Noch sein Schweigen war beredt – Karl Kraus zum 85. Todestag

„Ich pfeife auf den Text, ich bin imstande, das Antlitz der heutigen Welt mir aus dem hinteren Annoncenteil zusammenzustellen.“
(Karl Kraus, Die Katastrophe der Phrasen)

So dachte es sich Kraus beim Betrachten von Zeitungen. Und das ist wahr, wie sich im Laufe dieser Würdigung zeigen wird, wenn es zur „Reklamefahrt zur Hölle“ geht.

Über Karl Kraus zu schreiben, kann im Grunde nur bedeuten, Karl Kraus selbst sprechen zu lassen. Alles andere bleibt schales Nachholen und Nachbeten. Was können wir von Kraus lernen? Die Waffe der Kritik schärfen und die Kritik der Waffen vorantreiben, um einen anderen bekannten Kritiker und Polemiker zu nennen. Kritik kommt vom griechischen krínein und heißt „unterscheiden“, „trennen“; und es bedeutet unter anderem auch: hinterfragen, was uns geboten wird. Das galt bei Kraus vor allem für die Zeitungen und für das, was der common sense so dachte und machte und was sich in Wien das kulturelle Leben vor, während und nach dem ersten Weltkrieg nannte. Aber solcher Blick auf Gesellschaft allein reicht nicht aus, denn die Vernebelungen und das Seichte kommen in einem Medium daher: nämlich der Sprache. Insofern muß der Kritiker den Blick auf diese Sprache richten, die wir sprechen und schreiben und die unser Denken formt. Wenn Leser, Radiohörer, Internetfreunde oder TV-Zuschauer nicht mehr selber sehen, urteilen und sich in die Details begeben, sondern ihnen im Nachrichtenteil die passende und die richtige Meinung von Medien qua Phrase vorgesetzt wird: an dieser Stelle setzt die Arbeit der Kritik ein. Kraus spießte solche Zeitungsphrasen in seinem Hausorgan „Die Fackel“ auf – eine Zeitschrift, die er als Ein-Mann-Projekt betrieb. Kraus‘ Methode war die Satire. Darin steht Kritik über ihrem Gegenstand und nicht darunter. Das haben Leute wie Jan Böhmermann und Leo Fischer bis heute nicht begriffen. Diese Haltung betrifft auch das Medium selbst: Sprache. Karl Kraus beherrschte sie als Waffe meisterhaft. Ob gegen dumpfes Deutschtum und gegen eine Kultur, der ihr eigener Begriff abhanden kam:

„Im Sagenkreis des Deutschtums wird dereinst ein großes Durcheinander entstehen zwischen Kyffhäuser und Kaufhäuser.“

Oder aber Kunst als Kulturindustrie, was Kraus bereits im Wien der Jahrhundertwende heraufziehen sah:

 „»Ein bis jetzt unbekanntes Trauerspiel von Shakespeare wurde jüngst im Inseratenteil einer in St. Gallen erscheinenden Zeitung angekündigt. Es hieß nämlich dort, dass im Stadttheater von St. Gallen zur Aufführung gelange: ›König Lehar‹, Trauerspiel in fünf Aufzügen von W. Shakespeare.«

Da gibts gar nichts zu lachen. Es ist grauenhaft. Der Setzer hat keinen Witz machen wollen. Das Wort, das er nicht zu setzen hat, die Assoziation, die ihm in die Arbeit gerät, ist der Maßstab der Zeit. An ihren Druckfehlern werdet ihr sie erkennen. Was hier zu lesen war, ist ein Shakespearesches Trauerspiel.“

Ebenso gab es bei Kraus die Kritik jener restaurativen Tendenz in der Kunst, sozusagen gegen das, was Adorno die „gebeizte Stimmungskunst“ nannte:

„Mir scheint alle Kunst nur Kunst für heute zu sein, wenn sie nicht Kunst gegen heute ist. Sie vertreibt die Zeit — sie vertreibt sie nicht! Der wahre Feind der Zeit ist die Sprache. Sie lebt in unmittelbarer Verständigung mit dem durch die Zeit empörten Geist. Hier kann jene Verschwörung zustandekommen, die Kunst ist. Die Gefälligkeit, die von der Sprache die Worte stiehlt, lebt in der Gnade der Zeit. Kunst kann nur von der Absage kommen. Nur vom Aufschrei, nicht von der Beruhigung. Die Kunst, zum Troste gerufen, verläßt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Sie geht durch Hoffnungsloses zur Erfüllung.“

