Zur Gewalt in Stuttgart und zu einem Text von Hengameh Yaghoobifarah

Nichts daran ist gutzuheißen, wenn ein Mob in den Straßen randaliert. Aber es ist eben auch an eine andere Form von Gewalt zu erinnern, wenn solche Sätze fallen „Stuttgart hat eine solche Gewalt noch nie erlebt“:

„Ach ja? Erinnerung 2: Beerdigung von Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, 27. Oktober 1977. Nach dem Verlassen des Dornhaldenfriedhofs werden wir aus dem Nichts von im Wald rechts und links der Straße postierter Polizei angegriffen, darunter Berittene, die in die Menge stoßen. Wir werden auf eine Straßensperre zugetrieben, in der die Personalien der Beerdigungsteilnehmer*innen aufgenommen werden sollen. Wir entwischen, entkommen in eine belebte Fußgängerunterführung, Motorradpolizei jagt hinter uns her, Passant*innen springen gerade noch zur Seite, entsetzte Schreie. Einer von uns stürzt, drei Polizisten stoppen, steigen vom Motorrad, prügeln entfesselt auf den am Boden Liegenden ein, immer wieder, immer wieder. Ein alter Mann kann sie stoppen, indem er sich schützend dazwischen stellt und laut ruft: „Schämen Sie sich nicht!“. Die Polizisten steigen auf ihre Räder und fahren, wieder durch die Passant*innen hindurch, aus der Unterführung heraus. Der alte Mann gibt uns etwas Geld, wir fahren mit dem Zug nach Mannheim, rufen zuhause Freunde an, werden eineinhalb Stunden später abgeholt.

stuttgart.“

(Gefunden bei Thomas Rudhof-Seibert. Dessen Buch „Zur Ökologie der Existenz. Freiheit, Gleichheit, Umwelt“ ich sehr zum Lesen empfehle)

Gewalt ist vielfältig. Und auch an die Gewalt von Polizisten ist zu erinnern – in unterschiedlichen Kontexten -, ebenso wie an die Gewalt von der anderen Seite, wie ich sie vielfach als sinnlose Gewalt auf den Demos zum 1. Mai erlebt habe, wo nicht die Politik auf der Straße ist, sondern ein Mob wütet und Riots simuliert. Und manchmal gibt es auf Demos und bei Kontrollen auch unverhältnismäßige Gewalt von der Polizei. Der Tod von Oury Jalloh, obwohl zwar von Gerichten aufgearbeitet, hinterläßt eine Vielzahl an noch offenen Fragen. „Im Verlauf der Prozesse wurden zwei weitere ungeklärte Todesfälle im Kontext mit Festnahmen durch Polizisten der Dessauer Polizeiwache Wolfgangstraße 25 bekannt.“ So heißt es bei Wikipedia. Auch hier bleiben also viele Fragen. 

Nur gibt es für solche Gewalt der Polizei keinen Freibrief für Pauschalkritik oder Satiren, die man nur mit Mühe bis gar nicht als Satire ausmachen kann und denen es nicht darum geht, auf Probleme zu weisen, sondern wo eine Autorin ihren Haß lediglich auf eine triviale Weise verbreitet – ohne Witz, ohne Esprit und mit bitterbösem Ernst, wie dies bei der taz-Kolumne von HengamehYaghoobifarah. Trivialkritik bestimmt den Ton und abgelatschte Bilder. Daß Satire ihren Gegenstand nicht unterlaufen, sondern sich ihm gewachsen zeigen sollte, hat jene auch in ihren sonstigen Texten grauenvolle Schreibmamsel HengamehYaghoobifarah nicht gut begriffen. Eine Polizei, die solche Feinde hat, braucht keine Freunde mehr, die sie verteidigen. Das erledigen dann solche taz-Kolumnen wie von selbst.

