Berliner Kulturbetrieb, Identitätspolitik und die Frage: Wer ist Jude?

Sich als Jude zu inszenieren, ohne einer zu sein, ist kein neues Thema: Binjamin Wilkomirski (ursprünglich Bruno Dössekker), Misha Defonseca, die Künstlerin Rosemarie Koczy, Wolfgang Seibert: mit solchen Erfindungen haben wir es immer einmal wieder zu tun, teils traurig und sicherlich irgendwie auch in guter Absicht getätigt. Und kürzlich der traurig-tragische Fall der Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich nach ihrer Enttarnung das Leben nahm.

Es gibt aber auch den Grenzfall: sich als Jude zu bezeichnen, weil man großväterlicherseits durch Abstammung einen solchen Juden in der Familie weiß, ohne aber ansonsten, außer beim Gebrauch von ein paar Begriffen wie Schabbes und Jom Kippur, die als Spielmarken eingesetzt werden, irgend etwas mit dem Judentum zu tun zu haben, geschweige, daß man beschnitten oder Mitglied der Gemeinde ist und die jüdischen Rituale mitgemacht hat. Vor einigen Wochen hat Maxim Biller in seiner ZEIT-Kolumne eine Debatte angefacht, darin er dem deutschen Autor Max Czollek ein erborgtes bzw. inszeniertes und ostentativ zur Schau gestelltes Judentum vorwarf.

„Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt. Dann schrieb er noch: „Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen.“ Sehr gut, dachte ich, als ich das las, ich habe ihm wehgetan, und jetzt denkt er nach. 

Auf der Terrasse der Akademie hatte Max sogar noch wütender reagiert, als ich ihn mit ein paar Sätzen aus dem exklusiven Judenclub ausgeschlossen hatte. Die Sonne verschwand langsam und widerwillig hinter dem Brandenburger Tor, unten auf dem Pariser Platz löste sich gerade eine Demonstration auf, und er sagte: „Spielst du Judenpolizei mit mir?“ „Ja, genau“, erwiderte ich, „weil ich Leute wie dich, die zurzeit als Faschings- und Meinungsjuden den linken Deutschen nach dem Mund reden, kaum noch aushalte.“ Ich fand mich etwas zu ernst, aber die Sache war ja auch ernst, weil inzwischen zu viele deutsche Intellektuelle in ihre gojischen Biografien jüdische Episoden und Leitmotive hineinredigierten.“

So Biller in der ZEIT vom 12. August. Wer dieses Zur-Schau-Stellen nachvollziehen will, der greife entweder zu Czolleks Buch „Desintegriert Euch!“ oder lese bei ihm auf Twitter mit oder schaue in seine ansonsten von ihm getätigten politischen Publikationen. Jedoch: anders als bei jenen oben genannten Dössekkers kann Czollek auf einen jüdischen Großvater zurückblicken, nämlich Walter Czollek. Der war in Anfang der 1950er Jahre Lektor beim DDR-Verlag „Volk und Welt“ – Fritz J. Raddatz berichtet über diese Zeit und die Arbeit mit ihm in seiner Biographie „Unruhestifter“. Walter Czollek war Kommunist und legte unter dem Druck Stalinschen Antisemitismus 1954 sein Judentum ab, so Wikipedia.

Nun gibt es im Kulturbetrieb eine Debatte, die eigentlich uninteressant wäre, wenn es sich bei Czollek nicht um jemanden handelte, der dieses Judentum teils instrumentell einsetzt. Wer also ist Jude? „Falsche Identität. Von der deutschen Sehnsucht, Jude zu sein“ so übertitelte die WELT gestern einen Artikel von Jacques Schuster und ebenfalls griff Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Max Czollek an und warf im Täuschung vor.

Warum Leute wie Max Czollek, die mit einem moralisch hochfahrenden und belehrendem Ton gerne in Debatten auftreten, mir derartig auf die Nerven gehen – das ist jetzt die höfliche Formulierung -, bringt dieser Artikel von von Schuster in einigen Aspekten gut auf den Punkt und das will ich im folgenden auch noch einmal selbst ein wenig ausformulieren. Zunächst Jacques Schuster:

„Es gibt kaum einen Tweet, kaum einen Text, in welchem der 1987 in Ost-Berlin geborene Publizist nicht sein angebliches Jüdischsein erwähnt. Mal erinnert er an den nahenden Sabbat, mal an Jom Kippur, wo seine Kritiker sich bei ihm entschuldigen müssten.

