Geselligkeitszonen – Marc Augé „Das Pariser Bistro“

In Zeiten geschlossener Bars, Cafés und Restaurants mag es geboten sein, an ein altes Leben zu erinnern, das wir einmal führten und daß wir nicht vergessen sollten, und auf ein Buch zu weisen, daß dieses alte Leben beschreibt, nämlich das 2016 erschienene Bändchen „Das Pariser Bistro“, geschrieben von dem Ethnologen Marc Augé. Und dafür stelle ich noch einmal eine leicht überarbeitete Rezension in den Blog. Gut erinnere ich mich zudem an eine Gastro-Serie von Wolfram Siebeck aus den 1980er Jahren (oder waren es schon die 1990er?), wo er in der ZEIT die Pariser Bistro-Küche mit ihren einfachen, aber leckeren, handgemachten und gehaltvollen Gerichten vorstellte. Selbst ein simpler Croque Monsieur vermag ein Schmaus zu sein, wenn die Zutaten frisch und das Brot gut und selbstgebacken ist.

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18_01_12_LX_100_1099Es existieren still und manchmal verborgen vor den Blicken der anderen verwunschene Orte, wo der Spaziergänger und Flaneur hofft, daß nur wenige Menschen dorthin je gelangen: Parks wie auf der Pfaueninsel oder die Landschaft der Uckermark, durch die wir streifen. Mit Glück können wir in der Uckermark den Dichter Botho Strauß treffen, der  vor der Weltlichkeit flüchtete. Er tat richtig daran, sich zurückzuziehen und den Blick auf die Dichtung zu wenden. Zu schreiben und die schönen Worte für den schönen Tag zu finden. Denn viel Erquickliches gibt es weit ab von der Scholle nicht zu schauen – und das gilt vor allem in heutigen Zeiten von Cancel Culture und neocalvinistischer Identitätspolitik. Wer es innerlich schätzt und den letzten Rest des Weltlärms und des Krähenschreis tilgen will, der ziehe sich in die imaginären Orte zurück, in die Literatur und die wunderbare Welt von Jean Paul, ins Krähennest Kuhschnappel, das ein imaginärer Ort im Fränkischen ist, nahe Bindlach. Karl Kraus erkannte ganz zu Recht: „Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.“ Oder der Leser unternimmt in einem VW-Bus mit Julio Cortázar und Carol Dunlop eine traurig-melancholisch-schöne Reise über die Autobahn – von Paris nach Marseille, ohne die Autobahn je zu verlassen und um all die Rastplätze zu untersuchen, die auf dieser Strecke liegen. Reisen in den Zeiten, als es noch möglich war zu reisen. Autonauten auf der Kosmobahn.

Genauso gibt es aber das Gegenteil. Auch wenn Bleiben nirgends ist, gibt es diese Orte der Nähe – zumindest für kurze Zeit, Ort der Geselligkeit, da wo sich viele aufhalten und Menschen manchmal doch einsam für sich allein sitzen: Die Bar, der Club oder die Kneipe oder in Frankreich eben das Bistro. Über solche Trink-, Eß- und Lebensorte wäre zu schreiben. Bereits 1987 verfaßten die Bremer Soziologen Franz Dröge und Thomas Krämer-Badoni ihre Kneipensoziologie „Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform“. Nun hat sich der französische Ethnologe Marc Augé einer spezifisch französischen Institution der Geselligkeit gewidmet – dem Bistro. Bekannt wurde Augé durch sein Buch über Nicht-Orte. Also ebenfalls Räume des Wartens und des Aufenthalts, wie etwa Flughäfen und Bahnhofshallen, nur unheimischer und weniger gastlich als die Bistros und was die Handlungen und Verhaltensweisen betrifft anders strukturiert: die Menschen warten und harren für sich, sie wollen nicht sprechen und nicht bleiben, sondern fort. Aber wie auch beim Bistro sind es Orte der zufälligen Begegnung – sofern sich nicht die Stammgäste begegnen und wie im Wiener Kaffeehaus ignorieren oder als Literaten und Philosophen einander Spinnefeind und Haßobjekt sind. Augé untersucht solche Räume und ihre Struktur. Er schreibt anschaulich eine Ethnographie der Gegenwart im Zeitalter des Reisens und der Transite. Ein Ethnologe des „Nahen“, wie er es nennt.