Und zugespitze:

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“

Was Kraus zum Journalismus schrieb, hören bis heute viele nicht gerne, besonders jene, die im Bötzowviertel oder in Nachbarschaft als Kulturjournalisten Wohnraum okkupieren. Kein Wunder, denn häufig (aber nicht immer) sind es Journalisten, die die Kritik an ihrer Zunft abwiegeln. Ähnliches gilt für das Phänomen, für das wir den Begriff „Kultur“ reserviert haben: Kraus kritisierte Kultur, ohne aber in akademischer Weise „Kulturkritik“ zu betreiben. Sondern er nahm sich vielmehr in concreto ihre Ausprägungen vor. Angefangen beim bürgerlichen Moralbegriff. Hoch stand für ihn die Privatsphäre, die jedem zustand. Auch einem Reaktionär. Auch vor der Justiz: der (vermeintlich schlechte) Lebenswandel eines Menschen – etwa wenn im fin de siècle eine Frau als Prostituierte wirkt – läßt nicht umstandslos auf die Schuld schließen. Dafür focht er. Etwa in „Sittlichkeit und Kriminalität“ oder in seinem Essay „Maximilian von Harden. Eine Erledigung“, wo es um die Affäre Eulenburg ging. Jener Graf Eulenburg  wurde von dem Publizisten Maximilian von Harden öffentlich der Homosexualität bezichtigt, mit dem Ziel, ihn aus dem Kabinett des Kaisers Wilhelm II zu entfernen. Kraus attackierte den einst bewunderten von Harden scharf:

„Nicht Wanzen zu töten, aber den Glauben an die Nützlichkeit der Wanzen zu vertilgen ist meine Sache.“

„Die Hölle der Neuzeit ist mit Druckerschwärze gepicht.“

Und ganz folgerichtig heißt eine seiner Aufsatzsammlungen „Untergang der Welt durch schwarze Magie“.

Anker seiner Volten, seiner Texte und Polemiken war Kraus‘ Abneigung gegen das Bestehende und gegen eine Welt, die schlecht eingerichtet ist. Jener Rotz der Zeit und der Ranz, der sich in bestimmten Typen manifestierte. Sie haben Namen. Kraus nahm es persönlich und zugleich war die Person doch mit der Sache assoziiert, so daß das Individuum zugleich für ein Allgemeines stand. Aber es war nicht nur das Ziel von Kraus, diese Abneigung im Lamento zu wiederholen, sondern Idiosynkrasie und Kritik sollten produktiv gemacht werden:

„Da ich sie [die Welt] nicht bessern werde, solle ich’s mit Seufzern statt mit Angriffen und mit Klagen statt mit Anklagen versuchen. Ich will den freundlichen Rathgebern meines Wesens nachtschwarze Gründe öffnen: Die Schurken, die nicht zu bessern sind, zu ärgern, ist auch ein ethischer Zweck.“ (Kraus, Die Fackel 82)

Und darin ist solche Kulturkritik auch ein Stück weit Ethik des Textes: oder wie es Kraus zur ersten Ausgabe der „Fackel“ schrieb:

„Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“ (Kraus, Die Fackel, Nr. 1, 1899

Kritik als Waffe. Wer sich zum Verhältnis von Karl Kraus und der Kritischen Theorie informieren will, der greife im übrigen zu Irina Djassemys Dissertation Der „Productivgehalt kritischer Zerstörungsarbeit“. Kulturkritik bei Karl Kraus und Adorno. Kulturkritik ist bei Kraus wie bei Adorno Sprachkritik. Adorno formulierte es in seinem Essay Kulturkritik und Gesellschaft wie folgt:

„Wer gewohnt ist, mit den Ohren zu denken, der muß am Klang des Wortes Kulturkritik sich ärgern nicht darum bloß, weil es, wie das Automobil, aus Latein und Griechisch zusammengestückt ist. Es erinnert an einen flagranten Widerspruch. Dem Kulturkritiker paßt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt.“

[Und jenes Motiv des Mit-den-Ohren-Denkens nahm auch Iris Dankemeyer in ihrer schönen Dissertation Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno auf.]

