Walter Benjamin – 26. September 1940, Spanien, Port Bou

„daß ich unterm Saturn zur Welt kam – dem Planeten der langsamen Umdrehung, dem Gestirn des Zögerns und Verspätens …“ (Benjamin, Agesilaus Santander)

„In einer aussichtslosen Lage habe ich keine andere Wahl als Schluß zu machen. In einem kleinen Dorf der Pyrenäen, in dem mich niemand kennt, wird mein Leben sich vollenden. Ich bitte Sie, meine Gedanken meinem Freunde Adorno mitzuteilen, ihm die Lage, in die ich mich versetzt sehe, zu erklären. Es bleibt mir nicht genügend Zeit, all die Briefe zu schreiben, die ich gerne geschrieben hätte.“ (Benjamin, Gesammelte Briefe VI, S. 483)

Eine philosophische Sichtung, eine Kritik oder ein Kommentar zur Philosophie Walter Benjamins, die nicht fragmentarisch ausfallen will und die das Ganze seines Werkes zum Inhalt hat und nicht – je nach Gusto – lediglich einzelne Aspekte wie die Aura und die neue Kunst, die veränderten Weisen der Kunstwahrnehmung, die Magie der Sprache, den Erfahrungsverlust, das Übersetzen, das Mystische sowie das Messianische, den Akt der Namensgebung, die Möglichkeiten der neuen Medien oder das Materialistische hervorhebt, weitete sich zu einem unendlichen Buch aus, türmte Bezug auf Bezug. Benjamins Text und damit sein Denken sind vielfältig. Vielleicht gar ergäbe sich ein kabbalistischer oder ein literarischer Text eines unendlichen Zusammenhangs und zugleich einer der Verzögerungen und Brüche und der Aufschübe: Solches Buch müßte die zeit- und geistesgeschichtlichen Strömungen der ausklingenden Kaiserzeit, der Weimarer Republik, das Judentum sowie das Paris der Volksfront und das der Besatzung durch die Deutschen samt den Europäischen Migrationsbewegungen aufgreifen und sozialgeschichtlich wie auch philosophisch darstellen, um diese Aspekte dann in Bezug zu Benjamins heterogenem Werk bringen; ein sicherlich nicht uninteressantes, jedoch mühevolles Unterfangen – als Buchprojekt reizvoll.

Man könnte dieses Buch an einer beliebigen Stelle aufschlagen und darin lesen. So hatte ich es mir einmal gedacht. Aber solche systematische Nicht-Systematik ist kompositorisch schwierig durchführbar, zumal im Augenblick andere Arbeiten anstehen. Wie dem auch sei: in Benjamins Werk laufen zahlreiche Stränge zusammen, verbinden sich, gehen dann wieder auseinander und verwinden sich ineinander. Benjamin war in der Weimarer Republik Essayist und Literaturkritiker, er schreib zur Radiotheorie, dem neuen Medium seiner Zeit, er war ein Philosoph, den sowohl materialistische wie auch metaphysischen bzw. theologische Fragen umtrieben. Was diese Verbindung von Materialismus und Theologie betrifft, dürfte insbesondere jene letzte Arbeit von ihm bekannt sein, die unter dem Titel „Über den Begriff der Geschichte“ veröffentlicht. Darin heißt es gleich zur Einleitung in der ersten geschichtsphilosophischen These in bezug auf das Verhältnis von Theologie und Materialismus:

„Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe· an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ‚historischen Materialismus‘ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“

Ein herrlicher Illusionsaufbau und zugleich ein wunderbarer Zaubertrick. Denn der wahre Materialismus ist eben der höchst lebendige Zwerg.

Dicht und verflochten gebaut ist das Werk dieses außerordentlichen Philosophen, als daß man es referieren könnte: man sollte es lesen; und ein solcher Essay kann allenfalls Lust aufs Lesen machen oder aber zeigen, weshalb es noch heute sinnvoll ist, Benjamin zu lesen. Erst dieser Tage ist im Suhrkamp Verlag eine umfangreiche Biographie  von Howard Eiland und Michael W. Jennings erschienen: „Walter Benjamin – Eine Biographie“ so der lakonische Titel.

