Lee Miller auf Arte und Lee Miller 2016 im Martin-Gropius-Bau

Gestern gab es auf arte ein sehenswertes Portrait von Lee Miller: Muse von Man Ray, Model und doch begnügte sich Lee Miller nicht damit, einfach Muse zu sein. Sie war selbst genug inspiriert und sie inspirierte: unter anderem auch Man Ray. Aus diesem Anlaß hier noch einmal mein Text zur Lee Miller-Ausstellung in Wien und in Berlin. Und dazu gibt es im Buchhandel auch einen entsprechenden Katalog, wo man sich die Photographien von Miller noch einmal in Ruhe anschauen kann. Der Kauf lohnt sich. In der Buchhandlung Walter König (und vermutlich auch bei anderen Händlern) gibt es diesen  Katalog vergünstigt zu kaufen.

***

Unter dem Titel Zweiter Rat für Wien: Die Albertina und Lee Miller schrieb ich im Juli 2015 eine Besprechung, die ich an dieser Stelle zweitverwerte, da in Berlin ab dem 19. März  eine Ausstellung über eine der bemerkenswertesten Photographinnen zu besuchen ist. Ich kann nur jedem ans Herz legen, sich diese Bilder anzusehen!

Bei einer wüstenähnlichen oder aber aus den Tiefen des Balkans, irgendwo südlich der Stadt aus Transdanubien herüberwabernden und andauernden Hitze, die sich im Sommer 2015 wie ein böser Fluch über Wien gelegt hatte und alles Leben ersterben ließ, eine Hitze, die nicht weichen will – drückend, feucht, klebrig am Körper – ist es klug, auf ein Museum zuzusteuern. Denn die meisten Museen sind, damit die schönen Gemälde haltbar bleiben, mit einer guten Klimaanlage ausgestattet. Also bewegte ich mich am sonntäglichen Vormittag in eines dieser Museen – in die Albertina nämlich. Und ich reiste ja genau deshalb nach Wien, um die Ausstellung mit Photographien der wunderbaren Lee Miller (1907-1977) zu sehen. Sie läuft bis zum 16.8.; dann zieht sie in die USA nach Fort Lauderdale.

Nun also auch in Berlin. Da ich noch nicht dort war, vermag ich nicht zu sagen, ob dieselben Photographien gezeigt werden wie in Wien.

Über Lee Miller berichtete ich bereits an dieser Stelle zur documenta 2012. Im Fridericianum sahen wir jene Photographie, auf der sie 1945 in München in Hitlers Badewanne posierte: Ein gekacheltes Bad, im Stil der 50er Jahre gehalten, rechts eine Statue im klassizistischen Stil. Ob sie Lee Miller, der sie ablichtende Photograph David E. Scherman oder aber Hitler selber dort plazierte, ist unbekannt. Links am Beckenrand ein Portrait von Adolf Hitler. In diesem Falle können wir  sicher sein, daß der Führer in der Wohnung am Prinzregentenplatz nicht mit seinem eigenen Bildnis nackig in die Wanne stieg. Obwohl man es nicht genau weiß, inwiefern der Größenwahn Menschen verstiegen macht und sie zu seltsamem Verhalten nötigt. Die Inszenierung dieser Szenerie ist ein subtiles und zugleich hartes Spiel mit den Bild- und Bedeutungsebenen: der dokumentierte Ort der Führerbadewanne, die ihn in Besitz nehmenden Sieger der US-Army, dazu noch eine Frau, deren nackter Leib in der Wanne liegt, der Photograph selber, der die Photographin photographiert. Der Abglanz des Führers.

In der Albertina wird eine zwar kleine, aber repräsentative Auswahl ihrer Photographien geboten. Von den Kriegsreportagen, als die Alliierten in der Normandie landeten, hängt nur weniges, und auch die Photo-Ausbeute der Pariser Zeit in den 30er Jahren ist gering. Von dem, was sie für die Vogue schoß, sind kaum Bilder zu sehen. Das ist schade, gerne hätte ich mir ihre Mode-Photos betrachtet. Die Albertina präsentierte zwar eine reduzierte Ausstellung, doch das muß nicht unbedingt schlecht sein, weil sie in diesem Konzept der Blick auf Wesentliches fokussiert, und sie liefert denen, die Lee Miller nicht kennen, einen ersten Blick auf ihr Werk.

Lee Miller reiste 1929 von New York nach Paris. Das Handwerk der Photographie war ihr bereits aus den USA vertraut. Zudem kam ihr entgegen, daß in diesem Metier Frauen akzeptiert waren. Edward  Steichen  empfahl sie an Man Ray. Sie wurde sein Modell und lernte bei Man Ray die Detailarbeit der Photographie, insbesondere die Verfremdungseffekte.

Die Photographien sind über drei Räume verteilt. Im ersten Raum befinden sich die Bilder ihrer Zeit in Paris: Photographien, die zusammen mit Man Ray entstanden, aber auch Film-Stils aus „Le Sang dʼun Poète“ (1930) von Jean Cocteau werden gezeigt, wo Lee Miller als Statue wirkte, die mit einem Male lebendig wird. Miller bewegte sich in Paris durch ihre Beziehung mit Man Ray zwar im Umfeld der Surrealisten, schloß sich diesem Kreis jedoch nicht an, und auch ihre Photographien können als eigenständige Arbeit interpretiert werden. Lee Miller wurde, wie es in Arbeitsgemeinschaften zeitweise geschieht, Man Rays Geliebte. Aber anders als die vielen weiblichen Musen, die von Künstlern gehalten werden, wie es früher an königlichen oder kaiserlichen Höfen üblich war, Narren oder Zwerge zur Gaudi sich zuzulegen, wollte Lee Miller eigenständig wirken und arbeiten. Nicht als inspirierende Muse – eine sowieso läppische Vorstellung.  Die Photographien, die Man Ray von ihr machte, sind das Produkt gemeinsamer Komposition,

Miller wollte als Künstlerin, als gleichberechtigte Photographin neben Man Ray wahrgenommen werden und nicht als Bestandteil des Systems Man Ray. Insofern sind auch die Photographien, die Man Ray von ihr schoß, ein Produkt gemeinsamer Arbeit.  Lee Miller entschied über die Pose und Haltung. Man Ray lichtete nach dieser Maßgabe ab. Gemeinschaftsarbeit eines Paars in bestem Sinne. Doch ging es nicht ohne Kontroversen ab.

neckEines der bekanntesten Bilder, jenes wunderbare, zauberhafte Portrait, das ihren Hals und ihr schönes Gesicht im Profil zeigte, den Kopf vom Betrachter fortgewandt, wurde von Man Ray zunächst verworfen. Lee Miller fischte sich das Negativ aus dem Papierkorb, änderte den Ausschnitt und bearbeitete es photographisch nach ihrer eigenen Maßgabe. So wurde eine Photographie geschaffen, die uns gegenwärtig bleibt. Über die Urheberschaft für dieses Photo stritten beide sich.

Surreal wirkt diese Photographie, weil sie in der Komposition Hals und Kopf in der Anordnung verzogen darstellt, und durch die Vergrößerung entstand Unschärfe. Die Photographie zeigt uns einen für Portraits bisher ungewöhnlichen Ausschnitt. Fast ein Gemälde im Stile des Manierismus. Und doch ist es ein durch und durch klassisches Bild, das vom Schwung des Halses her die Schönheitslinie Hogarths nachzeichnet und von der Markierung der Grauwerte und ihrer Übergänge her harmonisch fast, aber zumindest eindringlich die Halspartie samt dem Gesicht fein modelliert. Eine Photographie, die denen im Gedächtnis bleibt, die Sinn für ausgefallene, neue Posen haben. Klassisch-schöne Profilphotographie einer ungewöhnlichen Frau.

0945b6de0f2b83e25a2193fd8764ea5fThema und Sujet ihrer Photographien  der 30er Jahre ist der weibliche Körper, der freilich in der männlichen Optik als jenes Objekt der Begierde daliegt. Aber gleichzeitig werden die Erwartungen des Blickes gestört. Es löst sich der Körper in eine Form auf oder gleitet in die Abstraktion, wird aber in jedem Falle de-kontextualisiert, wie in jener Photographie, die Lee Millers Torso zeigt, auf dem sich das Schattenmuster einer Gardine abbildet. Ebenso jene Photographie, die sie mit einer Fechtmaske zeigt: Insbesondere hier sehen wir ein Spiel von Hülle und Enthüllung. Aber es geschieht mehr als das: eine Fechtmaske ist kein klassischer Fetisch, kein Schleier, kein feiner Stoff, der Gesicht, Körper oder das weibliche Geschlecht verhüllt, sondern jene Maske dient dem Schutz. So wie einige Jahre später – und ich denke, untergründig mit jenem Maskenbild korrespondierend – jene Photographien, die Miller in den Kriegsjahren für die Vogue fertigte: jene zwei Frauen mit den Brandschutzmasken. Einerseits Modephotographien, andererseits den Krieg aufgreifend. Auf diese Weise korrespondieren in surrealistischer Manier des Comte de Lautréamont zwei Bereiche nebeneinander, die nicht zusammengehören.

129.308Ebenfalls finden wir in diesem Raum jenes „Object to Be Destroyed“ von Man Ray in einer Vitrine ausgestellt. Leider erschließt sich für diejenigen Ausstellungsbesucher, die nichts weiter über diesen Kunst-Gegenstand wissen, der Zusammenhang nicht, in dem das Objekt steht. Da sieht man lediglich ein Metronom, an dessen Pendel ein Auge hängt, das aus einer Photographie ausgeschnitten wurde. Ich schrieb zu diesem seltsamen und eindringlichen Objekt 2012 hier im Blog einen Beitrag unter dem Titel „Dieses obskure Objekt der Begierde“ der neben Lee Miller und Man Ray vorab die Struktur des Begehrens behandelt. Zwei Liebende und das, was eine Trennung in der Kunst zu erzeugen vermag.

Im zweiten Raum sehen wir Lee Millers Reisephotographien aus Ägypten und Rumänien sowie einige Bilder von der Landung in der Normandie. Im dritten Raum die Photographien von der Befreiung Deutschlands durch die US-Army. Eindrucksvolle und harte Photographien nachdem die US-Army das KZ Dachau erreichte: Leichen und der entsetzte Blick der US-Soldaten auf das, was sich ihnen vor ihren Augen auftat: der Massenmord, den Deutsche begingen. Lee Miller stieg für eines dieser Bilder in einen der Eisenbahnwaggons, in dem die Leichen sich türmten und photographierte aus einer schrägen Position heraus, so daß sowohl die Toten wie auch die Blicke der Soldaten zu sehen waren.

Wir schauen zudem auf Bilder vom zerbombten Wien, betrachten uns jene bekannten Photographien aus München in Hitlers Wohnung oder Lee Miller, die sich im Bett von Eva Braun inszeniert, womit der Aspekt des Dokumentarischen erweitert wird: in einem Akt der Inszenierung, in dem sich die Photographen David E. Scherman und Miller selber in die Photographie mit einbringen. Auf diese Weise werden Subjekt und Objekt der Photographie zum Sujet, und so werden die Objekte oder Fetische der Besiegten (immerhin die Privatwohnungen von Eva Braun und Hitler) in Beschlag genommen und im Akt der Photographie einer anderen Funktion unterzogen. Wir sehen SS-Wachleute, die sich Zivilkleidung anzogen, um aus Dachau zu fliehen und die zusammengehauen wurden – ihre blutigen und zerschlagenen Gesichter, in einer Zelle knieend. Photographien werden gezeigt von einem NS-Bürgermeister aus Leipzig, der sich das leben nahm und seiner Frau und den Kindern dazu. Harte Bilder, Realität eines Krieges. Dokumentarisch.

Nach dem Krieg hat Lee Miller nie mehr eine Kamera angerührt, niemals mehr photographiert: Zu sehr nahm sie dieses Grauen des Krieges und diese Hölle, die sie gesehen hatte, mit und brannte sich in ihr Gedächtnis. Es gibt innere Bilder, die sind schlimmer als alles, was eine Kamera je festzuhalten, zu bannen und dem kollektiven Bilderstrom hinzuzufügen vermag. Lee Millers Leben ging in den Alkohol über. Eine der begabtesten Photographinnen, die einen solch besonderen Blick besaß, hörte auf. Insbesondere diese Mischung aus Surrealismus und sachlich-harter Reportage machte den Reiz ihrer Arbeit aus. Jenes wunderbares Portrait wurde zu einer Ikone – es ziert unter anderem Hans Beltings Buch „Faces“ – und wer diese Komposition je sah, wird schnell bemerken, daß in diesem Gesicht mehr steckte als nur der Surrealismus.

