Baby, laß uns impfen!

Bisher war ich mit der Kampagne #allesdichtmachen lässig, fand die teils lustig und gut, vor allem #teamtukur und #teamliefers, aber mit diesem Video übertreiben sie ihre Satire. Auf eine derartig böse Weise darf man Impfwerbung nicht in den Dreck ziehen. Denn ich halte das Impfen für eine wichtige und gute Sache. #allesdichtmachen geht hier zu weit.

„Baby, lass uns impfen!
Ich und du wir zwei!
Lass uns hier verschwinden
Endlich sind wir frei!
Komm wir gehn jetzt impfen,
du kannst mir vertraun!
Wir tanzen und wir singen
ein Leben wie im Traum!“

Und ich fange heute zum ersten Mal daran zu zweifeln an, ob ich mich wirklich impfen lassen will, nachdem ich dieses Video sah. Vielleicht ist es doch besser, es nicht zu tun, wenn derart geworben wird. Kleiner Witz – geht ja eh nicht, weil in Berlin gar kein Impfstoff da ist und es staatlich organisiert auch keine Impftermine gibt. Nicht einmal für die Leute, die in der Prioritätsgruppe 3 nun an der Reihe wären. Seit etwa 1 1/2 Monaten versuche ich auf der Internetseite des Landes Berlin bei einem der sechs Impfzentren einen Termin zu buchen.*[Zum Land Berlin siehe Fußnote] Nicht daß ich schon an der Reihe wäre, ich gehöre nicht zur Priogruppe 3, sondern nur zu den geburtenstarken Jahrgängen, die irgendwann mal drankommen, vielleicht, wenn die vierte oder fünfte Welle kommt, wie der Alarm eben gerade rauscht, aber ich versuche aus Recherchegründen, einen Termin zu buchen. Es erscheint dann seit Mitte April und also seit sechs Wochen jeden Tag eine Meldung wie diese:

„Bitte beachten Sie, dass aufgrund der hohen Nachfrage und aktuell begrenzter Impfdosen alle Verfügbarkeiten ausgebucht sind. Bitte versuchen Sie es erneut zu einem späteren Zeitpunkt.“

Der in vielen Zeitungen und Fernsehmedien verbreitete Impfoptimismus scheint mir verfehlt.

Eigentlich müßte es gegen diese verfehlte Corona-Politik – von mangelnden Lufttauschern in den Schulklassen bis hin zu Kindern, die durch den Wind sind, und Triage in den Kinder- und Jugendpsychiatrien, einem Staat, der von seinen Bürgern viel und mehr als das fordert, aber selber nicht in der Lage ist zu leisten – massiven Protest geben. Leider werden die Corona-Demos zu einem großen Teil von Idioten bespielt. Das ist gegenwärtig das Problem. Etwas Besseres kann Leuten wie Jens Spahn und Michael Müller et al. gar nicht passieren. Kaum einer noch traut sich auf die Straße, weil er davor sich fürchtet, mit diesen Spasten in einen Sack gesteckt zu werden.

Immerhin haben hier Leute wie #allesdichtmachen in eine Kerbe gehauen. Und wenn es schon in diese Richtung geht, dann frage ich mich vielmehr weiter: Wer bezahlte die Werbekampagnenen der Bundesregierung im Sommer 2020? Wer bezahlt die steindämliche Kampagne dieses Wir-bleiben-zu-Hause-Quatschs, wo erwachsene Menschen mit Prominentenstatus wie Kindsköpfe mit IQ von 70 ein Dach über ihrem Kopf formen, während jene dachformenden Prominenten auf mindestens 120 qm (pro Stockwerk in der Zweietagenvilla) ihren Kindern gut ausweichen und ihrer Ehefrau mit Penetrationswünschen bequem aus dem Weg gehen können. Der Deutsche tut anscheinend nichts ohne klare Ansage: sei es Blitzkrieg, sei es Zu-Hause-bleiben.

Man sagt, Scholz & Friends stecke hinter der Werbe-Kampagne fürs Zuhause-Bleiben. Und da möchte ich gerne wissen, ob diese Werbeagentur diese Kampagne umsonst machte oder ob sie dafür Bundeskohle erhielt. Und wenn letzteres: dann ist die Frage wieviel; und es steht weiterhin die Fragen im Raum, ob dieses Geld nicht sinnvoller in Lüftungsgeräte für Schulen oder eine bessere Ausstattung von Kliniken oder Schulen oder Universitäten gesteckt worden wäre als in diese strunzen- und blunzenblöde Kampagne – vom Sofaheld bis hin zu dieser Dach-überm-Kopf-Kindergarten-Aktion. Das sind Dinge, über die ich mich sehr viel mehr ärgere als über die stellenweise sehr treffenden, lustigen und guten Videos der Schauspieler.

