Zur Krise der Literaturkritik

„Wer nach langen Emigrationsjahren wieder in Deutschland sich befindet, spürt den Verfall der literarischen Kritik. Es mag dabei Selbsttäuschung im Spiel sein. Der Vertriebene neigt dazu, den geistigen Zustand in Deutschland in der Zeit vor Hitler zu verklären und den Gedanken an all das zu verdrängen, was damals schon die faschistische Barbarei teleologisch in sich trug. Erinnert man sich an den Kampf, den Karl Kraus gegen die literaturkritischen Prominenzen führte, an den von ihm unerbittlich erbrachten Nachweis ihres Konformismus, ihrer Inkompetenz, ihrer Schlamperei, Wichtigmacherei und Unverantwortlichkeit, so wird man sich aller Illusionen über den damaligen kritischen Großbetrieb entschlagen. Aber gerade Karl Kraus hat im Negativen zwischen Dummheit und Gemeinheit, zwischen Mittelmaß und Inferiorität, zwischen dem Schmock und dem Kaffern zu unterscheiden gewußt. Es liegt im Sinne solcher Unterscheidung, daß man den heutigen Zustand, in dem der Geist kritischer Freiheit und Autonomie in Deutschland zu fehlen scheint, abhebt von einer Periode, in der die Kritik sich mag aufgebläht haben, aber wenigstens noch dem sogenannten geistigen Leben gegenüber ein Element von Unabhängigkeit bewahrte.

[…]

Die faschistische Autorität ist zergangen, aber übrig geblieben ist von ihr der Respekt vor einem jeglichen Bestehenden, Anerkannten und sich als bedeutsam Aufspreizenden. Ironie, geistige Beweglichkeit, Skepsis gegen das, was nun einmal da ist, hat nie in Deutschland hoch im Kurs gestanden. Solche geistigen Verhaltensweisen wurden auch während des liberalen Zeitalters mit schlechtem Gewissen, als eine Art illegitimer Reiz genossen. Sie galten für unsolid: stets mißtrauten das Feuilleton und das Akademische einander. Das Element der produktiven Negativität geht nun offenbar der heute in Deutschland Kritik übenden Generation weithin ab. Entweder man traut sich nicht, oder der Versuch bleibt hilflos. Polemiken wie etwa die, welche vor einiger Zeit Alfred Polgar im ‚Monat‘ dem Opus des Herrn von Salomon widmete, sind seltene Ausnahmen. Wird negativ geurteilt, so geschieht es eher im Sinne des autoritären Dekrets als dem des Eindringens in die Sache. […] Meist aber beschränkt sich die Kritik aus Mangel an Freiheit, Distanz und vor allem wirklicher Kenntnis der sachlichen Probleme, in deren Bewältigung künstlerische Arbeit wesentlich besteht, auf eine Art gehobener Information. Oft fällt es schwer, den Kritiker vom Waschzettelschreiber zu unterscheiden, wie ich mir umgekehrt habe erzählen lassen, daß jüngst ein Literaturkritiker, anstatt sich mit dem ihm vorliegenden Buch zu befassen, sich auf die Kritik des Waschzettels beschränkte.

[…]

Als Lessings helle Rationalität den äthetischen Rationalismus durchschaute, Heine die zum Genrehaften und Reaktionären verkommene Romantik angriff, als Nietzsche die Sprache des Bildungsphilisters bloßstellte, trug sie alle die Teilhabe am objektiven Geist. Selbst Karl Kraus, der den Expressionismus der Baller und Steiler bekämpfte, aber Georg Trakl entdeckte, wäre ohne jene geistige Bewegung nicht vorstellbar gewesen. Daß es heute eine damit irgend vergleichbare Tendenz des objektiven Geistes kaum gibt, und daß, was etwa noch an avantgardistischen Intentionen sich vorwagt, sofort in Gefahr steht, zur Spezialität zu verkümmern, reduziert Kritik zur beliebigen, unverbindlichen Meinungsäußerung.

Noch die Aussage, daß an der Sterilität der Kritik die Sterilität der Produktion Schuld trage, griffe zu kurz.Der wahre Grund ist die Neutralisierung der Kultur, die weiter weist wie zufällig von den Bomben verschonte Häuser, und an deren Substantialität keiner mehr recht glaubt. In solcher Kultur wird der Kritiker, der sie nicht selber beim Namen nennt, notwendig zum Mitmacher und verfällt der Gleichgültigkeit seiner Objekte, in denen die geschichtlichen Kräfte des Zeitalters zwar stofflich erscheinen, kaum je aber das Gestaltete selber tragen. Die Aufgabe der Literaturkritiker scheint an weiter und tiefer greifende Besinnungen übergegangen, weil die ganze Gattung Literatur heute nicht mehr die Dignität beanspruchen kann, die ihr noch vor dreißig Jahren zukam. Nur der Literaturkritiker würde seiner Aufgabe noch gerecht, der über diese Aufgabe hinausginge und etwas von der Erschütterung in seinen Gedanken registrierte, die dem Boden widerfuhr, auf dem er sich bewegt. Das könnte aber nur gelingen, wenn er zugleich in voller Freiheit und Verantwortlichkeit, ohne alle Rücksicht auf öffentliche Geltung und Machtkonstellationen und zugleich mit der genauesten artistisch-technischen Erfahrung sich in die Gegenstände versenkte, die ihm vorkommen, und den Anspruch aufs Absolute, der noch dem erbärmlichsten Kunstwerk verzerrt innewohnt, so schwer nähme, als wäre es das, wofür es sich gibt.“
(Th. W. Adorno, Zur Krisis der Literaturkritik, veröffentlicht 1952/53)

Dieses Passage kann man unkommentiert stehenlassen. Sie spricht und steht für sich. Auch was den Geist der bösen und bissigen Kritik, gerade im Sinne eines Karl Kraus betrifft, der heute fehlt, um jene scheinheiligen Lemuren – von links wie von rechts – aufzuspießen. Von der mißlungenen Literatur ganz zu schweigen. Man kann das insgesamt als eine Krise der Kultur begreifen. Immerhin aber ist es möglich zumindest diesen Umstand auszusprechen.

 

 

73 Gedanken zu „Zur Krise der Literaturkritik

  1. Na ja, wenn ich mir Adorno vergegenwärtige mit „Alles, was heutzutage Kommunikation heißt, ausnahmlos, samt der dringlichen Kritik daran, ist nur der Lärm der die Stummheit der Gebannten übertönt. Jegliche Kultur nach Auschwitz ist Müll.“ so mag das einmal gestimmt haben, in dieser Zuspitzung würde ich das heute aber nicht mehr als richtig bezeichnen. Eher würde ich sagen „Es existiert eine Grundtendenz in diese Richtung.“

    Was die Fackel angeht, so verhält es sich mit ihr wie mit Peter Paul Zahls Metapher vom Harten Kern. Er ist immer ungenießbar und wird ausgespuckt. Bei gutem Boden wächst ein Baum aus ihm.

  2. Meines Wissens gab es auch in den 70ern/80ern eine Zeitschrift „Die Fackel“, die aber nichts mit der Kraus-Fackel zu tun hatte, sondern ein Diskussionsforum der Bewegungslinken war.

  3. Adornos Satz von Kultur und Kommunikation, wie auch diese Zeilen zur Literaturkritik, (die ja zudem nur ein kurzes eher feuilletonistisches Statement sind), muß man immer auch aus seiner Zeit herauslesen: das ist richtig. Und man sollte auch, die selbstreflexive Komponente darin nie überlesen, was bei vielen Adorno-Kritikern leider getan wird:

    „Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation.“ (Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft.)

    In diesem Sinne ist Adornos Dialektik eine negative. Die Passage vom Gedicht hat Adorno dann in seiner ND vorsichtig revidiert, und er hatte zudem vor, nach seiner Ästhetischen Theorie ein Buch über Celan zu schreiben.

    An die FACKEL von Karl Kraus kommt kaum ein Blatt heran. Nicht einmal die Titanic in ihren besten Zeiten, nämlich den frühen und bis spätmittleren 1980ern. (Heute ist das Blatt ein Dreck, weil Predigt für die eigene identitäre Gemeinde)

    Adorno und Kraus sind zwei spannende Variante der Kultur- und Sprachkritik. Dazu noch Benjamin. Wobei Kraus von Benjamins Kraus-Aufsatz nicht wirklich angetan war. Karl Kraus über W. Benjamins Essay „Karl Kraus“: „Ich hatte diese Arbeit, die sicherlich gut gemeint war und wohl auch gut gedacht ist, im wesentlichen nur entnehmen können, daß sie von mir handelt, daß der Autor manches von mir zu wissen scheint, was mir bisher unbekannt war, obschon ich es auch jetzt noch nicht klar erkenne, und ich kann bloß der Hoffnung Ausdruck geben, daß sie die andern Leser besser verstanden haben als ich. (Vielleicht ist es Psychoanalyse)“ (Karl Kraus, Die Fackel 852-856, S. 27)

  4. Dass der Noergler eine Figur von Kraus und Don Alphonso eine von Mozart ist sagt nebenbei auch einiges aus;-)

  5. Na toll,… „Entweder man traut sich nicht, oder der Versuch bleibt hilflos“(!) es gibt sicher noch eine dritte Aussicht auf Hilflosinge Angehsweisen aber diese mit einer, ich würde fast sagen Anrufung herzutreiben liegt bei dir und der Tatsachenkonflikte („Meist aber beschränkt sich die Kritik aus Mangel an Freiheit, Distanz und vor allem wirklicher Kenntnis der sachlichen“) mehr in dem Thema zu erfahren. Diese sich für mich in einer eher unbehänden art sich gegenüber der Nutzlosigkeit vermutlich, hinwegzusetzen an Logischem und gleichzeitig Würdevollem ergibt kein Sinn, kommt ab dort aber Wahrheitsgemäß rüber im Text. …etwas Waschzettel muss sein. Weiter so!

  6. Hinweis Bersarin:
    Dieser Kommentar wird dem Kommentierenden zur Überarbeitung zurückerstattet. Zunächst mal in der Art zu überarbeiten, daß in dem Kommentar Sätze stehen, die verständlich sind. Zum richtigen, verständlichen und auch guten Deutsch sowie zum Satzbau empfehle ich zur Vorbereitung immer noch von Wolf Schneider „Deutsch für Profis“. Dann gehört weiter zur Überarbeitung, daß in einem gelungenen Kommentar die Problemlage exakt herausgearbeitet wird und nicht in Sphären des Ahnens und Wähnens geschrieben wird: etwa wenn dem Herrn Karge ein Satz Adornos unverständlich erscheint, frage er nach. So wie ich hier nachfragte. Nachfragen geht so: den entsprechenden Satz zitieren und daneben dann ein „Das verstehe ich nicht“. Ich kann da in der Regel aushelfen. Wenn in einem Kommentar Thesen oder Behauptungen aufgestellt werden, dann werden sie bei mir im Blog begründet. Dieser Blog ist kein Forum für Meinungen. Wer Meinungen verbreiten will, macht das bitte woanders. Begründungen haben im Satzbau die Struktur, daß der an die These anschließende Nebensatz mit Konjunktionen oder Subjunktionen wie „weil“, „denn“, „deshalb“, „darum“, „deswegen“ beginnt.

    Wenn dies verstanden und beachtet wurde, wird Dein Kommentar freigeschaltet,

  7. Fernes Licht
    Fernes Licht mit nahem Schein
    wie ich mich auch lenke,
    lockt es dich nicht dazusein,
    wenn ich an dich denke?

    Wo du bist, du sagst es nicht
    und du kannst nicht lügen.
    Nahen Schein von fernem Licht
    läßt du mir genügen.

    Wüßt‘ ich, wo das ferne Licht,
    wo es aufgegangen,
    naher Schein, er wehrte nicht,
    leicht dich zu erlangen.

    Fernes Licht mit nahem Schein
    mir zu Lust und Harme,
    lockt es dich nicht da zu sein,
    wenn ich dich umarme?

    Ich wüßte nicht nicht, wo Goethe, Trakl, Hölderlin, Celan, Benn oder Rilke dem gleichkämen.

  8. Richtig, und es ist falsch, Kraus nur auf die Rolle des Kritikers zu reduzieren. „Die letzten Tage der Meschhheit“ würde ich gerne mal als Bühnenstück sehen. Wahrscheinlich ist es aber so wenig aufführbar wie „Finnegans Wake“.