Von der äußersten Theorie – in der „Eiswüste der Abstraktion“, wie es Benjamin nannte oder an anderer Stelle auch, daß die Philosophie eine Zuhältersprache sei, was ich ein schönes Bild finde: Philosophie ist eine Sprache, die man sprechen muß und in die man hineinwachsen muß, sonst versteht man sie nicht – bis hin zu den politischen Motiven und den eingreifenden, rettenden Momenten, die insbesondere in seinen späteren Schriften dem Historischen Materialismus eine ganz neue Gestalt gaben, reicht die Facette seines Denkens. Ebenso aber Beobachtungen und Aphorismen (etwa die zu bestimmten Orten wie Neapel oder Marseille, und ebenso ein Blick auf die Zeit seiner Kindheit in Berlin um 1900), Reisebilder, Denkbilder – Illuminationen eben: da, wo mal ein grelles, dann wieder ein sanftes und verzauberndes Licht auf die Dinge fällt und Räume beleuchtet. Erhellungen. Bei solcher Sichtung fallen derart viele Aspekte an, die kaum noch in eins zu bringen sind. Das Lesen in seinen Texten lädt zum Assozziiren ein – was nicht heißt, daß seine Text assoziativ wären. Sondern vielmehr schichten sie verschiedene Ebenen. Insofern auch das Plädoyer für ein Denken in Fragmenten.

Sein letztes großes Werk zum Paris des 19. Jahrhunderts, das Passagen-Werk, ist dann auch – Tücke der tragischen Biographie – Fragment geblieben und wurde von George Bataille in der Nationalbibliothek versteckt. Gernot Böhme schildert es in seinem Buch „Ästhetischer Kapitalismus“ in einer luziden  Weise, die es auf den Punkt bringt:

„Durch die Laterna magica der Passagen sieht er die Ware tanzen im prächtigen Kleid, tanzen auf der Bühne der Devanturen. In den Passagen waren sie schon, was sie werden sollten: Bestandteil der Bühne selbst, auf der das Leben spielt. Ihr Gebrauchswert schon dort, was er durch die Entfaltung des Kapitalismus sein würde: ihr ästhetischer Werk, ihr Wert in der Inszenierung, ihr Beitrag zur Ausstattung des Lebens, zu dessen Steigerung.

Passagen: Allegorie der ästhetischen Ökonomie, das Passagen-Werk ein Proönimum des 20. Jahrhunderts.“

Im Grunde setzte Benjamin hier fort, was er in seiner wunderschönen, traurigen, melancholischen und bezaubernden  autobiographischen Schrift „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ begonnen hatte: das sozialgeschichtliche, aber auch lebensweltliche Interieur einer Großstadt und einer vergangenen Welt aufscheinen zu lassen – eine Welt, die eben doch noch die seine war und bis heute, wenn auch mit erheblich mehr Abstand, immer noch die unsere ist, zu verstehen und nicht einfach untergehen zu lassen, sondern zu zeigen, wie darin bereits das enthalten ist, was uns bis heute hin bestimmt und unsere Strukturen erzeugt. Jean-Michel Palmier schreibt in seiner monumentalen Studie zu Benjamin:

„Die Kindheitserinnerungen verwandeln sich in Symbole, Allegorien, Glücksversprechen, die das Leben nicht erfüllt hat, ganz wie die beschädigten Spielsachen Zeugen der Trauer um eine stumme und verschüttete Welt sind. Jedes Ding läßt in seiner Textur die Tiefe einer historischen Erfahrung durchscheinen, die der Rettung bedarf.“

Jenes Motiv der Rettung ist dabei zentral. Benjamin schließt sein Buch „Goethes Wahlverwandtschaften“ mit diesen Satz: „Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns Hoffnung gegeben.“ Man kann dies mit jenem Satz Kafkas zusammenbringen, daß es unendlich viel Hoffnung gebe. Nur eben nicht für uns. Und leider traf eben genau das auf die traurige Vita von Benjamin zu, der sich – so kann man mutmaßen – in der Nacht vom 26. September auf den 27. auf der Flucht nach Spanien und von dort weiter nach Lissabon, das Leben nahm.

Ich möchte in diesem Text keinen Abriß zu Benjamins Leben und seinem Werk liefern. Wer etwas darüber erfahren will, der sei auf die sehr gute Rowohlt-Monographie von Bernd Witte verweisen. Auch der Artikel bei Wikipedia ist brauchbar. Er enthält zudem einige gute Verweise auf Sekundärliteratur. Und vor allem die oben genannte und kürzlich erschienene Biographie von Howard Eiland und Michael W. Jennings.

