Hamburg (3)

Wenn man nicht mehr so viel verreist, wie eben in Corona-Zeiten oder weil man das Reisen nicht mehr mag, da überall dieselben sich individuell gebenden Menschen tummeln und in Cafés herumlümmlen, bleiben immer noch die Nahbereiche fürs Photographieren und für das Schlendern übrig.Schwer vernachlässigt ist dabei die andere Seite der Elbe in der schönen Stadt Hamburg – sei das die Veddel, Wilhelmsburg, aber auch Harburg oder aber die Kais und Schuppen in Hamburgs ehemaligem Freihafen. All diese Orte zeigen Spannendes: Brachflächen, Spülfelder, Containeranlagen, Kais, Arbeit, Hafenindustrie, Sattelschlepper, Kräne manchmal auch einen Blick in die alte Welt des Hafens – die alten Backsteingebäude der 1950er Jahre oder sogar aus der Vorkriegszeit. Früher mußte man dort hin zum Freihafen die Zollschranken passieren, und wenn der Besucher einmal Pech hatte, wurde er auch gefilzt. Diese Zeiten sind vorbei, und ebenso die alte Welt der Arbeit im Hamburger Hafen. Schiffe werden mit Containern beladen und von Van Carrieren oder Riesenkränen blitzschnell entladen, da Zeit Geld ist und lange Liegezeit vergeudetes Geld. Die alten Schauerleute, die Schutenfahrer und Ewerführer sind überflüssig. Die Hamburger Speicherstadt hat den Weg fast aller Hafenstädte genommen, ob Bordeaux oder London: es zogen Werbeagenturen, Mulitmedia- oder Internetfirmen dort ein, Museen auch, neue Firmen, und Wohnen am Hafen. Schön und begeisternd sicherlich das Miniaturwunderland. Aber die alte Zeit ist weg. Old brave World. Und einen der herrlichen Hamborger Veermaster sieht man allenfalls auf dem Hafengeburtstag noch. Wir haben dieses Lied als Kinder damals noch in der Schule voll Inbrunst gesungen, und wir und ebenso die heute toten Lehrer hätten in der Grundschule wohl nie gedacht, daß diese Welt des Hafens, der Speicherstadt, des alten Fischmarktes mit dem industriellen Wandel der 1980er Jahre einmal zuende ginge:

 

Ein wenig anzusehen von dieser alten Welt der Arbeit gibt es noch im Hafenmuseum Hamburg  oder in Barmbek im „Museum der Arbeit“. Andererseits ist der nostalgische Blick insofern auch wieder problematisch, weil diese Welt der Arbeit eine harte Welt war. Immerhin aber: noch bis in die frühen 1970er Jahre existent, und auch das machte Hamburgs besonderen Flair aus. Ich erinnere mich noch, wenn wir Ende der 1960er und Anfang der 1970er vom Osten Hamburgs aus mit unserem Vater an die Elbe nach Övelgönne fuhren und dann mit dem beige-weißen VW-Käfer die Reeperbahn passierten, an die gemalten riesengroßen Filmplakate des Aladin-Kinos dort: die Westernhelnden in diesen seltsamen Farben gemalt, mit einem Revolver in der Hand, die mich von oben und grimmig anblickten, und das Kind schaute fasziniert in die Höhe. Ich erinnere die Schlachthöfe beim Karoviertel und als in Altona, auf St. Pauli und in der Schanze die Arbeiter noch wohnten, als der FC St. Pauli kein Verein für Werbefuzzis, linksidentitäre Gesinnungscalvinisten und solche Leute waren, für die linke Politik eher eine Attitüde ist, weil es eben schick ist, auf Instagram oder Facebook ein schwarzes Quadrat zu setzen (eine Art von Blackfacing, wenn man es gerne in der Denunziationstradition dieser Leute machen möchte) und Black lives Matter zu rufen, während einem die Schlachtarbeiter in Niedersachsen und NRW, mithin die Vertragsarbeiter aus Osteuropa, aus Rumänien am Arsch vorbeigehen. Auf einer Demo für andere Arbeitsbedingungen sehe ich diese Trieftrinen nie und man wird sie dort auch nicht sehen.

