Chemnitz – Europäische Kulturhauptstadt 2025

Nun soll also Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt werden – nicht Hannover. Und auch nicht Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg. Man sagt, das beste an Hannover sei der Flughafen. Weil man dann schnell weg wäre. Ich kenne Hannover zu wenig. Ich war im Jahr 1994 einmal dort, bei einem Ästhetikkongreß mit dem Titel Ästhetik und Naturerfahrung, wo unter anderem Herbert Schnädelbach, Josef Früchtl und Karl Heinz Bohrer Vorträge hielten. Beim Bohrervortrag gerieten Bohrer und Bazon Brock in der Diskussion schwer aneinander und Brock baute sich vor Bohrer auf, so daß wir dachten, der Hüne Brock, würde gleich das Katheder umschmeißen, hinter dem Bohrer stand. Es gibt Menschen, die sagen, es fänden sich in Hannover schöne Ecken. Ich glaube soetwas gerne, zumal man auch bei Städten, die auf den ersten Spaziergang nicht besonders spektakulär oder ansprechend erscheinen, dennoch Spannendes, Interessantes und eben auch Besonderes entdecken kann. Interessant bei solchen Flaniertouren ist vor allem jener erste Eindruck, der erste Blick und wenn man den dann beim Spazieren und Schauen und Photographieren vertieft.

Chemnitz, die alte deutsche Industriestadt, in der DDR Karl-Marx-Stadt geheißen  – das ist eine seltsame Stadt. Hoch aufragend und von überall, schon bei der Anfahrt auf Chemnitz gut sichtbar ist jener Schornstein, er ist Blickmarke und Blickfang, den man von fast jedem Punkt aus sieht. Er begrüßt den, der mit dem Auto einreist genauso wie einen Bahnfahrer. Wer durch die Stadt spaziert, kann sich, sofern er sich als städtischer Wanderer verrennt, gut an diesem Haltepunkt orientieren. Selbst nachts noch strahlt der Industrieschornstein in bunten Farben. Eine feine Idee, ihn mit Licht zu verzieren, ein dezentes (Marken)Zeichen.

Chemnitz ist eine sich zunächst verschließende Stadt, sie empfängt einen nicht mit freundlichen Gebäuden und nettem Charme des Spätmittelalters oder mit Gründerzeitgeist wie Leipzig; und sie ist eine auf den ersten Blick unvertraute Stadt. Heimisch, willkommen oder behaglich fühlte ich mich darin beim ersten Besuch nicht. Was zunächst einmal nicht wertend gemeint ist. Mit ihr werde ich nicht einmal auf den zweiten Blick warm. Wir bleiben einander unvertraut. Breite unwirtliche Ausfallstraßen, die kaum zum Spazieren einladen. Der Autolärm stört – und dies schreibe ich sogar und bekenne es als Freund des Autos. Im Zentrum zerstört und mit Funktionsbauten versehen, teils wunderbare DDR-Architektur allerdings, die das Herz jedes Architekturfreundes höher und höher schlagen läßt, jedoch im Shopping-Mall-Bereich teils schreckliche Nachwende-Investorpassagen der Billigvariante, um darin seinen Einkauf zu tätigen. Aber an den Rändern finden sich wunderbare Gründerzeitbauten, auch Jugendstil ist zu sehen: das Spazieren durchs Kaßberg-Viertel ist Augenweide und Freude. Und je genauer man schaut, desto interessanter wird es.

Auch gibt es in Chemnitz viel Kunst. Die Kunstsammlungen Chemnitz, die Ingrid Mössinger zum veritablen Hotspot auftat, insbesondere auch für die große Kunst der DDR, aber ohne Brimborium und keine Eventbude. Ebenso ist die Gunzenhausener Sammlung (Museum Gunzenhausen)  unbedingt zu besuchen. Recht unbekannte Werke von Otto Dix aus der inneren Immigration während des Dritten Reiches gibt es da zu betrachten, still-unheimliche Landschaften, kalt, fremd und menschenleer, und eine Vielzahl Alexej-Jawlensky-Bilder. Einen Jawlensky,  wie ich ihn bisher nicht kannte. Allein für dieses schöne Museum lohnt ein Besuch – gerade auch weil man hier jene Bilder der Heroen Klassischer Moderne betrachten kann, die nicht so sattsam bekannt und überbekannt sind.

Viele Museen also, zum Beispiel auch das Sächsische Industriemuseum Chemnitz, darin Maschinen, Stoffe, Webstühle, eine Lokomotive. Und entspannte Menschen bewohnen diese Stadt. Seltsam unaufgeregt sind sie, ein feiner freundlicher sächsischer Dialekt. Weich klingt er, ich mag das. Diese Entspanntheit findet man zwar auch in Dresden, doch anders. Und es blitzt in Dresden immer einmal wieder der Bürgerstolz durch: kunstsinnig wähnt man sich, Regierungshauptstadt, da in Dresden, wo man abgekapselt in der Neustadt sich entweder ein linkes Refugium baute oder sich auf der anderen Seite der Elbe was aufs Elbflorenz einbildet oder im feinen Weißen Hirsch oder in Loschwitz als Bürger besorgt oder aus anderen Stadtteilen heraus sogar zornig ist – man weiß nicht weshalb. Dresden ist trotz aller Zerstörung immer noch prächtig. Daß die Stadt an einem breiten Fluß liegt, macht ihren Charakter aus. Anders auch als das unbeschwerte und künstlerische Leipzig, mit seinem verfallenen Charme, der Kunst, der Literatur und dem Kaufmannsgeist im Zentrum der Stadt mit den Höfen am Brühl oder dem weiten Marktplatz, gleich daneben das herrliche Steigenberger Hotel mit einer der besten Cocktailbars der Stadt.

Eine Anatomie dieser drei Städte wäre zu schreiben. Obwohl sie nahe beieinander liegen, sind sie ganz unterschiedlich geprägt. Auf ihre Weise mag ich sie alle drei. Chemnitz braucht Zeit – zum ersten Mal war ich dort 2013, aus den dunklen Wäldern des Erzgebirges für eine Tagestour einreisend. Aber vielleicht findet sich solcher Unterschied oft bei Städten, die nahe beieinander liegen und ähnlich von der Region her und dann doch wieder ganz und gar anders sind. Hamburg und Bremen, Leipzig und Halle. Wie es im Ruhrpott mit den Differenzen funktioniert, weiß ich nicht. Bochum und Essen, Gelsenkirchen und Duisburg erschienen mir einerseits ähnlich – auch von der Mentalität der Menschen her. Es prägte die Arbeit diese Region, Ausnahmen bilden allerdings dann Orte wie Kettwig, Hattingen, der Baldeneysee oder die Villa Hügel. Diese Ähnlichkeit konnte ich für die Sachsenregion so nicht feststellen. Die Differenzen zwischen Chemnitz, Leipzig, Dresden sind immens, und dazwischen liegt eine traumhaft schöne Landschaft. Egal wie: zum Photographieren und Dokumentieren eignet sich im Grunde jede Stadt der Welt, selbst das bedrohlich-häßliche Charleroi in Belgien.

Auf alle Fälle freue ich mich für die alte Industriestadt Chemnitz über diesen Titel. Kultur zumindest gibt es dort bereits genug.

[Überarbeiteter Text von 2018; ebenfalls waren einige der Photographien bereits im Jahr 2018 hier im Blog erschienen.]