Was Lee Miller betrifft, so scheint es, daß sich seit der documenta 2012 in den Verlagshäusern und Museen der Blick wandelte. In den deutschsprachigen Verlagen sind inzwischen einige Bücher über sie erschienen. So bei Hatje/Cantz der Katalog zur Ausstellung, im Nautilus Verlag bereits 2013 ein Buch über Lee Millers Kriegsreportagen, bei Scheidegger & Spiess ein Bildband über ihre Modephotographien und ihre Rolle als Muse und Model sowie  vor einem Monat im Juni bei Hoffmann & Campe „Die Amerikanerin in Hitlers Badewanne: Drei Frauen berichten über den Krieg: Martha Gellhorn, Lee Miller, Margaret Bourke-White“ herausgegeben von Elisabeth Bronfen und Daniel Kampa.

 

Und wer hat einen Tag später als Hegel Geburtstag?

Und als die schöne Gesellschaft da im Hause Hegels am Kupfergraben in Berlin so im Feierüberschwang war und die Gäste und der herrliche Hausherr tranken, da machte der Hausherr den Vorschlag, auch jenen großen Literaten noch zu feiern und es stießen die Gäste auch gleich noch über die Mitternacht in die Nacht hinaus auf jenen großen Dichter zum Geburtstag an und so feierte die Gesellschaft in den nächsten Tag. Es ward ein solches Fest, daß auch die Zeitungen darüber berichteten. So daß der preußische König Friedrich Wilhelm III., über dessen Geburtstag am 3. August in der Zeitung nichts berichtet wurde, sich ärgerte, erboste und fürderhin und künftig verbot. daß über solche Privatfeiern in den Zeitungen nichts mehr berichtet werden dürfe. Wer also war’s, wer hat heute Geburtstag? Kleiner Lektüretip:
„Hohe Bäume zierten den Platz vor ihrem Hause, darunter stellte er seine Sänger; er selbst ruhte auf einer Bank in einiger Entfernung und überließ sich ganz den schwebenden Tönen, die in der labenden Nacht um ihn säuselten. Unter den holden Sternen hingestreckt war ihm sein Dasein wie ein goldner Traum. – »Sie hört auch diese Flöten«, sagte er in seinem Herzen; »sie fühlt, wessen Andenken, wessen Liebe die Nacht wohlklingend macht; auch in der Entfernung sind wir durch diese Melodien zusammengebunden, wie in jeder Entfernung durch die feinste Stimmung der Liebe. Ach! zwei liebende Herzen, sie sind wie zwei Magnetuhren: was in der einen sich regt, muß auch die andere mitbewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, mich von ihr zu trennen? und doch, ich werde fern von ihr sein, werde einen Heilort für unsere Liebe suchen und werde sie immer mit mir haben.“
Und noch eine andere Textstelle, im Hinblick auf die Querelle des Anciens et des Modernes:
„Wohl findet sich bei den Griechen sowie bei manchen Römern eine sehr geschmackvolle Sonderung und Läuterung der verschiedenen Dichtarten, aber uns Nordländer kann man auf jene Muster nicht ausschließlich hinweisen. Wir haben uns andrer Voreltern zu rühmen und haben manch anderes Vorbild im Auge. Wäre nicht durch die romantische Wendung ungebildeter Jahrhunderte das Ungeheure mit dem Abgeschmackten in Berührung gekommen, woher hätten wir einen ›Hamlet‹, einen ›Lear‹, eine ›Anbetung des Kreuzes‹, einen ›Standhaften Prinzen‹?“

Der bacchantische Taumel. Hegel zum 250. Geburtstag (1)

„Hegel wirkte zwar auch im Hörsaal, aber er schrieb und dachte fürs Universum, nicht für die Zwischenprüfung.“
(Dietmar Dath, Hegel)

„So isch no au wieder
(Schwäbische Redensart, zit. nach Sebastian Ostritsch, Hegel)

Um gleich mit dem zweiten Zitat in den Text und mitten hinein in Hegels Denken zu springen: Dialekt kann zwar Dialektik veranschaulichen. Aber so nun auch wieder doch nicht. Wenn auch darin ein Teil Wahrheit liegt. Dialektik ist nicht bloß die Echternacher Springprozession und hat doch, wie Adorno es in der „Negativen Dialektik“ sagte, einen Bezug: „Dialektik schämt sich nicht der Reminiszenz an die Echternacher Springprozession.“ Jenes „Sowohl als auch“ ist vielleicht ein populäres Bild, um zumindest basal zu veranschaulichen, was es bedeuten kann, verschiedene Hinsichten zu denken und nicht einfach abstrakt zu negieren oder zu bejahen. Aber bei Hegel ist das zugleich mehr. Solches Unterscheiden und solches Auf-Gemeinsamkeiten-Absuchen, auch in der Unterscheidung und im Widerspruch nämlich, ist ein wesentlicher Aspekt, den man bei Hegel lernen kann. Vielleicht aber auch Gershom-Scholem-mäßig mit einer jüdischen Anekdote:

Kommt ein Mann zum Rabbi und klagt ihm sein Leid, daß es mit seiner Frau Streit gäbe und sie beständig zetere und ob er nicht einfach strenger und härter sein solle. Und der Rabbi sagt: „Da hast Du recht, das wäre gut. Sei strenger und härter!“

Und kommt dann einige Stunden später die Frau des Mannes zum Rabbi und klagt ihr Leid, daß der Mann dauernd trinken geht und sich vernachlässige. Und ob sie, also die Frau, den Mann nicht mit Liebesentzug und Strenge strafen solle. Und der Rabbi sagt: „Da hast Du recht, das wäre gut. Sei strenger und härter!“ Und er gibt der Frau recht.

Kurze Zeit später tritt das Weib des Rabbis in die Stube, das beide Gespräche mit angehört hatte: „Ja, bist Du denn so windelweich, daß Du Dir als Rabbi nicht einmal eine eigene Meinung zutraust, den Leuten die Leviten liest und immer allen recht gibst?“ Und der Rabbi entgegnet: „Da hast Du recht, es wäre gut eine eigene Meinung zu haben!“

So ähnlich, meine ich mich zu erinnern, geht der jüdische Witz, der auch einer über Schwaben sein kann. Hegel, geboren am 27. August 1770 in Stuttgart, wenngleich die Meinung bei Hegel nicht noch im Kurs steht.  Aber ich vermute, da es lange her ist, als ich den Witz gehört habe und weil ich schlecht Witze behalten kann, daß er doch irgendwie anders geht. Aber das Prinzip dahinter und die Art, wie der Witz funktioniert zumindest veranschaulicht, was Dialektik sein könnte, und wie man mit Hegel das Denken und das Auffassen lernen kann: so zu sein wie der Rabbi und dann doch wieder nicht. Das Richtige auch in einem Falschen zu sehen und dabei aber doch nicht stehenzubleiben. Man muß nur, weiter als der Rabbi schaut (aber wer weiß, vielleicht sieht er das ja gerade), jede der Geschichten in ihrem Bezug sehen und kann dann zugleich in jeder der Geschichten ihre eigene Richtigkeit sehen, aber daß es dennoch nur im Gang des Denkens und als Entwicklung weitergeht und eine Auflösung bringen kann, um das eine im anderen aufzuheben und die Aspekte in eine geeignete, der Sache gemäße Anordnung zu bringen.

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Philosophie?

Wenn es zuweilen beim Blick in die Philosophiegeschichte heißt, daß auch die Philosophie der Vergangenheit ihren Bezug zur Gegenwart nicht verlieren dürfe, so sollte man zunächst darüber nachdenken, was mit einer solchen Aussage gemeint ist. Ebenso wie bei der Frage „Wofür Hegel heute?“ Um das zu klären, sofern es denn überhaupt klärbar und diese Frage nicht vielmehr philosophisch falsch gestellt ist, muß man zunächst begreifen, was Hegel in seiner Zeit bedeutete, und vor allem, auf welche Fragen der Philosophie seiner Epoche Hegels Denken in seiner Zeit eine Antwort zu geben versuchte. Ohne Hegel in seinem Zeithorizont und in dem Problembereich zu verstehen, in welchem er dachte, ist ein Bezug zur Gegenwart vielleicht keine sinnlose, aber doch eine problematische Sache – zumal zur Erklärung der Gen-Technik oder der Digitalisierung man nicht Hegel zu bemühen braucht, wenn man es gegenwärtig will.

Philosophie, die mehrere hundert oder gar tausende von Jahren zurückliegt, muß nicht ihre Aktualität beweisen, sondern sie ist per se aktuell, ansonsten wäre sie vergessen. Allein aus dem Umstand ist sie aktuell, daß wir sie immer noch lesen und uns über Texte von Platon, von Aristoteles und Hegel beugen. Manchmal das Haupt voll Gram und Haare raufend, weil eine halbe Seite Text einen vollen Tag gekostet hat, weil man in einem Seminar in zwei Stunden gerade einmal drei Sätze geschafft hatte. Aber auch solche Arbeit und solche Zeit, die man braucht, gehören zum Prozeß der Erkenntnis. Oder in anderem Kontext in der Vorrede von Hegels „Phänomenologie des Geistes“, ein sich vollbringender Skeptizismus als Motor der Philosophie:

„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht, nicht von der Stelle.“

Gentechnik, Digitalmoderne, Twitter, Viren oder Wirren: Hegel mag helfen, solche Ausprägungen eines objektiven Geistes zu begreifen, aber für die Details braucht es Hegel nicht. Was nicht gleichbedeutend mit der Antwort ist, daß Hegel keine Rolle spiele. Ganz im Gegenteil. Hegel ist nötig, aber anders als all die Aktualisierungsbestrebungen es sich ausmachen, die Hegel und alle möglichen anderen Philosophen auf die Gegenwart bürsten möchten, Hegel in Anspruch nehmen und doch besser daran täten, es nicht in Hegels, sondern im eigenen Namen zu formulieren, statt sich mit Hegel zu augmentieren und dann bei der Geistphilosophie womöglich verwechseln, daß für Hegels Begriff des Geistes keineswegs das Bewußtsein und auch nicht das Selbstbewußtsein primär ist.

Wer verstehen will, was Hegel macht, muß Hegels Texte lesen. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Und da fangen die Probleme an: wie lesen? Einer der großen Irrtümer ist die Annahme, daß Hegels Philosophie schwierig sei. Dunkel sei sein Denken. Und sperrig – so heißt es immer wieder in den Elogen und Artikel des Feuilletons, die man dieser Tage über Hegel lesen kann. Aber das stimmt nicht. Das alles ist Hegels Philosophie nicht. Sie ist einfach. Und sie ist verständlich, denn es steht ja alles bei Hegel geschrieben. Aber man muß nur, um es dann zu verstehen, am Ende sehr viel und sehr gründlich und immer wieder gelesen haben, genau, langsam und vor allem aufmerksam: das, was wir Close reading nennen, Satz für Satz und doch auch wieder den Kontext im Blick, wie auch das, was man den Stil, die Rhetorik und die Form eines Textes nennt, also sein performatives Vorgehen, der Einsatz der Sprache, die Wortwahl, den Satzbau, die Art der Begriffe, die verwendeten Bilder. Wie wichtig und erkenntnisfördernd solche Lektüre ist, kann man schnell bemerken, wenn man Hegels „Phänomenologie des Geistes“ und seine „Wissenschaft der Logik“ miteinander vergleicht. Beides sind Werke der Philosophie, aber sie unterscheiden sich erheblich in ihrem Stil, in der Bildlichkeit und der Form der Darstellung. Manche sagen, die Phänomenologie sei das literarischste der Hegelschen Werke, ein Bildungsroman gewissermaßen, wie der Wilhlem Meister.