  9. @Nörgler: Es ist zwar richtig, daß Kunstwerke einander spinnefeind sind, wie Adorno es einmal ausdrückte, denn jedes will für sich bestehen. Dennoch würde ich unter dem Aspekt der Ausfaltung eines Geschehens bzw. unter einer vielschichtigen Optik und Blickachse, mit der man auf einen Umstand wie etwa den der Liebe oder der Natur oder auch auf das Grauen blicken kann, unterschiedliche Formen des Dichtens in Anschlag bringen wollen, die schwierig vergleichbar sind. Benns „Einsamer nie“ ist anders als Kraus (wenngleich Ausdruck und Ton in Kraus‘ Gedicht ungeheuerlich sind), und Hölderlin will sowieso eine Liebe nennen, die tief und weit zurückliegt und mit so etwas wie Geschichte, Sein und Versöhnung verkoppelt ist. Benns Liebesgedicht trifft einen anderen Ton als das von Kraus und hat ebenfalls eine Ausdrucksqualität – in anderer Weise freilich als dieses herrliche Gedicht von Kraus. Immerhin aber: wir sind bei all den von Dir genannten Namen auf der Gipfelhöhe der Dichtung.

    Richtig ist aber auf alle Fälle, daß die Qualität von Kraus als Lyriker dringend einmal herausgestellt werden sollte. Und in diesem Sinne stimme ich Deinem Beitrag völlig zu, daß man Kraus aus der Ecke des bloß polemischen und scharfen (Gesellschafts)Kritikers herauszuholen hat – auch wenn wir diesen nicht missen wollen. Aber man muß es wohl so sagen: Kraus‘ Polemik, sein kritischer Blick, sein Sinn für Sprache, die nicht einfach so daherplappert (und wir alle stehen im Schatten von Kraus und sind da meist, was das Sprachbewußtsein betrifft, Zwerge) setzt eben ein hohes Maß an Empfindsamkeit voraus. Ein Gespür, für das man vielleicht das leider schlechte und verbrauchte Wort Sensibilität in Anschlag bringen kann. Mit Adorno gesagt vielleicht jene Fähigkeit zur Erfahrung und das ungeheure Talent, diese ausdrücken und in eine adäquate Form bringen zu können, ohne daß es nach Zwang und nach Gepreßtem ausschaut.

    @che: Das wäre sicherlich interessant und ich denke auch, daß es möglich, aber eben auch ungeheuer schwierig und ein ästhetisches Projekt ist, das sich über mehrerer Jahre vermutlich erstrecken wird.

  10. Erst mal das: Es wird auf ewig mir verborgen bleiben, warum das Nörgler-Pic mal erscheint und mal nicht. Aber es ist dem Menschen nicht gegeben, der Natur und der Schöpfung die letzten Geheimnisse zu entreißen.

  11. „Die letzten Tage der Meschhheit“ würde ich gerne mal als Bühnenstück sehen.“
    Hättest Du längst dutzendfältig können.
    „Wahrscheinlich ist es aber so wenig aufführbar wie „Finnegans Wake““. Samuel Becketts Romane erfüllen das, was James Joyce gerne gewesen wäre, aber nie rreicht.

  12. Das Verschwinden und dann wieder das Erscheinen des Bildes ist mir ein Rätsel, aber vielleicht auch so etwas wie göttliche Fügung und Schicksal.. Es ist vielleicht wie in jenem Hölderlin-Gedicht „Anrufung des Dichters“: einmal heißt es: „Solange der Gott uns nahe ist“ und dann „Solange der Gott nicht da ist“.

    Hier eine schöne Szene mit Fritz Lang in Godards „Die Verachtung“:

  13. @noergler „Hättest Du längst dutzendfältig können.“ : Meines Wissens ist das in voller Länge nie aufgeführt worden. Ich kenne einzig aus meiner Schulzeit eine Version („Serbien muss sterbien“) die etwa ein Fünftel des Gesamtinhalts umfasst.

  14. lange nicht mehr vorbeigeschaut, ich bedanke mich aber fürs ausgiebige Adorno-Zitieren. Natürlich aus reiner Faulheit lange nicht mehr mit Adorno beschäfitgt. Und sei es „nur“ auf deinem Blog – danke also natürlich fürs Adono-Trinken das du mir mal wieder ermöglicht hast. Manchmal „trinke“ ich Adorno einfach nur zur Stabilisieung meines „Systems“ …

    Zur „Krise“ der Literaturkrik aber: Um von einer solchen mit erhobener Augenbraue zu sprechen, müsste doch eigentlich der Literatur oder sogar der Kritik einge gewisse Wichtigkeit zugemessen werden: – genau das mag ich ja an Adorno, dass er solchen oder ähnlichen Auffassungen anzuhängen scheint, fast naiv: Niemand würder heute noch beiderlei noch eine solche Relevanz zumessen, um sich zu einer solchen stilistischen Brillanz hochzuschwingen.

    Wie immer bei mir: immer mit der banalsten Idee anfangen: Gibt es noch eine Literatur, die eine solche anspruchsvolle Kritik überhaupt verdiente? Ich entdecke da kaum etwas in dieser sich ausbreitenden Leere. Grimmelshausen, Proust, Thukidides, Aristopohanes, das wäre Litaratur. Es gibt natürlich immer wieder zeitgenössische Autoren, Autorinnen. Profis in ihrem Fach, bewundernswert, was sich alles stilistisch perfekt mit der deutschen Sprache anstellen lässt …

    Aber … nein, gibt es nicht. Was soll also die Klage über die auf den Hund gekommene Kritik, wenn sich ihr gar kein würdiges Material mehr bietet? Nächster Gedanke: Früher (i. d. 90ern) kamen einem ncht selten aus Künstler/Kritikerkreisen zu Ohren, dass sich Kunst und Kritik „in einem paranoiden Verhältnis“ zueiander befänden. Kritik übernähme teilweise die Rolle der Kunst und Kunst die der Kritik. Kritik kann oder sollte auch mal Kunst sein, Kunst würde sich sebst (kritisch) reflektieren. Jetzt aber scheinen sich beide, Kritiker wie Künstler, leergeschrieben bzw. „leergestaltet“ zu haben, wofern überhaupt noch von „Gestaltung“ geredet werden kann.

    Es war doch von Anfang an abzusehen, dass dieses paranoide System dieser einander hervorbringenden Syteme sich irgendwann leerlaufen würde. Ich verstehe nicht ganz dieses Gejammere über diesen Phantomschmerz der fehlenden und lesenswerten Litaraturkritik.

    Vielleicht erinnert ihr euch noch an die Zeit von vor etwa ü 5 Jahren. Da wurde ähnlich – aber klarerweise weit entfernt von irgendwelcher adornitischen Emphase – darüber lamentiert, dass die Literaturkritik, die lesbar in z.B. Zeitungen veröffentlicht wurde, an Niveau so sehr eingebüßt hätte. Stimmte natürlich, Literaturkritiken lasen sich immer mehr wie Klappentexte, wie Werbung von oder für Verlag XY.

    Frustriere Feuilltonisten, die um ihre Jobs bangten, und nicht selten am Anfang ihrer Karriere standen. Diese Affäre wurde auch ausführlich im Perlentaucher dokumentiert, es waren sogar E-Mails zu lesen (später nicht mehr verlikt und nicht mehr zitierbar), die einander geschickt worden waren. Natürlich alles berechtigt, da sich Literaturkritiker zu Werbeschreibern für Verlage herabgewürdigt sahen. Damit offenbarte sich aber die eiegntliche Katastrophe: Die Literaturkritiker, die sich über den Niedergang ihres Genres beklagten, benutzten dafür eine Sprache, die formal, was die Rechtschreibung betrifft und auch in jeder anderen Hinsicht jedem Lektor oder Lektorin nur wochenlange Angstalpträume hätte einbrocke müssen.

    Liegt natürlich nur am Zeitdruck und an der lächerlichen Vorstellung, man müsste teilnehmen an dieser ekelhaften Wohlstandsgesellschaft. Einfach Schulden ansammeln und langsam verhungern, wo ist eigentlich das Problem?

    Sehr mochte ich da „tellreview“ (wo sich einige hier ehemals sehr ehrenhaft Kommentierende beteiligen). Aber ich habe das Projekt vielleicht nicht richtig eingeschätzt: Ich hatte gehofft, dass als Gegenbewegung Laien, also ganz normale Leser/innen mit größtmöglicher Emphase von ihren (positiven) Ledererlebnissen berichten.

    Dafür müsste doch das Netz gwenug Platz bieten … Da könnten auch mal ein paar Redundanzen vorkommen (denn Redundanz ist auch Höflichkeit gegenüber dem Leser), wie etwa in diesem Text, an den ich mich zufällig erinnere und der zufällig auf diesem Blog veröffentlicht wurde.
    https://bersarin.wordpress.com/tag/work-hard-play-hard/
    Ist natürlich keine Literatur- sonders eine Filmkritk. Aber warum es nicht einfach mal überschießen lassen, auch wenn es etwas redundant wird? Das ist auch „Höflichkeit gegenüber dem Leser“, ihn oder sie einfach mal teilhabenzu lassen, wenn einem ein Text (oder Film) soviel Freude bereitet hat!

    Das würde ich mir wünschen für die Literaturkritk: Dass Leser/innen, möglichst sprachlich einigermaßen versiert, ohne jede „top-down“-mäßig geprägte Vorstellung oder Vorgabe einfach mal von ihrer begeisterten Lektüre Auskunft geben.

  15. „Hier eine schöne Szene mit Fritz Lang in Godards „Die Verachtung“:“
    Extraordinär. Mir fehlen die Worte. Als wäre es von Beckett.

    ***************************************************************

    Den Satz „Ich wüßte nicht nicht, wo Goethe, Trakl, Hölderlin, Celan, Benn oder Rilke dem gleichkämen“ ziehe ich hiermit zurück. Die Einwände gegen ihn sind vollauf berechtigt. In der Rückschau sage ich: Hätte ich es von einem anderen gelesen, wäre Randale. In den Regionen des Äußersten, was Sprache vermag, sind Best-off-Vergleiche ridikül und abstrus.

    Ich habe überlegt, wie mir das unterlaufen konnte. Es gibt ein subjektives und ein objektives Moment.
    Subjektiv: Bei diesem Gedicht reißt es mich hin. Wie bei den zweiten Sätzen der Beethoven-Klavierkonzerte 3 und 5 setzt das Denken aus. [Notiz an mich selbst: Verfassen des Textes über Beethoven als Komponist des „versäumten Augenblicks“ (Adorno)].
    Objektiv: Wenn ich „Kraus“ höre, packe ich reflexhaft alles drauf; es evoziert den Kraus-Gesamt-Titanen: die Vorlesungen, die Kämpfe. Das war das Parkett, auf dem ich ausrutschte.

  16. Was Du zu dem Kraus-Gedicht schreibst, teile ich ganz und gar und ich teile auch dieses subjektive Moment. Kritik und Kommentar leben ja genauso und vielleicht auch gerade durch die Emphase und durch diesen radikal subjektiven Blick, der gerade durch dieses hochsubjektive doch wieder so etwas wie ästhetische oder auch, wie in Adornos Minima Moralia, gesellschaftliche Wahrheit zum Vorschein bringt. Gerade im Überschießenden zeigt sie sich.

    Dieses Kraus-Parkett kann einen freilich packen und man gleitet, schwebt, macht viel Beinarbeit und man kann auch, wie es der Nörgler tut, darauf herrliche Pirouette und Sprachschwünge drehen, um gegen den Blahfasel dieser Welt immer einmal wieder auszuteilen.

    Du wirst es vermutlich wissen, daß von Jens Malte Fischer eine Biographie erschienen ist: „Karl Kraus. Der Widersprecher.“ Und sofern Du sie gelesen hast, würde mich Deine Einschätzung interessieren.

  17. Das ist ein sehr treffender und guter Kommentar, ziggev. Ich antworte darauf noch separat, weil das ja ein Thema ist, das auch mich und damit eben diesen Blog umtreibt: Was ist Kritik? Was ist Literatur heute? Und wie verhalten sich in der Gegenwart beide Bereiche? Was bedeutet es zudem, als Leser, Zeitgenosse dieser Prozesse zu sein? Unter einem erschwerten Marktgesetz einerseits, aber doch auch unter der großen Erweiterung, daß es heute nicht mehr nur einen kleinen abgezirkelten Bereich an Kritikern und Literaten gibt, sondern prinzipiell jedem Interessierten Produktionsmittel zur Verfügung stehen. Vielleicht mache ich in meiner Antwort auf Deinen Kommentar einen Beitrag daraus – dies kann nur etwas dauern, weil ich im Augenblick viele andere Dinge am Hut habe.

  18. Vielen dank für die nette, wohlwollende Aufnahme meines Kommentars! – Während mir auf der anderen Seite natülich klar ist, dass ich lediglich ein paar Stichworte geliefert habe. Dazu, ohne Frage, als ich den Kommentar nochmal überflog, die Erkenntnis, dass meine „Lekoren-Seele“ (ja, die west auch in mir herum) selbst ob seiner ihrerseits in „Angstalpträume“ verfallen müsste.

