Monika Maron und der ehemals renommierte Fischer Verlag

Im Grunde müßte man sagen: macht ihr Maron, ich mache mir Maronen, ich esse bereits Dominosteine, und morgen wird eh der nächste Autor, die nächste Künstlerin abgesägt, gecancelt oder aber irgendwie mittels Kontaktschuld angegangen. Es ist sinnlos und es wird das nicht aufhören. Im großen wie im kleinen.

Wie ich bereits am Sonntag in einem Interview der „Welt“ las, kündigte der S. Fischer Verlag Monika Maron nach 40 Jahren die weitere Zusammenarbeit auf. Mit einer eher schmallippigen Begründung, am Telefon durch den Lektor. Sofern das stimmt, sofern kein Brief geschrieben wurde, keine Gespräche erfolgten, ist dies stillos, unwürdig und peinlich. Zumal bei einer Autorin, die nicht erst seit gestern in diesem Verlag veröffentlichte und mit prominenten Romanen wie Flugasche, Animal triste, Pawels Briefe, Endmoränen, Bitterfelder Briefe und Munin oder Chaos im Kopf einiges zum Verlagsruhm beitrug. Verlage sollten von unterschiedlichen Stimmen leben, auch von unterschiedlichen Spektren.

Aber solche Vielfalt scheint man beim Fischer Verlag wohl nicht weiter auszuhalten. Diejenigen, die bei jedem Anlaß „Pluralität, Vielfalt, Diversität!“ rufen, und dies mit dem Brustton tief geheuchelter Überzeugung, sofern damit die eigene Meinung gemeint ist, sind selbst bei einfachsten Übungen dazu nicht in der Lage, genau das zu praktizieren. Ein Verlag, der sowas nicht aushalten kann, ist in meinen Augen im Sumpf des Kleingeistes angelangt.  Ich hoffe, jene Verantwortlichen bei Fischer rutschen irgendwann auf ihrer eignen Schmierspur an den Zeitgeist aus. Aber ich höre jetzt schon die „Argumente“ jener Twitter-Facebook-Literaturbubble: Ja, das ist aber bei einem privaten Verlag auch sein gutes Recht. Mal sehen, ob dieser süffisant-hämische Hinweis dann auch noch gilt, wenn, Gott möge es verhüten, irgendwann Hans-Thomas Tillschneider und Marc Jongen bestimmten Theatern oder Autoren und Literaturpreisen den Geldhahn zudrehen – wobei dafür nicht einmal die AfD nötig ist: es reicht bereits eine deutlich konservativere Kulturpolitik und bei den Literaturpreisen das Motto: Jeder Autor sei sein eigener Ernährer. Aber dann wird vermutlich wieder das eingefordert, was Adorno/Horkheimer einmal „einseitige Solidarität“ nannten. Auch wenn dieses Beispiel „Kulturförderung“ und „Theater“ nicht eins zu eins übertragbar ist auf den Fischer Verlag, mit seiner Entscheidung, keine neuen Bücher mehr mit Maron zu machen, so geht es doch um eine Solidarität, die man vielleicht auch einmal für solche Leute entwickeln könnte, die nicht auf einer politischen Linie liegen. Das könnte sogar einmal für jemanden wie Max Czollek gelten, der auf genau solche breite Solidarität angewiesen ist, und zwar auch von solchen Leuten aus anderen Lagern, damit es eine breite Gruppe ist und nicht immer nur die übellichen Verdächtigen aus Kumpelhausen.

