Zur Krise der Literaturkritik

„Wer nach langen Emigrationsjahren wieder in Deutschland sich befindet, spürt den Verfall der literarischen Kritik. Es mag dabei Selbsttäuschung im Spiel sein. Der Vertriebene neigt dazu, den geistigen Zustand in Deutschland in der Zeit vor Hitler zu verklären und den Gedanken an all das zu verdrängen, was damals schon die faschistische Barbarei teleologisch in sich trug. Erinnert man sich an den Kampf, den Karl Kraus gegen die literaturkritischen Prominenzen führte, an den von ihm unerbittlich erbrachten Nachweis ihres Konformismus, ihrer Inkompetenz, ihrer Schlamperei, Wichtigmacherei und Unverantwortlichkeit, so wird man sich aller Illusionen über den damaligen kritischen Großbetrieb entschlagen. Aber gerade Karl Kraus hat im Negativen zwischen Dummheit und Gemeinheit, zwischen Mittelmaß und Inferiorität, zwischen dem Schmock und dem Kaffern zu unterscheiden gewußt. Es liegt im Sinne solcher Unterscheidung, daß man den heutigen Zustand, in dem der Geist kritischer Freiheit und Autonomie in Deutschland zu fehlen scheint, abhebt von einer Periode, in der die Kritik sich mag aufgebläht haben, aber wenigstens noch dem sogenannten geistigen Leben gegenüber ein Element von Unabhängigkeit bewahrte.

[…]

Die faschistische Autorität ist zergangen, aber übrig geblieben ist von ihr der Respekt vor einem jeglichen Bestehenden, Anerkannten und sich als bedeutsam Aufspreizenden. Ironie, geistige Beweglichkeit, Skepsis gegen das, was nun einmal da ist, hat nie in Deutschland hoch im Kurs gestanden. Solche geistigen Verhaltensweisen wurden auch während des liberalen Zeitalters mit schlechtem Gewissen, als eine Art illegitimer Reiz genossen. Sie galten für unsolid: stets mißtrauten das Feuilleton und das Akademische einander. Das Element der produktiven Negativität geht nun offenbar der heute in Deutschland Kritik übenden Generation weithin ab. Entweder man traut sich nicht, oder der Versuch bleibt hilflos. Polemiken wie etwa die, welche vor einiger Zeit Alfred Polgar im ‚Monat‘ dem Opus des Herrn von Salomon widmete, sind seltene Ausnahmen. Wird negativ geurteilt, so geschieht es eher im Sinne des autoritären Dekrets als dem des Eindringens in die Sache. […] Meist aber beschränkt sich die Kritik aus Mangel an Freiheit, Distanz und vor allem wirklicher Kenntnis der sachlichen Probleme, in deren Bewältigung künstlerische Arbeit wesentlich besteht, auf eine Art gehobener Information. Oft fällt es schwer, den Kritiker vom Waschzettelschreiber zu unterscheiden, wie ich mir umgekehrt habe erzählen lassen, daß jüngst ein Literaturkritiker, anstatt sich mit dem ihm vorliegenden Buch zu befassen, sich auf die Kritik des Waschzettels beschränkte.

[…]

Als Lessings helle Rationalität den äthetischen Rationalismus durchschaute, Heine die zum Genrehaften und Reaktionären verkommene Romantik angriff, als Nietzsche die Sprache des Bildungsphilisters bloßstellte, trug sie alle die Teilhabe am objektiven Geist. Selbst Karl Kraus, der den Expressionismus der Baller und Steiler bekämpfte, aber Georg Trakl entdeckte, wäre ohne jene geistige Bewegung nicht vorstellbar gewesen. Daß es heute eine damit irgend vergleichbare Tendenz des objektiven Geistes kaum gibt, und daß, was etwa noch an avantgardistischen Intentionen sich vorwagt, sofort in Gefahr steht, zur Spezialität zu verkümmern, reduziert Kritik zur beliebigen, unverbindlichen Meinungsäußerung.