Aber mit der isolierten Lektüre allein kommt man eben auch nicht weiter, wenn Hegel von Wirklichkeit oder Unendlichkeit spricht, sondern genauso muß man gelesen haben den Heraklit und sein Denken der Bewegung, Parmenides und das Verhältnis von Denken und Sein und überhaupt die Vorsokratiker, Anaximander und sein Apeiron, und dann Platon, Aristoteles, Sextus Empiricus samt der Pyrrhonischen Skepsis, Plotin, den von Hegel geschätzten Proklos, Avicenna, Anselm von Canterbury, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Duns Scotus, Wilhelm von Ockham, Nikolaus von Kues, Pico della Mirandola, Francisco Suárez, René Descartes, Spinoza, Leibnitz, Locke, Hobbes, Hume, Kant, Reinhold, Fichte, Jacobi, Hölderlin, Schelling, Schlegel, Goethe, Schiller. Natürlich hat das keiner, der Anfänger ist. Also muß es anders gehen. Und damit sind wir eben bei der Frage, die auch Hegel für die Philosophie stellte, nämlich zum Beginn seiner „Wissenschaft der Logik“: „Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“ Diese Frage stellt sich auch fürs Lesen. Wie anfangen? Am besten mit dem Anfang. Das ist klar.

Wie Hegel lesen?

Vielleicht ist es an dieser Stelle sinnvoll, Grundsätzliches zum Lesen von philosophischen Texten zu schreiben: Manche meinen, es ginge der Weg zunächst über die Sekundärliteratur, gerade bei einem so schwierigen Autor wie Hegel. Aber das ist ein falscher Weg. Wer nach Rom will, geht keinen Umweg, sondern direkt von Berlin, Jena, Heidelberg oder Nürnberg aus über die Alpen nach Rom! Mein Soziologieprofessor im Grundstudium sagt gleich in der ersten Sitzung freundlich, aber mit Bestimmtheit: „Wer die Primärtexte nicht versteht, der versteht am Ende auch nicht die Sekundärliteratur!“ Dem pflichte ich bei. Kommentare können zwar manchmal bei wolkigen Stellen helfen, aber leider gibt es eben auch Deutungen und Einführungen, die doxographisch, polemisch oder hagiographisch den Blick verstellen, indem sie eine bestimmte Lesart etablieren wollen. Das soll nicht sein! Um das zu erkennen, was da im Text selbst geschrieben steht – und nicht ein irgendwie dahinter verborgener geheimer Sinn, frei nach Goethe: „Im Auslegen seid frisch und munter!// Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.“ – muß man einen Text sehr genau lesen: nur dann kann das Auslegen gelingen.

Deshalb mein Rat immer wieder an jene, die lesen und entdecken wollen: Laßt alles, was Ihr über Hegel gehört habt fallen! Vergeßt es, vergeßt die ganze Sekundärliteratur, die Forschungs- und Zitierkartelle, und wenn da die Hegelexperten wie Dieter Henrich, Theunissen, Annemarie Gethmann-Siefert, Klaus Vieweg oder wie sie heißen uns etwas über Hegel erzählen, so laßt es zunächst mal liegen: Ihr, die bisher wenig nur von Hegel gelesen habt. Wer den Original Hegel will, der greift zu Hegel. Anders geht es nicht. Auch wenn das schwierig ist. Zur Unterstützung kann man dann bei Meiner die Kommentare von Pirmin Stekeler-Weithofer nehmen, die sehr genau am Text sind und nicht anhand des Textes eine eigene doxographische Lesart etablieren wollen, aber sehr gut in Problemkreise führen.

Warum zum Anfang keine Sekundärliteratur? Weil sie nur vermeintlich einem einen Text näherbringt. Mir zumindest ging es bei Hegel so, daß ich aus der direkten Lektüre vieles zog, aus den Sekundärtexten kaum etwas, und das, was ich dann in den Erläuterungen fand, stand ja bereits bei Hegel selbst.

Die Lust am Text 

Eines aber ist bei Hegel unerläßlich: ein Impetus, ein Antrieb, ein bestimmtes Interesse, eine Leidenschaft. Wer Hegel liest, weil er ihn lesen muß, verzweifelt schnell und legt die Chose wieder weg. So ging es mir 1991 mit Husserl. Ich las, um zu lesen und fand die Sache stinklangweilig. Irgendwas muß die Leserin oder den Leser also antreiben. Mich hatte Hegel bereits mit 16 Jahren gepackt: Das Kapitel zu Herrschaft und Knechtschaft aus der „Phänomenologie des Geistes“ lasen wir in meinem ersten Schuljahr Philosophiekurs in der elften Klasse, und ein Interesse nicht nur an linker Politik, sondern ebenso an Gesellschaft und auch an der Sprache selbst taten ein übriges. Ich fand diesen Sound des Textes, die Tonlage und diese Art des Schreibens umwerfend gut, schon auch deshalb, weil ich nicht viel verstand, aber da aus dem Unbewußten des Textes dennoch etwas auf mich zurückstrahlte:

„Der Herr ist das für sich seiende Bewußtsein, aber nicht mehr nur der Begriff desselben, sondern für sich seiendes Bewußtsein, welches durch ein anderes Bewußtsein mit sich vermittelt ist, nämlich durch ein solches, zu dessen Wesen es gehört, daß es mit selbständigem Sein oder der Dingheit überhaupt synthesiert ist. Der Herr bezieht sich auf diese beiden Momente, auf ein Ding als solches, den Gegenstand der Begierde, und auf das Bewußtsein, dem die Dingheit das Wesentliche ist; und indem er a) als Begriff des Selbstbewußtseins unmittelbare Beziehung des Fürsichseins ist, aber b) nunmehr zugleich als Vermittlung oder als ein Fürsichsein, welches nur durch ein Anderes für sich ist, so bezieht er sich a) unmittelbar auf beide und b) mittelbar auf jedes durch das andere. Der Herr bezieht sich auf den Knecht mittelbar durch das selbständige Sein; denn eben hieran ist der Knecht gehalten; es ist seine Kette, von der er im Kampfe nicht abstrahieren konnte und darum sich als unselbständig, seine Selbständigkeit in der Dingheit zu haben erwies.“

So stand es da, das lasen wir. Darüber sollten wir schreiben. Da steht man als Schüler und nicht nur als Schüler und schaut, oder es geht einem wie jenem Schüler, der da im „Faust“ Mephistos Reden lauscht: „Mir wird von alledem so dumm,/Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.“

Es gibt von Jacob Taubes den Satz, daß er bei manchen Büchern den Inhalt nur durchs Handauflegen erspüren könne. Geradezu eine antihegelianische Volte, aber es zeigt sich in diesem Satz doch ein bestimmtes Verhältnis zur Philosophie, das mit Eros und mit Leidenschaft zu tun hat. So ging ich an Hegel heran. So dachte ich, eine Klausur zu bestehen; mit einer gewissen Intuition und dem was ich bis zur elften Klasse immer tat. Aber was ich in eitler Überschätzung dachte: „So wie ich in Deutsch gute Noten hinlege, so wird es auch in der Philosophie geschehen, wenn ich nur kräftig drauflosinterpretiere“, das ging fehl. Ich hatte einen hervorragenden Philosophielehrer, der Geschwätz nicht durchgehen ließ und Unwissen von Wissen zu unterscheiden verstand. Und als ich die Klassenarbeit über Hegels Kapitel zu Herr und Knecht aus der „Phänomenologie“ zurückerhielt, prangte da eine vier Minus. Die wollte ich mir nicht bieten lassen. Ich ging zum Philosophielehrer und der verabredete mit mir einen Termin. Satz für Satz erklärte er mir, was da in meiner Arbeit falsch gelaufen war und zeigte zugleich, wie man im Text Argumente und Strukturen aufbaut und wie man sich einem komplexen Text nähert. Für den Einstieg in die Philosophie keine leichte Übung.

„Was den Vortrag der Philosophie auf Gymnasien betrifft, so ist erstens die abstrakte Form zunächst die Hauptsache. Der Jugend muß zuerst das Sehen und Hören vergehen, sie muß vom konkreten Vorstellen abgezogen, in die innere Nacht der Seele zurückgezogen werden, auf diesem Boden sehen, Bestimmungen festhalten und unterscheiden lernen.

Ferner, abstrakt lernt man denken durch abstraktes Denken.“

So hieß es in Hegels 1812 in Nürnberg verfaßtem Privatgutachtens für den Königlich Bayrischen Oberschulrat Immanuel Niethammer, der zugleich Hegels Freund war: „Über den Vortrag der Philosophie auf Gymnasien.“

Sekundäres

Allenfalls, um sich über den Stand der Forschung oder über den komplexen Textkorpus einen Überblick zu verschaffen, mag es sinnvoll sein, Einführungstexte zu lesen. Für Hegel empfehle ich in diesem Falle Sebastian Ostritschs Buch „Hegel. Der Weltphilosoph“ (Ullstein Verlag)  In Ostritschs Darstellung von Hegels Philosophie wie auch seines Lebens bekommen jene, die noch nicht viel mit Hegel in Berührung kamen, sofort bei der Lektüre Lust, Hegel selbst zu lesen. Barthesʼ Wendung von der „Lust am Text“ trifft auf Ostritschs Buch unbedingt zu: selbst für Hegelkenner ist das Buch noch mit Gewinn zu lesen. Ostritsch schreibt voll Emphase, und er schlägt Wegmarken, ohne eine doxographische Lesart zu etablieren, Hegel sei nun dies oder er sei nun das. Ostritschs in diesem Frühjahr erschienenes Buch ist die bisher beste Einführung, die ich in Hegels Denken gelesen habe, und es ist der ideale Einstieg in Hegel, um dann freilich sofort mit Hegel zu beginnen. Oder vielleicht umgekehrt: Einfach mit der Vorrede und der Einleitung der „Phänomenologie des Geistes“ beginnen – ich halte diese beiden Texte immer noch für den besten Einstiegstext – und vielleicht noch den Aufsatz „Wer denkt abstrakt?“ lesen: ein literarischer und teils hoch komischer Text, der auch auf dem Marktplatz von Bamberg spielt, wenn da die Hökers- und Eierfrauen auftauchen. Hegel lebte zu der Zeit, als er diesen Text 1807 schrieb, in Bamberg und arbeitete als Redakteur bei der „Bamberger Zeitung“. Und nach diesen Texten dann zu Sebastian Ostritsch greifen. Na ja, zu seinem Buch.

Ansonsten sei auch noch auf Thomas Sören Hoffmanns Buch „Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Eine Proprädeutik“ (matrix Verlag, 2015) verwiesen, und wer es umfassender mag und dazu auch noch eine flott geschriebene Biographie lesen möchte, der greife zu Klaus Viewegs „Hegel. Der Philosoph der Freiheit“ (Beck Verlag, 2019): stellenweise etwas zu viel aufgetragener Lob: Hegel der Aristoteles der Moderne, aber Vieweg gibt wenigstens zu, daß er Hegelianer ist. Zentraler Punkt, auf den Vieweg immer wieder verweist: Hegel ist ein Denker der Freiheit und des Rechtsstaates, er sah vor allem die Verwerfungen der Moderne, wenn ein ungezügelter Kapitalismus die Gesellschaft beherrscht:

„Er kann als der Großmeister der neuzeitlichen Philosophie gelten, als der berühmteste moderne Philosoph. Vernunft und Freiheit bilden die beiden Grundpfeiler, auf denen Hegels Philosophiedom errichtet wurde. Im Denken der Freiheit liegt der Kernimpuls seines vielfach verschlungenen Lebens- und Denkweges.“ (Vieweg; Hegel)

Ausblick – Ende erster Teil

Philosophie ist nicht einfach nur das staubtrockene Schwarzbrot, wenngleich viele bei der Lektüre der Logik gerade dieses Schwarzbrot zu schätzen und zu kauen gelernt haben. Philosophie hat ebenso etwas mit dem Eros, mit dem Rausch und mit Dionysischem zu tun. Sie ist Lust. Sie ist erotisch. Philosophie heißt eben auch, wie Hegel es für die Schüler formulierte, daß einem schwindelig wird und einem Hören und Sehen vergeht. Oder wie es im Volkslied heißt: „Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort“. Wobei es ganz so schlimm nicht kommen muß. Philosophieren ist sicherlich keine Party, aber ganz ohne Lust macht sie eben dann auch wieder keine Lust. Und so schreibt Hegel zum Beginn, in der Vorrede seiner „Phänomenologie“:

„Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist; und weil jedes, indem es sich absondert, ebenso unmittelbar [sich] auflöst, ist er ebenso die durchsichtige und einfache Ruhe.“

Das ist eine schöne Sentenz, um das Verhältnis von Rausch und Nüchternheit zu nennen, das in der Philosophie herrscht, auch in bezug auf das Wahre. Und zum Ende dann, wenn Wissen und Geist zu sich selbst im anderen gekommen sind und wenn die Bildungsreise des Bewußtseins zu ihrem Ende gelangt ist, um in der großen Logik freilich und dann der Enzyklopädie doch fortgesetzt zu werden, so daß eben jenes von Hegel genannte Kreisen von Kreisen entsteht, heißt es:

„Das Ziel, das absolute Wissen, oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Wege die Erinnerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation ihres Reichs vollbringen. Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien, in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins ist die Geschichte, nach der Seite ihrer begriffenen Organisation aber die Wissenschaft des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er das leblose Einsame wäre; nur –
aus dem Kelche dieses Geisterreiches
schäumt ihm seine Unendlichkeit.“

Champagner! rufen wir also heute und erinnern uns dabei auch an jene herrliche Arie aus Straußens „Die Fledermaus“. Jener bacchantische Taumel, den Hegel am Anfang der Phänomenologie im Prozeß des Denkens und des Erkennens versprach und am Ende sprüht es und sprudelt aus jenem Kelch, der das Reich des Geistes ist und dies als die Unendlichkeit. Unser Reich, unser einheimisches Reich und zugleich doch nicht der Narzißmus eines bloßen Ichs, sondern wie Hegel es in der Phänomenologie schreibt, fast auch wie ein Liebesverhältnis:

„Ich, das Wir, und Wir, das Ich ist. Das Bewußtsein hat erst in dem Selbstbewußtsein, als dem Begriffe des Geistes, seinen Wendungspunkt, auf dem es aus dem farbigen Scheine des sinnlichen Diesseits und aus der leeren Nacht des übersinnlichen Jenseits in den geistigen Tag der Gegenwart einschreitet.“

Und diese Sätze Hegels sind zugleich auch eminent politisch zu verstehen. Eine Orgie für Hegel, nicht nur heute – mit Champagner. Heute.

