Duisburg – Ruhrgebiet. Photoserie (1)

Die Freundin, mit der ich im Sommer 2010 das Ruhrgebiet bereiste, hatte sich den Fuß verstaucht, so daß sie kaum gehen und gerade einmal humpeln und damit auch nicht mit mir spazieren konnte. Mir war es gar nicht unrecht: denn sie mochte es nicht, wenn ich auf unseren Touren und den Ausflügen in Industrie, Landschaft und Stadt dauernd am Photographieren und am Lungern auf Motive war. „Kannst Du nicht einen Tag mal ohne Kamera und einfach nur genießen und frei schauen?“ Aber ich bin ein Zwangscharakter. Also ging es darum Möglichkeiten zu finden, sie für einen Tag loszuwerden. Und aus diesem Grunde und zwecks Erzeugung eines möglichen Nicht-gehen-Könnens, eines eminenten Unvermögens also, das mir zugute kommen sollte, sei es auch nur für einen Tag, hatte ich sie unbemerkt die schmale Treppe hinuntergestoßen. Auf diese Weise durfte ich insofern und mittels verborgener Maßnahmen, die dem alten Vogel Blaubart zur Verfügung stehen, einen Tag alleine ein wenig von der schönen Stadt Essen aus, wo wir wohnten und stützpunktmäßig unsere Exkursionen im Ruhrgebiet taten, einen Ausflug unternehmen. Obwohl, nein ich nenne sie lieber die interessante Stadt Essen und nicht die schöne Stadt Essen, denn schön ist Essen nicht, schön ist die preußische Säulenordnung und das Schinkelcasino im Schloßpark Glienicke in Berlin an der Havel, wo ich einst in die Abendsonne hinein mit einer geliebten Frau picknickte, im Park, verbotenerweise, die Wiese ist tabu, von dort aber gibt es eine herrliche Aussicht auf die Architektur und durch die antikisierte Pergola hindurch der Blick auf den Jungfernsee, mit Dämmer und dem Sonnenuntergang. „Zum Abend“ wollte ich erst schreiben und so den Satz ausklingen lassen, um eine poetische Assonanz zu erzeugen, bis mir beim Schreiben des Buchstabens „e“ einfiel, daß Sonnenuntergänge meist abends und selten morgens stattfinden:

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Und davor heißt es treffend-schön bei Heine:

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Und an dieser Stelle dichtete er aus gutem Grunde nicht: „Das Fräulein stand abends am Meere“. (Hoffen wir nur daß die Negerwortschnüffler vom Wörthersee nicht das Fräulein irgendwann umschreiben wollen.)

Solches Untergehen kann einer freilich auch in Essen-Baldeney oder in Kettwig haben. Aber eben nicht mit preußischer Säulenordnung und nicht so schön wie in einer italienischen Landschaft. Dennoch: Sonne hinter Schloten. Es herrscht im Ruhrpott eine ganz besondere Atmosphäre, und vor allem gibt es dort  herrliche Natur und nicht bloß die Kohlereviere und die Stahlkocher. Aber eben auch: „Milch und Kohle“, wie Ralf Rothmann einen unbedingt zu lesenden Roman betitelte, darin es um eine Kindheit im Ruhrgebiet und auch um die Gastarbeiter geht.

Aber weshalb Duisburg? Weshalb alte Bilder zeigen? Weil seit vorletzter Woche, unverpaßbar, peu à peu alle Schimanski/Thanner-Tatorte beim WDR wiederholt werden. Angefangen mit dem ersten Schimanski-Tatort „Duisburg Ruhrort“ (allerdings bei der ARD), den ich damals 1981 vom Titel her bereits als verheißungsvoll empfand. Als junger Mann aus Hamburg, mit gerade mal 16 Jahren. Dann diese Woche am Dienstag  Schimanski und Thanner beim WDR: „Grenzgänger“. Darin auch das herrliche Café Dobbelstein vorkam.

Diese Tatort-Wiederholungen will man nicht verpassen – allein wegen des schönen Porsche da im Bild auf der Homepage nicht. (Weshalb er allerdings orange ist, verstehe ich nicht. Im Film war er rot – ein schönes und sattes Rot, wie man heute leider keinen Porsche 911 mehr sieht – aber das mag am Lichtfall liegen.) Ob das Objekt im Hintergrund des Szenenphotos das ist, was heute der Landschaftspark Duisburg-Nord genannt wird und wo man die alte Industrie, aber eben auch die Natur – und insofern ist die Bezeichnung der Landschaft gerechtfertigt – auf eine herrliche Weise begehen kann? Einer meiner spannendsten Ausflüge auf meiner Ruhrgebietsreise: die Fahrt nach Duisburg. Allein. Und dazu noch eine Hafenrundfahrt und ein Besuch im Café Dobbelstein. Aber das war dann am zweiten Tag und mit Begleitung.

Vom alten Ruhrgebiet war im Jahr 2010 nicht viel mehr zu sehen. Zeitenwende und Strukturwandel. Die Zeche Zollverein: Weltkulturerbe und ein dazu lehrreiches Museum und dem Blick in die Welt einer harten Arbeit: geschönt heute durchs Museale. Allenfalls Photographien oder die Oral History oder eine Geschichtsschreibung von unten können Einblicke verschaffen. Doch die von oben ist genauso spannend, man kann dann beides miteinander wirken lassen.

