Effizienz, Rationalismus und Bürokratisierung dieses Mordes und dieses „Plans“ als eine Chimäre zu begreifen (wobei man sich fragt, wer das so eigentlich in die Welt brachte…Eichmann?), was dieses Verbrechen in keister Weise weniger schrecklich und singulär macht.

  2. Das ist leider keine Chimäre. Diese Konferenz war nun beleibe kein netter Kaffeeplausch, um sich nach langen Jahren einmal wiederzusehen und um darüber zu ratschen, was man dem Führer zum Geburtstag schenken könnte. Sondern vielmehr ging es, wenn man dem Eichmann-Protokoll folgt, um die effiziente Organisation des Judenmordes. Richtig ist, daß diese Konferenz ein Mosaikstein auf diesem Weg war, es wurde dort nicht der Entschluß zur Ermordung der Juden gefaßt. Dieser stand lange vorher fest. Peter Longrich schreibt in seinem 2016 erschienenem Buch: „Wannseekonferenz. Der Weg zur „Endlösung“

    „Man kam in der von der SS als Gästehaus übernommenen Villa zusammen, um über die »Endlösung der Judenfrage« zu beraten. Man sollte, so dokumentiert es das erhaltene Protokoll, über die präzise Festlegung des betroffenen Personenkreises sprechen sowie darüber, insgesamt elf Millionen Menschen zu deportieren, sie härtester Zwangsarbeit auszusetzen und die Überlebenden sowie die Nichtarbeitsfähigen auf andere Weise ums Leben zu bringen. Im Anschluss an die Besprechung war ein Frühstück vorgesehen.

    Fünfzehn Männer, darunter zehn mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium, unter ihnen wiederum neun Juristen, von denen acht einen Doktortitel führten,1 diskutierten diese Fragen, so ist dem Protokoll zu entnehmen, unter angenehmen äußeren Umständen, in einer geradezu idyllischen Umgebung, in engagierter, sachlicher und sachkundiger Form; sie vertraten in Detailfragen durchaus unterschiedliche Standpunkte, ohne dass auch nur einer das Gesamtprojekt, den Mord an elf Millionen Juden, infrage stellte.

    Das Protokoll der Wannseekonferenz gilt heute somit als Synonym für den kaltblütigen, bürokratisch organisierten und arbeitsteiligen Massenmord an den europäischen Juden, als ein kaum begreifbares Dokument, in dem festgehalten wurde, wie der ideologisch geprägte Vernichtungswahn des NS-Systems auf Anordnung der höchsten Autorität dieses Regimes in staatliches Handeln überführt und gnadenlos exekutiert wurde. »In keinem anderen Dokument«, so der Historiker Wolfgang Scheffler in seiner Rede zur Eröffnung des Hauses der Wannsee-Konferenz im Jahr 1992, wurde »die Gesamtvorstellung zur Vernichtung der europäischen Juden deutlicher dargestellt«“

  3. Und auch bei der Durchsicht des Protokolls würde ich von einer Effizienzsteigerung und einer konzertierten Aktion sprechen, um die Organisationsabläufe zu optimieren, insbesondere auch im Blick auf ganz Europa und die eroberten Gebiete und zudem im Hinblick darauf, wer in Zweifelsfällen als Jude zu gelten habe. Bei den Teilnehmern handelt es sich um hochrangige Vertreter des NS-Staates. Die Endlösung freilich wurde nicht auf dieser Konferenz beschlossen, auch gab es bereits seit 1940 systematische Morde an Juden. Mitt Gas wurde in Auschwitz 1941 bereits ermordet. Die Deportationen jedoch fingen Ende 1941 an, und da gab es eine Notwendigkeit, mit Effizienz und effektiv diese „Dinge“ zu organisieren und zu bewerkstelligen, um es in dieser verdinglichten Sprache zu belassen.

    Zur Organisation der Morde heißt es u.a. im Protokoll:

    „Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist. (Siehe die Erfahrung der Geschichte.)
    Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa vom Westen nach Osten durchgekämmt. Das Reichsgebiet einschließlich Protektorat Böhmen und Mähren wird, allein schon allein aus Günden der Wohnungsfrage und sonstigen sozial-politischen Notwendigkeiten, vorweggenommen werden müssen.
    Die evakuierten Juden werden zunächst Zug um Zug in sogenannte Durchgangsghettos verbracht, um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu werden.
    […]
    Abschließend wurden die verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten besprochen, wobei sowohl seitens des Gauleiters Dr .Meyer als auch seitens des Staatssekretärs Dr. Bühler der Standpunkt vertreten wurde, gewisse vorbereitende Arbeiten im Zuge der Endlösung gleich in den betreffenden Gebieten selbst durchzuführen, wobei jedoch eine Beunruhigung der Bevölkerung vermieden werden müsse.“

    Klicke, um auf protokoll-januar1942_barrierefrei.pdf zuzugreifen

    Wieweit die Aussagen in dem sogenannten „historischen Spielfim „Die Wannseekonferenz“ authentisch sind, muß man wohl Historiker befragen. Auch die dort getätigten Aussagen zur Funktion von Gas als effizientem Mittel, weisen mir in eine solche Richtung der Effektivitätssteigerung.

    https://www.zdf.de/filme/die-wannseekonferenz/die-wannseekonferenz-104.html

  4. Leider hat Ihr Beitrag nichts mit dem Thema Wannseekonferenz zu tun. Ich lasse diesen ausgesprochen dummen Beitrag hier aber aus Gründen der Dokumentation stehen.

    Und tun Sie mir bitte noch einen gefallen: Lassen Sie das „Philosophische“ bei Ihrem Blog weg. Was Sie machen, hat mit Philosophie in etwa soviel zu tun wie eine Kläranlage mit einem 1-Sterne-Restaurant. Auch sollten Sie die Produktion von Sinnsprüchen nicht mit Philosophie verwechseln.

  5. @Astradyne
    Wachsmanns Buch scheint in der Tat instruktiv und ich habe da mal kurz hineingelesen. Ich würde seine Ausführungen gar nicht als Gegensatz lesen. Effizienz meint hier: wie mit den Juden umzugehen sei und wie solcher Mord oder die Vernichtung durch Arbeit zu organisieren ist – zumal es nun nicht mehr nur um die Juden in den besetzten Gebieten ging, sondern auch um die Wegschaffung von Juden aus dem Deutschen Reich. Dabei bleibt freilich die Frage, wie solche Wegbringung der Juden zu verstehen ist: als Arbeitseinsatz oder geht es am Ende doch um die Ausrottung? Angesichts der Härte des Umgangs scheint mir letzteres plausibler, zumal kein Führerbefehl oder sonst ein Dokument existiert, das genaue Anweisungen gibt. Begriffe wie Endlösung sind zwar einerseits nebulös gehalten und nennen die Sache nicht direkt, sondern lediglich indirekt beim Namen, wie vorzugehen ist. Wachsmann schreibt:

    „Am 20. Januar 1942 fand im grünen Berliner Vorort Wannsee eine wichtige Konferenz statt. Zur Mittagszeit versammelte sich dort eine Gruppe höherer Parteifunktionäre und Regierungsbeamten, um die »Endlösung« zu koordinieren, unter der Leitung des RSHA. Den Vorsitz führte Reinhard Heydrich, der die allgemeine Richtung umriss. Einige Aspekte waren noch offen, aber das Gesamtziel war nun klar: Europäische Juden sollten im besetzten Osten konzentriert und dort ermordet werden, entweder sofort oder indem man sie sich zu Tode arbeiten ließ. Das Konzept der »Vernichtung durch Arbeit« war ein wichtiges Element dieser Planungen. Wie Heydrich es in Wannsee ausdrückte – laut dem Besprechungsprotokoll, geführt von Eichmann, dem RSHA-Referenten, der die Deportationen aus West- und Zentraleuropa leitete –, sollten im Osten große Arbeitskolonnen für den Straßenbau gebildet werden, »wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird«.21 Obwohl die Einzelheiten vage blieben, gab es in diesen Völkermordplanungen offensichtlich keinen Platz für die Konzentrationslager, weder als Vernichtungszentren noch als Drehkreuze für tödliche Arbeit. Die KL standen am Wannsee auf jeden Fall nicht auf der Tagesordnung, und kein Vertreter des Konzentrationslagersystems war zu dem Treffen eingeladen worden.

    Nur Tage nach der Wannsee-Konferenz allerdings schlug die SS-Führung einen anderen Ton an. Der Auslöser war anscheinend ihre schließliche Einsicht, dass man die grandiosen Siedlungspläne im Osten niemals mit sowjetischen Kriegsgefangenen würde umsetzen können; zu wenige waren in den KL angekommen, und zu viele von diesen waren inzwischen bereits tot.22 Die SS suchte nun nach Ersatz und fand ihn bald: Statt sowjetischer Soldaten würden Juden die gigantischen Siedlungen errichten. Am 26. Januar 1942, nur sechs Tage nach der Wannsee-Konferenz, schickte Himmler Glücks ein Fernschreiben, in dem er die Richtungsänderung umriss. Da man in naher Zukunft keine weiteren sowjetischen Kriegsgefangenen mehr erwarten könne, erklärte Himmler, habe er beschlossen, eine große Zahl von Juden in die KL zu schicken: »Richten Sie sich darauf ein, in den nächsten 4 Wochen 100000 männliche Juden und bis zu 50000 Jüdinnen in die KL aufzunehmen.«“

    Für zentral halte ich auch diesen Aspekt von Peter Klein, Die Wannsee-Konferenz (Reprint), in: Zeitgeschichte-online, Januar 2012, https://zeitgeschichte-online.de/geschichtskultur/die-wannsee-konferenz-reprint

    Insgesamt eine luzide und gute Darstellung von der Bedeutung der Wannseekonferenz. Daß dort nicht die Endlösung der Judenfrage beschlossen wurde, zeigt schon das Personal an, das zwar hochrangig war, aber nicht zur Führung des Dritten Reiches gehörte, wie auch Klein schreibt.