Der Schriftsteller Maxim Biller hat Czollek Mitte August in der „Zeit“ in seiner wie üblich schonungslosen und jederzeit zur Kränkung bereiten Schnoddrigkeit enttarnt – und damit eine Debatte ausgelöst. Biller sprach aus, was viele wussten: Czollek hat nur einen jüdischen Großvater und ist daher nicht jüdisch.“

Dennoch gibt sich Czollek als Jude. Daß er es nicht ist, ist im Berliner Kulturbetrieb, hinter vorgehaltender Hand gesprochen, schon längere Zeit bekannt. Czollek besitzt eine gewisse Inszenierungsqualität, und weil die Dinge, die er sagt, für seine Gemeinde so wichtig sind und Labwasser wie Heilige Quellen, spricht man nicht darüber, daß der Czollek keine Kleider anhat.

Allein weil ich als Kind das Jesuskreuz in der Stube meiner geliebten Urgroßmutter oftmals innig mit den Händen umfaßte und auch das Polnisch der Urgroßmutter bezaubernd fand, müßte ich im Sinne Czolleks wohl Kaschube und hochgradiger Katholik sein, sofern ich mich denn derart inszenierte – obgleich nicht getauft und keiner Kommunion teilhaftig. Nur eben: Schauspielerische Leistung und Inszenierungsqualitäten mögen für die Kunst gelten und auch im Kinderspiel haben solche Inszenierungsqualitäten ihr Recht, etwa wie es Karl-Heinz Bohrer in seiner Autobiographie „Granatsplitter“ zeigte, darin Bohrer erzählt, wie er, fasziniert vom (katholischen) Hochamt, dieses auf dem Dachboden in Köln mit seinen Freunden nachinszenierte und selber dann den Priester spielte.

Doch tatsächliche praktizierte Religion ist weder Kinderspiel noch Wünsch-dir-was und „Heute machen wir mal Jom Kippur oder Abendmahl“. Zur Religion gehört Ritual, das nach Regeln abläuft. Weiterhin ist dieses Ritual an Zugangsvoraussetzungen gebunden, es ist keine Kostümfeier. So sehr ich auch am katholischen Abendmahl teilnehmen möchte, so werden sich dennoch der Leib Christi und sein Blut für mich und in mir nicht ergießen, solange ich nicht Teil der Gemeinde bin. So sehr mich der Katholizismus ästhetisch auch reizt, etwa wenn ich Vierzehnheiligen genial schön und erhebend finde, und so sehr ich manchmal inszenatorisch mit dem Katholischen kokettiere, so wenig bin ich deshalb Katholik oder habe gar das Recht, mich in katholischen Fragen und in Belehrung der vermeintlichen Glaubensbrüder zu äußern. Freilich ist es jedem erlaubt, seine Privatreligion zu haben oder einem difusen Glauben nachzuhängen. Nur muß und sollte man sich dann nicht Katholik nennen. Denn das Katholischsein ist, wie auch das Jüdischsein, an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Max Czollek ist nicht Jude, sondern zunächst mal ein brummdeutscher in der DDR geborener Junge. Gefühlsreligion ist nach den Regeln der Gemeinde keine Religion. Ob sie es vor Gott ist, mag nur jener Gott wissen.

Mich erinnern solche Leute wie Czollek an jene, die in den 1990er Jahren nach „Schindlers Liste“ irgendein Judesein simulierten (Judenranwanzen nannten wir das damals und das schreibe ich als studentischer Celanforscher damals), weil das irgendwie chique war und man damit als Opfer besser durchkommt. Schusters Vorwurf freilich, daß sich Czollek der „Definition des Jüdischen“ aus „den Nürnberger Gesetzen vom September 1935“ bedient ist hart. Ob das stimmt weiß ich nicht. Ich würde es wohl nicht so drastisch formulieren, weil das Ungutes insinuiert und man damit genau das macht, was ich an Leuten wie Czollek kritisiere. Was mich aber ungemein stört, ist dieser im ganzen moralisch so hochtourige Habitus von Leuten wie Czollek. Und im Zweifelsfall kann man dann dem Kritiker gerne auch noch Antisemitismus reinwürgen. (Auch das ist leider ein Option, derer sich Czollek bedient, wie ich aus eigener Erfahrung zu berichten weiß.)