Kulturkritik freilich bedeutete nicht, auf die Annehmlichkeiten des Lebens zu verzichten. Ein Platz im Kaffeehaus war nie verkehrt, und die Dialektik und das Spiel der Technik brachte Kraus derart auf den Begriff:

„Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu benützen. Nur mit dem Auto kommt man zu sich.“

Was mir als passioniertem Autofahrer gut gefällt; und es erinnert dieses Motiv an den Eiffelturmverächter Guy de Maupassant, der schrieb, daß der beste Platz in Paris oben auf dem Eiffelturm sei. Denn dort sähe man diesen schrecklichen Koloß aus Stahl nicht. Kraus‘ Dialektik reicht bis ins Politische und weist auf die Gegenwar. Denn auch solche Sätze, die fast das Programm der Hartz-IV-Gesetze, und ebenso die Überwindung des Nützlichkeitsdenkens vorwegnehmen, tragen jenen Widerspruch  in sich, der auf eine andere Zeit weist:

„Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.“

Es gibt etwas wie den Gebrauchswert einer Sache, und es sollte in einer Gesellschaft nicht die Arbeit ein Selbstzweck sein. Freilich mußte man sich diese Haltung eben auch leisten können. Kraus wußte das.

Sein  Mittel war – unter anderem – der Aphorismus. Der Aphorismus spitzt ein Übel zu, denn in der Übertreibung scheint Wahrheit grell auf, ohne daß ein Aphorismus im strengen Sinne begründungswahr sein müßte. „Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit; er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb.“ Aber wir unterschätzt Kraus, wenn wir ihn lediglich auf dieses Medium der knappen, flapsigen, klugen Bemerkung reduzieren, die uns lachen läßt, weil böse Wahrheit ohne viel Langtext hervorblitzt. Genauso gibt es bei Kraus den Essay, der sich etwa der bürgerlichen Doppelmoral oder der Literatur widmete oder sein mächtiges und leider auf deutschen Bühnen nie gespieltes Drama „Die letzten Tage der Menschheit“. Eine moderne Montage, eine Anklage gegen Krieg, gegen die Kriegsrhetoriker aus Presse und Politik (die Literaten nicht zu vergessen, die diesen sinnlosen ersten Weltkrieg hochleben ließen), die widerlichen Kriegsgewinnler und jene, die am liebsten sofort losschießen würden – ohne freilich selber mit dabeisein zu müssen. Und dabei war es Kraus ganz egal, ob das nun Männer oder Frauen waren: es mochte zu jener Zeit um 1916 hoch modern und feministisch en vogue sein, daß eine Frau wie Alice Schalek als Kriegsreporter arbeitete. Solche Camouflage jedoch hielt Kraus nicht davon ab, den verlogenen Pathos ihrer Artikel auseinanderzunehmen, egal ob Weib oder Mann, denn es ging um die Sache und nicht um Identität: „Die Schalek ist eines der ärgsten Kriegsgreuel, die der Menschenwürde in diesem Kriege angetan wurden.“ (Kraus, Die Fackel 423-425)

Solche Hölle wurde einige Jahre später, 1921, in einer Reklame zur Besichtigung freigegeben: 

kraus_annonce

Über diesen Kriegs- und Katastrophentourismus schrieb Kraus in „Reklamefahrt zur Hölle“:

„In meiner Hand ist ein Dokument, das, alle Schande dieses Zeitalters überflügelnd und besiegelnd, allein hinreichen würde, dem Valutenbrei, der sich Menschheit nennt, einen Ehrenplatz auf einem kosmischen Schindanger anzuweisen. Hat noch jeder Ausschnitt aus der Zeitung einen Einschnitt in die Schöpfung bedeutet, so steht man diesmal vor der toten Gewißheit, daß einem Geschlecht, dem solches zugemutet werden konnte, kein edleres Gut mehr verletzt werden kann. Nach dem ungeheuren Zusammenbruch ihrer Kulturlüge und nachdem die Völker durch ihre Taten schlagend bewiesen haben, daß ihre Beziehung zu allem, was je des Geistes war, eine der schamlosesten Gaukeleien ist, vielleicht gut genug zur Hebung des Fremdenverkehrs, aber niemals ausreichend zur Hebung des sittlichen Niveaus dieser Menschheit, ist ihr nichts geblieben als die hüllenlose Wahrheit ihres Zustands, so daß sie fast auf dem Punkt angelangt ist, nicht mehr lügen zu können, und in keinem Abbild vermöchte sie sich so geradezu zu erkennen wie in diesem:“ (Kraus, Reklamefahrt zur Hölle, Fackel 577-582