Beim Bart des Polit-Propheten

 

Ich gehöre zu den Männern, die es lieber mögen, wenn Frauen reizende Wäsche tragen statt nacktes Nichts. Weißen Stoff oder lila, grau, rot oder petrolfarben, auch schwarz ist ok, am liebsten aber weiß. Fetischcharakter nicht nur der Waren. Auch Religion sollte den Fetisch der schönen Wäsche und der Wunden bieten. Und ist das überhaupt Erdogan, da auf dem Bild? Ist das nicht der gealterte und verkommene Hitler im Orientpuff nach dem Endsieg, der sich gehen läßt? Wer weiß das schon? Ich erinnere mich an alte Titanic-Zeiten: Papst, Kohl und FJS – Gott hab ihn selig! – mußten in der Titanic damals mehr aushalten und härtere Kost ertragen als das da. Also schleicht euch!

Niemand muß das gut finden. Aber es gehört dies zur Satire. Auch wenn es provokant und manchmal auch schlicht und dumm ist. Die Provokation der Satire wird dazu führen, daß der orientalische Despot am Bosporus sich provoziert fühlt; und das wird wiederum dazu führen, daß die andere Seite reagiert. Aufschaukelnde Spiele, die morgen verraucht wieder sind, damit neue Spiele und neues Geplänkel folgt. Böse Zungen nennen das die Gesellschaft des Spektakels. Aber es ist dies eben die Gesellschaft, und Satire darf, auch wenn es nicht schön ist, unmöglich sein: unmöglich frech und unmöglich provokant. Und in dieser Frechheit doch wieder gut, weil derart zuspitzend, daß in diesem Bild all die Doppelmoral eines Politikers sichtbar wird.

Wie dem auch sei: die Zeichner bei Charlie Hebdo sind gut! Sie habe einen coolen Strich. Gut gefallen mir auch die drei Punkte auf dem Weiberarsch, die mit denen auf des  Polit-Propheten Körper korrespondieren  und doch ganz anders sind. Doch wer diese Magazin kennt – ich kenne es seit den 1980ern, noch als sie französische Atomtest verspotteten und böse bebilderten – weiß, das sie in alle Richtungen austeilen und keilen. Nicht anders als die Titanic damals, die sich das heute nicht mehr traut, sondern Geschichtchen und lauen Schabernack für die eigene Gemeinde produziert.

Damals aber: Papst-Titelbilder, über die Linke und auch mancher Liberale seinerzeit lachten. So z.B. das nebenstehende Titelblatt, als der Papst 1980 nach Deutschland reiste. (Und ich gehe davon aus, daß die alte Crew der Titanic aus den 1980ern heute keine Berührungsängste in bezug auf den Islam und auch den politischen Islam hätte, wie er von Erdogan instrumentalisiert wird, und scharf schösse wie Charlie Hebdo.) Mit Pech gab es lediglich auf die Fresse. Das ist heute anders. Heute ist die Sache ernster. Satire kostet wieder. Gegebenenfalls auch das Leben. Immerhin sind in der Titanic-Redaktion damals zu diesem Bild keine bewaffneten katholischen Killer erschienen.

Herbstzeit, Bücherzeit – die Photochallenge (3)

Teil 3 der Serie: Ich zeige sieben Bücher, die sich in irgendeiner Weise mit Photographie beschäftigen und die mich prägten und faszinierten – seien das Bildbände oder aber Theoriebücher. Dies aber nicht stur sieben Tage hintereinander, sondern in loser Folge.
[Hier geht es zu Teil 1 (Time-Life-Bücher) und zu Teil 2 (Helmut Newton)]

Wer sich mit Photographie beschäftigt, sei es als Betrachter von Photos oder in der Praxis, wer photographiert, eigenen Bilder zeigt, Photos von anderen intensiver betrachtet und sich dazu Gedanken macht, wird am Ende auch um die Theorie der Photographie nicht herumkommen – allein deshalb, weil einem die eigenen Gedanken nicht mehr genügen und der Betrachter sich seine Perspektiven erweitern möchte. Solche Theorie beginnt basal bereits in der Dunkelkammer, über den Weg der Technik und des Wissens ums Machen, wenn der Jüngling oder das Girlie anfängt die eigenen Filme und die eigenen Bilder zu entwickeln. Man muß wissen, was man da mit der Chemie, im Entwicklerbad und am Vergrößerer tut und wie das geht – auch rein technisch. Was ist ein Negativfilm und wie funktioniert er? Was ist Photopapier, was ist eine Photographie und wie entsteht sie – physikalisch wie auch technisch? Und ähnliches gilt fürs Photographieren selbst, die ich in der Dunkelkammer abziehe, nicht nur die Seele in der Silberschicht, sondern die krude Chemie darin: wie lange belichte ich, welches Papier wähle ich, welchen Härtegrad? und so haben vermutlich Millionen von Menschen Ansel Adams Zonensystem studiert oder Klassiker der Bild-Komposition wie Harald Mante oder eine der bekannten Photoschulen gelesen. Wer weiß, wie es technisch geht, weiß am Ende auch, was er in der Landschaft oder auf der Straßensafari mit einer Kamera machen soll und wo man gekonnt eine Regel bricht und wo besser nicht, so daß durch diese Kombination von Phantasie, Können und Vermögen eben jene „Seele in der Silberschicht“ sich zeigt, die eine besondere Photographie ausmacht.

Ähnliches auch mit der Theorie. Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild? Nein, das ist es nicht. Eine Photographie von Jeff Wall, von Martin Parr, von Alfred Stieglitz oder von Joel Meyerowitz sind vier sehr unterschiedliche Arten mit Bildern umzugehen. Aber wie sich nähern, was lesen? Wer nicht gerade einen Lehrstuhl für Photoästhetik hat oder sich mit diesem Thema als Forscher und Wissenschaftler befaßt, wird über einige wenige Bücher kaum hinausgekommen sein: Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz, vielleicht noch seine „Kleine Geschichte der Photographie“ und Kracauers wichtige, aber nicht gut bekannte Schrift „Die Photographie“, ansonsten Roland Barthes „Die helle Kammer“, vielleicht noch ein Text von André Bazin und von Villem Flusser „Für eine Philosophie der Fotografie“. Aber schon Namen wie Douglas Crimp, Michael Fried und Rosalinde Krauss werden vermutlich nur noch den Theoriemenschen der Ästhetik etwas sagen.

Wer also ein Arbeiter des Details im Weinberg des Herrn ist oder wer solcher werden will und wer weit in die Geschichte der Photographie hineinblicken möchte, nämlich in ihre Anfänge Ende der 1830er Jahre, mithin ihrer „Erfindung“ – im eigentlichen Sinne gab es mehrere Erfindungen verschiedener photographischer Verfahren, die Welt und uns selbst realistisch und mittels der Sonne abzulichten – wer es also gründlich und im Detail mag, mit einem Theporie-Ausblick bis in die Gegenwart, der muß unbedingt zu dem von Wolfgang Kemp und Hubertus von Amelunxen herausgegebenen Bandes „Theorie der Fotografie. 1839-1995“ greifen. Dabei aber wollten die Herausgeber dieser vier Bände, die 2006 in einem kompakten Einzelband erschienen sind, „keine Quellensammlung der Theorie-Geschichte, sondern ein „Kompendium aktiver, aktivierender Aussagen“ entstehen lassen – also auch solche Texte von Leuten, die aus der Praxis kommen, werden gezeigt und dazu verschiedene, einander befehdende oder auch ergänzende Theoriestränge. Dabei geht es immer wieder, bis in die Gegenwart hinein, um die Frage, ob Photographie eine Kunst ist und auch, wie es um die Kunst des Realismus in der Malerei bestellt ist – verbunden durch das neue Medium Photographie, das die Verfahrensweise jene Malerei (Futurismus und Kubismus sind eben auch Reaktionen auf die neuen optischen Medien), erheblich tangierte und auch umgekehrt, indem um 1900 und darüber hinaus Photographien nun die Malerei nachahmten: so bei den Piktoralisten.

