Big in Berlin,

Wählen zu dürfen, ist ein elementares Bürgerrecht, und wenn Menschen daran gehindert werden, wie in Berlin geschehen und in dieser Weise bisher in Deutschland mir nicht bekannt, so haben wir ein erhebliches Problem. Und an dieses Desaster schließt sich auch die Frage an, wie lange ein Bürger bereit sein muß, in einer Warteschlange zu stehen, um zu wählen. Wahlzettel sollten keine Bückware und Wahlkabinen keine Mangelware sein. Ich hoffe sehr, daß dieses eklatante Versagen hier in Berlin politisch und auch juristisch aufgeklärt wird. Daß es eine ungute Idee ist, einen Marathon zusammen mit einem Großkampftag in puncto Wahlen abzuhalten, dürfte selbst meinen 22jährigen Neffen schon bewußt sein. Hinzu kommen die nötigen Sicherheitsmaßnahmen wegen Corona, die zu beachten waren und auf die man von den Wartezeiten hätte vorbereitet sein müssen. Eine Wahl zudem, wo nicht nur ein Volksentscheid stattfindet, sondern auch ellenlange Wahlzettel ausliegen – wenn sie denn überhaupt vorhanden sind: man wußte wohl erst ein paar Minuten vor der Wahl, wieviele Wahlberechtigte es gibt – und man pro Wahlgang und Wähler mindestens eine Minute, wenn nicht drei oder vier Minuten Verweildauer in der Wahlkabine einrechnen muß.

In den 1990er Jahren gab es bewundernde Blicke dafür, wenn man in Berlin lebte, heute sind diese Blicke voll von Mitleid. Eine Bekannte aus Sachsen spricht nur vom Molloch Berlin und ist dankbar, daß sie dort wohnt, wo sie wohnt. Und ich kann sie gut verstehen. Das einzige, was mich in Berlin hält, ist die Schönheit und Größe meiner Altbauwohnung und daß ich in einem Stadtteil weit weg von Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg wohne. Wenn es so weiter geht, sollten wir vielleicht die Abspaltung Steglitz-Zehlendorfs von Berlin fordern und daß man uns als Stadt dem Land Brandenburg zuschlägt.

Freilich, freilich: Berlin hat auch schöne Seiten. Ich liebe meinen Kiez und den Westen. Aber auch Mitte, die Auguststraße, die Kieze in Friedenau, den Rüdesheimer Platz mit dem Weinfest und vieles mehr. Herrlich sitzt man in den Sonnenuntergang hinein am Wannsee und schaut aus dem Schinkel-Casino bei Brot und Wein durch die Arkaden, auf der Wiese auf die im See versinkende Sonne. Und ein Sommer im Treptower Park ist herrlich oder eine Bootsfahrt auf Spree und Landwehrkanal und selbst die Kastanienallee hatte lange Zeit etwas.

Man kann, was Krisen-Berlin betrifft, auf die Lage in Sachsen und auf die Siege der AfD dort verweisen und sich fragen, was besser ist. Doch würde ich, was Sachsen betrifft, die Lage in bezug auf die AfD vergleichen mit dem Wandel in der BRD. Wer da kritisch auf Sachsen schaut, sollte sich ansehen, wie es noch vor 35 Jahren in Teilen Westdeutschlands und besonders in der ländlichen Region aussah. Man denke an die lange tiefschwarzen und CDU-regierten Bauern-Bundesländer Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Die ländliche Bevölkerung war teils tief rechtskonservativ. Das, was heute die AfD ist, wurde damals von der CDU bedient. Auch diese Strukturen und diesen langsam einsetzenden Wandel darf man bei dem guten AfD-Ergebnis, das sicherlich beklagenswert ist, nicht außer acht lassen. Von dem nun mit einiger Gewißheit wieder erfolgenden Sachsenbashing halte ich rein gar nichts. Wenn man etwas ändern will, muß man die Wähler überzeugen. Auch hier wird, wie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, der Wandel langsam vonstatten gehen. Auch durch die jungen Leute, die langsam ein anderes Bewußtsein entwicklen. Ich erinnere mich noch an all die Hakenkreuze im Harzvorland und auch Richtung Hessen hin Mitte der 1980er Jahre. Und daß eben Nordheim nicht Göttingen ist. Glatzen, Bomberjacken, seltsame Gestalten. Auch das waren die 1980er Jahre in der BRD. Auch Westdeutschland hatte seine Baseballschlägerjahre.

Was auch immer man von diesem Wahlerergebnis halten mag: ein solches Desaster wie gestern ist einer europäischen Großstadt in einer Demokratie unwürdig. Putins Trollfabriken haben in puncto Berlin Arbeitspause. Sie sind für Berlin auch gar nicht nötig. Ich sehe die Geheimdienster in St. Petersburg und Moskau ratlos sitzen, ich höre die Schelte des Geheimdienstchefs: „Warum ist euch Saftnasen nicht eingefallen, auf einen Wahltag einen Marathon zu legen?“ Nein, eigentlich ist all das nicht lustig, und wenn wir über den Zustand in Berlin – nicht nur in bezug auf die Wahlen, sondern auch was die ganze Verwaltung und das Durcheinander zwischen Bezirken und Senat betrifft – nachdenken, dann muß sich in dieser Stadt dringend etwas ändern.

