Die Tonspur zu Wiglaf Drostes 60. Geburtstag – nachträglich

Der Satz „Er fehlt uns mehr als je“, den man Prominenten und bedeutenden Menschen gerne nachruft, mag ein ausgelatschtes Klischee sein, darin eigentlich nur steckt, daß man selbst und die eigene Generation es nicht besser mehr hinbekommt, und jemand wie Droste spottete darüber vermutlich, wenn er noch könnte. Aber in seinem Fall trifft der Satz zu. Man kann sich die Mühen machen und es ihm nachtun, aber es macht sehr viel mehr Spaß, Droste zuzuhören. Immer noch eines seiner großen Stücke, über Kreuzberg und jene in Schablonen denkende Linke: „Als Schokoladenonkel unterwegs“ (nachzuhören hier auf Youtube, in: „Die schweren Jahre ab 33“ und schon für diesen Titel seiner Auftritte damals gebührt ihm Ruhm.)

„Eine Opferrolle vorwärts“: als ob Droste die Methode heutiger identitätspolitischer Linker vorwegnahm. Und er tat dies auch: denn bereits in jenen 1990er Jahren waren diese Leute ja da. Nur dank des Umstandes, daß es kein Internet gab und auch sonst wenige Verstärker für solchen Unfug gab, nahm man die Spacken, die Dogmatiker und all jene, die Opfersein instrumentalisierten, lediglich im inneren Kreis derer, die zu den jeweiligen Politszenen gehörten, wahr. Heute hingegen manifestiert sich solches bis in den Kulturbetrieb hinein und es gibt ganze Blogs, die diese Schiene als Feuilleton im Internet bespielen und den Leuten dabei auch noch Geld aus dem Kreuz leiern. Droste war ein Linker, der genau diese linke Dogmatik aufs Korn nahm. Nachtun kann man es ihm nicht. Aber wir können weitermachen.

Das Leben lag da, vor mir. Ich konnte es liegenlassen, oder ich konnte es aufheben.
Schon seltsam
Wie leicht man vegisst
Dass alles, was man tut
Für immer ist.
(Wiglaf Droste)

33 Gedanken zu „Die Tonspur zu Wiglaf Drostes 60. Geburtstag – nachträglich

  1. Ich fand damals, dass er allzuoft gewaltig übers Ziel hinausschießen würde, gehörte aber selbst zu einer Fraktion, die sich über die Moralspacken auf andere Weise lustig machte („Wir brauchen für die linke Szene eine allgemeinverbindliche, verpflichtende und nach außen sichtbar getragene Moral! – heftiges Nicken – „Wie im Iran!“ oder: Vegane Demoparolen – „Trauer und Wut, Milch ist weißes Blut, hinter dem Schlachthof steht das Kapital, der Kampf um Begreiung ist interanimal“ – das Schlimme ist, heute würde selbst das ernstgenommen). Bei der Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch-Kampagne hätte ich eine rationale Diskussion vorgezogen, die mit dem Fanatismus beider Seiten nicht mehr möglich war. Auf jeden Fall starb Droste zu früh.

  2. Na ja, die Kampagne Mißbrauch mit dem Mißbrauch war ja eine sachliche Erwägung, wenn man da an Leute wie Katharina Rutschky denkt, gegeben. Leider ist es ja bis heute so, daß ein Teil der Linken selbst Leute, die eigentlich dem eigenen Lager entstammen, nicht reden läßt (vom politischen Gegner ganz zu schweigen.) So heißt es bei Wikipedia:

    „Einen Höhepunkt erreichte die Zuspitzung, als Reinhart Wolff, damals Rektor der Alice-Salomon-Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin, 1994 ebendort gemeinsam mit Katharina Rutschky einen Kongress zum Thema organisierte. Dieser konnte nur hinter verschlossenen Türen und unter Polizeischutz stattfinden; aus ihm ist ein Handbuch Sexueller Mißbrauch hervorgegangen. Wolff wurde kurze Zeit darauf als Rektor abgewählt.“