    Natürlich habe ich auch keine Antwort darauf, wie das notwendige Spannungsverhältnis aufgelöst weren könnte zwischen einerseits Begeisterung („es einfach mal überschießen lassen“), sprachlicher Kompetenz – und andererseits einem ganz karen Bewusstsein davon, welche Kriterien es eigentlich sind, die mich – idealfall – dazu befähigen würden, auch noch lesbar, mich zu jenen funkenstiebenden Begeisterunsstürmen hinreißen zu lassen, die ich mir (und jetzt: von anderen!) wünschen würde.

    Aber da sind wir, so scheint´s mir, wieder bei Adorno: Seit wann müssen „Spannungsverhältnisse“ „aufgelöst“ werden? Es geht eben in jeder Kunstkritik – selbst wenn, wie neulich, mir ein Freund eine Testaufnahme von seinem sehr bösen und persönlichen Song, in dem er seine Erfarungen mit Obdachlosgkeit reflektiert, schickt und den ich sehr gelungen finde – immer um Kriterien, und seien es die für Pop oder Punk gültigen (auch Text).

    Es gibt eben „Kein Vergessen, kein Verzeihen“ (so der Titel) für schlechte Kunst. Und „schlecht“ natürlich, weil gewisse Kriterien, die nun mal für das betreffende Genre gelten, mit den Füßen getreten wurden. Ich glaube, niemand muss alle diese Kriterien explizit machen können, um eine jener Kritiken, wie ich sie mir wünsche, schreiben zu können, er oder sie muss über sie aber „implizit“ – geweissermaßen unbewusst – verfügen. Das geht natürlich nur über sehr viel Erfahrung. Eine gute Kritik muss für mich nicht gleich die Theorie mitliefern. Damit aber eine Kritik gelingt, müssem dem Kritiker, der Kritikerin zumindest einige jeniger Kriterien bekannt sein, die für einen halbwegs annehmbaren Stil Voraussetzung sind.

    Um Valentin zu paraphrasieren: „Kritik ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Hier haben wir vielleicht tatsächlich einen Unterschied zw. Künstler und Kritiker. Beide müssen ihr Handwerk kennen. Der Künstler muss arbeiten, unendlich Erfahrungen sammeln, bevor er (oder sie) etwas vernünftiges zustande bringt. Eine solche Künstlerin muss aber hinterher nicht mehr unbedingt erklären können, „welchen Kriterien ihr Kunstwerk genügt“. – Der Kritiker vor seiner Lektorin vielleicht schon (ja, das kann schon mal viel Arbeit bedeuten).

    Ich habe ja nur ein paar Stichworte geliefert und du hast „viel am Hut“. – Vielleicht Kommt ja noch dein Beitrag, würde mich freuen!

  19. Ich würde hier ja, um Dir in bezug auf die Frage nach der Literatur- bzw. Kunstkritik nur ganz kurz zu antworten, den Begriff des Geschmacks einerseits ins Spiel bringen, aber eben nicht als subjektive Präferenz des Privatgefallens, sondern in dem Sinne, wie ein Schneider sich mit Stoffen und mit dem Tuch ausgekennt und sieht, was gut ist, ein Tischler, der ein feines Möbelstück zu machen versteht, ein Weinkenner, der schmecken kann: all das entsteht durch jahre- und jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit der Sache, indem so umfangreiche Kenntnisse erworben werden: zu wissen, was gut gemacht ist. Andererseits geht es in einer Kritik auch immer darum, Kriterien zu nennen. Und in diesem Sinne ist es richtig, daß ein guter Kritiker nicht unbedingt eine Theorie mitliefern muß, sehr wohl aber muß er sich über die Kriterien bewußt sein. Diese liegen aber eben nicht nur im Bewußtsein des Kritikers, sondern zugleich auch in der Sache: nämlich die immanente Logizität eines Kunstwerkes nachzuvollziehen und zu verstehen. Was nicht geht: zu messen, ob das Werk dem eigenen Maßstab entspricht. Und so kommen dann auch die Negerwortschnüffler vom Wörthersee zustande, die ein Kunstwerk nach moralischen Maßstäben abklopfen und schauen, ob darin auch ja nicht bestimmte Wörter vorkommen und niemand sich verletzt fühlt – diese cancel culture geht inzwischen so weit, daß man in Hamburg Lisa Eckhart für eine Lesung auslädt: aus Feigheit, weil man angeblich vor Übergriffen von Linksradikalen nicht sicher sein kann oder aus was für vorgeschobenen Gründen auch immer. Ästhetik wird mit Moral verwechselt – wobei das Wort Moral hier eigentlich nicht trifft: denn es sind Moralisierungen und wer als Hashtag im Internet „#Ethik des Textes“ schreibt, begeht in dem Sinne einen Kategorienfehler, wenn er meint, ein Kunstwerk mit moralischen Maßstäben messen zu wollen. So wenig, wie ich eine moralische Handlung daran messen darf, ob sie ästhetisch ansprechend und gelungen ist, so wenig muß ein Kunstwerk verletzungsfrei sein – sondern ganz im Gegenteil. (Aber was daran nicht funktioniert und weshalb solches Verfahren auch keine Kritik ist, sondern in den meisten Fällen Denunziation, ist ein Thema für sich.)

    Denn bei solcher Referenzrahmenbestätigung in Sachen Kunstwerk kommt am Ende nur das heraus, was der „Kritiker“ (der in Wahrheit keiner ist, zumindest nicht im emphatischen Sinne) bereits vorher ins Werk hineinlegte, und es wird abgeklopft, ob das Werk auch dem eigenen Maßstab entspricht. Darin liegt auch das Problem von Großkritikern wie Marcel Reich-Ranicki: sie setzen ihren Privatrealismus und den Maßstab „Wie bei Thomas Mann“ an Werke an, die nun gerade nicht wie Thomas Mann sein wollen – der ja, nebenbei gesagt, ebenfalls zu seiner Zeit hochmodern und avanciert war: jene Modernität, die MRR dann bei einem Autor wie Arno Schmidt eher zwiespältig fand. Was Hegel in seiner Einleitung zur „Phänomenologie des Geistes“ zur Erkenntniskritik schreibt, nämlich die Dialektik von Wissen und Wahrheit, gilt grosso modo auch für die Kunstkritik: daß nämlich Werk und Kritiker nicht einfach starr sich gegenüberstehen.

    Das Spannungsverhältnis aufzulösen, wäre sicherlich falsch. Aber man kann es auch nicht künstlich erhalten, wenn es sich, wie in den Kunstwerken selbst, denen nach dem Zweiten Weltkrieg nämlich, wie Adorno schreibt, aufzulösen beginnt: auch das ist eine Tendenz der Zeit in der Kunst selbst, aber womöglich auch in der Kritik, die die Ästhetik mitdenken muß.

    Das Explizitmachen der Kriterien, würde ich denken, geschieht im Vollzug: indem man die Kritik schreibt und Methode und Sache sich bedingen, um es einmal etwas formelhaft zu beschreiben: Was nicht funktioniert: ich definiere erstmal alle meine Begriffe, stelle ein paar basale Regeln auf und schaue dann, ob das Kunstwerk denen entspricht. In diesem Sinne ist die Kunstkritik eng auch mit der Ästhetik verflochten. Im Denken der Jenaer Frühromantik war zugleich die Kunst selbst eine Form der Kunstkritik: daß man mit einem Kunstwerk aufs Kunstwerk reagiert: So war Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ eben eine Reaktion auf den Wilhelm Meister. Friedrich Schlegel formuliert dies in der Apodiktik des Aphorismus im Lyceumsfragment so:

    „Poesie kann nur durch Poesie kritisiert werden. Ein Kunsturteil, welches nicht selbst ein Kunstwerk ist, entweder im Stoff, als Darstellung des notwendigen Eindrucks in seinem Werden, oder durch eine schöne Form, und einen im Geist der alten römischen Satire liberalen Ton, hat gar kein Bürgerrecht im Reiche der Kunst.“

    Dies wäre zumindest eine (nicht die einzige freilich) Möglichkeit von Kritik. In diesem Sinne und auch in dem der Gebrüder Schlegel sowie von Novalis gilt in Abwandlung in der Tat der Valentin-Satz, daß solche Kunstkritik schön ist (im ästhetischen Sinne!) und zugleich Arbeit macht.

  20. Was für eine glänzende Darstellung! Wobei dieser auf die Kunst und Literatur angewandte Moralfundamentalismus etwas ist, das seine Wurzeln vor allem in Andrea Dworkins Antipornokampagne in den späten Achtzigern hatte und ich es als ein Binnenphänomen bestimmter, vor allem studentischer Teile der linksradikalen Szene der Zeit 1990-95 kannte. Dass vor Parties ZensorInnen nachschauten, welche Stücke der DJ spielen wollte und die für „sexistisch“ gehaltenen aussortiert wurden oder Leute Hausverbot bekamen die unter Verdacht standen einen Pornofilm sehen zu wollen, das war prägend für diese Zeit. Ich dachte damals, diese Verhaltensweisen wären postpubertäre Probleme junger Leute die sich herauswachsen würden. Leider haben viele diese Mentalität beibehalten und sie an die Generation ihrer eigenen Kinder weitergegeben.

  21. Das ist richtig, che. Diese Art von Rigidität ist nichts spezifisch Linkes, sondern ein unguter Auswuchs einer Tendenz. Früher war sie auch bei den Konservativen anzutreffen, wenn man gerne sittlich bedenkliche Kunst aus den Museen verbannen wollte. Heute reicht, daß da im Bild ein „Schwarzer“ zu sehen ist, um das als Kolonialistisch zu markieren, sofern das ein „Weißer“ malte. Auch hier ersetzt die Moralisierungs(falle) den kritischen Blick.

  22. Zurückverfolgen lässt sich das bis zum terreur der Jakobiner, in die Inquisition, zu Savonarola und weiter bis zu den Ketzern, den frühen Christen, den Zeloten und den Gnostikern. Spezifisch für die Linke ist dabei ein spezieller Komplex: Die antiautoritäre Linke war angetreten, einen neuen Menschen zu entwickeln der frei sein sollte von irrationalen moralischen Hemmungen. Entsprechend trat sie in den 1960ern-80ern oft im Bürgerschreck-Gewand aus. Insbesondere sexuelle Libertinage, bis dato ein Schrecken für die bürgerliche Moral wurde zur Tugend erhoben. Und jetzt wird dieser ganze als große Emanzipation gefeierte Ansatz unter linken Vorzeichen in sein glattes Gegenteil verbogen.

  23. Was für eine feige Bande:

    „Der „Nochtspeicher“ habe deshalb konkrete Drohungen vom Schwarzen Block erhalten und habe nun „Angst vor rabiater Gewalt“, berichtet Nikolaus Hansen, einer der Leiter des Literaturfestivals. In St. Pauli sei der Schwarze Block sehr präsent, er könne unter Umständen dem „Nochtspeicher“ das Leben schwer machen. Die Betreiber verzichteten bewusst auf Polizeischutz, um nicht zu provozieren.

    Zudem haben Autoren sich im Vorfeld des Festivals geweigert, zusammen mit Lisa Eckhart im „Debütantensalon“ aufzutreten. Hansen sagt, er und seine Kollegen hätten Lisa Eckhart vor diesem Hintergrund gebeten, von sich aus auf eine Teilnahme zu verzichten. „Wir haben gesagt: Bitte, verzichte, sonst können wir keinen ‚Debütantensalon‘ abhalten. Denn wir können nicht wegen einer Autorin den ganzen Wettbewerb in eine andere Location verlegen. Das kriegt dann eine so unverhältnismäßige Aufmerksamkeit, dass ein fairer Wettbewerb nicht möglich wäre.““

    Hier sieht man eben auch wieder die Dialektik der Aufklärung. Und ich plädiere inzwischen für harte Maßnahmen gegen solche Leute. Leider sind Leute wie Du, che, Leute, die sich für Toleranz
    und Offenheit einsetzen, in dieser Linken inzwischen eine Ausnahme.

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/umstrittene-kabarettistin-lisa-eckhart-hamburger-auftritt.1013.de.html?dram:article_id=481905

  24. Diese ganze Lisa-Eckhardt-Geschichte habe ich rauf und runter mitbekommen.Was die „Ausnahme“ angeht scheint mir das weitgehend eine Generationenfrage zu sein. Dieser extreme Moralismus in der Linken entstand so ab 1988 und wird hauptsächlich getragen von Geburtsjahrgängen ab 1967. Ausnahmen sind eher Leute wie Netbitch, Tuc oder Flavian, die deutlich später geboren sind und in keiner Weise angehaucht sind von diesem Moralfundamentalismus.