Und wenn wir schon dabei sind: nein, es ist, wie viele Zeitungen berichten, keine neue Normalität und auch keine „neue Freiheit“, wenn man zum spontanen Besuch eines Biergartens oder des Außenbereichs eines Restaurant, wo nachweislich und bei den Winterwinden des Mai 2021 frische Luft weht, einen Gesundheitsnachweis braucht, für den man sich vorher das Nasenloch penetrieren lassen muß. Und nein: ich werde nicht bei Karstadt einkaufen gehen und vorher nach einer Teststation suchen. Sondern ich bestelle dann selbst das Paar Socken und die Unterhosen bei Amazon. Schließlich bin ich für 7,99 Euro im Monat Prime-Kunde, kann die schöne Serie „Vikings“ oder die BILD-Doku gucken und bekomme, Socken, Unterhosen, Jeans, CDs, DVDs und vieles mehr kostenlos nach Hause geliefert. Und im Unterschied zu den Freunden der Ökologie stören mich auch Aluschalen nicht, mit denen Restaurantessen geliefert wird.

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* Zwar weiß ich, daß ich in Berlin teils in einem Failed State lebe, dem Reichshauptstadtslum eben, wo einem Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, schon auch mal entgegnet, wenn sich eine Frau über schwarzen Dealer in der Görlitzer Brache beschwert, die dieser Frau was aufs Maul gaben, so daß ihr ein Zahn fehlte: „Da mußt Du halt besser auf Deine Zähne aufpassen!“ (Aus dem Gedächtnis zitiert.) Gesundheit ist eine politische Sache und da lehnt man dann auch gern die Bundeswehr ab, wenn es um Personal für Gesundheitsämter in Zeiten von Corona-Krise geht. Statt daß Monika Herrmann nun aber selber Personal organisiert oder Freiwillige mobilisiert geschieht was? Gar nichts.

Mohrenstraße bleibt!

Seit einigen Jahren wollen Aktivisten die Mohrenstraße wegbenennen und mithilfe des Bezirks und an der Bevölkerung vorbei wird dies auch geschehen, wenn nun nicht Bürgerprotest erfolgt, und zwar von all den Berlinern und denen, die in Berlin wohnen. Nur wenn es viele sind, wird es nützen. (Wie das geht, dazu gleich unten.)

Der Historiker Götz Aly schrieb in der „Berliner Zeitung“ vom 18.5.:

„Seit 330 Jahren gehört diese Straße zu der in ihrer historischen Struktur erhaltenen Friedrichstadt. Durchgesetzt haben diesen Geschichtsfrevel Grüne, SPD und Linke im Bezirk Mitte. Zuvor hatten dieselben Parteien im Abgeordnetenhaus eine Ermächtigungsklausel beschlossen, mit der sie die Ausführungsvorschriften des Straßengesetzes um ein gummiweich formuliertes Kriterium zur Umbenennung ergänzten: den „Bezug zu rassistisch-imperialistischen Ideologien“. Aber dieser besteht im Fall Mohrenstraße nicht.

Ohne jede Begründung wird zudem behauptet, der Straßenname schade „dem nationalen und internationalen Ansehen Berlins“ und enthalte einen „rassistischen Kern“. Dazu ist zu sagen: Zur Zeit der Benennung wurden in der ständisch verfassten Gesellschaft einzelne Menschen- und Berufsgruppen mit Straßennamen nicht diskriminiert, sondern ehrend als Gemeinschaften hervorgehoben. Deshalb haben wir in Berlin die Schützenstraße, die Jüdenstraße, den Gendarmenmarkt, den Kadettenweg, den Hugenottenplatz, die Böhmische Straße usw. Die Mohrenstraße kreuzt die nach dem vor 320 Jahren regierenden Königspaar – Friedrich und Charlotte – benannten Straßen des heutigen Zentrums. Eine derart hervorgehobene Position im alten und heutigen Zentrum Berlins kann nicht herabsetzend gemeint gewesen sein. Im Deutschen wird das Wort Mohr seit langer Zeit nicht mehr als Bezeichnung für einen Menschen dunkler Hautfarbe verwendet; es existiert auch nicht als Schimpfwort.