    „Obwohl im Verlauf der folgenden Jahrzehnte für die Geschichtsforschung immer deutlicher wurde, dass diese kurze Tagung eher eine Informations- und Koordinierungsfunktion gehabt haben musste, hielt sich das Bild von der Entschlusskonferenz in der Öffentlichkeit mit erstaunlicher Zähigkeit. Wahrscheinlich kommt diese Fehleinschätzung dem Bedürfnis entgegen, die Ungeheuerlichkeit des Massenverbrechens mit einem konkreten Beschlussdatum und einer namentlich benennbaren Runde hochrangiger Entscheidungsträger zu verknüpfen. Es ist die Absicht dieses Beitrags, den Zweck der Konferenz im Lichte der neueren Forschung in aller Kürze zu beschreiben.
    […]
    Da die Definition, Registrierung und finanzielle Ausbeutung der Opfer, ihre Einsammlung, Verschleppung und Einquartierung ein hochgradig arbeitsteilig organisierter Prozess war, hatte es anlässlich der ersten Deportationen eine Fülle von Unstimmigkeiten an den Abfahrts- und Zielorten gegeben, die sich aus der Sicht der Täter als Behinderungen bei der Durchführung des Vorhabens darstellten, alle in Europa lebenden Juden zu verschleppen. So waren entgegen der ursprünglich an die Gestapostellen gegebenen „Richtlinien für die Evakuierung“ aus einigen Orten Juden „evakuiert“ worden, die zunächst gar nicht deportiert werden sollten. Es waren dies Juden über 65 Jahren, Träger von Kriegsauszeichnungen, Schwerkriegsbeschädigte, so genannte „Mischlinge“ oder Partner in „Mischehen“. Darüber hinaus wurden in Einzelfällen jüdische Zwangsarbeiter in Rüstungsbetrieben zur „Evakuierung“ aufgerufen, was Arbeitsämter, Rüstungsinspektionen und die Unternehmen selbst nicht zulassen wollten. Solcherlei Beschwerden und Proteste gelangten über die regionalen Gestapostellen immer wieder an Gestapochef Heinrich Müller und an dessen Fachreferenten Adolf Eichmann im Berliner RSHA.“

    Wenn man die weiteren Ausführungen verfolgt, nämlich die Fragen nach den Möglichkeiten, schnell viele Menschen umzubringen, angefangen bei den Gaswagen und den Erschießungen, dann stellt sich jedoch sehr schnell die Frage nach der Effizienz. Man kann 10.000ende Menschen erschießen und das geschah etwa in Babyn Jar, aber das macht zugleich Probleme. Bei den Erschießungen etwa in Polen suppte die Erde irgendwann hoch und die Leichen traten wieder hervor.

  6. Das die Konferenz ein netter Kaffeeplausch war habe ich nie behauptet, nicht mal angedeutet, weswegen ich das als Anfang einer Gegenargumentation reichlich unsouverän und geradezu billig finde, weil’s eben doch etwas suggeriert, was einfach null zur Debatte stand.
    Sei’s drum, ich bleibe bei meinen Buchempfehlungen, da die beiden Autoren das viel besser vorbringen als ich es hier könnte, kann jeder selbst nachlesen und sich sein Schlüsse ziehen.

  7. @Astradyne: Ich sprach vom Kaffeeplausch, um zu zeigen, daß es sich hierbei eben nicht um irgendein belangloses Treffen handelt, sondern daß es hier um die Verbesserung und um Effizienz ging. Warum wohl treffen sich hochrangige Funktionäre des NS-Staates? Was wollen die an solch einem Ort? Diese Frage hättest Du Dir auch selber stellen können. Und dann käme man auch auf die Idee, daß es da um Lösungen ging. Und das ist i.d.R. Effizienz. Insofern habe ich Deinen Einwand leider nicht ganz verstanden und was dieser Hinweis sollte. Das „Reden von der großen Effizienz, Rationalismus und Bürokratisierung dieses Mordes und dieses „Plans““ ist eben keine Chimäre. Diese Menschen haben sich da nicht zum Spaß getroffen, denen ging es darum, dieses Morden zu organisieren. Und genau das ist eben: Effizenz. Weil die bishierigen Methoden nicht ausreichten, um das Morden zu organisieren. Schon gar nicht von 11 Millionen Juden.

  8. Höchst diskutierenswert und nach wie vor höchst aktuelle finde ich nach wie vor den Ansatz von Susanne Heim und Götz Aly, also die „Ökonomie der Endlösung“ und die insgesamt im Rahmen des Vernichtungskriegs betriebene Vernichtung „überflüssiger Esser“ als principium movens einer eugenisch gedachten Bevölkerungspolitik, die als Basis der NS-Ökonomie angesehen wurde.

  9. Als Teil davon die „Endlösung“ als Fortsetzung der Fabrikarbeit im Sinne der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochen.

    Und dies höchst rational gedacht als Basis einer Vernutzung und Inwertsetzung der Vernichtung unerwünschter Menschengruppen als Wertschpfungs- und Akkumulationsprozess,.

  10. Na ja, ich sehe da beide Seiten. Der eklatante Antisemitismus, der bei Teilen des NS-Regimes am Ende auf die Vernichtung der Juden hinauslaufen sollte, ist schon auch ein Teil davon. Es ging eben nicht nur um die Ausbeutung ökonomischer Ressourcen, auch wenn dies, was Haare, Schuhe, Zahngold und Wohnungseigentum betrifft, ein Aspekt war: rausholen, was rauszuholen ist. Einen Aspekt, den Aly in der ZDF-Doku nannte, fand ich aber sehr interessant: Daß dieser Massenmord in diesem organisierten Ausmaß direkt nach dem Eintritt der USA in den Krieg bzw. der deutschen Kriegserklärung an die USA stattfand. Und zwar in dem Sinne von: nun seid ihr, Deutsches Volk, Mitwisser eines derart schrecklichen Verbrechens und nun gibt es kein Zurück mehr und es geht nur der Kampf bis zum Endsieg, denn die Rache der Sieger für diese Verbrechen wird furchtbar sein. Es gab nur noch Siegen oder Vernichtetwerden. Was freilich auch wieder gegen diese These spricht: ein Großteil der Vernichtung fand bereits vor dem Eintritt Deutschlands in den Krieg mit den USA statt. Und mit der Eroberung weiterer Ostgebiete stellte sich die Frage, wie mit den Juden außerhalb und dann auch innerhalb des Reiches umgehen? Was wiederum für Alys These spricht: die ersten Deportationen fanden erst Ende 1941 in Deutschland selbst statt. Allerdings auch erst im November.

    Was ansonsten die Ökonomie-These betrifft, so kommt da immer auch jener sich zunehmend einstellende eliminatorische Antisemitismus mit hinzu. Spätestens in den Ostgebieten. Und es wurde eben nicht nur das Prinzip Tod durch Verhungernlassen betrieben, wie dies noch Stalin in der Ukraine tat.

  11. Das gezielte Verhungernlassen im Sinne einer gewollten Vernichtung überflüssiger Esser wie die Nazis es betrieben ist auch etwas grundsätzlich anderes als „General Hunger“ bei Stalin. Auch der Begriff Antisemitismus markiert in diesem Zusammenhang die Spitze des Eisbergs. Denn das Ganze war ja Teil eines bevölkerungsbiologischen, negativ-eugenischen Konzepts, bei dem nach und nach auch große Teile der slawischen Bevölkerungen Osteuropas ausgerottet und durch „Hochzüchtung“ einer idealtypischen „nordischen Rasse“ ersetzt werden sollten. Ich kann nur empfehlen, hierzu Rösler/Schleiermacher „Generalplan Ost“ , Heim/Aly „Ökonomie der Endlösung“ und „Sozialplanung und Völkermord“ sowie meine eigene Dissertation zu lesen, wenn Du zu so etwas wieder Zeit hast.

  12. Übrigens war Aktion T4 die Generalprobe und zugleich Blaupause für das Ganze gewesen. Der „erbungesunde“ Teil der als arisch-deutsch angesehenen Bevölkerung sollte eben auch eliminiert werden.

  13. Stalins systematische Ausrottung der Bevölkerung in der Ukraine war nicht nur General Hunger. Dieses Verbrechen (etwa sieben Millionen Menschen) ging als Holodomor in die Geschichte ein. Systematischer Völkermord, asiatische Tat und die Deutschen sollten dieses Grauen noch steigern und auch Mao, der bis in die 1980er Jahre in der Linken Verehrung fand, gehört ebenfalls in diese Linie.