Und Kraus sprach seine Texte selbst, er war ebenfalls eine großer Rezitator und Vorleser, der mit seinen Vorträgen Säle füllte, wie man etwa an „Reklamefahrt zur Hölle“ hören kann:

https://www.kraus.wienbibliothek.at/content/filmausschnitt-reklamefahrten-zur-hoelle

Dennoch war Kraus im strengen Sinne kein Linker. Er ließ sich keinem Lager zuordnen, er blieb Zeit seines Lebens Einzelgänger, nur sich, seinem Denken und der Sache verantwortlich. Sofern er Partei nahm, geschah es aus einer konkreten Situation und einem Anlaß heraus. Friedrich Rothe schreibt in seiner Kraus-Biographie: „Proteste und Resolutionen gegen behördliche Gängelung von Literatur und Kunst hatte er als Selbstreklame von Leuten verachtet, die fürchteten, übersehen zu werden.“ Das kommt mir heute im Zeichen von Netzfeminismus und Irgend-was-mit-Medien-links gut bekannt vor. Und man möchte mit den Fanta4 gleich rufen: „Ist es die da?“ Oder der da? Na wir wissen. Solche wie die Kolumnistin Margarete Stokowski oder Georg Diez: Sie beziehen ihre Schreibberechtigung aus der Politphrase. Die Banalität der Blöden.

„Feuilletonisten sind verhinderte Kurzwarenhändler. Die Eltern zwingen sie zu einem intelligenten Beruf, aber das ursprüngliche Talent bricht sich doch Bahn.“

„Der Journalismus dient nur scheinbar dem Tage. In Wahrheit zerstört er die geistige Empfänglichkeit der Nachwelt.“

Heute freilich hat diese Art von Kolumnen- und Tendenzjournalismus derart Überhand genommen, daß das Ausmisten des Stalls lange schon nicht mehr von einer einzigen Person betrieben werden kann. Selbst jemand wie Herman L. Gremliza in „konkret“, und in der Tradition von Kraus stehend, mußte mit seiner Sprachkolumne an diesem Unterfangen scheitern, jenes Salbadern zu entlarven. Das mochte noch in den guten alten 1980er Jahren möglich gewesen sein, als Gevatterin FAZ und Tante ZEIT betulich taten, und im Rückblick erscheint einem das Liberalalala der kalten Gräfin, wie Fritz J. Raddatz Marion Gräfin Dönhoff zu nennen pflegte, fast wieder sympathisch. Aber ob der Vielzahl an Mist auf dem Markt läßt sich das nur noch partiell fassen. Man muß sehen, was man aufspießt. Man muß mit den Kräften haushalten. Walter Benjamin beschrieb das Verhältnis von Technik und Phrase in seinem Essay „Karl Kraus“ wie folgt:

„Die Phrase. Sie ist aber eine Ausgeburt der Technik. ‚Der Zeitungsapparat verlangt, wie eine Fabrik, Arbeit und Absatzgebiete. Zu bestimmten Zeiten am Tage – zwei- bis dreimal in großen Zeitungen – muß für die Maschinen ein bestimmtes Quantum Arbeit beschafft und vorbereitet sein. Und nicht aus irgendwelchem Material: alles, was in der Zwischenzeit  irgendwo und auf irgendeinem Gebiete des Lebens, der Politik, der Wirtschaft, der Kunst usw. geschah, muß inzwischen erreicht und journalistisch verarbeitet sein.‘ Oder, in großartiger Abbreviatur, bei Kraus: ‚Es sollte Aufschluß über die Technik geben, daß sie zwar keine neue Phrase bilden kann, aber den Geist der Menschheit in dem Zustand beläßt, die alte nicht entbehren zu können. In diesem Zweierlei eines veränderten Lebens und einer mitgeschleppten Lebensform lebt und wächst das Weltübel.‘ Mit einem Ruck schürzt Kraus in diesen Worten den Knoten, zu dem Technik und Phrase sich verbunden haben. Die Lösung freilich folgt einer anderen Schlinge: ihr ist der Journalismus durchweg Ausdruck der veränderten Funktion der Sprache in der hochkapitalistischen Welt. Die Phrase in dem von Kraus so unablässig verfolgten Sinne ist das Warenzeichen, das den Gedanken verkehrsfähig macht so wie die Floskel, als Ornament, ihm den Liebhaberwert verleiht.“