Noch die Aussage, daß an der Sterilität der Kritik die Sterilität der Produktion Schuld trage, griffe zu kurz.Der wahre Grund ist die Neutralisierung der Kultur, die weiter weist wie zufällig von den Bomben verschonte Häuser, und an deren Substantialität keiner mehr recht glaubt. In solcher Kultur wird der Kritiker, der sie nicht selber beim Namen nennt, notwendig zum Mitmacher und verfällt der Gleichgültigkeit seiner Objekte, in denen die geschichtlichen Kräfte des Zeitalters zwar stofflich erscheinen, kaum je aber das Gestaltete selber tragen. Die Aufgabe der Literaturkritiker scheint an weiter und tiefer greifende Besinnungen übergegangen, weil die ganze Gattung Literatur heute nicht mehr die Dignität beanspruchen kann, die ihr noch vor dreißig Jahren zukam. Nur der Literaturkritiker würde seiner Aufgabe noch gerecht, der über diese Aufgabe hinausginge und etwas von der Erschütterung in seinen Gedanken registrierte, die dem Boden widerfuhr, auf dem er sich bewegt. Das könnte aber nur gelingen, wenn er zugleich in voller Freiheit und Verantwortlichkeit, ohne alle Rücksicht auf öffentliche Geltung und Machtkonstellationen und zugleich mit der genauesten artistisch-technischen Erfahrung sich in die Gegenstände versenkte, die ihm vorkommen, und den Anspruch aufs Absolute, der noch dem erbärmlichsten Kunstwerk verzerrt innewohnt, so schwer nähme, als wäre es das, wofür es sich gibt.“
(Th. W. Adorno, Zur Krisis der Literaturkritik, veröffentlicht 1952/53)

Dieses Passage kann man unkommentiert stehenlassen. Sie spricht und steht für sich. Auch was den Geist der bösen und bissigen Kritik, gerade im Sinne eines Karl Kraus betrifft, der heute fehlt, um jene scheinheiligen Lemuren – von links wie von rechts – aufzuspießen. Von der mißlungenen Literatur ganz zu schweigen. Man kann das insgesamt als eine Krise der Kultur begreifen. Immerhin aber ist es möglich zumindest diesen Umstand auszusprechen.

 

 

20 Gedanken zu „Zur Krise der Literaturkritik

  1. Na ja, wenn ich mir Adorno vergegenwärtige mit „Alles, was heutzutage Kommunikation heißt, ausnahmlos, samt der dringlichen Kritik daran, ist nur der Lärm der die Stummheit der Gebannten übertönt. Jegliche Kultur nach Auschwitz ist Müll.“ so mag das einmal gestimmt haben, in dieser Zuspitzung würde ich das heute aber nicht mehr als richtig bezeichnen. Eher würde ich sagen „Es existiert eine Grundtendenz in diese Richtung.“

    Was die Fackel angeht, so verhält es sich mit ihr wie mit Peter Paul Zahls Metapher vom Harten Kern. Er ist immer ungenießbar und wird ausgespuckt. Bei gutem Boden wächst ein Baum aus ihm.

  2. Meines Wissens gab es auch in den 70ern/80ern eine Zeitschrift „Die Fackel“, die aber nichts mit der Kraus-Fackel zu tun hatte, sondern ein Diskussionsforum der Bewegungslinken war.

  3. Adornos Satz von Kultur und Kommunikation, wie auch diese Zeilen zur Literaturkritik, (die ja zudem nur ein kurzes eher feuilletonistisches Statement sind), muß man immer auch aus seiner Zeit herauslesen: das ist richtig. Und man sollte auch, die selbstreflexive Komponente darin nie überlesen, was bei vielen Adorno-Kritikern leider getan wird:

    „Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation.“ (Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft.)

    In diesem Sinne ist Adornos Dialektik eine negative. Die Passage vom Gedicht hat Adorno dann in seiner ND vorsichtig revidiert, und er hatte zudem vor, nach seiner Ästhetischen Theorie ein Buch über Celan zu schreiben.