Kein Text aber vermag Benjamin mehr Ehre zu erweisen als sein eigener. Deshalb stelle ich hier einige Zitate zusammen.

„Ich aber bin entstellt vor Ähnlichkeit mit allem, was hier um mich ist. Ich hauste so wie ein Weichtier in der Muschel haust im neunzehnten Jahrhundert, das nun hohl wie eine leere Muschel vor mir liegt. Ich halte sie ans Ohr“ (Berliner Kindheit um Neunzehnhundert)

„Unter den Karyatiden und Atlanten, den Putten und Pomonen aber, die mich damals angesehen hatten, waren mir nun die liebsten jene angestaubten aus dem Geschlecht der Schwellenkundigen, die den Schritt ins Dasein oder in ein Haus behüten. Denn sie verstanden sich aufs Warten. Und so war es ihnen eins, ob sie auf einen Fremden warteten, die Wiederkehr der alten Götter oder auf das Kind, das sich vor dreißig Jahren mit der Mappe an ihrem Fuß vorbeigeschoben hat. In ihrem Zeichen wurde der alte Westen zum antiken, aus dem die westlichen Winde den Schiffern kommen, die ihren Kahn mit den Äpfeln der Hesperiden langsam den Landwehrkanal heraufflößen, um be der Brücke des Herakles anzulegen. Und wieder hatten, wie in meiner Kindheit, die Hydra und der Nemeische Löwe Platz in der Wildnis um den Großen Stern.“ (Berliner Kindheit um Neunzehnhundert)

„Wahrheit tritt nie in eine Relation und insbesondere in keine intentionale. Der Gegenstand der Erkenntnis als ein in der Begriffsintention bestimmter ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist ein aus Ideen gebildetes intentionsloses Sein. Das ihr gemäße Verhalten ist demnach nicht ein Meinen im Erkennen, sondern ein in sie Eingehen und Verschwinden. Die Wahrheit ist der Tod der Intention.“ (Ursprung des deutschen Trauerspiels)

„Es ist das Einmalige der Dichtung von Baudelaire, daß die Bilder des Weibs und des Todes sich in einem dritten durchdringen, dem von Paris. Das Paris seiner Gedichte ist eine versunkene Stadt und mehr unterseeisch als unterirdisch. Die chthonischen Elemente der Stadt – ihre topographischen Formationen, das alte verlassene Bett der Seine – haben wohl einen Abdruck bei ihm gefunden. Entscheidend jedoch ist bei Baudelaire in der ‚totenhaften Idyllik‘ der Stadt ein gesellschaftliches Substrat, ein modernes. Das Moderne ist ein Hauptakzent seiner Dichtung. Als spleen zerspellt er das Ideal (‚Spleen et Ideal‘). Aber immer zitiert gerade die Moderne die Urgeschichte. Hier geschieht das durch die Zweideutigkeit, die den gesellschaftlichen Verhältnissen und Erzeugnissen dieser Epoche eignet. Zweideutigkeit ist die bildliche Erscheinung der Dialektik, das Gesetz der Dialektik im Stillstand. Dieser Stillstand ist die Utopie und das dialektische Bild also Traumbild. Ein solches Bild stellt die Ware schlechthin: als Fetisch. Ein solches Bild stellen die Passagen, die sowohl Haus sind wie Straße. Ein solches Bild stellt die Hure, die Verkäuferin und Ware in einem ist.“ (Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts)

„Im Flaneuer begibt sich die Intelligenz auf den Markt. Wie sie meint, um ihn anzusehen und in Wahrheit doch schon, um einen Käufer zu finden. In diesem Zwischenstadium, in dem sie noch Mäzene hat, aber schon beginnt, mit dem Markt sich vertraut zu machen, erscheint sie als bohème. Der Unentschiedenheit ihrer ökonomischen Stellung entspricht die Unentschiedenheit ihrer politischen Funktion. Diese kommt am sinnfälligsten bei den Berufsverschwörern zum Ausdruck, die durchweg der bohème angehören. Ihr anfängliches Arbeitsfeld ist die Armee, später wird es das Kleinbürgertum, gelegentlich das Proletariat. Doch sieht diese Schicht ihre Gegner in den eigentlichen Führern des letzteren. Das kommunistische Manifest macht ihrem politischen Dasein ein Ende. Baudelaires Dichtung zieht ihre Kraft aus dem rebellischen Pathos dieser Schicht. Er schlägt sich auf die Seite der Assozialen. Seine einzige Geschlechtsgemeinschaft realisierte er mit einer Hure.“ (Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts)

