Chemnitz – Europäische Kulturhauptstadt 2025

Nun soll also Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt werden – nicht Hannover. Und auch nicht Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg. Man sagt, das beste an Hannover sei der Flughafen. Weil man dann schnell weg wäre. Ich kenne Hannover zu wenig. Ich war im Jahr 1994 einmal dort, bei einem Ästhetikkongreß mit dem Titel Ästhetik und Naturerfahrung, wo unter anderem Herbert Schnädelbach, Josef Früchtl und Karl Heinz Bohrer Vorträge hielten. Beim Bohrervortrag gerieten Bohrer und Bazon Brock in der Diskussion schwer aneinander und Brock baute sich vor Bohrer auf, so daß wir dachten, der Hüne Brock, würde gleich das Katheder umschmeißen, hinter dem Bohrer stand. Es gibt Menschen, die sagen, es fänden sich in Hannover schöne Ecken. Ich glaube soetwas gerne, zumal man auch bei Städten, die auf den ersten Spaziergang nicht besonders spektakulär oder ansprechend erscheinen, dennoch Spannendes, Interessantes und eben auch Besonderes entdecken kann. Interessant bei solchen Flaniertouren ist vor allem jener erste Eindruck, der erste Blick und wenn man den dann beim Spazieren und Schauen und Photographieren vertieft.

Chemnitz, die alte deutsche Industriestadt, in der DDR Karl-Marx-Stadt geheißen  – das ist eine seltsame Stadt. Hoch aufragend und von überall, schon bei der Anfahrt auf Chemnitz gut sichtbar ist jener Schornstein, er ist Blickmarke und Blickfang, den man von fast jedem Punkt aus sieht. Er begrüßt den, der mit dem Auto einreist genauso wie einen Bahnfahrer. Wer durch die Stadt spaziert, kann sich, sofern er sich als städtischer Wanderer verrennt, gut an diesem Haltepunkt orientieren. Selbst nachts noch strahlt der Industrieschornstein in bunten Farben. Eine feine Idee, ihn mit Licht zu verzieren, ein dezentes (Marken)Zeichen.

Chemnitz ist eine sich zunächst verschließende Stadt, sie empfängt einen nicht mit freundlichen Gebäuden und nettem Charme des Spätmittelalters oder mit Gründerzeitgeist wie Leipzig; und sie ist eine auf den ersten Blick unvertraute Stadt. Heimisch, willkommen oder behaglich fühlte ich mich darin beim ersten Besuch nicht. Was zunächst einmal nicht wertend gemeint ist. Mit ihr werde ich nicht einmal auf den zweiten Blick warm. Wir bleiben einander unvertraut. Breite unwirtliche Ausfallstraßen, die kaum zum Spazieren einladen. Der Autolärm stört – und dies schreibe ich sogar und bekenne es als Freund des Autos. Im Zentrum zerstört und mit Funktionsbauten versehen, teils wunderbare DDR-Architektur allerdings, die das Herz jedes Architekturfreundes höher und höher schlagen läßt, jedoch im Shopping-Mall-Bereich teils schreckliche Nachwende-Investorpassagen der Billigvariante, um darin seinen Einkauf zu tätigen. Aber an den Rändern finden sich wunderbare Gründerzeitbauten, auch Jugendstil ist zu sehen: das Spazieren durchs Kaßberg-Viertel ist Augenweide und Freude. Und je genauer man schaut, desto interessanter wird es.

Auch gibt es in Chemnitz viel Kunst. Die Kunstsammlungen Chemnitz, die Ingrid Mössinger zum veritablen Hotspot auftat, insbesondere auch für die große Kunst der DDR, aber ohne Brimborium und keine Eventbude. Ebenso ist die Gunzenhausener Sammlung (Museum Gunzenhausen)  unbedingt zu besuchen. Recht unbekannte Werke von Otto Dix aus der inneren Immigration während des Dritten Reiches gibt es da zu betrachten, still-unheimliche Landschaften, kalt, fremd und menschenleer, und eine Vielzahl Alexej-Jawlensky-Bilder. Einen Jawlensky,  wie ich ihn bisher nicht kannte. Allein für dieses schöne Museum lohnt ein Besuch – gerade auch weil man hier jene Bilder der Heroen Klassischer Moderne betrachten kann, die nicht so sattsam bekannt und überbekannt sind.

