„Night divides the day“ – Jim Morrisons 50. Todestag

Vor 50 Jahren verstarb in Paris Jim Morrison. Man sagt, Morrison sei an einer zu hohen Dosis Heroin in einer Wohnung in der Rue Beautreillis verendet. Mit dem Heroin wollte er sein Asthma beruhigen. Ein Asthmatiker wie Proust. Es erwies sich als schlechte Idee. Proust lebte und schrieb länger: legendär sein Versuch, noch den Tod und das Sterben in Literatur festzuhalten und in diesem Sinne zu bannen. Das Leben kann kurz sein und so konnte Jim Morrison viele nicht mehr vollenden oder weitermachen. Ein Leben wie Mick Jagger, beide der gleiche Jahrgang 1943, war ihm nicht beschieden: einer jener aus der Truppe „Poprock in Concert“ der mit 27 Lenzen Gefallenen: „Live fast, die young!“, so ging das Motto der Bohème. Nur hat der Rebell am Ende nicht viel davon, wenn er das Leben in vollen Zügen auskosten will. Der Zug reichte bis 27. Man sagte, daß Jim Morrison ein schlechter Sänger, aber ein guter Dichter sei. Das mag stimmen. Freilich: ich war nie ein besonders großer Doors-Fan, und ich muß sogar sagen, daß ich die Doors in den 1980er Jahren verachtet habe, weil das für mich Hippiepack war, wie ich es damals formulierte – sie selbst eigentlich gar nicht so sehr, aber doch ihre Fans. Auch das Gedudel dieser Doors-Orgel und das Gleiten der Gitarre waren nicht meins: dieses immer weiter und länger schweifende Düdeln und Klimpern ärgerte mich. Und das Gefasel derer, die fanhaft die Doors hörten, war ebenfalls nicht erbaulich. So verachtete ich also in den jungen Jahren des Punk die Doors, mußte jedoch damit leben, daß mancher meiner Freunde diese Musik mochten, besonders die weiblichen; und wer zu Frauen will und nicht nur lesen und debattieren über Musik, der muß manchmal gute Miene zum bösen Orgelspiel machen.

Das Grab von Jim Morrison befindet sich in Paris auf dem Friedhof Père Lachaise. Als ich 1985 zum ersten Mal in dieser Stadt weilte, besuchte ich zunächst nur die Friedhöfe Montmartre und Montparnasse – wegen Heinrich Heine, Sartre und Baudelaire und wegen Becketts Grab. (Nein, reingelegt, Leser: Becketts Grab gab es noch gar nicht, der starb erst 1989, und an diesem Grab war ich dann, um den Toten und den Helden zu ehren, erst im Jahr 2016, auch dazu werde ich hier vielleicht noch eine Geschichte erzählen. Aber nicht jetzt.)

Das erste Mal auf den Père Lachaise ging ich 1988 mit einer Freundin und dazu zwei ihrer Freundinnen, die sie mitbrachte. Ich kam mir beim Gang zu Morrisons Grab vor wie in Prousts Albertinen-Schar. Als einziger Mann und als Jim-Morrison- oder vielmehr Doors-Verächter. Während die eine der Freundinnen-Freundin bei der Metrofahrt zur Grabstätte andauernd von ihrer Spirale sprach, die sie sich zur Verhütung hatte implantieren lassen, und wie gut das sei und ich schon bereute, überhaupt mitgekommen zu sein, weil ich, da ich damals sehr noch im hohen Ton von Literatur und erlesenen Gesprächen schwelgte, nicht an Muschi-Gerede und Kupfermaterial in Vaginas interessiert war, wobei andererseits durch meine intensive Henry Miller-Lektüre, die ja ausgezeichnet auch zu Paris paßte, mich dieses Thema zugleich doch wieder voyeuristisch und auf der Suche nach Sexualität und Wahrheit fesselte, aber nur eben nicht von dieser Frau in dieser Stimmlage und in dieser Art des Sprechens vorgetragen: so erreichten wir die Metrostation Père Lachaise, wir stiegen aus und die jungen Frauen stoppten sogleich im Gang an einem Verkaufsstand mit Ringen, Schmuck und Tand, so wie eben Frauen gerne solche Dinge sich betrachten. Talmi-Kram, Tallois. Aus Spaß zog auch ich einen Ring mir über den Finger und hielt ihn der Freundin mit Lust am Spiel unters Gesicht: „Beuge Dein Haupt und küsse den Ring des Herzogs von Orleans!“ Sie lachte spöttisch, wie es ihre Blondes-Mädchen-lächelt-spöttisch-Art war. Die Höckersfrau, die da im Metro-Gang an ihrem Stand hinter dem Klapptisch hockte, schaute skeptisch. Ich zog den Ring wieder vom Finger, um ihn in die Auslage zu legen, zumindest versuchte ich es. Allein: der Ring wollte nicht, er ließ sich nicht lösen, er stoppte, hakte, harrte. Die Finger hatten sich wegen des Ringspiels gedehnt, Blut und Säfte machten den Finger sperrig, und ich zog und zog, aber das machte es nicht besser und das machte mich wiederum unruhig, denn ich hatte nicht vor, diesen Ring zu kaufen, zumal meine Reisekasse knapp war. Und ich hatte noch weniger vor, ihn mir vom Finger sägen zu lassen. Da trat Spiralmadame heran und zog aus ihrem Täschchen eine Art Vaseline-Crème, mit der sie meinen Finger und den Ring in unnachahmlicher Akkuratesse berieb. Sie streifte, rieb, drehte und zog und siehe – er löste sich. Und befreit atmete ich durch und schenkte der Dunklen ein Lächeln. Maliziös und fischig, so daß es unklar blieb, ob ich nun dankbar oder gleichgültig dachte. Der Ring aber war ab und sie legte ihn wieder in die Auslage. Der Händlerin war ein Geschäft entgangen.

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

Wir aber gingen nun auf den Friedhof, um Gräber zu schauen. Dazu hatte ich aus einem meiner Bücher – nämlich dem Bildband über Pariser Friedhöfe „Zum Sterben schön“ – den Lageplan der Gräber kopiert: da, wo all die Berühmten ewig ruhen und wo sie uns Lebenden nicht mehr entwischen können, damit wir Blumen, Gebinde oder andere Grabgaben ablegen, für jene Dichter, Musiker, Schauspieler oder Maler, die wir verehren. Symbolisches Tun oder Tausch, Pose oder Posse – je nachdem. Die Frauen wollten zuerst – naturgemäß – zu Jim. Was für mich bedeutete, daß wir danach weder zu Proust, noch zu Balzac, noch zu Oscar Wilde noch gehen würden, denn wenn das Betrachten von Jims Büste vorbei, käme der Kaffeedurst oder ein dringend notwendiger Toilettengang oder irgend eine andere Sache, um all die anderen Gräber, die ich gerne gesehen hätte – so auch das Mahnmal für die Pariser Kommune – nicht sehen zu müssen. Aber mir war es gleich, ich würde sowieso noch einmal und am besten nur für mich auf diesen schönen Friedhof gehen wollen, um verschiedene Zwiesprachen zu halten.

Das Grab von Jim Morrison hätten wir auch ohne Plan finden können, weil dort eine Horde von Hippies und trüben Gestalten mit Bier und Wein und Dope lungerte und trauerte und irgendwas faselte, Jungs und Mädchen, und sie riefen, sangen und lärmte. Sie betranken sich, sie redeten und hockten vor ihren Kerzen. Revolte aus zweiter Hand. Poprock aus zweiter Hand, Leben aus vierter Hand. Wir gesellten uns dazu, betrachteten die mit Sprüchen und Farben und Kritzeleien beschmierte Büste des armen Mannes, in dessen Mund eine Zigarette steckte. Wir verharrten einige Zeit vor dem Grab und ich wußte ab diesem Moment endgültig, weshalb ich die Doors, Jim Morrison und vor allem seine verschmutzten Fans nicht mochte. Daß jene lärmenden Gestalten ebenfalls Deutsche waren, hörten wir an ihren Unterhaltungen. Man ist nirgends vor seinesgleichen sicher, dachte ich mir, und ich wünschte mir Schüsse aus dem Hinterhalt; vielleicht von einem alten Résistance-Kämpfer, dem es zu bunt wurde und der sich, wie so ein Japaner auf einer der abgelegenen Inseln hier versteckte und der nicht mitbekommen hatte, daß der Krieg schon lange vorüber war, denn so vielleicht träte aus einem der Grabdenkmäler plötzlich ein tapferer Mann mit Karabiner, um die Lärmenden zu vertreiben und am besten zu beseitigen, damit sie in die Höllenschlünde führen, die ja auf den Pariser Friedhöfen zuweilen anzutreffen sind. Das aber geschah nicht.

Irgendwann gingen wir. Auch die Gruppe der schmutzigen Hippies verließ nun mit uns das Grab. Sie tanzten und grölten über den Friedhof, sangen, die Allee entlang, riefen, dort wo alte Französinnen in Schwarz gekleidet auf einer Bank saßen, in Andenken und Erinnerungen versunken, und die alten Frauen schauten entgeistert, traurig und angewidert. Sie schüttelten die Köpfe. Und mir war es peinlich, unangenehm und entsetzlich, daß wir, die Deutschen, so über diesen Friedhof zogen. Bis ich schließlich diesen Hippies zurief, daß sie sich hier nicht anders benähmen als die Wehrmacht 1940 in Paris. Die Schmutzigen fanden das weniger witzig und drohten mir Prügel an. Als aber jene Freundin, der ich in der Metro den Ring zum Küssen reichte, die Drecksbande in scharfem Französisch anfuhr, denn sie sprach, anders als ich, perfekt diese Sprache, da ward Ruhe und die Hippies schlichen sich.

Diese Szene sowie jenes sinnfreie Gerede der Hippiefreunde zu Schulzeiten: all diese Umstände machten mir die Doors nicht sympathischer. Daß diese Phrasen und dieses Gehabe mit Jim Morrison nicht viel und eigentlich gar nichts zu tun hatten, denn Morrison war kein Hippie, war auch mir zwar klar, aber ich konnte doch meine Abneigungen nicht im Zaum halten und dies färbte auch auf die Musik ab.

Das erste Mal freilich merkte ich auf, als ich Mitte der 1980er im Kino den wunderbaren Film „Apocalypse Now“ sah. Da paßte diese Musik plötzlich, das mußte auch ich zugeben: „The End“ und wie da Captain Willard auf dem Bett im tropischen, heißen Vietnam irgendwo in einem Hotelzimmer lag, schwitzend, denkend, auf einen Auftrag wartend, und Willard liegt da, sein Blick auf die Zimmerdecke gerichtet, auf den sich ewig drehenden Ventilator und wie sich aus diesen Ventilatorflügeln mit einem Male die Rotorblätter des Hubschraubers herauswinden, so meine ich mich zu erinnern, das herrliche und zugleich martialische Dröhnen des Motors, dazu dieser seltsame, dramatische und sich zu einem Sturm steigernde Sound der Doors: das war stark, das beeindruckte mich in dieser Verbindung von Bild und Ton: das besaß ästhetische Intensität. Und so schlich sich beim Sehen und Hören eine Ambivalenz ein, die zwar dann durch die schmutzigen Deutschhippies wieder ins Negative getrübt wurde. Aber manche Klänge blieben doch haften und begeisterten. Hier waren die „Doors“ ein gelungener Auftakt – auch weil diese Musik die Verbindung von Pop und Krieg illustrierte: was dann anders herum auch wieder die Musik inspirierte, wenn sie methodische Auslöschungen des Gegners und damit auch zugleich der Bevölkerung Vietnams zum Anlaß eines Musiktitels nahm: man erinnnere sich an das von Iggy Pop und den Stooges vorgetragene „Search and Destroy“.

Eine weitere Lockerungsübung im Blick auf die Doors brachte einige Jahre später, 1991 oder 1992, Oliver Stones Doors-Film. Diese Verbindung von Bildern und Musik, dieser Ton, dieser Satz „No One here Gets out Alive“ versöhnte mich mit den Doors. Das war auch auf der ästhetischen Ebene, weil in Bilder überführt, eine interessante Weise der Brachialgewalt. Von Zeit zu Zeit höre ich die Doors aus diesen Gründen gerne – was auch damit zu tun haben mag, daß diese Musik mich an eine längst vergangene Zeit erinnert, die manche die Jugend nennen.

64 Gedanken zu „„Night divides the day“ – Jim Morrisons 50. Todestag

  1. Wir hatten die gleiche Idee, ich hatte Morrisons Tod auf meinem Blog auch gerade gewürdigt. Im Gegensatz zu Dir war ich glühender Doors-Fan. Und mit Hippies hatten die Doors definitiv nichts zu tun, in „Five to one – no one here get´s out alive“ hatte sich Jim Morrison ostentativ über die Hippies lustig gemacht. Subkulturell standen die Doors zwischen Yippies – einer Bewegung, die sich aus den Hippies weiterentwickelt hatte, ästhetisch noch dazu gehört, aber das love-and-peace-Softietum verachtete und sich als explizit politische, am ehesten anarchistische Bewegung sah – und Freaks, dem härteren, in Richtung Drogenszene einerseits und Rocker andererseits ausfransenden Teil der Subkultur. Hippie-Musik, das war Jefferson Starship, Greatfull Dead und Janis Joplin, während die Doors damals unter Hardrock gelabelt worden. Ray Manzarek sagte einmal, wenn heute eine Band mit dem Spirit der Doors spielen würde würde sich das anhören wie eine Mischung aus Pink Floyd und Heavy Metal, und die ehesten Erben der Doors wären Blue Oyster Cult gewesen.