Dieses Verhältnis von Photographie und Malerei und die Bedeutung der neuen Reproduktionstechnik für die Malerei zeigt sich etwa in Baudelaires Text von 1859 „Die Fotografie und das moderne Publikum“, darin bereits die Frage aufgeworfen wird, die dann 75 Jahre später prominent Walter Benjamin umtreiben wird: wie nämlich durch die Entwicklung einer neuen Technik und dadurch, daß sich Bilder in der Zukunft durch jene Form der Reproduktion massenhaft verbreiten können, es um die Bildende Kunst selbst bestellt ist und wie also die Photographie als solch neues Reproduktionsmedium nicht nur eine unmittelbare und mittelbare Auswirkung auf die Kunst, sondern auch auf die Rezeption und die Vermittlung von Kunst haben wird: Denn nun können jene vom eigenen Wohnort weit entfernte Gemälde betrachtet werden, die z.B. in Museen hängen, zu denen im 19 Jahrhundert nicht jeder unmittelbaren Zugang hatte, weil Reisen nicht nur beschwerlich, sondern auch teuer war. Wer in Washington ein Gemälde aus dem Louvre sehen wollte, war nicht mehr nur auf die Repro im Kupferstich oder auf ein Abmalen angewiesen, sondern konnte damit rechnen, daß ein Bild auch auf einer Photographie anschaulich wurde, wenn auch noch nicht in Farbe. Zu dieser Frage der Bedeutung der Reproduktion ist im übrigen das Buch von Wolfgang Ullrich interessant: „Raffinierte Kunst. Übung vor Reproduktionen“ (Wagenbach Verlag, 2009).

Will man sich, von den Anfängen der Photographie bis zur Gegenwart, einen generellen und zugleich kompakten Überblick über Geschichte und Positionen der Photographie verschaffen, um dann in die Texte des einen oder des anderen Autor einzusteigen, dann stöbere und lese man in diesem kompakten und klugen Buch. (Glücklich, wer noch die vier Einzelbände besitzt, da diese doch etwas besser in der Hand liegen als der Klotz.) Wer freilich lieber einen schnellen Überblick zum Thema möchte, greife zu „Texte der Theorie der Fotografie“ aus dem Reclam Verlag oder auch Reclams „Kleine Geschichte der Fotografie“; und wer es im philosophischen Detail lesen will, dem sei von Peter Geimer die Einführung bei Junius empfohlen: „Theorie der Photographie“. Für die Fragen der Technik(geschichte), von der Daguerreotypie über das Negativ-Positiv-Verfahren des William Henry Fox Talbot bis hin zur Erfindung der Kleinbildkamera und des Kodakfilms und damit auch der modernen und vor allem schnellen und unauffälligen Photoreportage sei von Beaumond Newhall die „Geschichte der Photographie“ empfohlen (Schirmer/Mosel, zuerst erschienen 1937, dann erweitert 1982)

Mit dem Buch von Kemp/von Amelunxen jedoch wird man im Hinblick auf unterschiedliche Theorie-Aspekte zum Experten bis ins Detail und nicht nur fürs grobe und vor allem bekommt der Leser einen Überblick über die (Theorie)Geschichte des Faches. Den einzelnen Texten sind zudem kleine Kommentare vorangestellt. Man kann also anlesend, stöbernd und flanierend sich durch dieses Buch bewegen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Und dieses Lesen und dieses Wissen ist im Laufe der Zeit dann mehr als nur den Auslöser einer Kamera zu betätigen und mehr, als sich nur Bilder anzusehen, denn in diesem Buch gerät zugleich die Geschichte der Photographie in den Blick, auch in solchen Formen und Versionen, die für unsere Gegenwart und fürs Heute kaum noch vorstellbar sind: angefangen von der Größe der Aufnahmegeräte, mit denen man bis in die 1920er Jahre, als die ersten Kleinbildkameras auf den Markt kamen, sich kaum unauffällig bewegen konnte, so daß das, was wir heute als Straßenphotographie und als gelungenen Schnappschuß kennen, nicht möglich war. Auch dieses technische Wissen und das Wissen um die Möglichkeiten gehört zur Photographie. Ebenso wie der ästhetische Status und der ästhetische Schauer einer Photographie, sei es gesellschaftlich oder auch erinnerungspolitisch, wie das in unterschiedlichen Formen Benjamin und Barthes aufschrieben und wie es insbesondere Barthes in bezug auf das Berührtwerden durch eine bestimmte Photographie festhielt.

Monika Maron und der ehemals renommierte Fischer Verlag

Im Grunde müßte man sagen: macht ihr Maron, ich mache mir Maronen, ich esse bereits Dominosteine, und morgen wird eh der nächste Autor, die nächste Künstlerin abgesägt, gecancelt oder aber irgendwie mittels Kontaktschuld angegangen. Es ist sinnlos und es wird das nicht aufhören. Im großen wie im kleinen.

Wie ich bereits am Sonntag in einem Interview der „Welt“ las, kündigte der S. Fischer Verlag Monika Maron nach 40 Jahren die weitere Zusammenarbeit auf. Mit einer eher schmallippigen Begründung, am Telefon durch den Lektor. Sofern das stimmt, sofern kein Brief geschrieben wurde, keine Gespräche erfolgten, ist dies stillos, unwürdig und peinlich. Zumal bei einer Autorin, die nicht erst seit gestern in diesem Verlag veröffentlichte und mit prominenten Romanen wie Flugasche, Animal triste, Pawels Briefe, Endmoränen, Bitterfelder Briefe und Munin oder Chaos im Kopf einiges zum Verlagsruhm beitrug. Verlage sollten von unterschiedlichen Stimmen leben, auch von unterschiedlichen Spektren.

Aber solche Vielfalt scheint man beim Fischer Verlag wohl nicht weiter auszuhalten. Diejenigen, die bei jedem Anlaß „Pluralität, Vielfalt, Diversität!“ rufen, und dies mit dem Brustton tief geheuchelter Überzeugung, sofern damit die eigene Meinung gemeint ist, sind selbst bei einfachsten Übungen dazu nicht in der Lage, genau das zu praktizieren. Ein Verlag, der sowas nicht aushalten kann, ist in meinen Augen im Sumpf des Kleingeistes angelangt.  Ich hoffe, jene Verantwortlichen bei Fischer rutschen irgendwann auf ihrer eignen Schmierspur an den Zeitgeist aus. Aber ich höre jetzt schon die „Argumente“ jener Twitter-Facebook-Literaturbubble: Ja, das ist aber bei einem privaten Verlag auch sein gutes Recht. Mal sehen, ob dieser süffisant-hämische Hinweis dann auch noch gilt, wenn, Gott möge es verhüten, irgendwann Hans-Thomas Tillschneider und Marc Jongen bestimmten Theatern oder Autoren und Literaturpreisen den Geldhahn zudrehen – wobei dafür nicht einmal die AfD nötig ist: es reicht bereits eine deutlich konservativere Kulturpolitik und bei den Literaturpreisen das Motto: Jeder Autor sei sein eigener Ernährer. Aber dann wird vermutlich wieder das eingefordert, was Adorno/Horkheimer einmal „einseitige Solidarität“ nannten. Auch wenn dieses Beispiel „Kulturförderung“ und „Theater“ nicht eins zu eins übertragbar ist auf den Fischer Verlag, mit seiner Entscheidung, keine neuen Bücher mehr mit Maron zu machen, so geht es doch um eine Solidarität, die man vielleicht auch einmal für solche Leute entwickeln könnte, die nicht auf einer politischen Linie liegen. Das könnte sogar einmal für jemanden wie Max Czollek gelten, der auf genau solche breite Solidarität angewiesen ist, und zwar auch von solchen Leuten aus anderen Lagern, damit es eine breite Gruppe ist und nicht immer nur die übellichen Verdächtigen aus Kumpelhausen.