„Die Phantasieschöpfung bereitet sich vor, als Werbegraphik praktisch zu werden. Die Dichtung unterwirft sich im Feuilleton der Montage. Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schullfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“ (Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts)

„Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene. So Strindberg – in ‚Nach Damaskus‘? –: die Hölle ist nichts, was uns bevorstünde – sondern dieses Leben hier.“ (Passagenwerk)

„Das dialektische Bild ist ein aufblitzendes. So, als ein im Jetzt der Erkennbarkeit aufblitzendes Bild, ist das Gewesene festzuhalten. Die Rettung, die dergestalt – und nur dergestalt – vollzogen wird, läßt immer nur an dem, im nächsten Augenblick schon unrettbar verlornen (sich) vollziehen. (…)

Dialektiker sein heißt den Wind der Geschichte in den Segeln haben. Die Segel sind die Begriffe. Es genügt aber nicht, über die Segel zu verfügen. Die Kunst, sie zu setzen zu können, ist das Entscheidende.“ (Passagenwerk)

„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ (Notizen zu den Geschichtsphilosophischen Thesen)

Ich schreibe diesen Text in Verehrung für einen der bedeutendsten und vor allem vielschichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Ich danke ihm, auch für alle diese dunklen, „wolkigen Stellen“, für die Rätselschriften, die Umschriften, welche mich ein Studium lang und darüber hinaus begleiteten und die immer noch wirken.

„Auf meinen Knien Geheim in diesem Tanzlokal
Im Kopf die Wirrkopfmelodien
Zum hundertsten Mal
Von Walter Benjamin
Das ist nicht normal!
Und Du bist mein Ruin.“

So sang es in den frühen 1980ern F.S.K. Und ich kenne das aus dem Studium gut, dachte damals, Walter Benjamin sollte man nur zusammen mit jener einen schönen blonden Frau lesen. Kann aber auch zur Einbahnstraße geraten. So als Tip. Heute ist man weiter.

Heute vor achtzig Jahren nahm sich der Philosoph, Essayist, Übersetzer, Literaturkritiker, Flüchtling, Migrant, einer von vielen in einer unendlichen Kette, die bis in die Gegenwart reicht, Walter Benjamin in Port Bou das Leben, indem er sich eine Überdosis Morphium injizierte.

Sich das Leben nehmen: der Punkt an dem sich das Leben vollendet; an dem jede Dialektik aussetzt bzw. zu einer negativen wird. Der Tod als die Grenze, von der aus Wahrheit zu gewinnen wäre. Doch dieser Ort ist erfahrungslos – so steht zumindest zu vermuten: es sei denn, man glaubt an jenen kleinen und buckeligen Zwerg.

Landschaftspark Duisburg-Nord – Duisburg (2)

„Was in der Wissenschaft ungesagt bleiben muß, ist die Gegenwart der ‚ganzen Natur‘ als der Himmel und die Erde, die zum Erdenleben des Menschen als seine sinnlich anschauliche Naturwelt gehören. Daher hat Carus die Landschaftskunst ‚Erdlebenbildkunst‘ genannt. Landschaft ist die ganze Natur, sofern sie als ‚ptolemeische‘ Welt zum Dasein des Menschen gehört. Sie bedarf da der ästhetischen Aussage und Darstellung, wo die ‚kopernikanische‘ Natur diese nicht in sich begreift und außer sich hat. Wo der Himmel und die Erde des menschlichen Daseins nicht mehr in der Wissenschaft wie auf dem Boden der alten Welt im Begriff der Philosophie gewußt und gesagt werden, übernehmen es Dichtung und Kunst, sie ästhetisch als Landschaft zu vermitteln.“ (Joachim Ritter, Landschaft)