    Ich kenne auch diesen Punk-Hippies-Antagonismus nicht, in meiner Jugend, genauer gesagt in der linken Szene zu der ich als Oberstüfler und Student gehörte ging Freaktum und Punk fließend ineinander über, mit Headbangertum mittenmang dazwischen. Lange Haare, wilde Bärte, Suzy-.Quattro-Schnitt bei Frauen, Streifenjeans, Chucks ebenso wie Bundeswehrstiefel, Hein-Gericke-Lederjacken, Palitücher, bunte Kettchen, Musikprogramm Doors-TonSteineScherben – Ramones – Dead Kennedys-Tracy Chapman – Rai.

    https://che2001.blogger.de/STORIES/2815370

    https://che2001.blogger.de/STORIES/1438243/

  2. Die Doors sind auch keine Hippie-Band, würde ich sagen, wurden aber zu meiner Zeit von vielen 1980er Hippies, also eigentlich eher einer Retrobewegung, gehört. Bei uns (bzw. in unserem Kreis) war Punk/Hippie ein starker Gegensatz, zumindest auf der Seite der Punks. Und es gab sogar eine Fraktion, die sagte, daß jene, die Slime hörten, eigentlich noch die verkappten Polit-Hippies sind., die nur wie Punks aussähen. Teils ging das Punk-Hören auch über in Soul-Richtungenoder he Bangles. Dann auch Marc Almond noch. Eigentlich eine bunte Mischung, je nachdem, in welcher Gruppe man sich gerade aufhielt. Da ging zugleich vieles durcheinander und vieles diente einfach nur der popkulturellen Distinktion und das Schimpfen darauf dem Distinktionsgewinn. In unserem Punk-Kreis war z.B. Sweet mit „Teenage Rampage“ beliebt, aber auch und vor allem T Rex. Beim Punk teilte sich das nochmal in die Politszene, und diese Leute hörten dann auch die Scherben und Slime und trugen eben jene schwarzen Motorradlederjacken und Pali-Tücher. Und eher einem Punk, der sehr mit der Philosophie daherkam und dann teils in Richtung Einstürzende Neubauten. F.S.K. oder Throbbing Grisle und Industrial ging, von der Theorie dazu Walter Benjamin vor allem und dann die französischen Denker wie Foucault und Deleuze. Und wenn man bedenkt, daß eine Band wie Pallais Schaumburg auch aus der Punk-Ecke kam und die zugleich von den Siff- und Crass-Punks hart angegangen und mit Flaschen beworfen wurden, weil man die für Popper hielt, da mischte sich vieles, und mit Purismus kam man am Ende nicht weiter, außer eben, um sich abzugrenzen. Auch die Neubauten waren aus dieser Hardcore-Punk-Ecke Anfeindungen ausgesetzt und das galt als Intellektuellenscheiße – schon Anfang der 1980er Jahre.

  3. Popkulturell und popsoziologisch kann man da ganze Theorien anschließen. Und aus gutem Grund, eben weil es nicht nur einfach darum ging, Musik zu hören, sondern mit solcher Musik auch noch ein bestimmtes Denken und sogar Theorie zu verbinden, gleichsam in einer Art Post-68er Reflex, gab es dann ab 1980er auch eine solche Zeitschrift wie Spex, und Musikkritik fragte zugleich, ähnlich wie auch die Kunstkritik es tat, nach avancierter Musik: ein Feld also, wo sich Kunsttheorie, Musik und Unterhaltung, Kulturindustrie und E-Musik und zugleich subversives Denken verbanden. Und darin ging es dann auch darum, sich von bestimmten Musiktraditionen, etwa dem Bombastrock oder Genesis und Pink Floyd abzusetzen: die waren in Punk-Kreisen bei uns noch verhaßter als die Doors.

    Da mischte sich in dieser Zeit der frühen 1980er plötzlich etwas: man wollte zur Musik tanzen und viele wollten zugleich auch Musik selber machen, Bands schossen zu jenen Punkzeiten aus dem Boden, man wollte aber auch über Musik sprechen und sie nicht nur konsumieren. Und zugleich auch neue Musik entdecken, was ja mit so Sachen wie Techno, Hip-Hop und House auch geschah und was eine Musik war, die teils quer zum Punk stand und doch begann man, Unterschiedliches zu hören. Um diesen ganzen Kosmos von Musik und Pop auszufalten, kann ich nur von Diedrich Diederichsen das Buch „Über Pop-Musik“ empfehlen.

    Um es mal mit Diederichsen zusammenzufassen: „Wir wollen Pop-Musik so verhandelt wissen wie die anderen kulturellen und politischen Gegenstände, mit denen wir uns beschäftigen. Voraussetzungsreich, komplex und, ja, geradezu verbissen ernst. Die Organe der allgemeinen kulturellen Öffentlichkeit haben sich seit einigen Jahren für das Schreiben über Pop sehr weit geöffnet. Aber dort gilt Pop als der Gegenstand, über den man locker, heiter und ironisch zu reden hat. Beim dem es keine Standards außer persönlichem Geschmack und Erinnerungen gibt. Zu dem auch der Chefredakteur mal über seine Schulzeit plaudern darf. Hinzu kommt, dass Lockerheit, Ironie und al-neuer Ego-Journalismus sowieso Konjunktur haben.“ (Diederichsen, Musikzimmer)

    Müßte ich eigentlich nochmal einen ganzen Artikel zu schreiben und diese Kommentare hier extra als solchen posten, weil diese 1980er Jahre in diesem musik- und popkulturtheoretischen Sinne sehr aufschlußreich sind. Dazu auch vor ein paar Wochen erschienen das Buch von Jens Balzer „High Energy. Die Achtziger – das pulsierende Jahrzehnt“.

  4. Kann Dich nur ermuntern den Artikel zu schreiben.

    Ex post, vor allem für Leute, die der betreffenden Generation nicht mehr angehören, erscheinen zum damaligen Zeitpunk wesentliche Unterschiede tatsächlich als nivelliert. Ob zwischen Hippies, Yippies und Freaks oder Punks, Streetpunks, Psychobillys und Wavern. Wir kennen ja auch jemanden, der in dem Zusammehang Disco für schwer progressiv hält und mit 40+ die ideologischen Unterschiede zwischen diesen Richtungen noch genauso wichtig nahm wie wir mit 17;-)

  5. Wenn ihr euch mal wirklich gute Musik antun wollt, empfehle ich:

    Aufgenommen Februar 2020. Die >Musiker sind inzwischen alle über 50, aber ich sehe aktuell niemand, der denen das Wasser reichen kann.

  6. Das ist leider so gar nicht meines, zumindest nicht auf den ersten „Blick“, da höre ich lieber Pearl Jam und Niwana und Hole vor allem. Oder noch besser: Tool

  7. Musikvorlieben sind eben etwas sehr individuelles, abhängig vom Temperament und der musikalischen Sozialisation. Und sie ändern sich auch mit der Zeit….

    Ich hatte übrigens mal eine Vinyl-Schallplatte, auf der Jim Morrison seine Gedichte las, gefile mir gut.

  8. Daß Musikvorlieben etwas Individuelles sind ist zu pauschal und darin erschöpft sich das Hören von Musik auch nicht und schon gar nicht die Musikkritik. Wenn es um bloßen Geschmack geht und um eingängige Melodien, dann mag das so sein. Aber dann haben die Doors auch nichts der Helene Fischer voraus. (Übrigens sagen ja in der Regel auch die sogenannten Geschmackshörer, daß die Gruppe X musikalisch besser sei als die Gruppe Y, und dazu eben müssen sie dann auch Kritereien liefern können, sonst ist es nämlich kein ästhetisches Urteil über die Qualität, sondern bloßer Geschmack – der meist einer am Eingängigen ist: was im übrigen nicht schlimm ist, wenn man das auch zugibt und nicht Banales oder Normales als Hohes und qualitativ Besseres aufpimpt. Da liegt meist das Problem gegründet.

    Wenn es jedoch auch um die musikalische Qualität geht, dann können wir von besserer und von schlechterer Musik sprechen. Und dazu kann man das oben genannte Diederichsen-Zitat in Anschlag bringen. Aber dann befindet man sich auch bereits in den Regionen der Musikkritik, die mit Gründen argumentiert und nicht einfach mit Hörergefallen, weil man einen Rhythmus oder eine Melodie schätzt.

  9. Wir haben doch darüber schon diskutiert. Weder du noch Diederichsen nennen irgendwelche halbwegs objektiven Kriterien zur Beurteilung von Musik. Für mich ist das kein Problem, ich verfüge über diese Kriterien. Harmonien, Rhythmen, Melodien, Qualität des instrumentalen Vortrags, Stimmqualität usw., alles objektiv überprüfbar, und da gilt das komplexere mehr als das Einfache, und deshalb sind die Doors besser las irgendwelcher Punk, egal ob die Musiker und deren Publikum sich als große Revolutionäre fühlten. Und Dream Theater ist die aktuell beste Band von denen die ich kenne. Wobei die subjektive Komponente natürlich immer vorhanden ist (es gibt Bands die noch kompliziertere Musik spielen als Dream Theater, mir aber weniger gefallen, auf Grund einer Vorliebe für die Stimme des Sängers oder den Anschlag des Gitarristen).

  10. Nein, darüber haben wir eben nicht diskutiert, und es besteht ein Unterschied zwischen der hier genannten Anforderung Kriterien zu nennen und dem Nennen von Kriterien in einer konkreten Kritik. In diesem Kontext ging es um ersteres und nicht um letzteres; und ich habe Dir zudem auf Deinen Satz geantwortet, daß Musikvorlieben etwas sehr Individuelles seien und dargestellt, weshalb man das in solcher Allgemeinheit nicht sagen kann, weil man sich damit nämlich einen Haufen Denkprobleme einhandelt. Wenn das Urteil nämlich etwas bloß Individuelles wäre und jeder so seinen Geschmack habe, bräuchte man nicht mehr über Musik zu diskutieren. Das ist auch ganz in Ordnung, wenn jemand zu Hause seine Musik auflegt: ob das nun Schlager oder Funk oder HipHop ist. Da gibt es wenig zu diskutieren. Diskussionswürdig wird es erst, wenn jemand ästhetische Qualitätsurteile abgibt, warum die Band X besser als die Band Y ist.

    Weiterhin: Harmonien, Rhythmen, Melodie sind keine Kriterien. Dann wäre nämlich Helene Fischer qualitativ hochwertige Musik. Schöne Melodien, eingängiger Rhythmus und harmonische Darstellung. Es muß also etwas anderes noch hinzutreten, das innermusikalisch ist.

  11. Nach welchen Maßstäben Unterhaltungsmusik zu bewerten ist, das ist wirklich eine schwierige Frage. Stücke, die den Musikern viel musikalisches Können abverlangen, können gleichzeitig äußerst öde und bemüht wirken… und sie können daran scheitern, dass sie oftmals so gar nicht „eingängig“ sind, während auffällig minimalistische Stücke mitunter direkt ins Schwarze treffen.
    Das ist für meinen Eindruck beispielsweise bei folgendem Stück der Fall:

    …Ein sehr minimalistischer und gleichzeitig sehr starker Song, weil der Text irgendwie geheimnissvoll und unergründlich ist und Raum für Interpretation lässt und die Musik in ihrer Einfachheit trotzdem einen Nerv trifft (bei mir zumindest)
    Ich weiß, du hasst dieses Attribut, aber mich „berührt“ „Das letzte Biest“ auch nach dem zwanzigtausendsten Mal hören noch;)

  12. @Partyschreck: Das ist in der Tat ein interessantes und gutes Beispiel für eine solche gelungene Kombination verschiedener Elemente – auch innermusikalisch im Ouevre der Neubauten, da dieses Lied den Übergang zur Platte „Haus der Lüge“ setzt.

  13. Und ich denke, dagegen kann man nicht viel einzuwenden haben. Bißchen andere Bildästhetik noch und ein paar Veränderungen am Metrum: und ab geht die Luzie!

    Ansonsten aber „Walzer für Charles Sealfield“ (von der genialen Platte „Original Gasman Band“, ich glauben 1988), und das ist wirklich sehr gut: F.S.K: Deutsch-amerikanische Musikfreundschaft: Gejodelt wird nämlich vor allem in den USA: „Deutschland liegt in Texas!“

  14. Du meinst also allen Ernstes, mit Adornos Theorie über Jazz von 1936 könne man beurteilen, was „avancierte Rockmusik“ ist?

    Besser als die Ramones ist Helene Fischer übrigens allemal.

  15. Zunächst mal sollte man überhaupt kennen und gelesen haben, was Adorno schrieb. Die beste und sinnvollste immanente Kritik an Adornos Jazz-Aufsatz formulierte Diedrich Diederichsen in seinem Buch „Über Pop-Musik“. Vor allem hat Diederichsen begriffen, was Adorno schrieb – was man eben nicht von jedem sagen kann.