Und wer in solchem Falle  mit der Vertragsfreiheit aufschlägt: Wenn, wie hier in Berlin geschehen, die Buchhandlung Kisch & Co. aus ihren Räumen muß, weil ihr Mietvertrag ausläuft und der Vermieter nur zu einer höheren Miete verlängern will: dann ist auch das Vertragsfreiheit, solange dem Vermieter Gerichte recht geben. Gewerbemietverträge sind ohne die Angabe von Gründen kündbar: und dann hat der Mieter nach sechs Wochen auszuziehen, es sei denn es wurde ein Zeitvertrag geschlossen. So sind die Gesetze, und das alles ist rechtens – für alle die, die beim Fischer-Verlag mit der Vertragsfreiheit kommen. Aber ob es auch anständig und richtig  ist: Das steht dabei auf einem anderen Blatt. Soviel zur Solidarität, die ansonsten gerne eingefordert wird. 

Hintergrund dieses Cancelns ist vermutlich unter anderem Marons Veröffentlichung Krumme Gestalten, vom Wind gebissen, Essays aus drei Jahrzehnten, das in der Edition BuchHaus Loschwitz (Dresden 2020) der Buchhändlerin Susanne Dagen erschien. Maron ist mit Dagen befreundet. Dagen ist in einer bestimmten Öffentlichkeit nicht wohl gelitten, weil sie inzwischen Kontakte in rechtskonservative Kreise pflegt. Aber wie es im Leben so ist: Manche Freundschaft hält, auch wenn politisch in manchen Punkten Differenzen sind. Und das ist auch gut so. Ich bin mit dem Menschen und nicht mit dem Funktionsträger befreundet und in einer Freundschaft kann man zwar gemeinsam „Sag mir, wo du stehst“ von Oktoberclub singen, aber es sollte nicht das Motto einer Freundschaft sein. Und Freundschaft kann auch mal bedeuten, jemandem einen Gefallen zu tun, den man eigentlich und vielleicht gar nicht tun möchte. Ja, das Leben ist in der Tat bunt: bunter als unsere Woken-Identitären es sich vorstellen können

Die dabei immer wieder verbreitete Behauptung, daß die Bücher der Exil-Reihe über den Antaios-Verlag vertrieben werden, ist in dieser Form nicht richtig. Oder man muß dann dazu sagen, daß auch Rainer Stach und seine Kafka-Bücher bei Fischer über Antaios vertrieben werden. Und das ist deshalb so, weil Antaios nicht nur ein Verlag, sondern auch eine Verlagsauslieferung ist. Und insofern kann man bei Antaios sämtliche lieferbaren Bücher bestellen – auch solche von Gregor Gysi 

Und nochmal für alle, die nicht vom Fach sind und weil von vielen immer wieder die Behauptung in die Welt gesetzt wird, daß die Edition BuchHaus Loschwitz über Götz Kubitschek bzw. Antaios ihre Bücher vertreiben lassen: Es gibt Verlage, die verlegen nicht nur Bücher, sondern sie vertreiben auch Bücher anderer Verlage, weil ihnen eine Verlagsauslieferung angeschlossen ist. Sie sind also nicht nur Verlag für eigene Bücher, sondern auch Vertrieb für andere Bücher von anderen Verlagen. Und dagegen kann ein Verlag auch nichts ausrichten, wenn Antaios diese Bücher z.B. über den Grossisten bezieht oder über eine eigene Firma, die Verlagsauslieferung macht, vertreibt. Und damit können sie von einem Buch von Inge Viett, von Bommi Baumann, von Harald Schmidt, Max Czollek (meine Kritik zu seinem Buch „Desintegriert euch!“ findet sich hier) bis hin zu Monika Maron und Thomas Mann alles an Bücher liefern.

Wird jetzt eigentlich auch Rainer Stach bei Fischer gecancelt, weil er bei Antaios gelistet ist? (Und noch einmal zum Mitschreiben: Marons Buch erscheint in der Edition Buchhaus Loschwitz in der Exil-Reihe und NICHT BEI ANTAIOS)

 

Und Skandal, Skandal im Speerbezirk der spartanischen Phalanx, nein im Sperrbezirk der ordnungsliebenden linksidentitären Anständigkeit: auch Max Czollek wird über Antaios vertrieben. Wer? Ja, genau, jener anständige Max.  Na, wer jetzt keine warmen Kleider hat, der wird lange frieren und der muß sich nun warm anziehen und warm wird es nimmermehr, selbst dann nicht, wenn man sich aus der Requisitenkammer des Gorki Theaters bediente. Max, Max! „In den See, in den See mit ihm!“ (Wer wars, wer schriebs, wer sagte es?) Man ist eben nie woke genug. Forscht man und stochert, so kann es halt jeden in der Hermetik und Hermeneutik des Verdachts treffen. Und wenn man nichts findet, streut man halt noch ein kleines Gerücht: „Guck mal, das sind die Autoren, die mit Rechten reden wollen!“ (Zur Versicherung: nein, das wollen sie nicht und das steht da auch nirgends in dem Buch „Mit Rechten reden“. Und dieser Titel ist auch kein Imperativ, sonst stünde da ein Ausrufezeichen. Soviel zu Deutung und Sprache.)

„Ja, ich habe Angst vor dem reaktionären, frauenfeindlichen, nach weltlicher Macht strebenden und in unseren Alltag drängenden Islam“, so soll sich Maron, laut einem Artikel in der „Süddeutschen“ seinerzeit in der NZZ geäußert haben. Was an diesem Satz falsch ist, erschließt sich mit nicht, solange im Kontext dieses Satzes es nicht DER Islam ist. Und es ist zudem ein Interview. Und nein: man muß gar nicht mit allem von Maron übereinstimmen – ich tue es in vielen Aspekten, aber nicht in allen: ihre Aussagen zum Heldentum und zum Thema Gender halte ich in einigen Teilen für richtig, und die letzten Interviews mit ihr, in der Berliner Zeitung und auch ihre Aussagen in der Reportage in der ZEIT mit Moritz von Uslar, habe ich gerne gelesen und teils still gelächelt und teils vergnügt gelacht. Wer also mehr über die kluge Monika Maron erfahren will, der lese diese Texte. Sie ist alles mögliche: sie ist wütend, sie ist eigensinnig – das, was man doch sonst immer von den Schriftstellern erwartet: aber oh, ich vergaß: auch nur, wenn es der Eigensinn des eigenen Milieus und der eigenen Blasenwelt ist, an dem man sich dann sein Mütchen wärmt und vorglühen geht.