Gustav Seibt schrieb auf Facebook: „Rom wurde nach 1870 mehrfach unter Zwangsverwaltung gestellt. Das, was heute noch funktioniert in der Stadt und ihrem öffentlichen Verkehr, geht darauf zurück.“

Wenn das stimmt, so wäre darüber nachzudenken, daß mit Rechtsmitteln das Funktionieren einer Stadt und vor allem einer Verwaltung sichergestellt wird, in der – unter anderem – Menschen zeitnah die Möglichkeit haben müssen, auf einem Bürgeramt ihren Paß zu verlängern oder eine andere Dienstleistung zu erhalten – für die zudem bezahlt werden muß.

„Jede Stimme zählt“ – Wahlen in Berlin

Wenn man diese Stimme denn abgeben könnte, ist das bestimmt richtig und wahr. Und so ist in Berlin das eingetreten, was ich erwartet habe und weshalb ich bereits um neun Uhr früh zur Wahl gegangen bin, um hier den rot-rot-grünen Senat abzuwählen: Staus vor den Wahllokalen, fehlende Stimmzettel, falsche Stimmzettel und dazu ein Marathon, der Straßen nicht passierbar macht, um so schnell es geht die für den Bezirk richtigen Stimmzettel zu liefern. Denn in Charlottenburg bringt es nichts, die Bezirksversammlung von Köpenick zu wählen. Und heute abend wird man dann wieder das Gesicht von Herrn Oberbürgermeister Müller sehen, der für solches Chaos, das man vielleicht in Moldawien oder in Bananistan erwartet, Worte finden muß, und er wird abwiegeln, abwiegelt, nochmal abwiegel und irgendwelche Worte findet.

Eine Stadt wie Berlin, die nicht einmal Basales hinbekommt wie zeitnahe Termine beim Paßamt unter zwei Monaten, will vier Wahlen an einem Tag meistern (Bundestag, Abgeordnetenhaus, Bezirk und ein Volksentscheid über die Enteignung der „Deutsche Wohnen“). Und dazu noch einen Marathon, der durch die ganze Stadt geht. Hinzu kommt ein nicht erst seit gestern bekanntes Virus, das Hygienemaßnahmen erforderlich macht. Dementsprechend sieht es dann auch vor den Wahllokalen aus. Wartezeiten von über einer Stunde, wie in irgendeiner Bananenrepublik, wo zum ersten Mal seit 40 Jahren gewählt werden darf. Aus Mitte und aus Schmargendorf wird von fehlenden Wahlzetteln berichtet. Als ob die Anzahl der Wahlberechtigten erst seit heute morgen feststünde.

Der Tagespiegel berichtet, heute 16 Uhr:

„Die Berliner Wahlen laufen deutlich chaotischer als von der Landeswalleitung erhofft. Mehrere Wahllokale mussten am Sonntag zeitweise schließen, weil sie keine Stimmzettel mehr hatten. Manche Wahllokale bekamen zudem die falschen Stimmzettel geliefert – nämlich Stimmzettel anderer Bezirke.

Der Bundeswahlleiter twitterte: „Die Landeswahlleiterin Berlin hat uns mitgeteilt, dass in Wahllokalen in Berlin Zweitstimmzettel der Wahl zum Abgeordnetenhaus fehlen. Wahllokale hatten, wie sich erst am Wahltag herausstellte, Zweitstimmzettel eines anderen Bezirks erhalten.“

Wegen vertauschter Wahlzettel war es in einigen Wahllokalen zu ungültigen Stimmabgaben und Verzögerungen gekommen. Betroffen waren Stimmzettel aus den Bezirken Friedrichshain/Kreuzberg und Charlottenburg/Wilmersdorf.

In den Wahllokalen 404, 407 und 408 in der Spartacus Grundschule in Friedrichshain lagen nach Angaben aus dem Wahllokal für die Abgeordnetenhauswahl nur Stimmzettel aus Charlottenburg/Wilmersdorf vor. Bis die richtigen Stimmzettel nachgeliefert wurden, mussten die Wahllokale zeitweise geschlossen werden. Zudem mussten einige Stimmabgaben auf falschen Stimmzetteln für ungültig erklärt werden.“

In der Berliner Zeitung heißt es:

In einem Wahllokal in Charlottenburg wurden die Leute wieder nach Hause geschickt, mit dem Hinweis, die Wahlzettel seien alle und neue könnten im Moment nicht beschafft werden, da die Straßen wegen des Marathons gesperrt seien. Auf die Ansage, die Wähler sollten nach 17 Uhr noch mal kommen, gab es wütende Reaktionen. Wie unsere Reporter berichten, handelt es sich um das Wahllokal in der Paula-Fürst-Schule.

