Landschaftspark Duisburg-Nord – Duisburg (2)

„Was in der Wissenschaft ungesagt bleiben muß, ist die Gegenwart der ‚ganzen Natur‘ als der Himmel und die Erde, die zum Erdenleben des Menschen als seine sinnlich anschauliche Naturwelt gehören. Daher hat Carus die Landschaftskunst ‚Erdlebenbildkunst‘ genannt. Landschaft ist die ganze Natur, sofern sie als ‚ptolemeische‘ Welt zum Dasein des Menschen gehört. Sie bedarf da der ästhetischen Aussage und Darstellung, wo die ‚kopernikanische‘ Natur diese nicht in sich begreift und außer sich hat. Wo der Himmel und die Erde des menschlichen Daseins nicht mehr in der Wissenschaft wie auf dem Boden der alten Welt im Begriff der Philosophie gewußt und gesagt werden, übernehmen es Dichtung und Kunst, sie ästhetisch als Landschaft zu vermitteln.“ (Joachim Ritter, Landschaft)

Was ist Landschaft? Diese Frage stellt sich nicht nur, wenn man Natur und das darin für uns enthaltende Naturschöne oder einfach nur die Natur in unserer Wahrnehmung sich betrachtet, sondern ebenso an Orten, wo Gesellschaft und Zivilisation ihre Spuren hinterließen und in die Natur hineinragen oder aber mit ihr interagieren. So etwa, wenn man sich den Landschaftspark Duisburg-Nord betrachtet, den ich jedem, der ins Ruhrgebiet reist, unbedingt empfehlen kann. Landschaft ist nicht einfach nur Natur: Wälder, Bäche, Wiesen, Berge, Meer. Das sehen wir insbesondere in der Landschaftsmalerei eines Carl Blechen, wenn da ins Gebirge über den reißenden Fluß eine Brücke gebaut wird oder aber ein Walzwerk mit rauchendem Schlot in die Natur ragt: da steht plötzlich  inmitten der vermeintlich schönen Natur etwas Fremdes. Die Industrialisierung hält Einzug in die Malerei. Das Sägewerk in der vermeintlich romantischen, unberührten Landschaft weist darauf, daß diese Landschaft schon lange eine Kulturlandschaft ist, die von Menschen benutzt wird.

Beim Landschaftspark Duisburg-Nord handelt es sich ganz explizit um eine solche Kulturlandschaft, genauer gesagt um eine Industrielandschaft: Die Landschaft einer untergegangenen Kultur, der Welt der Arbeit einst, Kohle und Stahl, nun begehbar für jeden, teils mit Aussichtspunkten in die Weite des Umlandes, von den Hochöfen aus; und dazu erobert sich die von dort verdrängte Natur immer mehr Raum, wächst in die Welt der Arbeit. Und auch vermittels menschlicher Eingriffe als Projekt einer Renaturierung. Die Emscher etwa, ein noch in den 1980er Jahren entsetzlich dreckiger Fluß, für den eher der Name Brühe als Bezeichnung taugt, ist weitgehend sauber. Selbst der sagenhafte Emscher Neck wurde wieder gesichtet – so sagt man. Im Landschaftspark Duisburg-Nord korrespondieren auf eine spannende und gut in die Inszenierung gebrachte Weise alte Industrie, die als Funktionsträger ihre Zeit hinter sich hat bzw. nun eine neue Funktion besitzt, nämlich als Kulturlandschaft, und neue Natur, die wiederum zu betriebsamer Freizeit einlädt. Und es zeigen solche Orte auch, wie kurz doch eine bestimmte historische Epoche sein kann. Das Zeitalter dieser Hochindustrialisierung dauerte keine 150 Jahre. Nun kann man es besichtigen.