Mohrenstraße bleibt!

Seit einigen Jahren wollen Aktivisten die Mohrenstraße wegbenennen und mithilfe des Bezirks und an der Bevölkerung vorbei wird dies auch geschehen, wenn nun nicht Bürgerprotest erfolgt, und zwar von all den Berlinern und denen, die in Berlin wohnen. Nur wenn es viele sind, wird es nützen. (Wie das geht, dazu gleich unten.)

Der Historiker Götz Aly schrieb in der „Berliner Zeitung“ vom 18.5.:

„Seit 330 Jahren gehört diese Straße zu der in ihrer historischen Struktur erhaltenen Friedrichstadt. Durchgesetzt haben diesen Geschichtsfrevel Grüne, SPD und Linke im Bezirk Mitte. Zuvor hatten dieselben Parteien im Abgeordnetenhaus eine Ermächtigungsklausel beschlossen, mit der sie die Ausführungsvorschriften des Straßengesetzes um ein gummiweich formuliertes Kriterium zur Umbenennung ergänzten: den „Bezug zu rassistisch-imperialistischen Ideologien“. Aber dieser besteht im Fall Mohrenstraße nicht.

Ohne jede Begründung wird zudem behauptet, der Straßenname schade „dem nationalen und internationalen Ansehen Berlins“ und enthalte einen „rassistischen Kern“. Dazu ist zu sagen: Zur Zeit der Benennung wurden in der ständisch verfassten Gesellschaft einzelne Menschen- und Berufsgruppen mit Straßennamen nicht diskriminiert, sondern ehrend als Gemeinschaften hervorgehoben. Deshalb haben wir in Berlin die Schützenstraße, die Jüdenstraße, den Gendarmenmarkt, den Kadettenweg, den Hugenottenplatz, die Böhmische Straße usw. Die Mohrenstraße kreuzt die nach dem vor 320 Jahren regierenden Königspaar – Friedrich und Charlotte – benannten Straßen des heutigen Zentrums. Eine derart hervorgehobene Position im alten und heutigen Zentrum Berlins kann nicht herabsetzend gemeint gewesen sein. Im Deutschen wird das Wort Mohr seit langer Zeit nicht mehr als Bezeichnung für einen Menschen dunkler Hautfarbe verwendet; es existiert auch nicht als Schimpfwort.

Die Mohrenstraße ist Teil der Stadtgeschichte, ähnlich der Mauerstraße, dem Festungsgraben, der Invaliden- oder der Hirtenstraße. Dasselbe gilt für die zur Mohrenstraße parallel verlaufende Taubenstraße. Sie war nicht etwa dem Vogel, sondern solchen Soldaten gewidmet, die im Kriegsdienst ertaubt waren und dort Unterkunft gefunden hatten. Gilt das demnächst als behindertenfeindlich? Es gibt keinen Grund, an den historischen Namen zu rütteln. Sie sind Schriftdenkmale, die es uns Heutigen ermöglichen, die Vergangenheit unserer Stadt zu lesen und besser zu verstehen.

Was tun? Nach den Paragraphen 40 und folgende des Bezirksverwaltungsgesetzes wäre das Bezirksamt verpflichtet gewesen, die „Mitwirkung der Einwohnerinnen und Einwohner zu fördern“ und diese rechtzeitig „über ihre Mitwirkungsrechte zu unterrichten“. All das haben der Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel und die zuständige Stadträtin Sabine Weißler (beide Grüne) fahrlässig oder willentlich unterlassen.

Die Idee zur Umbenennung wurde von einer kleinen, wenig informierten antikolonialistischen Gruppierung forciert. Diese nennt das Bezirksamt „zivilgesellschaftliche Akteurinnen/Akteure“. Diejenigen, die dagegen seit Jahren begründete Einwände erheben, zählt dasselbe grün-rot-rot durchherrschte Amt nicht zur Zivilgesellschaft. Dagegen sollte man sich zur Wehr setzen.