    Die Vernichtung der deutschen Juden hat nicht einfach ökonomische Motive – im Gegenteil war das ökonomisch völlig widersinnig und dumm, brauchbare Kräfte für Fabriken und Militär mitten aus der Bevölkerung und dazu noch im Krieg, wo jede Hand gebraucht wurde, herauszuholen: das rassische Denken war hier wesentlich mit dem Antisemitismus amalgamiert. Es war ganz wesentlich dieser Antisemitismus der Nazis, der das Motiv für die Ausrottung abgab, da liegt Aly leider falsch, wenn er da einzig ökonomische Motive annimmt, solche ökonomische Umdeutung streicht den für die Nazis und insbesondere für Hitler ganz zentralen Antisemitismus aus der Geschichte heraus (in all seinen Reden zu hören und man denke nur an Rosenberg, Streicher etc. pp.), und dieser Antisemitismus der Nazis kam bereits in „Mein Kampf“ ausführlich in die Darstellung. Die Osträume waren eroberte Räume und da waren die Menschen in der Tat zusätzliche Esser. Aber die eigene Bevölkerung, also Deutsche, die nur rein zufällig Juden waren, ist nochmal eine andere Angelegenheit. Alys These ist in der Forschung zudem umstritten. Siehe nur die den Sammelband „Vernichtungspolitik“ (Junius Verlag 1991). Und diese ist ohne den Antisemitismus nicht mitzudenken. Die Shoah läßt sich nicht einfach auf ein ökonomisches Kalkül herunterbrechen. Es war nicht einfach nur ein ökonmisches Kalkül vermischt mit rassischem Denken, sondern dieser Antisemitismus, wo aus der Mitte des eigenen Volkes Menschen herausgeholt und umgebracht wurden, die man nebenbei auch gut in der Kriegsproduktion einsetzen hätte können, was wesentlich ökonomischer wäre, als sie in dei Gaskammern zu stecken und systematisch zu deportieren, war zentraler Bestandteil und Kalkül dieses rassischen Denkens der Nazis gewesen. Was ja nicht ausschließt, daß auch andere in den Augen der Nazis „minderwertige“ Menschen wie Zigeuner, Slawen, Behinderte und selbst unliebsame religiöse Gruppen wie die Zeugen Jehovas Opfer dieser Vernichtungspolitik wurden. Das Ökonomische ist ein Aspekt von vielen. Und dieser Aspekt des Antisemitismus fehlt mir leider in Deiner Darstellung.

  14. Und diese Form des Antisemitismus, aus der Mitte der Gesellschaft und mitten aus der Gesellschaft heraus, unterscheidet auch das kolonialistisch-rassische Denken von der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus – was nicht heißt, daß man nicht Bezüge herstellen kann, etwa über den Begriff des Rassismus – der Antisemitismus ist eben eine Spezialform desselben. Insofern führt, wie das heute enige Historiker gerne relativiern wollen, kein Weg von Namibia nach Auschwitz. Solche Kausalität unterschlägt das Spezifische dieses Verbrechens, wie das schon Nolte damals im ersten Historikerstreit tat. Heute geschieht diese Relativierung von links.

  15. @ „Übrigens war Aktion T4 …“ Genau, es ging um Eliminierung. Einmal aus erbgesundheitlichen und ein andermal aus rassistisch-antisemitischen Gründen – siehe dazu auch die Antijudenpropaganda -, um solches „Rasse- und Volksfremde“ auszurotten, damit es sich nicht vermehre. Die Geburtenpoliitk der Juden war ja auch, wenn ich mich recht erinnere, Thema in Hitlers „Mein Kampf“.

  16. Richtig ist, denke ich, bei Aly dieses Versorgungsmotiv, was eine große Rolle spielte und den Leuten die Augen verkleisterte. Deutschland funktionierte wieder und da nahm man auch in Kauf, daß da ein paar Leute (freche Juden eben, die viele eh nicht mochten), zunächst mal getriezt und ein wenig „zurechtgestutzt“ wurden. Und es ging vielen auch deutlich besser als noch 1930. Dazu ein aufstrebendes Deutsches Reich. Das faszinierte. Daß diese Dinge dann auch bezahlt werden mußten, das mag einen Großteil der Motivation für den Krieg und den Raubzug durch Europa abgegeben haben. Hinzu kam der Lebensraum im Osten, die völischen Sieder sozusagen und die Kornkammern im Osten. Da würde ich ebenfalls ökonomische Motive sehen.

  17. @“Die Vernichtung der deutschen Juden hat nicht einfach ökonomische Motive – im Gegenteil war das ökonomisch völlig widersinnig und dumm, brauchbare Kräfte für Fabriken und Militär mitten aus der Bevölkerung und dazu noch im Krieg, wo jede Hand gebraucht wurde, herauszuholen: das rassische Denken war hier wesentlich mit dem Antisemitismus amalgamiert.“ —– Das bestreite ich ja überhaupt nicht. Aber der Antisemitismus war Bestandteil eines komplexen hierachisch-biologistischen Rassenwahns, in dem außer den Juden noch weitere ethnische und soziale Gruppen vernichtet werden sollten, Sinti und Roma, Jenische, Behinderte und psychisch Kranke, Schwule und Lesben und auch die slawische polnische, belarussische und ukrainische Bevölkerung, stufenweise hintereinander.

  18. Das Ganze hatte den Charakter einer geplanten Neuzusammensetzung der gesamten Bevölkerung Osteuropas nach utopisch-eugenischen Gesichtspunkten.

  19. Ich würde diese Ausführungen ein wenig anders justieren: Nicht der Antisemitismus war „Bestandteil“, sondern im Rahmen dieses Antisemitismus wurden auch andere Gruppen umgebracht. Rassismus war dort die große Klammer, die im Falle Deutschlands durch den Antisemitismus gehalten wurde. Hitler schrieb keine „Zigeunerabhandlungen“, Hitler, Goebels, Rosenberg, Streicher mit seinem „Stürmer“, Himmler und die ganze NS-Führungsriege adressierten all ihre Reden immer wieder an die Juden. Schon in „Mein Kampf“ bildet die Judenfrage einen gewichtiges Kapitel. Zentral auch Hitlers Rede von 1939 und seine „Prophezeiung“:

    „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

    Dieses Denken war nicht einfach nur rassistisch – das waren Teile der USA auch, siehe die Sklaverei der Südstaaten und ihre Jim-Crow-Gesetze, trotzdem mündete dieser Rassismus (bei aller Gewalt und bei allen Lynchmorden) nicht in einen derartigen – organisierten und industriellen! – Völkermord, und auch die Vernichtung der Indianer steht in einem ganz anderen Kontext: es würde keine Washington-Konferenz abgehalten, um die bessere Organisation des Indianermordens zu organisieren. Und bei den Indianermorden würde ich nicht einmal von Rassismus sprechen, sondern diese waren bei der großen Landnahme ganz einfach im Weg und hatten nicht die Mittel, sich zu wehren. Hinzu kamen und pseudorationalisiert wurde das dann mit rassistischen Motiven. Was ich bei Aly/Hein problematisch sehe (bzw. in der Interpretation und Auslegung dieses Ansatzes, den beiden Autoren würde ich es nicht unbedingt unterstellen) ist die umstandlose Einreihung dieser Verbrechen in ein eher Allgemeines, das auch Sklaverei und Kolonialismus irgendwie mitumfaßt oder wie es Ulrich Herbert kritisiert, daß die Shoah irgendwie auch nur eingereiht wird in eine „imperialistische Vernichtungspolitik“. Diesen Nexus gibt es ohne Frage, und auch der Rassismus gehört in diese Struktur. Nur eben: mit dieser neuen Quantität der Duchfühung und der Fokussierung insbesondere auf die Juden erhält dieses Geschehen eine neue Qualität. Die Klammer dieses Mordens war nicht Rassismus, sondern ein expliziter und immer wieder geäußerter Antisemitismus. Und dieser wurde, das ist eben das Neue, bis zur äußersten Konsequenz getrieben und die Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben wurde auch gar nicht groß geheim gehalten, sondern öffentlich ab 1933 praktiziert. Anders als in jedem anderen Land dieser Zeit. In denen es beileibe genügend Antisemitismus ebenfalls gab.

    Diese Art des Rassismus im Nationalsozialismus unterscheidet sich erheblich von anderen Rassismen in Europa. Und auch vom Rassismus des Kolonialismus. Davon abgesehen konnte dieser sich zunehmend in strukturelle Ausgrenzung manifestierende Antisemitismus an das uralte Motiv der Judenfeindschaft und damit den religiös begründeten Antijudaismus anknüpfen, der großen Teile der Bevölkerung noch im Kopfe saß. Daß daran auch rassische Diskurse perfekt andocken konnten, ist nur konsequent und daß biologischer Rassismus, der diesem Antisemitismus dann ein „wissenschaftliches“ Gesicht gab, und damit vor allem der Antisemitismus sich in diesen Figuren einer Überlegenheit bestimmter Rassen – deshalb auch Hitlers Ungleichbehandlung der unterschiedlichen überfallenen Länder – niederschlugen, ebenfalls. Dennoch ist dieser Antisemitismus nicht einfach nur ein Bestandteil, sondern zentrale Figur. Was man im übrigen auch an dem ganz anders gearteten italienischen Faschismus und auch dem spanischen sieht. Während nach der deutschen Machtübernahme sofort antisemitische gegen Juden gerichtete Aktionen stattfanden, gab es bei der Machtergreifung der Faschisten in Italien keine nennenswerten Aktion gegen Juden.