cover-978-3-95757-261-5Mit „Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung“ durchstreift er die Welt dieser speziell französischen Institution, für die es kein deutsches Synonym gibt: Restaurant, Kneipe und  Bar treffen es nicht ganz. Das Buch ist, wie der Untertitel andeutet, eine kleine Hymne. Weniger theoretisch verfaßt als „Nicht-Orte“, wo wir mehr noch den Blick des Ethnographen sehen, während beim „Pariser Bistrot“ ein leidenschaftlicher Phänomenologe schreibt, der (vermutlich) selber gerne un petit rouge kippt. Das Buch eröffnet mit einem Zitat des leider in Vergessenheit geratenen Louis Aragon – kaum eines seiner Werke gegenwärtig lieferbar, immerhin aber gibt es in einer Suhrkamp-Ausgabe „Der Pariser Bauer“ – im Original vieldeutiger als „Le paysan de Paris“ getitelt: „Werde ich noch länger das Gefühl für das Wunderbare des Alltäglichen haben?“ So beginnt das Aragon-Zitat. Im Bistro erfahren wir dieses Wunderbare des Alltäglichen, Verzauberungen und Traum-Lebens-Sequenzen die Aragon auch in „Le paysan de Paris“ zeigt. So auch im Bistrot und wie wenn man es sich wie in einem der französischen Filme vorstellt. Dramen, Geschichten, Romane spielen sich hier ab, doch ebenso die unscheinbaren Szenen und Alltag. Auch Augé findet für dieses eigentümliche Prinzip, das uns dazu treibt, ein Bistro aufzusuchen, feine Worte:

„Hinter der Illusion steht ein Bedürfnis, und dieses gilt es wachzuhalten; Bedürfnis heißt Leben; es ist hartnäckig, stets bereit, wie Phönix aus der Asche zu steigen, wenn man ihm ein wenig nachhilft. Und eben dafür sind Bistros da.“

Wohl gesprochen und gerade deshalb fehlt uns in der Gegenwart dieser Ausgang und diese Möglichkeit so sehr. Fast könnte man sagen: es ist dies für viele ein menschliches Grundbedürfnis: wie Sprechen, Reden, Schauen, Hören. Wir sind Sinneswesen. Augé fragt, was ein Bistro ausmacht, schaut auf den Ort, dem er seine Aufmerksamkeit widmet und der in der Soziologie gerne Gegenstandsbereich genannt wird. Gehört auch der Troquet oder das Café dazu? Wie grenzt sich das Bistro von der Brasserie und vom Literatencafé ab? Wie schaut es in nobleren Varianten wie der „Closerie des Lilas“ aus oder in der Hotelbar mit Klavierbegleitung? Auf all das richtet Augé seinen Blick. Jedoch, bei allen Varianten und Möglichkeiten: „Die höchste Form des Bistros ist das Bureau de Tabac, …“ Denn immerhin fallen dort Trinken und Rauchen zusammen: Alkoholika wie auch Tabakwaren lassen sich erstehen. In Bamberg etwa fällt sowas im herrlichen Café Müller ineinander.

„Bistros sind Orte im eigentlichen Sinne des Wortes: Die Gestaltung des Raums ist von größter Bedeutung, die Zeit ein Wert.“ Augé fängt den Betrieb der Bistros ein, die flinken Kellner, die Typen von Gästen und ihre Eigentümlichkeiten. Bistro bedeutet: sich an einem Ort seine Zeit zu nehmen. Innehalten, in Augenblicken. Bistros haben jedoch auf ein Viertel nicht nur freundliche Auswirkungen, ebenso haben sie mit Veränderungen zu tun. Wenn die „Salonlinken“, so Augé, in den armen Vierteln auftauchen, so daß die schäbigen Quartiere zu ehemals armen Vierteln und dann zu den Vierteln der Reichen werden: „Das Auftauchen der Bobos in alten Arbeitervierteln von Paris …“. Und in dieser Umpolung „ist das Bistro der Bobos eine Art potenziertes Bistro.“ Wobei allerdings die freie Marktwirtschaft ihren Teil dazu beiträgt. Künstler und Studenten sind nur ihre Agenten und nutzen die Chance, die sich ihnen bietet, wie sie auch der Makler im Verkehr der Waren nutzt. Aspekte, die bis heute aktuell sind und deren Regulierung Aufgabe der Politik ist – etwa so wie die Stadt Wien das macht, so daß auch in den sogenannten schickeren Vierteln sich noch das eine oder andere kleine Kaffeehaus halten kann.