    An die FACKEL von Karl Kraus kommt kaum ein Blatt heran. Nicht einmal die Titanic in ihren besten Zeiten, nämlich den frühen und bis spätmittleren 1980ern. (Heute ist das Blatt ein Dreck, weil Predigt für die eigene identitäre Gemeinde)

    Adorno und Kraus sind zwei spannende Variante der Kultur- und Sprachkritik. Dazu noch Benjamin. Wobei Kraus von Benjamins Kraus-Aufsatz nicht wirklich angetan war. Karl Kraus über W. Benjamins Essay „Karl Kraus“: „Ich hatte diese Arbeit, die sicherlich gut gemeint war und wohl auch gut gedacht ist, im wesentlichen nur entnehmen können, daß sie von mir handelt, daß der Autor manches von mir zu wissen scheint, was mir bisher unbekannt war, obschon ich es auch jetzt noch nicht klar erkenne, und ich kann bloß der Hoffnung Ausdruck geben, daß sie die andern Leser besser verstanden haben als ich. (Vielleicht ist es Psychoanalyse)“ (Karl Kraus, Die Fackel 852-856, S. 27)

  4. Dass der Noergler eine Figur von Kraus und Don Alphonso eine von Mozart ist sagt nebenbei auch einiges aus;-)

  5. Na toll,… „Entweder man traut sich nicht, oder der Versuch bleibt hilflos“(!) es gibt sicher noch eine dritte Aussicht auf Hilflosinge Angehsweisen aber diese mit einer, ich würde fast sagen Anrufung herzutreiben liegt bei dir und der Tatsachenkonflikte („Meist aber beschränkt sich die Kritik aus Mangel an Freiheit, Distanz und vor allem wirklicher Kenntnis der sachlichen“) mehr in dem Thema zu erfahren. Diese sich für mich in einer eher unbehänden art sich gegenüber der Nutzlosigkeit vermutlich, hinwegzusetzen an Logischem und gleichzeitig Würdevollem ergibt kein Sinn, kommt ab dort aber Wahrheitsgemäß rüber im Text. …etwas Waschzettel muss sein. Weiter so!

  6. Hinweis Bersarin:
    Dieser Kommentar wird dem Kommentierenden zur Überarbeitung zurückerstattet. Zunächst mal in der Art zu überarbeiten, daß in dem Kommentar Sätze stehen, die verständlich sind. Zum richtigen, verständlichen und auch guten Deutsch sowie zum Satzbau empfehle ich zur Vorbereitung immer noch von Wolf Schneider „Deutsch für Profis“. Dann gehört weiter zur Überarbeitung, daß in einem gelungenen Kommentar die Problemlage exakt herausgearbeitet wird und nicht in Sphären des Ahnens und Wähnens geschrieben wird: etwa wenn dem Herrn Karge ein Satz Adornos unverständlich erscheint, frage er nach. So wie ich hier nachfragte. Nachfragen geht so: den entsprechenden Satz zitieren und daneben dann ein „Das verstehe ich nicht“. Ich kann da in der Regel aushelfen. Wenn in einem Kommentar Thesen oder Behauptungen aufgestellt werden, dann werden sie bei mir im Blog begründet. Dieser Blog ist kein Forum für Meinungen. Wer Meinungen verbreiten will, macht das bitte woanders. Begründungen haben im Satzbau die Struktur, daß der an die These anschließende Nebensatz mit Konjunktionen oder Subjunktionen wie „weil“, „denn“, „deshalb“, „darum“, „deswegen“ beginnt.

    Wenn dies verstanden und beachtet wurde, wird Dein Kommentar freigeschaltet,

  7. Fernes Licht
    Fernes Licht mit nahem Schein
    wie ich mich auch lenke,
    lockt es dich nicht dazusein,
    wenn ich an dich denke?

    Wo du bist, du sagst es nicht
    und du kannst nicht lügen.
    Nahen Schein von fernem Licht
    läßt du mir genügen.

    Wüßt‘ ich, wo das ferne Licht,
    wo es aufgegangen,
    naher Schein, er wehrte nicht,
    leicht dich zu erlangen.

    Fernes Licht mit nahem Schein
    mir zu Lust und Harme,
    lockt es dich nicht da zu sein,
    wenn ich dich umarme?

    Ich wüßte nicht nicht, wo Goethe, Trakl, Hölderlin, Celan, Benn oder Rilke dem gleichkämen.

  8. Richtig, und es ist falsch, Kraus nur auf die Rolle des Kritikers zu reduzieren. „Die letzten Tage der Meschhheit“ würde ich gerne mal als Bühnenstück sehen. Wahrscheinlich ist es aber so wenig aufführbar wie „Finnegans Wake“.