In den nächsten vier Wochen können alle Berliner und Berlinerinnen brieflich Widerspruch gegen die Umbenennung einlegen, zu richten an: Bezirksamt Mitte von Berlin, Abt. Weiterbildung, Kultur, Umwelt usw., Karl-Marx-Allee 31, 10178 Berlin. Lassen Sie sich den Eingang bestätigen.“

Diesem Aufruf kann ich mich nur anschließen und ich werde ebenfalls ans Bezirksamt Mitte schreiben. Geschichte – auch Kolonalgeschichte – läßt sich nicht begreifen, indem man Denkmäler schleift und Namen tilgt, sondern nur, indem Menschen wissen, was mit bestimmten Namen verbunden ist. Selbst bei solchen Namen wie dem Hamburger Kaufmann und Sklavenhändler Heinrich Carl von Schimmelmann reicht es nicht aus, einfach einen Straßennamen zu entfernen – und wenn man es möchte, dann muß das unter Beteiligung aller Bürger einer Stadt oder eines Bezirkes geschehen. Bei der Mohrenstraße nun liegt der Fall noch einmal anders. Es ist dies kein Name, sondern wie Aly zeigte, eine Ehrbezeichnung. Schlimm auch, daß gerade jene Kräfte, die ansonsten bei dem Thema Bürgerbeteiligung im demokratischen Gemeinwesen eine hohe Meinung von genau solcher Partizipation haben, genau dann von solcher Beteiligung abgerücken, wenn es der eigenen Agenda zuwiderläuft und wenn es sich gar um ein Projekt handelt, daß jene Politiker auf Teufel komm raus, auch gegen den Willen von Bürgern, durchbringen wollen.

15 Gedanken zu „Mohrenstraße bleibt!

  1. Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ruft in diesem Artikel Empörung hervor. Missverstanden wurde, dass es sich bei solchen Prozessen nicht um falsch verstandene Partizipation handelt, sondern um Emanzipation und Rehabilitation eines Teils unserer Bevölkerung. Welcher Nerv wurde hier wohl getroffen? Dass man Schwarze nicht mehr Mohren oder Neger nennen darf?

  2. „Mohr“ wird in der deutschen Idiomatik sogar spreichwörtlich genutzt, um das einem solchen geschehende Unrecht zu bezeichnen: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“ Hier ist er, der Mohr, genau derjenige, den man abspeist, ohne daß er sich, jedenfalls wissen wir das nicht, auf eine Weise schadlos halten konnte, wie es der Rattenfänger von Hameln getan (besonders schön in Hannes Waders späterer Version).

  3. @tinderness
    In der Tat sollte es selbstverständlich sein, daß bei Straßenumbenennungen die Bürger mit einbezogen werden. Und in der Tat ist diese Umbenennung eine absurde Entscheidung, denn nicht nur, daß das Wort Mohr in der deutschen Sprache kaum noch in Gebrauch ist, sondern hier wird Geschichte aus dem Stadtbild getilgt, wie es Aly ganz richtig schrieb. Es ist, aus der Geschichte heraus verstanden, eine Ehrbezeichnung. Der Hinweis auf Diskriminierung trägt hier nicht wirklich. Insofern sollte die Empörung über diese Umbenennung selbstverständlich sein.

    Die ehrende Bedeutung dieses Begriffes stellte auch Maritta Tkalec in der BLZ in einem Artikel heraus:

    „Geschichte eines einzigartigen Bildnisses : Wie der heilige Mohr auf seinen Ehrenplatz kam Berlin hat seine Mohrenstraße, im Magdeburger Dom steht seit fast 800 Jahren ein authentischer afrikanischer Mann. Der heilige Mauritius wurde verehrt wie kaum ein anderer.“ https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/wie-der-heilige-mohr-auf-seinen-ehrenplatz-kam-li.95905

  4. @AHN: Interessanter Hinweis auch auf dieses Sprichwort. Interessant dabei auch die Assoziationen, die sich an das Wort knüpfen. Man stellt sich dabei genau jene fremden und fernen Völker vor. Und wenn man an solche Spiele der Phantasie anknüpft, kann man eben auch gut zur Kolonialgeschichte kommen.