Die Mohrenstraße ist Teil der Stadtgeschichte, ähnlich der Mauerstraße, dem Festungsgraben, der Invaliden- oder der Hirtenstraße. Dasselbe gilt für die zur Mohrenstraße parallel verlaufende Taubenstraße. Sie war nicht etwa dem Vogel, sondern solchen Soldaten gewidmet, die im Kriegsdienst ertaubt waren und dort Unterkunft gefunden hatten. Gilt das demnächst als behindertenfeindlich? Es gibt keinen Grund, an den historischen Namen zu rütteln. Sie sind Schriftdenkmale, die es uns Heutigen ermöglichen, die Vergangenheit unserer Stadt zu lesen und besser zu verstehen.

Was tun? Nach den Paragraphen 40 und folgende des Bezirksverwaltungsgesetzes wäre das Bezirksamt verpflichtet gewesen, die „Mitwirkung der Einwohnerinnen und Einwohner zu fördern“ und diese rechtzeitig „über ihre Mitwirkungsrechte zu unterrichten“. All das haben der Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel und die zuständige Stadträtin Sabine Weißler (beide Grüne) fahrlässig oder willentlich unterlassen.

Die Idee zur Umbenennung wurde von einer kleinen, wenig informierten antikolonialistischen Gruppierung forciert. Diese nennt das Bezirksamt „zivilgesellschaftliche Akteurinnen/Akteure“. Diejenigen, die dagegen seit Jahren begründete Einwände erheben, zählt dasselbe grün-rot-rot durchherrschte Amt nicht zur Zivilgesellschaft. Dagegen sollte man sich zur Wehr setzen.

In den nächsten vier Wochen können alle Berliner und Berlinerinnen brieflich Widerspruch gegen die Umbenennung einlegen, zu richten an: Bezirksamt Mitte von Berlin, Abt. Weiterbildung, Kultur, Umwelt usw., Karl-Marx-Allee 31, 10178 Berlin. Lassen Sie sich den Eingang bestätigen.“

Diesem Aufruf kann ich mich nur anschließen und ich werde ebenfalls ans Bezirksamt Mitte schreiben. Geschichte – auch Kolonalgeschichte – läßt sich nicht begreifen, indem man Denkmäler schleift und Namen tilgt, sondern nur, indem Menschen wissen, was mit bestimmten Namen verbunden ist. Selbst bei solchen Namen wie dem Hamburger Kaufmann und Sklavenhändler Heinrich Carl von Schimmelmann reicht es nicht aus, einfach einen Straßennamen zu entfernen – und wenn man es möchte, dann muß das unter Beteiligung aller Bürger einer Stadt oder eines Bezirkes geschehen. Bei der Mohrenstraße nun liegt der Fall noch einmal anders. Es ist dies kein Name, sondern wie Aly zeigte, eine Ehrbezeichnung. Schlimm auch, daß gerade jene Kräfte, die ansonsten bei dem Thema Bürgerbeteiligung im demokratischen Gemeinwesen eine hohe Meinung von genau solcher Partizipation haben, genau dann von solcher Beteiligung abgerücken, wenn es der eigenen Agenda zuwiderläuft und wenn es sich gar um ein Projekt handelt, daß jene Politiker auf Teufel komm raus, auch gegen den Willen von Bürgern, durchbringen wollen.

Sentimentale Reise: Bernward Vesper zum 50. Todestag

Heute ist der 50. Todestag von Bernward Vesper: Autor, Sohn, Vater, Geliebter und Mann von Gudrun Ensslin. Er starb in der Irrenanstalt Hamburg-Ochsenzoll, wo er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm. Sohn des völkischen Dichters Will Vesper. Der Vater sympathisierte nicht nur mit den Nazis, sondern teilte auch deren Ideen. Völkisch-nationalistisch bis in die Knochen und bis in die Literatur hinein.

indexBernward Vesper litt unter diesem Vater und suchte zugleich die Anerkennung des Vaters. Noch in der Mitte der 1960er hegte er – übrigens zusammen mit Gudrun Ensslin, seiner Geliebten – den Nachlaß des Vaters. Eine tragische Lebensreise, zwischen alter Zeit und einer Generation des Aufbruchs, und ein viel zu kurzes Leben. Vespers autobiographischer Fiktions- und Lebensessay „Die Reise“ gehört für mich zu jenen interessanten und besten Büchern aus dem Bereich „Neue Subjektivät“ und dem sich seit den späten 1960er Jahren etablierenden Schreiben aus dem Ich und der neuen Empfindsamkeit heraus, nachdem die Revolutionsträume gescheitert waren und Teile der Linken in die K-Gruppen oder in die RAF und den 2. Juni abtauchte. Oder eben in die Innerlichkeit. Zu dieser Literatur der Neuen Subjektivität gehört auch Thomas Bernhards Tetralogie über seine Kindheit und Jugend. Radikaler aber und an den US-amerikanischen Schreibweisen der Beatniks orientiert, war jedoch Vespers „Reise“.