[Ende  erster Teil]

Bilder:
1: CC-Lizenz: G.W.F. Hegel mit Studenten Lithographie F Kugler
2: Wikipedia, CC-Lizenz

Christoph Schlingensief

Kurze Tagesnotiz: Könnte man bitte alle Schreiberlinge und -linginnen, die die Phrase „Schlingensief fehlt“ faseln, umgehend töten (frei nach seiner Documenta-Performance) oder aber diese zumindest mit einem 10jährigen Schreibverbot in sämtlichen Medien wie auch im Internet belegen?

PS: ich halte Schlingensief für ästhetisch überschätzt, was die Aktionskunst betrifft – wenngleich auch nicht für uninteressant, wenngleich mir Helge Schneider ästhetisch deutlich näher ist, wobei man beides genauso als ein Sowohl-als-auch sehen kann. Immerhin aber war hier die ästhetische Intervention ins Soziale noch mit einem gewissen Witz und einer Bosheit gepaart, die man bei dem kreuzlangweiligen Zentrum für Politische Schönheit lange schon nicht mehr ausmachen kann: sondern da schlägt der Tugendfuror sich Bahn und in simpler Manier wird platt Politisches zu platter Kunst. Nein: das ist falsch, es ist das, was das ZPK macht weder Schönheit  noch Kunst: denn mißlungene Kunst ist keine Kunst und oktroyierte Schönheit ist in ihrem Wesen häßlich.

Aber vielleicht resultiert mein Urteil in bezug auf Schlingensief auch nur daraus, daß mir seine Fans auf die Nerven gehen – oft dieselben Leute, die ansonsten bei Lisa Eckharts gecanceltem Auftritt zwischen offener und  klammheimlicher Freude schwanken oder nur ein Schulterzucken übrig haben, oftmals jene Leute, die bei jeder ästhetischen oder echten Provokation heute ins Kreischen verfallen. Unter der Ägide derer von Stroh- und Kreischkowski, derer von Bückdich und Mario Schweißfuß wäre der Mann heute gecancelt oder aber kreuzbrav geworden. Man muß Schliegensief  gegen seine Liebhaber verteidigen.

 

Photographie: wikipedia cc-Lizenz

Sommerzeit, Bücherzeit – die Photochallenge (1)

In den sozialen Medien gibt es das Spiel der literarischen Challenge: Man nominiert jemanden, den man mag oder auf den man neugierig ist – eine schöne Form des Interesses, weil diskret. Der Erwählte darf eine Woche lang jeden Tag ein Buch, eine LP oder einen Film postet, die dem Nominierten etwas bedeuten. Ich bin zwar kein Fan von solchen Challenges, Contests und Spielen, außer es handelt sich um Wetshirtwettcontest, aber wenn ich mir Regeln ändern kann, mache ich dabei, also bei der Challenge natürlich, nicht beim Wetshirtwettbewerb, mit. Und ich dachte mir zudem, daß man dieses Prinzip von Facebbook, Twitter oder Instagram auch auf den eigenen Blog übertragen kann, nur mit dem Unterschied, daß ich für den Blog von niemandem ausgewählt wurde und daß ich auch niemanden auswähle: ich werde niemanden nominieren – ich habe keine Freunde und ich kenne auch niemanden, der mit mir befreundet sein will. Und ich werde zudem, wie es bei Büchern meist üblich ist, keine Belletristik oder Lyrik nehmen und auch keine Sachbücher, sondern ich zeige sieben Bücher, die sich in irgendeiner Weise mit Photographie beschäftigen und die mich prägten und faszinierten – seien das Bildbände oder aber Theoriebücher. Und da ich nun mal meine Klappe nicht halten kann und weil ein Blog für Texte zuständig ist, schreibe ich etwas dazu.

Heute stelle ich das erste Buch bzw. zwei Bücher aus dem TimeLife-Verlag vor – es gibt sie noch antiquarisch zu beziehen. Bücher, die zwar aus den 1980er Jahren stammen, die ich aber nach wie vor für gelungen halte und die jeder, der als Anfänger in die Photographie hineingelanngen will, lesen sollte.

Die Kunst der Photographie, Time-Life-Bücher, Amsterdam 1982

und

Die klassischen Themen, Time-Life-Bücher, Amsterdam 1983

Diese Bücher zeigten mir in meinen frühen Jahren des Photographierens, als ich die erste Spiegelreflexkamera bekam, die technischen, wie auch die künstlerischen Möglichkeiten dieses Mediums. Das war Anfang der 1980er Jahre, und bei der Kamera handelte es sich um eine russische Zenit. Und wie es mit allen Künsten ist, spielt das Machen eine zentrale Rolle, in diesem Falle das Photographieren selbst. Man muß losgehen und man muß sich seine eigenen Bilder anschauen, sie mit anderen Photos, mit guten Photos, denen der Profis vergleichen. Segeln lernt man nicht am Hafenbecken, sondern im Wasser. Und Photographieren ist auch so etwas wie eine große Fahrt: Hinaus aufs Meer der ungeahnten Möglichkeiten.

Bei Kapiteln wie „Was die Kamera sieht“, „Grundsätze der Gestaltung“; „Reaktion auf das Motiv“, Photographie und Zeit“, „Abkehr von der Tradition“, „Verwirklichte Prinzipien“ lernte ich Grundlagen. Diese Bücher lieferten Texte zu den Aspekten der Form, die mit Licht und Schatten herausmodeliert werden kann, zur Fläche, die betont wird, zu Farben, die es lohnen festgehalten zu werden. Und vor allem, denn nur so lernt der Photograph nicht nur das Sehen, sondern auch das richtige Betätigen des Auslösers zum richtigen Zeitpunkt, gab es zu den Texten zahlreiche Bildbeispiele, teils von renommierten Photographen. Und das ist gut. Denn Lernen hat auch etwas mit Nachmachen zu tun. Ich schaue mir ein Bild an, es gefällt mir, ich will wissen, wie der Photograph das gefertigt hat, ich mache nach, aber das Nachgemachte ist nicht das Gleiche und auch nicht das Selbe, sondern es prägt sich in diesem Tun langsam eine eigene Handschrift aus. Diese gilt es auszubilden, und im Idealfall helfen einem dabei Lehrer an Kunsthochschulen oder aber man muß es sich selbst beibringen. Das bedeutet freilich: am Ball zu bleiben.

Zu jener Kunst der Photographie konnten mich jene Bücher in einer guten Weise anleiten. Photographieren heißt den Blick zu schulen. Gutes Photographieren bedeutet, eine Szene schon vorab, noch bevor sie ensteht, wahrzunehmen und zu sehen, und auch zu ahnen, wann was geschieht, wenn es sich um Straßenphotographie oder als Spezialfall davon um das Photographieren auf Demos mit Polizeieinsatz handelt. Und es bedeutet zugleich, das, was da passiert, in eine Form zu bringen. Bloßes Draufhalten reicht nicht aus, auch in den digitalen Zeiten nicht, wo man einfach nur den Finger auf dem Auslöser läßt. In der Hoffnung, daß da schon irgendein Bild gelungen sein wird.

Solch gründliches Schauen lernt man bei der analogen Photographie: Ein normaler Kleinbildfilm (von Ilford, Kodak und manchmal Orwo oder Tura: Marken, die ich benutzte) hat 36 Bilder und wenn man ihn sparsam und im dunkeln einlegt sogar 38. Und jeder Film kostete damals zwischen drei und fünf Mark, bei Kodak manchmal sogar sechs. Meterware war ein wenig billiger. Als 16jähriger mußte ich Anfang der 1980er Jahre aufs Geld sehen. So lernt man seine Photos zu dosieren. Auch dazu halfen diese beiden Bücher.

Ich lernte, wie man einen Film möglichst schnell und effizient in eine Kamera einlegt, was man mit einem 105mm-Objektiv machen und was man mit einem 28mm-Objektiv anstellen kann, wie man diesen belichteten Film dann im eigenen Schwarz/weiß-Labor entwickelt, wie man einen Photoabzug anfertigt, denn nachdem das Photo gemacht ist, beginnt der zweite und der nicht minder schwierige Teil im Photolabor, manche sagen sogar, es sei die eigentliche Arbeit, nämlich die Aufbereitung der Photographie: Die Wahl des richtigen Papiers, der richtigen Belichtungszeit, um Kontraste oder nuancierte Graustufen in einem Bild herauszuarbeiten. All das macht der Photograph im Blindflug, denn er sieht sein Ergebnis erst, wenn er nach dem Fixierbad das Rot- oder Orangelicht aus- und das normale Oberlicht einschaltet. Der Faszination, wenn aus den Schlieren des Entwicklerbades sich im Rotlicht die ersten Konturen und Umrisse einer Photographie herauskristallisieren, wäre noch einmal eine Geschichte für sich. Man denke nur, um das Klischee zu bedienen, an den herrlichen Film „Blow Up“ von Antonioni. Wie da auf dem Papier plötzlich ein Verbrechen sichtbar wird. Oder eben auch nicht. Wer je in einer Dunkelkammer stand und vorher einige Filme verschoß, um sie dann zu entwickeln und nachdem sie getrocknet waren man den zu sechs Negativen geschnittenen Streifen in die Kassette des Vergrößerungsgerätes schob, um das Papier zu belichten, bei besonderen Photographien das Format 18 x 24 cm oder 24 x 30 cm, wird diese Faszination nicht mehr los: jener Augenblick, wenn das weiße und noch unbeschriebene Papier ins Bad eintaucht und in der dunklen Kammer, die bei Roland Barthes sinnigerweise eine helle Kammer ist, langsam die Photographie sich herausschält. Immer ein Stück weiter,  von der Kontur zu den Details bis der Photograph merkt: Jetzt muß das Bild raus. Es ist genug und genau richtig so wie es ist.

Vor allem lernte ich mit diesen Büchern, sich dessen bewußt zu werden, was der Photograph mit der Kamera in der Hand macht – Ausschuß produziert man beim Üben eh genug. Und wer dann wie ich ab 1985 eine Nikon F3 sein eigen nannte und in der Hand hielt, der hat auch gegenüber dem Geist dieser Kamera eine Verantwortung. Photographieren ist nicht knipsen.