  25. Ja, bersarin, das hast du relativ gut gemacht, ich meine die Art, wie du meine, jedenfalls in Teilen, grundsätzliche Herangehensweise auf den Begriff gebracht hast. Auf den – positiv verstandenen – Begriff des Geschmacks. Ich habe immer die Nähe zu solchen Künstlern gesucht (um die Plattitüde auszusparen: 90% Fleiß, der Rest Glück oder Talent). Der Koch um die Ecke, schönes Beispiel: der Schneider, – aber auch Künstlerinnen, die ich kenne, die Radierungen gemacht haben, die Jazz-Leute, die in HH unterwegs waren, ja doch, waren, denn die Lateinamerikaner waren da i.d. 80er/90gern uns so weit voraus, die Jazz-Leute, von denen ich weiß, wie verrückt die geübt haben, dann aber auch die jungen, wie schnell die sich eine unglaubliche Stilsicherheit aneigneten (denn ich hatte nicht nur das Glück, in beiden Fächern, im Gestalterischen wie auch in Musik sehr engagierte Lehrer gehabt zu haben, sondern einer meiner besten Freunde ist selbst Musiklehrer, daher weiß ich, welche Fortschritte in diesem Feld in den letzten Jahrzehnten gemacht worden sind).

    Oder der Typ, der es vorzog, sein Haus lieber rein mit Naturmaterialien zu renovieren, womit er i.d. 80ern anfing, und lieber Rum-Grog trinkend starb, in seiner kalten Küche (ohne Doppelverglasung), als dass er die Originalfesnter aus den 20ern ausgebaut hätte.

    Ich will ja nicht bloß damit angeben, sondern nur zeigen, wie sehr ich immer künstlerisches Talent und vor allem Fleiß geschätzt habe. Natürlich kennt jeder in HH Nneka, als Jungspunt habe ich natürlich auch mal mit ihren Gitarristen gejammt. Bevor die erste CD von Seeed rauskam, wurde die mir erstmal von dem Typen aus der Nachbarschaft rübergereicht, der …

    Alles nicht, weil ich talentiert gewesen wäre, sondern weil ich immer die Nähe zu Künstlern gesucht habe, die wirklich gearbeitet haben. Als 16-jähriger (1982-84) habe ich mir alles angehört, was die damaligen aussterben Rocker und Alt-Hippies so hörten. Aber erst, nachdem ich als 14-jähriger (1980-1982) alle basics über den Ur-Rock, den Rock ’n‘ Roll gelernt hatte.

    Mein Musiklehrer behauptete übrigens, er sei bei der Uraufführen von 4’33 dabeigewesen, hätte auch ne Single davon, … Also, mit deiner Definition des Geschmacks kann ich mich mehr als nur gut anfreunden. Um einfach noch etwas mehr anzugeben: ich weiß einfach wie es ist, gewissermaßen die DNA einer Kunstform in sich aufzusaugen. Und ich bin sehr glücklich, dass ich, selsbt eher talentlos, in diesem kurzen Leben die Gelegenheit dazu hatte.

    Damit kann ich also sehr gut leben, mit diesem Begriff des Geschmacks. Ich finde auch, man muss einfach die Künstlerische Könnerschaft anerkennen! – – –

    Ist es aber nicht so, dass du die Zutaten genau kennen musst, um die „innere Logizität“ – ich übersetze mal -, die Konsintenz eines Kunstwerkes auch nachvollziehen kannst?

    Hier scheinen wir auseinander zu gehen, Zitat: „Das Explizitmachen der Kriterien, würde ich denken, geschieht im Vollzug: indem man die Kritik schreibt und Methode und Sache sich bedingen, …“ Ich würde eher sagen, dass die Sache, also der Gegenstand, nicht die Methode (also die Theorie) bedingt, sondern die Elaboriertheit des Stils, mit dem ich auch, also auch, dem weniger versierten Publikum das Material, das immer auch die immanente Logizität bedingt, näher bringen sollte.
    _______________________________

    Eine Lisa Eckhart kenne ich nicht, und mit irgendwelchen #blababla habe ich nichts zu tun, nie gehabt. Falls es solche Leute wirklich geben sollte, die Moral mit der „Logizität“ eines Kunstwerkes verwechslen, dann ist das einfach eine Szene, die ich meide – eben weil ich es vorziehe, mich mit dem Handwerk jener Künste zu beschäftigen, in denen ich zum Glück hie und dort – und sei es nur durch die Liebe zum Rock – eine recht gute Ausbildung erfahren habe.

    Das ist ungefähr so, wie wenn, was ja auch passierte, ein Kommentator in der „Welt“ sich zur Corona-Kriese äußert, aber nie sich die notwendigen Kenntnisse angeeignt hat, die erforderlich gewesen wären, um auch nur vage die Aussage eines Naturwissenschftlers interpretieren zu können. Das ist in etwa so, wie wenn ich auf den Spielplatz gehe und die Kinder zu ihrer Meinung zu Habermas´ Traum – ich sage Traum! – vom herrschaftsfreien, rationalen Diskurs befrage, aber meinte, deren Auskünfte seien ein wichtiger Beitrag zu einem solchen Diskurs, wenn es um die interpretation der Auskünfte eines Wissenschaftlers geht.

    Nur zur Erinerung: Wir dürfen keinesfalls, also niemals, irgendeiner wirren Hervorbringung, nur weil sie das N-Wort verwendet, gleich den Status eines Kunstwerkes zubilligen. Ich sage das nur, weil deine Ausführungen so verstanden werden könnten. Das könnte zum gefährlichen Spiel mit der Verwechslung von Ursache und Wirkung einiger einladen. Das macht mir so große Sorgen: Einige spielen das Spiel ganz bewusst, einige sind tatsächlich nur dumm. Und wenn die Dummheit den Diskurs bestimmt, haben nicht nicht nur keinen rationalen Diskurs, sondern, wenn die Dummheit regiert, eben auch keinen herrschaftsfreien mehr. Habermas` Traum !

  26. Sorry !! Hier ist jetzt irgendein komsches Internet-Dings passiert. Doppelposing natürlich nicht beabsichtigt, Ich wollte nur zum letzten Kommenta als
    PS hinzufügen, dass eigentlich 2 oder 3 meiner besten Freunde Musiklehrer sind.

  27. Kurz nur: „Ist es aber nicht so, dass du die Zutaten genau kennen musst, um die „innere Logizität“ – ich übersetze mal -, die Konsintenz eines Kunstwerkes auch nachvollziehen kannst?“

    Das ist eben die Arbeit, die gelungene und gekonnte Kunstkritik macht. Sie findet in diesem Sinne im Feuilleton auch nur noch sehr selten statt.

    Der Blick auf künstlerische Könnerschaft ist auf alle Fälle wichtig – auch wenn ich aus bestimmten Gründen kein Freund der Produktionsästhetik und auch keiner der Genieästhetik in einer starken Form bin. In einer schwachen schon eher: Der Künstler sieht etwas und gestaltet etwas, das andere nicht sehen. Es hat übrigens gute Gründe, daß Adorno selbst auch Komponist gewesen ist und also die Produktionsseite gut kannte und dies dann auf seine ästhetische Kritik beziehen konnte.

    „sondern die Elaboriertheit des Stils, mit dem ich auch, also auch, dem weniger versierten Publikum das Material, das immer auch die immanente Logizität bedingt, näher bringen sollte.“

    Ja, das gehört ebenfalls mit dazu, wenn es eine Kritik ist, die gelesen werden soll: dazu muß man vermutlich auch sehen, für wen man schreibt. Eine Literaturkritik in einer Tageszeitung muß es anders machen als eine in einer Literaturzeitschrift fürs Fachpublikum.

    Um den Satz „Das Explizitmachen der Kriterien, würde ich denken, geschieht im Vollzug: indem man die Kritik schreibt und Methode und Sache sich bedingen, …“ genauer zu erläutern: Der Kritiker muß sehen, was in dem Kunstwerk geschieht. Er darf es nicht, wie ich schon schrieb, mit seinem eigenen Maß messen und dann erwarten, daß jenes diesem entspricht, sondern er muß den je eigenen Maßstab des Werkes, den dieses in sich trägt, entdecken und schauen bzw. prüfen, inwiefern das Werk dieser Problemlage dann auch gerecht geworden ist. Und dazu kommt dann noch, daß der Kritiker für jemanden schreibt und also im Stil schauen muß, wie er es bewerkstelligt, für seine Lektüre Sprache zu finden. Literaturkritik ist ja in einem gewissen Sinne auch ein Versuch, auf ein Buch, das man für gelungen hält, Lust zu wecken. Aber das sind Dinge, die im Darüber-schreiben abstrakt bleiben. Wie Hegel schrieb: Schwimmen lernt man nicht am Beckenrand, sondern im Wasser und ähnlich ist es auch mit der Kunstkritik: man muß sie machen und dann konkret zeigen, wie es geht. Das ist nicht immer einfach und oftmals ein gehöriges Stück Arbeit.

    „Wir dürfen keinesfalls, also niemals, irgendeiner wirren Hervorbringung, nur weil sie das N-Wort verwendet, gleich den Status eines Kunstwerkes zubilligen.“

    Völlig richtig. Sehe ich ähnlich. Es geht nicht um Provokation oder irgendwie das Bedürfnis jemanden beleidigen zu wollen – was auch in den meisten Kunstwerken nicht der Fall ist, und selbst dort, wo beleidigt wird, hat diese Beleidigung (siehe Bernhard, Handke, Goetz, Brinkmann, etc pp.) auch eine ästhetische Funktion. Selbst da muß man auf das Verhältnis von Inhalt und Form, Inhalt und Operationalsierung schauen. Wenn Du von Astrid Sozio den Roman „Das einzige Paradies“ liest, wirst Du verstehen, weshalb es sinnvoll ist, daß darin jenes Wort „Neger“ vorkommt und daß es da genau so steht, wie es steht. Es könnte Dich der Roman übrigens auch vom Sujet her interessieren.

    https://www.piper.de/buecher/das-einzige-paradies-isbn-978-3-492-97487-5-ebook

  28. „Die Verachtung“ ist eines meiner Lieblingsfilme von Godard und generell: Wie oft schon gesehen! Godard selber fand ihn nicht so doll. Beim ersten Sehen hatte ich ungefähr die ersten 5 Minuten verpasst und hatte jahrelang geglaubt, dadurch fehle mir etwas Wesentliches zum Verständnis der Handlung. Irgendwann sah ich den Film von Anfang an. Irgendwann griff ich zur Vorlage Alberto Moravias: Zwei Seiten – und ich legte das Buch beiseite. Ich wollte nich erklärt haben, was der Film offen ließ.

    In Dag Solstads „Scham und Würde“ sinniert Elias Rukla darüber, dass er den sozialen Umgang aufgegeben hat und durch die Lektüre von dem, was er (chronologisch nicht ganz zutreffend) die „Romane der 20er Jahre“ nennt, eingetauscht hat, also Kafka, Proust, Thomas Mann, Musil etc. Zuletzt gibt er die schrullige Idee preis, bei Thomas Mann vorstellig werden zu wollen und ihn zu bitten, aus ihm eine Romanfigur zu machen.

    Der Gedanke ziggevs ist mir bekannt. Da ich kein Literaturkritiker bin und meine Zeit knapp ist, lese ich nach Lust und Laune, ein geringer Teil davon sind Neuerscheinungen. Trotzdem würde ich in die Klage nicht einstimmen. Aktuell hat mich zum Beispiel die Jesus-Trilogie von Coetzee gefesselt. Für mich ist Coetzee ohnehin ein Autor, der „die Fackel der Literatur“ – also, was für mich Literatur bedeutet – weiterträgt. Ich könnte noch weitere Autoren nennen, m. E. reichen diese Autoren vollkommen. Meine Kriterien zu benennen, würde den Rahmen sprengen. Es hat natürlich mit persönlichem Geschmack zu tun, es hat mit Handwerk und artistischem Geschick zu tun, darüber hinaus erwarte ich von Literatur so etwas wie existentielle Erkenntnis. Die Paradoxie liegt vielleicht darin: Einerseits führt an „l’art pour l’art“ kein Weg vorbei, andererseits ist mir „l’art pour l’art“ zu wenig. Nahe ist meinem Verständnis, was Paul Celan in seiner Meridian-Rede und in seiner Rede zum Bremer Literaturpreis ausgesagt hat.