Klar, kann man dies alles so machen, wie es Fischer tut, es steht in der Freiheit eines Verlages. Kann man am Ende nichts dagegen sagen. Es ist die Entscheidung des Verlages. Um so trauriger, daß man es erst durch andere Medien erfahren muß. Und daß der Verlag nicht dazu in der Lage ist, diesen Ausschluß angemessen zu kommunizieren und zu kommentieren und genau diesen Spekulationen ein Ende zu setzen. Schon das ist ein PR-Desaster, wofür eigentlich ein paar Köpfe in der Verlagsleitung rollen müßten.

Und was nun die politischen Positionen betrifft: Allerdings zeichnet sich ein Verlag – ein großer zumal, Fischer ist ja nicht Turia + Kant und nicht Merve – eben auch dadurch aus, daß bei ihm unterschiedlich Denkende und Schreibende ihre Bücher publizieren können und sollen: man sehe auf Suhrkamp, wo so unterschiedliche politische Temperamente wie Luhmann und Habermas, Sloterdijk und Honneth ihre Heimat haben und wo neben Tellkamp auch ein Dietmar Dath veröffentlicht und neben Hermann Hesse ein Samuel Beckett und und und. Das lief einstmals unter dem Namen „Suhrkamp-Kultur“. Ob solcher Rausschmiß klug ist? Wohl kaum. Und vor allem: die die das jetzt noch gutheißen, können sich eines überlegen: Man ist nie woke genug. Treffen kann das einen jederzeit selbst. Aber wie man sieht, reichen bereits kleinere Vergehen aus. Bestrafe einen, erziehe hunderte Jungautoren!

 

 

Im Zeitfenster: Kunst im Berghain

„Oh, oh!“ so ächzt es und fragt es nachts vor der Pforte der heiligen Halle im Chor der Wartenden: muß der Gast in der Schlange draußen bleiben, kommt der Gast hinein? Zur kollektiven Ekstase, zu Tanz und Vergnügen, zu Schweiß und Ausschweif. Menschen in der Menge und das Berghain – ein Arkanum, ein Abaton, ein Adyton. Ein Bezirk, wo man nicht so ohne weiteres und ohne Gefahr eindringt – es sei denn, man kommt hinein und der Zerberus namens Türsteher tut’s Tor auf. Ein Gerücht, ein Mythos, was auch immer und immer sich da verbirgt: man wird es nur erfahren, wenn man dort getanzt oder einem Konzert gelauscht hat – wobei Lauschen nicht ganz das richtige Wort ist, wenn Sunn O))) dort spielen. Aber Mythen sind auch nur solange solche, sofern man an sie glaubt und geduldig wartet. Ich habe mich den Klubs meist wie Odysseus genähert: ich fuhr vorbei.

Nun aber gibt es wegen Pandemie und Ansteckung über Tröpfchen keinen Danz op de Deel, keinen Drink drinken in der Panorama-Bar und damit auch keinen Tanz im ehemaligen Heizkraftwerk, das des Ostens Arbeiterviertel einstemals warm hielt. Das Berghain hat sich fürs Überleben insofern eine Idee gesucht, nämlich die bildende Kunst – bildende Kunst dient dabei freilich als Gattungsbezeichnung in einem weiten Sinne genommen: denn im Berghain zu sehen sind Installationen, Photographien, Malerei, Plastiken, Videos, Environments, ein Architekturmodelle verschiedener prominenter Gebäude dieser Welt und ein Musik-Loop-Video. Und dazu der Ort selbst, der sich ausstellt.

Die meisten Werke sind in den letzten Monaten der Corona-Pandemie entstanden, und zwar gewirkt von 117 zeitgenössischen Künstlern, die in Berlin leben und arbeiten: eine Gruppenausstellung, die unter dem Titel „Studio Berlin“ läuft. Es gibt also einen Bezug zum Ort, was ich als Leitidee interessant finde, wenngleich ich am Ende die Umsetzung nur mäßig überzeugend fand. Denn in der Regel hat der Ort, an dem ein Künstler lange oder kurze Zeit lebt, erheblichen Einfluss auf sein Schaffen; gerade, wenn es um die Klub-Kultur geht, wenn Kunst, Tanzen, Drogen, Mädchen, Boys, wildes, tanzaffines oder musiklauschendes Leben das Schaffen der mal mehr, mal minder begabten Genies auf irgendeine Weise beeinflussen und der Bezug der Künstler zu solchen Äußerungen auch Thema der Kunst wird, weil jene Wesen dort eben ihre Nächte zuweilen verbringen. Es schreiben die Macher der Ausstellung:

„In Berlin gibt es europaweit die größte Dichte an Ateliers und Kunstwerkstätten – Künstler_innen aus aller Welt ziehen an diesen Ort, um von hier aus arbeiten zu können. Im Frühjahr 2020 trafen drastische Veränderungen ein: Unter anderem wurden geplante Ausstellungen und Kunstmessen abgesagt oder verschoben, Galerien und Museen geschlossen, größere Projektvorhaben konnten nicht realisiert werden. Das Nachtleben in Berlin wurde ebenso gänzlich stillgelegt. Aus dieser Situation heraus fanden sich Boros und das Berghain zusammen. Das Ausstellungsprojekt dient vor allem dazu, aktuelle Strömungen und Veränderungen in Kunst und Gesellschaft widerzuspiegeln und Berliner Künstler_innen einen Präsentationsort für ihr künstlerisches Schaffen zu geben.“

Das klingt zunächst wie eine gute Idee, einen Ort der Nacht zu nutzen. Man kauft für 20 Euro ein Zeitfensterticket – für Oktober bereits ausgebucht – und wird in einer kleinen Gruppe von 16 Menschen durch die Hallen geführt. White Cube statt Darkroom? Nicht ganz: denn schön grau, düster und herrlich dunkel bleibt es im Inneren des monolithisch in der Stadtlandschaft liegenden Klotzes am Wriezener Bahnhof, nahe dem Ostbahnhof. Eben jener herrliche Industriecharme. „Morgen ist die Frage“, so ragt da ein Installationsplakat des Künstlers Rirkrit Tiravanija überm Eingang hoch am Mauerwerk unterm Dach. Wer auf den Eingang zusteuert, kann es nicht übersehen.

Schon der Weg dorthin durch die kleine Straße ist ein Ereignis für sich: neben heruntergekommenen, aber auch renovierten Plattenbauten liegen Brachen, teils mit Müll gefüllt, teils an den Zäunen zu den Brachen hin abgelegt: Matratzen, Tüten, Plastik, Kleidung, an der Straße parken die Autos, Kleingewerbe, Obdachlose, die auf dem Gehsteig campen und mir zunicken, als ich beinahe über ihre Schuhe stolpere, eine Unterkunft für Flüchtlinge, auf deren tristem Hof Flüchtlingskinder spielen, lachen und in einer fremden Sprache reden, und ein Gewerbegebiet mit Hellweg-Baumarkt in Standardbauweise und etwas weiter ab ein Metro-Markt, es stoßen Welten zusammen, die freilich eine Bezeichnung eint: Nicht-Orte, um es mit dem Ethnologen Marc Augé zu schreiben. Die Nebenstraße grenzt an die Straße der Pariser Kommune und geht man die ein paar Schritte weiter nach Norden, so gelangt man zum Franz-Mehring-Platz und dem Gebäude des Neuen Deutschlands, einer Bersarin-Gedenkplakette, der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Karl-Dietz-Verlag, wo man in einer passablen Fassung neu wieder die alte MEW-Ausgabe erstehen kann, vor allem aber mit besserem Papier. Wenngleich das Umfeld nicht Thema einer Kunstkritik ist, gehört es gleichwohl fürs Betrachten und das Denken über das Betrachtete mit dazu, sozusagen als Überraschungspaket, das man, bei vorherigen oder nachträglichen Schlendern hinzu buchen kann. Es sei ein Rundgang hier unbedingt empfohlen, wenn Du, Wanderer, von außerhalb einreist, etwa von so wundervoll friedlichen Orten wie St. Eglitz.