    Der Feind in Deutschland jedoch war ein ganz konkreter: Das zeigte sich in den ersten antisemitischen Ausschreitungen 1933, das zeigte sich in den Nürnberger Rassegesetzen und dem immer stärker hervortretenden Ausschluß der Juden aus dem öffentlichen Leben, bis hin zur Pogromnacht 1938 und dem Tragen von Judensternen in der Öffentlichkeit. Keine andere Gruppe war stärker und öffentlicher Betroffen als Juden. Die Eliminierung von Asozialen, von Zigeunern, Schwulen, Christen, Sozialdemokraten und Kommunisten war niemals ein zentraler auch öffentlich kommunizierter Programmpunkt. So Goebels 1938 nach der Pogromnacht: „Lange beim Frühstück palavert. Über Judenfrage. Der Führer will die Juden ganz aus Deutschland herausdrängen. Nach Madagaskar oder so. Richtig!“ Es ist also vielmehr so, daß dieser Rassismus wesentlich in einem tief angelegten Antisemitismus des Hitler-Regimes gründete.

    Wie sehr im übrigen die ersten Deportationen aus Deutschland Ende 1941 den ökonomisch-militärischen Komplex störten, zeigt sich an den Protesten der Wehrmacht, die Judendeportationen sofort einzustellen. Das klingt zunächst ganz nett, war es aber nicht. Die Juden waren der Wehrmacht egal. Es ging lediglich darum, daß für die Eroberung Moskaus nicht mehr genügend Nachschubtransporte an die Ostfront durchdrangen.

    Richtig ist in diesem ganzen Kontext allerdings, die Vernichtung der deutschen und der europäischen Juden, vor allem die in den Ostgebieten, wo das systematische Morden seinen Anfang nahm in den Kontext des Krieges und insbesondere den im Osten zu stellen. Und da kommen dann auch ökonomische Motive und Fragen der Raumplanung mit hinzu.

    Allerdings hat es dann auch wieder gute Gründe, daß Adorno und Horkheimer ihre Kritik der instrumentellen und auch imperialen Vernunft gerade nicht mit Kritik der politischen Ökonomie abschließen, sondern mit den „Elementen des Antisemitismus“ – zwar sind sie keine Historiker, aber sie haben hier eine gute und sinnvolle Intuition getroffen. Und in diesen Antisemitismus eben fügt sich auch jener Rassismus, der an dieses uralte Narrativ andockte und der damit, vermischt mit einem krude-biologischen Rassedenken, auch eine „wissenschaftliche“ Grundlage fand, Juden auszugrenzen und dann auch auszurotten.

    Daß dieses Morden dann den „Charakter einer geplanten Neuzusammensetzung der gesamten Bevölkerung Osteuropas nach utopisch-eugenischen Gesichtspunkten“ hatte, steht dazu in keinem Widerspruch. Die sehe ich ähnlich.

  20. Ich gewichte das noch einmal anders. Da kamen zwei Gedankengebäude zusammen, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun hatten. Zum Einen der paranoide Weltverschwörungsantisemitismus der Nazis, zum Anderen die Rassenhygiene eines bestimmten Teils der damaligen Anthropologie/Humanbiologie. Letztere vertrat einen systematischen hierarchisierten Rassismus in sozialdarwinistischen Traditionen mit eugenischen Zielen der Höherzüchtung der Menschheit nach dem Ideal der „nordischen Rasse“ und der Eliminierung von „Keimvergiftungen“ wie „Tötung erbkranken Nachwuchses“ oder „lebensunwerten Lebens“, worunter durchaus auch „Asoziale“ (Vagabunden und Bettler, Drogenabhängige, kriminelle Wiederholungs- und Intgensivtäter, Lesben und Schwule) gezählt wurden. Der Antisemitismus gehörtec
    da eigentlich nur so halb hinein und wurde von den Rassenhygienikern aufgrund der Interessenparallelität mit den Nazis sozusagen populitisch-opportunistisch mit aufgenommen („Ausmerze der Juden, obwohl Juden nicht insgesamt minderwertig seien, wie etwa Neger“ Eugen Fischer). Ab dem Überfall auf die Sowjetunion fiel beides zusammen, und die KZs wurden zum Labor der Rassenhygiene.

    Dass, nachdem man mit den Juden fertig war, andere, ich sag mal Völkerschaften, in die Vernichtungslager folgen sollten war beschlossene Sache. Die Shoah war Teil eines noch viel größer angelegten Völkermordprogramms, das nicht mehr zur Anwendung kam.

  21. Wie gesagt: Die Klammer ist der Antisemtismus und deshalb eben führt da aufgrund dieses Umschlags von Quantität in eine neue Qualität auch kein direkter Weg von Namibia nach Ausschwitz, wie das inzwischen im zweiten Historikerstreit solche Leute wie Dirk Moses annehmen – einer dieser ganz schlimmen Artikel dazu – fast könnte sowas auch von Kubitschek, Sellner und Lichtmesz kommen – stammt von ihm und wurde in „Geschichte der Gegenwart“ veröffentlicht: „Der Katechismus der Deutschen“.

    Daß solche Systeme mit dem Morden nie fertig werden, scheint mir eher in einer generellen Struktur dieser Diktatur gegründet zu sein, wie schon bei Mao und Stalin: es braucht immer einen neuen Feind, um den Druck im Kessel zu halten. Ist der eine Gegner weg, wird ein neuer kommen und man sieht dann z.B. das jüdische Element in bestimmten Ausprägungen von Intellekuellen. Der Phantasie sind da, so steht zu vermuten, keine Grenzen gesetzt.

    „Ausmerze der Juden, obwohl Juden nicht insgesamt minderwertig seien, wie etwa Neger“. Ganz genau. Und gerade deshalb ist dieser Antisemitismus die Klammer und widerspricht auch dem rein ökonomischen Kalkül. Juden in zentralen Stellen von Verwaltung und Heer zu belassen, hätte einen weitaus größeren ökonomischen Nutzen als sie umzubringen. Zumal diese Leute hochgradig gut ausgebildet waren, was ein entscheidender ökonomischer Faktor ist, der sehr viel höher wiegt als das bißchen Besitz und die paar Wertgegenstände oder die kurzfristigen Gelder, die die Juden für ihre Ausreise entrichten mußten. Auch hier wieder: es überwog der Antisemitismus und nicht das rationale Kalkül. Selbst dort, wo man mit dem normalen Rassendenken von minderwertigen Völkern nicht mehr weiterkommt: nämlich bei „normalen“ europäsichen Menschen in der Mitte der Gesellschaft, die eben nur durch einen Zufall religiös dem Judentum angehörten.

    Hitler und alle Propaganda waren nicht primär auf die Slawen oder auf alles das, was anders war abgestellt, sondern explizit auf die Juden, und dies zeigte man der Bevölkerung auch vom ersten Tag an. All die Aktionen im Deutschen Reich richteten sich ganz offen gegen die Juden. Was gerade deshalb so besonders perfide war, weil sie integraler Bestandteil der Gesellschaft waren. Und daran ändert sich auch nichts, wenn nach deren Ermordung weitere Teile der Menschheit dieser Vernichtung anheimfielen. Aufgabe erledigt. Sicherlich wären nach den Juden die Slawen, dann vermutlich die Orientalen überhaupt und andere nicht Genehme darangekommen. So wie das eben ist, wenn eine zentrale Aufgabe erfüllt ist: nämlich die Vernichtung des europäischen Judentums wie Hitler es mehrfach unmißverständlich formulierte. Der Antisemitismus darin ist nicht irgendein Zufall, der unter den allgemeinen Begriff Rassismus fällt, sondern zentrale Stelle in diesem System.

  22. Eine weiterer Aspekt ist nochmal die Heterogenität der NS-Führung und teils unterschiedliche Denkansätze. Selbst zwischen Nazis wie Goebels und Göring, zwischen Himmler und Heydrich und auf der Ebene der Ideologie zwischen Rosenberg und Alfred Baeumler gab es erhebliche Differenzen. Eine Rivaliät wiederum, die Hitler, um den sich dieses System zentrierte, sich im Sinne des „Herrsche und teile“ zunutze machte., Was sie einte, war eben genau jener Antisemitismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen, teils als „wissenschaftliche“ Rassenlehre von der Reinheit der nordischen Rasse, teils als weltanschaulicher Antisemitismus, der auch solche Personen erfaßte, die nicht strikt in diese Rassenlehre hineingehörten und die nur durch jenen Zufall der Religionszugehörigkeit betroffen waren. Gerade das zeigt, daß diese Rassenlehre spezifisch auf jenen Antisemtismus hin zugeschnitten wurde.

  23. Ich kann Dir da nur empfehlen mal Literatur zur Ideengeschichte der Rassenhygiene, u.a. mich, zu lesen. Die Rassenhygiene hat sich erst spät mit dem Antisemitismus verbunden und war lange Zeit eher mit Huxleyschen Zuchtutopien zur Menschenverbesserung verbunde, aber im Gegensatz zur angelsächsischen Eugenik mit nordischem Rassemythos verbunden. In Aktion T4, Shoah und Porajmos fiel das dan eineins.

    Und es ist auch ein Frage wie wir den Begriff Antisemitismus definieren. Wenn darunter die Ausrottung von Menschen fällt, die mit Juden überhaupt nichts zu tun haben, Adorno in „Elemente des Antisemitismus“ aber schreibt: „Der Jude ist austauschbar. Er könnte auch ein Vagabund oder Katholik sein.“ öffnen sich rein definitorisch weite Perspektiven.

