Jener 25. Todestag von Wolfgang Koeppen

Ich lese gerade in einem Beitrag von Deutschlandfunk „Zum 25. Todestag von Wolfgang Koeppen“ und bin erstaunt, und ich denke mir: „Wie und was? Ich meinte, Koeppen wäre seit über 40 Jahren schon tot?“ Einer aus der fernen Vergangenheit, der sogar noch 1995 lebte, der die Wiedervereinigung erlebte und jene Jahre danach und der 1996 mit 89 Jahren starb und davor die Zeit, die übrige Zeit, nachdem er jene so sehr geschätzte Trilogie dichtete, schweigend auf das Land blickte. Als wäre er niemals mehr da und doch war er all diese Jahre über da. Seltsame Wahrnehmung und Diskrepanz im Erinnern, wenn einem plötzlich ein Autor, wie auf dem Jenseits eines Jenseits auftaucht, den man von seiner Literatur „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“, „Der Tod in Rom“ damals schätzte, der aber einer völlig anderen und inzwischen historisch gewordenen Zeit der alten BRD der 1950er Jahre angehört und den man schon 1990 für tot glaubte, denn ein Internet zum Nachschlagen gab es noch nicht, man war aufs Loseblattlexikon angewiesen. Ein Name, der wie eine Art Wiedergänger erklingt, denn nach seiner großen Trilogie, einer der ersten kritischen Bestandsaufnahmen der frühen Bundesrepublik, schwieg Koeppen. Man wartete auf den nächsten großen Wurf, aber es kam nichts mehr.

Ich blättere in meinem Suhrkamp-Band, sehe, daß ich darin nichts unterstrichen habe, mein Blick fällt auf die Schreibweise des Wortes „Telephonzelle“ – so würde ich es am liebsten auch schreiben, denke ich mir. Ich entdecke beim Blättern das Wort „Neger“. Es muß das Buch also aus einer anderen Zeit stammen – sollte man Koeppen neu übersetzen und wenn ja von wem? Ich sehe zudem einen Satz, den ich mir herausgeschrieben habe, im Zettelkasten:

„Es war einmal eine Zeit, da hatten die Götter in dieser Stadt gewohnt. Jetzt liegt Raffael im Pantheon begraben, ein Halbgott noch, ein Glückskind Apolls, doch wie traurig, was später sich ihm an Leichnamen gesellte …“ (Koeppen, Der Tod in Rom)

Das ist ein wunderbarer Romananfang, denke ich mir und versuche herauszubekommen, was ich damals 1986, als ich Koeppen las, mir dachte und wie ich dieses Buch auffaßte. Ich weiß es nicht mehr, es blieb nicht viel hängen, da ich zu dieser Zeit im Grunde in der Welt des Ästhetizismus, bei Thomas Mann, und in der Welt einer Literatur als Leben und Exzeß des Schreibens, wie bei Kafka, gefangen war – „wie wenn man mit der Schrift Mädchen binden könnte“ – und mit Proust im Bett lag und mit Arno Schmidt, der mir als BRD-Nachkriegsschriftsteller qua Sprache und qua Tonfall und Stil zu dieser Zeit näher ging als Koeppen, ich denke an unsere Arno Schmidt-Wanderung in Bargfeld, 1996, mit Wanderstöcken zur Verteidigung nicht gegen die Wölfe, sondern nur gegen die Hunde, mit einer Feldflasche, darin Tee mit Rum sich befand, ganz in der Art des Meisters. Koeppen lebte zu dieser Zeit noch, Schmidt war tot.

Ich lese in die drei Romane hinein. Daß das, was Koeppen da machte, eine hochmoderne und avancierte Literatur war, von der sich die heutigen Bürschchen und die Schreibmädchen aus Hildesheim viel abschneiden können, war mir damals nicht bewußt. Jetzt, nachdem ich eine halbe Stunde mich in dieser Koeppen-Literatur umgetan habe, lese ich, was ich alles überlesen habe. Worauf habe ich geachtet? Ich weiß es nicht mehr. Der absurde Zug von Menschen am Ende des Buches „Das Treibhaus“, ein Traum, halb anachronistischer Zug, halb Karnevalszug, halb Brueghelsches Grauen. Eine Alptraumszene mit Joyceschen Mitteln. Der Versuch, jene klassische Moderne des frühen 20. Jahrhunderts noch einmal für die Mitte des Jahrhunderts unter den Bedingungen des äußersten Grauens bzw. des Danachs fruchtbar zu machen, um mittels Literatur ein Zeitbild zu schreiben. Das muß ich unbedingt noch einmal lesen, denke ich mir. Koeppen ist ein Schatz.