Hackerangriffe aus den St. Petersburger Trollfabriken kann sich Putin für Berlin sparen: All das, die Zerstörung von Infrastruktur und Verwaltung erledigt hier der rot-rot-grüne Senat in Eigenregie. Völker der Welt, bitte schaut auf diese Stadt, wenn ihr mal lachen wollt.

Oder wie es auf Facebook kommentiert wurde: „Afrikanische Wahlbeobachter zeigen sich besorgt…“

Die Tonspur zum Sonntag – Rammstein (1)

Als Tonspurprojekt, einen oder zwei Monate lang: Jede Woche ein Rammstein-Video. Weil Rammstein von der Performance und in der Bild-Musik-Tonspur eine der besten Bands ist. Für Deutschland erstaunlich. Choreographie und Gewalt, Musik, Melodramatik und Persiflage. Hier und heute: Interventionseinsatz mit Kosmopolit-Reisebüro.

Im Besonderen das Allgemeine. Eckhard Henscheid zum 80. Geburtstag

Heute hat einer der großen und ganz und gar großartigen Autoren der deutschen Literatur Geburtstag, nämlich Eckhard Henscheid. Bereits die Titel seiner Bücher waren, so fand ich es in den 1980er und 1990er Jahren, umwerfend komisch: „Beim Fressen beim Fernsehen fällt der Vater dem Kartoffel aus dem Maul“ war einer meiner liebsten Buchtitel. Aber auch „Verdi ist der Mozart Wagners – Eine Art Opernführer“ und jenes legendäre Anekdotenbuch „Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte. Anekdoten über Fußball, Kritische Theorie, Hegel und Schach“ bleiben Bücher, die nicht nur vom Titel her umvergessen sind. Doch ist dieses Anekdotenbuch zur Kritischen Theorie nicht etwa mit Spott, sondern vielmehr mit Witz geschrieben, denn da liebte und schätzte jemand den Gegenstand, über den er schrieb. Denn Witz ist bekanntlich das Ingenium des Geistes. Die Anekdote vom Postponieren des Reflexivum „sich“ dürfte den meisten bekannt sein. Und für die, die nicht, so sei es hier gegeben:

„Um die verzweifelte Stimmung, welche die „Frankfurter Schule“ um das Jahr 1933 herum befallen hatte, etwas aufzulockern, veranstaltete Max Horkheimer eines schönen Tages einen kleinen Wettstreit. Derjenige sollte Sieger und der beste Kritische Theoretiker sein, der das Reflexivum „sich“ am weitesten postponieren (nachstellen) konnte.

„Das hört sich gut an!“ rief Erich Fromm und schied sofort aus.
„Jetzt wird sich mal zeigen“, schrie begeistert Herbert Marcuse, „wer was drauf hat im Kopf!“ – und natürlich sah damit auch Marcuse kein Land.

Etwas geschickter stellte sich Walter („Benjamin“) Benjamin an, der mit einem „Der Marxismus muß mit dem Judentumn sich verbrüdern!“ zum Erfolg kommen hoffte.

Habermas hatte offensichtlich die Regel mißverstanden oder was, jedenfalls schien er mit seinem Beitrag „Sich denken, bringt wahre Selbstreflektion des Geistes“ aus, und auch Pollock brachte es mit einem ‚Gott ist an sich im Himmel‘ nicht weit, ja er wurde sogar mit Schulverweis bedroht (nachher wollte er es ironisch verstanden haben usw., was aber vor allem Marcuse bestritt, während Fromm irgendwie mit der ganzen Welt verkracht war und nur verbissen an seiner Rache bzw. einem Bleistift kaute) – jedenfalls legte nun lächelnd Max Horkheimer mit dem Satz „Die Judenfrage erweist in der Tat als Wendepunkt sich der Geschichte“ einen echten Hammer vor, indessen – nicht zu glauben, daß auch dies noch übertroffen werden konnte: Sieger wurde und sein Meisterstück nämlich machte Adorno mit dem geflügelten Satz: „Das unpersönliche Reflexivum erweist in der Tat noch zu Zeiten der Ohnmacht wie der Barberei als Kulmination und integrales Kriterium Kritischer Theorie sich.“

In solcher Erzählung zeigt sich, daß da jemand schreibt und denkt, der seinem Gegenstand nahe ist, der ihm vor allem aber gewachsen ist und ihn deshalb zugleich kritisch sehen kann. Das eben, was auch die Kritische Theorie ausmacht und aus diesem Grunde und wegen des Wirkungsortes Frankfurt am Main hieß jene Gruppe von Satirikern, die 1979 aus der Zeitschrift Pardon hervorging und die 1979 die Titanic gründete, Neue Frankfurter Schule. Deren Mottobild dürfte den meisten ebenfalls bekannt sein: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“

Auch in solcher Sentenz samt der dazugehörigen Zeichnung verbinden sich Witz und Liebe zur Sache. Etwas, das auf Jean Paul und dessen Verfahren in der Literatur verweist: Digressiver Takt sozusagen, der als abschweifende Witz aber die Sache, über die er schreibt, nicht einfach nur verlacht, womit wir wiederum bei Laurence Sterne wären. Aus gutem Grunde verweist Magnus Klaue in seiner schönen Würdigung von Eckhard Henscheid im „Tagesspiegel“ auf jenen Autor, den man wohl nicht ganz der Romantik zurechnen kann und der doch von der Art des Schreibens her in deren Umkreis gehört: jenes herrlich ausschweifende Jean Paulsche Denken, das auch Henscheid beherrscht:

„Im Ernst, der auch Henscheids Klimbim und Kalauern innewohnt, im frühromantischen Impuls, Pointe und Ornament, Oberfläche und Tiefe kurzzuschließen, besteht seine Verwandtschaft mit Jean Paul.