Im Inneren des Berghains ist das Photographieren und jede Art von Bildaufzeichnung, wie auch sonst dort bei den Tanznächten, verboten. Man kann also die Objekte und Installationen fürs Familienalbum oder fürs Internet nicht ablichten. Das ist prinzipiell eine gute Idee, lebt doch einerseits der Ort selbst wie auch die Kunst von der Einmaligkeit einer Präsenz, eines Augenblicks, der nicht reproduzierbar ist, sondern einzig im Erinnern, Erzählen oder dem Schreiben darüber seinen Ort hat. Vor allem aber im Erleben selbst. Ein letzter Rest von Magie. Das Problem bei solcher Einmaligkeit des Augenblicks vor Kunst andererseits: für eine solche Intensität wäre ein gehöriges Maß an Zeit zum Verweilen nötig, auch einmal zehn Minuten vor einem Objekt zu stehen. Doch diese Zeit ist leider bei dieser geführten Rundtour nicht gegeben, denn die Führerin, die sich als Kunstvermittlerin vorstellte, drängt nach ihren Erläuterungen weiter. Wer die Kunst will und sich auf den Ort zudem noch einlassen möchte, muß dies im Sauseschritt der Zeit tun, und leider nicht einmal mit den Siebenmeilenstiefeln des Begriffs, sondern nur vermittels des Zeitfensters. Viel Zeit bleibt vor den Objekten nicht. Dazu später mehr.

Was gibt es zu sehen? Man kommt in den Eingangsbereich, dort im Wartebereich, bevor es in die Ausstellung geht, sieht man ein Bild von Norbert Bisky, es gehört, so vermute ich, zur Dauerausstellung. Da fliegt ein Mann durch den Raum, hoch oben gehängt, dass man den Kopf heben muß, zerstückelt der Mann, da auch das Gemälde fragmentiert, mithin auseinandergeschnitten ist – in satten, grellen und irgendwie auch wieder blassen Farben der DDR-Wandgemälde, so wie Bisky dies gerne malt: oft zarte oder muskelbepackte Jünglinge. Das sieht schön aus, das ist eine gute Idee für einen solchen Klub. Auch Teile sind da zu sehen, wie Weltraumschrott oder Raketen, die im Raum schwirren. Aber niemand der wartenden Besucher scheint so recht auf dieses Werk zu achten, es geht vielleicht als Deko unter, scheint mir aber, selbst als Nichtänzer und Nicht-in-Klubs-Geher, doch passend für den Ort, und zwar in dem Sinne, daß wir in einem Tanzklub uns zerstreuen, schweben und bersten: ein faszinierendes Bild, das aufs Kommende deutet und dem Besucher Versprechen macht – zumindest in effigie. Denn Tanzen tun ja nicht die Bilder, sondern nur wir selbst, wenn wir es wollen. Die entsprechenden Sätze zum Tanzen von Nietzsche und dem glatten Eis und von Marx und den Verhältnissen lasse ich beiseite. Es wäre dies, zu der Kunst, ein Extrastrang, wo wir Hedonismus, Räume, Räusche, Bewegung, Revolte und Denken in ein Gleiten bringen könnten. Irgendwo anders beim Eingang hängt noch ein Schriftzug „Love“. Warum auch immer.

Wenn die Besucher die erste Etappe der Ausstellung betreten, von der Führerin ins Reich der Kunst geleitet und mit Ansagen und Regeln versehen, dann stoßen wir Betrachter auf eine hoch und wieder hinunter und zu den Seiten und wieder nach oben schwingenden Boje. Ausladend und ein wenig gefährlich auch schwebt, schwingt und tanzt sie über den Besuchern. Es handelt sich um eine Installation Julius von Bismarcks. Die Boje ist per Funk und Sensor synchronisiert mit einer anderen, aber ähnlichen Boje, die irgendwo an der Atlantikküste verankert und vom Meer bewegt ist. So tanzt die eine Boje in ihrem Wasser-Element und die andere synchron dazu in einem luftigen Raum, in einem anderen Element. Ein schönes Bild zum Auftakt. Julius von Bismarck war Meisterschüler bei Olafur Eliasson am Institut für Raumexperimente der Universität der Künste und diesen Raum im Treppenhaus nun bespielt Bismarck. Man möchte seinen Blick gar nicht abwenden, weil ich mir gerade den Atlantik in der Bretagne vorstelle. Die Boje, so sagt die Führerin, kann Ausschläge von bis zu sechs Metern ausführen, aber alles sei mehrfach abgesichert. Gut daß Kunst keine Gefahr bereitet, denke ich mir. Aber was sollten auch die Versicherungen und die Veranstalter sagen und erst der Künstler, wenn ein Besucher von der Kunst erschlagen würde? Im Wortsinne und direkt ohne Metaphernumweg.

Allüberall im Berghain (bis auf den Darkroom), in der Panorama-Bar und ebenso in der Unisex-Toilette ist Kunst zu sehen: Cyprien Galliard hat auf dem Edelstahl der Klo-Verkleidung feine Gravuren angebracht und insofern mit dem bei seiner Tanz-Anwesenheit damals, als noch getanzt wurde, dort eh schon von ihm eingeritzten Botschaften nun eine kunstvolle Ritzung hinzugefügt, und zwar die Reproduktion eines Gemäldes en miniature, einen Ausschnitt aus Pieter Bruegels „Das Schlaraffenland“, in Englisch nett mehrdeutig betitelt „The Land of Cockaigne“. Irgendwo draußen dann Rosemarie Trockels aufblasbarer Penis ist nett, aber so originell nun auch wieder nicht, und so geht das leider bei einigen der Kunstwerke. Der Betrachter schaut und schlendert weiter. Von dem Photographen und Berghain-Türsteher Sven Marquard gibt es eine Video-Arbeit mit Blumen. Die würde ich mir gerne genauer ansehen, wie auch die Photographien der Schwarzen von einem anderen Künstler. Aber es geht schon wieder weiter zum nächsten Objekt.

Die Führerin erklärt, daß es den Machern vor allem darauf ankäme, Diversität in bezug auf Geschlecht und Herkunft zu zeigen und Werke von solchen Menschen auszustellen, die sonst nicht zu Wort kommen. Ich denke mir bei ihren Worten, dann müßte man wohl eher die Kunstgewerbesachen von Menschen, die liebevoll Zwerge bemalen, oder die Malerei der Arbeiter hier zeigen. Aber der Bitterfelder Weg ist vorbei. Leider, denke ich mir manchmal. Hier, so die Führerin vor einem Bild, wolle die Künstler_in eine nichtbinäre Sicht auf Sexualität zeigen und bleibt vor einem Bild stehen. Die binärsexuelle Gruppe nickt bedeutungsvoll. Ich habe hier eher den Eindruck, daß Parolen die Kunst ersetzt haben und ein Setting von Form- und Zugangsvorgaben an die Stelle der Qualität getreten ist. Malste queer, biste wer. Aber seiʼs drum: es paßt immerhin zum Ort und da der Ort diesen Anspruch vertritt, ist es zumindest konsequent – wobei man ja im Zeitalter des Quengelns als Kritik immer noch einen Zacken schärfer „Dekonstruieren“ und bekriteln kann, daß dies ja nur eine Maskerade sei usw. usw usf. Ein_e Hans_*In Moser findet sich immer. Jede Epoche hat ihre Macken, Parolen und ihr Marketing. Das wird sich ganz divers ändern, morgen die nächste Sau im Dorf. Auf dem Bild erkenne ich vom Diversen zwar nichts, aber wenn es die Führerin so sagt, wird es so sein. Hauptsache die Parole und die Einordnung stimmen.