Und wer in solchem Falle  mit der Vertragsfreiheit aufschlägt: Wenn, wie hier in Berlin geschehen, die Buchhandlung Kisch & Co. aus ihren Räumen muß, weil ihr Mietvertrag ausläuft und der Vermieter nur zu einer höheren Miete verlängern will: dann ist auch das Vertragsfreiheit, solange dem Vermieter Gerichte recht geben. Gewerbemietverträge sind ohne die Angabe von Gründen kündbar: und dann hat der Mieter nach sechs Wochen auszuziehen, es sei denn es wurde ein Zeitvertrag geschlossen. So sind die Gesetze, und das alles ist rechtens – für alle die, die beim Fischer-Verlag mit der Vertragsfreiheit kommen. Aber ob es auch anständig und richtig  ist: Das steht dabei auf einem anderen Blatt. Soviel zur Solidarität, die ansonsten gerne eingefordert wird. 

Hintergrund dieses Cancelns ist vermutlich unter anderem Marons Veröffentlichung Krumme Gestalten, vom Wind gebissen, Essays aus drei Jahrzehnten, das in der Edition BuchHaus Loschwitz (Dresden 2020) der Buchhändlerin Susanne Dagen erschien. Maron ist mit Dagen befreundet. Dagen ist in einer bestimmten Öffentlichkeit nicht wohl gelitten, weil sie inzwischen Kontakte in rechtskonservative Kreise pflegt. Aber wie es im Leben so ist: Manche Freundschaft hält, auch wenn politisch in manchen Punkten Differenzen sind. Und das ist auch gut so. Ich bin mit dem Menschen und nicht mit dem Funktionsträger befreundet und in einer Freundschaft kann man zwar gemeinsam „Sag mir, wo du stehst“ von Oktoberclub singen, aber es sollte nicht das Motto einer Freundschaft sein. Und Freundschaft kann auch mal bedeuten, jemandem einen Gefallen zu tun, den man eigentlich und vielleicht gar nicht tun möchte. Ja, das Leben ist in der Tat bunt: bunter als unsere Woken-Identitären es sich vorstellen können

Die dabei immer wieder verbreitete Behauptung, daß die Bücher der Exil-Reihe über den Antaios-Verlag vertrieben werden, ist in dieser Form nicht richtig. Oder man muß dann dazu sagen, daß auch Rainer Stach und seine Kafka-Bücher bei Fischer über Antaios vertrieben werden. Und das ist deshalb so, weil Antaios nicht nur ein Verlag, sondern auch eine Verlagsauslieferung ist. Und insofern kann man bei Antaios sämtliche lieferbaren Bücher bestellen – auch solche von Gregor Gysi 

Und nochmal für alle, die nicht vom Fach sind und weil von vielen immer wieder die Behauptung in die Welt gesetzt wird, daß die Edition BuchHaus Loschwitz über Götz Kubitschek bzw. Antaios ihre Bücher vertreiben lassen: Es gibt Verlage, die verlegen nicht nur Bücher, sondern sie vertreiben auch Bücher anderer Verlage, weil ihnen eine Verlagsauslieferung angeschlossen ist. Sie sind also nicht nur Verlag für eigene Bücher, sondern auch Vertrieb für andere Bücher von anderen Verlagen. Und dagegen kann ein Verlag auch nichts ausrichten, wenn Antaios diese Bücher z.B. über den Grossisten bezieht oder über eine eigene Firma, die Verlagsauslieferung macht, vertreibt. Und damit können sie von einem Buch von Inge Viett, von Bommi Baumann, von Harald Schmidt, Max Czollek (meine Kritik zu seinem Buch „Desintegriert euch!“ findet sich hier) bis hin zu Monika Maron und Thomas Mann alles an Bücher liefern.