Viele Museen also, zum Beispiel auch das Sächsische Industriemuseum Chemnitz, darin Maschinen, Stoffe, Webstühle, eine Lokomotive. Und entspannte Menschen bewohnen diese Stadt. Seltsam unaufgeregt sind sie, ein feiner freundlicher sächsischer Dialekt. Weich klingt er, ich mag das. Diese Entspanntheit findet man zwar auch in Dresden, doch anders. Und es blitzt in Dresden immer einmal wieder der Bürgerstolz durch: kunstsinnig wähnt man sich, Regierungshauptstadt, da in Dresden, wo man abgekapselt in der Neustadt sich entweder ein linkes Refugium baute oder sich auf der anderen Seite der Elbe was aufs Elbflorenz einbildet oder im feinen Weißen Hirsch oder in Loschwitz als Bürger besorgt oder aus anderen Stadtteilen heraus sogar zornig ist – man weiß nicht weshalb. Dresden ist trotz aller Zerstörung immer noch prächtig. Daß die Stadt an einem breiten Fluß liegt, macht ihren Charakter aus. Anders auch als das unbeschwerte und künstlerische Leipzig, mit seinem verfallenen Charme, der Kunst, der Literatur und dem Kaufmannsgeist im Zentrum der Stadt mit den Höfen am Brühl oder dem weiten Marktplatz, gleich daneben das herrliche Steigenberger Hotel mit einer der besten Cocktailbars der Stadt.

Eine Anatomie dieser drei Städte wäre zu schreiben. Obwohl sie nahe beieinander liegen, sind sie ganz unterschiedlich geprägt. Auf ihre Weise mag ich sie alle drei. Chemnitz braucht Zeit – zum ersten Mal war ich dort 2013, aus den dunklen Wäldern des Erzgebirges für eine Tagestour einreisend. Aber vielleicht findet sich solcher Unterschied oft bei Städten, die nahe beieinander liegen und ähnlich von der Region her und dann doch wieder ganz und gar anders sind. Hamburg und Bremen, Leipzig und Halle. Wie es im Ruhrpott mit den Differenzen funktioniert, weiß ich nicht. Bochum und Essen, Gelsenkirchen und Duisburg erschienen mir einerseits ähnlich – auch von der Mentalität der Menschen her. Es prägte die Arbeit diese Region, Ausnahmen bilden allerdings dann Orte wie Kettwig, Hattingen, der Baldeneysee oder die Villa Hügel. Diese Ähnlichkeit konnte ich für die Sachsenregion so nicht feststellen. Die Differenzen zwischen Chemnitz, Leipzig, Dresden sind immens, und dazwischen liegt eine traumhaft schöne Landschaft. Egal wie: zum Photographieren und Dokumentieren eignet sich im Grunde jede Stadt der Welt, selbst das bedrohlich-häßliche Charleroi in Belgien.

Auf alle Fälle freue ich mich für die alte Industriestadt Chemnitz über diesen Titel. Kultur zumindest gibt es dort bereits genug.

[Überarbeiteter Text von 2018; ebenfalls waren einige der Photographien bereits im Jahr 2018 hier im Blog erschienen.]

2 Gedanken zu „Chemnitz – Europäische Kulturhauptstadt 2025

  1. Bitte diesen Text in fünf Jahren einfach noch einmal posten. Er dürfte das Beste sein, was dieses „Kulturhauptstadt“-Event hervorgebracht hat.

    Nicht auszudenken, was man mit dem Geld für diesen Quatsch für die Kultur wirklich machen könnte, z. B. Bibliotheken besser ausstatten oder mehr für Kultutbildung an den Schulen tun. Aber nein, man eventisiert lieber für ein Jahr einen Ort (bzw. neuerdings zwei), damit die Happy Few der Kulturschickeria sich am Ende für was auch immer auf die Schulter klopfen können.

  2. Diese Befürchtung habe ich leider auch. Es wird irgendein Krams gemacht. Gesellschaft des Spektakels. Freuen tut es mich allenfalls für die Tourismusbranche und damit eben auch für Lokale, Bars, Speisewirtschaften. Da liegt noch der beste Effekt. Insofern sehe ich diese Kulturhauptstädte auch eher als eine neue Form von Stadtmarketing. Chemnitz sei es gegönnt.

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