Im Schreiben versuchte Vesper, sich der Wirklichkeit zu versichern. Doch der Augenblick läßt sich nicht bannen und festhalten und fixieren. Alles fließt. Immer. Leben eben:

„Beim Vorbeifahren der Autos auf der Autobahn begreife ich, daß ja nur das Allerwenigste protokollierbar ist. Wiederum: Schriftsteller würden sagen: die Sprache, der Rahmen des Buches reicht nicht zu. Aber das meiste ist bereits unwiederbringlich verloren, wenn es geschieht. Ich stelle mir vor, ich hätte die Protokolle aller, die bisher lebten. Und mit einer Feuersbrunst würden diese Milliarden Leben noch einmal vernichtet. Oberflächliche Aufzeichnungen, gewiß. Aber das Bewußtsein und die Sprache sind nie darüber hinausgekommen.“ (Vesper, Die Reise)

Dieser Wunsch, Leben und Szenen des Lebens und auch das Gewöhnliche festzuhalten, daß der Augenblicke bliebe und daß wir verweilen könnten, daß wir diesen Moment in Sprache bringen, das Nachdenken darüber, wie solche Szenen festzuhalten wären, wird zur Frage des Erzählens: wie dies darstellen? Wie den Augenblick protokollieren? Das Leben ist kein Protokoll. Aber in der Literatur geht zumindest das Erzählen, Beschreiben, Schreiben oder es erfinden  – zumindest die Transformation und die Verwandlung von Zeit vermag die Literatur. Ob Vesper das wußte, bleibt fraglich. Vesper war im Sinne der Innerlichkeit ein Romantiker, aber nicht im Sinne ästhetischer Reflexion und Komposition: dem Gewöhnlichen einen höheren Sinn zu geben, wie Novalis es in einem seiner Fragmente schrieb. Doch Vesper war nicht Handke und wollte es vielleicht auch gar nicht sein, er unternahm eine andere Reise, während Handke das Gewöhnliche poetisierte und zugleich beschrieb.

Wenn freilich Bewußtsein und Sprache nicht darüber hinauskommen, dann mögen andere Mittel recht sein, um jenes Bewußtsein und damit auch die Sprache zu erweitern. Versuche eben:

„DIESE AUFZEICHNUNGEN FOLGEN nicht im geringsten einer Assoziationstechnik. Sie haben nichts mit Kunst oder Literatur zu tun. Ich bin darauf verwiesen, die Spitze der Eisberge wahrzunehmen.“

Obgleich diese Prosa keine Literatur und Kunst sein mag, sind Vespers Reise-Aufzeichnungen zu einem Teil dennoch die Poetik eines anderen Erzählens, eines anderen Beschreibungstons, ästhetisch  innovativ insofern, denn sie gründen das mit, was man – von der Beat-Literatur der USA beeinflußt – eine Form von rauschhaftem Freischreiben nennen kann, das in Jack Kerouac und der ästhetischen Drogenratte William S. Burroughs seinen Vorläufer besitzt,  und was das Genre dieser Neuen Subjektivität der 1970er Jahre ausmacht. Bei Vesper funktioniert diese Neue Subjektivität in einer gelungenen Weise, ästhetisch avanciert, gleichsam Deutsch-Amerikanische-Freundschaft, während ein Jahr später die RAF und Gudrun Ensslin in der Heidelberger Offensive die US-Army attackierten; eine Subjektivität, die noch nicht im Ton einer Karin Struck oder dem Tod des Märchenprinzen bagatellisierte. Aus Reisen werden Trips und der Versuch, das eigene Leben zu erzählen und vor allem: festzuhalten. Eine Erfahrungsseelenkunde gleichsam, doch auf neue Weise und damit vielleicht, wie es im Klappentext des Buches heißt, der „Nachlaß einer ganzen Generation“ und ihrer erfüllten wie gescheiterten Hoffnungen. Das Jahr 1979 brachte dann jenen erheblichen Einschnitt und einen Geschichtsbruch, gegen den das Jahr 1968 und auch 1989 unerheblich waren. (Wer wissen will warum, greife zu Frank Bösch „Zeitwende 1979. Als die Welt von heute begann“.)