  9. @Nörgler: Es ist zwar richtig, daß Kunstwerke einander spinnefeind sind, wie Adorno es einmal ausdrückte, denn jedes will für sich bestehen. Dennoch würde ich unter dem Aspekt der Ausfaltung eines Geschehens bzw. unter einer vielschichtigen Optik und Blickachse, mit der man auf einen Umstand wie etwa den der Liebe oder der Natur oder auch auf das Grauen blicken kann, unterschiedliche Formen des Dichtens in Anschlag bringen wollen, die schwierig vergleichbar sind. Benns „Einsamer nie“ ist anders als Kraus (wenngleich Ausdruck und Ton in Kraus‘ Gedicht ungeheuerlich sind), und Hölderlin will sowieso eine Liebe nennen, die tief und weit zurückliegt und mit so etwas wie Geschichte, Sein und Versöhnung verkoppelt ist. Benns Liebesgedicht trifft einen anderen Ton als das von Kraus und hat ebenfalls eine Ausdrucksqualität – in anderer Weise freilich als dieses herrliche Gedicht von Kraus. Immerhin aber: wir sind bei all den von Dir genannten Namen auf der Gipfelhöhe der Dichtung.

    Richtig ist aber auf alle Fälle, daß die Qualität von Kraus als Lyriker dringend einmal herausgestellt werden sollte. Und in diesem Sinne stimme ich Deinem Beitrag völlig zu, daß man Kraus aus der Ecke des bloß polemischen und scharfen (Gesellschafts)Kritikers herauszuholen hat – auch wenn wir diesen nicht missen wollen. Aber man muß es wohl so sagen: Kraus‘ Polemik, sein kritischer Blick, sein Sinn für Sprache, die nicht einfach so daherplappert (und wir alle stehen im Schatten von Kraus und sind da meist, was das Sprachbewußtsein betrifft, Zwerge) setzt eben ein hohes Maß an Empfindsamkeit voraus. Ein Gespür, für das man vielleicht das leider schlechte und verbrauchte Wort Sensibilität in Anschlag bringen kann. Mit Adorno gesagt vielleicht jene Fähigkeit zur Erfahrung und das ungeheure Talent, diese ausdrücken und in eine adäquate Form bringen zu können, ohne daß es nach Zwang und nach Gepreßtem ausschaut.

    @che: Das wäre sicherlich interessant und ich denke auch, daß es möglich, aber eben auch ungeheuer schwierig und ein ästhetisches Projekt ist, das sich über mehrerer Jahre vermutlich erstrecken wird.

  10. Erst mal das: Es wird auf ewig mir verborgen bleiben, warum das Nörgler-Pic mal erscheint und mal nicht. Aber es ist dem Menschen nicht gegeben, der Natur und der Schöpfung die letzten Geheimnisse zu entreißen.

  11. „Die letzten Tage der Meschhheit“ würde ich gerne mal als Bühnenstück sehen.“
    Hättest Du längst dutzendfältig können.
    „Wahrscheinlich ist es aber so wenig aufführbar wie „Finnegans Wake““. Samuel Becketts Romane erfüllen das, was James Joyce gerne gewesen wäre, aber nie rreicht.

  12. Das Verschwinden und dann wieder das Erscheinen des Bildes ist mir ein Rätsel, aber vielleicht auch so etwas wie göttliche Fügung und Schicksal.. Es ist vielleicht wie in jenem Hölderlin-Gedicht „Anrufung des Dichters“: einmal heißt es: „Solange der Gott uns nahe ist“ und dann „Solange der Gott nicht da ist“.

    Hier eine schöne Szene mit Fritz Lang in Godards „Die Verachtung“:

  13. @noergler „Hättest Du längst dutzendfältig können.“ : Meines Wissens ist das in voller Länge nie aufgeführt worden. Ich kenne einzig aus meiner Schulzeit eine Version („Serbien muss sterbien“) die etwa ein Fünftel des Gesamtinhalts umfasst.

