Sentimentale Reise: Bernward Vesper zum 50. Todestag

Heute ist der 50. Todestag von Bernward Vesper: Autor, Sohn, Vater, Geliebter und Mann von Gudrun Ensslin. Er starb in der Irrenanstalt Hamburg-Ochsenzoll, wo er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm. Sohn des völkischen Dichters Will Vesper. Der Vater sympathisierte nicht nur mit den Nazis, sondern teilte auch deren Ideen. Völkisch-nationalistisch bis in die Knochen und bis in die Literatur hinein.

indexBernward Vesper litt unter diesem Vater und suchte zugleich die Anerkennung des Vaters. Noch in der Mitte der 1960er hegte er – übrigens zusammen mit Gudrun Ensslin, seiner Geliebten – den Nachlaß des Vaters. Eine tragische Lebensreise, zwischen alter Zeit und einer Generation des Aufbruchs, und ein viel zu kurzes Leben. Vespers autobiographischer Fiktions- und Lebensessay „Die Reise“ gehört für mich zu jenen interessanten und besten Büchern aus dem Bereich „Neue Subjektivät“ und dem sich seit den späten 1960er Jahren etablierenden Schreiben aus dem Ich und der neuen Empfindsamkeit heraus, nachdem die Revolutionsträume gescheitert waren und Teile der Linken in die K-Gruppen oder in die RAF und den 2. Juni abtauchte. Oder eben in die Innerlichkeit. Zu dieser Literatur der Neuen Subjektivität gehört auch Thomas Bernhards Tetralogie über seine Kindheit und Jugend. Radikaler aber und an den US-amerikanischen Schreibweisen der Beatniks orientiert, war jedoch Vespers „Reise“.

Im Schreiben versuchte Vesper, sich der Wirklichkeit zu versichern. Doch der Augenblick läßt sich nicht bannen und festhalten und fixieren. Alles fließt. Immer. Leben eben:

„Beim Vorbeifahren der Autos auf der Autobahn begreife ich, daß ja nur das Allerwenigste protokollierbar ist. Wiederum: Schriftsteller würden sagen: die Sprache, der Rahmen des Buches reicht nicht zu. Aber das meiste ist bereits unwiederbringlich verloren, wenn es geschieht. Ich stelle mir vor, ich hätte die Protokolle aller, die bisher lebten. Und mit einer Feuersbrunst würden diese Milliarden Leben noch einmal vernichtet. Oberflächliche Aufzeichnungen, gewiß. Aber das Bewußtsein und die Sprache sind nie darüber hinausgekommen.“ (Vesper, Die Reise)

Dieser Wunsch, Leben und Szenen des Lebens und auch das Gewöhnliche festzuhalten, daß der Augenblicke bliebe und daß wir verweilen könnten, daß wir diesen Moment in Sprache bringen, das Nachdenken darüber, wie solche Szenen festzuhalten wären, wird zur Frage des Erzählens: wie dies darstellen? Wie den Augenblick protokollieren? Das Leben ist kein Protokoll. Aber in der Literatur geht zumindest das Erzählen, Beschreiben, Schreiben oder es erfinden  – zumindest die Transformation und die Verwandlung von Zeit vermag die Literatur. Ob Vesper das wußte, bleibt fraglich. Vesper war im Sinne der Innerlichkeit ein Romantiker, aber nicht im Sinne ästhetischer Reflexion und Komposition: dem Gewöhnlichen einen höheren Sinn zu geben, wie Novalis es in einem seiner Fragmente schrieb. Doch Vesper war nicht Handke und wollte es vielleicht auch gar nicht sein, er unternahm eine andere Reise, während Handke das Gewöhnliche poetisierte und zugleich beschrieb.

Wenn freilich Bewußtsein und Sprache nicht darüber hinauskommen, dann mögen andere Mittel recht sein, um jenes Bewußtsein und damit auch die Sprache zu erweitern. Versuche eben:

„DIESE AUFZEICHNUNGEN FOLGEN nicht im geringsten einer Assoziationstechnik. Sie haben nichts mit Kunst oder Literatur zu tun. Ich bin darauf verwiesen, die Spitze der Eisberge wahrzunehmen.“

Obgleich diese Prosa keine Literatur und Kunst sein mag, sind Vespers Reise-Aufzeichnungen zu einem Teil dennoch die Poetik eines anderen Erzählens, eines anderen Beschreibungstons, ästhetisch  innovativ insofern, denn sie gründen das mit, was man – von der Beat-Literatur der USA beeinflußt – eine Form von rauschhaftem Freischreiben nennen kann, das in Jack Kerouac und der ästhetischen Drogenratte William S. Burroughs seinen Vorläufer besitzt,  und was das Genre dieser Neuen Subjektivität der 1970er Jahre ausmacht. Bei Vesper funktioniert diese Neue Subjektivität in einer gelungenen Weise, ästhetisch avanciert, gleichsam Deutsch-Amerikanische-Freundschaft, während ein Jahr später die RAF und Gudrun Ensslin in der Heidelberger Offensive die US-Army attackierten; eine Subjektivität, die noch nicht im Ton einer Karin Struck oder dem Tod des Märchenprinzen bagatellisierte. Aus Reisen werden Trips und der Versuch, das eigene Leben zu erzählen und vor allem: festzuhalten. Eine Erfahrungsseelenkunde gleichsam, doch auf neue Weise und damit vielleicht, wie es im Klappentext des Buches heißt, der „Nachlaß einer ganzen Generation“ und ihrer erfüllten wie gescheiterten Hoffnungen. Das Jahr 1979 brachte dann jenen erheblichen Einschnitt und einen Geschichtsbruch, gegen den das Jahr 1968 und auch 1989 unerheblich waren. (Wer wissen will warum, greife zu Frank Bösch „Zeitwende 1979. Als die Welt von heute begann“.)

Wer ein wenig auch über Vesper und das Verhältnis von Vesper und Ensslin (beide gefördert von der Studienstiftung des Deutschen Volkes und begabte Studenten) erfahren will, der lese in Ingeborg Gleichaufs Ensslin-Biographie „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ und dazu auch von Michael Kapellen: „Doppelt leben. Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Die Tübinger Jahre.“ Darin finden wir ein Panorama jener 1960er Jahre und dieser Zeit des Umbruchs und des Ausbruchs. Und auch die Lektüre von „Die Reise“ lohnt sich. Fluch der Familie und daß Blut doch dicker ist als Wasser. Und Weibergeschichten gibt es da auch.