Was ist Landschaft? Diese Frage stellt sich nicht nur, wenn man Natur und das darin für uns enthaltende Naturschöne oder einfach nur die Natur in unserer Wahrnehmung sich betrachtet, sondern ebenso an Orten, wo Gesellschaft und Zivilisation ihre Spuren hinterließen und in die Natur hineinragen oder aber mit ihr interagieren. So etwa, wenn man sich den Landschaftspark Duisburg-Nord betrachtet, den ich jedem, der ins Ruhrgebiet reist, unbedingt empfehlen kann. Landschaft ist nicht einfach nur Natur: Wälder, Bäche, Wiesen, Berge, Meer. Das sehen wir insbesondere in der Landschaftsmalerei eines Carl Blechen, wenn da ins Gebirge über den reißenden Fluß eine Brücke gebaut wird oder aber ein Walzwerk mit rauchendem Schlot in die Natur ragt: da steht plötzlich  inmitten der vermeintlich schönen Natur etwas Fremdes. Die Industrialisierung hält Einzug in die Malerei. Das Sägewerk in der vermeintlich romantischen, unberührten Landschaft weist darauf, daß diese Landschaft schon lange eine Kulturlandschaft ist, die von Menschen benutzt wird.

Beim Landschaftspark Duisburg-Nord handelt es sich ganz explizit um eine solche Kulturlandschaft, genauer gesagt um eine Industrielandschaft: Die Landschaft einer untergegangenen Kultur, der Welt der Arbeit einst, Kohle und Stahl, nun begehbar für jeden, teils mit Aussichtspunkten in die Weite des Umlandes, von den Hochöfen aus; und dazu erobert sich die von dort verdrängte Natur immer mehr Raum, wächst in die Welt der Arbeit. Und auch vermittels menschlicher Eingriffe als Projekt einer Renaturierung. Die Emscher etwa, ein noch in den 1980er Jahren entsetzlich dreckiger Fluß, für den eher der Name Brühe als Bezeichnung taugt, ist weitgehend sauber. Selbst der sagenhafte Emscher Neck wurde wieder gesichtet – so sagt man. Im Landschaftspark Duisburg-Nord korrespondieren auf eine spannende und gut in die Inszenierung gebrachte Weise alte Industrie, die als Funktionsträger ihre Zeit hinter sich hat bzw. nun eine neue Funktion besitzt, nämlich als Kulturlandschaft, und neue Natur, die wiederum zu betriebsamer Freizeit einlädt. Und es zeigen solche Orte auch, wie kurz doch eine bestimmte historische Epoche sein kann. Das Zeitalter dieser Hochindustrialisierung dauerte keine 150 Jahre. Nun kann man es besichtigen.

Die Gesetze der Welt Oder zur politischen Literatur

Der Dichter, einem Schwanze verglichen

Er wird die Gesetze
Der Welt nicht sprengen.
Erst muß er stehn,
Dann muß er hängen.
(Peter Hacks, Hundert Gedichte, No 90)

Kurz, knapp und lakonisch schildert uns Peter Hacks hier das politische und gesellschaftliche Wirken des Dichters – man muß freilich dazu sagen: es ist der Mann. Bei einer Dichterin funktioniert das Gedicht – List des Dichters – nicht. Man könnte hier, in einer Art Gegenoptik – und sicherlich nicht im Sinne Hacks‘, der für Nietzsche nicht allzuviel übrig hatte – dessen Gedanken zur Wahrheit als Weib, das Grund hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen, anführen. Männliches Dichten und weibliches Philosophieren.

„Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen? Vielleicht ist ihr Name, griechisch zu reden, Baubo?… Oh diese Griechen! Sie verstanden sich darauf, zu leben: dazu tut not, tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehenzubleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben! Diese Griechen waren oberflächlich – aus Tiefe!“ (Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft)
Die Macht des Scheins, der zugleich Wahrheit ist – denn das Wesen muß erscheinen, damit es wesentlich wird – liegt insbesondere in der Dichtung, in der Kunst, die Schein ist und es dann eben doch nicht sein will. Zumindest will sie nicht durchschaut werden. Und sie ist kein Belehrbär, der mit dem Holzhammer die Politik macht. Identitäres Theater wie in Berlin im Gorki Theater, wenn man hier Simon Strauß folgt. Das Gegenteil von Dichtung und nicht einmal Kunst. Sag mir, wo Du stehst. Kunst als Haltung. Peter Hacks sprengt solches Identitätstheater mit seinem lakonischen Witz.

