Abschied vom Jetzt – Zum Tod Karl Heinz Bohrers

Gestern ist der Literaturwissenschaftler und Essayist Karl-Heinz Bohrer in London gestorben. Die Stadt war seine spätere Wahlheimat, zuvor lebte Bohrer lange Jahre mit der im Oktober 2002 verstorbenen großartigen und leider relativ vergessenen Schriftstellerin Undine Gruenter in Paris. Doch bereits in den 1970ern wohnte Bohrer schon einmal in London und schätzte diese Stadt und das englische Lebensgefühl wie auch die britische Mentalität: man merkte eben, daß man in einem ehemaligen Empire und nicht in einem Provinznest zu Hause war – doch Zeiten ändern sich. Von jener Zeit in London, jenen 1980er Jahren und seinem Umzug von Bielefeld nach Paris berichtete er in seiner Autobiographie „Jetzt. Mein Abenteuer mit der Phantasie“ – bereits vom Titel her herrlich und es zeigt sich darin diese Lust am Denken, das immer auch auf den Einschlag des Sinnlichen angewiesen bleiben will.

Bohrer war ein kölscher Jung, geboren 1932, und dort auch aufgewachsen. Diese Kriegs- und Nachkriegszeit beschrieb Bohrer in seiner ersten Autobiographie „Granatsplitter. Erzählung einer Jugend“: Wir lesen von der NS-Zeit, vom Krieg und wie das Kind jene Jahre sah und wie man sich verhielt, wenn die Bomben fielen und was man danach mit dem, was von der Stadt übrigblieb, alles anstellen konnte. Bereits früh keimt, wenngleich ein Stück weit sicherlich ex post gebaut, jene Schönheit im Schrecklichen:

„Man tauschte Granatsplitter […] Die Granatsplitter waren das schönste, was man sich ausdenken konnte. Manche waren von dunkel leuchtendem Rot und schwarz an den Rändern, andere hatten eine bläulichweiße Färbung und wieder andere waren von gleißendem Gelb oder Silber. Es war wie ein Märchen – man war der Held eines Märchens, der etwas Wunderschönes, sehr Fremdes, sehr Seltsames fand, das ihm das Gefühl gab, fortan Glück zu haben. Der Junge war regelrecht entzückt von dieser Schönheit.“

Jene „Ästhetik des Schreckens“, die dann Ende der 1970er Jahre den gleichnamigen Titel seiner Habilitation an der Universität Bielefeld bilden sollte, deutet sich in solchen Gedanken bereits an. Hier aber sind es zunächst einmal die Sinneseindrücke eines Kindes. Träumen in Ruinen. Wir lesen vom Reiz, den die Trümmer der zerbombten Stadt auf Bohrer ausübten. Das Zerstörte brachte ihn zum Träumen – auch eine Form, den Druck und das Grauen fruchtbar zu machen, zumindest auf der individuellen Ebene, auf die es Bohrer immer ankam, auch was seine Vorlieben und Idiosynkrasien anbelangt:

„Alles war in Gedanken möglich. Die Trümmer bildeten gewaltige Gebirge. Endlos an einer Stelle, sodass der Blick festsaß. Ihn zogen die Trümmer an. Man sprach von Trümmerlandschaften. Aber die sah er nicht.“

„Granatsplitter“ und später dann auch „Jetzt“, jener für Bohrers Denken des ästhetischen und lebensweltlichen Augenblicks paradigmatische Titel, die Plötzlichkeit als säkular-literarische Epiphanie, lieferten ein wunderbares Panorama jener alten BRD, eine Art Erzählstunde in Geschichte und zwar auf anregende Art, und sie zeigten den intellektuellen Werdegang eines Jugendlichen bzw. jungen Mannes. Vom Wiederaufbau der BRD, bis hin zu Bohrers Zeit im Internat Birklehof im Schwarzwald, wo der Philosoph Georg Picht als Schulleiter wirkte. Bei solchen Betrachtungen einer Stück für Stück wiederaufgebauten Stadt im Nachkriegsdeutschland der rheinischen Republik mag auch eine gewisse Nachträglichkeit eine Rolle spielen und so wird ex post jene Ästhetik der Ruinen, die Poesie des Verfalls sowie ein Stück weit benjaminsches Trauerspielbuch ins Erinnern importiert:

„Je mehr Neubauten zu sehen waren, umso häßlicher wurde die Stadt. Die Ruinen brachten einen dagegen zum Denken.“

Solche Ruinen und Brüche können Anlaß, Phantasie und ein Augenblick sein, den es auszufüllen galt. Aus jenem Jetzt eine Geschichte zu machen. So wie in unterschiedlichen Konstellationen jener Augenblick, jenes Jetzt in Bohrers Ästhetik und Kunstbetrachtung später dann eine zentrale Rolle spielen sollten, kulminierend etwa in dem Band „Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins“.