    Was schon gesagt wurde: Literatur und Literaturkritik haben heute keine große soziale Relevanz. Niemand muss sich sozial abgehängt fühlen, wenn er ein bestimmtes Werk nicht kennt. Es gibt kein allgemeines Publikum mehr, das den (imaginären) Horizont für Literaturkritik bilden könnte. Insoweit ist mir die Funktion von Literaturkritik derzeit schleierhaft. Soll man diese Entwicklung bedauern? Natürlich. Vielleicht ist Literatur eben ein Gespräch von Einzelnem zu Einzelnem und kommt daher erst in sozialer Irrelevanz zu sich.

    Was diesen Moralfundamentalismus angeht, würde ich das weder links noch rechts zuordnen. Es gibt wohl immer solche sadistischen Charaktere, die Ideologie ist quasi austauschbar. Dieser Moralismus hat in meinen Augen etwas extrem Triebhaftes. Freudianisch könnte man vielleicht sagen, dass sich bei ihnen „Über-Ich“ und „Es“ verbinden und verbünden, um das „Ich“ niederzumähen. Dafür, dass solche Gestalten gerade jetzt wieder eine Konjunktur erleben, habe ich noch keine schlüssige Erklärung.

  29. Der Hinweis auf Paul Celan ist sehr schön und in dieser Rede zeigt sich in der Tat ein Aspekt von Dichtung (gegenüber der Kunst, zu der sich Celan adversativ verhält).

    Godard ist ein interessantes Beispiel. Zum Verständnis der Handlung fehlt einem eigentlich nicht viel, wenn man nur die unmittelbare Ebene der Liebesgeschichte, die scheitert nimmt – außer vielleicht jene Szene, wo Bardots Körper quasi fragmentiert zu sehen ist. (Aber ich weiß nicht, ob das noch in die fünf Minuten fällt.) Aber für das Verständnis des Films ist dieser Anfang dann doch wieder zentral, und dazu gehören eben auch die unterschiedlichen Handlungsstränge: Das Filmmachen, die Malaparte-Villa, Fritz Lang und die Frage nach dem Mythos und nach Hölderlins Gott. Vor allem aber gehört dazu jener geschriebene und auch gesprochene Satz des legendären Filmkritikers André Bazin:

    „Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist. Die Verachtung ist die Geschichte dieser Welt.“

    Danke ansonsten, Christian und ziggev, für die Antworten und die teils interessanten Details. Leider ist im Augenblick bei mir wenig Zeit. Ich versuche aber entweder ab Montag diese Debatte weiter aufzugreifen, wenn dann bei mir die Luft und die Lust noch da ist, oder aber, was wahrscheinlicher ist, einen eigenen kleinen Essay zu schreiben.

  30. Tja, das sind völlig andere Welten, in denen ich mich bewege. Belletristik, das heißt für mich historische Romane, Science fiction, High Fantasy und Erwachsenencomics. Die Entwicklung der modernen Prosa bis Literatur der Arbeitswelt, Peter Paul Zahl habe ich verfolgt, kenne auch einzelne neuere deutsche Titel wie z.B. Tschick, aber seit Mitte der Achtziger interessieren mich schwerpunktmäßg fast nur die beschriebenen Genres.

    Stelle mir gerade vor, wie Marcel Reich-Ranicki den französischen Post-Doomsday-Comic Les Aventures de Mado et Maildure oder Milo Manaras Ein Autor sucht drei Personen rezensiert…. Gnihhihihi;-)

  31. @ bersarin, zu ersten Teil deiner Antwort:
    „sondern er muß den je eigenen Maßstab des Werkes, den dieses in sich trägt, entdecken und schauen bzw. prüfen, inwiefern das Werk dieser Problemlage dann auch gerecht geworden ist“

    – aber das ist doch reiner Adorno! Ich glaube mich vage zu erinnern, irgendwo gelesen zu haben, es muss die iep dot irgedwas gewesen sein (internet encyclopedia of philosophy, überwiegend britisch), dass bemängelt wurde, dass Adornos Konzept hier vielleicht doch etwas überambitioniert gewesen ist (Seitenhiebe aus eine eigenen Versuche verbieten sich hier natürlich).

    Vielleicht doch etwas zu abstrakt? Denn das kann man immer sagen. Schauen wir uns einfach mal an: Dvorak, Brahms – sogar Schönberg, ich meine den frühen Schönberg. Haben die sich nicht auch oder nicht selten auf die Traditon bezogen? Warum höre ich Schönberg, aber eigentlich nur den frühen Schönberg? – Weil ich die Wiener Klassik immer noch heraushöre. Brahms versucht hier und dort ein mediterranes Colorit. Dvorak, interessant, weil und wie genial er die „amerikanische“ Musik missversteht. Nicht zu sprechen von Bartok, usw.

    Bei Charlie Parker hörst du nicht etwa die avantgardistischen Erfindungen eines Genies, sondern eindeutige Bezüge zum „Balkan-Sound“ um nicht zu sagen Zigeunerjazz. Oder war es nicht eher jüdische Musik, die dem Jazz die ultimative Injektion gab? – Einmal diese Idee vergessend, dass das geniale Werk ex nihilo seine eigene Welt schafft, gehen einem die Ohren auf! Ich glaube es selbst kaum, dass ich dass sage, hier haben wir es eher mit einer Traditionsvergessenheit zu tun.

    So viele klassische Komponisten haben sich auf den „Balkan-Sound“ bezogen, nicht weit entfernt von Wien. Joe Zawinul, einiger der wenigen, soweit ich weiß eigentlich der einzige, der sich unter Schwarzen im frühen New York des Jazz behaupten konnte, kannte natürlich dieselben Bezüge wie Bartok usw. usw.

    Wir haben teilweise denselben Sound, etwa zur selben Zeit, in Russland, im Jazz – und hör dir mal die Chansons etwas später aus Südamerika an! Es sind immer noch die Ohren, die hören.

    Können wir denn wirklich leugnen, dass sich bestimmte „folkloristische“ Stile sich nach „ihrem eigenen Gesetz“ entwickelt hätten? Nach ihrer „eigenen Gesetzmäßigkeit“? Nein. Denn sonst hätten sie sich nicht entwickelt. Kunst entwickelt sich immer nach ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit.

    Dieses abstrakte Prinzip ist als solches leicht zu haben und leer. Adorno ist als Komponist gescheitert.

  32. „– aber das ist doch reiner Adorno!“

    Ob das Adorno ist oder nicht, tut wenig zur Sache. Entscheidend ist, ob es plausibel bzw. richtig begründet ist. Ein Kunstwerk ist ein Gebilde eigener Art und Weise, nach eigenen Gesetzen, und das Werk reagiert auf etwas, das außer ihm liegt und gestaltet es. Dies alles hat Kunstkritik in den Blick zu nehmen und in eine Darstellung zu bringen. Dazu muß sie sich ins Werk hineinbegeben und muß es prüfen.So prüfen, wie ein Schneider Stoffe prüft. Dazu ist das vonnöten, was ich ästhetischen Geschmack nannte, der eben nicht auf subjektiver Präferenz, sondern auf Kenntnis beruht, die auch etwas mit der techné und der poiesis zu tun hat.

    „dass Adornos Konzept hier vielleicht doch etwas überambitioniert gewesen ist“

    Wenn dem so ist, müssen dafür Gründe angegeben werden. Aufs rein irgendwo gehörte möchte ich mich da wenig verlassen.

    „Dvorak, Brahms – sogar Schönberg, ich meine den frühen Schönberg. Haben die sich nicht auch oder nicht selten auf die Traditon bezogen?“

    Das haben diese ganz sicherlich und das haben auch Mahler und Beethoven und das tun viele Künstler: manche explizit, indem sie die Standards des Materials weitertreiben, manche unbewußt.

    „Kunst entwickelt sich immer nach ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit.“

    Das schrieb ich ja. Und genau darum geht es der Kunstkritik, diese durch die immanente Kritik hindurch zu sichten und herauszuarbeiten.

    „Dieses abstrakte Prinzip ist als solches leicht zu haben und leer. Adorno ist als Komponist gescheitert.“

    Dieses ist kein abstraktes Prinzip, sondern eine Aussage im Rahmen der Ästhetik und der Kunstkritik und sie hat sich in der konkreten Kritik am konkreten Werk zu erweisen. Und darin ist es dann kein abstraktes Prinzip, sondern ausgefaltet. Zudem geht es in der Kunstkritik und in der Ästhetik eben schon lange nicht mehr um eine normative Regelpoetik. Wie man bereits an den Auftaktsätzen von Adornos Ästhetik sehen kann, die genau die Problemlage der Avantgarden schon seit der 1910er Jahre erfaßt. Und dieses Freiwerden bedeutet auch für die Ästhetik und für die Kunstkritik eine neue Herausforderung.

    Da Adorno nicht als Komponist angetreten ist, sondern als Philosoph mit erheblicher Kenntnis der Praxis, eben weil er selbst auch komponierte, ist dies nicht die entscheidende Referenz. Adorno ist also als Komponist nicht gescheitert. Zahlreiche Musikkritiker sagen ihm zudem nach, daß das, was er schuf, ästhetisch gelungen und auf der Höhe der Zeit war.

  33. … heute keine Kommentare mehr von mir. Ist ja alles von mir nicht auf Konfrontation angelegt. Ich konnte jetzt meine Grundstimmungen darlegen, das hat gutgetan. Aber jetzt bin ich gewissermaßen „leergeschrieben“ in meiner überhitzen Dachklause und fahre zum Freund in den Schrebergarten zum Abkühlen. Ich sehe nicht, dass wir die Probleme, die wie oben angerissen haben, gelöst hätten (also: ich erhebe keinen Anspruch darauf, das von mir aus geleistet zu haben).

    schönen Abend!

  34. Alles gut. Schönen Abend und ich will mal sehen, ob diese oder nächste Woche aus all dem und Deinen Kommentaren noch ein Beitrag entstehen wird.

  35. hmn! ich meinte, es ist leicht zu haben, weil es sich dieses Prinzip der Formgesetzlichkeit bei jedem Kunstwerk ausweisen lässt, sofern es sich um ein Werk der Kunst handelt. Wir könnten es hier auch beim reinen Formalismus beiben lassen, wie es auch auf formaler Ebene beim Deskriptiven beslassen werden kann. Im emphatischen Sinne, wie etwa Wittgenstein davon gesprochen hätte, muss das Werk – nicht die Kritik – die „Ausfaltung“, von der du sprichst, selber zeigen. Die Kritik kann nur darauf, dass also das Werk etwas „zweigt“, hinweisen. Letzteres geht aber m.E. nur über die sorgfältige Arbeit am Material.

  36. „weil es sich dieses Prinzip der Formgesetzlichkeit bei jedem Kunstwerk ausweisen lässt, …“

    Ja, so ist es. Das ist auch genau der Ansatz einer gelungenen Literaturkritik.

    „Im emphatischen Sinne, wie etwa Wittgenstein davon gesprochen hätte, muss das Werk – nicht die Kritik – die „Ausfaltung“, von der du sprichst, selber zeigen.“

    Auch das ist der Fall und in der modernen Kunst kann das sogar soweit gehen, daß sich das Kunstwerk selbstreflexiv darauf bezieht, man denke etwa an René Magrittes „Dies ist keine Pfeife“. Und die Kritik zeichnet das, was das Kunstwerk zeigt, diskursiv nach.

    Noch im Bann einer an Hegel sowie auch der Frühromantik orientierten Ästhetik, daß das Kunstwerk der Ort des Absoluten ist, schreibt Adorno: „Die Werke sprechen wie Feen in Märchen: du willst das Unbedingte, es soll dir werden, doch unkenntlich. Unverhüllt ist das Wahre der diskursiven Erkenntnis, aber dafür hat sie es nicht; die Erkenntnis, welche Kunst ist, hat es, aber als ein ihr Inkommensurables.“ Dies läßt sich auch auf die Kunstkritik und die Ästhetik übertragen, wenn es darum geht, das Formgesetz des Werkes zu entfalten. Und damit sind wir, wie Du zu recht schreibst, bei der sorgfältigen Arbeit am Material.

  37. sorry, sobald in meinem Visuellem System das Zeichen „Hegel“ (gar nicht mal in Kollokation mit „Adorno“) auftucht, schaltet es auf „Hieroglyphen“ und schattenhafte chinesische Zeichen um. Kann fast nichts dagegen machen. Wunderschöne, aber bedeutungslose Zeichen. Aber selbt die bedeutungslosen Zeichen, im Vertrauen auf ein Höheres Wesen, könntenk ja etwas bedeuten. Ich versuche, das zu lindern. Bin aber hier noch in der Versuchsphase …

  38. Ich kann vielleicht zwei Bücher empfehlen, wenngleich ich eigentlich jemand bin, der die Lektüre der Primärtexte bevorzugt: zum einen das hervorragende Buch von Sebastian Ostritsch „Hegel. Der Weltphilosoph“, samt kleiner Biographie darin, ein idealer Einstieg, um zu verstehen, was Hegel macht, ansonsten bei reclam von Dath: 100 Seiten Hegel. Sehr frei geschrieben und deshalb könnte es vielleicht etwas für Dich sein. Wer es im großen Rahmen mag: Klaus Viewegs Hegelbiographie, und ansonsten für einen detaillierten Einstieg in die Philosophie: Thomas Sören Hoffmann: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Eine Proprädeutik. Hegel allein und für sich selbst zu lesen, ist ein schwieriges Unterfangen. Aber diese Bücher helfen einem vielleicht dabei.