  5. Mohren sind eigentlich keine Schwarzen im Sinne von subsaharischen Menschen – ist also mit „Neger“ nicht deckungsgleich, sondern bezeichnet ursrprünglich nordafrikanische Muslime=Mauren und ansonsten hamitosemitische Afrikaner mit dunkler Haut aber von den als „Neger“ definierten abweichenden Gesichtszügen wie Nubier, Äthiopier, Somali.

    BTW Auf einer Göttinger Demo hieß es mal: „Wir gehen jetzt auf die BürgerInnenstraße.“ Die Bürgerstraße ist nicht nach den Göttinger Bürgern, sondern nach Gottfried August Bürger benannt.

  6. Richtig, es kommt etymologisch, laut Kluge, vom althochdeutschen Mör und ist dem lateinischen Maurus, dem Mauren entlehnt, also der Bezeichnung für Nordwestafrikaner. Detaillierte Angaben finden sich auf Wikipedia.

  7. Ich habe einen entsprechenden Einspruch ans Bezirksamt Mitte verschickt und gestern ein Schreiben bekommen, in dem mir „eine Gebühr von 36,79 bis 741,37 €“ für den entstehenden Verwaltungsaufwand angedroht wird. So kann man sich Kritiker auch vom Leib halten! Und apropos: Zahlen die Umbenenner_innen eigentlich auch für den Verwaltungsaufwand?

  8. Fälle, von denen ich ebenfalls gehört habe. Vor allem zeigt dies: wenn in Berlin, wo eine völlig ineffiziente und nicht intakte Verwaltung besteht, ein Bezirk will, kann er sehr wohl Rechte durchsetzen und sei es auch bei lächerlichen Petitessen. Und auch jetzt wieder mit der von Monika Herrmann gewünschten Digitalüberwachung des öffentlichen Raumes zu sehen, wenn es um Parksünder geht. Da kommt der Dame sogar das Wort „illegal“ über die Lippen (illegal geparkte Autos!), einen Begriff, den sie bei der Görlitzer Brache in Kreuzberg und den schwarzen Dealern dort tunlichst vermeidet. Auf den Hinweis einer Frau, daß ihr von Dealern dort in der Brache die Zähne ausgeschlagen wurden, gab es von Monika Herrmann zu hören: „Da mußt Du besser auf Deine Zähne aufpassen!“ (So die Erzählung einer Bekannten, die eine lange Zeit in Kreuzberg wohnte und auch für die Grünen aktiv war.)

    Von solchen Strafzahlungen bei Protest gegen Umbenennungen wurde zudem auch berichtet, als es um den Wedding und das afrikanische Viertel ging. Demokratisches Prozedere und Bürgerprotest interessiert diese rot-günen Politiker nur insofern es der eigenen Agenda dient.

  9. Heute ist zu diesem Geschäftsgebaren der Berliner Verwaltung auch ein Bericht in der Berliner Zeitung erschienen – einer Verwaltung eines rot-rot-grünen Senates nebenbei, die ansonsten nichts hinbekommt: nicht einmal Termine im Bürgeramt, um einen Paß zu verlängern: nicht etwa über Wochen, sondern über Monate ausgebucht. (Übrigens schon lange vor Corona ist dies der Fall.) Aber für eine solche Gebührenscheiße ist plötzlich Personal vorhanden.

    Eigentlich sollte man dem Bezirk Mitte mit seiner Straßennamen-Cancel-Kultur gehörig vor die Tür scheißen und eine schöne Bürgerpetition gegen das Straßennamen-Canceln starten, d.h. diese Leute mit ihren eigenen Waffen, wie etwa einem Volksentscheid, schlagen: „Mohrenstraße bleibt!“

    In der BLZ heißt es:

    „Briefe ans Bezirksamt :
    Umbenennung der Mohrenstraße: Widerspruch kann für Berliner teuer werden
    Bürger wollen per Widerspruch verhindern, dass die Mohrenstraße umbenannt wird. Dafür könnten saftige Gebühren fällig werden. Gängelung oder Normalfall?“
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/umbenennung-der-mohrenstrasse-widerspruch-kann-fuer-buerger-teuer-werden-li.167039

  10. Stichwort Bürokratie statt Bürgerpartizipation: Zum afrikanischen Viertel in Berlin und der Umbenennung von Straßennamen die BLZ von März 2019:

    Afrikanisches Viertel 1199 mal Einspruch gegen Straßennamen
    Maritta Tkalec 15.03.19, 06:50 Uhr
    Zur Begründung ihrer Widersprüche führten die Bürger laut Zielke unter anderem an: steigende Kosten, bürokratische Wege und die Veränderung des Blickes auf die deutsche Geschichte. „Andere bemängeln die getroffene Namensauswahl oder wollen den ursprünglichen Straßennamen einfach behalten.“
    Wie wird nun mit den Bürgereinsprüchen umgegangen? Die Antwort bleibt im Formalen: Man müsse sie unterschiedlich bearbeiten, da sich manche an den Bezirksbürgermeister, andere an die Stadträtin oder ganz allgemein an den Bezirk gerichtet hätten.
    Welche Konsequenzen wird die rot-rot-grün dominierte BVV aus dem energischen Bürgerwiderspruch für das politische Handeln ziehen? Auch diese Antwort zieht sich auf das Formale zurück: Die Widerspruchbescheide würden in der Reihenfolge ihres Eingangs gefertigt und zugestellt. Das Verfahren sei gesetzlich geregelt.
    Im Übrigen: „Die Diskussion, ob die Umbenennungen erfolgen, wurde bereits geführt und mündete in der vorliegenden Beschlusslage der Bezirksverordnetenversammlung. Diese hat mit ihren Beschlüssen die Absicht zur Umbenennung damit bereits eindeutig festgelegt.“
    Mit anderen Worten: Die Meinung der Bürger ist irrelevant und veranlasst weder die Abgeordneten noch die mit der Umsetzung der BVV-Beschlüsse befasste Stadträtin Sabine Weißler (Grüne) zu irgendwelchen Taten. Mit dem Widerstand wird man sich weder beschäftigen noch mit den Hunderten interessierten Bürgern reden.
    Kein Wunder, dass diese empört sind. Karina Filusch, Vertreterin der Bürgerinitiative Pro Afrikanisches Viertel, sieht die karge Reaktion auf die „überwältigende“ Zahl der Einsprüche als Fortsetzung einer „bürgerverachtenden Politik“.
    Sie wirft Stadträtin Weißler vor, die Bürger während der Einspruchsphase im Dunkeln gelassen zu haben. Die Umbennungsbeschlüsse seien „in Salamitaktik“ im Amtsblatt veröffentlicht worden, unter anderem über die Feiertage zum Jahresende 2018.
    Gut versteckt im Amtsblatt
    Auf der Webseite des Bezirksamtes konnte man die Informationen nicht finden, „obwohl die Grünen eigentlich die Gralshüter des Bürgerengagements“ seien. „Doch die Bürger haben sich nicht einschläfern lassen“, sagt Karina Filusch.
    Die Position der Stadträtin hatte die Bürgerinitiative bereits in einer Einwohnerfragestunde der BVV kennengelernt. Dort habe sie die Meinung vertreten, durch die Einberufung einer Jury (die Namen der Mitglieder wurden geheim gehalten) der Bürgerbeteiligung Genüge getan zu haben.
    Diese Jury hatte sich blamiert, weil sie den Namen der angolanischen Sklavenhändlerin Königin Nzinga auf der Vorschlagsliste platziert hatte.“
    https://www.berliner-zeitung.de/berlin/afrikanisches-viertel-1199-mal-einspruch-gegen-strassennamen-32219088

    Daß solches Gebaren von den Grünen kommt, wundert mich nicht ein Sekunde.

  11. @“Und auch jetzt wieder mit der von Monika Herrmann gewünschten Digitalüberwachung des öffentlichen Raumes zu sehen, wenn es um Parksünder geht. “ —– Da fällt mir altes autonomes Brauchtum ein, wie z.B. mit Zwillen Stahlschrauben auf Videokameras zu schießen. Man könnte da einen Wettbewerb draus machen „wer erwischt die Meisten“.

  12. Ich weiß, aber Du weißt ja, ich bin gegen sowas. Man muß das politisch bekämpfen. Vielleicht mal einen Aufkleber auf die Linse setzen.

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