Bohrer beschreibt die literarische Funktion dieser Art des persönlichen, non-fiktionalen Schreibens als Bildungsprozeß und als eine Frage der Perspektivierung:

„Das ist nicht Teil einer Autobiographie, sondern Phantasie einer Jugend. Der Erzähler sagt nicht das, was er über seinen Helden weiß, sondern das, was sein Held selbst wissen und denken kann – je nach seinen Jahren. Die Neugier des Lesens wird auch nicht durch eine biographische Identifizierung der übrigen Charaktere und Schauplätze befriedigt, sondern ausschließlich durch die Darstellung der Atmosphäre und der Gedanken einer vergangenen Zeit.“

Wie sich im Empfinden des Kindes, etwa beim Singen eines Weihnachtsliedes, bereits jene ästhetischen Verzückungen einstellen, die aus der Zeit des Alltags herausführen, zeigt Bohrer ebenfalls in „Granatsplitter“. Solche Passagen sagen insofern auch etwas über die biographische Herkunft bestimmte Denkmotive von Bohrers ästhetischen Überlegungen etwas aus – wenngleich Denken und Motive sich darin nicht erschöpfen:

„Der Refrain ‚Heissa! Heut ist Weihnachtstag!‘ entzündete einen dramatischen Impuls, der auf etwas gewartet hatte. Das schöne, altmodisch klingende Wort ‚Heissa‘ war ihm das Ereignis, das nun gekommen war, ein leuchtendes Zeichen. nicht das Fröhliche daran, sondern das Heftige zog ihn an. Das Allerwichtigste am Heiligen Abend und der Zeit davor aber war, dass die normale Zeit eine nichtnormale Zeit, in eine andere Zeit versetzt wurde. Er wusste, dass es eine andere Zeit war.“

Mit Bewußtsein wahrnehmen und auch später noch, wenn, wie im Erwachsenenblick diese Dinge verstellt sind, sie doch wieder einzuholen und ästhetisch-philosophisch fruchtbar zu machen, ist insbesondere in „Granatsplitter“ die große Leistung Bohrers. Ähnliches finden wir auch in Adornos Beschreibungen, etwa in seinen „Meditationen zu Metaphysik (und überhaut in all jenen Passagen seiner Texte, wo er die Kindheit beschwört, so in „Vierhändig, noch einmal“). In den „Meditationen“ ist es die Reflexion darauf, was ein Kind bei Namen wie Luderbach und Schweinestiege empfunden haben mag und wie solcher Moment für eine unverstellte und umfassende Erfahrung, die Gesellschaft und eigene Vita umfaßt, wieder zu vergegenwärtigen seien – auch in der Philosophie. Als erkenntnisstiftendes Moment:

„Ein Hotelbesitzer, der Adam hieß, schlug vor den Augen des Kindes, das ihn gern hatte, mit einem Knüppel Ratten tot, die auf dem Hof aus Löchern herausquollen; nach seinem Bilde hat das Kind sich das des ersten Menschen geschaffen. Daß das vergessen wird; daß man nicht mehr versteht, was man einmal vorm Wagen des Hundefängers empfand, ist der Triumph der Kultur und deren Mißlingen. Sie kann das Gedächtnis jener Zone nicht dulden, weil sie immer wieder dem alten Adam es gleichtut, und das eben ist unvereinbar mit ihrem Begriff von sich selbst. Sie perhorresziert den Gestank, weil sie stinkt; weil ihr Palast, wie es an einer großartigen Stelle von Brecht heißt, gebaut ist aus Hundsscheiße.“ (Adorno, Meditationen zur Metaphysik)