    Und einer solchen Linken, die jegliche demokratische Spur verläßt, kann man nur noch den Kampf ansagen. Und das gilt bis heute: man muß so unterschiedliche Leute wie Gauland, Thomas de Maizière oder Bernd Lucke nicht mögen. Aber wer ihre Reden und Vorträge stört oder verhindert, sollte mit allen Formen des Widerstandes rechnen. Und wenn sowas von Studenten kommt, wäre auch, sofern die Veranstaltungen, wie bei Lucke, an einer Universität stattfinden, über eine Exmatrikulation solcher Störer nachzudenken, damit sie mal zwei Jahre Zeit haben, über demokratische Gepflogenheiten nachzudenken.

    Droste Reaktion damals fand ich nicht ganz schlecht. Klar, sachliche Debatte wäre besser. Nur muß dazu eben auch die andere Seite bereit sein.

  3. Also, einen Teil von Drostes Reaktionen habe ich life erlebt, einen anderen Teil Leute aus meinem unmittelbaren Umfeld. Dazu gehörte zum Beispiel, dass er einem Gegedemonstranten sagte, er mache das ja nur, weil ihn die Frauen sonst nicht mehr ranließen, und er böte ihm an, ihn mal mit seinem 30cm-Prügel notzuzüchtigen. Einer Frau die ihn interviewen wollte entzog er sich durch Flucht, und als sie ihn später in einer Kneipe trag leerte er eine Flasche Tequila auf ex um nicht mehr ansprechbar zu sein. Von den Umgangsformen her war Droste das letzte was ich mitbekommen habe.

  4. Für mich als Satiriker lustig und als Mensch ein Arsch. Wobei seine soziale Inkompetenz m.E. leicht autistische Züge hatte.

  5. Als Droste seine Lesung in Göttingen hatte reagierten wir anders als linke Szenen anderswo: Wir verteilten am Eingang des Veranstaltungssaals einen Text, in dem wir sachlich kritisierten was wir an Drostens Verhalten in der Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch-Kampagne falsch fanden. Keine Blockade, kein Geschrei, auch keine Mahnwache. Die Stimmung war aber so aufgeheizt, dass sich unter den Droste-Fans, als wir von der Veranstaltung Fotos machten (für die Zeitung und die eigene Doku) herumsprach, wir würden sie für eine Sexisten-Datei ablichten.

    Als zu der Zeit Richard von Habsburg eine Diskussionsveranstaltung mit CDU-Rechtsaußens hatte proestierten wir dagegen mit Stanniolkronen und dem Transparent „Für einen deutschen Kaiser – alle oder keiner!“, und bei einer Wahlkampfveranstaltung Rudolf Scharpings „Pfälzer – es kann nur einen geben! Das Original ist aber viel dicker.“

  6. „wir würden sie für eine Sexisten-Datei ablichten.“ Na ja, der Verdacht ist nun allerdings so absurd nicht. Schon gar nicht, wenn man an solche Selbstjustizparolen wie „Vergewaltiger, wir kriegen euch!“ denkt.

    Sofern es zu einer sachlichen Diskussion kommt, ist es gut. Leider ist das in Berlin nicht möglich gewesen und auch sonst nicht oft.

    Protest vor einer Veranstaltung mag ein legitimes Mittel sein, nur sollte man bei solchen Protestformen mitbedenken, daß es einen auch selber treffen kann. Wenn also irgendwann einmal Rechtsidentitäre das machen, muß man auch mit solchen Aktionen rechnen und die Toleranz, die man für sich selbst in Anspruch nimmt, auch bei anderen Gruppierungen ansetzen. Ich selbst halte von sowas gar nichts. Soll doch reden, wer will. Und wenn man was zu sagen hat, macht man eine Gegenveranstaltung.

    Klar, so eine satirische Zwischenstörung kann auch gut sein. Kommt immer auf den Fall an. Man sollte eben nur mitbedenken: Es funktioniert dies auch andersherum.