Wird jetzt eigentlich auch Rainer Stach bei Fischer gecancelt, weil er bei Antaios gelistet ist? (Und noch einmal zum Mitschreiben: Marons Buch erscheint in der Edition Buchhaus Loschwitz in der Exil-Reihe und NICHT BEI ANTAIOS)

 

Und Skandal, Skandal im Speerbezirk der spartanischen Phalanx, nein im Sperrbezirk der ordnungsliebenden linksidentitären Anständigkeit: auch Max Czollek wird über Antaios vertrieben. Wer? Ja, genau, jener anständige Max.  Na, wer jetzt keine warmen Kleider hat, der wird lange frieren und der muß sich nun warm anziehen und warm wird es nimmermehr, selbst dann nicht, wenn man sich aus der Requisitenkammer des Gorki Theaters bediente. Max, Max! „In den See, in den See mit ihm!“ (Wer wars, wer schriebs, wer sagte es?) Man ist eben nie woke genug. Forscht man und stochert, so kann es halt jeden in der Hermetik und Hermeneutik des Verdachts treffen. Und wenn man nichts findet, streut man halt noch ein kleines Gerücht: „Guck mal, das sind die Autoren, die mit Rechten reden wollen!“ (Zur Versicherung: nein, das wollen sie nicht und das steht da auch nirgends in dem Buch „Mit Rechten reden“. Und dieser Titel ist auch kein Imperativ, sonst stünde da ein Ausrufezeichen. Soviel zu Deutung und Sprache.)

„Ja, ich habe Angst vor dem reaktionären, frauenfeindlichen, nach weltlicher Macht strebenden und in unseren Alltag drängenden Islam“, so soll sich Maron, laut einem Artikel in der „Süddeutschen“ seinerzeit in der NZZ geäußert haben. Was an diesem Satz falsch ist, erschließt sich mit nicht, solange im Kontext dieses Satzes es nicht DER Islam ist. Und es ist zudem ein Interview. Und nein: man muß gar nicht mit allem von Maron übereinstimmen – ich tue es in vielen Aspekten, aber nicht in allen: ihre Aussagen zum Heldentum und zum Thema Gender halte ich in einigen Teilen für richtig, und die letzten Interviews mit ihr, in der Berliner Zeitung und auch ihre Aussagen in der Reportage in der ZEIT mit Moritz von Uslar, habe ich gerne gelesen und teils still gelächelt und teils vergnügt gelacht. Wer also mehr über die kluge Monika Maron erfahren will, der lese diese Texte. Sie ist alles mögliche: sie ist wütend, sie ist eigensinnig – das, was man doch sonst immer von den Schriftstellern erwartet: aber oh, ich vergaß: auch nur, wenn es der Eigensinn des eigenen Milieus und der eigenen Blasenwelt ist, an dem man sich dann sein Mütchen wärmt und vorglühen geht.

Klar, kann man dies alles so machen, wie es Fischer tut, es steht in der Freiheit eines Verlages. Kann man am Ende nichts dagegen sagen. Es ist die Entscheidung des Verlages. Um so trauriger, daß man es erst durch andere Medien erfahren muß. Und daß der Verlag nicht dazu in der Lage ist, diesen Ausschluß angemessen zu kommunizieren und zu kommentieren und genau diesen Spekulationen ein Ende zu setzen. Schon das ist ein PR-Desaster, wofür eigentlich ein paar Köpfe in der Verlagsleitung rollen müßten.

Und was nun die politischen Positionen betrifft: Allerdings zeichnet sich ein Verlag – ein großer zumal, Fischer ist ja nicht Turia + Kant und nicht Merve – eben auch dadurch aus, daß bei ihm unterschiedlich Denkende und Schreibende ihre Bücher publizieren können und sollen: man sehe auf Suhrkamp, wo so unterschiedliche politische Temperamente wie Luhmann und Habermas, Sloterdijk und Honneth ihre Heimat haben und wo neben Tellkamp auch ein Dietmar Dath veröffentlicht und neben Hermann Hesse ein Samuel Beckett und und und. Das lief einstmals unter dem Namen „Suhrkamp-Kultur“. Ob solcher Rausschmiß klug ist? Wohl kaum. Und vor allem: die die das jetzt noch gutheißen, können sich eines überlegen: Man ist nie woke genug. Treffen kann das einen jederzeit selbst. Aber wie man sieht, reichen bereits kleinere Vergehen aus. Bestrafe einen, erziehe hunderte Jungautoren!