Das Mussolini-Projekt von Antonio Scurati: „M. Der Sohn des Jahrhunderts“

„Damals waren wir eine kleine Schar, heute sind wir Legionen.“

Der Erste Weltkrieg ist vorbei. Italien gehört zu den Siegermächten und gehört es doch nicht ganz, denn es ist bloßer Spielball und im Grunde nicht relevant. Für die Großmächte der ehemaligen Triple Entente – Rußland war inzwischen aus revolutionspolitischen Gründen ausgeschieden – war Italien ein lästiger Gast am Tisch, ein zusätzlicher Esser beim Kuchenverteilen, und die erträumte Großmachtstellung am Mittelmeer blieb aus. Die Schmach saß tief. Jene Interventionisten, die sich von der Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn lossagten, 1915 dann auf der Seite der Triple-Entente in den Krieg eintraten und sich eine Stärkung Italiens versprachen, sahen sich getäuscht. Zu ihnen gehörte auch der damalige Sozialist Benito Mussolini, seines Zeichens später von Beruf Duce, bis man ihn 1945 in Mailand an den Beinen aufknüpfte. Bis 1914 Chefredakteur beim linken Avanti!, dem Zentralorgan der Sozialistischen Partei Italiens, und seit seinem Interventionismus aus der Partei ausgeschlossen, worauf er im selben Jahr die neurechte Zeitung Il Popolo d’Italia gründete.

Diesen Aufstieg Mussolinis und mit ihm den der faschistischen Bewegung, bis hin zu ihrem Ende, schildert Antonio Scuratis Buch M. Der Sohn des Jahrhundert. Scurati macht das in einer Art Mischform: Literarisch aufgemacht, aber so erzählt, daß alle historischen Fakten und Szenen stimmen und keine Fiktionen die Geschichte einfließen – alles ist recherchiert, nichts ausgedacht. Ein dokumentarischer Roman also, was insofern in den Geist der Zeit paßt, weil auch die epische Dichtung heute mehr und mehr Wahrheit sein will und es sich mit Knausgard bis Burnside (und vielen anderen) von der eigenen Vita her gut erzählen läßt.

Das Projekt Mussolini ist von Scurati auf drei Teile angelegt. Der erste Teil behandelt die Zeitspanne vom Jahr 1919 bis zum 3. Januar 1925, zentral zusteuernd auf Mussolinis Machtergreifung 1922 und dann die Jahre der Konsolidierung seines Regimes bis ins Jahr 1924 – was nach der Machtergreifung zugleich bedeutete, die unterschiedlichen Strömungen in der faschistischen Bewegung, von den reinen Schlägerbanden, über die Nationalisten, die Monarchisten und die nationalen Sozialisten irgendwie zu befriedigen. Im Januar 1925 endet das Buch. Im Herbst 2020 soll in Italien der zweite Teil erscheinen.

Kurz nach Kriegsende im Jahr 1919 jedoch sah es schlecht für die aufstrebende national-militante Bewegung der Faschisten aus: Das Volk war kriegsmüde und zermürbt, die Sozialisten erzielten bei den Wahlen vom 16. November eine haushohe Mehrheit. Kein einziger der faschistischen Kandidaten erhielt ein Mandat, es war für Mussolini eine krachende Niederlage. Umso erstaunlicher der langsame, der unaufhaltsame Aufstieg, dessen Höhepunkt das Jahr 1922 war, als Mussolini und seine Gefolgsmänner den Marsch auf Rom wagten. Kaum ein Vertreter des Bürgertums, geschweige der Industriellen und der Unternehmer stellte sich ihm in den Weg, keine Militärs, kaum ein Politiker, obwohl jene Schwarzhemden den regulären Kampftruppen der Armee haushoch unterlegen waren. Der Mythos vom Marsch auf Rom, wie ihn Mussolini inszenierte, war eine läppische Angelegenheit, wie uns Scurati im Detail zeigt, die Marschierer lebten im Dreck, sie hungerten und waren schlecht ausgerüstet. Doch mit List, Tücke, brutaler Gewalt und Terror gegen Andersdenkende wurde die gesellschaftliche Hegemonie pèu a pèu herbeigeführt – das eben, was Antonio Gramsci als kulturelle und politische Hegemonie skizzierte. (Im ersten Teil spielt Gramsci für die KPI und als Mussolins Gegenspieler noch keine Rolle.) Mussolini als Drahtzieher, aber nie direkt an der Gewalt beteiligt – diese Drecksarbeit überließ er anderen. Auch über Gewalt, Angst und Drohung und weil viele sich wegducken läßt sich eine politische Hegemonie herstellen

