Herbstzeit, Bücherzeit – die Photochallenge (2)

In den sozialen Medien gibt es das Spiel der literarischen Challenge: Man nominiert jemanden, den man mag oder auf den man neugierig ist – eine schöne Form des Interesses, weil diskret. Der Erwählte darf eine Woche lang jeden Tag ein Buch, eine LP oder einen Film postet, die dem Nominierten etwas bedeuten. Ich mache es anders.  Ich erwählte mich für diesen Blog selbst. Frei nach Thomas Mann: Der Selbsterwählte. Ich werde zudem, wie es bei Büchern meist üblich ist, keine Belletristik oder Lyrik nehmen und auch keine Sachbücher, sondern ich zeige sieben Bücher, die sich in irgendeiner Weise mit Photographie beschäftigen und die mich prägten und faszinierten – seien das Bildbände oder aber Theoriebücher. Dies aber nicht stur sieben Tage hintereinander, sondern in loser Folge. Und ich schreibe zu den Bildern ein paar Zeilen – also nicht einfach nur wird bezugslos die Photographie eines Buches gepostet. Ansonsten habe ich die Kolumne von der Sommerzeit nun in die Herbstzeit umbenannt, da es draußen doch recht ungemütlich zugeht.

Heute sei einer meiner ersten Bildbände vorgestellt, und zwar von Helmut Newton der Bildband „Welt ohne Männer“ erschienen 1984 und in einer Neuauflage mit anderem Titelbild dann 1993 noch einmal herausgebracht, weil sich der Verlag Schirmer Mosel (und womöglich der Autor auch) wohl dachte, daß Pelz und Bär an der Leine vielleicht nicht mehr so gut ankommen. Das Buch von 1984 ist seiner Frau June gewidmet.

Wer aus Hamburg ist, wird sich vielleicht noch an die Internationalen Buchhandlung in der Johnsallee erinnern. Sie liegt nahe der Universität, und ich fuhr schon als Schüler gerne in dieses Viertel, um zu stöbern und zu sehen. Es gab dort linke Bücher, vor allem DDR-Sozialismus, Lehrbücher zum Historischen und zum Dialektischen Materialismus, und kurz nach der Wiedervereinigung gab es die Buchhandlung dan nicht mehr. Was für Koinzidenzen im Leben doch existieren!

Mit einem Freund ging ich Anfang, Mitte der 1980er Jahre öfters dort hin, weil man da das eine oder andere gute und kritische Buch entdecken konnte. Und an einem dieser Tage lag auf einem der Tische dieser Newton-Bildband. Den wollte ich haben, ich liebte diese Art von Photographie, aber als ich den Preis sah – es waren damals glaube ich 70 oder 75 DM – legte ich das Buch nach einigem Blättern traurig beiseite. Aber der Freund sah meinen tantalischen Schmerz, und er war nicht auf den Mund gefallen. Er ging zu dem Buchverkäufer – einer jener immer ein wenig muffig dreinblickenden und auch so angezogenen DKP-Linken –, und er sprach ihn an: dieses Buch würde er, also der Händler, in diesem Kommunistenladen, so sagte er es wörtlich, doch niemals wirklich verkaufen können, auch sei das Buch sexistisch und bevor man es als unverkäuflich im Lager verschwinden ließe, wäre es doch sinnvoll, es zum halben Preis zu verkaufen.

Der Händler, vielleicht ein paar Jahre älter nur als wir, knurrte, murrte und zierte sich, wie sich DDR-Grenzer zieren, wenn man aus ihrem Land ausreisen will. Aber am Ende und nach dem Hinweis, daß in dem Buch ja auch schon ein Kratzer sei, den der Freund gerade und vor den Augen des Buchhändlers dort hineingemacht hatte, gab der tapfere Grenzsoldat nach, und so erstand ich das Buch für 35 DM. Ich habe es bis heute nicht bereut, und ich liebe bis heute die Photographien von Helmut Newton: jene starken, selbstbewußten Frauen, deren Sport nicht „eine Opferrolle vorwärts“ (W. Droste) ist, sondern konsequent ihren kräftigen, ihren schönen Körper zu zeigen: starke Frauen, die sich als starke Frauen abgelichtet sehen wollen. Und natürlich auch die Modewelt, in Newtons kontrastreichem, harten Schwarzweiß wie auch in Farbe bebildert.