Nein, Paris ist lange nicht mehr das, was es einmal war, so sprechen die, die den Mythos lieben und von ihm zehren. (Aber was ist und was war eine Stadt je? Es fixiert sich bei Städten kein status quo, sondern sie sind Werden und Gebären. Ein Kontinuum als Fließen. Insofern ist das Lamento „Nichts bleibt, wie es war“ oft bloß sentimentaler Reflex.) Bereits in den 80er Jahren lebte es sich in Saint-Germain-des-Prés und Quartier Latin schick, während Belleville noch an vielen Stellen ein übler Ort war, wo niemand wohnen mochte. Das ist heute anders. Doch wenn man sich umschaute, gab es Mitte der 80er Jahre selbst im Saint Germain und im Quartier Latin noch jene Bistrots und Restaurants, wo man günstig trinken und essen konnte. Das wilde Leben im „Tabou“ und andernorts, das Boris Vian beschrieb, war freilich lange verflogen, kein Drehwurm, kein Swing und Plankton tönte, keine Jazztrompeten, kein Jean-Sol Patre las mehr, und Juliette Grecos gehauchtes „Il n’y a plus d’après“ nur noch der Song einer alten Frau, den sie auf Konzerten vor alten Menschen sang.

Über die Jahre, bis heute hin hat sich das Ensemble des Quartier Latin allmählich verändert: die Geschäfte in der Rue Bonaparte: inzwischen schreckliche Kunstgalerien oder noble Boutiquen, die École nationale supérieure des beaux-arts sticht dort wie ein Fremdkörper heraus, das günstige Restaurant nebenan, wo ich manchmal aß, ist seit 2004 fort. Fast-Food-Ketten am Place de l’Odéon, wo die Danton-Statue harrt: die ins Museum fixierte Revolution. Wo im Flore Erinnerungen und der Stadtmythos ins Smartphone gehegt werden. Augé hat auch für diesen Wandel des Bistros, das sich ans Viertel akkommodierte, einen Blick. Jedoch: Eine Definition des Bistros zu liefern, läuft in Augés Sinne ganz zu recht am Phänomen vorbei. „Was ist ein Bistro?“ läßt sich nur sagen, indem man ein Bistro besucht, und dieser Verweis auf die Praxis scheint mir zentral: „Tatsache ist, dass das Wort ‚Bistro‘ eine unmittelbare Sympathie transportiert.“ Eine Definition jedoch liefe Gefahr, die Wirklichkeit zu verzerren und den Ort zu zerstören. Also lieber eine Phänomenologie der Praxis, indem der Autor die Orte aufsucht. Eine Phänomenologie des Rotweins ist keine solche, wenn der Phänomenologe nicht auch das Selber-Trinken und das Sich-Betrinken einbezieht.

Augé fragt, worin die Kraft dieses Begriffes „Bistrot“ liegt, was den Sog dieses Ortes der Begegnungen ausmacht. Und unter dieser Optik halb des Literaten, halb des Wissenschaftlers schreitet er von seinen Jugend- und Studentenerinnerungen die Zeit ab: Die der Kindheit, als das Bistro was von Verbotenem verströmte, Kellerbistros mit Kohlegeruch, ein lange verschwundenes Bougnat – es müssen die späten 40er Jahre gewesen sein. Das alte Paris, wie es der Filmmythos konserviert und wie wir es bei Truffaut noch so herrliche erschauen. Die Bistros der Surrealisten um Breton am Boulevard de Clichy, die freilich auch bei Augé nur noch in der Erinnerung als Aura existierten. Verklärendes Es-war. In der Studentenzeit dann, wir kennen es bis heute, egal in welcher Stadt, war das Bistro die Verlängerung des Seminars. Es wurde debattiert, Studenten und Kollegen fanden sich ein. Theorie wird praktisch, würde ich dieses get together nennen wollen. Denken realisiert sich, Platons Symposion und unendliches Gespräch.