Allerdings: Frau Yaghoobifarah fährt die üblichen Provokationen im taz-Muffmilieu – dafür wird sie gebucht – und sie macht das, was sie am besten kann: ihren Gegenstand intellektuell unterlaufen oder besser: unterrollen. Gelungene Satire steht jedoch über ihrem Gegenstand und zeigt sich ihm gewachsen – das könnte sogar die Polizei sein, wobei ich mit der deutschen Polizei inzwischen eigentlich ganz zufrieden bin und nur wenige Probleme sehe, zumindest wenn ich es im Vergleich mit Frankreich, den USA und anderen Ländern sehe – von Rußland, der Türkei und China will ich gar nicht schreiben. Die Polizei ist zudem, wie viele Gruppen dieser Gesellschaft, ziemlich gemischt: es gibt solche und solche, und in Berlin beträgt der Anteil von Migranten bei der Polizei inzwischen ein Drittel: sollen die auch auf der Müllkippe entsorgt werden, wie weiland schon Gauland eine SPD-Politikerin mit Migrationshintergrund in Anatolien entsorgen wollte? Interessant, daß jene, die für alles mögliche Differenzierung einfordern, diese plötzlich aussetzen lassen und einen ganzen Berufsstand diffamieren, getarnt dann als Satire. Und jene, die sich vor ein paar Monaten noch über irgendwelche harmlos-trüben Greta-Witzchen von Dieter Nuhr aufregten oder bei der großartigen, witzigen und in der Tradition von Harald Schmidt stehenden Lisa Eckhart Antisemitismus witterten, werden bei solchem untertourigem Scheiß, wie ihn die taz produziert, zu Alles-Entschuldigern. Immerhin wird auch in der taz dieser Beitrag intern und auch öffentlich kritisch debattiert.

Daß Blätter wie SpOn und taz Nichtskönner aus der dritten Reihe zum Provozieren buchen, muß man wohl hinnehmen. Es korrespondieren solche Phänomene mit der lange schon ruinierten politischen Debatte. Diese Leute sind das Pendant zu Lichtmesz, Sellner, Kubitschek et al. (wie provoziert man Linke gut, fragte er in seinem Buch „Mit Linken leben“) und es fing solches Larifari an mit Talkshows wie Sabine Christiansen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo dem Zuschauer simuliert wurde, er sähe da politische Diskussion und Meinungsbildung. Aber: wer Scheiße bucht, dem fliegt irgendwann die Scheiße um die Ohren.

Ein Text, wie der von Frau Yaghoobifarah ist schon deshalb eine mißlungene Satire, weil ihm jeder doppelte Boden fehlt. Der Text tritt mit einem verbitterten und verbissenen Ernst auf – und auch das ist das Gegenteil von gelungener Satire. Yaghoobifarahs Texte entstammen aus derselben humorbefreiten Zone aus der auch das Geschreibe eines Leo Fischers stammt. Trivialer Politikitsch getarnt als Satire. Bei Yaghoobifarah handelt es sich um einen Polit-Kommentar aus dem intersektionalen Gewalt-Milieu wie man es teils auch an den Universitäten erleben kann, wenn Vorlesungen verhindert werden sollen und die demokratischen Rederechte ausgesetz werden, wie zu Stalin Stalinsens Zeiten: man will eine bewußt aggressive Linie fahren und man will qua Predigt die Leute aus dem eigenen Milieu erreichen – wobei das wohl selbst taz-intern mißlungen ist – hoffen wir, daß die Minderleisterin dort rausfliegt. Aber das wird, fürchte ich, nicht passieren.

Diesselben Leute, die diesen Text nun verteidigen, würden freilich das politische Gemeinwesen in Gefahr sehen, wenn Don Alphonso oder Birgit Kelle sowas in der WELT geschrieben hätten – nur eben statt Polizei dann „junge männliche Migranten“ – die auf einer Müllkippe dann unter ihresgleichen sind und da dann ihre Aggression auslassen und Frauen begrapschen können. Die Frage hier ist nicht, daß Kritik an der Polizei geübt wird, sondern das Wie steht zur Debatte. Der Text von Yaghoobifarah beraubt sich selbst also eines berechtigten Anliegens.

Demnächst werden zahlreiche Karstadt-Filialen geschlossen. Das interessiert die Leute, ihre wirtschaftliche Existenz, die Fragen politischer Ökonomie und wie Arbeit in einer Gesellschaft organisiert ist und ob es sie überhaupt gibt und zu welchen Bedingungen, und nicht irgendwelche halbgaren Verteidigungen dieser Frau und eine läppische Linke, die schon lange abgewirtschaftet hat, und die diesen Mist auch noch goutiert, anstatt schamvoll zu schweigen, daß man auch solches Dick- und Dumpfgemüse in den eigenen Reihen hat. Die Mehrheitsgesellschaft sollte zusehen, daß solche Leute eine Minderheit bleiben. Es ist sehr leicht, wenn irgendwelche weißen Jüngelchen und Mädchen ihre Black Lives Matter-Schilder auf Demos hochhalten. Gibt es auch solche für die rumänischen Arbeiter in den Schlachhöfen? Das wäre schön, wenn einmal die Arbeitsbedingungen hier in der BRD zum Thema würden. Auch das ist Gewalt.