Wer ein wenig auch über Vesper und das Verhältnis von Vesper und Ensslin (beide gefördert von der Studienstiftung des Deutschen Volkes und begabte Studenten) erfahren will, der lese in Ingeborg Gleichaufs Ensslin-Biographie „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ und dazu auch von Michael Kapellen: „Doppelt leben. Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Die Tübinger Jahre.“ Darin finden wir ein Panorama jener 1960er Jahre und dieser Zeit des Umbruchs und des Ausbruchs. Und auch die Lektüre von „Die Reise“ lohnt sich. Fluch der Familie und daß Blut doch dicker ist als Wasser. Und Weibergeschichten gibt es da auch.

Geselligkeitszonen – Marc Augé „Das Pariser Bistro“

In Zeiten geschlossener Bars, Cafés und Restaurants mag es geboten sein, an ein altes Leben zu erinnern, das wir einmal führten und daß wir nicht vergessen sollten, und auf ein Buch zu weisen, daß dieses alte Leben beschreibt, nämlich das 2016 erschienene Bändchen „Das Pariser Bistro“, geschrieben von dem Ethnologen Marc Augé. Und dafür stelle ich noch einmal eine leicht überarbeitete Rezension in den Blog. Gut erinnere ich mich zudem an eine Gastro-Serie von Wolfram Siebeck aus den 1980er Jahren (oder waren es schon die 1990er?), wo er in der ZEIT die Pariser Bistro-Küche mit ihren einfachen, aber leckeren, handgemachten und gehaltvollen Gerichten vorstellte. Selbst ein simpler Croque Monsieur vermag ein Schmaus zu sein, wenn die Zutaten frisch und das Brot gut und selbstgebacken ist.

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18_01_12_LX_100_1099Es existieren still und manchmal verborgen vor den Blicken der anderen verwunschene Orte, wo der Spaziergänger und Flaneur hofft, daß nur wenige Menschen dorthin je gelangen: Parks wie auf der Pfaueninsel oder die Landschaft der Uckermark, durch die wir streifen. Mit Glück können wir in der Uckermark den Dichter Botho Strauß treffen, der  vor der Weltlichkeit flüchtete. Er tat richtig daran, sich zurückzuziehen und den Blick auf die Dichtung zu wenden. Zu schreiben und die schönen Worte für den schönen Tag zu finden. Denn viel Erquickliches gibt es weit ab von der Scholle nicht zu schauen – und das gilt vor allem in heutigen Zeiten von Cancel Culture und neocalvinistischer Identitätspolitik. Wer es innerlich schätzt und den letzten Rest des Weltlärms und des Krähenschreis tilgen will, der ziehe sich in die imaginären Orte zurück, in die Literatur und die wunderbare Welt von Jean Paul, ins Krähennest Kuhschnappel, das ein imaginärer Ort im Fränkischen ist, nahe Bindlach. Karl Kraus erkannte ganz zu Recht: „Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.“ Oder der Leser unternimmt in einem VW-Bus mit Julio Cortázar und Carol Dunlop eine traurig-melancholisch-schöne Reise über die Autobahn – von Paris nach Marseille, ohne die Autobahn je zu verlassen und um all die Rastplätze zu untersuchen, die auf dieser Strecke liegen. Reisen in den Zeiten, als es noch möglich war zu reisen. Autonauten auf der Kosmobahn.

Genauso gibt es aber das Gegenteil. Auch wenn Bleiben nirgends ist, gibt es diese Orte der Nähe – zumindest für kurze Zeit, Ort der Geselligkeit, da wo sich viele aufhalten und Menschen manchmal doch einsam für sich allein sitzen: Die Bar, der Club oder die Kneipe oder in Frankreich eben das Bistro. Über solche Trink-, Eß- und Lebensorte wäre zu schreiben. Bereits 1987 verfaßten die Bremer Soziologen Franz Dröge und Thomas Krämer-Badoni ihre Kneipensoziologie „Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform“. Nun hat sich der französische Ethnologe Marc Augé einer spezifisch französischen Institution der Geselligkeit gewidmet – dem Bistro. Bekannt wurde Augé durch sein Buch über Nicht-Orte. Also ebenfalls Räume des Wartens und des Aufenthalts, wie etwa Flughäfen und Bahnhofshallen, nur unheimischer und weniger gastlich als die Bistros und was die Handlungen und Verhaltensweisen betrifft anders strukturiert: die Menschen warten und harren für sich, sie wollen nicht sprechen und nicht bleiben, sondern fort. Aber wie auch beim Bistro sind es Orte der zufälligen Begegnung – sofern sich nicht die Stammgäste begegnen und wie im Wiener Kaffeehaus ignorieren oder als Literaten und Philosophen einander Spinnefeind und Haßobjekt sind. Augé untersucht solche Räume und ihre Struktur. Er schreibt anschaulich eine Ethnographie der Gegenwart im Zeitalter des Reisens und der Transite. Ein Ethnologe des „Nahen“, wie er es nennt.