Und sowas wie den unten abgebildeten Tweet kann man sich eigentlich gar nicht ausdenken, es sei denn, man wollte einen irgendwie komischen Autor in einer Erzählung von Max Goldt oder bei Eckhard Henscheid persiflieren. Vielleich meint Czollek das ironisch, aber nach allem, was ich von ihm bisher las, geht ihm der Hang zur Ironie oder zur doppelbödigen, vielschichtigen Kommunikation eher ab.

Das schlimme ist weniger, daß Leute wie Czollek sowas machen – jeder nach seinem Pläsier -, sondern vielmehr, daß Autoren wie Czollek im Berliner Kulturbetrieb bestens vernetzt sind und dort eine gewichtige Stimme haben, die sie dann auch einzusetzen wissen. Und zwar genau mittels dieses Instrumentariums. Man ist quasi „Experte“ in einer Sache qua einer inszenierten Identität.

Wer aber ist nun Jude und wer ist es nicht? Jüdische Stimmen können vielfältig sein. Das ist wohl eine Sache, die Juden und die jüdische Gemeinde unter sich ausmachen, wer nach den Gesetzen Jude ist und wer nicht und wie die Konvertierung aussieht – denn hier handelt es sich ja nun einmal um eine Religion und nicht um eine Freizeitveranstaltung, bei der jeder mal Kapitän sein darf. Meines Wissens ist Czollek nicht konvertiert. Ich habe ansonsten beim Gefühlsjudentum von ansonsten brummdeutschen Menschen erhebliche Bedenken. Und es ist bei solcher Sache allerdings mehr als problematisch, wenn Czollek als wichtige jüdische Stimme dargestellt wird und sich auch selber so darstellt. Darin steckt eine Menge Inszenierung. Natürlich kann sich jeder als das sehen, was er mag. Ich kann mich als wichtige kaschubisch-katholische Stimme in Stellung bringen. Nur: das alles muß mir niemand abkaufen.

Wenn etwa Mirna Funk in der FAZ schreibt: „Die aktuelle Debatte ist eine innerjüdische. Sie muss innerjüdisch geführt werden“, so ist das zwar einerseits richtig. Doch wenn jemand wie Czollek mit einem derartigen moralischen Anspruch öffentlich auftritt und vor allem: auftrumpft – man lese nur „Desintegriert Euch!“ -, dann ist das eine Sache, die über die jüdische Gemeinde hinausgeht. Ums noch einmal zu pointeren: Jeder kann sich als das sehen, was er möchte: Wer meint, er sei ein Eichhörnchen oder ein Panther und müsse nun Animal Moves machen – was zur Zeit en vogue ist übrigens -, dann sollen sie oder er das ruhig tun, solange sie ansonsten dies für sich tun und aus ihrem Verhalten nichts weiter ableiten. Wer aber mittels seines eingesetzten Judentums eine gewisse Diskurshoheit beansprucht und daraus für sich auch eine gewisse Sprecherrolle ableitet, muß sich schon noch befragen lassen, wie es um diese Rolle bestellt ist. Und diese Frage stellte Biller, wenn auch in einer eher schnodderigen Art.

Gershom Scholem ist ein jüdischer Intellektueller, weil er Jude war und zum Judentum auch forschte und schrieb und dieses nicht als Maskerade einsetze. Czollek ist kein jüdischer Intellektueller. Sein Großvater war Jude. Nicht mehr und nicht weniger. So wie ich auch kein katholischer Intellektueller bin. (Und zwar unabhängig von Verfolgungen, derer die Katholiken nicht, die Juden aber sehr wohl ausgesetzt waren, sondern im Sinne von Identitätssetzungen und Rollenzuschreibungen, aber auch von Regelwerk und Bedingungen von Zugehörigkeit zu einer Geminschaft.)