Ähnliche Schreckenserfahrungen wird auch Bohrer gemacht haben, aber er perspektiviert sie völlig anders und er hätte in dieser Erfahrung vielleicht sogar jenem Reiz nachgespürt: woher diese Lust an Grausamkeit und Gewalt kommt und wie man sie in Kunst darstellt: Kleist etwa mit seinen Erdbeben, der Wut, dem Findling und der Verlobung, aber auch jener Augenblick des Eselsschreis und der stürzenden Kutsche, was Kleist einem Brief an Karoline von Schlieben vom 18. Juli 1801 schilderte: ein Moment, der den Tod hätte bringen können:

„Und an einem Eselsgeschrei hing ein Menschenleben? Und wenn es nun in dieser Minute geschlossen gewesen wäre, darum also hätte ich gelebt? Darum? Das hätte der Himmel mit diesem dunkeln, rätselhaften, irdischen Leben gewollt, und weiter nichts -? Doch für diesmal war es noch nicht geschlossen,- wofür er uns das Leben gefristet hat, wer kann es wissen?“

All diese Szenen und Geschichten sind ideale Bohrer-Kandidat. Bohrer lädt freilich solche Szenen niemals mit irgendeiner Moral auf, geschweige mit einem politischen Imperativ – was im übrigen auch Adorno niemals tat. Insofern sind beide Sichtweisen eine schöne Ergänzung. Bohrer faszinierte vielmehr jenes Moment, das quer zu Moral und zur üblichen Ordnung steht und was gar solcher üblichen Moral widerspricht, zumindest im Reich der Kunst und in der ästhetischen Reflexion: „Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt“, wie sein letztes Buch hieß, darin er sich mit jener Gewalt- und Haßsprache in der Literatur befaßte. (Meine Rezension findet sich an dieser Stelle)

Und ebenso faszinierte ihn jene „Imagination des Bösen“, wie eine seiner Essaysammlungen hieß. Fruchtbar machte er an Adornos Ästhetik, auf die er sich immer wieder bezog, jenen Begriff des ästhetischen Scheins, freilich um den Preis, daß dabei der Bezug des gelungenen Kunstwerkes zur Utopie, wie dies Adorno ausmachte, und ebenso die geschichtsphilosophische Perspektive Adornos von Bohrer ausgeblendet wurde. Die Ekstase des ästhetischen Augenblickst wird ums messianische Moment gekappt. Was er mit Adorno ebenfalls teilte, war der Vorbehalt gegen eine allzu simple moralisch aufgeladene Kunst.

„Abschied. Theorie der Trauer“ hieß eines seiner Bücher, das 1996 erschien und das ich 1997 erstand. Bohrer begleitete mich insofern mit gehöriger Intensität und als Augenblicksfanal, als daß jenes Jahr, als ich in diesem Buch las, mit dem Ende meines Studiums im Jahr 1997 zusammenfiel. Und da gab dieser Buchtitel jener Phase des Bruchs im Juni 1997 eine entsprechende Melodie. Das Abtauchen in die andere Wirklichkeit, in die Welt der Texte und Gedanken, der Philosophie, der Kunst, der Literatur hatte ein Ende oder konnte nur noch dosiert und in der Freizeit stattfinden. Aber wie es mit der Entfremdung und der in der Entfremdung geleisteten Arbeit ist: sie bildet. Lernen kann man auch ex negativo, und es gehört jene Entäußerung in die Welt dazu. Der Abschied mußte sein. Um später verwandelt zurückzukehren. Bohrer war in diesen Dingen ein Begleiter über die Jahre.

