Die Tonspur zu Merkels Abschied

Eine schöne Musikauswahl der scheidenden Bundeskanzlerin: Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen, das katholische wie protestantische Kirchenlied „Großer Gott, wir loben dich“ und Hildegard Knefs wunderbare Hymne „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Und wenn die Moderatorin beim ZDF, Bettina Schausten, diesen Großen Zapfenstreich nicht zugequatscht, sondern sich beim Kommentieren aufs nötigste beschränkt hätte, um dann hinterher mit Herrn Korte zu sprechen, wäre es gut gewesen. Daß da beim Großen Zapfenstreich der Yorksche Marsch nun kommt und das Bataillon einzieht, weiß jeder halbgebildete Mensch und für die, die es nicht wissen, wurde der Name des Musikstücks sogar eingeblendet. Vor allem aber: vielleicht hätten ja die Zuschauer gerne den Anfang des Yorkschen Marsches auch gehört und hätten den Einzug des Wachbattailons gerne gesehen. Kann ein Sender nicht einfach einmal nur die Bilder zeigen, statt alles und jedes zu kommentieren, damit bloß kein Schweigen aufkommt?

Ja, sogar Muttis Rede hat mir gut gefallen, obwohl ich ansonsten kein Merkel-Fan bin und böse Zungen gar behaupten, das beste an ihrer Kanzlerschaft sei die Musikauswahl zum Abschied gewesen. Was ich dennoch an ihr schätzte, war ihre ruhige und besonnene Art. Manchmal braucht es das. Aber es überwiegen viele Dinge, die ich nicht schätze: vom Abbau der Bundeswehr, der Abschaffung der Wehrpflicht, der zu zögerlichen Haltung gegenüber Rußland und China (wenngleich ich vermute, daß sie hinter den Kulissen klare Worte spricht), dem desaströsen Ausstieg aus der Atomwirtschaft: daß nämlich am Ende der Verbraucher die Zeche zahlte und die Unternehmen sich den Ausstieg versilbern, nein vergolden ließen. Ebenfalls fand ich schlimm ihre erbarmungslos-harte Haltung gegenüber Griechenland. Und auch ihre Solidarität mit Italien im Zeichen der Flüchtlinge zum Ende der 00er Jahre und zu Beginn der 2010er war nicht gerade sagenhaft und mitfühlend und das trübt auch ihr Engagement von 2015, auch wenn ich ihr andererseits ihre christliche Sicht durchaus abnehme und glaube. Politik ist eben auch der Sinn fürs Pragmatische. [Achtung fürs Kommentieren: Ich habe hier keine Lust, die Ära Merkel zu debattieren. Es ist dazu alles schon gesagt und das auch von jedem, um einen Witz des herrlichen Karl Valentin abzuwandeln.]

Was am Ende von der langen Ära Merkel bleibt, mögen die Historiker festhalten und debattieren. Mit Hegels Satz aus der Vorrede der Rechtsphilosophie wissen wir, wann die Eule der Minverva ihren Flug anbricht: nämlich mit der aufsteigenden Dämmerung. Manches braucht den Abstand der Zeiten.

Hier nun die unvergessliche Nina Hagen mit ihrem Anti-Schlager-Schlager. Das ist gut gewählt. Persönlich einerseits, mit Blick auf die eigene Herkunft und ein Stück weit mit Humor.

Und hier dann noch der Große Zapfenstreich, mit dem wunderbaren Yorschen Marsch von Beethoven – nicht von einer Moderatorin zugequatscht. Und ja: ich finde, dieses Ritual des Zapfenstreichs für ein Land wichtig und gut. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee.

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