  14. lange nicht mehr vorbeigeschaut, ich bedanke mich aber fürs ausgiebige Adorno-Zitieren. Natürlich aus reiner Faulheit lange nicht mehr mit Adorno beschäfitgt. Und sei es „nur“ auf deinem Blog – danke also natürlich fürs Adono-Trinken das du mir mal wieder ermöglicht hast. Manchmal „trinke“ ich Adorno einfach nur zur Stabilisieung meines „Systems“ …

    Zur „Krise“ der Literaturkrik aber: Um von einer solchen mit erhobener Augenbraue zu sprechen, müsste doch eigentlich der Literatur oder sogar der Kritik einge gewisse Wichtigkeit zugemessen werden: – genau das mag ich ja an Adorno, dass er solchen oder ähnlichen Auffassungen anzuhängen scheint, fast naiv: Niemand würder heute noch beiderlei noch eine solche Relevanz zumessen, um sich zu einer solchen stilistischen Brillanz hochzuschwingen.

    Wie immer bei mir: immer mit der banalsten Idee anfangen: Gibt es noch eine Literatur, die eine solche anspruchsvolle Kritik überhaupt verdiente? Ich entdecke da kaum etwas in dieser sich ausbreitenden Leere. Grimmelshausen, Proust, Thukidides, Aristopohanes, das wäre Litaratur. Es gibt natürlich immer wieder zeitgenössische Autoren, Autorinnen. Profis in ihrem Fach, bewundernswert, was sich alles stilistisch perfekt mit der deutschen Sprache anstellen lässt …

    Aber … nein, gibt es nicht. Was soll also die Klage über die auf den Hund gekommene Kritik, wenn sich ihr gar kein würdiges Material mehr bietet? Nächster Gedanke: Früher (i. d. 90ern) kamen einem ncht selten aus Künstler/Kritikerkreisen zu Ohren, dass sich Kunst und Kritik „in einem paranoiden Verhältnis“ zueiander befänden. Kritik übernähme teilweise die Rolle der Kunst und Kunst die der Kritik. Kritik kann oder sollte auch mal Kunst sein, Kunst würde sich sebst (kritisch) reflektieren. Jetzt aber scheinen sich beide, Kritiker wie Künstler, leergeschrieben bzw. „leergestaltet“ zu haben, wofern überhaupt noch von „Gestaltung“ geredet werden kann.

    Es war doch von Anfang an abzusehen, dass dieses paranoide System dieser einander hervorbringenden Syteme sich irgendwann leerlaufen würde. Ich verstehe nicht ganz dieses Gejammere über diesen Phantomschmerz der fehlenden und lesenswerten Litaraturkritik.

    Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Zeit von vor etwa ü 5 Jahren. Da wurde ähnlich – aber klarerweise weit entfernt von irgendwelcher adornitischen Emphase – darüber lamentiert, dass die Literaturkritik, die lesbar in z.B. Zeitungen veröffentlicht wurde, an Niveau so sehr eingebüßt hätte. Stimmte natürlich, Literaturkritiken lasen sich immer mehr wie Klappentexte, wie Werbung von oder für Verlag XY.

    Frustriere Feuilltonisten, die um ihre Jobs bangten, und nicht selten am Anfang ihrer Karriere standen. Diese Affäre wurde auch ausführlich im Perlentaucher dokumentiert, es waren sogar E-Mails zu lesen (später nicht mehr verlikt und nicht mehr zitierbar), die einander geschickt worden waren. Natürlich alles berechtigt, da sich Literaturkritiker zu Werbeschreibern für Verlage herabgewürdigt sahen. Damit offenbarte sich aber die eiegntliche Katastrophe: Die Literaturkritiker, die sich über den Niedergang ihres Genres beklagten, benutzten dafür eine Sprache, die formal, was die Rechtschreibung betrifft und auch in jeder anderen Hinsicht jedem Lektor oder Lektorin nur wochenlange Angstalpträume hätte einbrocke müssen.

    Liegt natürlich nur am Zeitdruck und an der lächerlichen Vorstellung, man müsste teilnehmen an dieser ekelhaften Wohlstandsgesellschaft. Einfach Schulden ansammeln und langsam verhungern, wo ist eigentlich das Problem?

    Sehr mochte ich da „tellreview“ (wo sich einige hier ehemals sehr ehrenhaft Kommentierende beteiligen). Aber ich habe das Projekt vielleicht nicht richtig eingeschätzt: Ich hatte gehofft, dass als Gegenbewegung Laien, also ganz normale Leser/innen mit größtmöglicher Emphase von ihren (positiven) Ledererlebnissen berichten.

