20. Januar – Wannsee

„Ich muß offen sagen, auf mich wirkte diese erste Vergasung beruhigend […] Mir grauste immer vor den Erschießungen, wenn ich an die Massen, an die Frauen und Kinder dachte.“
(Rudolf Höß, 1946, zitiert nach: Reinhard Baumgart, Unmenschlichkeit beschreiben)

„Pack die Badehose ein, nimm Dein kleines Schwesterlein …“ (Schlager, 1951)

„20. Jänner“ – jener Tag, an dem Lenz in der gleichnamigen Erzählung Georg Büchners ins Gebirg ging und der vor allem für Paul Celan in seiner Büchnerpreisrede 1960 aus guten Gründen so bedeutsam war und von dem her sich ein Großteil seiner Dichtung schrieb:

„Vielleicht darf man sagen, daß jedem Gedicht sein ‚20. Jänner‘ eingeschrieben bleibt? Vielleicht ist das Neue an den Gedichten, die heute geschrieben werden, gerade dies: daß hier am deutlichsten versucht wird, solcher Daten eingedenk zu bleiben? Aber schreiben wir uns nicht alle von solchen Daten her? Und welchen Daten schreiben wir uns zu?“

Die Wannseekonferenz wird zwar einerseits als Geschichtszeichen genannt, wo ein Umschlag in der Frage der Vernichtung stattfand: so wie man Fliegen nicht mehr einzeln mit der Hand totschlug, sondern mit Insektenvertilgungsmittel wegmachen konnte, so wurden nun in ganz Europa Juden industriell ermordet: wofür der Name Zykon B und Begriffe wie Gaskammer und Dusche standen – spät erst in Deutschland im Gespräch, eigentlich erst mit der Serie „Holocaust“ 1979. Andererseits waren diese wenigen Stunden am 20. Januar in einer schönen Villa im tiefen Westen Berlins am schönen Wannsee – an den Wänden antikisierende Reliefs, geschmackvolles Dekor in den Räumen – nur ein weiterer Mosaikstein. Ein Großteil der Judenmorde war seit 1940 mitten im Gange, und zwar in den von Deutschen besetzten Ostgebieten im überfallenen Polen. Es war dieser Tag, dieser einschnitthafte 20. Januar nicht der Beginn eines völlig neuen Programms, sondern lediglich die konsequente und rationale Umsetzung eines auf Eliminierung angelegten Antisemitismus. Die systematische Deportation der Juden in Deutschland und in den besetzten Ländern freilich begann bereits 1941. Jene Konferenz war dazu da, den Mord effektiver zu gestalten und Effizenz zu fördern: viel schafft viel.

Das Singuläre dieses Mordens liegt darin, daß dabei mit einer derartigen Präzision und mit Gründlichkeit gearbeitet wurde; daß da aus der Mitte einer Gesellschaft plötzlich Nachbarn, Freunde und Bekannte verschwanden und weggebracht wurden, ohne daß sich größerer Widerstand oder Widerspruch regte; daß solcher Mord bis ins Detail organisiert wurde und noch der Ablauf des Tötens einem rationalen Kalkül unterzogen wurde, wie man am effizientesten eine größtmögliche Zahl an Menschen mit dem geringsten Aufwand („Keinen Schuß Munition vergeuden!“) beseitigen könne. Das Singuläre besteht darin, daß das Töten der Juden nicht einfach nur ein willkommener Nebeneffekt war, um sie durch ein Höchstmaß an Zwangsarbeit ansonsten ökonomisch auszubeuten: nein sie sollten vernichtet werden und das Ökonomische war, etwa durch die Enteignungen, nur ein willkommener Nebeneffekt – anders als unter Stalin, Mao und bei den Verbrechen des Kolonialismus, man denke an die Menschenverstümmelungen im Kongo unter der Besatzung der Belgier: hier war die ökonomische Ausbeutung zentral und der Tod war ein (manchmal willkommener) Nebeneffekt. Meist war man gleichgültig, denn es gab genug Material.

Diese Umstände eben machen das Singuläre dieses Verbrechens aus, und diese Art des Vorgehens und der Geschehnisse unterscheidet es von den Verbrechen des Kolonialismus. Singulär heißt dabei keineswegs, daß wir diese Verbrechen nicht in Gegenüberstellung zu anderen Verbrechen bringen dürften. Aufrechnen freilich läßt sich weder das eine noch das andere gegeneinander. Als Wissenschaftler kann man in seinen Strukturen durchaus beides betrachten, auch, was die Hierarchisierung von Menschen betrifft. Nur eben: es führt keine Linie zwangsläufig von Namibia nach Auschwitz, dafür sind die Ereignisse und die Hintergründe zu verschieden – auch wenn das instrumentelle Denken, was beidem zugrunde liegt, in Teilen ähnlich sein mag, auch über den Begriff des rassischen Denkens. Dennoch: so etwas wie Auschwitz, solches wie den Holocaust hat es weder bei den britischen, den französischen, den niederländischen, den portugisischen, den belgischen Kolonialmächten gegeben. In diesem Sinne reicht der Kolonialismus als Gewaltverbrechen an einem großen Teil der Menschheit nicht aus, um eine solche Linie zu begründen.

Einer der Teilnehmer an jener sogenannten Wannseekonferenz war der Beamte Martin Luther. Er war wesentlich in das Geschehen verstrickt.