Seine zwischen 1973 und 1978 erschienene Trilogie des laufenden Schwachsinns, bestehend aus den Romanen „Die Vollidioten“, „Geht in Ordnung – sowieso – genau –“ und „Die Mätresse des Bischofs“ ist nicht einfach eine großangelegte Satire auf das bundesrepublikanische Intellektuellenmilieu der Siebziger, obwohl sich dessen Protagonisten von Alice Schwarzer bis Max Horkheimer in Henscheids überbordendem Figurenpanorama begegnen. Zugleich war sie wirklich und ernsthaft so etwas wie die Wiederaufnahme von Jean Pauls im „Siebenkäs“ unternommenem Versuch eines nicht-linearen, dissoziativen Entwicklungsromans, dem barocken Gegenentwurf zum bürgerlichen Bildungsroman.

Wie Henscheid nicht einfach von oben herab die pappnasigen Protagonisten eines korrupten Kulturbetriebs karikiert, sondern sie in einer Vielzahl sprachlicher Nach- und Neuschöpfungen lebendig werden lässt, so hat er die Satire stets strenger genommen als diejenigen, die sie als überlegen-ironische Rechtfertigung der Wirklichkeit missbrauchen. „

„Einer von gestern“, so ist die Überschrift der Würdigung betitelt.

Henscheids Lebenswege kann man in seiner Autobiographie „Denkwürdigkeiten“ nachlesen. Und auch damit bewegt er sich, gleichsam als „Wahrheit und Dichtung“, zwischen Goethescher Zeit und jener Neuen Subjektivität der 1970er Jahre, als das Schreiben des Ich groß im kommen war. Doch über solchen Ton, vom „Tod des Märchenprinzen“ bis hin zu Karin Struck („besinnungsloses Geschmarre“), spottete Henscheid fies-virtuos. Denn anders als jene Innerlichkeitsblicker, die da nur die leere Substanz des Om-om aus der Bauchnabelschau hervorziehen, ließ Henscheid die Sprache los und zeigte, in welcher Weise man lebendig und mit Stil auf sein Leben blicken kann: nicht Befindlichkeitskram, dessen Privates niemanden interessiert, sondern bei Henscheid scheint im Besonderen ein Allgemeines heraus und diese Moment, diese Mischung aus Effekt und schön Erzähltem bildet das, was man in Friedrich Schlegels Diktion der modernen, romantischen Literatur das Interessante nennt. Und freilich ist dabei unter anderem auch die Welt der Literatur wichtig, aber eben nicht als bildungsbürgerliches Leseleben. Die „Genese des Geistes“, den „Big Bang durchs Bücherlesen“ beschreibt Henscheid in einer feinen Geschichte:

„1949, mit acht, war ich im Sommer erstmals Übernachtungsgast auf dem Dachsriegel (827 Meter) bei Furth im Wald, einquartiert nach Art der Zeit und Eisenbahnerkinder in eine sehr spartanische Logishütte. Ein halbes Jahr später sprang mir aus dem Lesebuch der 3. Klasse im Zuge einer Herbstgeschichte der Satz »… schied die Sonne hinterm Dachsriegel« entgegen.

Es war ein Urknall, ein Blitzeinschlag, ein Coup de coïncidence, ein Einschlag direttissima ins wie betäubte, wie überrumpelte Herz. Ein Blitz aus Überraschung, Welterahnung und auch Stolz. Stolz darauf, daß ich diesen Berg ja doch – »wirklich« kannte!

Erstmals wohl waren Primär- und Sekundärwirklichkeit, Erlebnis- und Druckwelt aufeinandergetroffen, hatten sich ineinander verschränkt. Dagegen, gegen diesen Choc d’amour, hatten viel später Goethe und Kafka keine Chance mehr. Nicht einmal ganz die drei jäh herzbrechenden Worte aus dem dritten »Winnetou«-Band: »Er war tot.«

Über sie weinte ich allerdings geschätzte vier Stunden lang. Und immer wieder auf. Aber ich las den Roman einfach viel zu spät, mit etwa 15. Da war die Ur-Druckbuchstaben-Empfindung schon nicht mehr lapidar genug. Der Schmerzerguß rührte da nicht mehr aus einem Wort (»Dachsriegel«), sondern aus dem Entgleiten, dem Vergehen, ja Verschwinden einer ganzen Welt.“