In einzelnen Szenarien und wie ein Tagebuch, an einzelnen Tagen, Orten und an unterschiedlichen Personen orientiert, schildert Scurati dokumentarisch bestimmte zentrale Ereignisse, zeigt die Methoden der Faschisten, führt uns in die Kämpfe der Sozialisten und macht auf diese Weise in der Arbeit am Details in einzelnen Szenen, die in Norditalien, in der Po-Ebene spielen, sichtbar, wie Mussolinis Aufstieg gelang. Unterschiedliche Szenen geben ein gesellschaftliches Lagebild. Bologna, Mailand, Fiume, Rom, Ferrara. Es geht bis in die Einzelheiten des Tagesablaufes von Mussolini, seine Frau Rachele taucht auf, seine Geliebte, die reiche Erbin Margherita Grassini Sarfatti, wir sehen Mussolinis Ausschweifungen und seine Lebenslust, seine Politik, sein Taktieren, seine Begeisterung für den Krieg. Scurati entfaltet ein großangelegtes Panorama von Figuren und Szenen. Zu groß manchmal und zu lose verbunden.

An der Besetzung der Stadt Fiume (dem heutigen kroatischen Rijeka) beteiligt sich Mussolini aus politischen Gründen nicht. Fiume sollte von den Siegern des Ersten Weltkrieges auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919 dem neuen Königreich Jugoslawien zugeschlagen werden. Der Dichter Gabriele DʼAnnunzio, dekorierter Kriegsheld, marschierte mit einigen Soldaten sowie den im Weltkrieg und in der Isonzo-Schlacht kriegserprobten Sturmtruppen der Arditi in jene Stadt ein. Durch diesen Zug wollte DʼAnnunzio Fakten schaffen und die Stadt wieder in den Besitz Italiens bringen. Im Gegensatz zum Überschwang des Dichters, der 1919 sogar schon auf Rom marschieren wollte, sah Mussolini die Sache nüchterner:

„Ja es wäre schön, bei Tagesanbruch aufzuwachen, alles hinzuwerfen, in ein flottes rotes Auto zu steigen und an der Spitze der jungen Generation auf Rom zu marschieren, als Anführer einer Kolonne blutjunger Kämpfer und Arditi. Der glühende Wahn des Dichters ist schön, so wunderschön, dass einem die Tränen kommen, doch das ist keine Politik. Politik verlangt nach dem hundföttischen Schneid der Straßenkämpfe, nicht nach dem Heldenmut attackierender Reiter. Politik ist die Arena der Laster, nicht der Tugenden. Die einzige Tugend, nach der sie verlangten, ist Geduld. Um nach Rom zu gelangen, muss man erst einmal mitspielen in dieser senilen Farce und sich beim Hohen Greisenrat Gehör verschaffen, bei diesem verkalkten, naiven, halben Dutzend Schurken, das die Welt regiert.“

Diese Passagen sind insofern bezeichnend, weil sich hier Mussolinis Sinn für Macht zeigt: Politik ist das machbare. In dieser Art sinniert Mussolini Ende September 1919 in Venedig. Beschattet von der politischen Polizei. Ein solcher Marsch auf Rom will vorbereitet sein und braucht entgegenkommende Bedingungen in der italienischen Gesellschaft, die in diesem Jahr 1919 noch von den Sozialisten beherrscht war. Politik ist Pragmatismus, und zudem will Mussolini den Ruhm nicht mit einem Dichter teilen. Erst im Oktober 1919 reist auch Mussolini nach Fiume. Aber immerhin sind seit DʼAnnunzios Besetzung der Stadt und jener „Kommune der Faschisten“, so Kersten Knipp in seinem lesenswerten Buch über diese Zeit, die Verkaufszahlen des Il Popolo dʼItalia in die Höhe geschossen. Der Faschismus beginnt populär zu werden.