Doch egal welche Variante von Bistro wir wählen: Es sind, wenn wir zu zweit oder zu dritt sind, Orte der Konversation. Zugleich dienen sie dem stillen Gast als Raum für den Rückzug – streng ritualisiert. Bistros besitzen eine Zwischenstellung. Wir sitzen darin, fühlen uns heimisch und doch sind es keine Wohnzimmer, sondern öffentliche Orte. Wobei diese Stellung ebenso für das Café und die Arbeiterkneipe gleichermaßen gilt: „sich wie zu Hause und zugleich auswärts zu fühlen, aufgenommen und nicht weiter beachtet zu werden.“

Interessant ist insbesondere Augés Beobachtung, daß das Rauchverbot in Frankreich (und in anderen Ländern) eine Neueroberung des öffentlichen Raumes auslöste. Raucher versammeln sich vor der Tür, Fremde kommen ins Gespräch, zwangloser Wechsel der Position, der Bürgersteig verwandelt sich in einen öffentlichen Platz. Doch auch der kommunikative Aspekt ist nicht spezifisch fürs Bistro. Eher schon das, was man auch in den Stamm-Kneipen erleben kann: der Gast wird vom Wirt oder von der Bedienung wiedererkannt, er bekommt morgens automatisch seinen doppelten Espresso auf den Tisch gestellt und ein Croissant mit Butter dazu. Ums Bistro ranken sich Geschichten, und wir können wenn wir dort sitzen, so tun, als läsen wir Zeitung und dabei doch den jungen Frauen am Nebentisch lauschen, uns komplette Geschichten zusammenreimen oder uns ausspinnen.

„Wenn das Bistro ein romanesker Ort ist, dann vor allem in dem Sinn, dass es der Fantasie Fragmente von Geschichten darbietet, die sich gerade abspielen und deren Vorgeschichten oder Fortsetzungen sich jeder, dem danach ist, (…) ausmalen kann.“

Das Bistro lädt zum Beobachten ein und zum Aufschreiben dessen, was der Besucher als Gast, als Phänomenologie und heiterer Wein- oder Kaffeetrinker beobachtet. Insofern ist all das, was Augé präsentiert und schildert, nicht neu und man selber hätte darauf kommen können, eigentlich jeder, der gerne in Cafés geht, entwickelt solche Gedanken, schreibt die Skizzen auf oder notiert Wortfetzen, um später einmal aus den Aufzeichnungen etwas zu machen. Aber doch kam bisher kaum ein Autor darauf, aus solchem Ort ein Buch zu fabrizieren: halb literarisch-subjektiv aufgeladen, halb teilnehmender Beobachter und Ethno-Soziologe.

Eine umfassende Phänomenologie des Bistros, bis in die Tiefen, will das Buch sicherlich nicht liefern, sondern vielmehr, wie der Titel sagt, ist es eine wunderbare Liebeserklärung an eine aussterbende Institution, und wie auch Barthes Beobachtungen zum Eiffelturm, wird es den Paris-Freund in Reiselaune versetzen. Es enthält mit den Alltagserfahrungen zusammen manche schöne Beobachtung bereit. Manchmal mit Pathos, wie solche Passage, aber doch mit der Liebe zum Ort:

„Wenn ein Bistro schließt, bietet sein abgedecktes Schaufenster oder der ein für alle Mal den Eintritt versperrende Metallrolladen plötzlich den Anblick eines jähen und unbegreiflichen Endes, ein Bild des Todes ohne jede Metaphorik; es ist der Tod persönlich, der hier sein Antlitz zeigt.“

Man merkt Augé die Leidenschaft zum Ort an. Um zu imaginieren, bietet das Buch guten Anlaß. Für einen Armchair-Traveller, wie ich es bin, genau das richtige. Die Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen, ohne sich dabei fortbewegen zu müssen. Saint-Germain-des-Prés ist nur noch ein Erinnerungsort und ein Begriff. Das Alte ist lange schon vergangen. Aber Mythen (mal im umgangssprachlichen Sinne genommen) und Geschichten leben lange und nachhaltig. So wie hoffentlich auch das Bistro, das dann eben an anderen Orten seinen Platz neu findet.

Nicht-Orte gleichsam: Auch das wäre eine schöne, kleine Blog-Serie wert: etwas über Reisen zu schreiben, ohne dabei verreisen zu müssen. So wiein Piere Bayards kleinem Buch „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“.

Marc Augé: Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung, 118 Seiten, Hardcover, Übersetzung: Felix Kurz, 15,00 €