Lisa Eckhart und der Hohe Spatz von St. Pauli: Oder vom weltanschaulichen Wachschutz

Was in der legendären HBO-Serie „Game of Thrones“ durch die Figur des Hohen Spatz gezeichnet ist, hat sein Vorbild in der Realität: Es stehen dafür Begriffe wie Cancel Culture und Political Correctness, die von den US-amerikanischen Universitäten aus nach Deutschland gelangten, um das Vorgehen einer repressiven bzw. identitätspolitischen Linken zu bezeichnen, die abweichende und nicht genehme Sichtweisen mundtot macht. Und wie so häufig der Fall, gehen sie aus einer Bewegung hervor, die einst etwas Gutes wollte, nämlich reale Diskriminierungen abzubauen und auch solchen Leuten eine Stimme zu geben, die sie bisher nicht hatten. Zwar ist die Situation an US-amerikanischen Universitäten zum Glück nicht mit der an deutschen Universitäten vergleichbar, und insofern sind die Diskriminierungsszenarien nicht übertragbar, aber dennoch zieht mehr und mehr ein unheilvolles Klima der Verdächtigungen auf. Manchmal reicht ein vermeintlich falscher Satz aus, um eine Person zu bezichtigen, gesellschaftlich unmöglich zu machen, ins Abseits zu  bugsieren oder ein Narrativ zu erzeugen, so daß mit dem Namen dieser Person nichts Gutes verbunden ist. Und dies ohne hinreichende Argumente in der Sache, sondern einfach auf Verdacht hin: sei es ein Gedicht an der Wand, wo bereits der Eindruck ausreicht, es könne irgendwie sexistisch sein, ein Kinderbuchautor, wo ein schwarzer Junge und ein Lokführer vorkommen, oder eine Kabarettistin, deren komplexes Programm man nicht recht zu erfassen vermag, und so nimmt man eine Rede eben eins-zu-eins und unmittelbar.

Inzwischen ist aus diesem einmal sinnvollen Ansatz, Diskriminierung zu bekämpfen, ein Hobby geworden, um unliebsame Ansichten loszuwerden: es nennt sich Denunziation oder wenn man es ein wenig akademischer einkleiden will: Hermeneutik des Verdachts. Ohne hinreichendes Argument, auf ein bloßes Insinuieren hin, wird nicht etwa eine andere Sicht kritisiert, sondern von vornherein ausgeschlossen. Immer schön mit dem Hinweis, daß Rassismus keine Meinung sei. Manche möchten Cancel Culture und Political Correctness als irreal abtun, ausgedacht und als Kampfbegriff einer Rechten eingesetzt – was schon aus dem Grunde falsch ist, weil nicht nur Neurechte, sondern ganz unterschiedliche Schichten der Gesellschaft diesen Begriff verwenden, um eine bestimmte intolerante Form des Denkens auf den Begriff zu bringen. Andere wiederum tun so, als wären da ein paar wenige Beispiele, auf denen sich diese Annahme von Cancel Culture gründete: aber auch das stimmt nicht. Die Beispiele im Feld von Kunst und Kultur, wo Auftritte abgesagt, Bücher am besten umgeschrieben oder vom Ladentisch sollen, Denkmäler zerstört, Straßennamen gestrichen, Lesungen unterbunden und Vorlesungen von Identitätslinken niedergeschrien werden, sind inzwischen Usus und könnten einen Blogartikel ausfüllen: all die Orte, wo in Museen Bilder blockiert, freies Reden und Denken behindert und wo selbst im kleinsten Bereich an Kunsthochschulen zu Abschlußausstellungen eine unliebsame Künstlerin angegangen und ihr Bild beschädigt wird, ohne daß die Rektorin dieser Hochschule in Berlin irgend etwas unternimmt, um das zu unterbinden. Am Ende ist es die Künstlerin, die keinen Lehrauftrag erhält, nicht aber werden jene Studentinnen und Studenten der Universität verwiesen, die solche Denunziationen inszenieren. Das Narrativ „Einzelfall“, das von einer bestimmten Literaturwissenschaftler-Bubble auf Twitter und auch sonst von den Identitätslinken im Internet bemüht wird, um solche Tendenz herunterzuspielen, ist schlicht eine Lüge oder aber es soll die Öffentlichkeit täuschen.

Solches Vorgehen des Bezichtigens gab es in Deutschland (und nicht nur dort) allerdings bereits lange schon: mit dem Beginn linker Bewegungen. Es nennt sich Ideologiekritik. Davon existieren zwei Varianten – Zwischentöne seien außen vor gelassen. Einmal eine kluge Form, die jene hinter den Dingen, den Diskursen und den sozialen Szenarien verborgenen Mechanismen zutage fördert, frei nach Marx, daß das, was uns in der Gesellschaft als eine Naturform erscheint, ein gesellschaftlich Gemachtes ist: Diskursanalyse sagen manche auch dazu oder eben Kritik – auch vom griechischen Wortstamm genommen: unterscheiden. Und wie es mit klugen Sachen ist, die in die Hände von Dummköpfen und Tölpeln fallen, wird aus dem guten Sinn schlechter Sinn. Und es entsteht jene vulgäre Dummvariante der Ideologiekritik, die hinter einer Aussage einen tieferen und verborgenen Sinn wittert, der auf Rassismus, Misogynie oder überhaupt einer reaktionären Gesinnung beruht, die man dem Sprecher dann unterjubelt. Und so kann man bequem mögliche Konkurrenten, anderen Gesinnungen, anderen Meinungen das Wort abwürgen und man kann das praktisch genommen bis zum kulturrevolutionären Furor treiben, indem man mit der bürgerlichen Gesellschaft mal grundsätzlich aufräumt. Man selbst ist schließlich im Begriff der Wahrheit, der andere ist es nicht, denn Rassismus  ist keine Meinung und Bourgeois eine klassenverderbliche Haltung.

Jene Linke wird ihre alten Onkel Stalin und Mao nicht los – zum Glück freilich geschieht all das in einer abgeminderten Form. Niemand muß ins Lager: es reicht der Verdacht, um sozial zu ächten, und treffen kann es jeden – auch das gehört zum Spiel dazu: „Auch du kannst der nächste sein. Paß also auf, was du sagst!“ Im Sinne der Psychoanalyse und der Lesart von Paul Ricoeur in seinem Buch zu Freud entsteht jene „Hermeneutik des Verdachts“: man sucht eine Sache so lange nach Symptomen ab, bis der Rechercheur einen entsprechenden Umstand findet. Der Verdacht bestätigt sich post festum. Der Ankläger hat immer recht. Foucault beschrieb in seinem Aufsatz „Nietzsche, Freud, Marx“ in den Dits et Ecrits I dieses Phänomen derart:

„dass die Sprache nicht genau das sagt, was sie sagt. Der erfasste, manifeste Sinn ist möglicherweise nur ein Sinn minderer Art, der einen anderen Sinn schützt, zurückhält und dennoch übermittelt, wobei dieser Sinn der stärkere und ‚darunter‘liegende Sinn ist.“

Und solche ursprünglich einmal sinnvolle Genealogie und Analyse (im Sinne einer Aufklärung und als Kritik, um Strukturen freizulegen, freilich immer unter der Maßgabe der Sache bzw. des Textes) wird dann in seiner pervertierten und herabgedämmerten Form dazu in den Dienst genommen, um nicht nur Irrlehren ausfindig zu machen, sondern zugleich auch bestimmte unliebsame Personen gesellschaftlich zu isolieren. Und wer gibt sich schon gerne mit Rassisten, Antisemiten, Misogynen ab? Politische Sauberkeitserziehung und ein neuer autoritärer Charakter identitätslinker Provenienz.

In „Game of Thrones“ sind die Spatzen eine religiöse Bewegung mit fanatischen Zügen. Teils aggressiv und teils mit Gewalt gehen ihre Jünger gegen Andersdenkende oder ganz einfach nur gegen politisch Unliebsame vor. Angeführt werden sie von Septon, der als Hoher Spatz bezeichnet wird. Sie predigen die Armut, sie sind Bilderstürmer, sie überwachen die reine Lehre. Heute heißen sie identitätspolitische oder aber auch neocalvinistische Linke. Und wie auch die Spatzen, die die Armut in Westeros bekämpfen wollten, die nach dem endlosen Krieg dort herrschte, gingen sie aus einem eigentlich guten Ansatz hervor. Aus Weltrettung oder Revolution aber wird Tugendterror, und eines dieser Erpressungswörter heute heißt Antifaschismus. Wir kennen diesen Tugendterror von Robbespieres Rede „Über die Prinzipien der politischen Moral“, gehalten am 5. Februar 1794 vor dem Konvent:

„Wenn die Triebkraft der Volksregierung in Friedenszeiten die Tugend ist, so ist die Triebkraft der Volksregierung in Zeiten der Revolution zugleich Tugend und Terror: die Tugend, ohne die der Terror unheilvoll ist, der Terror, ohne den die Tugend machtlos ist. Der Terror ist nichts anderes als die schlagfertige, unerbittliche, unbeugsame Gerechtigkeit, er ist somit eine Emanation der Tugend; er ist weniger ein besonderes Prinzip, als ein Postulat des allgemeinen Prinzips der Demokratie, das auf die dringlichsten Anliegen des Vaterlandes angewendet wird.“ (Maximilian Robespierre)

Für die vermeintlich gute Sache ist die böse Tat dann gerade recht und billig. Das Manko eben jeder Revolution, auch der vermeintlich gerechten. Philosophisch genommen impliziert das die Frage nach der Gewalt.

Aber so weit will ich im Rahmen der politischen Philosophie und in diesem Kontext der Cancel Culture nicht ausgreifen, und zum Glück haben die Gesinnungswächter der besseren Welt heute noch nicht hinreichend reale Macht, auch wenn sie gesellschaftlich in Medien wie Zeit-Online, taz oder teils in Deutschlandfunk Kultur bereits hinreichend vertreten sind und den sozialen Support von dort erhalten. Manche Journalisten wollen keine Journalisten mehr sein, sondern gute Allys. Oder wie der Leiter und Moderator des Monitor-Magazins Georg Restle es einmal schrieb: Ein Journalist müsse Haltung haben. Leider meinte er damit nicht die Haltung, eine Sache angemessen darzustellen, auch in ihrem Diffizilen, sondern eine politische Haltung: fürs sogenannte Gute einzutreten. Auch hier wieder instrumentalisiert man den Kampf gegen rechts als Antifaschismus und als Eintreten für die eigene politische Agenda.

In Hamburg nun sollte die Satirikerin und Kabarettistin Lisa Eckhart im Nochtspeicher auf St. Pauli lesen. Es ging um den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael Kühne-Preis, der für das beste deutschsprachige Romandebüt des Jahres vergeben wird. Eckhart macht nicht nur ein bitterböses Kabarett, das sich politisch in kein Schwarz/weiß-Schema des Volker-Pispers-Humors zwingen läßt, sondern sie ist mit ihrem Debüt Roman „Omama“ (am 17. August bei Zsolnay erscheinend) zugleich Autorin. Eine berechtigte Einladung also, unabhängig von ihrem Kabarett, und sie wurde immerhin für dieses Debüt von einer Jury ausgewählt, um zu lesen.

Zunächst lautete die Nachricht, Lisa Eckharts Auftritt wäre abgesagt worden, weil es Drohungen aus der Linksautonomen St. Pauli-Szene gebe, die Veranstaltung zu stören, dann hieß es, daß einige der Autoren nicht zusammen mit Lisa Eckhart lesen wollten. Auch eine Weise, sich eine lästigen Konkurrentin vom Hals zu schaffen. Es geht immerhin um 10.000 Euro Preisgeld, da fallen die Hemmungen. Um mal das Spiel dieser Leute ein wenig zurückzuspiegeln und mit der Hermeneutik des Verdachts und einer sozusagen monetären Psychoanalyse aufzuwarten. Wenigsten offen immerhin hetzt auf Twitter die Autorin Olga Grjasnowa gegen Lisa Eckhart.

In der Presserklärung des Nochtspeichers heißt es dann:

„Seit 2016 ist das „Deplatforming“ bekanntlich fortgeschritten und die Atmosphäre aggressiver geworden. Angesichts der Erfahrung mit der Martenstein-Lesung und nach besorgten Warnungen aus der Nachbarschaft (nicht, wie inzwischen kolportiert, „Drohungen“) waren wir uns sicher, daß die Lesung mit Lisa Eckhart gesprengt werden würde, und zwar möglicherweise unter Gefährdung der Beteiligten, Literaten wie Publikum.“

Das ganze macht die Sache freilich nur noch viel schlimmer, wie in vorauseilendem Gehorsam bereits auf den bloßen Verdacht hin gecancelt wird. Ganz unbegründet ist der Verdacht freilich nicht wenn man an die Martensteinlesung dort im Nochtspeicher denkt, wo es genau diesen Linkskrawall der Gesinnungswächter gab. Auch diese Gewaltdrohkulisse zeigt, wo die Probleme liegen: schon die Möglichkeit, daß Linksextremisten Rabatz machen, führt dazu, daß Lesungen nicht stattfinden. Berichte von Anwohnern sind nun schon der Maßstab, um eine Lesung abzusagen. Darin liegt der Skandal und eben in der Informationspolitik der Betreiber des Nochtspeichers – wobei man da freilich noch genauer die Hintergründe recherchieren und wissen muß, und es stellt sich mir zugleich die Frage, inwieweit vielleicht auch einige der nominierten Autoren Druck machten, um die Lesung mit Eckhart zu verhindern. Man ist gerne unter sich und Pluralität und „Gegen den Haß“ gilt lediglich für die eigene Sichtweise. Aus schönbunt wird dann freilich farblosgrau.