Und für Frau Yaghoobifarah noch ein kleines Gedankenspiel: Beim nächsten Nazi-Aufmarsch durch Neukölln bleibt die Polizei einfach mal zu Hause: mal sehen, wer der Sieger bleibt. Und da wird es wohl für diese Linke nicht wie in dem Ton Steine Scherben-Song heißen: „Die letzte Schlacht gewinnen wir!“ Und das wird dann sehr unwitzig.

The times, they are a changing! Paßt auf, daß ihr die Anschlußzüge nicht verpaßt!

#tddl2020, #Team Philipp Tingler. Otoo, Schubert, Krusche, Haider und die Carolin-Emckesierung der Bachmann-Eröffnungsreden

Das Bachmannlesen begann mit einer Eröffnungsrede vom Typus pastoralöde Predigt an die Gemeinde, abgehalten von Sharon Dodua Otoo. Ein Gerede, das an die evangelikale Rhetorik der Erbauung zur Wende vom Jahr 1899 auf 1900 erinnerte, als seinerzeit weiße Pastoren im Negergral den armen Schwarzen Moralpredigten vortrugen und sie damit zu Zucht, Reinheit und deutscher, grunddeutscher Ordnung anhielten – so sieht dann eben, weiße Brüder und alte, als Mann gelesene Männer!, die Rache für unseren Kolonialismus aus: Gewäsch, das zu uns als Gespensterrede heimkehrt, bei dem man mit Tränen der Rührung in den Augen verfolgen durfte, wie alle sich fest umarmen, und die antirassistische Gemeinde der Kulturschaffenden so: „Yeah wir sind gegen Rassismus!“ jubiliert, manche waren gar von Tränen gerührt, so las ich auf Twitter. Twitterstimmung wie auf einem evangelischen Kirchentag. Kostet auch nichts. I feel good. Ich nicht. Mich nervt solches Salbadern. Eine Moral- und Gardinenpredigt mit Regelwerk, die ästhetisch in etwa so ansprechend war wie Tante Prusselieses Monologe an Pipi Langstrumpf. Auch aus diesem Grunde beschwiegen die meisten Feuilletons diese Art von Gesinnungskitsch geflissentlich.

Mich interessiert nicht, ob schwarze Blumen malen – davon ab, daß Blumen nicht malen, allenfalls als Metapher, wofür die Blume wiederum als Bild und eben damit als Metapher steht. Mich interessieren böse Blumen, böse Buben, die die Blusen der Böhmin aus Lust zerreißen und die Böhmin, die mit der Axt dann nicht das gefrorene Meer, sondern den Niederstrecker niederstreckt und zerhackt oder daß sie sich in Wildheit, Schönheit und Lust vereinen oder sie mit luxe, calme et volupté sich ergibt, was auch immer, wenn es heiß hergeht – Sex als Text, Text als Sex, oder auch – nicht und wir hier eine Baiser-moi-Rache-Szenario haben – das alles als Literatur. L’invitation au voyage. Diese Rede aber war alles andere als eine Einladung. Höchstens eine ins Herz der gutmeinenden Finsternis. Mich interessiert all das, was in einer Rede zur Literatur, mithin in einem Modus der Ästhetik als Rede über Kunst, mit intellektueller Schärfe oder mit Saft und Kraft daherkommt und was vor allem als Analyse von Prosa überrascht. Das Thema ist nicht schlecht, die Umsetzung des Themas grauenhaft und betulich.

Mich interessiert nicht, ob Schwarze Blumen malen, sondern mich interessiert ihre Kunst, mich interessieren die Bilder, wenn Schwarze Blumen malten. Und diese Bilder bitte ohne belehrende Botschaften. Ich habe dies schon beim weißen Mittelstandsmilieu gehaßt, ich hasse dies also genauso bei dunkel- oder schwarzhäutigen Künstlern. Seid politisch wie James Baldwin, aber macht was Gutes draus! Die meisten der kulturschaffenden und literaturkritisierenden Zuhörer werden ebenso denken, daß diese Rede von Sharon Dodua Otoo öde und belanglos war. Sie sagen es nur nicht. Ich möchte nicht die Carolin-Emckesierung der Bachmann-Eröffnungsreden.

