„Du liegst im großen Gelausche“. Peter Szondi zum 50. Todestag

Ich habe mir Ende der 1980er und zum Beginn der 1990er Jahre die Germanistik zu einem großen Teil mit den (gedruckten) Vorlesungen von Peter Szondi erschlossen und ebenso mit seinen Aufsätzen, die in den Schriften Band I und II erschienen sind. Seine Celan-Deutung der „Engführung“ habe ich 1993 als Tutor für Erstsemester im germanistischen Seminar begleitet und bin dabei auf die hübsche Susanne gestoßen. Nun ja, die Beziehung zu Szondi war am Ende doch anhaltender, tiefer und weniger von Streit und Kummer geprägt. Szondi hielt, bis heute und um den Sinn für Texte zu schärfen, lese ich ihn immer einmal wieder – sei es seine Vorlesungen zu „Poetik und Geschichtsphilosophie“, darin Hegel, Schelling, Schlegel, die Fragen der Gattungspoetik, Hölderlin, die sogenannte Klassik und die Romantik eine Rolle spielen und daß in solchen Begriffen immer auch eine dialektische Übergängigkeit liegt. Philosophiesche Grundlegung der Germanistik und damit beste Vorbereitung aufs Fach: zu wissen, in welchem geistigen Kontext und in welchem Horizont Dichtungen wie Hölderlin, Rilke, Hofmannsthal, Celan stehen und was jene Querelle des Anciens et des Modernes noch für das ausgehende 18. Jahrhundert bedeutete: Geist der Goethezeit und die Ausfaltung der Ästhetik um 1800. Für einen Einstieg in die Literatur jener Zeit ist diese Lektüre keine schlechte Voraussetzung.

Aber nicht nur binnenästhetisch genommen, sondern ebenso gesellschaftlich-politisch: Wie wichtig Szondi in den 1960er Jahren für die Germanistik in Deutschland war, läßt sich heute vermutlich kaum noch ermessen. Es war ein philologisches Denken, das dem Muff unter den Talaren trotzte. Zu betonen ist vor allem Szondis Offenheit gegenüber den neuen Denkströmungen aus Frankreich, nämlich Jacques Derrida unter anderem, den er nach Berlin einlud. Er verband Dialektik und Hermeneutik und er rutschte, eben weil er ein kluger Dialektiker war, dennoch nie in die triviale Ideoliekritik ab. Dichtung nahm er beim Wort, wie in seiner Lektüre von Celans „Engführung“, Rilkes „Duineser Elegien“ und in vielen anderen Analysen. Und doch ließ er jene Momentaufnahmen, die aus Privatem und Biographischem bestehen und die manchmal in ein Gedicht einfließen, nicht völlig außen vor, wie in seiner Lektüre von Celans „Du liegst im großen Gelausche“ aus dem Band „Schneepart“ (1971 erschienen) (Eine Celan-Würdigung dieses Gedichts mit Bezug auf Peter Szondi findet sich hier auf AISTHESIS)

Am 18. Oktober 1971 beging Peter Szondi in Berlin Selbstmord. Er nahm sich das Leben. Obwohl dies eigentlich – und im Sinne der anderen Lesart von „nehmen“ – nicht stimmt, denn der Tod ist das Ende allen irdischen Lebens.

Geboren wurde Szondi 1929 in Budapest. Er überlebte das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die „Jüdische Allgemeine“ schreibt über sein Leben und Überleben nach dem Dritten Reich:

„Doch er blieb zeitlebens ein Heimatloser, der von sich selbst einmal sagte, er hätte es verlernt, irgendwo zu Hause zu sein. An Gershom Scholem, der ihn nach Jerusalem holen wollte, schrieb er: ‚Dass sich das ändern könnte und sollte, weiß ich, aber dieses Wissen ist nicht stark genug, um den Widerstand in mir jetzt – und das heißt: solange ich es in Deutschland aushalte – zu brechen.‘ Szondi hielt es nicht lange aus: Im Alter von 42 Jahren ertränkte er sich 1971 im Halensee.

Mit diesem tragischen Ende war er unter den prominenten deutschsprachigen jüdischen Überlebenden nicht alleine. Paul Celan stürzte sich 1970 in die Seine, Jean Améry starb 1978 an einer Überdosis Schlaftabletten. Sie hatten zwar überlebt, konnten aber nicht weiterleben. Auch waren sie enttäuscht über die mangelnde Sensibilität der deutschen Gesellschaft. Am deutlichsten brachte dies der Historiker Joseph Wulf zum Ausdruck, bevor er am 10. Oktober 1974 aus dem Fenster seiner Berliner Wohnung sprang: ‚Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und das alles hatte keine Wirkung. Du kannst dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.'“

Doch will ich Szondi gar nicht so sehr auf jene deutsche Zeitgeschichte festnageln. Er war und ist bis heute ein bedeutender deutsch-ungarischer Literaturwissenschaftler, und er steht in der Tradition von Gelehrten und Denkern wie Georg Lukács, Walter Benjamin, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.

„Unterschiedenes ist
gut.“ (Hölderlin)

Mit diesem Zitat leitet Szondi seine Hölderlin-Studien ein. Und unterscheiden heißt eben auch und vor allem: Kritik, krínein. Gut wäre es, wenn auch die sogenannten Literaturkritik sich wieder mehr an solchen wie Szondi orientierte. Denn das, was Szondi in seinen Schriften macht, ist Literaturkritik im besten Sinne.

Eine schöne Hinführung zu Szondi – wenngleich die beste Hinführung und der Königsweg immer noch über das Lesen der Originaltexte geht – scheint mir von Hans-Christian Riechers „Peter Szondi. Eine intellektuelle Biographie“ zu sein. Mir ist im Augenblick keine andere aktuelle biographische Monographie bekannt. Und um sich, zumindest wenn einer neu in der Germanistik bzw. in der vergleichenden Literaturwissenschaft ist, einen Überblick über das geistige Szenario, jene Denkbewegungen und das, was man den Geist der Zeiten heißt, zu verschaffen, scheinen mir solche Bücher ganz gut geeignet.

Szondi betrieb eine kritische Theorie der Literaturwissenschaften und obgleich er selten unter den Namen der Kritischen Theoretiker genannt wird, würde ich ihn doch zu jenen zählen. Adorno widmete Szondi seinen Hölderlin-Essay „Parataxis“. Ich bin kein Freund von Merksätzen, aber jene Einsicht von Szondi aus seinem Essay „Über philologische Erkenntnis“ trifft es:

„Das philologische Wissen darf […] gerade um seines Gegenstandes willen nicht zum Wissen gerinnen. Auch für die Literaturwissenschaft trifft merkwürdigerweise zu, was Ludwig Wittgenstein zur Kennzeichnung der Philosophie gegenüber den Naturwissenschaften sagte: ‚Die Philosophie‘, heißt es im Tractatus logico-philosophicus, ‚ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. Ein philosophisches Werk besteht wesentlich aus Erläuterungen.‘ Davon scheinen die englischen und französischen Bezeichnungen für die Literaturwissenschaft ein Bewußtsein zu haben. Sie betonen nicht das Moment des Wissens, sondern das der kritischen Tätigkeit, des Scheidens und Entscheidens. In der Kritik wird nicht bloß über die Qualität eines Kunstwerks entschieden, sondern auch über falsch und richtig; ja, es wird nicht bloß über etwas entschieden, sondern Kritik entscheidet sich selbst, indem sie Erkenntnis ist.“

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