„Die ganze Stadt schient im Orgasmus, sie feiert eine Orgie unter freiem Himmel, durchzittert von der ungebremsten Geilheit des Verführers. Soldaten, Matrosen, Frauen. Bürger wirbeln in wechselnden Reigen zum Takt der Militärfanfaren umher. An jeder Ecke schwören Gruppen von Arditi ergriffen auf gezückten Dolchen, […] Alles ist skurril, ausgefallen, aufregend. Dennoch hat dieses Fest etwas Unheilvolles. Nachdem sie dem Tod in den Schützengräben Europas vier Jahre lang entronnen ist, scheint die Jugend des Jahrhunderts statt zum Ersparten, zur Familie, zum Glauben, zu ihren Vorfahren, Tugenden und Tagen zurückzukehren, wie betrunken nach Fiume geströmt zu sein, um diesem dummen, sinnlosen Leben ein Ende zu setzen.“

Lebe gefährlich! Vivere pericolosamente!, so geht DʼAnnunzios von Nietzsche entlehntes Motto. Leben als Literatur, doch Mussolini hat für diesen Ästhetizismus nicht viel übrig. Für diese Art von Stil und Spekulation mag die von Scurati gewählte Form, diese Geschichte als Literatur zu schreiben, gut sein, denn solche Passagen lassen sich in einem Sachbuch nur bedingt schreiben, weil diese Art von Anschaulichkeit nur bedingt wissenschaftlich ist – selbst beim populärwissenschaftlichen Sachbuch. Aber ob dieser Ton wirklich gelungene Literatur macht, die auf der Höhe des Phänomens schreibt, bleibt in meinen Augen fraglich. Vor allem, weil in solchen Passagen lediglich Häppchen geboten werden, um dann am nächsten Tag schon nach Florenz und dann wieder anderswohin zu gleiten. Auch von der Sprache her ist die Prosa an manchen Stellen grenzwertig. Als Gabriele DʼAnnunzio 1921 in Mailand vom Balkon seines Hotels herab zum Volk eine Ansprache richtet, heißt es:

„Der rastlose, kleine, füllig gewordene Körper des Dichters, der sich Richtung Scala reckte, prägt den Tag wie ein Siegel den Siegellack.“

Über eine Prügelorgie gegen einen Abweichler aus den eigenen Reihen schreibt Scurati:

„Die Menge schreit ‚Aufhören! Aufhören!‘. Als sie von ihm ablasen, ist Cesare Forni nur noch eine zerfetzte Hülle in der gähnenden Weite der Bahnhofshalle, ein winziger, unscheinbarer Blutfleck im unendlichen Universum.“

Solche Bilder wirken peinlich – im Sinne von Pein bereitend – und in einer falschen Weise pathetisch – gegen Pathos per se ist nichts zu sagen. Weder für ein Sachbuch noch für Literatur paßt solche Form der Darstellung, sondern es zeigt sich hier vielmehr eine gewollte Originalität, die dem Dokumentarischen seinen Schliff verpassen will. Es soll literarisch und bedeutungsvoll wirken. Der Autor sucht nach erlesenen Bildern

Am 30. Oktober 1922 immerhin hat Mussolini sein Ziel erreicht, ein „Polit-Zigeuner und Autodidakt der Macht“, der jüngste Premierminister seines Landes und zu diesem Zeitpunkt der jüngste Staatschef der Welt, stand nun in Rom:

„Er hatte keinerlei Regierungs- und Administrationserfahrungen, war erst sechzehn Monate zuvor in die Abgeordnetenkammer eingetreten und trug das Schwarzhemd, die Uniform einer bis dahin in der Geschichte beispiellosen, bewaffneten Partei. Als der Sohn des Schmieds – der Sohn des Jahrhunderts – die Stufen zur Macht derart emporstieg, öffnete sich das neue Jahrhundert unter seinen Schritten und schloss sich sogleich wieder.“

Oder wie es in Mussolinis Rede zum Jahrestag 1923 hieß: „Damals waren wir eine kleine Schar, heute sind wir Legionen.“

Doch insgesamt bleibt diese Art von Doku-Literatur an der Oberfläche. Es wird ein Motiv oder ein Aspekt angespielt und dann wieder verlassen und nicht wieder aufgegriffen. Selbst dort, wo die Kämpfe der Zeit, besonders die Gewalt gegen die Sozialisten, deren Massenstreiks samt der daraus resultierenden Konfrontation interessant zu werden beginnen und die Geschichte dramaturgisch Fahrt aufnimmt, wird das Szenario wieder umgeschwenkt und der Leser wird an einen anderen Ort katapultiert. Es mag die Funktion dieser Prosa sein, ein Panorama zu entfalten, doch hätte man besser das Material im Sinne einer freien Montage mit Fiktionen und Geschichten oder nach einem irgendwie gearteten Bewegungsprinzip organisieren sollen. Das Panorama wird nicht anschaulich – zumindest mir erging es beim Lesen so. Interessant wirkt allenfalls der kulturgeschichtliche Blick in jene 1920er Jahre in Italien: denn immerhin spielt die Technik und die Begeisterung fürs Neue bei den Faschisten eine große Rolle. Mussolini etwa, der in Nachahmung von DʼAnnunzio Flugstunden nimmt. Auch der Futurist Marinetti samt seinem Faible für Maschine, Panzer und Rennauto taucht auf, wenngleich als lächerliche Figur.