Manche machten nun die Journalisten verantwortlich und taten all das als ein Problem der Darstellung ab, die sich vorauseilend ereifere, um einen Skandal zu erzeugen, dazu mit dem malizösen Hinweis, bzw. der Täter-Opfer-Umkehr, daß ja nun Lisa Eckhart genug Publicity hätte. Aber diese Journalistenschelte ist falsch. Denn Journalisten können nur das berichten, was sie wissen, und wenn dies das Statement ist, so muß es eine Zeitung auch so berichten, und bei der Relevanz solcher Nachrichten und der Mittelknappheit im Journalismus schickt man ob solcher Tickermeldung in der Regel kein Rechercheteam vor Ort. Diese Angelegenheit als Problem des Journalismus zu sehen, greift insofern zu kurz, weil hier Ursache und Wirkung vertauscht werden sollen. Der Skandal liegt immer noch in der Ausladung von Lisa Eckhart und das Goutieren desselben durch die, wie Götz Aly es heute in der „Berliner Zeitung“ zu Recht nennt „politisch korrekt beschränkte Schwarmdummheit“ des „weltanschaulichen Wachschutzes“.

Und damit sind auch jene Autoren im Spiel, die feige, anonym und aus der Deckung heraus ohne ihren Namen zu nennen, nicht mit Eckhart zusammen auftreten wollen. Was für harte antifaschistische Helden! Es geht nichts über eine Haltung und über Menschen, die für eine Sichtweise auch mit ihrem Namen einstehen können.

Nicht einmal dieses Minimum an Tugend ist da noch vorhanden. Erbärmliche Waschlappen! Vor allem hätten diese Autoren-Denunzianten Haltung zeigen und dann mit einer Protestnote namentlich absagen können. Aber das mögliche Preisgeld nimmt man gerne mit und Haltung ist genau dann gut, wenn sie nichts kostet, für lau, nicht einmal den Namen mehr. Wem aber bei einem Wettbewerb ein Teilnehmer oder ein Konkurrent nicht gefällt, der sagt ab und verzichtet auf den Preis und seine Teilnahme. so einfach ist das. Zwar ist dies ein wenig lächerlich, andere Sichtweisen nicht aushalten zu können, aber das muß jeder selbst wissen. Haltung erfordert eine gewisse Konsequenz und auch einen Arsch der Hose. Aber man man hat es gerne bequem. Statt dessen schwärzt und scheißt man Lisa Eckhart an. Haben sich eigentlich die anderen Autoren des Habour- Literaturfestivals mit Lisa Eckhart irgendwie solidarisiert, hat sich irgendeiner der Autoren – Christian Baron, Dominik Barta, Verena Keßler, Daniel Mellem, Benjamin Quaderer, Janna Steenfatt, Sebastian Stuertz – die ebenfalls für den Literaturpreis nominiert sind, solidarisiert? Ein einziger ist mir bisher bekannt, der seine Teilnahme bei diesem Harbour-Festival abgesagt hat, und der stammt nicht aus der Riege der Nominierten: Sascha Reh nämlich. Er schreibt auf Facebook einen offenen Brief:

Sehr geehrte/r Petra Bamberger, Nikolaus Hansen und Heinz Lehmann,
ich ziehe hiermit meine Zusage für meine Lesung beim diesjährigen Harbourfront-Festival zurück. Ich sehe mich außerstande, bei einer Veranstaltung zu lesen, die sich nicht unmissverständlich hinter das Recht auf Freiheit in Kunst und Rede stellt – auch dann, wenn mit Krawall zu rechnen ist.
Frau Eckhardt hat vor zwei Jahren ein Kabarettprogramm aufgeführt, über das man verschiedener Meinung sein kann, aber so ist das eben mit Kabarettprogrammen. Dass Ihre linke Nachbarschaft aus irrigen Gründen daran Anstoß nimmt, zeugt nur von ihrer angestrengten Suche nach Feindbildern und ihrer bisweilen arg verengten Weltsicht; so groß meine Sympathien für viele ihrer Anliegen ist, so sehr missfällt mir diese Kurzsichtigkeit in diesem Fall. Doppelt unrecht hat die Linke, weil es bei Eckhardts geplantem Auftritt nicht einmal um ihr in keiner Weise antisemitisches Programm von vor zwei Jahren, sondern um ihren Debütroman geht, den die betreffenden ProtestlerInnen ebensowenig kennen dürften wie ich. Die Ankündigung, die Veranstaltung zu sprengen, entbehrt also jeder Rechtfertigung.
Ebensowenig finde ich es nun gerechtfertigt, vor dieser Androhung einzuknicken und als Veranstalter damit zu signalisieren, irgendetwas an der Kritik der Linken sei legitim. Dies diskreditiert die Künstlerin, und man muss in diesen hypersensiblen Zeiten wohl auch sagen: die Kunst.
Da auch ich mit meinem neuen Text ebenfalls an der polical correctness kratze, fühle ich mich von Ihrer Hasenfüßigkeit mitbetroffen. Ich bedaure, mich für eine Absage entscheiden zu müssen, denn ich hatte mich sehr auf die Lesung bei Ihnen gefreut. Schade, dass Sie nicht mehr Mut gehabt haben.
Herzliche Grüße
Sascha Reh

Chapeau und Respekt! Solches ist heute selten. Man kann es auch derart wie der Politologe Claus Leggewie auf den Punkt bringen:

„Vieles was jetzt passiert, passiert auf der Basis blanker Gerüchte. Das ist die Entmündigung eines mitdenkenden und womöglich kritischen Publikums – und zwar im Schutz der Anonymität“.

Randalieren auf Verdacht nennt Leggewie dies, und diese Beschreibung trifft es ziemlich genau.

Gerne wird gegen Lisa Eckhart der Satz gebracht „Kabarett sollte nach oben treten, nicht nach unten, …“ Und genau das tut Lisa Eckhart. Sie greift jenen selbstgefälligen linken Mainstream an: jene Denkfaulen und Einsortierer, jenen Oliver Welke-Humor. Und sie weist auf eine Linke, deren Humor inzwischen auf dem Niveau von Leo Fischer liegt. Vor allem aber läßt ihr Kabarett auch die neue Rechte und ihre Denkmuster nicht ungeschoren. Daß Satire drastisch sein kann und daß sie nicht schont, zeigte damals die Crew der Titanic in den frühen 1980er Jahren bis hin zu den frühen 1990ern. Und auch Martin Sonneborn als Chefredakteur von Titanic machte genau das. Heute gibt es dafür einen Kreischalarm. Sonneborn in einem Interview der BLZ vom 8./9. August:

„Aber auch bei mir melden sich unbedarfte 17-Jährige, die sich über alte Aktionen beschweren. Vor zehn Jahren hatten wir ein Wahlplakat. Ich hatte mich schwarz angemalt und plakatiert: ‚Ich bin ein Obama‘. Das war kurz nach Obamas Besuch und der hysterischen Verehrung, die die Berliner diesem – zumindest nicht unproblematischen – Politiker entgegengebracht haben. Ich wollte das persiflieren. Ein US-Journalist hat mich danach nachts angerufen und gefragt, ob das nicht rassistisch sei. Ich sagte: „Das ist kein Rassismus, das ist Schuhcreme.
[…]
Wenn man jeder möglichen Kritik Rechnung trägt, dann dürfte man frei nach Robert Gernhardt nur noch Witze machen über Wüsten und unentdeckte Planeten. In jedem anderen Fall könnte man Betroffene kränken.“

Man kann gar nicht genug diese Arschkriecherlinke auslachen. Synonym für Wokeness? Arschkriecher. Eine Identitätslinke, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Zum Glück aber gibt es das Kabarett von Lisa Eckhart, um diese Saturiertheit – auch in die andere Richtung übrigens – zu destruieren. Und zusammenstehen sollten heute alle jene demokratischen Kräfte, die für eine liberale Gesellschaft einstehen, die die Freiheit des Wortes sichert.

Es gab einmal eine Zeit, da traten Linke für Freiheit der Kunst und die Freiheit der Meinungen ein, auch die Freiheit unliebsamer Meinungen. Heute hat ein Großteil der Linken das Niveau des Bayernkurier erreicht. Inzwischen hoffe ich, daß auf St. Pauli die Gentrifizierung diese Sache regelt.

 

Hiroshima und Nagasaki und die Photographien von Shōmei Tōmatsu

Orkane.
Orkane, von je,
Partikelgestöber, das andre,
du
weißts ja, wir
lasens im Buche, war
Meinung
(Paul Celan)

Vor 75 Jahren begann ein neues Zeitalter, eine neue Qualität des Anthropozän: in dem der Mensch mit einem Male befähigt war, sich nicht nur auf gekonnte Weise und technisch immer ein Stück perfektionierter, vom Schwert zur Kugel, die ins Allgemeine hinein tötet, in Vereinzelung umzubringen, mit Kanonen, Raketen, Bombern, Haubitzen, Panzern und Granaten auf fremde Heere zu schießen und auf begrenztem Raume in einem Krieg zu töten, sondern er ward befähigt, mit einem Schlag die gesamte Menschheit und die Erde auszulöschen. Strahlen und Partikel, die es vermögen, im Atomblitz einen Menschen als Schatten auf einen Gehsteig oder an eine Wand zu bannen. Eine Art von Pompeji, aber als atomater Scherenschnitt.

„Nach 45 Sekunden freiem Fall (nach anderen Angaben erst nach 46 oder sogar 53 Sekunden) zündete die 4,4 Tonnen schwere Konstruktion in genau der geplanten Höhe von 600 Metern leicht nordwestlich über dem Stadtzentrum von Hiroshima. „Als die Bombe explodierte“, beschreibt der Bericht die Detonation, „wurde zuerst ein intensiver Blitz beobachtet, als ob eine große Menge Magnesium entzündet worden wäre. Weißer Rauch hüllte alles ein. Zur gleichen Zeit war zuerst im Zentrum der Explosion und kurze Zeit später in anderen Gebieten ein gewaltiges Brüllen zu hören; danach kamen eine alles zermalmende Druckwelle und intensive Hitze.“ (Welt)

„Um 8.15 Uhr steht das Leben still. Vor 75 Jahren warf um diese Zeit ein amerikanischer Bomber die erste in einem Krieg eingesetzte Atombombe über Hiroshima ab. Drei Tage später ging auch die Stadt Nagasaki unter, über der die zweite Atombombe explodierte. Etwa hunderttausend Menschen wurden getötet, bis Ende 1945 starben weitere Zehntausende Menschen an den unmittelbaren Folgen. Japan kapitulierte wenige Tage nach den Angriffen am 2. September.“ (FAZ)

Bedeutsamer als solche Berichte können manchmal die Photographien sein: als Dokument von Destruktion, Gewalt und Atom ist insbesondere Shōmei Tōmatsus 1961 entstandene Photoserie zu Nagasaki mit dem Titel „11:02 Nagasaki“ zu nennen. Eine seiner bekanntesten Photographen zeigt jene Uhr, die genau zu dem Zeitpunkt ihre Zeiger nicht mehr bewegte, als die Atombombe auf Nagasaki abgeworfen wurde und die nun, 1961 in einem Museum ausgestellt, daliegt und jene Sekunde, das Ereignis, die Zeit selbst im Grunde auf ewig und immer festhält: museal konserviert und doch ein Gedächtnis, das mehr als bloßes Museum ist, wenn man Museum als Synonym für „abgelebt und aus der Zeit gefallen“ nimmt: Tomatsu hält diese Korrespondenz von Katastrophe und musealem Blick auf Geschichte als Ausstellung eines Grauens in einem Bild fest.

Die Photographie jener Uhr, die am 9. August 1945 exakt um elf Uhr zwei stehenblieb. Eine Photographie transformiert sich zum Bild von einer Philosophie des Zeitsinns und des Endes aller Zeiten, zumindest für jene, die in Nagasaki starben oder die daran in Zukunft sterben werden. Und ebenso in Hiroshima heute vor 75 Jahren. Das, was uns museal als Dokument präsentiert wird, ist real.