Es gab aber nicht nur den Bohrer, der sich mit den Fragen von Kunst und Ästhetik befaßte, sondern ebenso den politischen und feuilletonistischen Publizisten, Bohrer war von 1991 bis 2011 gemeinsam mit Kurt Scheel Herausgeber des Merkur – eine Glanzzeit dieser Zeitschrift, mit Sonderheften zu Themen wie der Postmoderne, der „Frage nach der Religion“ oder den „Grenzen und Wirksamkeit des Staates“. Bohrer schimpfte auf den Provinzialismus der Ära Kohl, trat für einen starken Nationalstaat ein. Seine Texte zum Falkland-Krieg und zu Deutschland schienen mir in den 1990ern zwar befremdlich, aber ich fand diese andere Perspektive spannend. Man hätte gerne Bohrers Volte gegen die Faschingsverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer gelesen. Wer Truppen nach Afghanistan schickt – unabhängig davon, ob diese Entscheidung richtig oder falsch war –, der hat diese Soldaten öffentlich mit allen militärischen Ehren zu verabschieden, wenn sie zurückkehren. Ein Trauerspiel, was Kramp-Karrenbauer und Merkel da veranstalteten. Ich hätte gerne die Pfeile gelesen, die Bohrer da abschösse, wie er „mit Dolchen“ spräche und seine Polemik dazu, wie etwa in seinem Band „Provinzialismus“. Ein Titel, der bereits manches über die alte BRD und das neue Deutschland anzeigt. (Erschienen ist der Band mit Aufsätzen aus dem politischen Feuilleton passenderweise im Jahr 2000. Auch eine Art von Rückblick auf das andere, größere untergegangene Land.)

41jy4R6WPML._SX293_BO1,204,203,200_Unbedingt auch zu lesen und wiederzuentdecken sind Bohrers frühen Aufsätze in „Die gefährdete Phantasie, oder Surrealismus und Terror“. Etwa zu den „68ern“ und jenem „Flugblatt Nr. 8. Wann brennen die Berliner Kaufhäuser“ der Kommune I und der Renaissance surrealistischer Motive darin; und dazu einer Bewegung zwischen Kunstform einerseits und dem zu wagenden Ausgriff in die Realität, dem, was man die Souveränität der Kunst nennt. Bohrer zeigte sich für solche Horizonte offen, eben weil es zugleich auch um Ästhetisches und ebenso um einen (dezisionistischen) Augenblick ging und ebenso war er offen für das Denken von Ulrike Meinhof, was ihm in der Redaktion der FAZ Ende der 1960er Jahre manche Mißbilligung eintrug. In bezug auf jenes Flugblatt, das mit jenem Motiv von Brand und Bomben spielte, um auf die Gewalt der USA in Vietnam aufmerksam zu machen, heißt es:

„Das Flugblatt enthält jene Aggressivität, die auch die beschriebene Fotografie vom Attentat in Saigon vermittelt. Es hat vor allem aber jenen Widerspruch von Literatur und Leben in sich aufgenommen, der das wesentliche Merkmal des surrealistischen Traktats gewesen ist. Der vermutliche Urheber des Flugblattes wurde denn auch wegen Aufrufs zur Brandstiftung verhaftet, und der Berliner Philosoph Jacob Taubes hat dann diese Anklage durch ein Gutachten entkräftet, dem zufolge es sich bei dem Flugblatt um eine »surrealistische Provokation« gehandelt habe. Die Widersprüchlichkeit des Textes zeigt sich an den beiden gegensätzlichen Reaktionen. Gewiß waren die Angeklagten im Sinne der Anklage nicht schuldig, aber es wäre eine sehr oberflächliche Sicht des Vorgangs, begriffe man die schützende Formel »surrealistische Provokation« im Sinne der überkommenen Exzentrik einer libertineusen Boheme. Das Flugblatt war in dem Grade ernst, das heißt wortwörtlich gemeint, wie eine literarische Formel das sein kann, die nicht Befehl, Aufruf und Kommando ist, vielmehr auf literarische Weise versucht, politische Zusammenhänge darzustellen; dabei aber nicht nur mit Information arbeitet, sondern gleichzeitig mit dem unterschwelligen Reiz, dadurch einen »surrealistischen« Vollstreckungsbefehl zu erteilen, der weiß, daß er nicht vollstreckt werden kann: Der surrealistische Zynismus terrorisiert die Nerven der moralisch Ansprechbaren.“

Solche Sätze fand ich damals in den frühen 1990ern stark, als ich sie zum ersten Mal las, und ich finde sie bis heute spannend.

Karl Heinz Bohrer war nicht nur ein Literaturwissenschaftler, dessen Texte mich begeisterten, weil man sich an ihnen abarbeiten konnte, sondern ebensosehr ein streitbarer Essayist und zuweilen auch ein Polemiker, Polterer und scharf im Urteil. Solche Stimmen fehlen. Am 4. August nahm Karl Heinz Bohrer endgültig seinen Abschied vom so geliebten Jetzt. Ein Leben ging zu Ende.

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