„Verwendet eine weiße deutsche Autorin rassistisches Vokabular in ihrer Kurzgeschichte, weil sie die Lesenden ausschließlich als weiß imaginiert?“

So schreibt Otoo. Davon dürfte kaum auszugehen sein, sofern es sich um Literatur handelt, und insofern Sharon Dodua Otoo auf Astrid Sozios Beitrag zum Bachmannlesen 2016 anspielt, wo auch Otoo las und zu unrecht einen Preis für eine schlechte Prosa erhielt, so ist diese rhetorisch-niederträchtige Frage eindeutig mit Nein zu beantworten. Jene alte, weiße Frau, die in Sozios wunderbarem Roman „Das einzige Paradies“ da in ihrem verbarrikadierten und lange schon leerstehenden Hotel in einer Kleinstadt mehr haust als lebt und darin sich plötzlich eine schwarze Flüchtlingsfrau einquartierte, sagt das Wort „Neger“, weil sie es nicht anders weiß, weil eine solche Person aus einer solchen Zeit kaum PoC oder N*wort (bei dem jeder Hörer natürlich den Neger mitdenkt) sagen würde. Und gerade in diesem Szenario ist dieser Roman eine explizite Kritik am Rassismus. Er muß dabei eben nur nicht mit dem Zeigefinger von Moral- und Belehrungskunst fuchteln. Das wissen diese Kritiker natürlich ganz genau: daß solche Begriffe wie der „Neger“ in diesem Falle ein ästhetisches Mittel sind – außer sie sind derart amusisch, daß ihnen noch der geringste Sinn für Rollenprosa abgeht. Doch hier geht es um die Diskursherrschaft über Sprache. Das ist das Problem, und wir sollten dieses Spiel gar nicht erst mitspielen, zumindest nicht in dieser Form. Nachlesen kann man all das in Astrid Sozios gelungenem Roman „Das einzige Paradies“. Es ist ein Dokument des Antirassismus, und zwar auf eine ästhetisch ansprechende Weise und nicht mit dem Dodua Otoo-Belehrungsfinger.

Der biedere Ekkehard Knörer schreibt in der taz:

„Auf Twitter fiel irgendwann auf, dass ganz anders als im Vorjahr bei Clemens Setz, in den Diskussionen der Jury kein einziges Mal auf den Eröffnungsvortrag von Sharon Dodua Otoo Bezug genommen wurde. Sie hatte darin als Schwarze Autorin über inklusive Sprache nachgedacht.“

Nein, es fiel nicht allgemein bei Twitter auf, sondern einer gewissen Blase um Stokowski und der Literatur“wisssenschaftler“-Sabbel-Bubble, und daß etwas nicht genannt wird, muß nicht unbedingt etwas mit dem Thema zu tun haben, sondern es kann genauso daran liegen, wie und in welcher Art ein Thema vorgetragen wurde, so daß man es aus lauter Scham verschweigt. Auch diese Möglichkeit ist gut denkbar und in diesem Falle auch wahrscheinlich.

Wie aber war das Bachmann-Lesen, wie war die Jury? Neu hinzu kamen Brigitte Schwens-Harrant, die in den Beiträgen, wo ich sie sah, nicht recht zu Wort kam und sich auch selten nur meldete, und Philipp Tingler, der auf Twitter und auch auf Facebook überwiegend negativ aufgenommen wurde. Doch was die Juroren betrifft, bin ich #TeamTingler. Der Mann brachte Schwung in eine Versammlung teils von Schnarchnasen – Klaus Kastberger mal ausgenommen und Michael Wiederstein auch, den ich mag, ich kann gar nicht so genau sagen, weshalb. Was all jene Tingler-Kritiker vergessen, die das Bachmannlesen und die salbungsvollen Worte eines Hubert Winkels oder das Musterschülerinnengerede einer Insa Wilke für Literaturkritik halten: mit Literaturkritik hat eine solche Veranstaltung in dieser Form in etwa soviel zu tun hat, wie „Deutschland sucht den Superstar“ mit Musikkritik.