  24. Der Begriff „Ökonomie der Endlösung“ sagt ja auch nicht aus, dass das Ganze in einem makroökonomischen Kontext Sinn gemacht habe, so wie Keynesianismus oder Austerität jeweils volkswirtschaftliche Lösungskonzepte darstellten, sondern nur, dass es nach ökonomischen Prinzipien, denen der kapitalistischen Fabrik als Organisationsform, organisiert war, nach Sinnhaftigkeit wird nicht gefragt. All die Gefangenen bei ausreichender Ernährung für kriegswichtige Produktion einzusetzen, klar wäre das „vernünftiger“ gewesen. Eichmann hatte vor der Wannseekonferenz seine eigenen Pläne sog. „Judenreservate“ im südöstlichen Teil des vor dem Überfall auf die Sowjetunion besetzten Polens, KZ mit zermürbender Zwangsarbeit statt Vernichtung durch Arbeit, konnte sich aber allein schon deswegen nicht durchsetzen, weil die Transportkapazitäten zu dem Zeitpunkt für den Vormarsch in der Sowjetunion gebraucht wurden. Da ging sehr vieles quer durcheinander, da das Regime zwar toralitär, aber doch zugleich eine Polykratie war.

  25. Wenn noch Alfred Ploetz, der erstmals die eugenisch-sozialdarwinistische Rassenhygiene mit dem Mythos der Nordischen Rasse amalgamiert hatte schrieb: „Der ganze Antisemitismus ist ein Schlag ins Wasser“, so zeigt sich, dass sehr ambivalente Ideologien in das Mordprogramm mündeten. Sauber ideengeschichtlich aufgearbeitet ist das alles nicht.

  26. „Die Rassenhygiene hat sich erst spät mit dem Antisemitismus verbunden und war lange Zeit eher mit Huxleyschen Zuchtutopien zur Menschenverbesserung verbunde …“

    Ja, das ist alles richtig, und das wird ja auch von mir nicht bestritten. Diese Entwicklungen und eine unheilvolle Instrumentalisierung der Biologie würde ich auch, soweit ich das Feld überblicke, annehmen. Mein Punkt ist ein anderer.

    Du versuchst, so scheint es mir hier, den Begriff des Antisemitismus zu entschärfen, um einen eher allgemeinen Rassismusbegriff als Erklärung für die Shoah in Anschlag zu bringen. Das halte ich für zu kurz gesprungen und als einen nicht zureichenden Ansatz zur Erklärung – gerade auch im Blick auf Hitler als zentraler Figur dieser NS-Bewegung und dann des Reiches. Denn das unterschlägt am Ende leider die antisemitische Stoßrichtung dieser ganzen Bewegung, die ja in Schriften und in allen Äußerungen evident ist. Dieser Rassebegriff und dieser biologische Rassismus greifen als Erklärung dann zu kurz, sofern sie den daran gekoppelten Antisemitismus nicht zur Kenntnis nehmen oder ihn irgendwie als Beifang annehmen. Erst mittels eines bis zum äußersten gefahrenen Antisemitismus als Narrativ und als Klammer konnte diese Ideologie sich an den Juden selbst vollstrecken. Das Rassische gepaart mit einer falsch verstandenen Biologie ist da ein willkommenes scheinwissenschaftliches Hilfsmittel, um diesem Narrativ nun auch noch einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Das weitaus Ältere und historisch Frühere aber ist der Antisemitismus. Rassebiologisches Denken ist sozusagen das neue und bessere Hilfsmittel, um jenem Antisemitismus nun mit neuen Mitteln auch eine „wissenschaftliche“ Grundlage zu verleihen, indem man sogar noch eine Wissenschaft wie die Biologie ideologisch mißbraucht und unzulässigerweise unterschiedliche Bereiche vermengt. Mittels solcher wissenschaftlichen Kaschierung ist der Antisemitismus nicht bloß Ideologie. Die Hierarchisierung von biologisch höher- und biologisch minderwertigen Rassen lief in Hitlers Mein Kampf aufs Judentum zu. Man kann das sehr gut in dem Aufbau von Mein Kampf sehen. Es kommen eben nicht erst die Kapitel zu den Juden, um dann in einer allgemeinen, biologischen Rassenlehre zu münden, sondern ganz im Gegenteil ist diese Rassenlehre ein Mittel, um dann exzessiv aufs Judentum zuzusteuern: zunächst erfolgen in Mein Kampf krude Ausführungen zur Rasse und zu den angeblich biologisch Höher- oder Minderwertigen, um dann in den Gegensatz vom Arier und vom Juden zu münden: von der „Scheinkultur des Judentums“. Der „jüdische Nachäffer“, „Der Parasit“ bis hin zum Weltjudentum und zu den Protokollen der Weisen von Zion, dem Werdegang des Judentums und den Taktiken des Judentums wird das von Hitler ausgefahren. All dies ist nicht einfach nur unter dem Allgemeinbegriff Rassismus zu fassen, das wäre als Definition zu unspezifisch.

    Der Antisemitismus gehört sicherlich in die Reihe der unterschiedlichen rassistischen und rassischen Narrative. Aber darin erschöpft es sich nicht: seine Ausprägungen in NS-Deutschland und dann ausgebreitet in Europa hat eine derartige Mordmaschine hervorgebracht, die sich nicht einfach nur in den rassebiologischen Modellen erschöpft – selbst in hochgradig rassistischen Gesellschaften wie teils den USA und den Kolonien in Asien und Afrika nicht. Hitlers ganzes Wahngebäude, auch sein Gedanke vom Reich ist zu einem großen Teil von diesen Überlegungen zum Judentum getragen. Und auch sein Handeln dann.

    Und dazu gehören auch die hier von mir gebrachten Äußerungen Hitlers, die sich EXPLIZIT gegen die Juden richten. Und das genau nennen wir Antisemitismus. Hitler spricht da nirgends von biologischen Überlegungen, sondern er fährt forciert antisemitische Narrative. So auch in Mein Kampf. Wenn es primär um die Umsetzung einer Rassenlehre in NS-Deutschland gegangen wäre, dann hätte mit umfangreichen Stammbaumforschungen auch und vor allem die slawischen Bestandteile im Deutschland in den Grenzen von August 1939 ausgesondert und diskriminiert werden müssen. All das geschah aber nicht: Es wurden primär und vor allem auch: demonstrativ die Juden angegangen.

    Und vor allem konnte Hitler hier auf ein Reservoir an Überzeugungen bei großen Teilen der Bevölkerung zurückgreifen. Aber eben lange nicht bei allen und nicht in allen Konsequenzen bis zur letzten Tat. Und so kann man auch das Zitat von Ploetz verstehen, daß der Antisemitismus ein Schlag ins Wasser ist. Die Reichspogromnacht kam bei großen Teilen der Bevölkerung, auch wegen der Brände und Zerstörungen vor allem, nicht sehr gut an. (Ploetz starb 1940, bekam also die volle Wucht dann nicht mehr mit.) Das Narrativ des Antisemitismus zog in weiten Kreisen als eliminatorisches eben doch nicht und daran krankt dann auch Goldhagens Buch, wie zahlreiche Historiker, nicht nur deutsche, sondern auch israelische und US-amerikanische es aufzeigten.

    Adorno beschreibt in seinen „Elementen des Antisemitismus“, die man sehr genau lesen muß einerseits eine Struktur von Denken, was in der Tradition einer instrumentellen Rationalität steht, eben z.B. in dem Kapitel über den Begriff der Aufklärung und in dem über Odysseus, und er beschreibt in diesem Buch andererseits etwas, das sich nun einmal spezifisch und nur an den Juden festmachte. Deshalb eben heißt dieses Kapitel „Struktur des Antisemitismus“ und nicht „Struktur des Rassismus“: es sind die Juden – was nicht ausschließt, daß es auch andere sein können, aber das Modell der Verfolgung ist eben am Juden festzumachen. Dieser Antisemitismus ist die Matrix und die Folie für alle anderen Ausgrenzungen bei Adorno. Der Jude ist für Adorno eben nicht nur irgendein Platzhalter. Sondern es ist der Jude, eben weil er Jude ist und ist genau deshalb ist er zu eliminieren.

    „Der Antisemitismus heute gilt den einen als Schicksalsfrage der Menschheit, den anderen als bloßer Vorwand. Für die Faschisten sind die Juden nicht eine Minorität, sondern die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches; von ihrer Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen. Extrem entgegengesetzt ist die These, die Juden, frei von nationalen oder Rassemerkmalen, bildeten eine Gruppe durch religiöse Meinung und Tradition, durch nichts sonst. Jüdische Kennzeichen bezögen sich auf Ostjuden, jedenfalls bloß auf noch nicht ganz Assimilierte. Beide Doktrinen sind wahr und falsch zugleich.
    Die erste ist wahr in dem Sinn, daß der Faschismus sie wahr gemacht hat. Die Juden sind heute die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert. Sie werden vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt.“

    So beginnt das Kapitel zum Antisemitismus. Darin stehen bei Adorno auch Ansätze, diesen Antisemitismus nicht bloß psychologisch zu klären, sondern eben vor allem gesellschaftlich. Vom Juden aus, eben als Jude und das eben nennen wir Antisemitismus, ist es nur ein kurzer Weg auch zu anderen. Womit wir wieder bei jener allgemeinen instrumentellen Rationalität sind, deren Thema das Buch ja ebenfalls ist: dargestellt an den verschiedenen Katastrophen des 20. Jahrhundert und damit auch einen Teil der linken Ideologien umfassend, die Adorno scharf kritisierte.