Die Kraft und die Wirkung der Photographien liegen hier in ihrem ästhetischen Aufbau und der Komposition. Nicht bloße Dokumente, sondern das Spiel mit Licht, die Härte des Kontrastes prägen diese Photographien. Oder aber ein milchig-kontrastarmes Licht, das für die Photographien von Tomatsu eher unüblich ist. Dieses Bild ist klassisch komponiert, still, ruhig, sanft, fast klinisch und doch zeigt sie uns den Tod. Eine Uhr, die aus ihrem Lebenskontext gerissen wurde, denn diese Uhr lag etwa 700 Meter vom Zentrum der Explosion entfernt in der Erde vergraben. Und nun auf einem hellen Hintergrund gebettet, in einem Museum ausgestellt und von Tōmatsu photographiert. Selbst wenn die Betrachter nicht wüßten, woher diese Uhr stammte, befremdet die Anordnung, die Platzierung dieser halb beschädigten, halb intakten Uhr. Das Objekt eröffnet gerade durch das Verfahren der Dekontextualisierung (oder auch: Verfremdung) eine ganz eigene Textur des Bildes, die dem Moment von Geschichte (denn Geschichte ist immer auch Zeit) samt ihrer Destruktion sehr viel näher kommt, als die Photographien, die das Grauen unmittelbar abbilden, wenngleich Tōmatsu auch dieses (dokumentarisch) ablichtete, indem er die deformierten Menschen zeigt, die Nagasaki überlebten.

Drastische Gegenwart einer Vergangenheit, und in der photographischen Geste des Es-ist bannt die Photographie das Faktum in eine Silberschicht. Im Grunde nichts als eine Uhr, die auf einem Hintergrund aus weichem, hellem Stoff drapiert wurde – das Motiv von Vanitas bringt sich in solchen Szenen zur Geltung: Eine Zeit, ohne jegliche Zeit und es harrt alles Leben in Tod und im Regungslosen. Selten daß eine Photographie die Zeit so sehr in ein Abbild zu transformieren vermochte. 21 Jahre danach und bis heute anhaltend.

Den Kontrast zu diesem Stillleben bildet jene Photographie der geschmolzenen Flasche aus Nagasaki, die wie ein Stück Fleisch, wie ein Kadaver wirkt, als deformierter Körper in einem Gemälde von Francis Bacon. Ist das eine Schweinehälfte im Schlachthaus, ein von der Decke hängender, von seinem Kopf abgetrennter Mensch? Was der Surrealismus noch mühsam konstruierte und zu verbinden suchte: die Zufälligkeit und das verzogene, in den Zustand der Auflösung gebrachte Objekt, in einen willkürlichen a- oder besser anders-logischen Zusammenhang versetzt, oder das Traumgebilde, welches entweder aus der Welt gefallen oder nicht von dieser Welt zu sein scheint, das verdichtet Shōmei Tōmatsu in dieser Photographie zu einer vertrackten Komposition. Abstraktion, Gegenständlichkeit, surreale Anordnung und Geschichtlichkeit konvergieren in einem „dialektischen Bild“: Was da derart deformiert daliegt, ist das geschmolzene Glas nach einer Katastrophe.

Auch hier sagt Kunst mehr als eine diskursive Erläuterung: Kunst zeigt, was ist und liefert uns in den Betrachtungen und den Interpretationen einen Spielraum, dies, was kaum irgendwie anschaulich zu machen ist, doch in einen Horizont zu holen. Nicht den der Sinngebung, außer vielleicht man betrachtet das vollständig Sinnlose irgendwie noch als Sinn. In solchen Photographien geschieht vielleicht nicht das, was Adorno die „Rettung des Sinnlosen“ nennt, sondern eher eine Visualisierung dieses Verhältnisses. Ob uns freilich solche Werke mahnen, wage ich zu bezweifeln. Allenfalls halten sie ein Bewußtsein wach.

„Tag der Freiheit!“? Eine Demo in Berlin samt einem Exkurs zu Verschwörungstheorien

Ich habe mir gestern den Spaß gemacht und das Internet abgegrast, um eine Demo zu dokumentieren – statt wie sonst direkt und mit der Kamera vor Ort zu sein. Das geht gut vom Schreibtisch aus, man bekommt keinen Sonnenbrand und man gerät nicht mit Leuten in Kontakt, mit denen man nichts zu tun haben will. Ich bin, obwohl ich solche Ereignisse photographierend in der Regel gerne begleite, zu der Demo der Coronaleugner am 1.8.2020 nicht hingegangen, weil mir das Risiko zu groß ist, von Menschen, die allesamt keine Masken tragen und die spuckend sprechen und rotzen, mich anstecken zu lassen. Wer sich einen Eindruck von der Qualität der Veranstaltung machen will und was ihn dort erwarten wird, der schaue sich dieses Ankündigungsvideo an:

Den Schlußpunkt einer Pandemie – mit bisher rund 680.000 Toten und vielen durch dieses Virus chronisch Kranken mit vermutlich irreparablen Folgeschäden  – kann man nicht per Ordre verkünden: „Das Ende der Pandemie – der Tag der Freiheit“ – und mit Pech wird in Deutschland eher das Gegenteil der Fall sein. On verra. Ob die Veranstalter wußten, daß das Motto der Demo der Titel eines Propagandafilms von Leni Riefenstahl ist: „Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht“, sei dahingestellt. Würde man in jenen verschwörungstheoretischen Mustern denken, wie es ein großer Teil dieser Leute tut, müßte man dahinter wohl eine verborgene  Absicht vermuten. Geheime Codes des Deep-Nazi-State: ist nicht auch die 1 der erste Buchstabe des Alphabets: ein A, es steht für Adolf und die 8 ein H, es steht für Hitler? Da wurde doch sicherlich mit Bedacht dieses Datum gewählt. Der Führer allerdings in seiner Reichsflugscheibe tauchte an diesem Tag nicht auf, um Berlin zu befreien und zurückzuerobern. Keine Armee Wenck. Es verlief alles anders. Aber Scherz beiseite.

Nein, die Veranstalter und ihr Pressesprecher Stephan Bergmann werden Riefenstahl vermutlich nicht kennen – obwohl ich mir bei letzterem nicht sicher bin, wenn man auf seine Gesinnung schaut – dazu mehr weiter unten. Ansonsten freilich: Kulturelle oder gar wissenschaftliche Bildung unterstelle ich den Veranstaltern nicht, aber es gibt immerhin sowas wie Internet, wo der geneigte Veranstalter googlen kann, was es mit einem Slogan auf sich hat.

Nun schätze ich Leni Riefenstein zwar als Bildästhetin, Photographin und Filmemacherin, die wegweisend war, bis heute, und Stripped“ gehört bis heute zu meinen Lieblingsvideos von Rammstein. Weniger aber schätze ich sie als Nazi-Sau und -Akteurin. Und wer es 1935 noch nicht wußte oder meinte es nicht wissen zu wollen, der muß solches dennoch für die Vita sich zurechnen lassen. Einerseits möchten diese Leute als Erwachsene behandelt werden, und tut man es, reden sie sich andererseits auf faule Weise heraus, als ob man es mit einem unmündigen Kind zu tun hätte.

Und das gilt ähnlich auch für die heutige Demonstration. Wer bei sowas mitläuft, sollte sich dies gut überlegen, wenn er zwischen Reichskriegsflaggen und Südstaaten- und QAnon-Fahnen mitmarschiert, er mag auch solche Fahnen nicht billigen oder es ist ihm egal. Ein Veranstalter, der nicht dazu aufruft, solche Fahnen umgehend zu entfernen, weiß ebenfalls, mit wem er da marschiert oder er will es nicht anders und hält um der hohen Teilnehmerzahlen willen und um unterschiedliche und teils schlimme Kräfte zu bündeln, den Mund. Die Reihen fest geschlossen – passend insofern, als auch die NPD zur Teilnahme an dieser Veranstaltung aufrief. Und ebenfalls Leuten wie der Reichsbürger (und Ex-NPD-Mitglied) Rüdiger Hoffmann, der vor dem Reichstag eine Rede schwang. Nicht in Absprache mit den Organisatoren dieser „Tag der Freiheit“-Kundgebung, aber eben doch als Teil solcher Masse. Man kann den Leuten dies nicht eins-zu-eins zurechnen, aber selbst als ein Mensch, der Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona skeptisch gegenübersteht, sollte sich gut überlegen, mit wem er sich da auf den Weg macht.

Transparente wie „Wer in der Coronakrise schläft, wird in der Diktatur aufwachen“, dazu eine Friedenstaube, kann man vielleicht als Naivität oder als Alarmismus besorgter Menschen werten – beides gab es bereits in den 1980er Demos der Friedensbewegung: Le German Angst. Angst ist nicht rational und leider helfen gegen sie oftmals keine logischen Argumente. Und es sind sicherlich nicht alle Teilnehmer dieser Demonstration Reichsbürger und Rechtsradikale – auf den von mir im Internet gesichteten Videos sind unterschiedliche Menschen zu sehen, ein Teil Esoteriker, teils Rechte, teils Leute, die man kaum einschätzen kann, teils aggressive Leute, wie man sie von Pegida kennt. Einige erscheinen wie eine Mischung aus Wutbürger und normaler Bürger, die irgendwie ihren Dampf ablassen wollen. Transparente mit Slogans wie „STRAFVERFOLGUNG FÜR DIE GURUS DER GEMEINGEFÄHRLICHEN SEKTE DER ZEUGENCORONAS“ zeigen den Stand des Bewußtseins einiger dieser Teilnehmer.

Insofern sollten aufgrund solcher Teilnehmer gerade solche, die sich ernsthaft um die Freiheitsrechte sorgen und mitmarschieren, sich überlegen, mit wem sie da teils gemeinsame Sache machen und daß da eine unheilvolle Melange entsteht. Wer ein DIN-A4-Blatt „WER JEDES RISIKO AUSSCHLIESSEN WILL HAT DAS LEBEN NICHT BEGRIFFEN Liebe Freiheit Toleranz“ mag ein Anliegen haben und besorgt sein und solche Leute kann man womöglich in Debatten auch noch erreichen, weil sie vielleicht halbwegs noch bei Sinnen sind.

Bei vielen jedoch, die das Wort „Grundgesetz“ vollmundig heraustönen, vermute ich stark, daß sie dieses niemals komplett und nicht einmal in Auszügen gelesen haben. Denn sonst würden sie solchen Schmarren wie Diktatur und Zwangsmaßnahmen nicht derart unreflektiert herauskrähen – ich empfehle solchen Leuten gerne das Standardwerk von Manfred G. Schmidt „Das politische System der Bundesrepublik Deutschland“, um zumindest die basale politische und gesellschaftliche Organisation dieses Gemeinwesens intellektuell zu erfassen und um überhaupt mitreden zu können: Demokratie bedeutet nämlich keineswegs, daß ich mir wie in einer Cafeteria aussuchen kann, was mir persönlich gut gefällt. Das Grundgesetz ist keine Privatbespaßung, und es ist auch keine Proklamation für einen unbezüglichen Begriff von Freiheit, frei zu allem und zu jedem zu sein und daß jeder tun und lassen kann, was er will, weil sonst ja die eigenen Menschenrechte eingeschränkt würden.

Individualistische Ungebundenheit, tun zu können, was man zu wollen meint, ist keine Freiheit und bloßer Schein von Individualismus zudem. Tatsächliche Freiheit findet sich nicht im Ungebundenen, um mit Hegels Theorie der Freiheit zu sprechen, sondern in der Vermittlung durch Institutionen – eben einem Rechtsstaat, der unter anderem in der Gewaltenteilung besteht und dem Individuum durch das Recht erst seine Freiheit ermöglicht, Individuum zu sein, und vielfach hat die Judikative für die Durchsetzung von Freiheitsrechten selbst in Corona-Zeiten gesorgt – bspw. die Genehmigung der Demos in Stuttgart seinerzeit. Auch ein Aspekt, den viele der Teilnehmer gerne unter den Tisch fallen lassen: dass sie auf den Rechtsstaat spucken, von dem sie ansonsten jeden Tag profitieren. Jene vermeintliche Ungebundenheit, die fälschlicherweise als Recht auf Freiheit verkannt wird, führt zur Vereinzelung des Individuums oder bringt, wie man an den Parolenrufen der Demonstranten sieht, einen verhängnisvollen Kollektivismus zum Vorschein, der sich frei dünkt, in Wahrheit aber der Ausdruck des schlechten Allgemeinen ist, das zu bekämpfen vorgegeben wird.