Das ist, mit einem Wort, große Dichtung mit Wahrheitseinschlag, wie Henscheid diese Stunde der Empfindung als Initial zur Literatur beschreibt. Vor allem aber ist es, aus solcher vergrößerten Kleinigkeit heraus, genau beobachtet und zeigt exemplarisch, was alle die, die bis heute viel und mit Lust lesen, von sich berichten können: Oft waren es ganz unscheinbare Erlebnisse und Szenen, die einem Kind mit einem Male den Blick aufgehen ließen und daß sich da im Leben wie im Buche gleichermaßen etwas tat, was dann das Kind ergründen und dessen Erlebnis es wiederholen wollte. Wohl auch darum, aus solcher Lust heraus, können Kinder eine Geschichte, die sie einmal lasen, wieder und immer wieder lesen. Vor allem jedoch zeigt sich in solchen Passagen, wie man auf gute Weise Pathos, Schönheit und gleichzeitig Witz bündeln kann, um daraus Literatur zu machen.

Dieses Werk, dieses Leben, diesen Autor gilt es zu würdigen. Vor allem aber: zu lesen. Auch wenn man sich an manchem bei ihm reiben kann, etwa Henscheids Einschätzung zu Arno Schmidt oder Beckett. Aber Große können groß irren.

Einen gelungenen Schluß für eine angemessene Würdigung liefert Magnus Klaue, wenn er über jenes Anekdotenbuch „Wie Max Horkheimer einmal sogar Adorno hereinlegte“ schreibt:

Anders als heutige Jungakademiker glauben, die diese Satiren als Verspottung eines gedrechselten Jargons goutieren, handelt es sich bei dieser Überzeichnung um eine Würdigung, um die Reverenz an Menschen, die von gestern und eben deshalb dem Heute überlegen sind. Als ein solcher sollte auch Eckhard Henscheid zu seinem Achtzigsten gepriesen werden.

Ich hätte es nicht besser schreiben können. Und jenes Gestern ist nicht besser, weil es „gestern“ ist, sondern weil es diesem Heute an Geist, Witz, Klugheit und Eloquenz allemal überlegen ist. Anders als all die bodentiefen Fenster und das Ich-und-meine-Hautfarbe-Geselche.

Photographie: CCC-Lizenz

Berliner Kulturbetrieb, Identitätspolitik und die Frage: Wer ist Jude?

Sich als Jude zu inszenieren, ohne einer zu sein, ist kein neues Thema: Binjamin Wilkomirski (ursprünglich Bruno Dössekker), Misha Defonseca, die Künstlerin Rosemarie Koczy, Wolfgang Seibert: mit solchen Erfindungen haben wir es immer einmal wieder zu tun, teils traurig und sicherlich irgendwie auch in guter Absicht getätigt. Und kürzlich der traurig-tragische Fall der Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich nach ihrer Enttarnung das Leben nahm.

Es gibt aber auch den Grenzfall: sich als Jude zu bezeichnen, weil man großväterlicherseits durch Abstammung einen solchen Juden in der Familie weiß, ohne aber ansonsten, außer beim Gebrauch von ein paar Begriffen wie Schabbes und Jom Kippur, die als Spielmarken eingesetzt werden, irgend etwas mit dem Judentum zu tun zu haben, geschweige, daß man beschnitten oder Mitglied der Gemeinde ist und die jüdischen Rituale mitgemacht hat. Vor einigen Wochen hat Maxim Biller in seiner ZEIT-Kolumne eine Debatte angefacht, darin er dem deutschen Autor Max Czollek ein erborgtes bzw. inszeniertes und ostentativ zur Schau gestelltes Judentum vorwarf.

„Nur eine Stunde nachdem ich auf der Terrasse der Akademie der Künste zu Max gesagt hatte, dass er für mich kein Jude ist, schrieb er auf Twitter, ich hätte genau das zu ihm gesagt. Dann schrieb er noch: „Vielleicht sollten wir auch mal über inner-jüdische Diskriminierung sprechen.“ Sehr gut, dachte ich, als ich das las, ich habe ihm wehgetan, und jetzt denkt er nach. 

Auf der Terrasse der Akademie hatte Max sogar noch wütender reagiert, als ich ihn mit ein paar Sätzen aus dem exklusiven Judenclub ausgeschlossen hatte. Die Sonne verschwand langsam und widerwillig hinter dem Brandenburger Tor, unten auf dem Pariser Platz löste sich gerade eine Demonstration auf, und er sagte: „Spielst du Judenpolizei mit mir?“ „Ja, genau“, erwiderte ich, „weil ich Leute wie dich, die zurzeit als Faschings- und Meinungsjuden den linken Deutschen nach dem Mund reden, kaum noch aushalte.“ Ich fand mich etwas zu ernst, aber die Sache war ja auch ernst, weil inzwischen zu viele deutsche Intellektuelle in ihre gojischen Biografien jüdische Episoden und Leitmotive hineinredigierten.“