Zwar ist das ganze nicht nur Show und es gab zuweilen Sternstunden in den Debatten, nämlich dann, wenn gestritten und dabei auch die Kriterien für Kritik in Anschlag gebracht wurden. Daß aber seit Anbeginn des Lesens genauso die Performance zählt, kann man gut nicht nur an den Lesungen einer Autorin wie Lydia Haider und damals auch Nora Gomringer sehen, deren Text ich 2015 ästhetisch wenig überzeugend fand: er lebte allein vom Vortrag, aber nicht vom Vorgetragenen, was einer der Kritiker auch anmerkte – ausgezeichnet wurde Gomringer dennoch. Und dieses kulturindustrielle Moment von Unterhaltung in Koppelung mit Kunst fand sich auch damals schon, als der selige MRR noch mit dabei war. Gerade dort: eine hyperbolische Sichtung von Literatur als privates Geschmacksurteil – nicht mal mehr im Kantischen Sinne.

Über all das kann und muß man debattieren, auch über das Moment der Unterhaltung in einer solchen Veranstaltung und deshalb eben mein Plädoyer für den immer chique gekleideten Philipp Tingler, der ja eben nicht nur provokativ war, sondern dabei gleichzeitig Kriterien ins Spiel brachte, die das Binnenästhetische eines Texte, seine Machart, seine Form in bezug zum Inhalt betonten. Und er tat das in konsequenter und hartnäckiger Weise. Ich nenne sowas eine Haltung. Und die gefiel mir allemal besser als das, was Wilke tat. Über allem thronend ein in die Himmel der Literaturpäpste entschlafender unvermeidlicher Hubert Winkels, wo er sich selbst gerne sähe, und der sich nur einmal nach allen Regeln der Kunst echauffierte, als Tingler in direkter Ansprache die Autorin Lydia Haider nach dem Sinn dieser Geschichte befragen wollte. Winkels so, in hoher Wut und Erregung: es ist doch nicht die Aufgabe, der Autorin, uns Kritikern ihre Geschichte zu erklären: das ist unsere Arbeit. Einerseits ja. Andererseits muß man Zwänge zuweilen brechen. Aber so recht antworten konnte Lydia Haider dann auch nicht. Implizit gab sie Winkels recht und reichte die Frage an die Kritiker weiter – was ihr gutes Recht ist. Und es ist ja in der Tat so, wie es Adorno bereits in seinem Kafka-Essay schrieb: Der Autor ist nicht gehalten sein eigenes Werk zu verstehen.

Dennoch ist Tingler ein erfrischender Gegenpart. Seine Einschätzung des Textes von Lisa Krusche etwa teile ich. Die Dystopie sowie eine postapokalyptische Computerspielwelt, in der sich die Protagonistin des Textes bewegt, ist ein spannendes Thema, doch der Text hat mich in seiner Konstruktion nicht überzeugt. Schon vom Anfang nicht, sprachlich nicht und auch nicht in der Art der Bilder. Krusche präsentierte ein spannendes Thema, aber in der Umsetzung hat, so war mein erster Eindruck, etwas nicht funktioniert. Sicherlich: die Sprache mußte so sein, wenn dann Begriffe wie „nice“ auftauchen: es sind da zwei junge Frauen, junge Menschen einer Generation, die mir in etwa so fremd sind, wie ich der Generation meiner Urgroßmutter, sofern die noch leben würde. Zur Ästhetik und Philosophie des Computerspiels gibt es ja inzwischen auch schon Schriften und Sammelbände – man denke an Daniel M. Feige. Den Textauszug werde ich wohl nochmal als Roman lesen, wenn er dann erschienen ist, um zu schauen, wieviel daran Masche mit Cyborg, Cyberspace und Lebewesenverwandlung ist oder wieweit diese Dystopie aus schrecklicher Zeit doch trägt. Auch das Zum-Tier-werden war ja eine Zeit lang Thema der Literatur, seinen Ausdruck in Theorie fand es in Deleuzes/Gutattaris „Kafka. Für eine kleine Literatur“.