Als politisch damals hart links stehender junger Mann hätte ich diese Bilder wohl niemals mir ansehen dürfen. Diese Art von Photographie war in jener Szene Anathema und perhorresziert – auch von feministischer Sicht war Newton erheblich angefeindet. Was aber – und das ist beim Jammerfeminismus der Klageweiber heute nicht anders – bei solchen Bildern und Inszenierungen vergessen wird: es gibt in der Frauenwelt, wie überhaupt in der Welt, sehr unterschiedliche Typen von Menschen, und es wollen nicht alle das gleiche. Unterschiedliche Sichten und Perspektiven nicht nur denken zu können, sondern sie im Sinne der Toleranz auch aushalten zu können, ist leider nicht sehr verbreitet: es gab Frauen, die liebten diese Bilder und die fühlten sich davon angesprochen. Und zwar weil sie selber stark waren und sich nicht als Opfer, sondern als Macherinnen ansahen.  Ebenso wie es manche Männer gab, die diese Bilder mochten – sei es aus ästhetischen, aber eben auch aus erotischen Gründen, weil das Schöne, gemischt mit einer gewissen Strenge, Gefallen erregt. Als unmittelbaren und gar sexistischen Fetisch kann man diese Bilder kaum sehen: da bot damals jeder Playboy, jedes Lui-Heft und jeder Katalog vom Otto-Versand mit Frauenunterwäsche mehr.

Wer übrigens die Newton-Photos gebündelt und zahlreich sehen will, besuche das herrliche Newton-Museum in Berlin beim Bahnhof Zoo. Nicht wundern, daß es gut bewacht ist: Newton war Jude und es gibt in Deutschland keine jüdische Einrichtung, die nicht unbewacht ist. Und das liegt leider nicht nur an Rechtsradikalen und Nazis.

 

2 Gedanken zu „Herbstzeit, Bücherzeit – die Photochallenge (2)

  1. @Als politisch damals hart links stehender junger Mann hätte ich diese Bilder wohl niemals mir ansehen dürfen. Diese Art von Photographie war in jener Szene Anathema und perhorresziert – auch von feministischer Sicht war Newton erheblich angefeindet. —– Das war so und war so auch nicht. Ich erinnere mich daran, dass es gerade in der radikalen Linken eine Pier-Paolo-Pasolini-begeisterte Pro Porno Fraktion gab, die ihrerseits heftig angefeindet wurde, und dass ein Großteil des Angebots des Leib-und-Magen-Versandverlags der damaligen Linken, 2001 aus Erotika bestand, was 1986 einen Genossen zu der Äußerung „Wichst die Linke jetzt mehr?“ veranlasste. Des Weiteren erinnere ich mich, dass 1990 linke Frauen eine Galerie in der Bernhard-Nocht-Straße wegen einer als sexistisch empfundenen Aktfoto-Ausstellung entglasten und auf den Hinweis, was sie denn dann mit dem Kiez nebenan und Tabledancebars und Bordellen machen würden ganz treuherzig antworteten, Krieg mit den Zuhältern würden sie sich nicht trauen, aber die Galeriebseitzer wären ja ein leichterer Gegner.

  2. Das ist richtig. Es gab immer auch eine Fraktion, die offen war und es gab die Pier Paolo Pasolini-Fraktion, zu der ich auch gehörte, aber nicht nur wegen „Salo“, sondern auch wegen Accattone, Mamma Roma, Il vangelo secondo Matteo und Teorema. Ich war damals ein ziemlicher Pasoline-Fan und ich mag seine Filme noch heute.

    Was jene linken Frauen betrifft, so paßt das mal wieder wie Arsch auf Eimer. Aber es gab eben zum Glück auch immer die Gegenbewegungen und die Freidenker.

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