Rebell ist man heute, wenn man für den HSV ist. Und Traditionalist mit Eigensinn ist man, wenn man seit Anbeginn an von den Kindertagen her und bis heute dem HSV die Treue hält. Der wahre Revolutionär ist ein Konservativer, der die „Abende von St. Petersburg“ genießt (und einst die Nächte an der Elbe am Strand zwischen  Övelgöne und Teufelsbrück und es haßt, in einer Stadt zu leben, in der es möglich ist, daß solche entsetzlichen Leute wie Monika Herrmann Bezirksbürgermeister von Kreuzberg werden können. But the times, they are a changing. Aber muß man eben auch nicht jeden Scheiß mitmachen. Was bleibt, ist Widerstand und die Rebellion des Denkens.

Photographien können keine alte Zeit zurückholen. Sie zeigen, was ist – im Auge des Photographen und bei einem Spaziergang auf der anderen Seite der Elbe.

 

16 Gedanken zu „Hamburg (3)

  1. Ich muss bekennen: Am südwestlichen Elbufer war ich ein Mal, mit 12, und dass es keinen Freihafen mehr gibt wusste ich nicht.

  2. Es gibt näturlich nicht nur Osteuropäer die zu Gast sind. Als mir durstig war auf der Suche nach einem schönen Motiv und es auf die beleuchtete Elbphilarmonie absah aber der Blick sich nirgens zum lichten fenster öffnete hat mich auch Japanische Gäste die die Arbeit am Hafen schätzen in ihrer Runde zum feiern begrüßt, es gab Cola und Karaoke. Die einzige Stunde in der ich dankbar war mich Nachts um einen Blick gekümmert zu haben, der mich zum Arbeitsgedanken inspirieren sollte. Schöne Fotos!

  3. Hat es vielleicht soetwas schon immer gegeben? (Phänomene der Welt die sich auf geben und nehmen stützen haben erst eine Frequente Flora wenn sie gewollt werden) Das was dabei auffällt ist eben wie die „Ungeheuer“ wie sie immer Phantastischer am Kern vorbei zum Fotomotiv „verkommen“ statt Thema, das selbst verkommen scheint. (ist aber wohl das Selbe).

  4. Man muß den Wandel als Wandel nehmen und eine Gestalt des Lebens wird dann alt, wenn ihr nichts Substantielles mehr entspricht oder die ihr entgegenkommenden Bedingungen schwinden – so wie eben die klassische Welt der Arbeit unterging und wie Hamburg einmal eine SPD-Hochburg von Arbeitern und Angestellten war und es inzwischen nicht mehr ist. Photographieren kann man solche Dinge wohl nur am Rande oder indem man den Wandel eines Viertels durch Vorher/Nachher-Photographien dokumentiert. Das kann bei entsprechenden ästhetischen Photographien, die nicht einfach nur platt abbilden wollen, eine spannende oder auch interessante Sache sein.

  5. Fotos zeigen, was ist, durch das Auge des Fotografen, ja, schon wahr, aber selbst das Auge des Fotografen sieht durch den Sucher nicht alles, was die Kamera aufnimmt, und man möchte hinzusetzen, zum Glück. Die Maschine sieht nicht, aber sie registriert, der Fotograf wählt Standpunkt, Ausschnitt, Belichtung. Das Mehr an sinnlichen, zufälligen Details kann bisweilen sogar den Charakter oder die Aussage eines Fotos verändern. Insofern zeigen Fotos, was ist oder besser, was gewesen ist, und dazu noch das optische Unbewusste, was sich im Nachhinein reflektieren, von der Sinnlichkeit in einen möglichen Sinn überführen lässt.