Ebenso kritisch-analysierend verhielt Tingler sich bei Leonhard Hieronymi und bei der gelungenen Erzählung von Helga Schubert, die sie zum Auftakt des zweiten Tages las. Wer sich über Tingler mokiert und zu Insa Wilke schweigt, den nehme ich nicht ernst: zu häufig meldete sie sich, immer gleich zu Anfang, beflissen wie eine Musterschülerin zu Wort. Tingler brachte Pfiff und Pfeffer in die Sache, und was er zur Notwendigkeit der Fiktionalität sagte, bringt Literatur auf den Punkt bzw. nennt einen ihrer wesentlichen Aspekte – im Gegensatz eben zur Geschichtsschreibung oder zur Biographie, deren Wahrheitsmoment nicht primär in der Art des Erzählens liegt, sondern zunächst mal in der Korrektheit der Fakten – diese interessieren in der Literatur nicht. Wenn, wie in Martin Mosebachs „Das Blutbuchenfest“ zum Anfang der 1990er Jahre ein Handy auftaucht, dann ist das auf der Faktenebene zwar falsch, weil es damals keine Handys gab, aber in der Erzählung mag dieser Umstand gerade deshalb eine Funktion besitzen, die man in nichtfiktionalen Texten kritisieren würde. Es mag in der Dichtung immer ein Kern Wahrheit stecken, aber am Ende erhalten wir, noch bei der autobiographischsten Geschichte, eine erzählte Fiktion. Selbst da, wo man es wie Max Frisch in „Montauk“ tat, nämlich die reine Wahrheit eines einzigen Tages mit der Geliebten zu erzählen: sagen, was ist.

Und sonst zu den Lesungen? Bei Freudenthaler habe ich dann den Ton ausgemacht. Es gibt Texte, denke ich mir, zumindest ist dies beim ersten Eindruck so, beim weiteren Lesen mag es anders sein, da ist die Kritikerdiskussion spannender als die Prosa. Das ist ungerecht, ganz sicher, aber weder Ton noch Text haben mich überzeugt. Das katastrophische Thema klang zwar interessant, aber irgendetwas sprang mich bei diesem Text nicht an, war zu glatt im Erzählen. Vielleicht passiert es dann beim zweiten Lesen. Laura Freudenthalers Text müßte ich mir nochmal anhören. Aber bitte von jemand anderem vorgelesen.

Lydia Haiders Wut- und Haß-Text in der Tradition von Werner Schwab, Thomas Bernhard, aber auch mit einem eigenen dialektgefärbten Ton der Wutprosa gefiel mir gut. Auch durch den Furor der Sprache: Gewalt als Ausdruck, eine sympathische Gewalt. Und durch die Performance, von der ein Text lebte. Aber diese Ausdrucksqualität von Dichtung ist immer der Fall und im Grunde etwas Selbstverständliches. Texte haben neben ihrem Textcharakter auch eine inszenatorische Qualität: wir sind es gewohnt, still zu lesen, aber Prosa oder überhaupt Dichtung muß man sich immer als vorgetragene auch vorstellen. Evident wird dies bei der dramatischen Dichtung. Und oft ist es so, daß bei vermeintlich schwierigen Texten durch das Vorlesen sich eine Ebene öffnet, die der Leser oder die Leserin bisher nicht sahen.

Kastbergers Schlußwort vom eigenen Jubel, in dem dieser Haider-Text untergeht, war allerdings richtig. Die Schlußszene auf dem Sofa der Autorin, wo eine mitgebrachte Fangruppe in den Fernseher jubelte und trötete, war überflüssig und peinlich. Haß sollte konsequent sein.

Von der Geschichte her und der Art, wie sie erzählt wurde, gefiel mir Helga Schubert gut – wenn auch in einer eher konventionellen Weise, so daß ich mir vorab schon dachte, daß sich auf diese Prosa die meisten Zuhörer irgendwie werden einigen können. Klar, kann man sagen, Schubert vermag solch gekonntes Erzählen, denn sie ist eine gestandene Schriftstellerin. Aber: es war dies ein Text, der hatte etwas zu erzählen und er machte das in einer fesselnden Art: unaufdringlich und doch eine Spannung haltend, bei einem eher konventionellen Thema und in einer konventionellen Art des Erzählens: unaufgeregt, aber nicht langweilig im Ton. Eine vermutlich autobiographische Geschichte, wie es beim Erzählen der letzten fünf Jahre im Trend liegt.

Leonhard Hieronymi hätte vom Thema interessant sein können, auch in bezug auf die Frage eines literarischen Europas: eine Reise an den östlichen Rand Europas, nach Bukarest und dann nach Konstanza, die Spuren Ovids. Das beste an dieser Geschichte war noch, daß ich mich daran erinnerte, wieder Christoph Ransmayrs großartigen Ovid- und Verwandlungsroman „Die letzte Welt“ zu lesen und auf diesen Roman wies auch einer der Kritiker hin. Aber hier bei Hieronymi hat nicht nur die Art der Konstruktion, sondern auch die Pose den Text kaputt gemacht.