Duisburg – Ruhrgebiet. Photoserie (1)

Die Freundin, mit der ich im Sommer 2010 das Ruhrgebiet bereiste, hatte sich den Fuß verstaucht, so daß sie kaum gehen und gerade einmal humpeln und damit auch nicht mit mir spazieren konnte. Mir war es gar nicht unrecht: denn sie mochte es nicht, wenn ich auf unseren Touren und den Ausflügen in Industrie, Landschaft und Stadt dauernd am Photographieren und am Lungern auf Motive war. „Kannst Du nicht einen Tag mal ohne Kamera und einfach nur genießen und frei schauen?“ Aber ich bin ein Zwangscharakter. Also ging es darum Möglichkeiten zu finden, sie für einen Tag loszuwerden. Und aus diesem Grunde und zwecks Erzeugung eines möglichen Nicht-gehen-Könnens, eines eminenten Unvermögens also, das mir zugute kommen sollte, sei es auch nur für einen Tag, hatte ich sie unbemerkt die schmale Treppe hinuntergestoßen. Auf diese Weise durfte ich insofern und mittels verborgener Maßnahmen, die dem alten Vogel Blaubart zur Verfügung stehen, einen Tag alleine ein wenig von der schönen Stadt Essen aus, wo wir wohnten und stützpunktmäßig unsere Exkursionen im Ruhrgebiet taten, einen Ausflug unternehmen. Obwohl, nein ich nenne sie lieber die interessante Stadt Essen und nicht die schöne Stadt Essen, denn schön ist Essen nicht, schön ist die preußische Säulenordnung und das Schinkelcasino im Schloßpark Glienicke in Berlin an der Havel, wo ich einst in die Abendsonne hinein mit einer geliebten Frau picknickte, im Park, verbotenerweise, die Wiese ist tabu, von dort aber gibt es eine herrliche Aussicht auf die Architektur und durch die antikisierte Pergola hindurch der Blick auf den Jungfernsee, mit Dämmer und dem Sonnenuntergang. „Zum Abend“ wollte ich erst schreiben und so den Satz ausklingen lassen, um eine poetische Assonanz zu erzeugen, bis mir beim Schreiben des Buchstabens „e“ einfiel, daß Sonnenuntergänge meist abends und selten morgens stattfinden:

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Und davor heißt es treffend-schön bei Heine:

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Und an dieser Stelle dichtete er aus gutem Grunde nicht: „Das Fräulein stand abends am Meere“. (Hoffen wir nur daß die Negerwortschnüffler vom Wörthersee nicht das Fräulein irgendwann umschreiben wollen.)

Solches Untergehen kann einer freilich auch in Essen-Baldeney oder in Kettwig haben. Aber eben nicht mit preußischer Säulenordnung und nicht so schön wie in einer italienischen Landschaft. Dennoch: Sonne hinter Schloten. Es herrscht im Ruhrpott eine ganz besondere Atmosphäre, und vor allem gibt es dort  herrliche Natur und nicht bloß die Kohlereviere und die Stahlkocher. Aber eben auch: „Milch und Kohle“, wie Ralf Rothmann einen unbedingt zu lesenden Roman betitelte, darin es um eine Kindheit im Ruhrgebiet und auch um die Gastarbeiter geht.

Aber weshalb Duisburg? Weshalb alte Bilder zeigen? Weil seit vorletzter Woche, unverpaßbar, peu à peu alle Schimanski/Thanner-Tatorte beim WDR wiederholt werden. Angefangen mit dem ersten Schimanski-Tatort „Duisburg Ruhrort“ (allerdings bei der ARD), den ich damals 1981 vom Titel her bereits als verheißungsvoll empfand. Als junger Mann aus Hamburg, mit gerade mal 16 Jahren. Dann diese Woche am Dienstag  Schimanski und Thanner beim WDR: „Grenzgänger“. Darin auch das herrliche Café Dobbelstein vorkam.