„Am 20. Januar 1942 nahm Unterstaatssekretär Martin Luther an der Wannsee-Konferenz teil, auf der 15 Vertreter aus NS-Staat, SS und NSDAP die „Endlösung der Judenfrage“ planten – den Völkermord an den Juden Europas. Es wurde „von Töten und Eliminieren und Vernichten gesprochen“ und Cognac gereicht, sagte Protokollant Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem aus. Von 30 schriftlichen Ausfertigungen entging nur Nummer 16 der Aktenvernichtung: das Exemplar von Martin Luther, Auswärtiges Amt.“

Wer je das Haus am Wannsee besucht hat, jene ehemalige Villa Marlier, findet da eine merkwürdige Aura. Eigentlich ein schönes Haus, mit herrlichem Garten. Die Liebermannvilla ist nicht weit weg, der Flensburger Löwe steht um die Ecke und von dort der schöne Wasserwanderweg bei Heckeshorn, hin zur Anlegestelle, wo es hinüber zur Pfaueninsel geht, ein schöner Weg, durchs Waldgelausche, ein Weg, der bis nach Potsdam, zur Glienicker Brücke führt. Die seltsame Aura eines Ortes. Der Garten und das Interieur. Die antikisierenden Statuen. Der Weg hinunter in den kleinen Park und hin zum Wasser und der Blick über den Wannsee und auf der anderen Seite das nette Strandbad. Etwas weiter nördlich Schwanenwerder, da wo der Bock von Babelsberg sein Domizil hatte.

Der Tagesspiegel berichtet über die Enkelin von Luther, ihre Scham, ihre Möglichkeiten sich mit dem Schrecklichen auseinanderzusetzen. Für Verwandtschaft kann niemand etwas und es gibt in Fragen des Holocausts keine Kollektivschuld, schon gar nicht für Nachgeborene. Schuld ist konkret und es läßt sich sagen, was jemand getan hat oder nicht getan hat, ob er wußte, ob er schwieg, sei es aus Angst, sei es, weil man es nicht so genau wissen wollte. Mit dieser Vergangenheit geht jeder auf seine Weise um. Bis ins zweite und dritte Glied. Wie über solche Fragen und solchen Familienstruktur nachdenken? Man kann das literarisch machen, so wie etwa Per Leo in seinem Roman „Flut und Boden“; halb fiktiv, und doch in den Grundzügen wohl eine wahre Geschichte. Man kann dieses Buch als Fiktion lesen oder als einen Familienroman mit Echtzeithintergrund, als eine besondere Form eines Historikers, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen und Geschichte – in diesem Falle auch die eigene – zu erzählen. Andere wieder schrieben über ihren Familienhintergrund in Sachbüchern, dachten über ihn nach und es ließ sie ein Leben lang nicht mehr los: ob das Thomas Harlan war oder Berndward Vesper, der sich in seiner Reise in die Drogenwelt und den Wahn flüchtete, Niklas Frank oder Wiebke Bruns, deren Vater erst mittat und dann im Widerstand vom 20. Juli hingerichet wurde.

„Ulrike Luther betont, sie habe nie wirklich an der Schuld ihres Großvaters gezweifelt. Sie räumt aber ein, dass sie diese Tatsache erst „vor drei, vier, fünf Jahren“ an sich heranließ. 2018 beschloss sie, zumindest einmal den Garten am Wannsee zu besuchen.

Am Ufer spricht sie von ihrer Kindheit. Wenn im Geschichtsunterricht NS-Dokus liefen, ging sie raus. Als auf einer Orchesterfahrt, sie war zwölf, das KZ Flossenbürg besucht werden sollte, weigerte sie sich. Ihre Abwehrhaltung habe da aber noch nichts mit ihrer Familiengeschichte zu tun gehabt, von der habe sie erst später erfahren – auch dass sie mütterlicherseits mit Hanns Ludin verwandt ist, Hitlers Botschafter in der Slowakei, ein verurteilter Kriegsverbrecher. Sie habe schlicht die Gräuel des Holocaust nicht ertragen. ‚Ich habe versucht, da drumherumzuschrammen und mich so zu benehmen, dass sich so was nie wiederholt.‘

Erst mit 14 oder 15 habe sie mitbekommen, dass ihr Großvater dem NS-Regime angehörte. „‚Mein Vater und sein Bruder Klaus kamen bei Familienfeiern immer wieder aufs Thema Martin Luther. Klaus sagte: Natürlich hat er es gewusst. Mein Vater hielt dagegen. Und ich ging immer schnell raus, auch später als Erwachsene. Das hat meinen Vater sehr verärgert.‘“

Seine Familie kann sich keiner aussuchen. Und wer solche Familiengeschichte in teils harter, aber eben auch teils heiterer Weise lesen möchte, der greife zu dem sehr gut gemachten Roman „Flut und Boden“. Es wird dort nicht einfach nur gejammert oder betroffen geglotzt, sondern vielschichtig erzählt, und es kommt dabei auch zum Tragen, daß Geschichte Arbeit ist: Faktenwissen sich anzueignen, in die Archive zu steigen, Zusammenhänge lesen und begreifen zu lernen. Ulrike Luthers Geschichte zumindest läßt den Leser traurig zurück. Es gibt Verhängnisse, die sich nicht so einfach auflösen lassen. Und auch dieses gilt es auf irgendeine Weise mitzudenken.