  7. Wir protestierten ja nicht gegen die Droste-Lesung, sondern wiesen am Eingang darauf hin, dass es zum Thema eine wesentlich andere Sichweise gibt, störten aber nicht die Veranstaltung. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

  8. Übrigens gab es zu der Zeit viel derbere Satire, etwa ein Poster in der Titanic mit einem Foto von einem Mädchen auf dem Kinderstrich und der Bildunterschrift „Kinder bringen Freude ins Leben.“

  9. Ja, der Humor war ein anderer damals: all das würde sich heute die Titanic nicht mehr trauen. Drostes Sichtweise war eben, daß es diesen Mißbrauch mit dem Mißbrauch gab und daß solche Vorwürfe instrumentalisiert wurden – was sich dann ja auch als wahr herausstellte.

    Insofern lagt Ihr damals daneben und Droste hatte mit seiner Satire „Der Schokoladenonkel bei der Arbeit“ recht: daß dieses Mißbrauchsthema hysterische Züge annahm. Den Kindern, also den tatsächlichen Opfern, ist übrigens mit solcher Art von Verdächtigungen, auf die Droste sich bezog, nicht im geringsten gedient. Kindern zu suggerieren, daß sie mißbraucht wurden, ist das allerletzte – wie bei dem Fall in Trier und in Münster. Ganze Familien wurden zerstört. Insofern kann man Droste gar nicht genug danken, solche Verhaltensmuster von Hysterie aufgespießt zu haben.

    Und unbedingt zu nennen hier auch die großartige Katharina Rutschky mit „Erregte Aufklärung“. Sie wurde dafür auf einer Veranstaltung sogar ins Gesicht geschlagen. Soviel nur zur Stimmung in dieser sogenannten linken Szene.

  10. Ich würde nicht sagen, dass wir damals daneben lagen. Wir kritisierten aber auch nicht die Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch-Kampagne als solche und an sich, sondern nur bestimmte Aspekte. Da wurde ja auf durchaus populistische Weise gegen Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen in breiter Front Stimmung gemacht, nicht nur gegen das Personal bestimmter Zartbitter- und Wildwassergruppen. Es macht wahrscheinlich wenig Sinn, die Konfliktlinien einer Auseinandersetzung von vor 25 Jahren kleinklein aufzudröseln,. ein Aspekt erscheint mir aber zeitlos wichtig. Die Leute, die sich damals engagierten zerfallen grob gesehen in zwei Gruppen: Pädagogen, Erzieherinnen, Hortpersonal, die ihre eigenen Anliegen in der Öffentlichkeit zerpflückt und angegriffen sahen (dazu gehörte auch mein damaliges Umfeld) und moralisierende Auchdabei-Linke, die jedes Kampagnenthema aufgriffen, solange es nur möglich war, moralische Betroffenheit hochzukochen. Für die waren die angeblich oder tatsächlich mißbrauchten Kinder in erster Linie passive, wehrlose und daher ideal zu betuddelnde Objekte. Kein Wunder, dass auch die Tierrechtsszene aus diesem Spektrum hervorging. Es war das Gleiche mit Vergewaltigungen und Antisemitismus in der linken Szene: Diese Themen wurden benutzt, um sich zu profilieren und am eigenen moralischen Bessersein Hierarchien festzumachen. Da lieht der Hund begraben, nicht an den Themen selbst.