cover-978-3-95757-261-5Mit „Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung“ durchstreift er die Welt dieser speziell französischen Institution, für die es kein deutsches Synonym gibt: Restaurant, Kneipe und  Bar treffen es nicht ganz. Das Buch ist, wie der Untertitel andeutet, eine kleine Hymne. Weniger theoretisch verfaßt als „Nicht-Orte“, wo wir mehr noch den Blick des Ethnographen sehen, während beim „Pariser Bistrot“ ein leidenschaftlicher Phänomenologe schreibt, der (vermutlich) selber gerne un petit rouge kippt. Das Buch eröffnet mit einem Zitat des leider in Vergessenheit geratenen Louis Aragon – kaum eines seiner Werke gegenwärtig lieferbar, immerhin aber gibt es in einer Suhrkamp-Ausgabe „Der Pariser Bauer“ – im Original vieldeutiger als „Le paysan de Paris“ getitelt: „Werde ich noch länger das Gefühl für das Wunderbare des Alltäglichen haben?“ So beginnt das Aragon-Zitat. Im Bistro erfahren wir dieses Wunderbare des Alltäglichen, Verzauberungen und Traum-Lebens-Sequenzen die Aragon auch in „Le paysan de Paris“ zeigt. So auch im Bistrot und wie wenn man es sich wie in einem der französischen Filme vorstellt. Dramen, Geschichten, Romane spielen sich hier ab, doch ebenso die unscheinbaren Szenen und Alltag. Auch Augé findet für dieses eigentümliche Prinzip, das uns dazu treibt, ein Bistro aufzusuchen, feine Worte:

„Hinter der Illusion steht ein Bedürfnis, und dieses gilt es wachzuhalten; Bedürfnis heißt Leben; es ist hartnäckig, stets bereit, wie Phönix aus der Asche zu steigen, wenn man ihm ein wenig nachhilft. Und eben dafür sind Bistros da.“

Wohl gesprochen und gerade deshalb fehlt uns in der Gegenwart dieser Ausgang und diese Möglichkeit so sehr. Fast könnte man sagen: es ist dies für viele ein menschliches Grundbedürfnis: wie Sprechen, Reden, Schauen, Hören. Wir sind Sinneswesen. Augé fragt, was ein Bistro ausmacht, schaut auf den Ort, dem er seine Aufmerksamkeit widmet und der in der Soziologie gerne Gegenstandsbereich genannt wird. Gehört auch der Troquet oder das Café dazu? Wie grenzt sich das Bistro von der Brasserie und vom Literatencafé ab? Wie schaut es in nobleren Varianten wie der „Closerie des Lilas“ aus oder in der Hotelbar mit Klavierbegleitung? Auf all das richtet Augé seinen Blick. Jedoch, bei allen Varianten und Möglichkeiten: „Die höchste Form des Bistros ist das Bureau de Tabac, …“ Denn immerhin fallen dort Trinken und Rauchen zusammen: Alkoholika wie auch Tabakwaren lassen sich erstehen. In Bamberg etwa fällt sowas im herrlichen Café Müller ineinander.

„Bistros sind Orte im eigentlichen Sinne des Wortes: Die Gestaltung des Raums ist von größter Bedeutung, die Zeit ein Wert.“ Augé fängt den Betrieb der Bistros ein, die flinken Kellner, die Typen von Gästen und ihre Eigentümlichkeiten. Bistro bedeutet: sich an einem Ort seine Zeit zu nehmen. Innehalten, in Augenblicken. Bistros haben jedoch auf ein Viertel nicht nur freundliche Auswirkungen, ebenso haben sie mit Veränderungen zu tun. Wenn die „Salonlinken“, so Augé, in den armen Vierteln auftauchen, so daß die schäbigen Quartiere zu ehemals armen Vierteln und dann zu den Vierteln der Reichen werden: „Das Auftauchen der Bobos in alten Arbeitervierteln von Paris …“. Und in dieser Umpolung „ist das Bistro der Bobos eine Art potenziertes Bistro.“ Wobei allerdings die freie Marktwirtschaft ihren Teil dazu beiträgt. Künstler und Studenten sind nur ihre Agenten und nutzen die Chance, die sich ihnen bietet, wie sie auch der Makler im Verkehr der Waren nutzt. Aspekte, die bis heute aktuell sind und deren Regulierung Aufgabe der Politik ist – etwa so wie die Stadt Wien das macht, so daß auch in den sogenannten schickeren Vierteln sich noch das eine oder andere kleine Kaffeehaus halten kann.