    Ach Hamburg, deine Brachen. Leider liegen sie nicht lange genug brach. Terrains vagues sind in der Hansestadt nicht gerne gesehen, weil wirtschaftlich totes Gelände. Dysfunktionale Räume und Gebäude werden schnellstmöglichst einem neuen Nutzen zugeführt. Die Spannung, die ästhetische, nostalgische oder auch historische Tiefendimension, die solchen sogenannten Unorten eigen sein kann, kommt nicht oder nur selten in den Blick. Damit möchte ich nicht der Öde, dem Verkommenen, dem Verratzten das Wort reden, nur auf die Anschauungs- und Stimmungsswerte des Maroden hinweisen. Dies ist zumindest meine Wahrnehmung in den letzten 20 Jahren, in denen ich in HH wohnen durfte. Das Abseitige, Randständige, zumal als spazierensehender Fotograf, werden hier immer schwerer zu sichten. Vielleicht ist das auf dem riesigen Hafengelände anders, aber da war ich noch zu selten unterwegs. (Dies nur am Rande, da Du bei dieser Serie auch eine Brache bzw. ein Baugelände hinzugefügt hast.)

    Der kühne Schwung der Köhlbrandbrücke, sehr schön. Dazu fällt mir immer die gewagteste, nervenaufreibendste, todesmutigste, aberwitzigste Sexszene der neueren Gegenwartsliteratur ein: Frank Schulz, Morbus fonticuli oder die Sehnsucht des Laien. Überhaupt liegt auf Hamburg und seinen diversen Szeneschauplätzen ein Hauptaugenmerk von Schulz‘ unbändiger Fabulierlust und Detailbesessenheit, die immer auch eine Sprachbesessenheit ist.

    Manche der Fotos kommen mir etwas dunkel vor. (Kann aber auch an meinem Laptop liegen) Auf jeden Fall ist die diffuse Lichtatmosphäre genau richtig, um diese Industriezone ins Bild zu setzen. Es ist eben kein Sujet für fotografische Sentimentalitäten oder Aufhübschungen. Harte Arbeitsrealität muss nüchtern und und sachlich eingefangen werden. Ansonsten droht der Sozialkitsch. Erstaunlich wieder, dass Menschen kaum zu sehen sind, als ob schon damals ein partieller Lockdown herrschte. Nun ja, ich weiß ja, dass Du möglichst auf die Abwesenheit des Menschen auf Deinen Fotos achtest, es sei denn, das Thema erfordert es.

    Schön auch Deine kurzen Erinnerungsschnipsel aus dem Hamburg der 70er Jahre. Zu dieser Zeit war ich noch ein pickliger Teenager in der hessischen Provinz und ahnte kaum, dass auch ich einmal Persönliches assoziieren würde, wenn die Worte St. Pauli, Reeperbahn, Schanze oder Övelgönne fielen. Times, they are changing.

    Gruß, Uwe

  6. Danke für Deinen schönen Kommentar und vor allem den Hinweis auf Frank Schulz.

    Es stimmt, daß einige der Photos zu dunkel sind. Ein wenig korrespondiert dies dann auch mit den Erinnerungen. Es liegt zurück. Ich erinnere mich noch, als die Köhlbrandbrücke als hochmoderne Brückenkonstruktion eingeweiht wurde und alle darüber spazieren durften. Heute überlegt man wegen des Höhe der Schiffe und wegen der Gezeiten diese Brücke abzureißen.

  7. Ich war 12 und die Köhlbrandbrücke noch ziemlich neu als Vater und ich herüber und unbeabsichtigt in den Freihafen fuhren und dann vom Zoll gefilzt wurden. Das war im Rahmen eines wunderbaren Siteseeingurlaubs in Schleswig-Holstein und Hamburg.