Viele der Werke habe ich nach dem Rundgang wieder vergessen oder sie sind einfach nur banal. Sie blieben nicht haften. Das ganz und gar große Manko ist, daß man als Besucher gerade einmal 1 ½ Stunden Zeit hat. Im großen Heizkesselhaus etwa darf man sich nicht frei bewegen, sie habe das einmal versucht, so die Kunstvermittlerin, den Leuten 15 Minuten Freizeit zu lassen, aber das Experiment sei nach hinten losgegangen und die Leute waren nicht wiederzufinden – was schon aus dem Grunde nicht geht, weil zur selben Zeit mindestens vier andere Gruppen durch die Hallen geführt werden. Pflicht ist es also bei der Gruppe zu bleiben. Sich in ein Werk zu vertiefen, ist dabei ganz und gar unmöglich. Das Kollektiv oder genauer gesagt die Kunstvermittlerin gibt den Takt. Offene Kunst trifft auf ein rigides Zeitregime. Die Theorie-Heroen der sogenannten „Postmoderne“, die man in solchen Fällen von Diversität, Offenheit und rhizomartigem Verwobensein des Unterschiedlichen als Andersheit des Anderen, das leider doch auch irgendwie wieder in der Betonung des Unterschiedes dann gleich anmutet, gerne anruft, hätten bei der strengen Durchführung des Ganges durch Kunst ihre helle Kritikfreude. Von der Kontroll- zur Disziplinargesellschaft: alle in der Gruppe halten sich brav an die strengen Ansagen der Führerin – so auch ich. Lediglich ein deutlich älteres Ehepaar mit Wampe weicht ein paarmal ab, wird aber qua Kontrolle wieder zur Ordnung der Dinge gerufen und reiht sich ein. Seltsamer performativer Widerspruch: Der Offenheit der Kunst ist das Gehetztsein des Besuchers vorm Bild gegenübergestellt. Immerhin heißt es auf der Homepage des Veranstalters: „Wer sich die Ausstellung ohne einen/eine Kunstvermittler_in anschauen möchte, hat die Möglichkeit das Haus am Samstag und Sonntag zu besuchen.“ Das sollte man auch unbedingt tun, wenn man sich auf die Werke länger einlassen möchte.

Denn überhaupt, und das ist vielleicht der Sinn dieser Ausstellung und darin liegt das Interessante, erkunden wir hier einen besonderen Raum, von der Höhe der Haupthalle her eine Kathedrale fast, mit seinen Säulen und den Wänden in grauem Beton und den umgedrehten Trichtern an der Decke, die in den Raum ragen und wie riesige Saugvorrichtungen wirken. Und diese Raumbegehung und dabei sich von den Eindrücken treibenzulassen, wenn denn die Führerin nicht wäre, scheint mir das eigentliche Ziel. Eine Mischung aus Höhle, Hölle und Kathedrale. Und eben der Kunst dazu, so daß es ein Gleiten und Wandern der Blicke vom Ganzen zum Detail und wieder zu einzelnen Werken im Raum ist.

Vor allem aber kann man einen Ort begehen, der sonst nur schwer zugänglich ist, und da sind wir wieder bei der Raumkunst und bei Bismarcks Boje und auch bei einigen anderen Objekten, die bewußt den Raum bespielen, so etwa Jimmy Robert mit seinen auf Papier gebrachten menschlichen Körpern, die zerschnitten, zerknittert und auseinandergefaltet auf dem Boden auf zwei Podesten ausgebracht wurden: Tänzer, die nicht mehr tanzen, sondern dekonstruiert liegen, wenngleich man ihre wilden Bewegungen noch ahnen kann. Doch in der Weite des Saals verlieren sie sich. Der Raum und der Ort sind am Ende die eigentlichen Protagonisten und die Kunstwerke fügen sich in diesen Dark-Cube. Eine Art Festspielhaus mit Objekten, die man in Intensität aufsaugt oder liegenläßt.

Ein gutes Moment hat dieses Zeitregime aber: es zeigt sich darin, was einem von der Kunst noch im Gedächtnis haftet und was nicht, was in den Orkus durchrauscht und vergessen wird. Aber auch das ist identitätspolitisch insofern schlecht, weil auf diese Weise der Begrenzung durchs Erinnern das Bekannte und Genehme haften bleibt und das Neue, das Andere, das, was nicht sofort eingängig ist, im Vergessen untergeht. Als Idee aber ist dieses Kunst-im-Berghain-Ding gut. Die Verwertung jedoch und eben auch die Notwendigkeit, Geld einnehmen zu müssen, um diesen Ort weiter zu unterhalten, zwingen zum Zeit-Regime. Verständlich, aber als Besucher fühle ich mich gehetzt. Gerne hätte ich vor Wolfgang Tillmans Musik-Bilder-Loop verweilt: eine tranceartige Clubmusik spielt da kurz vorm Ausgang, ein wenig wehmütig, ein wenig traurig, klingt dieser Musikfluß; in seinem Gleiten und Rauschen korrespondiert dieser Abschied mit der Boje von Bismarck zum Anfang, ein wenig schwingt und schäumt die Musik wie ein Regensonntag and some of these days, dazu werden auf einem Bildschirm Photographien von Tillmans gezeigt, eine digitale Diashow sozusagen, ein Loop: auch Bilder vom Meer, von Objekten, von einer weißen Feinrippunterhose, von Ferne und Sehnsucht und all das schärft vielleicht das Bewußtsein dafür, daß schöne Dinge flüchtig sind. Vielleicht kein besonders originelles Kunstwerk, aber doch eines das zum Verweilen und Nachdenken einlädt – wenn man denn nicht die Kathedrale wieder verlassen müßte, weil sich ein Zeitfenster schließt. Katholische Kirchen sind da großzügiger. Aber die müssen sich eben auch nicht über Eintritt finanzieren.

Herbert Feuerstein ist tot

Und das ist eine sehr traurige Nachricht! Ich habe die Sendung „Schmidteinander“ sehr gemocht und ich schätzte ihn genauso solo. Ich mochte diesen so trockenen und schönen Humor: Manchmal beißend, aber nie fies. Klug, stichelnd, aber eigentlich niemals verletzend. Satire und viel Selbstironie: sich selbst und die Dinge, die Welt nicht immer ernst zu nehmen. Das ist zum Weinen traurig, von einem Helden Abschied zu nehmen, der nie ein Held, sondern ein brillanter Entertainer, Kabarettist und Satiriker sein wollte. Er gehörte mit der Mannschaft der alten Titanic (nicht diese Schnarchnasen von heute und die humorbefreite Zone Leo Fischer) zu meinen Lieblingen des harten, des politischen und des ebenso auch unpolitischen kalauernden, albernen und dabei doch meist klugen Witzes. Humor und Komödie sind am Ende die höchsten der Künste und es hat einen guten Grund, weshalb Hegels Ästhetik mit der Komödie endet. Tragödie kann im Grunde jeder spielen und sie begleitet uns beständig. Humor aber ist eine ungleich schwierigere Sache. Denn wir müssen ihn erfinden. Und das ist nicht leicht. Im Tragischen das Spiellerische, das Komische zu sehen. Beckett vermochte es und schrieb solche Stücke. Und Herbert Feuerstein brachte diese hohe Kunst, die so leicht aussieht, ins Fernsehen.