  11. Der Hund liegt da begraben, wenn Leute ein Thema auf instrumentelle Weise angehen. Daß das Thema wichtig ist, bestreitet keiner – auch Droste sicherlich nicht. Wogegen sich diese Leute wendeten, ist die entsetzliche Hysterisierung. Und da ist die Satire vom Schokoladenonkel genial und gut. Weil sie nämlich genau dieses Milieu aufs Korn nimmt, dem es nicht um die Opfer, sondern um die Generierung von Eigenbedeutung ging: und diese erhält man eben, wenn man vorgibt für Opfer zu sprechen. (Wer will schon einer sein, der sexuellen Mißbrauch gutheißt?) Und solches Verhalten wird Instrumentalisierung eines im Prinzip richtigen Anliegens genannt. Eine Opferrolle vorwärts eben. Wir kennen solche Leute auch aus bestimmten Bloggerkreisen oder wenn da die gute alte Mohrenlampe instrumentalisiert wird. Und solches Gebaren eben schadet dem im Prinzip richtigen Anliegen. Leider haben Vereine wie Wildwasser und Zartbitter (auch schon etwas seltsame Namen, wenn man es dann mal in der Verdachtsdiktion dieser Leute machen möchte: sie klingen eher wie Bordellnamen) auch nicht unbedingt zur Versachlichung der Debatte beigetragen. Böse könnte man sagen: je mehr Mißbrauch, desto mehr Fördergelder – das zumindest fällt mir beim Verhalten dieser Vereine ein. Auch wenn es gut ist, daß es sie gibt. Aber hier muß noch eine andere Instanz her: zwischen Jugendämtern, die nicht aufpassen (siehe jetzt auch wieder der Fall in Tübingen, wo letztens in der ZEIT berichtet wurde), und jenen Vereinen, denen es auch um Mitglieder geht und da läßt man eben auch mal was übers Ziel hinausschießen, muß es eine Instanz geben, die unabhängig von Fördergeldern arbeitet.

    Im übrigen zum Kindermißbrauch verweise ich auf Ute Cohens gutes Buch „Satans Spielfeld“.

    http://www.septime-verlag.at/Buecher/buch_satans_spielfeld.html

    Da wird keine Opferrolle vorwärts gemacht und auch nichts instrumentalisiert, sondern eine schlimme Sache als Roman und damit in Literatur realistisch beschrieben: wie die Mechanismen funktionieren, wie alle wegsehen und wie dieses System aus Freundlichkeit und Erpressen und dem Ausnutzen kindlichen Unwissens funktioniert.

    Meine Rezension dazu hier:

    Marias Himmelfahrt oder eine Geschichte, die ins Reale schneidet. Ute Cohens Roman „Satans Spielfeld“

  12. Seltsame Namen? Zartbitter beruht auf dem Titel dieses Buches:

    https://www.kiwi-verlag.de/buch/ursula-enders-ursula-enders-zart-war-ich-bitter-war-s-9783462033281

    wenn ich das recht in Erinnerung habe ein Handbuch zum Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder, das auf einer Opferautobiografie beruht bzw. an dieser ansetzt und das zu meiner Studienzeit ein Standardwerk in der Lehrer- und Hortpädagogenausbildung war.

    „Böse könnte man sagen: je mehr Mißbrauch, desto mehr Fördergelder – das zumindest fällt mir beim Verhalten dieser Vereine ein.“ —– Und diese Haltung ist genau die, die wir der Droste-Fraktion, so nenne ich sie mal vereinfacht, vorwarfen. Das Mißbrauchsfälle da sehen wo es sie nicht gibt und anhand abenteuerlich herbeikonstruierter Verdächtigungen Erzieher menschlich und beruflich kaputtmachen, das war haarsträubend und gehört zu Recht kritisiert. Aber das Thema Mißbrauch in breites Rampenlicht stellen und massive PR zur Schaffung neuer Arbeitspätze und Beratungsstellen in einer personell unterbelegten und viel zu schlecht bezahlten Sozialbetreuungslandschaft zu betreiben, das ist nur allzu berechtigt. Und genau dieses Anliegen wurde den Beratungsstellen und sich in dieser Angelegenheit engagierenden HortmitarbeiterInnen und PädagogInnen massiv angelastet, als unlauter und unmoralisch. Nach der Logik, solche Leute hätten bescheiden und bedürfnislos zu sein und PR und Werbung für soziale Projekte sei etwas unmoralisches – aber Autos, Lebensmittel, Lifestyle, alles das darf munter beworben werden!