Das Universum Kraus ist groß und herrlich. Wer sich einen ersten Überblick verschaffen will, lese „Die chinesische Mauer“ und darin besonders schön der Text „Die Welt der Plakate“, darin Kraus sein Verfahren des Vergrößerns von Kleinigkeiten gut beschreibt, und es fahre der Leser dann fort mit dem Band „Aphorismen“, beide bei Suhrkamp erschienen, oder aber im marix Verlag das Buch mit dem schönen Titel: „Ich bin der Vogel, den sein Nest beschmutzt: Aphorismen, Sprüche und Widersprüche“. In Vergessenheit geraten sind leider seine Gedichte, so wie überhaupt Kraus ein großartiger Autor war, der über die Frauen und die Liebe schreiben konnte – wunderbar leichtfüssig und witzig. Einer der schönsten Aphorismen.:

„Es kommt nicht bloß auf das Äußere einer Frau an. Auch die Dessous sind wichtig.“

„Sie sagte, sie lebe so dahin. Dahin möchte ich sie begleiten.“

„Wenn Frauen, die sich schminken, minderwertig sind, dann sind Männer, die Phantasie haben, wertlos.“
 

Seine innig und tief geliebte Sidonie Nádherná von Borutín mochte ihm da zuweilen inneres Bild gewesen sein. Was uns auf die Lyrik von Kraus bringt – man lese das Gedicht „Flieder“.

Auch für die Berliner Literaten und jene, die sich hier „Kulturjournalisten“ nennen, hatte er einen Satz parat:

„Wenn man mich fragt, von wem ich glaube, daß er dem Geist näher steht: der Stiefelputzer eines böhmischen Grafen oder ein neuberliner Literat, so kann ich nur antworten, daß ich, ehe ich mir von einem neuberliner Literaten die Schuhe putzen ließe, ihm lieber mit dem Absatz ins Gesicht treten würde.“

„Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“

„Gegen das Buch gegen Berlin: Ein Kulturmensch wird lieber in einer Stadt leben, in der keine Individualitäten sind, als in einer Stadt, in der jeder Trottel eine Individualität ist.“

„Der Vorsatz des jungen Jean Paul war, ‚Bücher zu schreiben, um Bücher kaufen zu können‘. Der Vorsatz unserer jungen Schriftsteller ist Bücher geschenkt zu bekommen, um Bücher schreiben zu können.“

Vieles davon klingt bis heute aktuell. Aber kann, darf, soll man das überhaupt: Kraus zitieren?

„Ich warne vor Nachdruck. Meine Sätze leben nur in der Luft meiner Sätze: so haben sie keinen Atem. Denn es kommt auf die Luft an, in der ein Wort atmet, und in schlechter krepiert selbst eines von Shakespeare.“

Atem der Sprache. Doch der und jener Hauch müssen zum Laut werden. Kraus dachte mit dem Ohr, nahm Texte akustisch war, und er mußte, wie Elias Canetti in „Die Fackel im Ohr“ schrieb „diese Zeitungen so lesen, als ob er sie hörte. Die schwarzen, toten Worte waren für ihn laute Worte. Wenn er sie dann zitierte, war es, wie wenn er Stimmen sprechen ließe: akustische Zitate.“

Von Karl Kraus können wir uns abhören, daß Sprachkritik zugleich Gesellschaftskritik ist. Darin kommt er mit Adorno und Benjamin überein. Aber es gibt bei Kraus auch diese Poesie der Abschweifung, das, was man den digressiven Takt nennen kann (ein im übrigen auch für Adorno wichtiger Begriff), und für solche Digression ist und bleibt einer der Lieblinge von Karl Kraus zuständig:

„Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.“

Eben jene in der Imago unverstellte Zeit, die auch für Adorno bedeutsam war. Kindheit und der Aspekt des Abschweifens und Vorstellen: Phantasie. Jenes Land, das wir nicht mehr erreichen, es sei denn in einer Recherche der Literatur und des Erzählens. Doch solches Schreiben hat an der bitteren Realität sein Ende.

„Mir fällt zu Hitler nichts ein“, so beginnt Kraus‘ „Dritte Walpurgisnacht“. Aber das eben stimmte nicht. Noch sein Schweigen war beredt. Den Einmarsch der Nazis in Österreich bzw. dessen Anschluß, daß die alte Heimat heim ins schreckliche Reich käme, mußte Karl Kraus zum Glück nicht mehr erleben. Alles hatte seine Zeit.

Karl Kraus‘ Grabstelle auf dem Wiener Zentralfriedhof,
photographiert von Bersarin, im Oktober 2019

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