„Der Abgeordnete Korodin schleppte ein großes goldenes Kreuz herbei, unter dessen Last er gebückt ging. Er richtete mit großer Mühe das Kreuz neben dem Galgen auf, und er fürchtete sich sehr. Er brach Gold aus dem Kreuz und warf die Goldstücke in den Kreis der Staatsmänner und der Volksvertreter, in die Runde des Nachtgelichters und des Taggesindels. Die Staatsmänner verbuchten das Gold auf ihrem Konto. Der Abgeordnete Dörflich versteckte das Gold in einer Milchkanne. Der Abgeordnete Sedesaum ging mit dem Gold zu Bett und rief den Herrn an. Das Nachtgelichter und das Taggesindel beschimpfte Korodin mit gemeinen Worten. Überall auf den Mauerstümpfen, in hohlen Fenstern, auf der geborstenen Säule aus des Sängers Fluch saßen die gefräßigen heraldischen Tiere, hockten dumme aufgeplusterte mordgierige Wappenadler mit geröteten Schnäbeln, fette selbstzufriedene Schildlöwen mit blutverschmiertem Maul, züngelnde Greife mit dunkelfeuchten Klauen, ein Bär brummte drohend, Mecklenburgs Ochse sagte Muh, und SA marschierte, Totenkopfverbände paradierten, Fememordbataillone rückten mit klingendem Spiel an, Hakenkreuzbanner entfalteten sich aus moorverschmierten Hüllen, und Frost-Forestier, einen durchschossenen Stahlhelm auf dem Haupt, rief: »Die Toten an die Front!« Eine große Heerschau ereignete sich. Die Jugend zweier Weltkriege marschierte an Musäus vorbei, und Musäus nahm bleich die Parade ab. Die Mütter zweier Weltkriege zogen stumm an Musäus vorüber, und Musäus grüßte bleich ihren schwarzumflorten Zug. Die Staatsmänner zweier Weltkriege schritten mit Orden bedeckt zu Musäus hin, und Musäus unterschrieb bleich die Verträge, die sie ihm vorlegten. Die Generale zweier Weltkriege kamen mit Orden übersät im Stechschritt herbei; sie stellten sich vor Musäus auf, zogen ihre Säbel, salutierten und forderten Pensionen. Musäus gewährte bleich die Pensionen, und die Generale packten ihn, führten ihn auf den Schindanger und überlieferten ihn dem Henker. Dann kamen die Marxisten mit roten Fahnen gezogen. Sie schleppten schwer an einem Gipsbild des großen Hegel, und Hegel reckte sich und rief: »Die großen Individuen in ihren partikularen Zwecken sind die Verwirklichung des Substantiellen, welches der Wille des Weltgeistes ist.« Der ausgemergelte Dauerklavierspieler aus dem Nachtlokal spielte dazu die Internationale. Die dürftigen Schönheiten des anderen Nachtlokals tanzten die Carmagnole.“

Es ist dies ganz sicher eine politische Literatur, freilich mit guten ästhetischen Mitteln gewirkt, so scheint mir nach der kursorischen erneuten Lektüre. Über 35 Jahre ist das nun her, als ich diese Bücher las. Auch eine Art Jubiläum, und wir können sehen, schauen und zurückblicken, was alles in jenen Jahren geschah und daß jene Welt inzwischen eine ganz andere ist. Welcher Abstand dazwischen liegt und wie dicht wir damals in der alten BRD noch am Wirtschaftswunderland waren, gepaart nun mit dem sozialdemokratischen Wandel der 1970er Jahre. Jetzt kommt das Wirtschaftswunder//Jetzt kommt das Wirtschaftswunder//Jetzt gibt’s im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder//Jetzt kommt das Wirtschaftswunder//Jetzt kommt das Wirtschaftswunder//Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder//Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik//Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg.