    Nein, besser als die Ramones ist Helene Fischer nicht. Aber das hat andere Gründe als Du denkst, wenn ich Dein bisheriges hier nehmen. Du schriebst „ich verfüge über diese Kriterien. Harmonien, Rhythmen, Melodien, Qualität des instrumentalen Vortrags, Stimmqualität usw., alles objektiv überprüfbar, ,,,“ antwortete ich Dir auf diese viel zu abstrakte und viel zu allgemeine Bestimmung mit Helene Fischer als Hinweis: daß nämlich alle diese von Dir genannten Dinge auf die Musik von Fischer zutreffen. Insofern und also muß es als zu den von Dir genannten Aspekten noch ein anderes, hinzutretendes Kriterium geben.

  16. Na dann vergleich mal die Harmonien von „Atemlos durch die Nacht“ mir denen von „Paralyzed“ von Dream Theater.

    https://musescore.com/jonasblumenberg/scores/2140086

    https://chordu.com/chords-tabs-dream-theater-paralyzed-official-animation-video–id_WAbiQvDlwtk

    Ich denke die Unterschiede liegen auf der Hand. Helene Fischer bewegt sich (ähnlich wie die Ramones) eng im Schema von Tonika-Dominante und Subdominante plus parallele Molltonarten, ganz wie in dem von dir verlinkten Text über „avancierte Rockmusik“ beschrieben, während Dream Theater zahlreichen von diesem Schema abweichende Akkorde verwenden. Bei Fischer gibt es keinen Rhythmus Wechsel, kein Instrumentalsolo, die gesamte Musik ist elektronisch erzeugt (das Spiel individueller Musiker ist nicht erkennbar). Und das ist alles das gleiche? Na ich weiß nicht.

  17. Genau: man muß Kriterien angeben können und dazu reicht es nicht, abstrakt Begriffe in den Raum zu stellen – dazu noch Begriffe, die derart allgemein sind, daß sie alles und nichts umfassen. So wie Schönheit – analog zu Harmonie oder Rhythmus – keineswegs per se ein Begriff ist, der ein Kunstwerk als gelungen ausweist. El Grecos Gemälde kann man nicht im klassischen Sinne als schön bezeichnen und gleiches gilt für Stücke, die nicht harmonisch sind, die aber wie Bergs Wozzek ästhetisch dennoch gelungen sind, oder wie Hendrix‘ Spiel auf der Gitarre alles andere als Harmonien enthält und darin dennoch im Bereich des Pop ein innovatives Element liegt. Insofern ist es nämlich erforderlich, Hinsichten anzugeben. Und auf genau diese Hinsichten und die Ausleuchtung der Aspekte kommt es in der Musikkritik an, und da helfen nun gerade keine allgemeinen Begriffe wie Harmonie, Melodie oder Rhythmus. Harmonien enthält eben auch Helene Fischers „Atemlos“.

    Helene Fischer bewegt sich (ähnlich wie die Ramones) eng im Schema von Tonika-Dominante und Subdominante plus parallele Molltonarten, …“

    Leider ist auch das kein Kriterium fürs Gelingen, sondern Dein Privatgeschmack. Warum die Ramones etwas gemacht haben, was innovativ ist, kannst Du bei Michael Koltan nachlesen.

    „Bei Fischer gibt es keinen Rhythmus Wechsel, kein Instrumentalsolo, …“ Warum sollte es das dort geben? Auch das sind von außen und abstrakt ans Werk herangetragene Momente. Daß das von Fischer Stück ästhetisch mißlungen ist, hat völlig andere Ursachen. Wofür sollten zudem Instrumentalsolo für sich genommen ein Kriterium sein. Fischers Stückchen würde auch durch ein Instrumentalsolo nicht ein Stück besser.

  18. Sauber: gute und feine Mucke! Von den Düüls erzählt übrigens auch Christof Wackernagel in „RAF oder Hollywood: Tagebuch einer gescheiterten Utopie“. Das Buch könnte Dich interessieren, weil es ein gutes Zeitdokument ist.

  19. „Warum die Ramones etwas gemacht haben, was innovativ ist, kannst Du bei Michael Koltan nachlesen.“

    Das überzeugt mich nicht. Er hat offenbar eine Vorliebe für das einfache, authentisch und unkomplizierte und mag die komplexeren Klänge von Pink Floyd nicht, aber das ist alles ganz subjektiv. Bei Pink Floyd lässt er bewusst den größten Teil des Stückes außer acht (der musikalisch viel interessanter ist) und beschränkt sich auf den Teil, der halbwegs aufgebaut ist wie ein konventioneller Popsong, „da de facto kein innerer Zusammenhang besteht“, was Unsinn ist und nicht weiter begründet wird. „Tatsächlich ist dieser Teil der einzige, der einige musikalische Kontur besitzt“, was seiner engen Musikauffassung entspricht, nach der alles unkonventionelle nur „Effekt“ ist. Trotzdem kommt er nicht umhin, die Komplexität des Stückes anzuerkennen: „Ins Ohr sticht bei diesem Stück sofort die kühne Harmonik, und in der Tat sind Pink Floyd ja für die harmonische Komplexität ihrer Stücke berüchtigt.“ Wieso berüchtigt, weil er lieber Drei-Akkorde-Geschrammel mag? Und dann wimmelt es nur so von Werturteilen, die nicht näher begründet werden, „gepfuscht“, „als Verbindungsglied zwischen dis-moll und H-Dur ist ein D-Dur-Akkord eine Absurdität.“, „ein völlig unmotivierter Cis-Dur-Akkord“, „Mir persönlich ist das zu dick aufgetragen, zu bombastisch“, „In Wirklichkeit ist dieser C-Dur-Akkord natürlich nicht unmotiviert, sondern die Motivation ist einfach bescheuert.“ Allein das Vokabular spricht für sich.

    Bei den Ramones hingegen ist alles total geil: „Harmonische Effekte, wie wir sie bei Pink Floyd gefunden haben, gibt es in diesem Stück nicht.“, ist ja auch schwierig wenn man sich auf dreistimmige Akkorde beschränkt). Dann wird auf den Text eingegangen: „Mit einem Minimum an Text und einem Minimum an musikalischen Mitteln haben die Ramones mit Today Your Love, Tomorrow TheWorld einen Antifa-Song geschrieben, der den Vergleich mit Brecht und Eissler
    nicht zu scheuen braucht.“, was natürlich mit der Musik wenig zu tun hat. Ferner auf das Äußere der Musiker: „Die völlig banale Bekleidung aus Jeans, T-Shirt, Lederjacke und Turnschuhen,
    die ins Gesicht fallenden Haare und die Sonnenbrillen rauben den Musikern jede Individualität.“

    Bei Pink Floyd erspart er sich jedes Eingehen auf Text und Äußeres der Musiker, ist aber OK, weil es eh zur Beurteilung der Musik völlig unwichtig ist. Hier werden massiv außermusikalische Maßstäbe an Musik angelegt, was man natürlich machen kann, das ist dann aber keine Musikanalyse mehr. Und dann kommt natürlich (wie fast immer bei dir) Adorno vor: „Dazu müssen kurz darauf eingehen, welch zentrale Rolle das Verhältnis von musikalischer Form und individuellen Ausdruckselementen bei Adorno spielt. Denn dieses Verhältnis wird von Adorno spekulativ als Analogon zum Verhältnis von Gesellschaft und Individuum gedeutet.“ Wobei das natürlich eben nur eine spekulative Behauptung ist, einen Nachweis für ihre Gültigkeit bekommen wir nicht. Der 4/4-Takt hat irgendwie mit der Fabrikarbeit zu tun, der die Jazzhörer unterworfen sind, als wäre nicht schon ein Großteil der Musik des 17. Jahrhunderts im 4/4-Takt geschrieben, lange vor der Industrialisierung.

  20. Verständlich wird der Text von Michael Koltan nur dann, wenn man ihn im Hinblick auf die Überschrift liest: „Die Frage ‚Was ist avancierte Rockmusik?‘“. Es geht in dieser Kritik also um eine Rockmusik, die mehr ist als nur in Standards und in Klischees oder in überkommenen Mustern etwas zu wiederholen.

    „Das überzeugt mich nicht. Er hat offenbar eine Vorliebe für das einfache, authentisch und unkomplizierte und mag die komplexeren Klänge von Pink Floyd nicht, aber das ist alles ganz subjektiv.“

    Eben nicht: in der Einleitung sagt Koltan ganz klar, daß es nicht um ein Geschmacksurteil im subjektiven und auch nichtkantischen Sinne geht. Um sich diesem Thema zu nähern, rekurriert er zunächst auf den für die Ästhetik zentralen Begriff des Geschmacksurteils. Es geht Koltan in seinem Vortrag zunächst mal um Pop-Musik und die Frage, was avancierte und auch, was gelungene Pop-Musik ist. Und es geht ihm auch nicht um das Unkomplizierte. Dies zeigt er an den Ramones: daß das vermeintlich Unkomplizierte nämlich alles andere als dies ist. Koltan schreibt:

    „Womit wieder einmal die harmonische Simplizität von Punk-Musik bewiesen wäre: Pink Floyd scheitern zwar recht häufig an den Klippen der Harmonielehre, aber immerhin versuchen sie, ihren Hörern etwas mehr als die üblichen drei Dur-Akkorde zu liefern. Es scheint nun wieder eine Geschmacksfrage zu sein, ob man das ambitionierte Scheitern von Pink Floyd der tadellosen Primitivität der Ramones vorzieht oder umgekehrt.
    Doch leider ist das falsch: Tatsächlich ist die harmonische Struktur von Today Your Love, Tomorrow TheWorld weit davon entfernt, primitiv zu sein. Ich hatte vorhin schon en passant bemerkt, daß der Hauptteil in a-moll stünde. Und auf einmal zeigt sich, daß die drei Dur-Akkorde, die die Ramones zur Begleitung dieses in moll stehenden Teiles verwenden nicht die üblichen drei trivialen Akkorde sind, die die Tonart hinreichend definieren. In a-moll wären dies nämlich a-moll, d-moll und e-moll. Nun könnte man erwarten, daß die drei Akkorde, die die Ramones verwenden, einfach die Parallelakkorde
    C-Dur, F-Dur und G-Dur sind. Das ist aber auch nicht der Fall. Es werden zwar in der Tat C-Dur und G-Dur verwendet, der dritte Akkord ist aber E-Dur.
    Dieser E-Dur-Akkord ist nicht so verwunderlich, wie es zunächst erscheinen mag. In moll-Tonarten wird nämlich der Akkord auf der fünften Stufe, wenn er in Dominant-Funktion eingesetzt wird, von moll nach Dur umgewandelt, weil moll-Akkorde keine Dominant-Funktion ausüben können. Und in genau dieser Funktion taucht hier der E-Dur-Akkord auf. Der Hauptteil wird also nicht wie üblich mit Tonika, Subdominante und Dominante harmonisiert, sondern mit Tonikaparallele, Dominantparallele und Dominante.“

    Und auch was Du zu Koltans Pink Floyd-Kritik schreibst, ist leider unzureichend und falsch.

    „Bei Pink Floyd lässt er bewusst den größten Teil des Stückes außer acht (der musikalisch viel interessanter ist) und beschränkt sich auf den Teil, der halbwegs aufgebaut ist wie ein konventioneller Popsong, „da de facto kein innerer Zusammenhang besteht“, was Unsinn ist und nicht weiter begründet wird.“

    Gründliches Lesen ist erforderlich, um zu verstehen, worum es Koltan geht. Koltan begründet, weshalb er nicht den gesamten Song „Shine On You Crazy Diamond“ einer Analyse unterzieht:

    „Es ist unmöglich, Shine On You Crazy Diamond von Pink Floyd hier im Ganzen zu diskutieren. Da allein die erste Hälfte rund eine Viertelstunde dauert, bräuchten wir mehr Zeit, um das Stück anzuhören als ich gewillt bin, für die Analyse zu opfern. Das ist allerdings nicht weiter tragisch, denn Shine On You Crazy Diamond, Part 1, besteht schon alleine aus fünf Teilen, die ohne weitere Probleme getrennt behandelt werden können, da de facto kein innerer Zusammenhang besteht. Tatsächlich sind die einzelnen Abschnitte von unterschiedlichen Mitgliedern der Band »komponiert« und später zusammengefügt worden, was, wie ich denke, auch einem ungeschulten Ohr sofort auffällt.“

    Entscheidend ist hier also, ob die Analyse des vierten Teils von „Shine on You …“ konsistent ist, und dafür ist es nicht erforderlich, ob Dich oder XY diese Analyse überzeugt, sondern ob sie im Argument stimmig ist. Und dies kann mittels einer Widerlegung der Analyse bzw. der Argumente von Koltan in bezug auf die Musik geschehen, und zwar anhand konkreter Textstellen dort.