Doch immer noch gab es Verfall an vielen Ecken. Duisburg-Marxloh haben wir nicht bereist. Es sollten ja auf unsere Weise dennoch nicht nur die interessanten, sondern auch die nicht ganz häßlichen Ecken entdeckt werden. Und ein Jahresurlaub ist  keine Reporter-Reise. Meine erste Strecke, im Rahmen der Schimanski-Gedächtnistage führt nach Duisburg-Ruhrort. Und die letzten drei Bilder des ersten Teils der Serie zeigen Bereits Szenen aus dem Landschaftspark Duisburg-Nord.

4 Gedanken zu „Duisburg – Ruhrgebiet. Photoserie (1)

  1. Ein Ballungsraum der besonderen Art. Und der Mensch ist wieder anwesend nur in seinen architektonischen Hinterlassenschaften.

    Was mir auffällt ist, dass die Fotos Deinen anderen Städtefotos (von Hamburg, Wien, Berlin etwa) ähneln, in Komposition, Standpunktwahl, Motivrepertoire. Daher meine Frage: Welchen Einfluss hat der jeweilige Ort auf die Art, den „Stil“ Deiner Fotos? Gibt es Städte, die einen spezifischen Blick fördern und fordern und die folglich im Foto je anders erscheinen?

    Letztlich geht es mir darum, ob der Ort Dir gewissermaßen „diktiert“, wie er ins Bild gesetzt werden will. Gerade, wenn man sich in den Straßen treiben lässt und mit einer Art aufmerksamer Zerstreutheit die Umwelt mustert, kann es doch mitunter passieren, das einem Fotos gelingen, die die eigenen, bis dahin geltenden bildästhetischen
    Maßstäbe produktiv unterlaufen und man selbst überrascht wird, wenn man sie dann später als Abzug oder am Rechner sieht. Mir jedenfalls ist das mitunter geschehen, dass die tradierte Voreinstellung und der gewohnte Erwartungshorizont durch den Ort revidiert wurden und ich die Befangenheit des eigenen Blicks zumindest temporär ablegen konnte. Wie ist das bei Dir?

    Gruß,
    Uwe

  2. Eigentlich ist es mein Ziel, daß ich Photographien mache, bei denen man im Grunde nur peripher sieht, ob es New York oder Nürnberg ist, oder aber ich bilde eine besondere Form von Ödnis ab, die es eben nur in Berlin oder in Duisburg gibt. Ich versuche zwar immer wieder, auch Spezifisches einer Stadt, eines Ortes einzufangen. Aber ich glaube, das geschieht bei den Bildern eher am Rande. Durch Details, wie den Flußschiffer da im Bild, die Trinkhallen, die Architektur, wo ich nahe herangehe und oft versuche Details zu photographieren: etwa wenn Leute Dinge in die Fensterbank stellen. Deshalb haben meine Serien immer Ortsangaben.

    Daß Menschen abwesend sind, habe ich ja schon immer so gehalten: damals schon Ende der 1980er war meine Devise: Meine Stadt hat keine Menschen. Inzwischen ist es bei aktuellen Photographien wegen der Persönlichkeitsrechte und weil – teils zu recht – nicht jeder sich im Internet wiederfinden will (auch wegen der immer besser werdenden Methoden von Gesichtserkennung), besser Menschen nur von hinten oder kaum identifizierbar aufzunehmen. Was ich also seit langer Zeit schon mache, wird leider inzwischen zum System. Das ist schade. Ich versuche gegenwärtig also vermehrt, Menschen abzulichten, aber so, daß sie schierig identifizierbar sind.

    Gruß aus Berlin
    Bersarin

  3. Mit der Figur Schimanski hatte ich anfangs sehr gefremdelt, aber Duisburg als Setting hat mich von Anfang an fasziniert. MIt Blick auf Deine Bilder stelle ich fest, dass mir selber der Blick für so Details völig abgeht, ich halte auf die üblichen Landmarken drauf, vom Rheinorange über die Brückentürme und den Magic Mountain Tiger & Turtle bis hin zum Landschaftspark Nord. Ein ziemliches Kuriosum ist die Beamtensiedlung Bliesheim, eine Oase von mehreren alten Direktorenvillen, die inmitten der Logport-Containerwüste Rheinhausen grad aus dem Dornröschenschlag erwachen.

  4. Ich fand diese Schimanski-Figur insofern erfrischend, weil auf diese Weise auch für den Fernsehkrimi eine neue Art von Kommissar Einzug erhielt – wobei ich zu dieser Zeit kein großer Fernsehgucker war. Ich schaute allenfalls Art House-Filme – die es damals bei den Öffentlich-Rechtlichen noch gab, auch Raritäten. Heute ist da mehr Arte die Referenz.

    Die Beamtensiedlung kenne ich leider nicht. Aber wenn man nur eine Woche an einem Ort ist, dann gleicht das eh mehr einer Stippvisite. Ich sammele Eindrücke und versuche das mit der Kamera auf meine Weise in eine Geschichte oder eine Anordnung zu bringen.

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