Zum Tod von Bill Ramsey und jene wunderbaren 80er Jahre

Im April wurde Bill Ramsey 90 Jahre, nun ist er am 2. Juli gestorben. Ich kannte Ramsey zunächst nicht so sehr vom eigenen selbständigen Hören, sondern durch Erzählungen von der Jugendzeit meiner Eltern, die immer mal wieder seine eingängigen Melodien summten oder das Radio damals in den 1970ern lauter drehten, wenn der Humba-Tumba-Schokoladeneisverkäufer erscholl. Ich kannte jenen bärtigen Ramsey, weil die Eltern gerne von der Musik jener Jahre sprachen, jene Nachkriegsfünfzigerjahre und dieser Art von Musik, die eine gewisse Heiterkeit versprach und doch vom Musikalischen auch die Rockelemente aufgriff, so daß es tanzbar war. Man kann solches Erzählen und Erinnern als Abwiegeln und Verdrängen auffassen, man kann es aber auch als eine Möglichkeit sehen, Autoritäten und den Marschmusiksound der Väter aufzuweichen und ihnen mit witziger und lockerer Musik eins auszuwischen. „Mach doch mal diesen Negerjazz aus!“ hieß in jenen Jahren eine geflügelte Wendung, die als Aufforderung und Befehl an unsere damals noch jungen Eltern erging (zumindest war es beim Vater so: Arztsohn und angesehene Familie am Ort, bei der Mutter zum Glück nicht) – das Wort „Jazz“ dabei ausgesprochen wie das J in „Jacke“ und Jazz wie Hatz, mit harter Endung.

Ein wenig wieder zu Ehren kam Ramsey in jenen ironischen Musikrunden des Punk der frühen 1980er Jahre, wenn wir neben den üblichen Platten auf einer Party auch einmal von Gus Backus dessen herrliches „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ auflegten oder ein Stück von Bill Ramsey spielten, wie etwa die „Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe“, „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ (zu vermuten steht, daß die Bremer Punkband „Die Mimis“ daher auch ihren Namen hatte) oder eben jene „Souvenirs“. Schöne alte Zeit, mitten in Le Angst und Atomtod. Wir freuten uns und lachten zu solcher Musik, zumal man damit jene Musikpuristen ärgern und die Erwachsenen, die meist in Gestalt von 1968er-Lehrern auftraten, die mit solcher Musik nicht viel am Hut hatten, verwundern konnte, denn: Hier kommt das Wirtschaftswunder, das neue Wirtschaftswunder. (Und so nannte sich denn eine Punk/New-Wave Band auch „The Wirtschaftswunder“. Das Lied „Der Kommissar“ befindet sich hinter dem Link) Nur, daß das Wirtschaftswunder nicht mehr kam, sondern mit Ronald Reagan und Margaret Thatcher eine Form von Marktliberalisierung, die so tat, als sei es der Einzelne, auf den es ankäme.

Dennoch: die alten Kämpfe und die Ideologien der Marxexegeten, des Arbeitermarxismus und derer, die auf Revolution setzten, waren für die 1980er Jahre – zumindest für uns – passé. Mit Punk und New Wave kam ein neuer Blick in die Zukunft auf, Frankie Goes to Hollywood, Depeche Mode, The Cure, die Einstürzenden Neubauten und Anne Clark bereiteten eine neue Erotik und Ästhetik: Tanz in Ruinen, Darkrooms. Die alten Modelle von revolutionärer Veränderung funktionierten nicht mehr und hatten auch nicht funktioniert – zumindest nicht für westliche Wohlstandsländer, in denen man kaum eine Revolution der Landarbeiter oder der ausgebeuteten Industriearbeiter anzetteln, geschweige denn erwarten konnte: jeder deutsche Arbeiter verdiente in den 1980er Jahren mehr als er ausgeben konnte, die Kinder jener Schicht besuchten vermehrt die Gymnasien, und selbst in Ländern wie Italien und Frankreich, wo es zuweilen noch Zeichen von solchem Aufruhr gab, ging diese Rebellion wieder unter, da waren keine Revolutionen zu erwarten – was man bereits zum Ausgang der 1960er Jahre hätte ahnen können – und aufgrund solcher Diskrepanzen von Denken und Wirklichkeit dichtete Mitte der 1980er eine Hamburger Punk-Band in einem ihrer Songs die schöne Wortfolge „Freizeitguerilleros, Freizeitsombreros“. Es war alles ein Scherz, ein Lachen, es war vor allem nix mehr mit Revolution. Es war auch nicht mehr die „bleiernen Zeit“, frei nach Hölderlin und der Wiedergewinnung dieses großen Wortes für die schweren, trägen 1970er mit dem mächtigen Staat gegen die RAF – zumindest nicht in dieser Dramatik. Da war kein Blei, außer im Benzin oder in den Dienstwaffen der Polizei oder in den Heckler & Koch-MPs der RAF von der Suzuki herab. Aber es war auch kein Aufbruch. Das war das Erbe der 1970er am die 1980er Jahre.