  8. Da gilt Unbedingtes und Tragfähiges an das was Städte wie Hamburg so zu bieten haben zu ketten. An Themen der Darauffolge auf lange Sicht fehlt es da nicht in Berlin und München die aus Sicht der Politik keine Gemeinsamkeiten zu Erfindungen und erfinderischen Geist einer Geschichte scheuen an jeglichem Antrieb. Für „Randerscheinung Stadt“ gibt es bei Eindrücken deiner Fotos jedenfalls wening Platz im Text. Mit der Idee zum Schwung finde ich sollte es so weitergehen mir nichts dir nichts,… immer auch wenn nicht Vorangegebenes zu einem sichen Ausgang führt.

  9. Es gibt diese Hafenstädte mit ihren Stückgutfrachtern und Schauerleuten noch: Hurghada, Kosseir, Daressalam, Den Pasar, Singaradja, Surabaja……

    Die Dritte Welt ist noch auf einem anderen Level. Da gibt es auch keine luxussanierten Häuser mit Yuppies, sondern Slums mit ganz Armen.

  10. Das ist natürlich auch ein Argument zum Spazieren: Dahin wo auf. Dies doch auf einer Ebene: zum Späti oder die Post die nicht auf zehn Meterschlangenlänge angewachsen für Einen da ist.

  11. Sicherlich ist dieser Schub an Modernisierung eine Sache des westlichen rationalen Wirtschaftens: das Problem der Beschleunigung auch. Ein Ladevorgang dauert nicht mehr Tage, wie das noch in einigen Häfen der Dritten Welt sein mag. Und das ändert nicht nur den Hafenbetrieb, sondern den ganzen Hafen und bei Containerschifffahrt sind dann auch keine Speicherhäuser mehr nötig. In diesem Sinne hat die Hamburger Hafencity das Problem auf eine eigentlich gute Weise gelöst und es ist einer der in Hamburg inzwischen interessantesten Ort. Die Elbphilharmonie – trotz der ins Unermeßliche gestiegenen Kosten – ist ein großartiges und vor allem für den Hafen markantes Bauwerk. Und am Ende hat sie sich allein durch ihre Präsenz und Ästhetik bewahrheitet.

    Die Hafencity zeigt, wie man modern und zudem noch ästhetisch ansprechend bauen kann und eine große Freifläche auf eine gute Weise nutzt – so auch die Hafenuniversität.

    „Für „Randerscheinung Stadt“ gibt es bei Eindrücken deiner Fotos jedenfalls wening Platz im Text.“

    Eigentlich mag ich die Kombination Bild und Text auch nicht. Ein Text erzählt eine Geschichte und ein Bild erzählt eine andere Geschichte. Man kann beides nebeneinanderlegen, aber ich mag es nicht parallel führen.

  12. In den Neunzigern lernte ich in Tunesien ine schwedische Matrosin kennen, die mit mir und ihrem tunesischen Freund das Land erkundete, weil sie eine Woche Zeit hatte, während ihr Schiff die Ladung wechselte. Heute undenkbar.

  13. So ist es. Hörte vor ein paar Wochen ähnliches in einer Doku über einen Kapitän, der noch in den 1960er gelernt hatte. Seefahrt war Arbeit, aber auch Reise: die Crew sah und kam herum, und ging eben auch in die Puffs dieser Welt.

  14. Deine Kais, Amsterdam, sehn Matrosen im Suff, und sie trinken im Puff auf Gesundheit und Geld aller Nutten der Welt zwischen Shanghai und Kiel, und dann trinken sie viel.

  15. So ist es. Ein wunderbares Lied von Jacques Brel und auch die Übersetzung von Klaus Hoffmann ist ziemlich gut. Da denke ich immer auch ein wenig an Hamburg, die Elbe und den herrlichen Hafen. Und wir wir als Kinder mit der Fähre nach Finkenwerder fuhren und dann weiter nach Blankenese. Oder wie wir mit den Eltern am Strand von Övelgönne saßen, an den Mauern, die die hochgelegenen Gärten der Lotzenhäuser begrenzten, Sätze gegen den Vietnamkrieg, und bei Käpt Lührs (Heute „Strandperle“) gab es den Langnese-Eisbecher mit Blaubeeren.

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