Diese Tatort-Wiederholungen will man nicht verpassen – allein wegen des schönen Porsche da im Bild auf der Homepage nicht. (Weshalb er allerdings orange ist, verstehe ich nicht. Im Film war er rot – ein schönes und sattes Rot, wie man heute leider keinen Porsche 911 mehr sieht – aber das mag am Lichtfall liegen.) Ob das Objekt im Hintergrund des Szenenphotos das ist, was heute der Landschaftspark Duisburg-Nord genannt wird und wo man die alte Industrie, aber eben auch die Natur – und insofern ist die Bezeichnung der Landschaft gerechtfertigt – auf eine herrliche Weise begehen kann? Einer meiner spannendsten Ausflüge auf meiner Ruhrgebietsreise: die Fahrt nach Duisburg. Allein. Und dazu noch eine Hafenrundfahrt und ein Besuch im Café Dobbelstein. Aber das war dann am zweiten Tag und mit Begleitung.

Vom alten Ruhrgebiet war im Jahr 2010 nicht viel mehr zu sehen. Zeitenwende und Strukturwandel. Die Zeche Zollverein: Weltkulturerbe und ein dazu lehrreiches Museum und dem Blick in die Welt einer harten Arbeit: geschönt heute durchs Museale. Allenfalls Photographien oder die Oral History oder eine Geschichtsschreibung von unten können Einblicke verschaffen. Doch die von oben ist genauso spannend, man kann dann beides miteinander wirken lassen.

Doch immer noch gab es Verfall an vielen Ecken. Duisburg-Marxloh haben wir nicht bereist. Es sollten ja auf unsere Weise dennoch nicht nur die interessanten, sondern auch die nicht ganz häßlichen Ecken entdeckt werden. Und ein Jahresurlaub ist  keine Reporter-Reise. Meine erste Strecke, im Rahmen der Schimanski-Gedächtnistage führt nach Duisburg-Ruhrort. Und die letzten drei Bilder des ersten Teils der Serie zeigen Bereits Szenen aus dem Landschaftspark Duisburg-Nord.

Herbstzeit, Bücherzeit – die Photochallenge (2)

In den sozialen Medien gibt es das Spiel der literarischen Challenge: Man nominiert jemanden, den man mag oder auf den man neugierig ist – eine schöne Form des Interesses, weil diskret. Der Erwählte darf eine Woche lang jeden Tag ein Buch, eine LP oder einen Film postet, die dem Nominierten etwas bedeuten. Ich mache es anders.  Ich erwählte mich für diesen Blog selbst. Frei nach Thomas Mann: Der Selbsterwählte. Ich werde zudem, wie es bei Büchern meist üblich ist, keine Belletristik oder Lyrik nehmen und auch keine Sachbücher, sondern ich zeige sieben Bücher, die sich in irgendeiner Weise mit Photographie beschäftigen und die mich prägten und faszinierten – seien das Bildbände oder aber Theoriebücher. Dies aber nicht stur sieben Tage hintereinander, sondern in loser Folge. Und ich schreibe zu den Bildern ein paar Zeilen – also nicht einfach nur wird bezugslos die Photographie eines Buches gepostet. Ansonsten habe ich die Kolumne von der Sommerzeit nun in die Herbstzeit umbenannt, da es draußen doch recht ungemütlich zugeht.

Heute sei einer meiner ersten Bildbände vorgestellt, und zwar von Helmut Newton der Bildband „Welt ohne Männer“ erschienen 1984 und in einer Neuauflage mit anderem Titelbild dann 1993 noch einmal herausgebracht, weil sich der Verlag Schirmer Mosel (und womöglich der Autor auch) wohl dachte, daß Pelz und Bär an der Leine vielleicht nicht mehr so gut ankommen. Das Buch von 1984 ist seiner Frau June gewidmet.

Wer aus Hamburg ist, wird sich vielleicht noch an die Internationalen Buchhandlung in der Johnsallee erinnern. Sie liegt nahe der Universität, und ich fuhr schon als Schüler gerne in dieses Viertel, um zu stöbern und zu sehen. Es gab dort linke Bücher, vor allem DDR-Sozialismus, Lehrbücher zum Historischen und zum Dialektischen Materialismus, und kurz nach der Wiedervereinigung gab es die Buchhandlung dan nicht mehr. Was für Koinzidenzen im Leben doch existieren!