Wir ahnten diese Aporie, wenngleich wir fleißig weiter Brecht, Sartre, Benjamin und Adorno lasen, und wir ahnten auch, daß die Latzhosenkreise, die Räucherstäblichen, die schwarzen Lederjacken mit Motorradhelm, das RAF-Kokettieren und die Leute mit dem Slime-Parolen in diesem Sinne eine nette Folklore waren, zu der wir aber als Politisierte doch irgendwie dazugehörten. Dennoch war es vorbei und ausgeträumt. Aber wir nahmen dieses „Vorbei“ nicht im Sinne von „Ton Steine Scherben“ mit ihrem „Der Traum ist aus“, sondern als einen mit Foucault damals gedachten „fröhlichen Positivismus“, im Negieren affirmierten wir, im Sinne eines ironischen Charakters, so wie sich junge Menschen ihr Denken aus Unterschiedlichem zusammenklauben, einer Art von „destruktivem Charakter“ auch, der lacht und wo ästhetisch beseitigt wurde, was politisch nun einmal der Fall war. Beuys und Kippenberger, Ramsey und Marc Almond. Dazu paßte auch der Humor der damaligen Titanic-Mannschaft: Neue Frankfurter Schule; die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche, doch die erste Banane gab es für Zonengabi noch nicht: daß die DDR ewig dauern würde, vermuteten wir, aber es war uns Wessis gleich. Am Ohr und am Puls der Geschichte war niemand, und niemand begriff, wo die tatsächliche Revolution demnächst stattfinden würde, wenn man diesen Sturz denn als Revolution bezeichnen möchte. Wir fanden es allenfalls bizar, dort in der DDR, in Ostberlin einmal für einen Tag einzureisen. Innerdeutscher Kolonialistenblick, ex post und dann realiter setzte sich dieser Blick 1990 bei vielen fort. Das Eigenständige und Kluge, das Großartige dort, diese Art von Subversion und Zwischen-den-Zeilen-Lesen begriffen wir Mitte der 1980er Jahre nicht im Ansatz. (Mir war es ein wenig durch die Musik aus den 1960ern von Biermann klar und weil ich mich für DDR-Kunst interessierte.)

Zeitszenarien. Doch „was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“. Wir aber dachten damals nicht für die Ewigkeit, sondern im Moment und Augenblick, wollten den Kairos fassen und bekamen ihn nur rudimentär beim Schopf. Und in solchem Sinne kann man diesen Ramsey-Text auch als Anschluß an jenen Jim-Morrison-Artikel von gestern lesen: jene seltsamen und jene wunderbaren Jahre, jene 1980er Jahre, die vor Krisenszenarien und Angstkommunikation nur so strotzten: von Le Waldsterben, über Le Atomangst bis hin zur Le Volkszählung (heute gibt man bei jedem Internetbesuch auf bestimmten Seiten mehr von sich preis als mit allen Fragen der Volkszählung zusammen, von bestimmten sozialen Medien ganz zu schweigen, die einen bis in die privatesten Lebensgewohnheiten aushorchen.) Und wer je das Melancholisch-Totenliedhafte, aber auch das mit religiöser Widerstandsinbrunst gesungene von „Wehrt Euch, leister Widerstand“ noch im Ohr hat, (gesungen zur Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“ und als Kinderlied gedacht), mag sich ein wenig von dieser Zeit und ihren Ängsten vergegenwärtigen. Insofern verhält sich ein Großteil jener Generation gegenüber den von der Generation Greta-und-Luise gemalten Zeichen und Menetekeln eher gelassen – wenngleich diese Relationierung nicht gegen ihre Bedenken spricht. Wir standen vor der atomaren Auslöschung, und Tschernobly 1986 war real und grausig.