Nein, Paris ist lange nicht mehr das, was es einmal war, so sprechen die, die den Mythos lieben und von ihm zehren. (Aber was ist und was war eine Stadt je? Es fixiert sich bei Städten kein status quo, sondern sie sind Werden und Gebären. Ein Kontinuum als Fließen. Insofern ist das Lamento „Nichts bleibt, wie es war“ oft bloß sentimentaler Reflex.) Bereits in den 80er Jahren lebte es sich in Saint-Germain-des-Prés und Quartier Latin schick, während Belleville noch an vielen Stellen ein übler Ort war, wo niemand wohnen mochte. Das ist heute anders. Doch wenn man sich umschaute, gab es Mitte der 80er Jahre selbst im Saint Germain und im Quartier Latin noch jene Bistrots und Restaurants, wo man günstig trinken und essen konnte. Das wilde Leben im „Tabou“ und andernorts, das Boris Vian beschrieb, war freilich lange verflogen, kein Drehwurm, kein Swing und Plankton tönte, keine Jazztrompeten, kein Jean-Sol Patre las mehr, und Juliette Grecos gehauchtes „Il n’y a plus d’après“ nur noch der Song einer alten Frau, den sie auf Konzerten vor alten Menschen sang.

Über die Jahre, bis heute hin hat sich das Ensemble des Quartier Latin allmählich verändert: die Geschäfte in der Rue Bonaparte: inzwischen schreckliche Kunstgalerien oder noble Boutiquen, die École nationale supérieure des beaux-arts sticht dort wie ein Fremdkörper heraus, das günstige Restaurant nebenan, wo ich manchmal aß, ist seit 2004 fort. Fast-Food-Ketten am Place de l’Odéon, wo die Danton-Statue harrt: die ins Museum fixierte Revolution. Wo im Flore Erinnerungen und der Stadtmythos ins Smartphone gehegt werden. Augé hat auch für diesen Wandel des Bistros, das sich ans Viertel akkommodierte, einen Blick. Jedoch: Eine Definition des Bistros zu liefern, läuft in Augés Sinne ganz zu recht am Phänomen vorbei. „Was ist ein Bistro?“ läßt sich nur sagen, indem man ein Bistro besucht, und dieser Verweis auf die Praxis scheint mir zentral: „Tatsache ist, dass das Wort ‚Bistro‘ eine unmittelbare Sympathie transportiert.“ Eine Definition jedoch liefe Gefahr, die Wirklichkeit zu verzerren und den Ort zu zerstören. Also lieber eine Phänomenologie der Praxis, indem der Autor die Orte aufsucht. Eine Phänomenologie des Rotweins ist keine solche, wenn der Phänomenologe nicht auch das Selber-Trinken und das Sich-Betrinken einbezieht.

Augé fragt, worin die Kraft dieses Begriffes „Bistrot“ liegt, was den Sog dieses Ortes der Begegnungen ausmacht. Und unter dieser Optik halb des Literaten, halb des Wissenschaftlers schreitet er von seinen Jugend- und Studentenerinnerungen die Zeit ab: Die der Kindheit, als das Bistro was von Verbotenem verströmte, Kellerbistros mit Kohlegeruch, ein lange verschwundenes Bougnat – es müssen die späten 40er Jahre gewesen sein. Das alte Paris, wie es der Filmmythos konserviert und wie wir es bei Truffaut noch so herrliche erschauen. Die Bistros der Surrealisten um Breton am Boulevard de Clichy, die freilich auch bei Augé nur noch in der Erinnerung als Aura existierten. Verklärendes Es-war. In der Studentenzeit dann, wir kennen es bis heute, egal in welcher Stadt, war das Bistro die Verlängerung des Seminars. Es wurde debattiert, Studenten und Kollegen fanden sich ein. Theorie wird praktisch, würde ich dieses get together nennen wollen. Denken realisiert sich, Platons Symposion und unendliches Gespräch.