    Und aus dieser Perspektive, der Stärkung der Vereine und Beratungsstellen heraus, die für mich als Vorsitzenden einer Patientenberatung bis heute meine Perspektive ist stehen die moralischen Bessermenschen und Leute wie Drosten zwar auf entgegengesetzten Seiten, für uns aber beide im gegnerischen Lager.

  13. Zum Buch: Ich weiß nicht, ob die aktuelle Ausgabe noch mit der ursprünglichen Fassung identisch ist, eigentlich erschien „Zart war ich – bitter war´s“ so um 1990.

    Übrigens ist die massenmediale Verwurstung solcher schwierigen Themen ein Übel für sich. Hinsichtlich der heutigen Pädophilie-Vorwürfe gegen APO-Kinderläden aus den Spätsechzigern und dem was damals passierte klaffen gigantische Unterschiede. Lesenswert in dem Zusammenhang „Die Psychoanalyse der Küchenarbeit“ von Klaus Hartung.

  14. Das ist aber alles nicht der Kritikpunkt in Drostes Schokoladenonkel. Und die Notwendigkeit von Beratungsstellen sieht auch Katharina Rutschky und vermutlich auch Droste. Das Problem ist ein Überaktivismus und Verdächtigungen. Und dazu gehörten damals leider auch jene Vereine. Und da kam dann – ganz zu recht – auch der Verdacht auf, daß es hier wohl auch um Fördergelder ginge.

    Was solche Thematisierungen betrifft: Wir haben hierbei ein Problem, was es auch bei der Frage des Rassismus gibt und was zuweilen als Rassismusparadoxon bezeichnet wird: Je aufgeklärter eine Gesellschaft ist und je mehr sie solche Mißstände thematisiert, desto mehr Mißstände, desto mehr Rassismus entdeckt man auch, selbst wenn er objektiv weniger wird. Noch die kleinste Bemerkung, etwa wenn in einem Buch das Wort „Neger“ steht, wird zum Skandal hochgezüchtet; und jede Kontrolle, wo Schwarze vielleicht auch zu recht von der Polizei kontrolliert werden, eben weil es jene Leute sind, die im Görlitzer Park vermehrt dealen, kann als rassistisch gewertet werden. So generiert man immer weitere und neue Fälle. Für die Integration gibt es ähnliches: je stärker die Integration funktioniert, desto mehr werden auch Mißstände entdeckt. Und solches Suchen führt dann leider dazu, auch aufgrund von Leuten, die sich wichtig machen wollen oder die andere gerne anscheißen, weil da noch eine Rechnung offen ist, daß Fälle gebastelt werden, die keine sind. Und beim Mißbrauch mit dem Mißbrauch ist es eben, wie im Falle von Münster und von Worms, so, daß auf ein Thema aufgesprungen wurde und ein Mißbrauch konstruiert wurde, wo keiner war.

    Daß es solche Institutionen für Betroffene gibt, ist gut und richtig und nötig. Die Frage ist aber, wie sie intern funktionieren. Und sofern dort eben auch ein Mißbrauch mit dem Mibrauch geschieht, sollten die, die das machen, wissen, daß ihre Tage und ihre Fördergelder gezählt sind. Und da ist eben leider auch das Schweigen aus einer falschen Solidarität heraus das ewigwährende Problem.

  15. Mein Kritikpunkt war nicht der Schokoladenonkel, den ich mit Genuss gelesen habe. Diese Lesereise Drostes und die Proteste dagegen, die in Göttingen einen sehr viel differenzierteren Charakter hatten als anderswo, spielten sich etwa zwei Jahre nach Münster und Worms ab und dazwischen lag eine Debatte, die längst ihre Eigendynamik entwickelt hatte. Der Droste, den ich erlebte trat selber wie ein Schlägertyp auf.