    Und zu den angeblichen Werturteilen: „Und dann wimmelt es nur so von Werturteilen, die nicht näher begründet werden, „gepfuscht“, „als Verbindungsglied zwischen dis-moll und H-Dur ist ein D-Dur-Akkord eine Absurdität.“, „ein völlig unmotivierter Cis-Dur-Akkord“, „Mir persönlich ist das zu dick aufgetragen, zu bombastisch“, „In Wirklichkeit ist dieser C-Dur-Akkord natürlich nicht unmotiviert, sondern die Motivation ist einfach bescheuert.“ Allein das Vokabular spricht für sich.“

    Wenn man lediglich einzelne Zitatstellen aus ihrem Begründungskontext herausreißt und diese Urteile nicht mit der inhaltlichen Analyse von Koltan zusammenliest, dann mag es Dir so erscheinen. Nur heißt dies nicht, daß es auch so ist. Warum fällt es eigentlich so schwer, korrekt mit Zitaten zu arbeiten? Und noch einmal: widerlegen kannst Du es nur, wenn Du zeigst, warum diese von Koltan aufgezeigten musikalischen Bezüge bei Pink Floyd falsch sind. Und gleiches gilt für die Ramones. Koltan zeigt konkret, worin die musikalische Neuerung in jenem Musikstück besteht. Zur genaueren Analyse und dem Zusammenhang von Musik und Text sei hier auf die Seiten 16 und 17 verwiesen.

    Klicke, um auf ramones.pdf zuzugreifen


    Du mußt also die Ausführungen von Koltan widerlegen, indem Du hier inhaltlich darauf eingehst und nicht, indem Du Werturteile zitierst und aneinanderreihst, die Du zudem aus dem Kontext herausgebrochen hast. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: entweder Du machst dieses Dekontextualisieren und Verzerren von Aussagen mit Absicht, und meinst, damit die Leser zu übertölpeln oder zu manipulieren – das wäre dann sophistische Trickserei. Oder aber Du siehst nicht ganz, was Du machst – das wäre dann Unwissenheit im Umgang mit Texten. Koltans Wertungen, über die man sich streiten kann, stehen in einem Begründungskontext und sind insofern keine bloßen Geschmacksurteile. Wenn Du diese von Koltan genannten Begründungen unterschlägst, so ist das unsauber gearbeitet.

    „Und dann kommt natürlich (wie fast immer bei dir) Adorno vor“

    In der Tat. Weil nämlich Adorno Wesentliches zur Musikästhetik schrieb. Und aus genau diesem Grunde dient Adorno als Referenz und nicht Roy Black oder Helene Fischer. Die haben nämlich nichts zur Musikästhetik geschrieben.

    Koltans von Dir genannter Satz „Denn dieses Verhältnis wird von Adorno spekulativ als Analogon zum Verhältnis von Gesellschaft und Individuum gedeutet“ könnte man zunächst wegen des Wortes spekulativ kritisieren, wenn man diesen Begriff im Alltagsverständnis nimmt, wo der Begriff unter anderem den Charakter von Spökenkiekerei oder vager Vermutung hat. „Er spekuliert darauf, daß er den Schokokuchen zum Geburtstag bekommt.“ Wenn man „spekulieren“ jedoch als philosophischen Terminus nimmt, sieht die Sache schon anders aus: „Spekulation ist abgeleitet von lat. speculari ([umher-] spähen), welches ursprünglich das Ausspähen und Auskundschaften von einer Warte (specula, vgl. griech. skopia, skeptomai) aus bezeichnet, aber schon früh auf andere Bereiche übertragen wird. 1) S. bezeichnet zuerst eine bestimmte Stufe und Weise der Gottesbetrachtung, die von anderen (cognitio, contemplatio, visio) unterschieden wird. Mit dieser Bedeutung eng verbunden, jedoch etymologisch von speculum (Spiegel, s.d.) abgeleitet, ist die Auslegung von S. als einer spezifischen Erkenntnisform der Reflexion (s.d.), in welcher Spiegelndes (Geist, Natur) und Gespiegeltes (Gott) in ein sich gegenseitig verdeutlichendes Verhältnis gestellt sind. Dieser platonisch-augustinische Gedanke [2] prägt den Begriff bis in die Neuzeit.“ (Historisches Wörterbuch der Philosophie: Spekulation, Bd. 9, S. 1355)

    „Der 4/4-Takt hat irgendwie mit der Fabrikarbeit zu tun, der die Jazzhörer unterworfen sind, als wäre nicht schon ein Großteil der Musik des 17. Jahrhunderts im 4/4-Takt geschrieben, lange vor der Industrialisierung.“

    Leider schreibt Koltan dieses in seinem Aufsatz nicht. Bevor Du also irgendwelche Ausdenkzuschreibungen produzierst, solltest Du den Text, den zu kritisieren vorgibst, genauer lesen. Und exaktes Lesen und Kritisieren des Gelesenen bedeutet: Maßstab der Kritik ist nicht das, was Du meinst, was im Text stehen könnte und was Du dort mittels dogmatischer Setzungen, Strohmännern und Confirmation Bias hineinliest, sondern Maßstab ist das, was bei Koltan steht. Und um das zu kritisieren, muß man gründlich lesen und vor allem: genau zitieren, ohne zu dekontextualisieren. Nur dann nämlich können die Leser prüfen, ob Deine Kritik stimmt. So wie Du es hier machst, funktioniert es nicht.

  21. Ich könnte da jetzt eine Menge schreiben, aber dazu habe ich weder Zeit noch Lust. Ich beschränke mich al auf einen Punkt:

    „Entscheidend ist hier also, ob die Analyse des vierten Teils von „Shine on You …“ konsistent ist, und dafür ist es nicht erforderlich, ob Dich oder XY diese Analyse überzeugt, sondern ob sie im Argument stimmig ist.“

    Sie ist eben nicht stimmig, weil sie nur auf den höchst subjektiven Maßstäben des Autors beruht.

    „Shine On You Crazy Diamond, Part 1, besteht schon alleine aus fünf Teilen, die ohne weitere Probleme getrennt behandelt werden können, da de facto kein innerer Zusammenhang besteht.“

    Vielleicht haben sich die Musiker ja etwas dabei gedacht, als sie diese fünf Teile zu einem Stück zusammenfügten? Und was heißt denn „innerer Zusammenhang“? Das ist Philosohengeschwurbel, das nicht verifizierbar ist .Alle fünf Teile stehen in g-moll, und Pink Floyd wollten eben keine einfachen Popsongs schreiben, sondern auch neue Harmonien ausprobieren und Instrumentalsoli spielen, das ist aus meiner Sicht der Zusammenhang. Wenn natürlich avancierte Rockmusik grundsätzlich den Kriterien genügen muss, die Adorno 1936 für den damaligen Jazz aufgestellt hat, ist das natürlich nicht genug. Ich sehe aber nicht ein, warum dem so sein sollte.

    „Weil nämlich Adorno Wesentliches zur Musikästhetik schrieb.“

    Man braucht aber um Musik zu analysieren und zu interpretieren bzw. bewerten keine philosophische Ästhetik. Es ist durchaus auch ein wissenschaftlicher Zugang möglich, wie ihn etwa dieses Buch präsentiert (wärmstens empfohlen):

    https://www.socialnet.de/rezensionen/24544.php

    Es läuft auf das hinaus was ich oben sagte: Welche Musik jemand mag, hängt von seinem Temperament und von der musikalischen Sozialisation ab. Michael Koltan mag das einfache, harte, authentische. Und irgendwann ist er auf Adornos Musiktheorie gestoßen und sieht jetzt alles durch die Brille Adornos. Noch deutlicher wird das in dem anderen Aufsatz über Rockmusik auf seiner Seite, wo er behauptet, mit den Beatles hätte der Niedergang der Popmusik begonnen, nachdem Elvis Presley schon viel weiter war. Mein Gott!

  22. „Sie ist eben nicht stimmig, weil sie nur auf den höchst subjektiven Maßstäben des Autors beruht.“

    Und weshalb es sich hier eben nicht um einen subjektiven Maßstab des Autors handelt, habe ich Dir oben anhand der Zitate gezeigt. Die Nicht-Stimmigkeit wirst Du also nur kritisieren können, wenn Du das, was im Text von Koltan steht, widerlegst und nicht, indem Du hier Deinen eigenen subjektiven Maßstab in Anschlag bringst. Du verwechselst hier einmal wieder Deine eigenen Hinsichten und die des Textes und damit betreibst Du genau die Subjektivierung, die Du dann dem Text vorwirfst. Da liegt das Problem.

    „Vielleicht haben sich die Musiker ja etwas dabei gedacht, als sie diese fünf Teile zu einem Stück zusammenfügten?“

    Das hat auch niemand bestritten. Und Koltan hat einen Grund angeführt, weshalb er sich, zumal es sich hier um einen Vortrag handelt, auf einen Ausschnitt bezieht und nicht aufs ganze Stück. Koltan schreibt dazu:

    „Es ist unmöglich, Shine On You Crazy Diamond von Pink Floyd hier im Ganzen zu diskutieren. Da allein die erste Hälfte rund eine Viertelstunde dauert, bräuchten wir mehr Zeit, um das Stück anzuhören als ich gewillt bin, für die Analyse zu opfern. Das ist allerdings nicht weiter tragisch, denn Shine On You Crazy Diamond, Part 1, besteht schon alleine aus fünf Teilen, die ohne weitere Probleme getrennt behandelt werden können, da de facto kein innerer Zusammenhang besteht. Tatsächlich sind die einzelnen Abschnitte von unterschiedlichen Mitgliedern der Band »komponiert« und später zusammengefügt worden, was, wie ich denke, auch einem ungeschulten Ohr sofort auffällt.“

    Eine Einheit ist das Stück also durchs Zusammenfügen. Ob diese Einheit auch besteht, weil es einen inneren Zusammenhang zwischen den Teilen gibt, bestreitet Koltan. Das müßte dann ein Musikkritiker im Detail nachprüfen.

    „Und was heißt denn „innerer Zusammenhang“? Das ist Philosohengeschwurbel, das nicht verifizierbar ist“

    Geschwurbel ist das, was Du hier produzierst. Das habe ich Dir schon anhand Deines letzten Kommentares gezeigt, wenn Du Aussagen aus dem Kontext brichst und Sätze manipulierst und wenn Du Behauptungen aufstellst, die niemand getätigt hat (Stichwort Strohmann). Wenn Du ein wenig nachdenkst, wirst Du darauf kommen, was in einem Kunstwerk der „innere Zusammenhang“ ist. Es haben nämlich, das wird auch Dir nicht entgangen sein, Pink Floyd nicht irgendwelche beliebigen Noten aneinandergefügt, sondern sie haben ein Stück komponiert, wo Noten in einer Beziehung zueinanderstehen. Und diese Komplexion in einem Kunstwerk nennt man inneren Zusammenhang. So wie in einem Gedicht Worte in einer Beziehung stehen und z.B. Alliterationen und Reime in einem Gedicht einen inneren Zusammenhang bilden und wenn der gelingt, sprechen wir von einem Kunstwerk. Und genau das schreibst Du dann ja auch selber: daß es da einen Zusammenhang zwischen den Teilen gäbe. Insofern bedienst Du Dich dann also des gleichen Geschwurbels. Daß alle fünf Teile in g-moll stehen, ist im übrigen noch kein innerer Zusammenhang, bzw. das reicht als Begründung nicht aus. Was nicht bedeutet, daß Michael Koltan deshalb mit seiner Aussage recht haben muß, sondern es weist nur darauf, daß Du präziser diesen inneren Zusammenhang begründen mußt. Etwa indem Du wiederkehrende Musikstrukturen oder Motive aufzeigst, die den Teilen gemeinsam sind.

    „„Weil nämlich Adorno Wesentliches zur Musikästhetik schrieb.“
    Man braucht aber um Musik zu analysieren und zu interpretieren bzw. bewerten keine philosophische Ästhetik.“

    Das war hier aber gar nicht die Frage, wie Du oben nachlesen kannst, sondern es ging darum, weshalb man bei Fragen der Kunstkritik und der Ästhetik auf Adorno rekurrieren kann, und es war eine Antwort auf Deinen naiven Satz „Und dann kommt natürlich (wie fast immer bei dir) Adorno vor“. Insofern ist das leider ein Strohmann und zudem einen Frageumlenkung. Ansonsten: Ja, in der Tat: Adorno kommt vor, weil er sich mit Musik beschäftigt hat, und zwar genau mit solchen Phänomenen wie der populären Musik, die hier zur Debatte steht. Und zwar als Kritiker wie auch auf der Ebenen der Kunstphilosophie bzw. der Ästhetik und auch der Soziologie. (Allerdings würde Adorno vermutlich für die Ramones keine Lanze brechen.) Insofern besteht hier eine Referenz aufgrund des Themenbezuges. Ansonsten tätest Du auch an dieser Stelle gut daran, Hinsichten und Aspekte auseinanderzuhalten: Um ein Kunstwerk zu untersuchen, bedarf es eines Handwerkszeugs, das der Kritiker haben muß: sehr richtig. Das gilt für die Musik-, wie für die Literatur- und die Kunstwissenschaft. Und Adorno ist nicht nur Kunstkritiker, wie zahlreiche seiner Musikkritiken der 1920er und 1930er Jahre in der Frankfurter Zeitung zeigen, sondern ebenso ausgebildeter Komponist, besitzt also ebenso Kenntnis in der Komposition, und er befaßt sich zudem mit Ästhetik und auch mit Musiksoziologie. Ob man für die Analyse und Kritik von Musik eine Ästhetik braucht, hängt ganz davon ab, was man macht. Für eine Musikkritik in einer Zeitung ist sie keine conditio sine qua non, was schon daran liegt, daß ein Kritiker bei 9000 Zeichen (und das ist bereits eine hinreichend lange Kritik) kaum die Möglichkeiten hat, hier seine Ästhetik auch noch darzulegen. Aber in den meisten Fällen hat der Kritiker dennoch eine solche Ästhetik im Hintergrund, weil sie nämlich die Kriterien zur Beurteilung liefert, nur wird diese Ästhetik nicht thematisch, sehr wohl aber ist sie in vielen Fällen eine stille Voraussetzung. Und selbst da, wo vordergründig keine Ästhetik vorhanden, steht sie häufig doch stumm im Hintergrund. Und genau dafür ist dann die Philosophie zuständig, solche stillen Voraussetzungen und solches Enthymem freizulegen: das zu sehen und in den Blick zu bringen, was ein Sprecher übersieht und nicht beachtet und wo er Denkfehler macht.