Ramseys Musik war dazu eine Gegenmusik – statt dieser Betroffenheit nun Schlager – und sie gehörte in diesem Kontext zu dem, was man später dann Fun-Punk nannte. Nachfahren Ramseys waren, wenngleich mit härterem Sound und schärferen Texten, sicherlich „Die Ärzte“, die sich als Punkband Anfang der 1980er Jahre in Berlin gründeten. Insofern spielte Bill Ramsey für uns zwar keine zentrale Rolle, aber über diese Art von heiterer Musik, die man ernst nahm und dann wieder doch nicht so ganz, in der Haltung von Ironie und gleichzeitig der Provokation, war Ramsey dennoch ein Teil dessen, was man unter der Rubrik „Spaßpunk“ abhandelte und was dann fünfzehn Jahre später mit Gildo Horn und einem neuen Schlagerrevival salonfähig wurde. Vorreitende 1980er Jahre.

„Jazz in der Bauchtanztruppe“, so betitelte der taz-Journalist Jan Feddersen seine Würdigung zu Ramseys Tod:

„Für Musik interessierte er sich immer – und wie es sich für viele US-Amerikaner seiner Generation gehört, waren seine Vorbilder keine Weißen, sondern schwarze Musiker, Heroen wie Nat King Cole, Duke Ellington und Count Basie. Bill Ramsey liebte den Jazz inbrünstig, die Kunst der Phrasierung, der tonalen Umwidmung melodisch fester Strukturen.

Anfang der Fünfziger Jahre kam er in die Bundesrepublik, hier hatte er seinen Wehrdienst zu absolvieren. Trat in Jazzkellern auf, etwa in Frankfurt am Main und auf Festivals. Als Angestellter des US-Soldatensenders AFN war er durchaus privilegiert.

Jetzt ist der Sänger und Entertainer Bill Ramsey iim Alter von 90 Jahren gestorben. Das teilte seine Familie der Deutschen Presse-Agentur mit.

Berühmt wurde er allerdings durch Kracher in einer Sorte Musik, die er nicht ganz so sehr liebte: dem Schlager. Aber er brachte ihm nun mal Ruhm und viel Geld. In den Sechziger Jahren war Ramsey eine der Leitfiguren dieses Genres, das schon aus kommerziellen Gründen, also der Not stets Abwechslungsreiches bieten zu müssen, das der größten Diversity war.“

Womöglich haben Songs wie die von Bill Ramsey mehr zur sogenannten Re-Education der Deutschen nach dem Dritten Reich und zu jenen ideologischen Lockerungsübungen beigetragen als mancher mahnende Zeitungstext. Vor allem aber ist die Bedeutung des Radios und solcher Sender wie AFN, dem US-amerikanischen Soldatensender, nicht zu unterschätzen. Die Generation der in den 1940er Jahren Geborenen hing vor den Radiogeräten, drehte am Frequenzrad und horchte auf. Spielte den Sound lauter. Bill Ramsey machte solche Rock-Musik in einer gemäßigten, deutschen Form salonfähig auch fürs deutsche Radio.

2 Gedanken zu „Zum Tod von Bill Ramsey und jene wunderbaren 80er Jahre

  1. Die Achtziger Jahre waren für uns völlig anders. Sicher, die Altmarxisten und MLer fanden wir peinlich, vor allem unästhetisch, und die allumfassende Ironie drückte sich aus in Fehlfarben „Paul ist tot, kein Freispiel drin“, und unsere subversive Gruppe nannte sich „Zelle Paul“.