  16. Na ja, wenn man Dich derart auf einer Lesung angeht, dann setzte Dich halt zur Wehr und machst dicht – erst recht, wenn man in allen Städten, wo man auftritt, mit einer Meute rechnen muß. Da entsteht schon eine gewisse Grundaggressivität, die eben das Resultat jener Aggressoren ist, die Lesungen stören. Und auf einer Lesung hat ein Autor eigentlich auch keine große Lust, über Themen zu diskutieren, die von anderen an einen herangetragen wurden. Und eine Satirelesereise ist eben kein Kongreß für Kinderpsychiatrie und Mißbrauchsforschung. So wichtig dieses Thema auch ist, wenn Männer oder Frauen Kinder anfassen und sexuell übergriffig werden.

    Ohne Frage ist die Sache aus dem Ruder gelaufen und Alkohl im Spiel ist auch nicht dazu angetan, es besser zu machen. Dennoch kann ich Droste verstehen. Solchen Leuten würde ich mich mit ähnlichen Mitteln entziehen.

  17. Wie gesagt: Das ganze hat mehrere Facetten. Und eine Privatperson derart anzugehen, halte ich nicht für zielführend, wenn es einem ernsthaft um ein Thema geht. Und wenn man bei einer Lesung den Eindruck hat, man ist kurz vor einer Schlägerei, dann würde ich gegen solche Leute, die meine Veranstaltung stören, alle Hebel in Bewegung setzen. Bis hin zur Polizei.

  18. Übrigens noch eine schöne Titanic-Satire aus jener Zeit: „Wichser äußern sich zur Porno-Debatte: Wir haben abgerieben!“

  19. Daß Fälle gebastelt werden, die keine sind erlebten wir noch mit ganz anderen Kontexten, etwa mit Vergewaltigungen die keine waren und die bis hin zum Konkurrenzkampf für Probenräume für Bands instrumentalisiert wurden (Vergewaltigungsvorwurf gegen Bandleader) oder Antisemitismusvorwürfe, wenn einzelne Unternehmen wegen ausbeuterischer Praxis kritisiert wurden („struktureller Antisemitismus“, Kapitalismuskritik im konkreten Einzelfall wäre Gleichsetzung von Kapitalisten mit Juden).

  20. In solcher mangelnden Toleranz liegt genau das Grundproblem. Niemand muß alles gut finden, was andere machen. Aber niemand hat das Recht, eine Veranstaltung zu stören – schon gar nicht auf die Art, wie das jene sogenannten, selbsternannten Autonomen in Hamburg machten. Zumal solches Spiel eben auch umgekehrt geht. Und dann ist das Gejammere groß.

    Das von che beschriebene Erfinden von irgendwelchen Delikten ist unterste Schublade. Ich wundere mich immer, daß ausgerechnet solche Leute die Welt verbessern wollen und es dann bei sich selbst und in ihrer kleinen Welt nicht einmal schaffen, sich nicht wie ein Arschloch zu verhalten.

  21. Richtig korrekt, sozusagen TM, bezeichnet dieser Begriff ja nur die Leute, die an der Theorielinie ausgerichtet sind, die durch die Zeitschrift „Autonomie“ begründet wurde und mit den Materialien für einen neuen Antiimperialismus, Wildcat und den Schriften der Reemtsma-Stiftung fortgeführt wurde.

  22. Aber es hat irgendwann mal angefangen. In den tiefen Achtzigern gab es diesen Betroffenheitsmoralismus nur in sehr speziellen Winkeln der linken Szene – Psychogruppenmilieu, Ökofundamentalisten, das Kernmilieu der Gewaltfreien (meint die Leute die vorm Wasserwerfer sitzen blieben) – und er war völlig untypisch für die Linke an sich. Das ging so etwa ab 1987 los mit dem Pietcong.