    Das von Dir verlinkte Buch zeigt einen Aspekt von Musik. Mehr aber auch nicht, und zwar eher in physiologischer Hinsicht und dies auf einem Trivialniveau, das ein wenig nach „Lieschen und Karl Müller dozieren an der Volkshochschule“ klingt. „Musik als nichtsprachliche Kommunikation zur Verständigung auf mehreren Ebenen (S. 9) kann „emotionale Räume eröffnen“, die mit Worten nicht beschrieben werden können (S. 459). Musik kann dazu dienen und beitragen, die Welt und das Leben besser zu verstehen und zu ertragen (S. 9.).“ Hört, hört! Da schossen ihm Tränen der Rührung in die Augen, als er aus dem Wörterbuch für Dummdeutsch las. Und in diesem Buch scheint es auch nicht um die Qualität von Musik zu gehen, weder im musikkritische Sinne noch im Sinne einer Ästhetik, sondern hier stehen Hänschen Klein, Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ und avancierte Musik auf irgendwie einem Niveau. Daß Musik irgendwie etwas mit Gefühl zu tun hat, scheint mir keine allzu tiefschürfende Erkenntnis zu sein. Es liegt eher auf dem Niveau: „Bellende Hunde heilen mit Haydn“. Mit Kunst hat es leider nichts zu tun, sondern lediglich mit der Wirkung von Kunst und da ist dann das Sujet auch wieder beliebig: auf den einen hat ein Camembert, ein Schinkenbrot oder ein Bier beruhigende Wirkung, auf den anderen Mozart oder Beethoven. Daß man damit die Musik aufs Niveau eines Camemberts bringt, werden diese Leute nicht bemerken. Wenn denn die Buchkritik stimmt. Das ist in etwa so als schriebe einer ein Buch: „Wohnungen geschmackvoll einrichten mit Van-Gogh-Reproduktionen“. Daß Musik auf Menschen emotional wirkt, ist in etwa von der Dimension als wenn ein Physiker mir erzählt, daß Regen naß macht. Danke aber dennoch, daß Du mit diesem Buchvorschlag für eine gute Erheiterung sorgtest.

    „Es läuft auf das hinaus was ich oben sagte: Welche Musik jemand mag, hängt von seinem Temperament und von der musikalischen Sozialisation ab.“

    Ja, solche Einsichten passieren, wenn man solche Bücher liest. Doch ist das hier leider nicht die Frage gewesen und schon gar nicht in dieser dogmatischen Verallgemeinerung. Wie ich oben mehrfach schrieb: es geht in dieser Analyse nicht um Privatgeschmack. Um Dir das zu zeigen, führe ich Helene Fischer an. Wenn es nämlich um solchen Privatgeschmack ginge und daß jeder hört, was er mag, brauchen wir keine Debatte zu führen, weil es keine weiteren Kriterien, außer dem eigenen Geschmack: der eine mag Fischer, der andere Pink Floyd und mancher sogar beides. Sobald aber jemand für eine Musik (oder ein Kunstwerk) Gründe anführt, weshalb es gut oder gelungen ist, und zwar jenseits von „Das gefällt mir persönlich“, sieht die Sache anders aus. Dann ist es ein Geben und Nehmen von Gründen, dann wird begründet, weshalb das Stück gelungen ist.

  23. Also meine subjektiven Maßstäbe gegen die von Michael Koltan. Wer entscheidet, welche besser sind? Das von mir verlinkte Buch stellt halt ganz andere Fragen als Adorno oder Koltan, nämlich: Was ist Musik? Warum ist sie für die Menschen so wichtig (97% aller Menschen mögen Musik)?
    Was passiert, wenn Menschen Musik hören und dabei etwas empfinden?

    Dazu hat Adorno ja nun nichts zu sagen.

  24. Du begreifst es nicht: es geht hier nicht um subjektive Maßstäbe und was Du meinst, daß Koltan oder Adorno oder wer auch immer geschrieben haben, und es kommt auch nicht darauf an, was Michael Koltan meint, was Du gesagt haben könntest, sondern es geht um das, was da geschrieben wurde. Dieses Geschriebene ist der einzige intersubjektiv überprüfbare Maßstab: nämlich das, was da steht. (Und noch ein Tip für Dich: Lesen funktioniert nicht so, daß man die Stellen, die einem zusagen oder die einem mißfallen, einfach aus dem Kontext bricht und dann mittels Zitat aneinander pappt, sondern indem man in den zitierten Sätzen mittels Zitaten und ohne Entstellungen das Argument herausarbeitet.)

    „Das von mir verlinkte Buch stellt halt ganz andere Fragen als Adorno oder Koltan, nämlich: Was ist Musik?“

    Sofern es Dir gelingen würde, Texte angemessen und richtig zu lesen, würdest Du schnell feststellen können, daß es Koltan in seinem Text sehr wohl um die Frage geht, was Musik ist, und zwar spezialisiert auf die Frage „Was ist avancierte Musik“. Die Frage „Was Musik ist“ ist in der Ästhetik, und um die geht es hier, mit bestimmten Qualitäten einer Sache verbunden. Und die haben nichts mit Emotionen zu tun, zumindest nicht primär. Hinzu kommt, daß Emotionen bzw. Empfindungen in der Musik kein Kriterium sind, weil diese ganz unterschiedlich ausfallen. Insofern oben meine Hinweise an Dich den Begriff des Geschmacks betreffend, wenn er in der Weise der Privatpräferenz gebraucht wird. (Bei Kant funktioniert der Geschmacksbegriff und das Geschmacksurteil anders.)

    „Dazu hat Adorno ja nun nichts zu sagen.“

    in der Tat. Und darüber sind wir auch sehr froh. Denn für die Erkenntnis, daß Musik Emotionen befördert, benötigt niemand, der halbwegs bei Verstand ist, ein Buch. Davon abgesehen, daß auch 97 % der Menschen beim Kacken irgendwas empfinden und man insofern mit der gleichen Inbrunst untersuchen kann, welche Prozesse es sind, die da beim Kacken Empfindungen auslösen. Über die Qualität der Kacke sagen aber auch diese Empfindungen nichts aus.

  25. „Dreamtheater“ sind jedenfalls Meister ihres Instruments und – im Pop-Rahmen – sind sie musikalisch nicht banal. „Ist nicht meins“ ist eine Anmerkung, die den Bersarin-Kriterien des rationalen Diskurses, die nicht meine sind, nicht entspricht.

    Bersarin sagt: „Die beste und sinnvollste immanente Kritik an Adornos Jazz-Aufsatz formulierte Diedrich Diederichsen in seinem Buch „Über Pop-Musik“. Vor allem hat Diederichsen begriffen, was Adorno schrieb – was man eben nicht von jedem sagen kann.“

    Wenn ich
    „Nur erfährt er [Adorno] in der klassischen Musik ein ganz bestimmtes Glück. Insofern ist er da sehr nahe dran an dem, worum es bei Popmusik geht“(Diederichsen), lese, dann weiß ich, dass da mal wieder einer viel klüger war als Adorno.

  26. Witzig ist das schon, wenn da zwei präpotent-subvergurkte Hampelsäcke conträr speiben,

  27. Diederichen möchte mehr sein, als er ist. Bereits Karl Kraus ward insoweit themarisiert.

  28. @Noergler: Mir ist zwar nicht ganz klar, wen Du mit den Hampelsäcken meinst, würde aber doch darauf hinweisen, daß sowas meist auf einen selbst zurückfällt – zumal wenn Kommentare so formuliert werden, daß die Leser leider nicht wissen, was da eigentlich kommentiert werden soll. Was Karl Kraus in diesem Kontext zu suchen hat, erschließt sich ebenfalls nicht – zumal Diederichsens Buch „Über Pop-Musik“ nicht von Kraus handelt und ein Blick ins Register verrät, daß dieser darin leider nicht vorkommt. Das ist bedauerlich, aber vermutlich der Sache geschuldet. Sicherlich ist es besser, erst zu denken und dann zu kommentieren. Lese ich solche Invektiven noch einmal, fliegst Du hier raus. Mir ist es inzwischen lieber, keine Debatten zu haben als solches Leer-Gedöns, das auf hohem Roß einreitet und dann eine Bruchlandung hinlegt wie Kolonial-Colonel auf Tigervorleger. Was El Mocho schreibt, mag falsch oder, höflicher formuliert, einer anderen Perspektive geschuldet sein, aber auch dies ist kein Grund, solche Invektiven hier zu produzieren.

    „dann weiß ich, dass da mal wieder einer viel klüger war als Adorno.“

    Woher Du das weißt, mögen die Götter wissen. Nur leider schreibt Diederichsen nirgends, daß er klüger als Adorno sei, sondern er nimmt Adorno nun gerade beim Wort und unternimmt zunächst einmal eine immanente Rettung Adornos im Blick auf dessen von zahlreichen Kritikern angefeindeten Texte zum Jazz wie auch im Blick auf die Kulturindustrie, ohne dabei aber auf Linie zu fahren.

    Ich bin kein Musikästhetiker und auch kein Musikwissenschaftler, insofern werde ich mich hüten, inhaltlich zu diesen Dingen, die Adorno oder Michael Koltan schreiben, etwas zu formulieren, z.B. was in der Struktur der Stücke geschieht und was das in der Analyse und in der Interpretation bedeutet. Was ich als Philosoph aber mache, ist das Analysieren von Argumenten und Sätzen und was es bedeutet, eine Aussage bzw eine Frage wie „Was ist Musik?“ zu formulieren, und ebenfalls befasse ich mich mit jenen Inhalten am Pop, die nicht bloß binnenmusikalisch sind, sondern mit allgemeinen ästhetischen Prozessen und mit den Verbindungen zur Kunst, zu Bild- und Sprachästhetiken zu tun haben. Da nämlich sind wir mitten in Fragen der Kunstphilosophie und eben nicht in der Musikkritik, die inhaltliche Bestimmungen gibt, warum eine Musik mit Grund in ihrer Komposition als gelungen, mißlungen oder als ambivalent bezeichnet werden kann. Und im übrigen Nörgler: dialektisches Denken malt auch da nicht bloß in schwarz-weiß. Auch hier kommt es aufs Argument und nicht auf die Haltungsnote an.

    „Dreamtheater“ interessiert mich nicht. Ob es musikalisch gut oder nicht gut ist, kann ich nicht sagen. Ich höre solche Musik nicht, aber wenn mir jemand erklärt, was daran interessant oder gut sein könnte, höre ich zu.

    Pop-Musik ist, auch das zeigt Diederichsen in seinem Buch, eine Angelegenheit, die nicht bloß mit immanenter Stimmigkeit im Sinne einer avancierten Komposition zusammenhängt, sondern ebenso (oder vielmehr noch) über ein expressiv-performatives Moment verfügt, das zugleich an der Rezeption hängt – also mehr als nur das rein Musikalische im Sinne von avancierter „guter“, mithin ästhetisch gelungener Musik im engeren Sinne. (Und darin greift Diederichsen auch Adornos Jazz-Aufsatz auf, um genau die von Adorno analysierten Aspekte auf den schlechten Pop auch zu applizieren und somit ein Moment des Wahren an diesen Jazz-Texten zu zeigen, ohne die Ausdrucksqualitäten es Jazz in seinen besseren Spielarten zu denunzieren – die im übrigen auch Adorno sieht.) Und diese Rezeption als Ausdrucksqualität verbindet sich zugleich, zumindest bei den fortgeschritteneren Hörern, mit ästhetischen Qualitäten, die an Bildende Kunst, Literatur, Tanz, Film und Photographie andocken und mittels solcher Verbindungen von Laut und Bild oder Text, Neues erzeugen. So wie Punk in seinen guten Momenten an Performances von Dada, Surrealismus, die Situationisten und die historischen Avantgarden anknüpft und bis in die Literatur und die Malerei reicht und diese erweitert, man denke an Martin Kippenberger oder an Werner Schwab, und so wie Techno eine Literatur wie die von Rainald Goetz bestimmt. Koltan etwa plädiert als Ramones-Freund hier für einen radikalen Reduktionismus der Musik, quasi ein Kehraus, den der Punk leistet. Und er zeigt dies auch an der Struktur dieser Musik auf – ob das freilich musikalisch stimmt, vermag ich nicht zu beurteilen. Wir haben im gelungenen Pop – und das gilt vermutlich auch für viele Stücke von Pink Floyd und erst recht für Musik wie Velvet Underground; und die Subtilität von „Yesterday“ übersieht Koltan, obwohl er genau diese „Yesterday“ richtig einnordet – einerseits ein musikalisch innovatives Moment: etwas auf einer Gitarre oder einem Synthesizer zu machen, was vorher noch nicht gemacht wurde. Was einfach klingt, so wie Kraftwerks „Radioaktivität“ kann dennoch im Ausdruck komplex sein, und in der Kombination mit bewegten Bildern noch einmal eine weitere und ästhetisch gelungene Dimension liefern, so wie im letzten Teil von Fassbinders Serie „Berlin Alexanderplatz“. Das musikalisch Innovative ist also im Kontext von Pop nicht der einzige Aspekt: Wer je eine Techno-Nacht oder ein Punk-Konzert durchtanzt hat oder von den Musikwällen und -wellen von Sunn O))) durchzuckt wurde, wird in etwa verstehen, daß es nicht nur auf die Struktur eines Stückes ankommt, sondern ebenso auf die damit verbundenen Expressionen und womöglich daran sich anknüpfende Texte und Bilder. So wie bei einem Dada-Lautgedicht nicht bloß der Inhalt, die Metaphern und der Aufbau des Gedichts, gemessen etwa an einer der klassischen Formen, bedeutsam sind und nicht mit einer Ode Hölderlins, einem Vers Eichendorffs oder Heines analogisierbar ist, sondern hier wird der Bruch mit Traditionen wirksam: eine Kunst für den Augenblick und zugleich eine Öffnung der Form. Die Frage, was da an Komplexität in einem Stück tatsächlich geschieht, mag in der Analyse der ästhetischen Qualität eine Rolle spielen, aber das ist nicht der einzige Moment. Und sie hat zudem (auch und unter anderem, aber eben nicht nur) etwas mit dem Glück eines gelingenden Momentes zu tun. Vielleicht nicht ganz so, wie Adorno dies in seinem kurzen Denkbild „Vierhändig, noch einmal“ darstellt, aber doch in einer Analogie, als Möglichkeit von Erfahrung. Auf diese Aspekte weist implizit auch Diederichsen in seinem Buch.