    Wir hörten die gleiche Musik wie Ihr, neben Doors, Scherben, Slime, Cochise und Swinging Mescalero, und Heavy Metal. Slayer, Kreator, Motörhead, den passenden Film dazu, Eat the rich.
    Aber im Großen und Ganzen wollten wir es den 68ern, diesen Losern, zeigen und konsequenter sein als sie, wenn auch mit witzig-ironischem Beiprogramm. Wenn andere „Wehrt Euch, leistet Widerstand“ sangen skandierten wir „Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland“, und das meinten wir wörtlich: Für Castor-Transporte und NATO-Manöver sollte die Umgebung Feindesland sein. Dem am Straßenrand abgestellten Chieftain Schnellbeton in die Raupenketten.

    Eine andere Lieblingsparole lautete: „Auf die Yankees volles Rohr, Waffen für EL Salvador!“, das hörte sich nicht nur gut an, wir meinten das so, sammelten Geld für diese Waffen, und einige meldeten sich als Brigadisten.

    @“ zumindest nicht für westliche Wohlstandsländer, in denen man kaum eine Revolution der Landarbeiter oder der ausgebeuteten Industriearbeiter anzetteln, geschweige denn erwarten konnte: “ —- Und weil das so war gingen wir davon aus, dass die Revolution nur vom Trikontinent ausgehen konnte, die Aufgabe der Revolutionäre hier, „im Herzen der Bestie“, war es, den globalen Aufstandsbekämpfungsapparat zu behindern, abgesehen davon, dass wir uns mit der Zweidrittelgesellschaft beschäftigten und die Neuen Armen mobilisieren wollten, die Leute ansprachen, die in Mülltonnen wühlten. Viele von uns kamen selbst aus dem Ahi- und Sozi-Sektor.

    In der ersten Hälfte der Achtziger brachten Friedens- Anti-AKW- Häuserkampf- und sonstige sozialen Bewegungen ja zusammen zehnmal mehr Leute auf die Straße wie 68, und wir hofften, dass daraus eine revolutionäre Bewegung erwachsen könnte.Ich hatte seit ich 17 war türkische, arabische, kurdische und iranische Exilanten mit Guerrillaerfahrung in meinem Bekanntenkreis, Peshmerga und Fedayin, und das waren meine Vorbilder.

    Unmittelbaren Terrorismus lehnten wir ab, wir wollten es anders machen als die RAF, aber dieses „anders machen“ setzte eine bestimmte inhaltliche Nähe voraus.

    Einige von uns sahen Anfang der Achtziger den Zusammenbruch der DDR voraus und schrieben Widervereinigung von Links auf ihre Fahnen, ein neutrales atomwaffenfreies Gesamtdeutschland und damit der US-Militärmaschinerie ihr Standbein in Europa weghauen. Das wäre vielleicht unsere echte historische Chance gewesen, die scheiterte aber schon am Widerstand in den eigenen Reihen, vor allem am KB, aus dem später die Antideutschen hervorgehen sollten.

    Die Punks bei uns trugen auf den Rücken ihrer Lederjacken mit Stahlnieten getackerte Parolen wie „Ich bin stolz, ein Arbeitsloser zu sein“ und „Kill a Yank.“

  2. Ich denke, es hängt sehr davon ab, in welchen Kreisen man sich bewegte, um dieses oder andere Szenen wahrzunehmen. Mir sind diese von Dir geschilderten Modelle zwar aus der Wahrnehmung bekannt, aber es war dies nicht die Art von Politik, die mich interessierte, und angesichts bestimmter Leute in dieser Szene war es mir am Ende lieber, daß all das eine Randerscheinung bleibt. Ich fand es vom Zusehen, also aus ästhetischen Gesichtspunkten her, interessant, aber nicht als Praktik. Wobei ja die offizielle Seite, also das, was man politisch in den 1980ern erlebte, alles andere als erfreulich war, und insofern galt zwar manchem dieser linken Projekte eine hohe Sympathie, aber dabei blieb es dann bei mir auch. Und für die Demos hatte ich mir die perfekte Position gewählt: die des Beobachters, der mitgeht und doch nicht mitgeht, nämlich der Photograph.

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