So Biller in der ZEIT vom 12. August. Wer dieses Zur-Schau-Stellen nachvollziehen will, der greife entweder zu Czolleks Buch „Desintegriert Euch!“ oder lese bei ihm auf Twitter mit oder schaue in seine ansonsten von ihm getätigten politischen Publikationen. Jedoch: anders als bei jenen oben genannten Dössekkers kann Czollek auf einen jüdischen Großvater zurückblicken, nämlich Walter Czollek. Der war in Anfang der 1950er Jahre Lektor beim DDR-Verlag „Volk und Welt“ – Fritz J. Raddatz berichtet über diese Zeit und die Arbeit mit ihm in seiner Biographie „Unruhestifter“. Walter Czollek war Kommunist und legte unter dem Druck Stalinschen Antisemitismus 1954 sein Judentum ab, so Wikipedia.

Nun gibt es im Kulturbetrieb eine Debatte, die eigentlich uninteressant wäre, wenn es sich bei Czollek nicht um jemanden handelte, der dieses Judentum teils instrumentell einsetzt. Wer also ist Jude? „Falsche Identität. Von der deutschen Sehnsucht, Jude zu sein“ so übertitelte die WELT gestern einen Artikel von Jacques Schuster und ebenfalls griff Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Max Czollek an und warf im Täuschung vor.

Warum Leute wie Max Czollek, die mit einem moralisch hochfahrenden und belehrendem Ton gerne in Debatten auftreten, mir derartig auf die Nerven gehen – das ist jetzt die höfliche Formulierung -, bringt dieser Artikel von von Schuster in einigen Aspekten gut auf den Punkt und das will ich im folgenden auch noch einmal selbst ein wenig ausformulieren. Zunächst Jacques Schuster:

„Es gibt kaum einen Tweet, kaum einen Text, in welchem der 1987 in Ost-Berlin geborene Publizist nicht sein angebliches Jüdischsein erwähnt. Mal erinnert er an den nahenden Sabbat, mal an Jom Kippur, wo seine Kritiker sich bei ihm entschuldigen müssten.

Der Schriftsteller Maxim Biller hat Czollek Mitte August in der „Zeit“ in seiner wie üblich schonungslosen und jederzeit zur Kränkung bereiten Schnoddrigkeit enttarnt – und damit eine Debatte ausgelöst. Biller sprach aus, was viele wussten: Czollek hat nur einen jüdischen Großvater und ist daher nicht jüdisch.“

Dennoch gibt sich Czollek als Jude. Daß er es nicht ist, ist im Berliner Kulturbetrieb, hinter vorgehaltender Hand gesprochen, schon längere Zeit bekannt. Czollek besitzt eine gewisse Inszenierungsqualität, und weil die Dinge, die er sagt, für seine Gemeinde so wichtig sind und Labwasser wie Heilige Quellen, spricht man nicht darüber, daß der Czollek keine Kleider anhat.

Allein weil ich als Kind das Jesuskreuz in der Stube meiner geliebten Urgroßmutter oftmals innig mit den Händen umfaßte und auch das Polnisch der Urgroßmutter bezaubernd fand, müßte ich im Sinne Czolleks wohl Kaschube und hochgradiger Katholik sein, sofern ich mich denn derart inszenierte – obgleich nicht getauft und keiner Kommunion teilhaftig. Nur eben: Schauspielerische Leistung und Inszenierungsqualitäten mögen für die Kunst gelten und auch im Kinderspiel haben solche Inszenierungsqualitäten ihr Recht, etwa wie es Karl-Heinz Bohrer in seiner Autobiographie „Granatsplitter“ zeigte, darin Bohrer erzählt, wie er, fasziniert vom (katholischen) Hochamt, dieses auf dem Dachboden in Köln mit seinen Freunden nachinszenierte und selber dann den Priester spielte.

Doch tatsächliche praktizierte Religion ist weder Kinderspiel noch Wünsch-dir-was und „Heute machen wir mal Jom Kippur oder Abendmahl“. Zur Religion gehört Ritual, das nach Regeln abläuft. Weiterhin ist dieses Ritual an Zugangsvoraussetzungen gebunden, es ist keine Kostümfeier. So sehr ich auch am katholischen Abendmahl teilnehmen möchte, so werden sich dennoch der Leib Christi und sein Blut für mich und in mir nicht ergießen, solange ich nicht Teil der Gemeinde bin. So sehr mich der Katholizismus ästhetisch auch reizt, etwa wenn ich Vierzehnheiligen genial schön und erhebend finde, und so sehr ich manchmal inszenatorisch mit dem Katholischen kokettiere, so wenig bin ich deshalb Katholik oder habe gar das Recht, mich in katholischen Fragen und in Belehrung der vermeintlichen Glaubensbrüder zu äußern. Freilich ist es jedem erlaubt, seine Privatreligion zu haben oder einem difusen Glauben nachzuhängen. Nur muß und sollte man sich dann nicht Katholik nennen. Denn das Katholischsein ist, wie auch das Jüdischsein, an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Max Czollek ist nicht Jude, sondern zunächst mal ein brummdeutscher in der DDR geborener Junge. Gefühlsreligion ist nach den Regeln der Gemeinde keine Religion. Ob sie es vor Gott ist, mag nur jener Gott wissen.