  29. Adorno ist im übrigen – zusammen mit Husserl, Heidegger und Benjamin – einer der originellsten Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nur ist er leider ein lausig schlechter Ausleger und Interpret anderer Philosophien. Stichwort Heidegger und leider teils auch Stichwort Hegel. (Böse Zungen behaupten, was Adorno als negative Dialektik schreibt, fände sich bereits bei Hegel wieder.) Und auch seine Äußerungen zum Film, zur Kunst der Neuen Sachlichkeit und zur Photographie lassen leider einen erheblichen Mangel an Hinsichten- und Aspekte-Auslegung vermissen. Und so genial seine Beckett-Deutung einerseits ist, weil er tief in die Aristotelische Poetik steigt, so sehr überliest er im Titel des Stückes den Begriff des Spiels und damit auch den Beckettschen Humors: die Tragödie als Komödie.

  30. „Dreamtheater“ interessiert mich nicht. Ob es musikalisch gut oder nicht gut ist, kann ich nicht sagen. Ich höre solche Musik nicht, aber wenn mir jemand erklärt, was daran interessant oder gut sein könnte, höre ich zu.“

    Ja siehste, mich interessieren die Ramones nicht, auch nicht Schönbergs Streichquartette oder Orchesterstücke, die Adorno für die „avancierteste“ Musik überhaupt hielt.

    Wenn ich mir aber die Musik anschaue, die mich interessiert, die mir ein irgendwie lustvolles Hörerlebnis verschafft (warum sonst hört man Musik?), kann ich da schon gewisse gemeinsame Merkmale feststellen. Und zwar solche, die sich empirisch aufweisen lassen. Harmonie Folgen, die sich nicht auf den klassischen Quintenzirkel beschränken, sondern Abweichungen und Variationen ausprobieren (in dem von mir verlinkten Buch findet sich einiges darüber, wieso die Überraschung, dass eben nicht die klassische Auflösung der Harmonie erfolgt sondern eine Überraschung, als lustvoll empfunden wird vom Hörer, bis hin zum bekannten Phänomen der „Gänsehaut“, die man bei bestimmter Musik bekommt). Und dann habe ich ja auch selber ein bzw. zwei Instrumente zu spielen erlernt, wenn auch nicht auf professionellem Niveau. Seitdem versetze ich mich geistig in den Musiker, wenn ich Musik höre und denke: Wow, das ist aber schwer zu spielen, der hat´s wirklich drauf. David Gilmour von Pink Floyd ist, z.B. en genialer Gitarrist, eben weil er nicht besonders schnell und virtuos spielt, sondern die Gitarre zum Singen bringt. („Ich hatte noch nie schnelle Finger, sie sind im Vergleich zu den meisten sehr langsam und die Koordination zwischen linker und rechter Hand und so ist nicht großartig. … also muss ich mich auf andere Dinge verlassen. … Ich versuche einfach, nette Melodien zu machen, versuche, es zum Singen zu bringen, ich versuche mir vorzustellen, dass die Gitarre singt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/David_Gilmour#cite_note-10)

    Mein Gott, was interessieren dagegen die Frisuren der Musiker, oder auch ihre Texte? Die Texte von Pink Floyd oder Dream Theater habe ich noch nie nachgelesen, weil sie mich kaum interessieren. Die Texte von Pink Floyd sind auch ehrlich gesagt nicht so toll.

    OK lass gut sein, jeder hat halt seinen eigenen Zugang zu Musik und Kunst allgemein.

  31. „Ja siehste, mich interessieren die Ramones nicht, auch nicht Schönbergs Streichquartette oder Orchesterstücke, die Adorno für die „avancierteste“ Musik überhaupt hielt.“

    Noch einmal: Es geht hier nicht ums Privatgefallen, da wäre dann die spätscholastische Formel de gustibus non est dispudantum in Anschlag zu bringen, sondern es geht um die Unterscheidung von Ebenen. Was Koltan macht, ist Musikkritik bzw. bereits Musikästhetik und er liefert für seine Aussagen Begründungen, die er zudem an der Musik selbst festmacht. Das ist etwas anderes als eine Musik nach Geschmackskriterien zu beurteilen. Ob Dir Schönberg gefällt oder nicht, sagt leider nichts über dessen Musik aus. Gefallen ist kein nachprüfbares Kriterium. Es ist ein subjektiver Zustand. Und der Anlaß des Gefallens ist zudem beliebig. Solche Emotionen sagen in der Regel eher etwas über den, der sie äußert aus, als über die Sache.

    Was die ästhetische Kategorie des Geschmacks betrifft, verweise ich auf die Aufsätze von Christoph Menke „Ein anderer Geschmack. Weder Autonomie noch Massenkonsum“, erschienen 2009 in „Texte zur Kunst“ und dazu (und auf diesen Text eingehend) auf meinen Essay „Über die Geschmacksbildung in der Kunst“

    http://spektakel.blogsport.de/broschur/broschur-3/nikolai-e-bersarin-ueber-die-geschmacksbildung-in-der-kunst/

    Was als lustvoll empfunden wird, ist für die Kunstkritik ebenfalls kein Kriterium, wenn es um die Qualität der Sache geht. Das bedeutet nicht, daß beim Hören diese Lust und das Gefallen gar keine Rolle spielen. Sie spielen nur eben in der Beurteilung, mithin im ästhetischen Urteil, keine zentrale Rolle, und zwar deshalb weil Kunst nicht nach einem Reiz-Reaktions-Schema funktioniert. Darin unterscheidet Kunst sich vom bloßen Konsum oder vom Angenehmen, das Wohlgefallen erregt. Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ wird den wenigsten Menschen beim ersten Hören gefallen und das muß es auch nicht, wenn man Musik unter der Maßgabe von Unterhaltenwerden hört. Nur eben sind „Unterhaltenwerden“ und „Qualität beurteilen“ zwei verschiedene Akte. Weil einer Person X das Werk Y gefällt oder mißfällt, ist jenes Werk deshalb noch lange nicht gelungen oder mißlungen. Sehr wohl aber kann es der Fall sein, daß ein Werk Y gelungen ist und es deshalb der Person X gefällt, und zwar auch in einem Sinne von „Nicht-Schön“ oder „Nicht-angenehm“. Für dieses Gelingen des Werkes Y kann X Gründe angeben. Diese Gründe sind intersubjektiv nachprüfbar, wenn es mehr als eine Meinungsbekundung sein soll.

    Und wie es für den Weinkenners erforderlich ist, viele unterschiedliche Weine getrunken zu haben, so ist es für einen Kunstkenner oder einen Kunstkritiker erforderlich, eine Vielzahl an Werken rezipiert zu haben. Wer eine Aufführung von Beethovens 5. Symphonie beurteilen möchte, der kann sich nicht darauf verlassen, ob ihm das, was da dirigiert wird, gefällt und ob er die Symphonie mal eben ganz nett findet, sondern dieser Mensch hat in der Regel hunderte von solchen Aufführungen gehört, kennt die Partitur und bildet sich dann aufgrund seiner Kenntnis der Sache ein Urteil. Und wer als junge Mensch mit Musik anfängt, der schult seine Erfahrung meist daran, daß er häufig hört und ein und dasselbe Stück in unterschiedlichen Interpretationen sich anhört – das ist beim Theater ganz ähnlich, nur daß es hier (mal vergröbert) Bild, Körper und Sprache sind. Und um einen Vergleich aus dem Handwerk zu bringen: Ein Schneider, der die Qualität eines Stoffes beurteilen will und der sagen kann „Dieser Stoff ist sehr gut!“ hat in seinem Leben vermutlich tagtäglich und jahrelang mit einer Vielzahl an Stoffen Umgang gehabt, um einen solchen Satz sagen zu können. Allerdings ist dieses Erfahren-mit-etwas-sein zwar eine notwendige Bedingung, aber noch keine hinreichende. Aber da steigen wir in die Tiefen der Ästhetik und der Kunstphilosophie hinein.

    Alles das, was Du in bezug auf Deinen Geschmack schreibst, sei Dir unbenommen. Nur begründet dies nicht, was Kunst ausmacht, und es reicht Virtuosität als Bedingung nicht aus, um den Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst aufzuzeigen. Ein Maler, der virtuos einen van Gogh abmalen kann, ohne daß Laien den Unterschied erkennen, hat eine außerordentliche Begabung und er ist sicherlich auf seine Weise ein Genie und wenn er die Bilder dann noch an den STERN verkaufen kann, ist er zudem geschäftstüchtig. Aber er ist deshalb kein Künstler. Und vor allem: solches Werk ist erst einmal nicht per se ein Kunstwerk, sondern lediglich eine gute Kopie. Sehr wohl aber kein ein Maler, der bewußt ein Bild exakt reproduziert oder aber technisch wie bei Malen-nach-Zahlen malt, ein Kunstwerk produzieren, wenn er etwas mit der Vorgehensweise des Kunstbetriebes spielt. So etwa Andy Warhol mit „Do it yourself (Landscape)“ von 1962.

    „jeder hat halt seinen eigenen Zugang zu Musik und Kunst allgemein.“

    Das ist leider ein Schiedsrichter-Fehlschluß. Er beruht zudem auf jener Verwechselung der Ebenen. Auf der Ebene des subjektiven Sinns, mag das so sein, daß jeder seinen Geschmack habe. Spätestens aber, wenn zwei anfangen, darüber zu debattieren, gerät die Angelegenheit aus der rein subjektiven Ebene heraus: man meldet nämlich für sein Urteil Geltungsansprüche an. Und die können richtig sein; oder falsch; oder aber sie weisen auf ein Richtiges, beruhen aber auf falschen Voraussetzungen – es sind da viele Fälle denkbar. Gesteigert wird dieses Suchen nach Gründen dann auf der Ebene der Kunstkritik: hier kann mit Argumenten vorgebracht werden, weshalb ein Kunstwerk aus Gründen, die mehr als nur Gefallen und Lust sind, als gelungen bezeichnet werden kann. Und in dieser Sache läßt sich auch angeben, weshalb Hedwig Courths-Mahler und Franz Kafka, die zur selben Zeit schrieben, ästhetisch in unterschiedlichen Ligen wirken. Und in solchen Fragen spielt es keine Rolle, wie jemandem das eine oder das andere gefällt.

  32. Der Verlust des Geschmacks im Sinne einer politisch-ästhetisch-bewusstseinsmäßigen Zuordnung ist jene Anomie, die Adorno beschrieben hatte: „Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit. Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen.Der Bürger, der Proletarier, das Schwarzhemd sind nichts mehr als das was sie heißen“.

    Es ist eben ein erheblicher Unterschied, ob man den Historismus als dekorativen Baustil oder die steingewordene Angst des Bürgertums vor der politischen und kulturellen Revolution begreift. Zwölftonmusik ist emanzipativ im Rahmen der rationalen Entwicklung der Musik über den Rahmen der Klassik hinaus im Kontext einer Vorstellung von Kunst als Selbstbefreiung des Geistes. Punk ist dies im Sinne eines Aufbegehrens der Jugend, im Zeitrahmen könnte man sogar Kulturrevolte (nicht -Revolution) sagen gegen jene Entwicklung der noch vor kurzem rebellischen Rockmusik, über die Rändy Warwel schrieb: „Der Gitarrist wird zum Gitarrjero. Der Plattenproduzent wird zum Finanzaristokraten“. Was das aus heutiger Sicht bedeutet wäre ein spannendes Thema. Und Dream Theater da durchaus lohnendes Beispiel, um anspruchsvolle, selber geschichtsbewusste (stimmige, mitunter ironische Zitate von Riffs großer Rockbands quer durch die Rockgeschichte) Heavy-Metal-Crossover-Symphonic-Rock-Musik zu analysieren.