Im übrigen rate ich jenen, die sich aufs Grundgesetz berufen und es ostentativ in die Höhe halten, einmal kurz einen Blick dort hineinzuwerfen sich den Artikel 11 einmal gut durchzulesen. Als Serviceleistung stelle ich ihn hier ein:

„(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.

(2) Dieses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes und nur für die Fälle eingeschränkt werden, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen würden oder in denen es zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokratische Grundordnung des Bundes oder eines Landes, zur Bekämpfung von Seuchengefahr, Naturkatastrophen oder besonders schweren Unglücksfällen, zum Schutze der Jugend vor Verwahrlosung oder um strafbaren Handlungen vorzubeugen, erforderlich ist.“

Aber weiter zu den Organisatoren dieser Kundgebung. Pressesprecher von „Querdenken 711“ ist Stephan Bergmann, der seine medizinische und wissenschaftliche Expertise mit Büchern wie „Steinwesen im Medizinrad: Das Kartenset zur Arbeit mit der Kraft der Steine“ unter Beweis stellte. Auf der Werbeseite für sein Buch findet sich zudem dieser Hinweis: „Stephan Bergmann, Erfinder der Motherdrum, Entdecker des Motherdrum-Healings und Schöpfer des Heal-The-Earth-Dances samt Motherdrum & FatherSky – Festivals. Vater von vier Kindern und der Motherdrum-Community.“ Das mögen Dinge sein, über die man vielleicht noch lachen kann, dennoch möchte ich von solchen Leuten eigentlich keine Referate zu Covid-19 hören, so wie ich mir etwas Medizinisches über eine Wurzelresektion auch nicht von jemandem erzählen lassen möchte, der mit Heilsteinen würfelt. Aber das kann man noch als Spaß verbuchen. Wer jedoch solche Aussagen teilt, der muß sie sich zurechnen lassen.

 

(Bild entnommen dem „Tagesspiegel“, in jenem Artikel finden sich weitere Hinweise zu Bergmann.)

Und wer solche Menschen als Pressesprecher beschäftigt – also jemand, der für die Außendarstellung und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist -, muß sich dies ebenfalls zurechnen lassen.

Das Problem auf dieser Kundgebung sind aber nicht primär jene Nazis dort, Rechtsextremisten teils, die vielen Aluhüte und einige Reichsbürger, die den Reichstag stürmen wollen – ob sie nun wenige sind oder nicht und inwiefern solch esoterischem Gewäsch irgendwelcher Friedenstrommler ein autoritärer Charakter unterlegt ist, bleibt dafür gleichgültig. Das Problem ist die ungeheure politische Naivität dieser Leute und die Chuzpe mit der Dummköpfe simulieren, sie seien Wissende. Wenn man sich die Rede des GEZ-Verweigerers Heiko Schrang anhört und dazu jene, die Beifall klatschen, dann kann man ermessen, was ich damit meine:

„Wir sind nicht getrennt, ich bin oben, wir sind unten, wir sind alle eins, und ihr wißt es, ihr spürt es im tiefsten Inneren. Und der Mainstream hat eins gemacht, er hat jahrzehntelang uns geteilt, er hat dem Lebenssinn von uns verkehrt.“

Zwischen Selbstüberschätzung, billiger Rhetorik und einer pauschalen und leerlaufenden Medienkritik, ist in solchen Reden keine Substanz zu finden: Es geht darum, den Jubel der Gleichgesinnten zu organisieren – egal mit was für haarsträubenden Thesen – und das ist das eigentliche Problem dieser Leute, die solchem Blödsinn zujubeln. Auch das muß man sich zurechnen lassen. Und ebenso müßte man die übrigen Reden dieser Veranstaltung  einmal auf ihre Inhalte und ihre rhetorische Struktur hin untersuchen. Es kommt freilich solcher Blödsinn, das muß man dazu sagen, nicht nur auf jenen Demos der Aluhüte zum Tragen, sondern zieht sich durchs gesamte politische Spektrum. Solche Vögel wie Heiko Schrang  allerdings sind dann schon ein Spezifikum, das man vermehrt auf dieser Art von Demonstration antrifft – auch wenn man sich einige der Reden auf Pegida- und AfD-Kundgebungen anhört.

Das vermeintlich kritische Bewußtsein gleicht dem des Paranoikers. Und auf ähnliche Weise arbeiten auch die Verschwörungstheorien. Sie funktionieren als ein sich selbst stützendes Zirkelschlußsystem: Man setzt eine Annahme X per se als wahr (DER Islam, DIE Medien, DIE Juden, DAS System, die im Geheimen etwas Übles bewirken und konstruiert ein Kollektivsingular) – sei es, weil man diese Annahme einfach dogmatisch postuliert oder weil man einzelne Beispiele sich herausgreift und von „einige“ auf „alle“ schließt (mereologischer oder auch induktiver Fehlschluß). Das, was dann per ordre und im dogmatischen Gestus als wahr gesetzt wurde, bestimmt im weiteren Verlauf alle übrigen Interpretationen der sozialen Wirklichkeit und bestimmt auch die Ausführungen sowie die Fakten, die dann genau unter diesem dogmatisch gesetzten Aspekt gedeutet und zurechtgebogen werden. Jedes Zeichen, jede Aussage, jede Meldung kann dann bequem sortiert und eingeordnet werden: „Merkel-Diktatur, Medienhuren etc., Islam oder Judenverschwörung oder gleich wahlweise beides: Slogans wie Ostküste und Rothschild fungieren als Erkennungsmarke oder zeigen eben eine verborgene Absicht dunkler Geheimmacht an. Und so läßt sich auf diese Weise bequem eine in sich konsistente Wirklichkeit konstruieren, das auf der Basis von „Wir hier mit der Wahrheit“ und „Die da mit der Lüge“ arbeitet. Schlichte Dichotomisierungen zeichnet solches Denken aus. Daß die Welt komplexer ist als ein binäres Schema, gerät aus dem Blick oder wird im eigenen Überzeugungsfuror eben unterschlagen.

Verschwörungstheorie funktioniert zudem als Confirmation Bias oder wie in dem alten Witz: Fährt ein Mann auf der A2  und hört im Radio Verkehrsfunk: „Achtung! Auf der A2 kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen!“ „Einer“, kreischt der Mann, „Hunderte!“. Markiert und gesehen wird einzig das, was ins eigene Raster paßt.

Verschwörungsdenken braucht aber noch etwas, um geglaubt zu werden: Es muß einen Ansatz von Wahrscheinlichkeit geben, damit man Gehör findet: Wenn einer behauptet, der Regen fiele in Wahrheit von unten nach oben, aber die Bundesregierung verschleiere uns das durch Trugbilder, wird dieser Mensch kaum Glauben finden. Wenn man aber Hinterzimmermächte ins Spiel bringt, auf Realem basierend, sieht die Sache schon anders aus: Lobbyisten gibt es zuhauf und wer „CIA“ und „Geheimoperationen“ als Begriffe googelt oder Tonkin-Zwischenfall wird schnell fündig. Ebenso wird man fündig bei unsauberen Verquickungen von Journalisten mit den Regierenden oder wenn man ihre Beziehungen zu einer transatlantischen Freundschaftsorganisation herausgreift, die es realiter gibt, man schaue auf Joachim Bittner, Claus Kleber oder Josef Joffe. Und wenn man um diese Sachverhalte weiterhin eine große Erzählung spinnt und jegliches Ereignis diesem singulären Umstand unterordnet und darauf justiert, dann erhält man eine Großerzählung und ein Narrativ, das für viele stimmig wirkt: etwa solche wie: der Konflikt mit dem Iran diene nur dazu, uns von anderen wahren Problemen abzulenken. Es muß in der Verschwörungstheorie ein Körnchen Wahrheit stecken, und darauf kann dann die Simplifizierung und die gesamte Rhetorik einer solchen Großthese gebaut werden. Die weiteren komplexen Mechanismen von Entscheidungsfindungen, kritischer Gegenöffentlichkeit oder geopolitischen Überlegungen unterschlägt man. Ebenso den Aspekt, daß es möglicherweise auch andere Interpretationen und Sichtweisen der Weltpolitik gegeben könnte als die eigene.

Ganz falsch freilich ist also all das eben nicht. Haha zu machen: dem CIA käme doch nie in den Sinn, einen gewählten Staatspräsidenten umzubringen oder aus dem Amt zu jagen, ist durch die Geschichte bereits hinreichend widerlegt. Dennoch sollte man in der Analyse solcher Zusammenhänge immer die geschichtlichen und gesellschaftlichen Komplexionen im Blick behalten und solche Umstände nicht zugunsten vereinfachter Sichtweisen im dualen System aufzulösen und dann monothematisch zu besetzen. Solche manichäische Sicht ist auch bei Corona-Leugnern anzutreffen. Freilich ist auch die Gegenseite in ihrem Furor oftmals nicht besser und fährt dogmatisch.

Wenn die Bezirksbürgermeisterin von Kreuzberg Monika Herrmann twittert „Wir haben es aber laufen lassen – was ich für einen großen Fehler halte.“, dann sollte sie dazu sagen, daß ebenso die Black Live Matters-Demo vom 6.6.2020 in Berlin ohne jegliche Abstandsregeln verlief und viele Menschen dort ebenfalls keine Masken trugen oder aber nur nachlässig. Doppelte Standards machen eine Kritik problematisch im Hinblick auf die eigene Glaubwürdigkeit.

Burks schrieb zur heutigen Demo auf Facebook:

„Wo sind die Sozialdemokraten Ebert, Noske und Zörgiebel, wenn man sie mal braucht?“

Mehr ist eigentlich zum heutigen Tag für Berlin nicht zu sagen, könnte man entgegen. Aber vielleicht will ein Freund des Rechtsstaates eben doch keinen Noske, denn anders als eine Vielzahl der Demonstranten es glauben, ist Deutschland eine Demokratie und eine Rechtsstaat: es schießen keine Soldaten in die Menge der Demonstranten wie in Peking, es knüppeln keine Omon-Truppen wie in Rußland ohne Grund plötzlich eine Demo nieder. Allerdings: das Behindern der Pressfreiheit bei der Rednertribüne der gestrigen Demo hätte zwingend einen Polizeieinsatz zur Folge haben müssen, sofern die Veranstalter der Demo nicht umgehend den Zugang der Presse zur Tribüne ermöglichten. Verdi twitterte:

#b0108 15:24 Die Pressefreiheit verkommt zur Farce. Vor Ort ist die Polizei nicht „in der Lage“ die Pressefreiheit für Pressebereich vor Bühne durchzusetzen. Sie verweist seit ca 1,5 Std. auf den Pressesprecher der vor Ort irgendwann kommt und das dann regeln soll.

Der Umgang der Demonstranten mit der Presse ist, wie auch das erste Video oben zeigt, nicht immer unentspannt gewesen. Ebenfalls ist in diesem Video vom rbb zu sehen, wie ein Mann im Wallewalle-Gewand und mit einer Trommel einen Kameramann des rbb anspuckt.

Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut. Es gilt auch für Covidioten und solche, die aufs Tragen von Masken verzichten und es billigend und bewußt in Kauf nehmen andere Leute anzustecken und ggf schwere Krankheitsverläufe zu provozieren. Allerdings gibt es eben auch kein Grundrecht darauf, andere Menschen in Gefahr zu bringen. Und genauso gibt es auch das Recht auf Gegenprotest, um darauf aufmerksam zu machen. Zumal diese Leute brav ihre Masken trugen..

Stefan Liebich (Die Linke) twitterte heute:  „Ihr seid keine Querdenker. Ihr seid gefährliche Spinner!“

Zu einem großen Teil stimmt das leider, insbesondere was das ostentative Nichttragen von Masken betrifft. Nur hilft die Wut oder das Gepöbel der anderen, der sich besser dünkenden Seite, am Ende nicht wirklich, jene noch irgendwie erreichbaren Menschen, die da heute auf der Demo in Berlin mitliefen, zu erreichen. Ich fürchte aber, daß wir schon lange in einer Spirale der Wutkommunikation stecken, aus der es kaum noch einen Ausstieg gibt. Allerdings: Wer mit Reichsbürgern, Rechtsextremisten, der NPD, Compact zusammengeht, muß sich dies dann am Ende des Tages schon zurechnen lassen.