Mich erinnern solche Leute wie Czollek an jene, die in den 1990er Jahren nach „Schindlers Liste“ irgendein Judesein simulierten (Judenranwanzen nannten wir das damals und das schreibe ich als studentischer Celanforscher damals), weil das irgendwie chique war und man damit als Opfer besser durchkommt. Schusters Vorwurf freilich, daß sich Czollek der „Definition des Jüdischen“ aus „den Nürnberger Gesetzen vom September 1935“ bedient ist hart. Ob das stimmt weiß ich nicht. Ich würde es wohl nicht so drastisch formulieren, weil das Ungutes insinuiert und man damit genau das macht, was ich an Leuten wie Czollek kritisiere. Was mich aber ungemein stört, ist dieser im ganzen moralisch so hochtourige Habitus von Leuten wie Czollek. Und im Zweifelsfall kann man dann dem Kritiker gerne auch noch Antisemitismus reinwürgen. (Auch das ist leider ein Option, derer sich Czollek bedient, wie ich aus eigener Erfahrung zu berichten weiß.)

Und sowas wie den unten abgebildeten Tweet kann man sich eigentlich gar nicht ausdenken, es sei denn, man wollte einen irgendwie komischen Autor in einer Erzählung von Max Goldt oder bei Eckhard Henscheid persiflieren. Vielleich meint Czollek das ironisch, aber nach allem, was ich von ihm bisher las, geht ihm der Hang zur Ironie oder zur doppelbödigen, vielschichtigen Kommunikation eher ab.

Das schlimme ist weniger, daß Leute wie Czollek sowas machen – jeder nach seinem Pläsier -, sondern vielmehr, daß Autoren wie Czollek im Berliner Kulturbetrieb bestens vernetzt sind und dort eine gewichtige Stimme haben, die sie dann auch einzusetzen wissen. Und zwar genau mittels dieses Instrumentariums. Man ist quasi „Experte“ in einer Sache qua einer inszenierten Identität.

Wer aber ist nun Jude und wer ist es nicht? Jüdische Stimmen können vielfältig sein. Das ist wohl eine Sache, die Juden und die jüdische Gemeinde unter sich ausmachen, wer nach den Gesetzen Jude ist und wer nicht und wie die Konvertierung aussieht – denn hier handelt es sich ja nun einmal um eine Religion und nicht um eine Freizeitveranstaltung, bei der jeder mal Kapitän sein darf. Meines Wissens ist Czollek nicht konvertiert. Ich habe ansonsten beim Gefühlsjudentum von ansonsten brummdeutschen Menschen erhebliche Bedenken. Und es ist bei solcher Sache allerdings mehr als problematisch, wenn Czollek als wichtige jüdische Stimme dargestellt wird und sich auch selber so darstellt. Darin steckt eine Menge Inszenierung. Natürlich kann sich jeder als das sehen, was er mag. Ich kann mich als wichtige kaschubisch-katholische Stimme in Stellung bringen. Nur: das alles muß mir niemand abkaufen.

Wenn etwa Mirna Funk in der FAZ schreibt: „Die aktuelle Debatte ist eine innerjüdische. Sie muss innerjüdisch geführt werden“, so ist das zwar einerseits richtig. Doch wenn jemand wie Czollek mit einem derartigen moralischen Anspruch öffentlich auftritt und vor allem: auftrumpft – man lese nur „Desintegriert Euch!“ -, dann ist das eine Sache, die über die jüdische Gemeinde hinausgeht. Ums noch einmal zu pointeren: Jeder kann sich als das sehen, was er möchte: Wer meint, er sei ein Eichhörnchen oder ein Panther und müsse nun Animal Moves machen – was zur Zeit en vogue ist übrigens -, dann sollen sie oder er das ruhig tun, solange sie ansonsten dies für sich tun und aus ihrem Verhalten nichts weiter ableiten. Wer aber mittels seines eingesetzten Judentums eine gewisse Diskurshoheit beansprucht und daraus für sich auch eine gewisse Sprecherrolle ableitet, muß sich schon noch befragen lassen, wie es um diese Rolle bestellt ist. Und diese Frage stellte Biller, wenn auch in einer eher schnodderigen Art.

Gershom Scholem ist ein jüdischer Intellektueller, weil er Jude war und zum Judentum auch forschte und schrieb und dieses nicht als Maskerade einsetze. Czollek ist kein jüdischer Intellektueller. Sein Großvater war Jude. Nicht mehr und nicht weniger. So wie ich auch kein katholischer Intellektueller bin. (Und zwar unabhängig von Verfolgungen, derer die Katholiken nicht, die Juden aber sehr wohl ausgesetzt waren, sondern im Sinne von Identitätssetzungen und Rollenzuschreibungen, aber auch von Regelwerk und Bedingungen von Zugehörigkeit zu einer Geminschaft.)