    Die Reduktion auf den bloßen Geschmack bedeutet den Verkust der historischen und dialektischen Perspektive in der Kunst.

  33. So ist es. Und beim Punk und seiner Komplexitätsreduktion spielen, neben dem von Koltan exemplarisch am Beispiel der „Ramones“ Gezeigten, nicht mehr nur binnenmusikalische Aspekte eine Rolle, sondern in der popular music geht es immer auch um eine Performanz, um Ausdruck, um eine bestimmte attitude, eine Haltung, eine Mode, um Bewußtsein, um cool oder uncool, und darum, ein Szenario aufzuladen:

    Vielleicht ist es eine
    Frage des Geschmacks
    Mit Unrichtigkeiten
    Den Abend verbracht

    Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt
    Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt

    Ich mag dich einfach nicht mehr so
    Ich mag dich einfach nicht mehr so
    Ich mag dich einfach nicht mehr so
    Ich mag dich einfach nicht mehr so

    Geist der 1990er Jahre.

    Und teils auch ging es ums politisches Bewußtsein, das sich im Kontext von Musik ausbildet. Frei nach Nietzsche: Die Geburt der Revolte aus der Musikanlage im Jugendzimmer. Und auch die Frage: ist diese Musik cool, ist der Typ, der mir da diese Mucke offerierte, cool, ist diese New Wave-Braut mit dem seltsamen Musikgeschmack ok? Und aus diesem „cool und ok“ erwachsen auch ästhetische Bezüge und ein Denkverhalten und ein Umgang mit Welt. Diese Umstände erstmal nur deskriptiv genommen – bei aller Problematik, die damit auch verbunden ist und ob an diesen Dingen alles gut ist und was das in bezug auf Massenkultur und Konsum und das Einholen auch der subversiven Bewegungen ins Feld der Waren und in den Massengeschmack auf sich hat, müßte man dann genauer sehen. Ich bin in diesen Fragen ambivalent und sehe da durchaus Potential, aber zugleich machen Schein, und diesen eben auch als Pseudos. „Prunk mit Punk bei Kaufhof“, wie eine Werbung in den 1980er Jahren lautete oder frei nach einem bekanntem Joghurthersteller: „Mit Danone kriegen wir euch alle!“ Und da liegt zugleich das immerwährende Problem der Subkultur.

    Wenn man es übrigens weit ausgreifend möchte, ist man bei solchen Fragen der Subkultur auch bei den Ausprägungen der ästhetischen Avantgarden und der Bohème des 19. und des frühen 20. Jhds – bis hin zu den Situationisten. Darin es in einem bestimmten Sinne ja auch um einen Geschmack ging, der sich gegen den der herrschenden Epoche richtete. Und im Punk fand sich ja gewissermaßen eine Fortsetzung von Dada, Surrealismus, Pataphysik und auch der Situationisten: bis hin zum Aufleben Benjaminscher Gedanken, wie etwa dem destruktiven Charakter. Und die Münchener SPUR-Gruppe konstituierte sich ebenfalls über eine Kunst, die eng mit der Musik verbunden war und ebenso mit einem gewissen Habitus und mit politischem Protest vor allem. Auf die Verbindung der Kaufhausbrandstifter und der K1 zur Kunst wies ich an dieser Stelle hin:

    Vom Kaufhausbrand, vom RAF-Land, von Irrtum und von Wirrwarrsound – Kunst und Praxis

    Und wenn man da an Amon Düül denkt, werden die Verbindungen von Kunst, Pop, Politik, Protest und Avantgarde ebenfalls evident – egal jetzt ob tatsächlicher oder nur gewollter, hier zählt eben der Wille, Avantgarde zu sein, auch wenn man es nicht ist. Es sind diese Protestformen eben auch Akte der Selbstermächtigung, auch wenn alles schon tausendmal gespielt wurde und alles schon einmal da war. Oder um es mit Shirley Bassey zu singen:

    There is fashion, there is fad
    Some is good, some is bad
    And the joke rather sad,
    That it’s all just a little bit of History repeating.

    Aber das ist wieder eine Debatte für sich.

    Zentral aber ist auch im Pop, zumindest was die avancierten Möglichkeiten betrifft, jener Geschmack, der einmal die Funktion besaß, daß man mit ihm nicht nur gegen die alten Regelpoetiken verstoßen konnte, um Neues zu wagen, sondern er war auch ausbildbar und hing so mit dem Gedanken einer ästhetischen Bildung zusammen. Geschmack war einmal eine in der Ästhetik fortschrittliche Kategorie. Man wird bei dem Namen vielleicht aufzucken, aber der Philosoph Alfred Baeumler hat 1923 mit „Das Irrationalismusproblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts bis zur Kritik der Urteilskraft“ eine profunde Darstellung zur Bedeutung des Geschmacks bis hin dann zu Kants transzendentalphilosophischer Entfaltung und Begründung des Geschmacksurteils hingelegt. Das, was er später tat, überzeugte weniger.

    Allerdings ist eben auch ches Satz richtig, daß die Reduktion auf den bloßen Geschmack den Verlust der historischen und dialektischen Perspektive in der Kunst bedeute. Die Betonung liegt hier aber eben auf dem Wort Reduktion. Und das heißt nicht, daß Geschmack generell überflüssig ist. Zu sehen, weshalb z.B. Depeche Mode Anfang der 1980er gute Musik machten und nicht bloß Pop waren.

  34. „Der Gitarrist wird zum Gitarrjero. Der Plattenproduzent wird zum Finanzaristokraten“. Was das aus heutiger Sicht bedeutet wäre ein spannendes Thema.

    Da wäre sicherlich auch der Bezug zu HipHop und Techno interessant. Gerde jener Exzeß und Rave durch die Nacht, um die lineare Zeit in einen dauernden Augenblick zu verwandeln – solches beschrieb Rainald Goetz in seiner Literatur der ausgehenden 1980er und er 1990er gut, so in „Rave“ und in seinen Essays in „Celebration“. Vielleicht all das nicht die unmittelbar politisch-revoltierende Variante, aber doch bildete sich daraus eine neue Form des Protests, die zugleich die alten Motti ironiersierte, wenn man an die erste Love-Parade denkt und die unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ eben auch als politische Demonstration angemeldet wurde.

  35. Diskurs setzt Kenntnis, eine bestimmte Grundbildung voraus. In Bezug auf die ästhetische Theorie wäre dies Nietsche, Sigmund Freud (Totem und Tabu, das Unbehagen in der Kultur), Walter Benjamin, Adorno und auch Max Weber, wahrscheinlich auch Norbert Elias. Wenigstens kursorisch sollte mensch sich mit denen beschäftigt haben, um zu wissen worum es geht.

  36. So ist es, Netbitch.

    Als Basislager würde ich noch Kants „Kritik der Urteilskraft“ ergänzen und darauf aufbauend unter anderem Schilles „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795), was wiederum im Blick auf Adornos Konzept von ästhetischer Erfahrung nicht ganz unwichtig ist, dazu „Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus von 1797“ (Verfasserfrage in der Forschungsliteratur bisher immer noch ungeklärt; man schwankt zwischen Hegel, Hölderlin und Schelling, vielleicht aber auch gemeinsam verfaßt. Viele schreiben diesen Text Hegel zu, was ich für eher unwahrscheinlich halte, allein wegen Hegels Überlegungen zum Verfassungsstaat, die quer zum Gedanken des ästhetischen Staates stehen. Die Bedeutung der Schönheit ist eine deutliche Referenz auf Schillers Briefe, wenn von der Schönheit zur Freiheit gewandert werden soll wie Schiller dies am Ende des zweiten Briefes formuliert. Das Systemprogramm ist da, eben als Manifest und Programmschrift, noch radikaler, was die Bedeutung der Kunst und auch den ästhetischen Staat betrifft und Hölderlin hat das dann im weiteren forciert, weshalb man also auch noch Höldelrins Dichtung und seine philosophischen Texte dazu lesen muß.) Dazu Schellings Vorlesungen über Kunst aus der Zeit um 1800, gehalten in Jena, der Stadt der literarischen Frühromantik.

    Vor allem dann aber die Athenäum-Fragmente der Gebrüder Schlegel, als einen der zentralen Texte der literarischen Frühromantik und als einen der innovativsten Texte seiner Zeit, um die Umbrüche ums Jahr 1800 herum und die Abgrenzung von Kant zu verstehen und zumal hier, anders als dann in Hegels „Vorlesungen über Ästhetik“ (1821, 1823, 1826, 1828/29 in Berlin gehalten), welche ebenfalls zu nennen sind, die ästhetische Theorie selbst ästhetisch wird. Friedrich Schlegels Roman „Lucinde“ ist ebenfalls anzuführen und vor allem die „Gespräch über die Poesie“. Auch hier wird, unter anderem in der Tradition des von Fr. Schlegel hochgeschätzten Platon, in Unterhaltungen von Personen, also in einer literarischen Form, über Kunst gesprochen. Von Männern und Frauen übrigens gleichermaßen, was für diese Zeit wohl einmalig war. So wie überhaupt die Wohngemeinschaft der Männer und Frauen in Jena eine ziemlich wilde Kommune war, um es ein wenig zu pointieren. Wer dazu mehr lesen will sei aufs Buch von Dirk von Petersdorff verwiesen. (meine Rezension hier: https://bersarin.wordpress.com/2021/06/07/keine-ferne-macht-dich-schwierig-dirk-von-petersdorff-romantik-eine-einfuhrung/ (Eine kompakte und gute Einführung ins Thema.)

    Daß freilich all diese Texte wiederum auf Debatten des 17. und 18. Jahrhundert gründen – fundamental auf Baumgartens „Ästhetik“ von 1750/1758 und auch Lessing nicht zu vergessen, sei am Rande genannt – womit es dann, und da sind wir wieder beim Begriff des Geschmacks als Möglichkeit einer Überwindung der Regelpoetik, bei den „Querelles des Ancien et des Modernes“. Jene Frage, wie zu dichten und zu schreiben sei, beschäftigte das ganze 18. Jhd., prominent etwa, was die Regelpoetik und die Bedeutung der Phantasie betraf, im Zürcher Literaturstreit, der zwischen Johann Christoph Gottsched auf der einen und Johann Jakob Bodmer sowie Johann Jakob Breitinger auf der anderen Seite stattfand.

    Was dies zeigen soll? Das solche Fragen weit weit zurück reichen, bis in eine Zeit, als sich Dichtung aus dem Bereich des Höfischen zu emanzipieren begann und sich eine bürgerliche Gesellschaft langsam konstituierte. Wer diese Prozesse sozialgeschichtlich ein wenig erfassen will, dem sei von Victor Zmegac (Hg.) empfohlen: „Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Band I/1“. Und vor allem Arnold Hausers „Sozialgeschichte der Literatur und Kunst“. Da gibt es einen guten Überblick – bis in die Gegenwart.

    Enden möchte ich diesen Kommentar mit einem Zitat von Friedrich Schlegel, es macht vielleicht deutlich, weshalb mich bis heute jene Phase von 1770 bis 1832 derart fasziniert:

    „Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre, und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters. Wer an dieser Zusammenstellung Anstoß nimmt, wem keine Revolution wichtig scheinen kann, die nicht laut und materiell ist, der hat sich noch nicht auf den hohen weiten Standpunkt der Geschichte der Menschheit erhoben. Selbst in unsern dürftigen Kulturgeschichten, die meistens einer mit fortlaufendem Kommentar begleiteten Variantensammlung, wozu der klassische Text verloren ging, gleichen, spielt manches kleine Buch, von dem die lärmende Menge zu seiner Zeit nicht viel Notiz nahm, eine größere Rolle, als alles, was diese trieb.“ (Fr. Schlegel, Athenäum-Fragment Nr. 216)

  37. Nicht so off topic wie man zunächst denken möchte, am Anfang dieser Zeit steht: „Nach 76.000 Meilen und 1221 Tagen auf See warf die „Resolution“, welches Schiff hätte jemals einen passenderen Namen getragen? in Portsmouth Anker, am Ende der größten Entdeckungsreise der Geschichte“, und am Ende der Epoche steht die Reise von Charles Darwin.

  38. Auch das gehört dazu, und insbesondere Georg Forsters Reisen und Berichte. Auch über die Mainzer Republik und die Reise auf dem Rhein, aber ebenso seine Fahrt nach Übersee, nach Tahiti. Das Hinaus-auf-den-Ozean ist ja bereits bei Kant eine Metapher fürs Unendliche und das Begrenzte:

    „Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreiset, und jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern es auch durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt. Dieses Land aber ist eine Insel, und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank, und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen, und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen, und gewiß zu werden, ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen, und erstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls zufrieden sein könnten, oder auch aus Not zufrieden sein müssen, wenn es sonst überall keinen Boden gibt, auf dem wir uns anbauen könnten; zweitens, unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen, und uns wider alle feindselige Ansprüche gesichert halten können. Obschon wir diese Fragen in dem Lauf der Analytik schon hinreichend beantwortet haben, so kann doch ein summarischer Überschlag ihrer Auflösungen die Überzeugung dadurch verstärken, daß er die Momente derselben in einem Punkt vereinigt.“

    Und in Hölderlins literaturästhisch bedeutsamem Brief vom 4.12.1801 an den leider vergessenen Schriftsteller Casimir Ulrich Böhlendorf (Robert Habeck hat übrigens über Böhlendorff etwas geschrieben: „Casimir Ulrich Boehlendorffs Gedichte. Eine stilkritische Untersuchung) heißt es in Sachen Übersee: „Ich habe lange nicht geweint. Aber es hat mich bittre Thränen gekostet, da ich mich enschloß, mein Vaterland noch jezt zu verlassen, vielleicht auf immer. Denn was hab‘ ich lieberes auf der Welt? Aber sie können mich nicht brauchen. Deutsch will und muß ich übrigens bleiben,und wenn mich die Herzens- und die Nahrungsnoth nach Otaheiti triebe.“ (Hölderlin)

    Jener freie Gebrauch des Eigenen, der doch am schwersten zu lernen ist. Auch dies ein zentrales Motiv jener Ästhetik um 1800.