Heute im Deutschlandfunk-Text heißt es:

„Die finanzielle Misere eines freien Schriftstellers prägt Koeppens Lebensgefühl. Dankbar nimmt er das Angebot an, für den Rundfunk Reisereportagen zu schreiben. Anläufe zu einem großen autobiografischen Roman jedoch werden nur bruchstückhaft in Zeitschriften veröffentlicht und verlaufen schließlich im Sand. Koeppen stirbt am 15. März 1996 im Alter von 89 Jahren. Dass die Tätigkeit eines Schriftstellers laut seinen eigenen Worten „ein Artikel des öffentlichen Schaugeschäfts“ geworden ist, hat ihn zusehends demotiviert: „Ich finde, dass das Schreiben, wie ich es betreibe, überhaupt kein Beruf ist!“

Was bleibt, sind seine fulminanten Texte.“

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Und schön ist diese Prosa auch deshalb, weil sie zu uns wie aus einer fremden und anderen Zeit herüberweht. Gleichsam als Andenken und Erinnern an unsere seltsame, deutsche Geschichte, die im Rückblick weit zurück liegt. Das Internet und das Digitale haben uns vieles näher gebracht und dennoch unseren Blick von Geschichte auf eine bestimmte Weise auch wieder entfernt, denke ich, eine Dauergegenwart der Kommunikation mit fehlender Besinnung, wenn man sich nicht vorsieht und zuweilen den Speed dort herausnimmt und die Geräte abstellt, und denke mir, daß Koeppen-Lektüre zur melancholischen Betrachtung einlädt: über Gewesenes. Ich bin von dieser Sprache angetan, angetaner als von vielem, was da in der Gegenwart an dem Markt der Identitätspolitik der bodentiefen Fenstern sich anscheißt. Nicht weil es um Politik geht, das tut es bei Koeppen nämlich auch, sondern weil das Politische ästhetisch oftmals so schlecht und schlicht bewältigt wird. Da liegt das Problem. Aber neue Formen des Ausdrucks zu finden ist schwierig. Koeppen konnte auf den Kanon der Klassischen Moderne rekurrieren, gerade nach der Zeit des Krieges und der Verbote jener Autoren. Und da kommt dann ein Ende zustande, wie es sich Kafka und Musil vielleicht nur gemeinsam hätten ersinnen können:

„In Beuel am jenseitigen Ufer strahlte aus einem Gewinde von Glühbirnen das Wort Rheinlust. Aus dem ländlichen Garten stieg eine Rakete auf, zerplatzte, fiel, ein sterbender Stern. Keetenheuve faßte das Brückengeländer, und wieder fühlte er das Beben des Steges. Es war ein Zittern im Stahl, es war, als ob der Stahl lebe und Keetenheuve ein Geheimnis verraten wolle, die Lehre des Prometheus, das Rätsel der Mechanik, die Weisheit der Schmiede – aber die Botschaft kam zu spät. Der Abgeordnete war gänzlich unnütz, er war sich selbst eine Last, und ein Sprung von dieser Brücke machte ihn frei.“

Was für ein Ende!

5 Gedanken zu „Jener 25. Todestag von Wolfgang Koeppen

  1. Ich stieß spät auf ihn (in der Schule gab es Böll) . Ende der 1980er lief in WDR3 eine Verfilmung von Koeppens „Treibhaus“. Zwischen einzelnen Szenen wurde Koeppen auch befragt, der stoisch enwortete. Später stellte ich fest, dass die Verfilmung kongenial zum Buch war (was selten ist). Keetenheuve ist der an der Politik und deren Zwängen gescheiterte Moralist, der lieber Gedichte übersetzt hätte und schließlich in den Rhein geht. (Der Roman hat die Wiederbewaffnungsdebatte zum Gegenstand.)

    Er zeigt heute, dass die Bonner Republik nachträglich auch nicht verklärt gehört. Schon damals griffen die Mechanismen, die man heute immer noch beklagt. Es war nur…biederer.

  2. Dies bringt es glaube ich ganz gut auf den Punkt – wobei ich mir diesen rheinischen Kapitalismus samt seinen teils fragwürdigen Mechanismen am Ende noch eher gefallen lasse als jenen verordneten Antifaschismus mit Stasiknast, bereits wenn man einen falschen Witz erzählt, auf der anderen Seite, wenn ich es deutsch-deutsch mir betrachte.

  3. Bei Breuel am jenseitigen Ufer musste ich kurz stutzen. Gegenüber von Bonn heißt es Beuel, da hat der Breughel von vorher reingewirkt, vermute ich mal.

    Leider habe ich von Koeppen noch überhaupt nichts gelesen.

  4. Wäre lustig, wenn es Breuel hieße, heißt es aber nicht. Das korrigiere ich gleich mal. (Da hat wohl in der Tat der Brueghel hineingewirkt.)

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