    Die Ökonomiethese ist von Ulrich Herbert gut widerlegt worden. Diese Morde machen ökonomisch überhaupt keinen Sinn. Und auch für die weitere Kriegsführung im Osten waren sie nur hinderlich, weil sie ungeheure Organisation und Menschen banden. Stichwort verhinderter Nachschub für die Ostfront. Die Ökonomie bestand aber in der Tat in den ungeheuren Rationalisierungen, wie man eine Vielzahl an Juden auf eine effektive Weise umbringen konnte und da bildete die Fabrik sicherlich eine Folie für solche Effizienz. Das sehe ich ähnlich wie Du. Aber auch dafür wiederum war die Klammer und das Narrativ der Antisemitismus: diese Menschen wurden eben weggebracht, einfach nur weil sie Juden waren. Und es unterschlägt dann auch wieder das Spezifische und Singuläre dieses Massenmordes an den Juden, wenn man das lediglich unter der Rubrik „instrumentelle Rationalität“ faßte. Da ist man dann leider schnell bei solchen Relativierungen oder freundlicher gesagt Relationierungen wie Heidegger 1949 in seiner Bremer Rede:

    „Inzwischen ist jedoch auch die Feldbestellung in das gleiche Be-stellen übergegangen, das die Luft auf Stickstoff, den Boden auf Kohle und Erze stellt, das Erz auf Uran, das Uran auf Atomenergie, diese auf bestellbare Zerstörung. Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“

    Das ist im Sinne einer Grobthese von einer derart unspezifisch gefaßten instrumentellen Vernunft, unter die irgendwie alles und zugleich auch nichts fallen kann, zwar irgendwie richtig, aber dann doch ein wenig zu unspezifisch in der Sache selbst. US-Agrartrusts sind dann doch etwas anderes als Todesfabriken, die Leichen produzieren.

    „Und es ist auch ein Frage wie wir den Begriff Antisemitismus definieren. Wenn darunter die Ausrottung von Menschen fällt, die mit Juden überhaupt nichts zu tun haben, Adorno in „Elemente des Antisemitismus“ aber schreibt: „Der Jude ist austauschbar. Er könnte auch ein Vagabund oder Katholik sein.“ öffnen sich rein definitorisch weite Perspektiven.“

    Der Antisemitismus ist hier die große Klammer. Und es waren die Juden eine ganz besonders von der Shoah betroffene Gruppe – allein der Anzahl nach und auch von der NS-Propaganda her, die eben primär im Stürmer und in den Kinos auf die Juden abzielte. Ich hoffe, über diesen Fakt sind wir uns zumindest einig. Und das ändert nichts daran, daß es auch andere Gruppen und Menschen noch gab, die Opfer der Nazis waren: Zigeuner und Schwule, Geisteskranke, Asoziale, politische Häftlinge, russische Kriegsgefangene, die man durch Unterversorgung oder Zwangsarbeit umkommen ließ. Nur würde wohl niemand auf die Idee kommen zu schreiben, das Morden der Nazis hätte ganz besonders den Zeugen Jehovas oder den Kommunisten gegolten. Zum bis heute grassierenden Antisemitismus gerne auch die Dokumentation Jud Süß II in der Arte-Mediathek und auch diese Woche nochmal im Fernsehen gesendet.

    Was sicherlich festzuhalten ist, ist der Umstand, daß zur Shoah und zum Massenmord an den Juden eine Vielzahl an Umständen führte. Dazu gehören auch rassebiologische Narrative. Und diese fanden in den 1920er Jahren gerade in der Verklammerung mit dem seit Jahrhunderten existierenden Antisemitismus als Narrativ einen fruchtbaren Boden – nicht nur bei Hitler als zentraler Figur und Führer des NS-Staates.

  27. Bei dieser ganzen Konstellation sollte zudem der nationale Sozialismus (gegen einen jüdischen Kapitalismus) und vor allem der völkische Nationalismus nicht vergessen werden. All dies bildete in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg eine unheilvolle Melange. Dazu vor allem Kershaw in seiner Hitlerbiographie, etwa S. 178 ff.

  28. @“Du versuchst, so scheint es mir hier, den Begriff des Antisemitismus zu entschärfen, um einen eher allgemeinen Rassismusbegriff als Erklärung für die Shoah in Anschlag zu bringen. “ —- Von Entschärfung kann hier nicht die Rede sein. Sondern davon, dass der Antisemitismus mit einer systematischen Rassenbiologie – allgemeiner Rassismusbegriff passt hier überhaupt nicht, ebensowenig wie die Jim-Crow-Gesetze auf eine Endlösung der Negerfrage abzielten – zusammengebracht wurde, deren Ausgangspunkt u.a. die „Tötung lebensunwerten Lebens“ gewesen war. Die Juden standen im Mittelpunkt des Hasses von Hitler und der ganzen NS-Ideologie, aber sie waren nicht die alleinigen Opfer, und die Shoah war als Anfang eines Völkermordes gedacht, dem noch viel mehr, überschlagen 20 Millionen Menschen, zum Opfer fallen sollten. Die slawischen Osteuropäer, bzw. ein Großteil von ihnen, sollte an die Reihe kommen, wenn man mit den Juden erst eimal fertig war. Wenn Du das Entschärfung des Antisemitismus nennst könnte man umgekehrt auch von Reduktion des Gesamtvölkermordprogramms auf die Juden unter Ausblendung aller anderen Opfergruppen sprechen. Beides wären Katergorien die in die Irre führen.

  29. Hier fehlt ein Halbsatz: „könnte man umgekehrt bei ausschließlicher Verwendung des Begriffs Antisemitismus in diesem Kontext auch von Reduktion“ usw.

  30. Nein, die Juden waren nicht die alleinigen Opfer. Aber ein wesentlicher Kern der NS-Herrschaft beruhte auf einem genuin antisemtischem Denken und auf strikten antisemitischen Narrativen, wie ich dies etwa für Mein Kampf zeigte. Und die NS-Herrschaft begann mit genuin antisemitischen Ausschreitungen und nicht etwa damit, daß man slawische Ursprünge bei Deutschen ausforschte, um dann deren Geschäfte zu beschädigen oder dort zum Boykott aufzurufen.

    „ebensowenig wie die Jim-Crow-Gesetze auf eine Endlösung der Negerfrage abzielten“ Genau das ist mein Reden: das, was die Nazis machten, erschöpft sich nicht mehr in den herkömmlichen Begriffen von Rassismus und auch nicht einfach nur in dem von Rassebiologie – diese ist ja auch in den USA gut bekannt. Daß sich zu diesem Antisemitismus auch rassenbiologische Überlegungen gesellten, dem widerspreche ich nicht. Aber dieses Narrativ allein reicht nicht aus, wie auch das bloße Narrativ des Antisemitismus nicht ausreicht. Denn beide Narrative gab es in vielen Ländern Europas, nicht nur in Deutschland. Insofern würde ich mit Saul Friedländer die tragende Rolle Hitlers und vor allem dessen obsessivem Antisemitismus betonen wollen – zumal im NS-Staat, im Dritten Reich ohne Hitler nichts ging.

    Diese Massenvernichtung hat keine Gruppe so stark getroffen wie die Juden. Und das prägte auch einen Begriff wie „Shoah“. Daß im Anschluß daran auch andere Volksgruppen an der Reihe gewesen wären, ändert an diesem Umstand nichts.

    Was mit diesen Überlegungen dann berührt wird, ist die Frage des Gedenkens. Welche Art von Gedenkstätte wäre in Deutschland angemessen? Yad Vashem ist ganz sicher die angemessenste Form für die Juden selbst – auch weil diese Gedenkstätte in Israel ihren Ort hat. Für Deutschland wäre die Frage nach einer zentralen Gedenkstätte im Raum oder aber, wie wir es im Grunde bereits haben, es sind mehrerer dezentraler Gedenkstätten einzurichten, was ich für die beste Lösung halte. Die der Roma und Sinti und der ermordeten Zigeuern z.B. ist eine gelungene und wie ich finde würdige Anlage, in guter Nachbarschaft zum Reichstag.

  31. Und auch Adornos Satz von den Möglichkeiten bzw. der Unöglichkeit der Dichtung nach Auschwitz ist ja, schon qua des Namens Auschwitz als pars pro toto auf die Vernichtung und Ermordung der Juden bezogen. Was nicht ausschließt, nicht auch den vielen anderen Opfer in der BRD zu gedenken – gerade auch der Sinti, Roma und der Zigeuner, die lange unter den Tisch fielen. Aber das ist in Deutschland dann auch wieder so verwunderlich nicht, denn schon die Verbrechen an den Juden wurden ja lange Zeit beschwiegen. Selbst in der Literatur kam all das kaum oder nur am Rande vor. Die großen Auschwitz-Bücher gab es hier erst mit den 1980er und 1990er Jahren. Imre Kertész‘ „Roman eines Schicksallosen“ wurde erst Anfang der 1990er hier übersetzt und erlangte erst ab 1998, als er dann bei Rowohlt erschien, eine gewisse Popularität. Diese Fragen nach den Möglichkeiten von Kunst nach Auschwitz zeichnete Reinhard Baumgart 1965 in seinem Aufsatz „Unmenschlichkeit beschreiben“ nach.