Hanna Herbsts Ironisierung vom Dasein einer Schriftstellerin im Autorenvideo, dargeboten als Song, kam zwar unaufgeregt und witzig-nett daher, hat aber das Problem, daß diese Ironisierung eben auch auf die Geschichte überfärbt: ist dieses Abschiednehmen von einem Vater nun ironisch gemeint, wie Kastberger mutmaßte, oder ernst oder spielt es mit beiden Registern? Das müßte man sich noch einmal genauer ansehen. Ich fand den Text stellenweise bewegend in der Art des Erinnerns und wie eine Krankheit einen Menschen versehren kann und wie eine Tochter auf die wunderschöne Zeit zurückblickt: das melancholische Erinnern hatte einen eigenen Wert und das brachte Herbst in eine gute Form. Allerdings und wie Kastberger zu recht anmerkte hat auch mich diese Yoda-Sprache nicht überzeugt.

Lydia Haider würde ich wohl den Publikumspreis gönnen, dachte ich mir bei ihrem Vortrag, das würde eh gut passen. Und den hat sie dann folgerichtig erhalten. Verdient, weil das Bachmann-Lesen auch von der Performance und vom Vortrag lebt. Daß am Ende alle auf Helga Schubert sich einigten, war eine erwartbare und freundliche, wenn auch für die Literatur eher konventionelle Entscheidung. Es war aber auch ein handwerklich und erzählerisch im ganzen guter Text, bei dem man auf den dann folgenden Roman gespannt sein kann.

Fürs nächste Lesen bleibt vor allem zu hoffen, daß wieder einmal ein Eröffnungsredner eingeladen wird, der etwas zur Kunst zu sagen hat und nicht zu identitärer Schreibarbeit. Schwarze oder weiße oder gelbe oder gute Prosa entsteht durchs Machen und nicht durchs Reden darüber und durchs Vorschriften-Machen.

 

Zum Tod des Historikers Zeev Sternhell: Die dunkle Seite Europas

Hier noch einmal meine Ende Februar 2020 geschriebene Rezension zu Zeev Sternhells Buch: „Faschistische Ideologie. Eine Einführung“.

Im Spannungsfeld der politischen Lage, im Blick auf die AfD und nach den Ereignissen in Thüringen Anfang Februar kann es ratsam sein, sich auf einen Begriff zu besinnen, der im Zusammenhang mit Björn Höcke und der AfD immer wieder fällt: Faschist nämlich. Aber was ist Faschismus? Diesen Begriff als Spielmarke einzusetzen, ist insofern ein Problem, weil man durch solchen ubiquitären Einsatz das Spezifische und damit auch das, was am Faschismus gefährlich ist, verwässert. Zum Glück gibt es Bücher, die Wissen intensivieren.

Zeev Sternhells Buch Faschistische Ideologie will in diesem Sinne einen Überblick verschaffen, im Untertitel nennt sich das Buch Einführung. Gleich im ersten Satz betont Sternhell, daß sich das Wort Faschismus zwar seit Jahrzehnten im politischen Diskurs großer Beliebtheit erfreut, jedoch bleibt der Begriff zugleich verschwommen und unpräzise. Allerdings bereits beim zweiten Satz des Buches schüttelt der Rezensent den Kopf:

„Tatsächlich scheint es so zu sein, als ob die Erforschung des Faschismus noch in den Kinderschuhen stecke, und daß es wenige Wissenschaftler gebe, die sich umfassend um ein tiefgreifendes Verständnis dieses Phänomens bemühen.“

Nun handelt es sich bei diesem neu aufgelegten Text Sternhells zwar um einen Essay aus dem Jahr 1976, der uns hier in einer vom Autor überarbeiteten Fassung vorliegt aber diese Aussage ist so nicht haltbar: nicht nur im Hinblick auf die Gegenwart – hier zumindest hätte eine erläuternde Fußnote gutgetan –, sondern ebenso mit Blick aufs Jahr 1976 existiert eine schier unüberschaubare Zahl an Forschung, die Bibliotheken füllt. Insofern trügt dieser Schein. Gerade in den 1970er Jahren boomten die Texte zur Faschismusdiskussion. Wer sich zur Literatur dieser Jahre einen Überblick verschaffen will, lese Ian Kershaws Buch Der NS-Staat, darin auch die Debatten der 1960er Jahre erwähnt und mit zahlreichen Literaturangaben referenziert sind. Und wer eine detaillierte Sicht auf das Entstehen des Faschismus lesen will, greife zu Ernst Noltes Der Faschismus in seiner Epoche. Action française · Italienischer Faschismus · Nationalsozialismus.