  39. Oder auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel zur Einführung von Schnädelbach. Für Ziggev wahrscheinlich dann doch zu banal, aber trotzdem als minimale Basis lesenswert: Die philosophische Hintertreppe von Wilhelm Weischedel.

  40. @ all : danke dass ich desen Hans-Reichenbach-Link mal kurtz bringen durfte. Ich halte ihn weiterhin für eien der wichtigsten Philosophen des 20. Jh., vor allem wegen seiner brilliaten Kant-Kritik.

    Danke aber @ all für die Hinweise,“100 Seiten Hegel. Sehr frei geschrieben und deshalb könnte es vielleicht etwas für Dich sein“ oder dergeichen. Ich glaube, Hegel irrt sich in jeder Hinsicht. Jetzt nötigt ihr mich, das zu prüfen! I love you!

  41. PS – den genialen Schnaedelbach – Link (zu Hegel, Antrittsvorlesung irgendwo) bringe ich viellecht später. Ich mag Scnhädebach, wie waren mal, ohne dass ich es wusste, Nachbarn

  42. Obwohl Schnädelbach Kritiker der Hegelschen Philosophie ist, und dies leider auf eine teils triviale Weise: nämlich unter Etablierung doxographischer Lesarten, ist seine Junius-Einführung soweit ok und fair. Dennoch würde ich zu Ostritsch raten, weil er mit Leidenschaft schreibt, ohne nun wie Vieweg in die Hagiographie zu wechseln.

    Adorno sagte in einem Brief an Horkheimer im Jahr 1938 über Reichenbach einmal, daß er der wohl klügste Philosoph im Umfeld des Wiener Kreises sei und daß Leute wie Carnap und Neurath ihn weder verstanden hätten noch im Ansatz nur das Wasser reichen könnten. Wenn ich jedoch diese Einleitung von ihm lese, kommen mir da erhebliche Zweifel. Soweit zum Anekdotischen.

    Wenn Links in der Sache gegründet sind und mit dem Thema zu tun haben, kannst Du hier immer verlinken. Ich kenne Reichenbach zu wenig, weshalb ich dazu kaum etwas schreiben kann. Aber Philosophie ist nun freilich keine Cafeteria, wo man sich eine Position auswählt, die einem irgendwie gefällt. (Das gilt für alle Richtungen! Und in diesem Sinne bin ich, auch wenn ich aus bestimmten Gründen eine Präferenz für Hegel und Adorno habe, kein Hegelianer und kein Adornit.) Was den Realismus betrifft, so würde ich allerdings Philosophie immer in der Frage- und Problemstellung gegründet sehen. Und in diesem Sinne ist das, was sich bei Hegel spekulative Philosophie nennt, in der Sache und damit in der Problemstellung gegründet: nämlich etwas von der hohen Warte des Geistes aus zu betrachten und nicht empirisch abzuzählen, wo es empirisch nichts abzuzählen gibt. Siehe Hegels wie auch Platons Kritik der sinnlichen Gewißheit. Reichenbachs Verfahren ist leider eine ganz ganz schlechte Herangehensweise an einen Text der Philosophie. Man sollte einen Text nach seiner eigenen Maßgabe nehmen und dort die Inhalte und Operationen aufeinander beziehen und nicht von außen die Fremdreferenz an ihn herantragen: eben solche Immanenz als Kritik meint Hegels dialektische Methode. Das eben macht Reichenbach beim Hegelzitat nicht. Er liest rein inhaltlich, und so muß ihm, unter Ausblendung der Operationen, Hegels Text entgehen und engleiten – dies zumindest ist der erste Eindruck nach einer flüchtigen Lektüre der ersten Seiten.

    Ich halte es für eine schlechte Idee, sich an anderen Philosophen abzuarbeiten und darauf dann einen eigenen Ansatz zu gründen, wenn man nicht einmal auf einer basalen Ebene Zugang zum Text hat. Zumal sich Reichenbach hier auf einen nicht von Hegel autorisierten Text bezieht. Der Anfang des Buches ist nach einer ersten flüchtigen Lektüre wenig überzeugend, und unter diesen Voraussetzungen kann ein Zugang zu Hegel kaum gelingen. Nämlich weil man ihn, ohne nötigen krititschen Abstand dann durch die Brille Reichenbachs sieht. Das wäre in etwa so, als wollte man aus Adornos Ausführungen zu Heidegger in der ND einen ersten Zugang zu Heidegger gewinnen oder als wollte man von Aristoteles her verstehen, was Demokrit dachte. Das Problem dabei: Um Adornos Ausführungen überhaupt zu verstehen und zu kritisieren, muß man eben Heidegger schon gelesen haben. Bei Demokrit ist dies schwieriger: es ist nichts von ihm überliefert, außer ein paar Fragmente und eben durch Aristoteles, der zugleich sein schärfster Kritiker war.

    Reichenbachs Fehler scheint mir darin zu liegen, einen restringierten Begriff von Philosophie zu etablieren. Das geht meist schief, wenn man qua Setzung alles andere als unwissenschaftlich ausschließen will. Philosophie ist eine plurale Angelegenheit, wo in unterschiedlichen Formen und Weisen geschrieben wird: von platonischen Dialogen bis hin zu Traktaten und Meditationen. Und genau da muß man eben auf die Inhalte UND auf die Form achten, in der Inhalte dargeboten werden. Was wiederum auf die Inhalte wirkt. Siehe z.B. Platon.

  43. Das ist nicht lesenswert, El Mocho, sondern das ist bereits vom Titel triviale Scheiße und nach der Manier: Von Mao zu El Mocho. Wie Dünnbrettbohren ein Volk ausrottete.

    Schaffst Du es eigentlich ein einziges Mal innerhalb von Jahren auch nur einen einzigen sinnvollen Beitrag zu bringen?

  44. Und noch einmal weiter und grundsätzlich zum Lesen von philosophischen Texten: Wer einem philosophischem Text fremde Referenzen oder Beweislasten aufbürdet, sei es die eigenen oder die anderer Autoren, indem man von einem Text das verlangt, was man in ihn hineinliest, der muß regelmäßig an einem solchen Text scheitern und wird enttäuscht: er findet nicht das, was er sucht und warum sollte X oder Y auch jemand anderem zu Gefallen schreiben? Und zwar allein schon deshalb findet ein solcher Leser es nicht, weil nur das aus dem Text herausschaut, was man hineingetan hat. Und da müssen dann zwangsläufig auch die an den Text herangetragenen Erwartungen enttäuscht werden. Der Leser mißt den Text mit einem Anspruch, der nicht der des gelesenen Textes ist. Der Philosoph hat nämlich nicht für mich etwas geschrieben und auch nicht für den Philosophen Y, um dessen Ansatz von Philosophie zu erfüllen, sondern es geht ihm um eine Fragestellung, und der Philosoph X will auch nicht wissen, wie die Welt so ist, sondern er bezieht sich in der Regel auf andere philosophische Positionen. Auf diese bezieht er sich, weil er da offene Fragen sieht.

    Um all das an einem Text zu erkennen deshalb mein Rat immer wieder an alle, die lesen wollen: Laßt alles, was ihr über den Philosophen X oder Y gehört habt fallen: vergeßt es, vergeßt die ganze Sekundärliteratur, und wenn da die Hegelexperten wie Henrich, Gethmann-Siefert, Vieweg oder wie sie heißen aufschlagen und uns etwas über Hegel erzählen. Sekundärliteratur beiseite legen und all die einengenden, einhegenden Interpretationen, die sagen, daß X oder Y dies oder das so sagte und schrieb. Sondern einfach die Texte selbst nehmen und sie lesen. Und ich vermute, daß weder El Mocho noch dieser von ihm genannte Faselhanes je eine Zeile aus Hegels Rechtsphilosophie gelesen haben. Und in dieser Nicht-Lektüre oder aber in dieser ungenauen Lektüre liegt ein erhebliches Problem. Zu sehen auch an Habermas‘ letztem Buch „Auch eine Geschichte der Philosophie“: ein Zurechtstutzen der Philosophiegeschichte auf den eigenen Referenzrahmen. Für ein Alterswerk ist dieses Buch ein einziges Trauerspiel. Habermas hat schon den Poststrukturalismus nicht verstanden und dort Dinge hineingelesen, die bei Foucault und Derrida so leider gar nicht vorkommen, er hat die Crux der Adornoschen Theorie verkürzt und nun geht es auch noch anderen Denkern an den Kragen. Auf solche Werke sekundärer Machart und des Verkürzens von Positionen sollte man getrost verzichte. Wer den Original Hegel will, der greift zu Hegel. Anders geht es nun einmal nicht. Auch wenn das schwierig ist. Zur Unterstützung kann man dann bei Meiner die Kommentare von Pirmin Stekeler-Weithofer nehmen, die sehr genau am Text sind und nicht anhand des Textes eine eigene doxographische Lesart etablieren wollen.

  45. Na dann lies mal den Kiesewetter. Sehr materialreiches Buch, das nicht nur Hegels lebenslange Anbiederung an den preußischen Staat dokumentiert, sondern auch die lange Tradition erzkonservativer hegelianischer Juristen und hegelianischer Nazis.

    Es hat eben nicht nur Marx den Hegel gelesen.

  46. Das Buch ist bereits vom Titel her Gülle und wenn es materialreich ist, dann macht es das umso schlimmer, solch Scheiß zu schreiben. Bei einem Blick ins Buch wird sich allerdings unschwer zeigen lassen, wo der Autor seinen ideologischen Dünnschiß verzapft. Hegel hat sich natürlich nirgends beim preußischen Staat angebiedert, sondern ist ganz im Gegenteil in heftige Konflikte mit ihm geraten, insbesondere, was die Demagogenverfolgungen betraf. In Hegels Vorlesungen saßen die Spitzel des Staates. das Unbotmäßige wurde von Hegel also verschlüsselt. Wie man bereits an seinem Satz aus der Vorrede der Rechtsphilosophie über das Wirkliche und das Vernünftige sehen kann, womit eben genau eine Kritik des preußischen Staates gemeint ist, wenn man einmal schaut, was Hegel unter den Begriffen Wirklichkeit und Vernunft versteht. Dazu freilich muß man Hegel kennen und eben vor allem: Gelesen haben. Hegel hatte freilich Glück, daß er den preußischen Reformer Altenstein auf seiner Seite hatte. Der Hegelsforscher Klaus Vieweg (Lehrstuhl in Jena) zeigt all dies detailliert in seiner Hegel-Biographie, die Kiesewetter natürlich nicht kannte. Kiesewetters Verfahren ist auch aus seinem Marx-Buch bereits hinreichend bekannt: das bewußte denunzierende Dekontextualisieren von Zitaten, um dann das dort herauszulesen, was ihm gerade in den Sinn kommt. Leider hat dieser „Materialreichtum“ nichts mit dem Text des Denkers zu schaffen. Sieht man nämlich in den kompletten Absatz und in den Kontext, erscheint die Aussage in einem völlig anderen Sinn. Mit anderen Worten: Kiesewetter ist in der philosophischen Hegelforschung nicht ernstzunehmen. Und er wird dort auch nicht ernstgenommen. Weil nämlich Denunziation keine Wissenschaft ist. Bereits ein Titel wie „Karl Marx und die Menschlichkeit“ zeigt in etwa das Wissenschaftsverständnis dieses armen Mannes.

    Als Habilitation wurde das Werk aufgrund seiner Mängel nicht angenommen. Wikipedia: „Die Arbeit wurde von der philosophischen Fachwelt weitgehend skeptisch bis ablehnend aufgenommen, so dass eine Habilitation in Philosophie nicht möglich und sinnvoll erschien. Von Hegel zu Hitler sei „ein notwendiges Buch, soweit es gegen die herrschende liberale und linkshegelianische Hegelaneignung an den rechtshegelianischen Hegel erinnert“, aber „leider ein extrem einseitiges Buch, wollte man es als Deutung des ganzen Hegel akzeptieren“, urteilte Henning Ottmann.“ Und selbst sog. Rechtshegelianer wie Joachim Ritter, sind da klüger und können Hegel ebenso als Denker der Freiheit begreifen. Siehe sein lesenswertes Buch „Hegel und die französische Revolution“.