    Für Adorno stand seit 1941 fest, daß die Dialektik der Aufklärung sich um das Thema des Antisemitismus zu zentrieren habe: „In der Diskussion über das Antisemitismusprojekt nämlich habe ich den Vorschlag gemacht, wir sollten unter Umständen dieses Projket auf jeden Fall in Angriff nehmen, ganz gleich ob wir Geld bekommen oder nicht, […] Wie wäre es, wenn wir unser Buch […] um den Antisemitismus sich kristalisieren ließen?“

  32. @“ebensowenig wie die Jim-Crow-Gesetze auf eine Endlösung der Negerfrage abzielten“ Genau das ist mein Reden: das, was die Nazis machten, erschöpft sich nicht mehr in den herkömmlichen Begriffen von Rassismus und auch nicht einfach nur in dem von Rassebiologie – diese ist ja auch in den USA gut bekannt. Daß sich zu diesem Antisemitismus auch rassenbiologische Überlegungen gesellten, dem widerspreche ich nicht. Aber dieses Narrativ allein reicht nicht aus, wie auch das bloße Narrativ des Antisemitismus nicht ausreicht“ —– Und diese spezifische Rassenbiologie gab es nur in Deutschland. Einer ihrer Begründer, Lenz, hatte ja noch in der Weimarer Republik davon getönt, man müsse „das untüchtige Drittel der Bevölkerung“ zwangssterlisieren, später wurde sterilisieren durch Ermoden ersretzt. Die angelsächsische und schwedische Eugenik kannte (trotz Zwangssterlisierungen bei Indianerinnen und Samen) keine Massenvernichtung von Erbunerwünschten, und der italienische Faschismus, trotz später Zuarbeit zur Shoah, die spanische Falange, der portugiesische Salazarismus, der argentinische Peronismus und die diversen lateinamerikanischen Militärdiktatur-Faschismus hatten keine Rassenhygiene. Die war spezifisch deutsch. Noch bis zur Reichspogromnacht hatte der NS-Antisemitismus nichts mit der Rassenhygiene zu tun, die mit Aktion T4, der Vernichtung der Anstaltsinsassen, die Blaupause zur Shoah lieferte. Danach fiel beides miteinander zusammen

  33. Es gibt keine zentrale Gedenkstätte für ermordete Psychiatrieinsassen, für Schwule oder Lesben und erst reicht keine für die sogenannten „Asozialen“.

  34. Dem ist auch gar nicht zu widersprechen. Und genau darum geht es mir ja, daß es das zentrale Narrativ des Antisemitismus war, und zwar wesentlich über die Person Hitler, was zunächst im rassischen Denken zu einer Beschneidung von Freiheitsrechten explizit für Juden führte und was dann in die Wannseekonferenz mündete, darin es explizit um die organisatorische und verwaltungstechnische Lösung der Judenfrage ging – und dort schossen eben die insbesondere antisemitischen Motive, die nun einmal die conditio sine qua non, waren, wie auch rassenbiologische Aspekte zusammen, weshalb die Juden in Lager zu verbringen seien. Daß es daneben 1933 ff. auch Verhaftungen von politisch mißliebigen Personen gab, die keine Juden waren, schließt das ja auch gar nicht aus. Und auch bei Hitler finden sich Ausführungen zur Eugenik und Auslassungen über die menschlichen Rassen, was dann in Mein Kampf in die Auslassungen über die Juden mündete. Dieser obsessive Antisemitismus Hitlers war eine zentrale Triebfeder und die zentrale Klammer am Ende auch für die Endlösung der Judenfrage. Explizit richteten sich diese Ausschreitungen, die Diffamierungen, die Hetze und insbesondere die Nürnberger Rassegesetze gegen Juden – bis hin zu den Überlegungen, sie nach Madagaskar zu verschiffen – und nicht gegen in Deutschland lebende deutsche Slawen. Und zu diesem Antisemitismus trat verstärkend noch die Rassentheorie mit hinzu und der Gedanke vom unwerten Leben. Die rassentheoretischen Überlegungen sind natürlich nicht zu leugnen. Aber sie sind eben zugleich auch eine wissenschaftliche Kaschierung, eine deutsche zudem, um diesem Antisemitismus eine „wissenschaftliche“ Grundlage zu geben.

    Auf der Ebene der Fakten und Zahlen waren die Juden die größte Gruppe der Opfer – in Deutschland und in ganz Europa. Das schließt nicht aus, daß es auch andere Opfer gab.

    „Es gibt keine zentrale Gedenkstätte …“ Insofern wäre eine zentrale Gedenkstätte für die übrigen Opfer, namentlich die Gruppen aufgezählt, eine gute Sache gewesen. In Berlin gibt es sehr wohl eine Gedenkstätte für die Homosexuellen. Einer allgemeine Gedenkstätte, darunter auch die jüdischen Opfer fielen, hätten vermutlich die jüdischen Gemeinden – zu recht – widersprochen. Die Anzahl der Juden und die ungeheure Systematik dieses Massenmordes, auch im Blick auf die Wannseekonferenz, die ja nun gerade nicht die Verbringung von Slawen und Geisteskranken verhandelte, lassen eine solche Gedenkstätte wie das Holocaust-Mahnmal mehr als geboten erscheinen.

  35. PS: Daß in irgend einer Weise auch der Ermordung der Insassen von psychiatrischen Kliniken gedacht werden sollte, halte auch ich für geboten und wichtig. Der Tiergarten böte dafür einige weitere Plätze – auch für die Asozialen und auch die Deserteure.

  36. Also, um es nochmal ganz deutlich zu sagen: Wenn man mit den Juden fertig war sollten die Polen vergast werden, das Ganze war Teil eines monströsen Plans zur biologischen Ummodelung der europäischen Bevölkerung im Rahmen einer rassenzüchterischen Utopie.

  37. „das Ganze war Teil eines monströsen Plans zur biologischen Ummodelung der europäischen Bevölkerung …“ Dafür fehlen aber die historischen Dokumente. Es gibt nicht einmal solche zur Vernichtung der Juden, bis heute kein Führerbefehl oder ähnliches, sondern immer nur sukzessive sich steigernde Durchführungen. Und all das ändert ja auch nichts am zentralen Narrativ des Antisemitismus. Daß es diese Narrativs nicht mehr bedarf, wenn die Juden ausgerottet sind, ist evident.

  38. Es fehlen die Dokumente? Im Generalplan Ost, auch wenn der nur unvollständig erhalten ist, sind die Zahlen angegeben, wieviele polnische und sonstige osteuropäische Menschen vernichtet werden sollten, um „Lebensraum“ für Deutsche zu schaffen, so 20-30 Millionen.

  39. Das sind Auflistungen und da ist dann die Frage: Vertreibung (euphemistisch meist als Umsiedllung bezeichnet) oder Vernichtung oder teils teils? Geht das explizit aus den Dokumenten hervor? Auflistungen sind keine Dokumente für einen Befehl zur Vernichtung. Das ist nicht anders als mit den Juden. Auch da gibt es diese Auflistungen, wieviele Juden in den jeweiligen europäischen Ländern leben und auf jener Wannseekonferenz wurde dann jene „Endlösung der Judenfrage“ organisationstechnisch debattiert. Aber es existiert bis heute kein explizites Dokument. Es gibt keinen Führerbefehl zur Ermordung der Juden. Ich zitiere hier einfach mal den Historiker Per Leo im Blick auf die Judenvernichtung:

    „Eine weitgehend chaotische, von unterschiedlichen, einander zum Teil widersprechenden Zielen geprägte, antisemitisch motivierte, aber nicht planmäßig betriebene Praxis schlug erst im Spätsommer 1941 in einen koordinierten Völkermord um. Selbstverständlich war das kein anonymer Prozess, der »sich halt ergab«. Aber es war eben auch etwas anderes als die Verwirklichung eines Plans, den es tatsächlich nie gab (zumindest existiert kein Beleg dafür). Was es hingegen gab, das war eine Gruppe von Akteuren, die auf der Basis eines radikalen, tatbereiten Antisemitismus in der zweiten Jahreshälfte 1941 schrittweise realisierten, dass unter den Bedingungen eines mörderischen Ressourcenkrieges die »Lösung der Judenfrage« nicht mehr Entrechtung, Enteignung, forcierte Auswanderung und Ghettoisierung bedeutete, sondern Völkermord. Der Wille, die »Juden loszuwerden«, beherrschte diese Gruppe schon lange; aber auf der Führungsebene und bei Hitler ist von einer planvollen Absicht zum Völkermord vermutlich nicht vor Oktober 1941 auszugehen. Erst jetzt wurde die bisher favorisierte territoriale zugunsten einer genozidalen Lösung verworfen; erst jetzt war die Auswanderung, die im Westen seit 1938 mit erpresserischer Härte vorangetrieben worden war, nicht mehr möglich, und erst jetzt wurde die »Deportation« in den Osten zu einem Synonym für den Tod.“

    Am Ende der NS-Diktatur und mit dem Untergang des Deutschen Reiches gab es, als größte Opfergruppe rund sechs Millionen ermordeter Juden. Daß diese Juden, die in ganz Europa gen Osten deportiert und dann umgebracht wurden, sich als eine besondere Opfergruppe sahen, scheint mir nicht ganz fehl und durchaus nachvollziehbar. Dies schließt übrigens nicht aus, daß es auch andere Opfergruppen gab. Nur waren eben die Juden die größten und sie tauchten auch immer wieder in der NS-Propaganda an prominenter Stelle auf, um sie aus dem Reich zu vertreiben, sie aus der Mitte der Bevölkerung auszuschließen und unsichtbar zu machen – das reichte so weit, daß sogar 1934 das Telefon- bzw. Buchstabieralphabet geändert wurde: Aus Nathan wurde Nordpol, aus Daniel wurde Dora, aus Samuel wurde Siegfried, aus Zacharias wurde Zeppelin. Und genau dieses Systeme, diesen per se auf Ausschluß aufbauenden Antisemitismus meinte ich. Und den meinte auch Adorno, als er mit Horkheimer seine Dialektik der Aufklärung schrieb. Horkheimer, Löwenthal, Benjamin, Marcuse, Adorno waren allesamt nach der Sicht der Nazis Juden, auch wenn sie nur bedingt etwas mit dem Judentum am Hut hatten – wie so viele Deutsche. Und das eben macht das Exzeptionelle dieser Massenvernichtung aus. Die realiter durchgeführt wurde und nicht nur potentiell.