„Die Technologie gibt den Ton an – Automobile, Radios, Phonographen –, neuer Götter werden erschaffen, die eigenen Mythen flimmern über die Kinoleinwand, alles strebt nach Fortschritt und Modernität, und jeder ist aufgefordert daran teilzunehmen: mit der Erfindung des Grammophons hören alle Musik und tanzen zum synkopierten Rhythmus der wilden Ära des Jazz. Die Frauen werden ebenso wild, sie sind frech, unverfroren, zügellos, burschikos, zeigen die nackte Schultern und fordern das Wahlrecht, (…) Komponisten verwandeln das Klirren von Metall und das Rattern von Zügen in Rhapsodien …“

Solche häufiger eingebauten kulturellen und sozialen Kontexte und dazu eine kräftiger gebaute Klammer hätten dem erzählerischen Fluß und damit dem Buch gutgetan: Steigerungen und eine Geschichte, in der die Figuren lebendig werden und sich entwickeln und nicht Staffage für ein Historiendrama blieben – etwa Mussolinis Ehefrau Rachele oder aber seine Geliebte Margherita Sarfatti, die leer bleiben, und ebenso faschistische Führer wie Italo Balbo, den man sich zumindest in Ansätzen anschaulich vorstellen kann: etwa wenn sein sadistisches Dauerlachen beschrieben wird, noch bei der schlimmsten Gewalttat, das Grinsen eines Mannes, als handele es sich beim Menschentotschlagen um Lausbubenstreiche. Aber diese wenigen guten Momente im Buch sind zu selten und bei über 800 Seiten gerät die Lektüre zäh.

Mein Fazit: Das Buch ist langatmig. Solches Verkoppeln von „Dies, dies und dies da geschieht“ reicht nicht für einen Roman, nicht einmal für einen dokumentarischen, denn auch dort will das Material organisiert werden, und es reicht auch nicht für ein historisches Sachbuch. Das Prinzip solcher szenischen Montage der Orte vom Jahr 1919 bis Januar 1925 bleibt am Ende nicht dem literarischen und gestalterischen Willen der Phantasie und der Konstruktion zugeordnet, sondern lediglich dem  historischen Zeitstrahl. Notwendigkeit statt der Freiheit des Erzählens. Dort, wo der Leser Einordung und Analyse erwartet hätte oder ästhetisches Fabulieren – ich zumindest –, findet er Aufzählungen, Fakt reiht sich an Fakt, und wieder eine Aufzählung, und wieder ein neuer Tag 1920 in Mailand mit Mussolini, ein neuer Tag mit dem Faschistenführer Italo Balbo in Ferrara am 22. Dezember 1920, mit DʼAnnunzio sind wir Weihnachten 1920 in Fiume, und ein neuer Tag 1921 mit dem faschistischen Schläger Amerigo Dùmini in Florenz, und 1921 ein Tag in Rom im Abgeordnetenhaus mit dem tapferen und ehrbaren Sozialisten Giacomo Matteotti und und und. Und dann noch 1924 ein schrecklicher Tag in Rom, wo Matteotti, der heimliche Held des Buches, auf grausame Weise ums Leben kommt und von einem faschistischen Rollkommando entführt und erschlagen wird – eine der wenigen packenden Szenen dieses Buches. Die Gewalt der Faschisten zeigt Scurati anschaulich, z.B. die Demütigung der sozialistischen Anführer in den ländlichen Gebieten, indem man ihnen Rizinusöl einflößt und sie dann durchs Dorf treibt:

„Diese Tragikkomik hat einen weiteren Nutzen. Sie hindert das Opfer daran, zum Märtyrer zu werden, denn Scham überdeckt den Schmerz: Man kann keinen Mann verklären, der sich in die Hosen scheißt.“

Man lernt zwar von der Seite der Historie her manche Namen kennen, die man vorher nicht wußte und dringt insofern in die Geschichte Italiens ein, aber nach 50 Seiten hat man diese Namen auch wieder vergessen, sofern man sie nicht vorher schon kannte, weil sie in der Dramaturgie keine Rolle spielen. Bis auf DʼAnnunzio, Giacomo Matteotti und Italo Balbo bleiben die meisten Figuren blass. Und am Ende der 800 Seiten hat man das meiste wieder aus dem Blick verloren, weil es disparat und ohne Motive, die haften bleiben, feilgeboten wurde.