    Bücher, die aus Wut und Unkenntnis geschrieben werden, gelingen selten. Oder wie es im Volksmund heißt: Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz. Und da gab es dann für das Buch auch die Quittung.

    Einfach mal ein wenig über die Hegelforschung informieren, El Mocho, und dann erst posten. Und vor allem: Vorher mal Deinen Kopf einschalten und darüber nachdenken, daß „eine Behauptung aufstellen“ und „Richtigsein einer Behauptung“ zwei grundverschiedene Dinge sind. Ein Buch geschrieben zu haben, ist leider kein hinreichender Ausweis für die Qualität einer Schrift. Erich von Däniken hat manches zur Vor- und Frühgeschichte geschrieben. Nur ist es deshalb noch lange nicht richtig. Sondern ganz im Gegenteil.

  47. Mich erinnert das an die Debatte „Von Marx zu Stalin“, die wir vor langen Jahren mal hatten und die sehr absurde Züge hatte. Unbedingt noch zu schreiben: „Von Nietzsche zu Charles Manson“, „Von Konfuzius zu Mao“, „Von Buddha zu Pol Pot“ und „Von Jesus zu Adenauer“.

  48. @“Obwohl Schnädelbach Kritiker der Hegelschen Philosophie ist, und dies leider auf eine teils triviale Weise: nämlich unter Etablierung doxographischer Lesarten“ —- Dies tut Schnädelbach anderswo viel schlimmer: In seiner Adorno-Interpretation. Da wird dann aus Adornos negativer Dialektik in Verbindung mit einer l´art-pour-l´art-Ästhetik ein genereller Fortschrittsspessimismus, der dem Politischen entsagt und in der Betrachtung des Kunstwerks seine Erfüllung findet. Das hat er so in seiner Adorno-Vorlesung in Hamburg Generationen von Studierenden gelehrt.

  49. Ja, seine Adorno-Lektüre ist leider voll von falschen Voraussetzungen und ziemlich problematisch, wenn ich mir seine Aufsätze zu Adorno in Erinnerung rufe. Einer der Grundirrtümer beruht auf der von Thomas Baumeister und Jens Kulenkampff, 1973 in dem Aufsatz „Geschichtsphilosophie und philosophische Ästhetik. Zu Adornos ‚Ästhetischer Theorie'“ gesetzten Gerücht vom Ästhetischwerden seiner Theorie. Da wird doxographisch eine Lesart etabliert und sie wird dann von Habermas bis Schnädelbach derart abgeschrieben. Ebenfalls absurd ist die Ansicht, daß Adornos Philosophie aporetisch sei. Die Negative Dialektik und auch die Ästhetische Theorie sind dies nun gerade nicht. Und das Zusammengehen von Negativer Dialektik und Ästhetischer Theorie zeigt, wie stark Philosophie und Kunst aufeinander verweisen sind, um von dieser Position heraus weiterhin Philosophie zu betreiben, ohne daß Philosophie dabei ästhetisch würde. Die ND ist alles andere als bloßer Ästhetizismus oder die Flucht der Philosophie in die Ästhetik und auch seine Aufsätze und seine Vorlesungen der 1960er Jahre sind nachgerade alles andere. Weiterhin ist seine Ästhetik nun gerade keine l’art pour l’art, sofern Schnädelbach das so schrieb, sondern die Frage nach den Möglichkeiten einer Kunst bzw. der Künste unter dem Zeichen der Spätmoderne. Um diesen Komplex herum ist seine Ästhetik geschrieben.

  50. @ dersarin – typischer Fehler eines Hegelianers, Reichenbach „top down“ zu lesen. Man muss wissen, dass Reichenbach auch in der Analytischen Philosopie lange als überholt gilt. Die Kritik geht dann natürlich eher von Unten startend.

    Reichenbach glaubte tatsächlich, fast allle philosphischen seien mit der analytischen Methode erledigt oder letztlich alle zu erledigen. War sehr beliebt unter Studentem, weil er endlich mal die aufkommende Qantenmechanik, auch Einstein erklären konnte, mit dem er in Korrespondenz stand. Reichenbach ist einer der wichtigsten Philosophen des 20 Jh.s, weil er, wie gesagt, eine sehr konzise Wideregung Kants geliefert hat.

    – Im Gegensatz zu Hegel. Reichenbach sagt „äysoe<<sepj äaed" ist Unsinn. Du sagst: "äysoe<<sepj äaed" muss aber im Kontext gelesen, der wäre "<aof< <sda<edsdfäysdfksäyd * fgysdägadfäsgYSDÄFga#däsfgadäfogad#äpfgo+", wobei "äysoe<<sepj äaed" für das Sternchen einzusetzen wäre.

    Deine Argummantation funktioniert nur, wenn ich davon ausgehe, dass Hegel tatsächlich etwas zu sagen gehabt hätte. Eine sachliche Argumentation wird unter Vermeidung jedes Sachbezugs gegenüber eines Einstenfreundes abgeanzelt mit dem einzigen Argument, dass Hegel immer recht hat.

    Rortys Komentar zu Reichenbach ist übrigens nicht uninteressant.

  51. Ich habe ja den Verdacht, all diese Lesarten Adornos dienen dem Zweck, sein philosophisches Werk der enormen subversiven Sprengkraft die ihm innewohnt zu entledigen. Kulenkampff, Habermas und Schnädelbach als die Bändiger der DdA und ND, nachdem zuvor Oskar Negt, Hermann Schweppenhäuser und Reimut Reiche diese Sprengkraft herausgearbeitet und z.T. politisch zu operationalisieren versucht hatten.

  52. @ziggev: Ich nahm das, was Reichenbach schrieb und ich zeigte, weshalb dieser Einstieg mit Hegel nicht funktioniert. Im Gegensatz zu Reichenbach nehme ich dafür keine externen Annahmen und auch keine externen Theorien und Überlegungen in Anspruch (nicht einmal die von Hegel), sondern beziehe mich auf das, was da steht und auf seine Art des Vorgehens. Zu seinen übrigen Ausführungen und was er unter wissenschaftlicher Philosophie versteht, kann ich nichts sagen. Allerdings ist es so, daß eben Reichenbach nun auch nicht festzulegen hat, was wissenschaftliche Philosophie ist, um dann andere Formen von wissenschaftlicher Philosophie auszuschließen. Das könnte nämlich dazu führen, daß womöglich das Wissenschaftskonzept von Reichenbach als ein reduktionistisches und eingeschränktes sich erweist.

    Die sogenannte Analytische Philosophie ist in vielfacher Hinsicht eine ziemliche Quatschkiste: Denn erst einmal ist jede Philosophie analytisch. Sie analysiert nämlich, spätestens seit Platon, und insofern ist diese Selbstzuschreibung trivial. Zweitens, sofern sie sich als Hochzeit des Philosophierens etablieren will, wie das im angelsächsischen Raum vielfach geschieht, funktioniert sie nur unter engen Lektürevoraussetzungen und schränkt damit den Rahmen der Philosophie unzulässig ein. Warum das so sein soll, kann sie nur qua dezisionistischer Setzung festlegen. Drittens kennt sie vielfach die Geschichte ihres eigenen Faches nicht und so werden Positionen als neu abgehandelt, die bereits im mittelalterlichen Universalienstreit debattiert wurden. Und dazu gesellt sich eine ungeheure Hybris in der Sache. Hegel benennt das in seinem Wastebook derart:

    „Zur historischen Logik. Es wird versichert, daß wir urteilen: das Gold ist gelb. Diese Versicherung ist wahrscheinlich. Aber nicht ebenso wahrscheinlich ist, daß wir schließen: alle Menschen sind sterblich: Cajus ist ein Mensch; also ist er sterblich. Ich wenigstens habe nie so plattes Zeug gedacht. Es soll im Innern vorgehen, ohne daß wir Bewußtsein darüber haben. Freilich, im Innern geht viel vor, z.B. Harnbereitung und ein noch Schlimmeres, aber wenn es äußerlich wird, halten wir die Nase zu. Ebenso bei solchem Schließen.“

    Mich erinnert dieses Pissen, das sich als Philosophie ausgibt, an Logikseminare bei bestimmten Professoren. Aber das ist vielleicht ein wenig polemisch gedacht und ich will meine Kritik da auch nicht auf die gesamte Analytische Philosophie ausdehnen. Mit Rorty, Brandom, John McDowell und Donald Davidson hat ja doch ein anderer Ton in diese Richtung Einzug gehalten und die alten Grabenkämpfe ein wenig überwunden.

    „Reichenbach sagt „äysoe<<sepj äaed" ist Unsinn. Du sagst: "äysoe<<sepj äaed" muss aber im Kontext gelesen, der wäre "<aof< <sda<edsdfäysdfksäyd * fgysdägadfäsgYSDÄFga#däsfgadäfogad#äpfgo+", wobei "äysoe<<sepj äaed" für das Sternchen einzusetzen wäre.“

    Genau. Und wenn man auf die Operationalisierungen eines Textes achtet, also auf seine Form, seine Rhetorik und seinen Stil und die Weise, wie er Inhalte in eine Gestalt bringt, können selbst die zunächst sinnlos oder leer erscheinende Zeichen wie „edsdfäysdfksäyd*“ einen Sinn haben. Und wenn Reichenbach sagt, etwas ist Unsinn, so kann er das gerne machen. Nur sollte er als sogenannter Analytiker dann auch den Unterschied zwischen der Behauptung einer Aussage und der Geltung einer Aussage kennen. Ein Satz X ist nicht deshalb Unsinn, weil Reichenbach ihn als Unsinn setzt, sondern er kann nur Unsinn sein, wenn er innerhalb des Systems von Äußerungen eines Philosophen Z als unsinnig sich erweist.

    "Deine Argummantation funktioniert nur, wenn ich davon ausgehe, dass Hegel tatsächlich etwas zu sagen gehabt hätte."

    Das Argument verstehe ich nicht. Es gilt diese Aussage für jeden Text: von Heraklit bis Habermas, von Sappho bis Sartre und auch für Reichenbach. Davon ab: ob Autor X etwas zu sagen hat, dürfte als ausgemacht gelten, wenn er etwas sagt. Ob es freilich auch in der Sache gegründet ist, kann man nur wissen, wenn man den Text studiert hat und ihn sehr gut kennt. Du kannst nur dann davon ausgehen, daß Hegel, Reichenbach oder wer auch immer etwas zu sagen hat, wenn Du sie studiert hast. Und weil X sagt, daß Y nichts zu sagen habe, ist dies leider kein valides Argument, sondern einfach nur die Wiederholung einer Behauptung.

    Einer der größten Irrtümer ist übrigens die Annahme, daß Hegels Philosophie schwierig sei. Das ist sie nicht. Sie ist einfach und gut verständlich, denn es steht alles bei Hegel geschrieben. Aber man muß nur, um es dann zu verstehen, am Ende sehr sehr viel gelesen haben, und zwar nicht nur Hegel, sondern auch Heraklit, Parmenides und überhaupt die Vorsokratiker, Platon, Aristoteles, Sextus Empiricus samt der Kenntnis der Pyrrhonischen Skepsis, Plotin, Proklos, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, Duns Scotus, Albertus Magnus, Wilhelm von Ockham, Cusanus, Pico della Mirandola, Descartes, Spinoza, Leibnitz, Hume, Kant, Reinhold, Fichte, Jacobi, Schelling, Schlegel, Schiller.

    "Eine sachliche Argumentation wird unter Vermeidung jedes Sachbezugs gegenüber eines Einstenfreundes abgeanzelt mit dem einzigen Argument, dass Hegel immer recht hat."

    Kannst Du kurz zeigen, wo wer hier in diesem Kontext sagt, daß Hegel immer recht hat? Ich verstehe diese Passage nicht.

  53. @che: Was die Intentionen von Schnädelbach et al. sind vermag ich nicht zu sagen. Dazu müßte ich Schnädelbach sein. Ich kann nur nehmen, was jemand schreibt und mich darauf beziehen und schauen, was daran im Argument richtig ist und was nicht und vielleicht noch, wo vielleicht ein Gedanke problematisch ist, aber doch eine interessante Richtung auftut. So wie etwa durch Schnädelbachs Adorno-Kritik Anky Thyens Dissertation zum Erfahrungsbegriff bei Adorno in der „Negativen Dialektik“, der gegen den Aporievorwurf in Stellung gebracht wird.