  39. Also ich habe mir den Text von Michael Koltan jetzt noch mal durchgelesen, darauf hin, wo da nach „objektiven“ nachvollziehbaren Kriterien geurteilt wird. Und ich sehe nach wie vor keine.

    „In der Tat, insofern sich ein Musikstück im Rahmen einer Tonart bewegt—was für die sogenannte Populärmusik praktisch immer gilt—braucht man nie mehr als drei Akkorde zur Begleitung, genauer gesagt, es gibt überhaupt nicht mehr Akkorde. Ist die Tonart einmal festgelegt, dann
    gibt es exakt drei Akkorde des gleichen Tongeschlechts, die überhaupt verwendet werden
    können.“

    Das ist objektiv falsch. Wer sagt denn, dass Musik sich streng an das traditionelle Schema der Akkordfolge zu halten hat? Selbstverständlich können alle möglichen abweichenden Akkorde verwendet werden, wenn der Komponist das möchte. Es gibt z.B. die indische Musik, die auch tonal ist aber auf ganz anderen Grundlagen beruht (https://de.wikipedia.org/wiki/Klassische_indische_Musik#Tonsystem), und für die Rockmusik von großer Bedeutung ist, schon seit den Beatles. In der indischen Musik gibt es den Dreischritt von Tonika-Dominante und Subdominante nicht. Und kreative Musiker halte sich nicht an traditionelle Schemata.

    Und aus dem Dogmatismus, nach dem das traditionelle Harmonieschema unbedingt eingehalten werden muss, ergeben sich dann so unqualifizierte Aussagen wie: „Faktisch aber ist dieser Einsatz eines leiterfremden Akkordes durch überhaupt nichts legitimiert, er klingt nur etwas seltsam, und zwar aus dem einfachen Grund, weil er dort, wo er steht, überhaupt nichts zu suchen hat.“

    Und dann auch noch so was: „Kritische oder avancierte Rockmusik hätte vielmehr im Gegenteil die Aufgabe, die Ausdruckselemente der Musik zu eliminieren, um die nackte Herrschaft der Form herauszustellen. Ihre kritische Aufgabe wäre es, die von Popmusik verbreitete Ideologie, es könne bei den herrschenden musikalischen und gesellschaftlichen Verhältnissen so etwas wie frei entwickelte Individualität geben, Lügen zu strafen.“

    Wieso glaubt er, festlegen zu können, welche Aufgabe Rockmusik hat bzw. hätte? Freiere Entwicklungsbedingungen für die Individualität als in der westliche kapitalistischen Gesellschaft gibt es nicht und hat es auch nie gegeben. In ihr können sowohl Pink Floyd als auch die Ramones frei musizieren und ihre Musik bereiten, Was will er denn mehr?

    Hier noch ein schönes Stück indisch inspirierter Musik, die sich einen Dreck um Tonika und Subdominante kümmert: https://www.youtube.com/watch?v=OQkMaugNbsc

  40. Genau das meinte ich: Du mußt, so wie Du es nun ja auch machst, inhaltlich auf den Text von Koltan eingehen. Und das ist bei allen Texten so. Nicht was man meint, daß X oder Y geschrieben haben könnten, sondern was sie tatsächlich schrieben.

    Was Du zum Schema der Akkordfolge schreibst, müssen das Musikwissenschaftler oder -kritiker beurteilen. Auf den ersten Blick scheint mir das, wass Du schreibst, plausibel. Aber um das zu beurteilen, muß man eben in der Materie sein und dazu müßte der Autor des Textes, also Michael Koltan, eben zu seinem Text etwas schreiben und erklären.

    „Wieso glaubt er, festlegen zu können, welche Aufgabe Rockmusik hat bzw. hätte?“

    Koltan spricht nicht von Rockmusik generell, sondern von „Kritische[r] oder avancierte[r] Rockmusik“. Das ist ein Unteschied. Daß Pink Floyd UND die Ramones ihre Musik machen können, bestreitet Koltan nicht. Er stellt lediglich einen qualitativen Unterschied fest. Ob der plausibel und sachlich richtig ist, kann ich nicht beurteilen.

    Was aber ganz allgemein und nicht nur auf die Musik bezogen die Frage nach dem Avancierten in der Kunst betrifft, so lassen sich da sehr wohl Kriterien und Bestimmungen angeben. Im Zuge dessen, was man allgemein und etwas unspezifisch Postmoderne nennt – ein doxographisch verengter Begriff leider -, haben wir im Bereich der Kunst eine erhebliche Öffnung von Grenzen zu verzeichnen. Die Projekte der Avantgarden ab Mitte des 19. und des frühen 20. Jhds mit avancierten Formen von Kunst, haben ein Feld geöffnet, das schwierig noch überboten werden kann. Bewußtseinströme und innere Monologe lassen sich zwar variieren, aber schwierig überbieten. (Was freilich hinzukommt, ist eine Form von Interferenz, indem unterschiedliche Medien einbezogen werden: so kann bspw. ein Computerspiel zu einem Kunstwerk werden, weil darin neue Formen des Erzählens ausprobiert werden. Das also, was man intermediale Kunst nennt.)

    Und Abstaktion in der Malerei ist schon lange nicht mehr das, was man als avanciert bezeichnen kann. Schwärzer als schwarz kann man nicht malen. Und wenn solche Bilder zur Hotelzimmerbildern verkommen, dann zeigt sich daran ebenfalls, daß eine Gestalt des Lebens alt geworden ist. Adorno und Peter Bürger sprechen vom „Altern der Moderne“. Aber zugleich auch eine Erweiterung dieser Moderne. Wir haben, grob gesprochen, eine Pluralität von Stilen und Möglichkeiten, was man besonders in der Bildenen Kunst gut sehen kann, als plötzlich nach 1989 aus der DDR eine neue, aufregende, spannende, andere und vor allem realistischen Kunst auf die der BRD traf. Eine Kunst, die zugleich in der Tradition von Picasso und Beckmann steht, wo realistische Elemente einschießen – egal ob bei Sitte, Tübke oder Heisig, oder aber solche Maler der Leipziger Schule, die auf klassische Malweisen wieder sich beziehen, wie der großartige Neo Rauch oder in anderer Form der nicht minder gute Arno Rink. Und das ist aufgrund von Realismus eben nicht defizitär oder ein Anachronismus, sondern hier werden, in Kombination etwa mit Malstilen des frühen 19. Jhds, oder wie bei Tübke im Rekurs auf Bruegel und Bosch, neue Formen probiert und zugleich alte variiert. Wer eine schönen Überblick über all das, was da an DDR-Malerei geschah, haben möchte, hätte sich die Austellungen „Point of No Return“ oder in Potsdam im Barbarini-Palast „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ ansehen können.

    Das Avancierte ist insofern sehr vielfältig geworden. Und ich vermute, daß das in der Musik ebenfalls der Fall ist. Koltans Sicht teile ich angesichts von neuen Formen wie Techno, HipHop etwa im Sinne der Beastie Boys und Drone-Doom-Bands wie Sunn O))) nur sehr bedingt. Das Avancierte im Pop hat neue Wege gefunden und wird auch weiter neue Wege finden. Zumal sich durch die Kombination von Musik und Bild, wie das Rammstein genial einsetzt, ganz neue Formen ergeben. Man betrachte sich nur das saugeile, meisterhafte Video DEUTSCHLAND von Rammstein.

  41. Da gab es ja mal einen heftigen Konflikt mit Momo und dessen Umfeld, die die Malerei von Tübke bis Rauch als reaktionären Backlash, Angriff auf die Moderne betrachteten und die Musik von Rammstein ebenso sehr. Bis hin zu Noah Sow, die dogmatisch verkündete, jede Person die die Musik von Rammstein gut fände oder zu dieser Band persönlichen Kontakt hätte zu ächten.

  42. Erstere war wohl eher das Über-sich-hinauswachsen des Sozialistischen Realismus nach dem Wegfallen ideologischer Vorgaben. Sehr stringent innerhalb der Zusichselbstfindung der Kunst im Sinne der Aufklärung.

  43. Dies ist immer das Problem, wenn Leute Kunst nach ihrem privaten Koodinatensystem abgleichen, wie etwa Momorulez dies häufig tat. Dann wird es oft ein wenig zwanghaft – insbesondere bei solchen Leuten, die anderen gerne Zwanghaftigkeit attestieren und im Verteilen von Haltungsnoten recht fix sind.

    Davon mal abgesehen, daß reaktionär und progressiv keine starren ästhetischen Kategorien sind, sondern dialektisch changieren. Was als reaktionär erscheint, kann ungeheuer progressiv in seiner Form und Darstellung sein. Ein wenig Dialektik hätte Leuten wie Momo gutgetan. Und vor allem die Fähigkeit zu differenzierter Betrachtung, abseits von Privatidiosynkrasien.

    Das Moderne an der ästhetischen Moderne ist ja im übrigen die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Da kann ein Realismus wie der von Thomas Mann gut neben einem Joyce bestehen und vice versa.

    Wenn man es im übrigen in der Mingelnummer von Momo, samt Diskriminierungs-Spielmarke als Einsatz, betreiben wollte, müßte man ihm das, was er zur DDR-Kunst sagt, als Klassismus und als Abwertung ostdeutscher Lebenswelten auslegen. Und böse Zungen würden zudem Momo nun auch noch als CIA-Kneckt markieren wollen. Schließlich wurde diese neue, abstrakte Kunst zu einem großen Teil So vonwegen CIA-MoMa-Connection, so vonwegen „Kongress für kulturelle Freiheit“, proudly presents von US-Geheimdienst. Solche Polit-Kasper-Momo-Spiele der identitären Bewegung lassen sich nämlich einsfixdrei ebenso zurückspiegeln. Das ist das lustige daran.

    @Netbitch: Genau und das ist ja eben auch das Interessante an der DDR-Kunst und wie sie den anderen Weg der Moderne beschritten hat und zudem immer auch ein gesellschaftliches Moment im Blick. Manchmal etwas zu dicht am Bitterfelder Weg, aber meistens eine eigenständige und besondere Kunst. Und wer sich je DDR-Photographen ansah, so Ute und Werner Mahler, Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Harald Hauswald, Gundula Schulze Eldowy, um nur die prominentesten zu nenne, der findet eine ganz und gar eigenständige, großartige und ausdrucksstarke Photographie.

  44. Was das Thema Rammstein angeht: Dieses Lager ist da so sehr der Affirmationslogik verhaftet, dass sie sie Symbolsprache von Rammstein und Lindemann allen Ernstes als faschistisch wertet.

  45. Tja, und in dem Video taucht dann sogar eine faschistische Schwarze auf. Dümmer geht’s nümmer.

    Aber Scherz beiseite: Ich denke, diese Leute haben von der basalen Anforderung, welche das Rezipieren von Kunstwerken stellt, keinerlei Ahnung. Und diese erste und basale Anforderung ist, eine Unterscheidung zwischen eigentlicher und uneigentlicher Darstellung machen zu können. Daß wenn in einem Buch jemand „Neger“ oder „Siegheil“ ruft, nicht der Autor den Begriff „Neger“ oder das „Siegheil“ affirmiert.

  46. Das ging bei einigen politisch korrekten Antifas so weit, dass zum Boykott – oder der Verbrennung – von Heften der „Playboy-Ausgabe aufgefordert wurde in der Sophia Thomalla Playmate war. Weil diese damals Lebensgefährtin von Lindemann war.

  47. Verbrennen. Tja, da sind diese Leute in guter Gesellschaft und genau da, wo ich sie auch vermutete. Sie hätten sich vermutlich auch bei irgendwelchen Bilderstürmer-Sekten gut gemacht, um das Entartete in der Kunst auszumachen.

    Abstoßend an solchen Leuten vor allem diese Mischung aus Intoleranz, Dogmatismus und derrangiertem gesellschaftlichem wie ästhetischem Bewußtsein auf dem Niveau der Lurche.

  48. Statt die Hexen zu verbrennen hätte man ihnen bzw. Frauen generell die Inquisition überlassen sollen. Wenn die so gewesen wären wie spätere Feministinnen hätte es keine Aufklärung gegeben, die wären gründlich gewesen und hätten keinen Ketzer entkommen lassen. Außerdem hätte es kein Geschmadder gegeben auf den Folterbänken (Blut, Gehirn, Massaker), die hätten jedesmal geschrubbt.

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