Herbstzeit, Bücherzeit – die Photochallenge (5): William Klein

Teil 5 der Serie: Ich zeige sieben Bücher, die sich in irgendeiner Weise mit Photographie beschäftigen und die mich prägten und faszinierten – seien das Bildbände oder aber Theoriebücher. Dies aber nicht stur sieben Tage hintereinander, sondern in loser Folge.

Das Herausgreifen bestimmter Photographen zur Buchauswahl ist immer ein Stück beliebig und eine Frage der Tagesform auch – was reizt oder interessiert einen gerade an Themen? William Klein gehörte für mich von früh an zu den prägenden Photographen, weil er in den 1950er Jahren einen neuen Stil in die Straßenphotographie brachte – nach den Klassikern Brassaï, Cartier-Bresson, André Kertész oder Walker Evans als dem New York-Photographen; und genauso kann man hier viele andere, weniger bekannte Photographen nennen – die viel zu spät entdeckte und erst in den letzten zehn Jahren zu Ruhm gekommene Vivian Maier etwa. Maier hat nichts mehr davon gehabt, da sie 2009 verstarb. Eine der ungewöhnlichsten und spannendsten Photographen. Über Vivian Maier wäre noch gesondert zu schreiben. Und dies nicht nur deshalb, weil ihr seltsames Leben zur Legendenbildung beitrug, sondern weil da jemand die Stadt, New York in den 1960er Jahren und später dann für die 1990er Chicago, genau beobachtete und ins Bild brachte.)

Von jenen Klassikern der Photographie setzte Klein sich ab, indem er Schnelligkeit und einen Alltag ins Bild brachte, den man glaubte, so noch nicht gesehen zu haben. Was Klein schaffte und was mich faszinierte: er brachte den Rhythmus, die Hektik, die Lautstärke, den Sound des New Yorks der 1950er Jahre ins Bild, und zwar durch die Auswahl ungewöhnlicher Bildausschnitte, durch die Bewegung im Bild, indem bewußt Unschärfen und die Grobkörnigkeit der hochempfindlichen Filme eingesetzt wurden. Nah, sehr nah herangehen, war Kleins Motto. Und da beherzigte er den Spruch des Kriegsphotographen Robert Capa: Ist das Photo schlecht, bist du zu weit weg gewesen!

Also: in die Menge nie mit dem Tele photographieren, sondern mit dem 28 mm Weitwinkel, in der Menge und aus der Menge heraus und gleiches gilt für die unbelebte Stadt, wenn da keine Menschen sind. Nur mit dem Weitwinkel zu arbeiten, war lange Zeit auch meine Devise. Ich habe selten das 50 mm-Normalobjektiv benutzt und auch ein 35 mm-Weitwinkel war mir noch zu sehr am normalen menschlichen Blick dran.

Da sieht man vier Frauen an einem Tisch in einem New Yorker Diner sitzen, im Hintergrund am Tresen ein Mann mit einem Trenchcoat, der dem Betrachter den Rücken zukehrt dazu auf dem Tresen unscharf und eher als Schemen zu sehen Utensilien wie Zuckerstreuer, eine Kuchenvitrine, ein Serviettenhalter. Die Szenerie dunkel und kontrastreich gehalten, von vorne frontal durch die Fensterscheibe photographiert. Insignien des amerikanischen Lebens: eine Coca Cola-Werbung an der Scheibe und eine Werbung für die Zigarettenmarke „Tareyton“, die ausgestreckte Finger zweier Hände halte je eine Zigarette, und gleichzeitig halten Daumen und Zeigefinger die Zigarettenschachtel – eine seltsame Anordnung von Fingern und ein befremdliches Geknäuel. Dazu ein Schneemann, der das in der Werbung gezeigte Coca Cola-Glas schiebt. Drei der jungen Frauen schauen skeptisch und auch irritiert in die Kamera. Sie wurden vermutlich durch das aufdringliche Objektiv des Photographen überrascht. Eine Alltagsszene mit Interieur.

Doch nicht nur das. Genauso geht Klein ganz nah an die Gesichter der Menschen heran. Die ersten Bilder in diesem Band, das ist nicht die Stadt selbst, die Klein da in Szene setzt – etwa wie Woody Allen es herrlich in seinem Film „Manhattan“ macht, sondern es sind ihre Bewohner, die Menschen, die in New York leben. Vielfach photographiert Klein jene, die im Abseits stehen, Unterschicht, Slumbewohner, Negerkinder, Latinos, aber genauso die Welt der kleinbürgerlichen WASPs: White Anglo-Saxon Protestant. Der Band selbst ist in Kapitel eingeteilt, die verschiedene Szenen vergegenwärtigen. Dieses New York der 1950er Jahre wird in Kleins wilden und schönen und zugleich harten, kontrastreich abgezogenen Photographien lebendig erst durch die unterschiedlichen Menschen. Vor allem immer wieder, im 5. Kapitel des Buches: Kinder, die mit Pistolen spielen. In einer der Photographien richtet Kind die Waffe genau auf den Photographen, als Spiel oder ganz im Ernst, der Spielzeugrevolver ganz unscharf und auch der Junge noch und das Mädchen da hinter dem Jungen, das den Mund aufreißt sind unscharf gehalten. Fronal blickt der Betrachter wie auch die Kamera in die Mündung des Revolvers. Die Augen des Jungen sind zugekniffen. [Die Photographie ist z.B hier zu sehen.]

New York ist die Stadt der Verbrechen, und so photographiert Klein im selben Kapitel zugleich einen Stapel Zeitungen, die täglich am Kiosk ausliegen. Immer wieder ist der linke Ausschnitt einer Zeitungsphotographie zu sehen. bei der letzten Zeitung dann ganz rechts das vollständige Photo, auf dem sechs Polizisten eine Leiche die Treppen hinuntertragen. Die Zeitung gibt es für vier Cent. Sie heißt irgend etwas mit „Daily“. Klein kann New York deshalb derart gelungen in Photographien einfangen, weil er seinen Blick auf solche Details und aufs Besondere richtet. Und wenn einmal doch irgendwelche Sehenswürdigkeiten gezeigt werden, dann sind sie versetzt mit dem Alltag der Menschen. So wie im Bild untern jene Fahrt mit der Fähre.

William Klein zumindest, der auch Modephotographie machte und ebenfalls feine Bilder von Paris und Rom, prägte für die Photographie einen neuen Stil. Bahnbrechend dabei sein New-York-Buch. Solche Photographien wirken nicht als Reportage in einem Magazin, sondern rein als Bildband. Es bedarf in meinen Augen dazu keines weiteren Textes. Diese Photos erzählen für sich genommen die Geschichte dieser Stadt in diesen Jahren.

Zuletzt war vor ein paar Jahren im c/o Berlin eine Ausstellung mit Bildern von Klein zu sehen, die einen Eindruck über sein Werk verschaffte. Wer aber einen guten Überblick über diese besondere Art von Photographie gewinnen will, schaue sich die Bilder von William Klein aus jenem New-York-Band an. Es ist Bewegung, es ist Härte und es ist Schönheit, die wir da in diesen Bildern finden. Photographien, die die Geschichte dieser Stadt erzählen. Als Ausschnitt, als Short Cut.