  54. Man muss aber nicht Schnädelbach oder Habermas sein um deren Wirkungsweise nachvollziehen bzw. erkennen zu können, zumindest was die große Linie angeht. Und da gab es zunächst beim antiautoritären Flügel der 68er eine radikale Auslegung der Schriften Adornos, die den Schlußsatz der DdA mit der zur Gewalt werdenden Aufklärung wörtlich nahm – wogegen Adorno selbst sich verwehrte – und parallel Interpretationen der DdA und ND durch Martin Jay, Oskar Negt, Hermann Schweppenhäuser und Reimut Reiche, die diese mit Marcuses „Die große Weigerung“ und seinen positiv die US-Bürgerrechtsbewegung und die Yippiehs begleitenden Essays und Artikeln in Zusammenhang brachten und in den Siebzigern als Reaktion darauf Bestrebungen, DdA und ND sozusagen aus der Welt der Politik in die der Kathederphilosophie zurückzuholen. Und da sind maßgeblich Kulenkampff, Habermas und Schnädelbach zu nennen. Bei uns hieß der auch „Habermas, der Verräter“, weil er die Kritische Theorie auf eine Schrumpfform reduziert und gerade ihre transzendenten, nichtidentischen, abgründigen Dimensionen ausgeblendet hatte.

  55. Ich vermag nichts zu ihren Absichten zu eruieren. Es kann ja genausogut sein, daß sie Adornos Ausführungen einfach nur sachlich für falsch halten. Deshalb eben orientiere ich mich lediglich an dem, was Leute schreiben oder sagen. Und weiterhin schaue ich, ob deren Auslegungen von Adorno mit Adornos Texten kompatibel sind.

    Habermas ist sicherlich eine Schrumpfform Kritischer Theorie wenn man Habermas‘ Ausführungen gegen den emphatischen Anspruch von Adornos hält. Habermas ging es seit den 1970er Jahren zunehmend um einen funktionierenden Rechtsstaat und nicht um eine umfassende Kritik der Gesellschaft. Sie fiel bei ihm, um es etwas zu vergröbern und zuzuspitzen, deutlich seichter aus; und wir finden bei Habermas also eine Sozialdemokratisierung der Kritischen Theorie.

    Das Abgründige ist bei Habermas in der Tat ausgeblendet, das sehe ich ebenso und das zeigt sich vielleicht auch daran, daß Habermas in seiner Philosophie bis heute hin zur Ästhetik nichts Wesentliches schrieb, denn in der Kunst geht es ja – unter anderem – auch um eine Erschütterung von Alltäglichkeit und um Verabgrundung. Und gleiches gilt für die Religion, zu der Habermas erst spät Aufsätze schrieb.

  56. Struturwandel der Öffentlichkeit war schon Habermasens wichtigstes gesellschaftskritisches Werk, und das erschien 1962.

  57. Was der Che da schildert ist eine außerphilosophische, innerlinke Betrachtungsweise die in der undogmatischen basisdemokratischen Linken (damit meine ich nicht die aktuellen Schreihals-Kiddies) Konsens ist: Die Operationalisierung der Kritischen Theorie, um eben dieser Linken ein von autoritären Denkansätzen freies theoretisches Rüstzeug zu geben und als Gegenbewegung, der Habermas und Schnädelbach zuzurechnen sind, eine Weichwäsche und Unschädflichmachung der KT.

  58. @che: Ich halte die ThdkH einerseits für ein philosophisch doch interessantes Buch, und gerade dort das Konzept von Lebens- und Systemwelt, für eine interessante Fortführung, wobei auch da sicherlich der Theorie Adornos der Stachel gezogen ist, oder besser gesagt: Habermas hier einen anderen Weg eingeschlagen hat. Und andererseits, im Hinblick auf einen funktionierenden Rechtsstaat auch „Faktizität und Geltung“. Bei aller berechtigten Kritik von Adorno und auch anderen spätmarxistischen Ansätzen sind wir, was den gesellschaftlichen Wandel betrifft, in einer anderen Situation als noch in den 1920er Jahren oder in den 1950er Jahren, wo eine zwar immer auch heterogene, aber doch auch wieder durchs Klasseninteresse zusammengeschweißte Arbeiterklasse hätte Motor der Geschichte sein können – leider wie man im Osten sehen konnte mit allen erschreckenden Folgen: Aspekte, auf die Westlinke und auch die Kritische Theorie und insbesondere Adorno immer wieder verwiesen.

    Und um auch Netbitch mit einzubeziehen, denn schöne Frauen soll man nicht warten lassen: es sind diese Fragen sicherlich mehr innerlinke Debatten. Daß ich nicht gerade Fan unmittelbarer, eingreifender, revolutionärer politischer Praxis bin, dürfte sich herumgesprochen habe. Daß ich aber solchen Denkmodellen und Überlegungen nicht ablehnend gegenüberstehe, ebenfalls. Was solche Veränderungen der Gesellschaft betrifft, würde ich es von zwei Seiten her sehen: einerseits sind, gleichsam von der Lebenswelt her, solche sozialen Bewegungen unbedingt vonnöten, wenn es um einen Wandel geht, der auch auf die Systemwelt seine Auswirkungen haben soll – bestes Beispiel dafür ist die Klimabewegung der FFF-Leute: daß da nicht alles nur gut ist, steht auf einem anderen Blatt, aber es wurden mit einem Male in die Öffentlichkeit Fragen und Probleme hineingetragen, über die vorher nur am Rande oder gar nicht nachgedacht wurde. Damit das freilich wirksam werden kann, müssen solche Fragen irgendwie für die politischen Entscheidungssysteme fluid gemacht und dort eingebracht werden.

    Und in diesem Sinne hat vielleicht auch der lange Marsch durch die Institutionen gewirkt, was man vom Lehrer, über den Richter, den Erzieher und den Politiker gut sehen kann. Und ebenso anhand der Partei der Grünen. Kritische Theorie hat sich zudem, auch durch den Einfluß des sogenannten Poststrukturalismus (um einen problematischen und doxographischen Begriff zu gebrauchen) und von Denkern aus Frankreich, wie Lyotard, Deleuze, Foucault und Derrida, erheblich transformiert. Und in einigen Aspekten würde ich, auch über Habermas‘ ThdkH, ebenso jenen Begriff der Kommunikation transformieren. Obgleich Adorno gegen ihn die stärksten Vorbehalte anmeldete.

    Sicherlich ist für eine Gegenbewegung immer auch der Rückbezug auf die Texte von Marx, teils auch Lenin, so wie etwa Zizek das macht, wesentlich, und ebenso auf die Klassiker der Kritischen Theorie: Eben Adorno, Horkheimer, Marcuse, Benjamin und auch Bloch, wobei ich zunehmend auch Siegfried Kracauer interessant finde.

  59. Jessas! Schwer krass hier!
    Die Frage scheint mir: Wo verlaufen die Konfliktlinien?
    Es ist diem alte Komfliktlinie zwischen dem anarchstischen Ästhetizisten Heinz-Klaus Metzger und Adorno.

  60. Ziggev hat die Lage der Literaturkritik unter der Bedingung der Absenz ihres Gegenstandes schön beschrieben.

    Zum Ende geht er indes weit: „Das würde ich mir wünschen für die Literaturkritk: Dass Leser/innen, möglichst sprachlich einigermaßen versiert, ohne jede „top-down“-mäßig geprägte Vorstellung oder Vorgabe einfach mal von ihrer begeisterten Lektüre Auskunft geben.“

    Dann fangen wir damit doch gleich an!

    Heute mal wieder über den Altmeister. Unser Flobbi hat etwas abgeliefert, das nur als krass, wenn nicht als knorke & töfte zu bezeichnen ist. Daher nenne ich ihn auch gerne „Le Krasseur“.
    Ein Roman wie ein mixtum compositum aus Vulkanausbruch und Tsunami! Flauberts „Salambo“ stellt uns ein Szenarium, das von Blut und Schönheit nur so raucht. Es reißt uns hinein in den Krieg der Römer gegen Karthago. Klar, dass der krasse Gustav dafür akribisch recherchierte: Er war vor Ort am Platz des ehemaligen Karthago, was ihn befähigte, einen besserwisserischen französischen Historiker zu blamieren, der meinte, über den Roman sich mokieren zu können.
    Im Zentrum des Geschehens stehen Salambo, die karthagische oberste Priesterin der Mondgöttin und der Heldenkrieger Matho, den es leider zum Schluß doch zerbrezelt.
    Matho können wir uns in etwa vorstellen wie Schwarzenegger als „Conan“. Salambo imaginiere ich als Scarlett Johansson in ihren jüngeren Jahren, Spätlinie der Film „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, wo sie Männerphantasien bedient, jedenfalls meine.
    Der Roman ist ein echter Kracher: Geopolitischer Kampf um die Handelswege, darin verwoben persönliche Schicksale; Gewalt und Sex, Liebe und Verrat, Reinheit und Fäkalien, ätherische Kleinodien und epische Schlachten, grausam, blutig und verzweifelt – alles drin, alles dran!
    Lesen, geil werden, und dann bespringen wen auch immer – Flobbi at his best!

  61. Es ist der Blog zwar kein Wünsch-dir-was, aber als Hausherr habe ich vielleicht gewisse Wunschrecht. Ob sie erfüllt werden steht dabei auf einem anderen Blatt. Ich würde mich zumindest freuen, wenn der Nörgler etwas zur Musik in bezug auf Adorno und Metzger schriebe und wenn er dazu noch etwas über Adornos Kompositionen kommentieren könnte. Sofern die Zeit und die Lust dazu vorhanden ist – versteht sich.

    Der begeisterten Ausführung des Nörglers zum Flaubert schließe ich mich gerne an. Es ist, um es mit Otto zu sagen, ein affentittengeiler Roman.

  62. als Zugänge zu Hegel, die ich versucht habe, waren das zuletzt für mich der kleine Zwist zwischen Goethe und Hegel: Quellen hier (allerdings in der heutigen Lingua Franka der Philosophe, dem Englischen, das ich tatsächlich zumeist bevorzuge) zunächst iep

    https://iep.utm.edu/goethe/
    und dann auch nicht uninteressant:

    https://era.ed.ac.uk/bitstream/handle/1842/26774/MertensK_1998redux.pdf?sequence=1&isAllowed=y (PDF)

    „Looking at Colour: A Philosophical Exposition“ von Kerstin Mertens (Doctor of Philosophy – The University of Edinburgh 1997) – Es geht u.a. um Goethes Farbenlehre. Beide male bin ich doch eher geneigt, Goethe und nicht Hegel zu folgen, obwohl Frau Mertens sich nicht direkt gegen Hegel aufstellt. Und obwohl ich Goethe eigentich gar nicht mag.

    Schnädelbachs Antrittsvorlesung 1993:

    https://edoc.hu-berlin.de/bitstream/handle/18452/2275/Schnaedelbach.pdf?sequence=1&isAllowed=y (PDF)

  63. Als weiteren Nachtrag: Rortys Kommentar, den ich nur versuchsweise verlinken kann (Anmeldung erforderlich).

    https://www.deepdyve.com/lp/de-gruyter/zur-lage-der-gegenwartsphilosophie-in-den-usa-MuVVgLc0YM

    Reichenbachs Position ist zwar ziemlich radikal, aber vieleicht sollte man sie gerade deshalb einfach mal zu Kenntnis nehmen. Seine Kant-Kritik ist auch deshalb interessant, weil er zeitlebens eher ein kantianisches Projekt verfolgt hat (die Auseinandersetzung mit Katnt nie aufgegeben hat).

    In Ermangelung einer besseren Quelle dieser Link auf Reichenach.

    https://www.gleichsatz.de/b-u-t/gene/reichenbach/hr-aufstieg2.html

  64. Danke für diese Hinweise und Links.

    Ich weiß nun, auch wenn ich an Deine sonstigen Äußerungen denke, nicht ganz, was Du Dir von Hegel und was von der Philosophie erwartest. Ich vermute inzwischen, da muß man zunächst mal einiges klären. Zu den Möglichkeiten, sich Hegel zu nähern, schrieb ich oben. Für ein Philosophiestudium ist Hegel insofern unumgänglich, weil Hegel zentrale Fragen des Philosophierens, von Platon, über Aristoteles bis Spinozas und seinem Substanzbegriff, aufgreift und einen neuen Dreh gibt. Um all das zu verstehen, bleibt einem allerdings nur eines: der Weg der mühsamenen Ebene und d.h. in den Text selbst hinein. Ein idealer Einstieg in Hegel ist „Wer denkt abstrakt?“, dazu Ostritsch, das Dath Buch und vorher noch die Vorrede und die Einleitung der „Phänomenologie“. Und zwar Satz für Satz und am besten nicht alleine, sondern in einer Arbeitsgruppe, wo man über das Gelesene sprechen kann. Das ist bei Hegel eminent wichtig.

    Eine schöne Hegel-Einführung ist auch Blochs „Subjekt – Objekt“ und die Hegel-Kapitel aus der Tübinger Hegel-Vorlesung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.