  23. Dieses Moraline würde ich auch so Mitte, Ende der 1980er einordnen. Eine Form von Softigkeit war vielleicht schon in den frühen 1980ern in den Öko- und auch Esoterikbewegungen vorbereitet. Und ein wenig auch bei solchen Liedern wie von Ina Deter: „Neue Männer braucht das Land“. (Wobei es ja nicht per se verkehrt ist, daß sich Männer- und Frauenrollen wandelten.) Wie es in den 1970er Jahren war, kann ich nicht sagen. Das alles hängt vermutlich auch sehr von den (linken) Mileus ab, in denen man sich bewegte. Eine gewisse Radikalisierung (und damit auch Moralisierung) kam Ende der 1980er durch bestimmten Frauengruppen in Universitätszusammenhängen auf und es wurde da plötzlich ein anderer Ton laut: daß man als Unterdrückte per se Recht habe und auf der richtigen Seite stehe. Das Opfer ist im Recht wer die Frauengruppe für die Fachschaft nicht wählt, ist ein Chauvinist und Frauenfeind. Da fing die moralische Erpressung teils an. So zumindest meine Beobachtung.

  24. Ich erlebte das viel handfester im Zusammenhang mit Vergewaltigungen in linken Szenezusammenhängen und der gleichzeitigen PorNo-Kampagne.

  25. Ich denke, da kommen unterschiedliche subjektive Erfahrungen zusammen. Die Inneneinblicke in die Szene habe ich nicht, kenne nur ein bestimmtes Uni-Links-Milieu, teils mit Hafenstraße-Kontakten. Aber da war es mir, wie auch in der Roten Flora, immer zu siffig. Ich mochte das nicht. Was aber alle diese Erfahrungen eint: Es gab keine sozialen Medien, man war unter sich und diese Art von Kommuniktation des beginnenden Moralisierens und Bezichtigens war auf einen kleinen Inner Circle beschränkt. In meinem Bekannten- und Freundeskreis stieß solches Gehabe auf völliges Unverständnis. Und da es keine Medien gab, die solches Moralisieren und auch diese Art von moralischer Erpressung nach außen trugen, war das ein Phänomen, was nicht weiter auffiel. Dazu kommt, daß der Journalismus zu dieser Zeit noch ein anderer war. Linke Zeitungen, die überregional waren, gab es wenige: taz und FR waren die bekanntesten Tageszeitungen, später kamen als Wochenzeitungen Freitag und die Hamburger Rundschau hinzu und als Tageszeitungen Junge Welt und Neues Deutschland. Der Rest der Presse war konservativ oder liberal, manchmal leicht sozialdemokratisch, wie die ZEIT der 1980er. Artikel und Debatten zu solchen Themen wie Postcolonial Studie, Gender, Rassismus kamen praktisch nicht vor. Rassismusthemen allenfalls, wenn Nazis ein Asylantenheim überfielen oder Wohnungen von Türken anzündeten. Wobei ja die Themen per se nicht das Problem sind, sondern die Art, wie sie behandelt werden. Und dieses neuprotestantisch-calvinistische Finde-den-inneren-Rassisten-in-dir-und-tue-gewaltig-Buße: das gab es in dieser verbreiteten Form nicht.

  26. Die heutigen sozialen Medien sind so, als ob man einer der damaligen Plenumsdiskussionen, die aus gutem Grund in geschlossenen handverlesenen Runden stattfanden, life mitschneiden und ins Internet stellen würde. Was es aber gab waren Szenezeitschriften, die, mal in Magazinstärke, mal Faltblätter, mal in großer Auflage gedruckt, mal hektografiert, den Diskurs vorantrieben. Das war nicht der Diskurs der Aktionsbündnisse oder lanmgfristiger Arbeitsgruppen oder akademischer Zirkel, die Zeitschriften wie Materialien für einen neuen Antiimperialismus, Wildcat, Grundrisse oder Prokla (=Probleme des Klassenkampfes) hervorbrachten, sondern die Vulgärform. Was jetzt kommt wird so umfangreich dass ich das Deinem Kommentarthread nicht zumuten möchte, ich wechsle daher zu mir rüber.

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