Wie man politisch wirken kann, ohne ein angebliches Judentum instrumentell einzusetzen – und darum geht es mir – zeigte der Liedermacher Wolf Biermann, der, wie auch Czolleks Eltern und Verwandte, in der DDR lebte. Dessen Vater wurde in Auschwitz ermordet, was Biermann immer wieder zum Thema macht, jenes Motiv des Rauchs in den Lüften. Keineswegs aber erkaufte sich Biermann damit und mit dem Jüdischsein seines Vaters in der DDR und später in der BRD einen besonderen Status, um dadurch sich vor Kritik zu immunisieren, sich eine moralische Autorität anzukleben oder gar um die DDR-Oberen des Antisemitismus zu zeihen. Nie war davon bei ihm ein Wort zu hören, obwohl Biermann ansonsten den Inszenierungen und der großen Rede nicht abhold ist, wie jeder, der einmal eines seiner Konzerte besuchte, sicherlich erlebt hat.

In bezug auf Czollek mag man fragen, ob es nicht ausreiche, ihn wegen dem, was er sagt und schreibt zu kritisieren. Ohne Bezug aufs Judentum. Doch das Was und das Wie von Czolleks Rede stehen gerade bei ihm in einem Verhältnis, und bei Czollek ist es eben auch das Wie, die Art, wie da eine jüdische Herkunft teils mit großem moralischen Verve inszenatorisch eingesetzt wird. Ich will das nicht mit Binjamin Wilkomirski vergleichen, wie Biller das tut – wenngleich Wilkomirski vermutlich auch Gründe hatte, seine Inszenierung derart auszustellen. Dennoch hat auch diese Art und diese Performanz von Czollek etwas Unangenehmes. Bei Czollek hängt vieles seiner Darstellung an genau solcher Inszenierung und dem damit korrespondierenden moralischen Überlegenheitsgestus und deshalb ist das eine nicht vom anderen zu trennen.

In meiner Kritik an Czolleks Buch „Desintegriert Euch!“ damals kritisiere ich diesen Aspekt des Judentums übrigens nicht, obwohl Czollek diesen Bezug zum Judentum gleich im ersten Satz seines Buches aufscheinen läßt und mit diesem Thema erheblich hausieren geht, sondern ich bezog mich rein auf die Sache, auf die Thesen seines Buches. Und widersprach zudem einem Kommentator, der ein antisemitisches Narrativ bediente: „Jüdische Autoren können schreiben was sie wollen – kein Verlag wird sie ablehnen.“ Um all das geht es nicht. Czollek kann glauben, was ihm beliebt. Aber die moralische Instrumentalisierung von Religion und Ritual in politischen Fragen ist verlogen. Und damit tut er auch dem Judentum in Deutschland keinen Gefallen. Sowenig wie jene sogenannten Faschingsjuden und jene, die sich aus was für hehren Gründen auch immer, eine Opferidentität andichten. Sich jüdisch fühlen, ist nicht jüdisch sein. Nach jahrelanger Celan-, Kafka-, Szondi-, Benjamin, Scholem-Lektüre fühlte auch ich mich irgendwie mal jüdisch. Und bemerkte schnell: nee, laß sowas mal besser sein. Du bist nur ein Leser von Texten, die von sehr unterschiedlichen Juden geschrieben wurden.

Aktivisten wie Czollek würden vermutlich bei sowas und in anderen Fällen von Posertum mit jenen Beteiligten hochmoralisch ins Gericht und in Anklage gehen und ihnen aufs Schärfste jenes Verhalten als verwerfliche Cultural Approbiation vorhalten. Während bei anderen die Maßstäbe grundsätzlich aufs strengste angelegt werden – zum Anbräunen, um den anderen als Nazi diskursunmöglich zu machen, reichen bereits Petitessen -, ist man in der eigenen Causa und in der eigenen Gemeinde eher locker.

PS: Hingewiesen wurde ich auch auf das wie mir scheint interessante Buch von Eike Geisel: „Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken“ erschienen der Edition Tiamat und ihm einem Vorwort des Verlegers Klaus Bittermann versehen.

Photographie: CCC-Lizens, neuköllner