Dort, wo man eine kluge Geschichte, gelungene Arrangements von Figuren gerne läse, begegnen wir spröder Prosa oder in Teilen schiefen Bildern, die literarisch wirken wollen. Es fehlt die Dramaturgie und da viele dieser Fakten im weiteren Kontext keine Bedeutung haben oder in irgendeiner Form in der ästhetischen Konstruktion wieder aufgegriffen werden, langweilt diese Aufzählung. Es werden nicht, wie man das in der Literatur machen kann, Motive entfaltet, sondern wir lesen Beschreibungsexzesse: Mussolinis Hang zu Frauen, seine Konkurrenz zum Dichter Gabriele DʼAnnunzio, sein Machtwille, seine Flugstunden, um mit DʼAnnunzio gleichzuziehen, sein Marsch auf Rom.

Was den großen Erfolg dieses Buches ausmacht, hat sich mir nicht erschlossen. Zumindest nicht literarisch. Immerhin aber ist dieses Buch detailreich und scheint gründlich recherchiert. Wer bis in die Einzelheiten über den Aufstieg des Italo-Faschismus lesen möchte und sich ein Bild über diese Zeit und die einzelnen Personen machen möchte, wer über die Brutalität, mit der die Faschisten vom Anfang bis zu Ende vorgingen, etwas erfahren möchte, bis hin zum schrecklichen Mord an Giacomo Matteotti, und wer auch fürs Heute hin gewarnt sein möchte, wird mit Scuratis Buch gut bedient. Eines zumindest zeigt sein Buch: Demokratie ist keine sichere Burg. Aber um das zu erkennen, hätte ich lieber ein anderes Buch gelesen. Und trotz all der Fakten kommt mir Scuratis Mussolini nicht wirklich nahe. Vielleicht wäre eine wilde Fiktion, die konstruiert und fabuliert, ästhetisch dazu geeigneter gewesen. Scrivi pericolosamente!

Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Klett-Cotta 2019, 830 Seiten, 32,00 €

5 Gedanken zu „Das Mussolini-Projekt von Antonio Scurati: „M. Der Sohn des Jahrhunderts“

  1. Das ist einmal wieder eine Rezension, die sich auch so nennen soll!
    Danke & complimenti.
    ANH

  2. @che: Ja, ich denke, daß Dich das Buch interessieren könnte. Noch mehr vielleicht das Buch über Gabriele D’Annunzio und die Besetzung der Stadt Fiume: Kersten Knipp: „Die Kommune der Faschisten. Gabriele D’Annunzio, die Republik von Fiume und die Extreme des 20. Jahrhunderts“

    Eine faschistische Hippie-Kommune, um es mal etwas grob zusammenzufassen.

    https://www.wbg-wissenverbindet.de/14850/die-kommune-der-faschisten#

    @ANH: Vielen Dank! Ich bin sowieso der Meinung, daß eine Buchkritik unter 9.000 Zeichen eigentlich nur eine Inhaltsangabe und einen Eindruck vermitteln kann, und im Grunde müßte eine Rezension auch noch Fußnoten und ein Literaturverzeichnis haben. Nur ist das vermutlich journalistisch nicht zu bewältigen. Wobei ich meine, daß dei Besprechungen in den Feuilletons der 1980er Jahre deutlich umfangreicher und auch präziser waren. „Die Zeit“ etwa ist im Feuilleton mittlerweile schwer erträglich in meinen Augen.

  3. @„Die Zeit“ etwa ist im Feuilleton mittlerweile schwer erträglich in meinen Augen. — Deswegen schreibt man das ja auch heute Fäuleton.

  4. Das Feuilleton der „Zeit“ ist unter aller Würde, ein Schatten seiner selbst, wenn ich an alte Zeiten denke. Traurig.

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