  40. Und insofern kann man dann auch der Roten Armee und der sie mit erheblichem Material unterstützenden USA sowie den westlichen Alliierten dankbar sein, daß sie jenen Plänen zur Vertreibung und zur Vernichtung osteuropäischer Völker einhalt geboten hatte. Spätestens Ende 1942 war absehbar, daß das Vorrücken der Wehrmacht und ihrer Vernichtungsmaschinerie an ein Ende kommen würde.

  41. Dankbar kann man übrigens auch den Partisanen sein, deren vielfältiger und tiegfestaffelter Widerstand zu den allierten Siegen beigetragen hat, im Fall Jugoslawiens sogar entscheidend für die Befreiung war.

  42. @Narrativ des Antisemitismus: Dass hier der persönliche, teils noch sehr traditionell geprägte Antisemitismus Hitlers und die damals als „Wissenschaft“ verstandene Rassenhygiene zusammenkamen (Hitler hatte den Baur-Fischer-Lenz in der Festungshaft in Kandsberg gelesen und Lenz und Fischer sich später als eigentliche Begründer der NS-Weltanschauung bezeichnet ohne dass dem widersprochen wurde) ist kein Zufall. Der Antisemitismus, die in der medizinischen Eugenik wurzelnde Rassenhygiene und die völkische Ideologie kulminierten zu einem Giftgebräu, das erst in der Regimephase des NS fertig wurde. Und wenn Adorno in „Elemente des Antisemitismus“ schrieb, dass der Jude austauschbar sei meinte er damit gerade keinen beliebigen Rassismus. Sondern, dass der zunächst ausschließlich den Juden geltende Antisemitismus der Nazis eine neue Qualität des extinktorischen kollektiven Menschenhasses geschaffen hatte, die späterhin auch auf andere Menschengruppen übertragen werden könne.
    Und dass zugleich – struktureller Antisemitismus – die dem Juden zugeschriebenen Eigenschaften die Grundstruktur paranoider Verschwörungstheorien geschaffen hatten.

  43. Genau, und Adorno schrieb eben, wie auch das Zitat zeigte, von den Juden her und eben auch selbst als Jude. Diese Struktur des Antisemitismus (insbesondere auch als Narrativ jener Jahre, in seinen unterschiedlichen Ausprägungen) liefert eine Folie für Ausgrenzungen und im gleichen Zug war es auch Adornos Bestreben, die sozio-ökonomische Herkunft dieses Denkens zu analysieren – weniger emipirisch-sozialforschend, sondern in philosophischer, soziologischer Begrifflichkeit. Und weil es in diesen Analysen auch um Macht ging, konnte Foucault ebenso daran anknüpfen und er prägte das Bonmot, daß er sich manche Umwege in seinen Untersuchungen erspart hätte, wenn er früher mit Adorno in Berühung gekommen wäre. In diesem Sinne sehe ich, was die Strukturen dieses Denkens betrifft, den Bezug auch zu Verschwörungsideologien und auch zu rassistischem Denken.

    Bei Hitler in Mein Kampf finden sich, so scheint es mir, beide Formen, das ganze aber als ein krudes Gebräu und weniger mit „wissenschaftlichem“ Anstrich. Einerseits Ausführungen zur Rassenlehre, andererseits ein nicht mehr nur aus dem klassischen Antijudaismus sich speisender Antisemitismus, teils mit Bezug auf die Protokolle der Weisen von Zion. Hitlers Judenhaß dort ist exzessiv.

  44. Die rassistisch-mentalen und kolonialistisch-realen Präludien der Shoa sind zweifellos gegeben. Was jedoch den Bereich des Namenlosen, des als „Shoa“ Beschworenen, noch eben zu evozieren vermag; dessen, wovor jedes Adjektiv verdampft und alle Sprache versagt, weil eines Menschen Grammatik keinen Platz mehr findet; wo die KZ-Kultur der deutschen Kulturnation den Juden und den anderen sechs per Lochkartensystem der us-amerikanischen Hollerith-Maschinen (später: IBM) erfassten Todesgruppen (Zigeuner, Arbeitsscheue, Politische …) ihren Platz zuwies, da markiert dies die ‚diffentia spezifica‘ noch zu jeder Untat der kolonialen Mordbuben: Der Nigger wurde gekillt, weil er dem Land- und Ressoucenraub im Wege stand. Das war rational. Der Jude aber wurde nicht gemordet, weil er irgend hinderlich war, sondern nur, weil er Jude war. Weder sein Beitrag zum wissenschaftlichen, kulturellen oder wirtschaftlicen Erfolg der Volksgemeinschaft vermochte ihn zu retten. Keine Assimilation und keine Konvertierung zum Christentum bewahrte ihn vor dem Gas. Dies zeigt: Der Antisemitrismus ist eine Variante der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, aber denn doch doch eine höchst spezielle Variante.

  45. „Doch doch“ war jetzt ein Vertipper.

    Die Beraubung der Juden erklärt die Sache nicht. Kolonial: Wir bringen die Nigger um, weil wir ihren Reichtum wollen. Antisemitisch: Wir bringen die Juden um, weil sie Juden sind, und wenn wir sie sowieso umbringen, können wir doch auch noch ihre Assetzs abgreifen.

  46. So ist es, Nörgler. Du hast diese Struktur von Antisemitismus und Kolonialismus exakt beschrieben und pointiert. Der Jude könnte dienen und dienen und es würde ihm doch nichts nützen.

  47. Exemplarisch an den „Funktionsjuden“, die die Gaskammern leerzuräumen und die Leichen zu fleddern hatten, damit die Seelen der SS-Mannschaften geschont wurden, nur, um eben später vergast zu werden, was ein Teilnehmer der Wannsee-Konferenz als „elegant“ bezeichnete.

    Wenn von Ökonomie der Endlösung gesprochen wird meint dies auch nicht, dass diese aus ökonomischer Notwendigkeit erfolgt wäre, sondern nur, dass sie nach dem Muster der kapitalistischen Fabrik durchorganisiert war. Wie 1982 auf den Tübinger Internationalismustagen, wo die Ausgangspositionen des Neuen Antiimperialismus formuliert wurden

    https://che2001.blogger.de/20210612/

    auf den Punkt gebracht ward: Das Vernichtungslager ist die Weiterentwicklung der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochem.

  48. „Das Vernichtungslager ist die Weiterentwicklung der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft buchstäblich bis auf die Knochem.“

    Nein nicht ganz. Das Vernichtungslager ist ein Lager, das Juden vernichtet. Nicht mehr und nicht weniger. Die Ausbeutung ist dabei ein Mitnahmeeffekt.

  49. Hinzu kommt das, was man mit instrumenteller Rationalität bezeichnen kann. Sie ist für die optimierte Durchführung der „Endlösung“ unabdinbar – damit es eben nicht nur so ein vages Erschießen wird. Diese Vernichtung aber rein daruber zu subsumieren und alles irgendwie unterschiedlos eins zu machen, ist nicht nur selber dann wieder Ausdruck einer solchen instrumentellen und verdinglichten Rationalität, sondern es unterschlägt damit die spezifische Qualität, und da ist man dann schnell in solchem Heidegger-Fahrwasser: „Inzwischen ist jedoch auch die Feldbestellung in das gleiche Be-stellen übergegangen, das die Luft auf Stickstoff, den Boden auf Kohle und Erze stellt, das Erz auf Uran, das Uran auf Atomenergie, diese auf bestellbare Zerstörung. Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“ (Bremer und Freiburger Vorträge, 1949)

    Das stimmt im Prinzip und es stimmt im Detail dann wieder doch nicht, wenn alles irgendwie unterschiedslos doch nur dasselbe ist. In solcher Diktion sind dann die Alliierten auch kein Stück besser als die Nazis, indem das eine mit dem anderen assoziiert wird und am Ende ist ein Vernichtungslager dann auch nichts anderes als eine Hühnerhaltungsfarm. Solche widerlichen und dummen Organisationen wie PETA arbeiten auf diesem Level.

    Und dieses Spezifische eben läßt es auch nicht mehr zu, daß man da in einer Linie der Weiterentwicklung der Ausbeutung steht. Wir haben bei jenem industriellen Mord an den Juden einen Umschlag von Quantität in eine neue Qualität.

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