Wie man politisch wirken kann, ohne ein angebliches Judentum instrumentell einzusetzen – und darum geht es mir – zeigte der Liedermacher Wolf Biermann, der, wie auch Czolleks Eltern und Verwandte, in der DDR lebte. Dessen Vater wurde in Auschwitz ermordet, was Biermann immer wieder zum Thema macht, jenes Motiv des Rauchs in den Lüften. Keineswegs aber erkaufte sich Biermann damit und mit dem Jüdischsein seines Vaters in der DDR und später in der BRD einen besonderen Status, um dadurch sich vor Kritik zu immunisieren, sich eine moralische Autorität anzukleben oder gar um die DDR-Oberen des Antisemitismus zu zeihen. Nie war davon bei ihm ein Wort zu hören, obwohl Biermann ansonsten den Inszenierungen und der großen Rede nicht abhold ist, wie jeder, der einmal eines seiner Konzerte besuchte, sicherlich erlebt hat.

In bezug auf Czollek mag man fragen, ob es nicht ausreiche, ihn wegen dem, was er sagt und schreibt zu kritisieren. Ohne Bezug aufs Judentum. Doch das Was und das Wie von Czolleks Rede stehen gerade bei ihm in einem Verhältnis, und bei Czollek ist es eben auch das Wie, die Art, wie da eine jüdische Herkunft teils mit großem moralischen Verve inszenatorisch eingesetzt wird. Ich will das nicht mit Binjamin Wilkomirski vergleichen, wie Biller das tut – wenngleich Wilkomirski vermutlich auch Gründe hatte, seine Inszenierung derart auszustellen. Dennoch hat auch diese Art und diese Performanz von Czollek etwas Unangenehmes. Bei Czollek hängt vieles seiner Darstellung an genau solcher Inszenierung und dem damit korrespondierenden moralischen Überlegenheitsgestus und deshalb ist das eine nicht vom anderen zu trennen.

In meiner Kritik an Czolleks Buch „Desintegriert Euch!“ damals kritisiere ich diesen Aspekt des Judentums übrigens nicht, obwohl Czollek diesen Bezug zum Judentum gleich im ersten Satz seines Buches aufscheinen läßt und mit diesem Thema erheblich hausieren geht, sondern ich bezog mich rein auf die Sache, auf die Thesen seines Buches. Und widersprach zudem einem Kommentator, der ein antisemitisches Narrativ bediente: „Jüdische Autoren können schreiben was sie wollen – kein Verlag wird sie ablehnen.“ Um all das geht es nicht. Czollek kann glauben, was ihm beliebt. Aber die moralische Instrumentalisierung von Religion und Ritual in politischen Fragen ist verlogen. Und damit tut er auch dem Judentum in Deutschland keinen Gefallen. Sowenig wie jene sogenannten Faschingsjuden und jene, die sich aus was für hehren Gründen auch immer, eine Opferidentität andichten. Sich jüdisch fühlen, ist nicht jüdisch sein. Nach jahrelanger Celan-, Kafka-, Szondi-, Benjamin, Scholem-Lektüre fühlte auch ich mich irgendwie mal jüdisch. Und bemerkte schnell: nee, laß sowas mal besser sein. Du bist nur ein Leser von Texten, die von sehr unterschiedlichen Juden geschrieben wurden.

Aktivisten wie Czollek würden vermutlich bei sowas und in anderen Fällen von Posertum mit jenen Beteiligten hochmoralisch ins Gericht und in Anklage gehen und ihnen aufs Schärfste jenes Verhalten als verwerfliche Cultural Approbiation vorhalten. Während bei anderen die Maßstäbe grundsätzlich aufs strengste angelegt werden – zum Anbräunen, um den anderen als Nazi diskursunmöglich zu machen, reichen bereits Petitessen -, ist man in der eigenen Causa und in der eigenen Gemeinde eher locker.

PS: Hingewiesen wurde ich auch auf das wie mir scheint interessante Buch von Eike Geisel: „Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken“ erschienen der Edition Tiamat und ihm einem Vorwort des Verlegers Klaus Bittermann versehen.

Photographie: CCC-Lizens, neuköllner

Jean-Paul Belmondo

Ich sah ihn, irgendwann Anfang der 1980er zuerst in „Der Profi“, als Jugendlicher und fand ihn ziemlich cool, wenn auch nicht schön. Dann später bei Godard, unter anderem in „Außer Atem“ – ein, wie man sagt, Meilenstein der Filmgeschichte. Er spielte den Gauner und Jean Seberg die amerikanische Studentin, in die er sich verliebt. Trau, schau, keiner Frau, so sagt man. Und im Film bewahrheitet es sich.

In Belmondos Gesicht lag immer diese Mischung zwischen Raubein, hartem Burschen und Schalk. Belmondo konnte alle Rollen gleichermaßen gut spielen und immer mit dieser lässigen Eleganz, die doch nie parfümiert war. Und hier zum Abschied eine wunderschöne Godard-typische Filmankündigung.