Mit einem Freund ging ich Anfang, Mitte der 1980er Jahre öfters dort hin, weil man da das eine oder andere gute und kritische Buch entdecken konnte. Und an einem dieser Tage lag auf einem der Tische dieser Newton-Bildband. Den wollte ich haben, ich liebte diese Art von Photographie, aber als ich den Preis sah – es waren damals glaube ich 70 oder 75 DM – legte ich das Buch nach einigem Blättern traurig beiseite. Aber der Freund sah meinen tantalischen Schmerz, und er war nicht auf den Mund gefallen. Er ging zu dem Buchverkäufer – einer jener immer ein wenig muffig dreinblickenden und auch so angezogenen DKP-Linken –, und er sprach ihn an: dieses Buch würde er, also der Händler, in diesem Kommunistenladen, so sagte er es wörtlich, doch niemals wirklich verkaufen können, auch sei das Buch sexistisch und bevor man es als unverkäuflich im Lager verschwinden ließe, wäre es doch sinnvoll, es zum halben Preis zu verkaufen.

Der Händler, vielleicht ein paar Jahre älter nur als wir, knurrte, murrte und zierte sich, wie sich DDR-Grenzer zieren, wenn man aus ihrem Land ausreisen will. Aber am Ende und nach dem Hinweis, daß in dem Buch ja auch schon ein Kratzer sei, den der Freund gerade und vor den Augen des Buchhändlers dort hineingemacht hatte, gab der tapfere Grenzsoldat nach, und so erstand ich das Buch für 35 DM. Ich habe es bis heute nicht bereut, und ich liebe bis heute die Photographien von Helmut Newton: jene starken, selbstbewußten Frauen, deren Sport nicht „eine Opferrolle vorwärts“ (W. Droste) ist, sondern konsequent ihren kräftigen, ihren schönen Körper zu zeigen: starke Frauen, die sich als starke Frauen abgelichtet sehen wollen. Und natürlich auch die Modewelt, in Newtons kontrastreichem, harten Schwarzweiß wie auch in Farbe bebildert.

Als politisch damals hart links stehender junger Mann hätte ich diese Bilder wohl niemals mir ansehen dürfen. Diese Art von Photographie war in jener Szene Anathema und perhorresziert – auch von feministischer Sicht war Newton erheblich angefeindet. Was aber – und das ist beim Jammerfeminismus der Klageweiber heute nicht anders – bei solchen Bildern und Inszenierungen vergessen wird: es gibt in der Frauenwelt, wie überhaupt in der Welt, sehr unterschiedliche Typen von Menschen, und es wollen nicht alle das gleiche. Unterschiedliche Sichten und Perspektiven nicht nur denken zu können, sondern sie im Sinne der Toleranz auch aushalten zu können, ist leider nicht sehr verbreitet: es gab Frauen, die liebten diese Bilder und die fühlten sich davon angesprochen. Und zwar weil sie selber stark waren und sich nicht als Opfer, sondern als Macherinnen ansahen.  Ebenso wie es manche Männer gab, die diese Bilder mochten – sei es aus ästhetischen, aber eben auch aus erotischen Gründen, weil das Schöne, gemischt mit einer gewissen Strenge, Gefallen erregt. Als unmittelbaren und gar sexistischen Fetisch kann man diese Bilder kaum sehen: da bot damals jeder Playboy, jedes Lui-Heft und jeder Katalog vom Otto-Versand mit Frauenunterwäsche mehr.

Wer übrigens die Newton-Photos gebündelt und zahlreich sehen will, besuche das herrliche Newton-Museum in Berlin beim Bahnhof Zoo. Nicht wundern, daß es gut bewacht ist: Newton war Jude und es gibt in Deutschland keine jüdische Einrichtung, die nicht unbewacht ist. Und das liegt leider nicht nur an Rechtsradikalen und Nazis.

 

Tonspur 1. September – vorbei: auf Warschau zu

Hoch fliegen,  hoch siegen.

Und dank heutiger Öffnungen und Sublimierung in Pop kann man dem Krieg mit der unendlichen oder auch nur endlichen Liebe bzw. dem Augenblick begegnen.

„Du hast mir gezeigt
Dass es egal ist, wenn man liebt
Schmeckt der Kopf auch nach Füße
Und der Genitalbereich nach Pisse“
(Schnipo Schranke)

Dem Führer hätte es nicht behagt. Eroberungslyrik – trotzdem.