Doch egal welche Variante von Bistro wir wählen: Es sind, wenn wir zu zweit oder zu dritt sind, Orte der Konversation. Zugleich dienen sie dem stillen Gast als Raum für den Rückzug – streng ritualisiert. Bistros besitzen eine Zwischenstellung. Wir sitzen darin, fühlen uns heimisch und doch sind es keine Wohnzimmer, sondern öffentliche Orte. Wobei diese Stellung ebenso für das Café und die Arbeiterkneipe gleichermaßen gilt: „sich wie zu Hause und zugleich auswärts zu fühlen, aufgenommen und nicht weiter beachtet zu werden.“

Interessant ist insbesondere Augés Beobachtung, daß das Rauchverbot in Frankreich (und in anderen Ländern) eine Neueroberung des öffentlichen Raumes auslöste. Raucher versammeln sich vor der Tür, Fremde kommen ins Gespräch, zwangloser Wechsel der Position, der Bürgersteig verwandelt sich in einen öffentlichen Platz. Doch auch der kommunikative Aspekt ist nicht spezifisch fürs Bistro. Eher schon das, was man auch in den Stamm-Kneipen erleben kann: der Gast wird vom Wirt oder von der Bedienung wiedererkannt, er bekommt morgens automatisch seinen doppelten Espresso auf den Tisch gestellt und ein Croissant mit Butter dazu. Ums Bistro ranken sich Geschichten, und wir können wenn wir dort sitzen, so tun, als läsen wir Zeitung und dabei doch den jungen Frauen am Nebentisch lauschen, uns komplette Geschichten zusammenreimen oder uns ausspinnen.

„Wenn das Bistro ein romanesker Ort ist, dann vor allem in dem Sinn, dass es der Fantasie Fragmente von Geschichten darbietet, die sich gerade abspielen und deren Vorgeschichten oder Fortsetzungen sich jeder, dem danach ist, (…) ausmalen kann.“

Das Bistro lädt zum Beobachten ein und zum Aufschreiben dessen, was der Besucher als Gast, als Phänomenologie und heiterer Wein- oder Kaffeetrinker beobachtet. Insofern ist all das, was Augé präsentiert und schildert, nicht neu und man selber hätte darauf kommen können, eigentlich jeder, der gerne in Cafés geht, entwickelt solche Gedanken, schreibt die Skizzen auf oder notiert Wortfetzen, um später einmal aus den Aufzeichnungen etwas zu machen. Aber doch kam bisher kaum ein Autor darauf, aus solchem Ort ein Buch zu fabrizieren: halb literarisch-subjektiv aufgeladen, halb teilnehmender Beobachter und Ethno-Soziologe.

Eine umfassende Phänomenologie des Bistros, bis in die Tiefen, will das Buch sicherlich nicht liefern, sondern vielmehr, wie der Titel sagt, ist es eine wunderbare Liebeserklärung an eine aussterbende Institution, und wie auch Barthes Beobachtungen zum Eiffelturm, wird es den Paris-Freund in Reiselaune versetzen. Es enthält mit den Alltagserfahrungen zusammen manche schöne Beobachtung bereit. Manchmal mit Pathos, wie solche Passage, aber doch mit der Liebe zum Ort:

„Wenn ein Bistro schließt, bietet sein abgedecktes Schaufenster oder der ein für alle Mal den Eintritt versperrende Metallrolladen plötzlich den Anblick eines jähen und unbegreiflichen Endes, ein Bild des Todes ohne jede Metaphorik; es ist der Tod persönlich, der hier sein Antlitz zeigt.“

Man merkt Augé die Leidenschaft zum Ort an. Um zu imaginieren, bietet das Buch guten Anlaß. Für einen Armchair-Traveller, wie ich es bin, genau das richtige. Die Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen, ohne sich dabei fortbewegen zu müssen. Saint-Germain-des-Prés ist nur noch ein Erinnerungsort und ein Begriff. Das Alte ist lange schon vergangen. Aber Mythen (mal im umgangssprachlichen Sinne genommen) und Geschichten leben lange und nachhaltig. So wie hoffentlich auch das Bistro, das dann eben an anderen Orten seinen Platz neu findet.

Nicht-Orte gleichsam: Auch das wäre eine schöne, kleine Blog-Serie wert: etwas über Reisen zu schreiben, ohne dabei verreisen zu müssen. So wiein Piere Bayards kleinem Buch „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“.

Marc Augé: Das Pariser Bistro. Eine Liebeserklärung, 118 Seiten, Hardcover, Übersetzung: Felix Kurz, 15,00 €