Und dieses unten verlinkte Video war eine unvergessene und herrliche Feier: eine wunderbare Schiffsfahrt zu Feuersteins 70. Geburtstag: „Herr Feuerstein wird 70, und Herr Schmidt bejubelt ihn“ (WDR 2007) Zum Glück habe ich diese Sendung mir damals für DVD aufgenommen. Dieses Spiel von ihm, leichte Hektik, ein Entertainer und Profi, und immer konnte er sich am Ende doch gegen den herrlich lauten Schmidt durchsetzen: mit Schalk, mit Witz, mit Frechheit und einer feinen, leisen ironischen Volte. Herrlich auch hier, wie sie sich gegenseitig die Bälle und die Pointen zuspielen!

„Ich komme wieder – wahrscheinlich, auch dann!“ So sagte es Feuerstein beim Winken zu den Fans und beim Ablegen des WDR-Schiffes in Köln zur Feier seines 70. Geburtstags. Nun ist Herbert Feuerstein mit 83 Jahren gestorben. Gute Reise nun und hinüber in jene andere Welt!

Der schöne 3. Oktober: Ihr habt den Farbfilm vergessen!

„Ich schätzte die Sowjetunion nicht wegen ihrer Nachteile, wie Planwirtschaft, Arbeitsplatzgarantie und festgeschriebener Einkommen, sondern wegen ihrer Vorzüge, wie Atomraketen, Panzerarmeen und riesiger Raketenkreuzer, die das einzige Mittel waren, den überbordenden Kapitalismus im Zaum zu halten und zu zivilisiertem Verhalten zu zwingen, aus reiner Angst“
(Hermann L. Gemliza zugeschriebenes Zitat)

Der Satz mag zynisch anmuten, ist aber angesichts einer sich ungehemmt zeigenden Wirtschaft, die den Primat gegenüber der Politik und der politischen Gestaltung des Wandels besaß, in seiner Polemik nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn man in Bischofferode das Kaliwerk dichtmacht, weil man lieber ein Werk im Westen erhalten will, wenn die Politik, getrieben teils von der Wirtschaft, teils in vorauseilendem Gehorsam, teils auch aus Unwissen heraus, Arbeit abwickelt und VEB fürderhin die Bedeutung „Vatis ehemaliger Betrieb“ besitzt, dann entsteht ein Leerraum. Und den haben unter anderem junge Menschen mit sehr kurzen Haaren und mit Springerstiefeln aufgefüllt. Die alte Autorität brach weg, die neue war nicht da oder zog nicht. Das interessante dabei: Der Westen hatte nicht nur das Führungspersonal für die Wirtschaft, die passenden Politiker und die Dekane und Professoren für die Universitäten 1990 ins Beitrittsgebiet mitgebracht, sondern auch gleich noch die Nazis: Michael Kühnen, Holger Apfel, Udo Pastörs, Andreas Kalbitz, Björn Höcke und ebenso rechstkonservative Kader wie Alexander Gauland, Martin Reichardt, Götz Kubitschek und Ellen Kositza.

Aber ich will es gar nicht polemisch halten. Auch soll an diesem Jahrestag ein Jubelgedicht gegeben werden:

Der Wessi grüßt die Ossa:
Zur Wiedervereinigung ein Hossa!
Wir nahm’n Euch zwar die Betriebe weg
Doch war es für den Freiheitszweck

Wir schenkten euch die Treuhand,
Ohne großen Aufwand.
Zum Lohn bekamen wir Klagen
Und unverschämte Fragen.

Zwar sind eure Renten miese,
Ihr freut euch nicht, das ist fiese.
Denn Freiheit ist nun Euer Lohn
Und eben auch manch Wessi-Hohn.

An keiner Uni, in keinem Betrieb
Als Führungskraft von euch einer blieb.
Doch nehmt uns das nicht krumm
Und bleibt auch weiter stumm.

Da sprach die Ossa zum Wesser
Das nächst Mal klappt’s besser.

Wie dem auch sei: ein Staat, der seine Bürger einmauern muß, hat am Ende kein Recht auf Existenz. Und so fegt ihn die Geschichte hinweg.

Wer in der Belletristik ein wenig über jene Zeit des Umbruchs lesen will, findet eine Menge Bücher: ich empfehle immer wieder aufs neue von Clemens Meyer „Als wir träumten“ (2006) und gerade kürzlich erschienen von Lutz Seiler „Stern 111“, wo es einerseits um die wilden Jahre der Mitte- und Prenzlauer-Berg-Szene geht und um zwei geniale und bisher immer stumme Eltern, die gleich nach der Öffnung der Mauer in den Westen gehen und dort ihr Glück suchen und finden. Wie schon „Kruso“ ist auch „Stern 111“ ein hervorragender und vor allem schöner Roman, der einen Blick auf jene wilden Jahre in Berlin öffnet, poetisch, verspielt, aber doch realistisch genug, um zu sehen, daß die meisten Träume von Freiheit situativ und flüchtig sind, und es ist eben auch ein Bildungsroman: wie aus einem ziemlichen Schluff ein Dichter, ein Autor, ein Schriftsteller wurde. (Rezension folgt auf diesem Blog – hoffentlich)

Und heute zum Tag der Deutschen Einheit gibt es Pflaumenkuchen mit Schlagsahne. Und abends Riesling aus dem Elsaß. Warum gerade aus dem Elsaß? Na, weil ich gerne deutsche Weine trinke. Als ich 2011 das Elsaß bereiste, merkte ich zum ersten Mal in Frankreich,  daß ich gar nicht wirklich in Frankreich war, und irgendwie dann doch wieder. Das begann damit, daß wir uns in dem Ort Oberehnheim (französisch ausgesprochen Obernai) in einem Restaurant etwas zu essen bestellten, und ich dachte, es ist sicherlich höflich, die Bestellung in Französisch zu tätigen, denn schließlich spreche ich die Sprache: „Jö wudröh, äh, si vu pläh, ün tart dü öhhmm …“ Nein, eine Tarte du Öhm hatten sie nicht, aber es kam dann beherzt aus dem elsässer Kellnerinnenmund „Sie wollen also einen Flammkuchen mit Speck?“, so kürzte sie das Bestellen ab. Und ab da wußte ich: das Elsaß bleibt deutsch. Gemeinsam mit der französischen Kellnerin hoben wir die Gläser, sangen erst die Wacht am Rhein und dann die Martzeläs ab und waren europäisch-vergnügt.

Hier zudem einige Photographien aus dem Osten bzw. der Mitte von Berlin (2008 und 2009). Bei den Bildern außerhalb von Berlin handelt es sich um den Osten Brandenburgs, nämlich beim Schlaubetal, ansonsten Usedom, Halle, Burg Kriebstein, Rochlitz, Grimma.