    Dafür müsste doch das Netz gwenug Platz bieten … Da könnten auch mal ein paar Redundanzen vorkommen (denn Redundanz ist auch Höflichkeit gegenüber dem Leser), wie etwa in diesem Text, an den ich mich zufällig erinnere und der zufällig auf diesem Blog veröffentlicht wurde.
    https://bersarin.wordpress.com/tag/work-hard-play-hard/
    Ist natürlich keine Literatur- sonders eine Filmkritk. Aber warum es nicht einfach mal überschießen lassen, auch wenn es etwas redundant wird? Das ist auch „Höflichkeit gegenüber dem Leser“, ihn oder sie einfach mal teilhabenzu lassen, wenn einem ein Text (oder Film) soviel Freude bereitet hat!

    Das würde ich mir wünschen für die Literaturkritk: Dass Leser/innen, möglichst sprachlich einigermaßen versiert, ohne jede „top-down“-mäßig geprägte Vorstellung oder Vorgabe einfach mal von ihrer begeisterten Lektüre Auskunft geben.

  15. „Hier eine schöne Szene mit Fritz Lang in Godards „Die Verachtung“:“
    Extraordinär. Mir fehlen die Worte. Als wäre es von Beckett.

    ***************************************************************

    Den Satz „Ich wüßte nicht nicht, wo Goethe, Trakl, Hölderlin, Celan, Benn oder Rilke dem gleichkämen“ ziehe ich hiermit zurück. Die Einwände gegen ihn sind vollauf berechtigt. In der Rückschau sage ich: Hätte ich es von einem anderen gelesen, wäre Randale. In den Regionen des Äußersten, was Sprache vermag, sind Best-off-Vergleiche ridikül und abstrus.

    Ich habe überlegt, wie mir das unterlaufen konnte. Es gibt ein subjektives und ein objektives Moment.
    Subjektiv: Bei diesem Gedicht reißt es mich hin. Wie bei den zweiten Sätzen der Beethoven-Klavierkonzerte 3 und 5 setzt das Denken aus. [Notiz an mich selbst: Verfassen des Textes über Beethoven als Komponist des „versäumten Augenblicks“ (Adorno)].
    Objektiv: Wenn ich „Kraus“ höre, packe ich reflexhaft alles drauf; es evoziert den Kraus-Gesamt-Titanen: die Vorlesungen, die Kämpfe. Das war das Parkett, auf dem ich ausrutschte.

  16. Was Du zu dem Kraus-Gedicht schreibst, teile ich ganz und gar und ich teile auch dieses subjektive Moment. Kritik und Kommentar leben ja genauso und vielleicht auch gerade durch die Emphase und durch diesen radikal subjektiven Blick, der gerade durch dieses hochsubjektive doch wieder so etwas wie ästhetische oder auch, wie in Adornos Minima Moralia, gesellschaftliche Wahrheit zum Vorschein bringt. Gerade im Überschießenden zeigt sie sich.

    Dieses Kraus-Parkett kann einen freilich packen und man gleitet, schwebt, macht viel Beinarbeit und man kann auch, wie es der Nörgler tut, darauf herrliche Pirouette und Sprachschwünge drehen, um gegen den Blahfasel dieser Welt immer einmal wieder auszuteilen.

    Du wirst es vermutlich wissen, daß von Jens Malte Fischer eine Biographie erschienen ist: „Karl Kraus. Der Widersprecher.“ Und sofern Du sie gelesen hast, würde mich Deine Einschätzung interessieren.

  17. Das ist ein sehr treffender und guter Kommentar, ziggev. Ich antworte darauf noch separat, weil das ja ein Thema ist, das auch mich und damit eben diesen Blog umtreibt: Was ist Kritik? Was ist Literatur heute? Und wie verhalten sich in der Gegenwart beide Bereiche? Was bedeutet es zudem, als Leser, Zeitgenosse dieser Prozesse zu sein? Unter einem erschwerten Marktgesetz einerseits, aber doch auch unter der großen Erweiterung, daß es heute nicht mehr nur einen kleinen abgezirkelten Bereich an Kritikern und Literaten gibt, sondern prinzipiell jedem Interessierten Produktionsmittel zur Verfügung stehen. Vielleicht mache ich in meiner Antwort auf Deinen Kommentar einen Beitrag daraus – dies kann nur etwas dauern, weil ich im Augenblick viele andere Dinge am Hut habe.

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