Sternhell nun zeigt die Ursprünge faschistischer Bewegungen und ihrer Politik im ausgehenden 19. Jahrhundert, insbesondere in Frankreich und Italien. Zentral für den Faschismus ist für Sternhell dessen Auseinandersetzungen mit den ebenfalls aufstrebenden sozialistischen Bewegungen, nämlich die soziale in eine nationale Frage zu überführen, um einerseits die antibürgerliche, antiliberale Haltung der sozialistischen Arbeiter ins eigene Lager zu lenken und andererseits eine Politik gegen sozialistische und marxistische Ideen zu etablieren.

Für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg schreibt Sternhell im Blick auf Italien:

„Anstelle einer Klasse war es nunmehr die Nation, die den Lauf der Geschichte als Vertreterin von Fortschritt und Zivilisation bestimmte. Und genau dies war der Paradigmenwechsel, der den Übergang von links nach rechts so einfach machte, denn an jedem anderen Punkt hatten sich die extreme Linke, die sich aus Syndikalisten und revolutionären Sozialisten zusammensetzte, und die Radikalen und Nationalisten der Neuen Rechten bereits getroffen und Übereinstimmungen festgestellt.“

Diese geschichtlich verorteten Überlegungen zeigen vor allem, daß der Faschismus etwas ist, was nicht aus heiterem Himmel über die Menschen kam, sondern Faschismus entwickelte sich in geschichtlichen Prozessen und im Wandel sowie im Kampf der Ideologien des ausgehenden 19. Jahrhundert in Theorie und Praxis.

„Zu jener Zeit, da die alte Welt im August 1914 zusammenbrach, hatte die faschistische Ideologie schon eine lange Geschichte hinter sich, die bis ins Jahr 1880 zurückreichte.“

Das Verschwinden jener „Welt von gestern“ und die Wirrungen nach dem Ersten Weltkrieg setzten in Italien und später auch in Deutschland etwas frei, was in unterschiedlichen Ansätzen schon lange vorbereitet dalag. Es mußte, von der Ebene der Theorie ausgehend, nur noch praktisch werden. Die Mechanismen der Umsetzung allerdings, wie Theorie zur Praxis gelangte, bleiben bei Sternhell leider schematisch und beschränken sich eher auf allgemeine Thesen statt daß hier geschichtliche Forschung und Quellen bemüht würden. Dadurch entsteht in einem Text, der als Einführung konzipiert ist, stellenweise ein verengter Blick. Und es gehört zu einer Einführung dazu, unterschiedliche Positionen der Forschung darzustellen. Sternhell jedoch fährt seine eigenen Thesen aus, und in diesem Sinne führt der Untertitel des Buches auf eine falsche Spur.

Eine weitere Vorentscheidung Sternhell liegt darin, den Nationalsozialismus auszusparen. Der Nazismus „kann nicht als eine bloße Variante des Faschismus behandelt werden: seine Betonung des biologischen Determinismus schließt alle Bemühungen aus, ihn als solche zu betrachten.“ Diese Begründung ist zwar zirkulär, aber Sternhell scheint hier aufgrund der komplizierten Frage und „der spezifischen Charakteristika des Nazismus“ eher um eine Art Singularitätsthese zu gehen, die dem Spezifischen, eben dem Aspekt der brutalen Eliminierung Raum geben will. Aspekte also, die über die faschistische Ideologie hinausweisen.

Zentraler Punkt seines Buches ist das Verhältnis von linken und rechten Kräften in den unterschiedlichen Gesellschaften im Europa des späten 19. Jahrhunderts. Wieweit das, was heute unter dem Namen Hufeisentheorie verbreitet ist und in der Kritik steht, nämlich das Parallellaufen rechten und linken Extremismus, auch zum ausgehenden 19. Jahrhundert schon verbreitet war, zeigt Sternhell am Beispiel der Dreyfus-Affäre und anhand des französischen Sozialphilosophen Georges Sorel. Linke Syndikalisten, rechte Nationalisten und Teile der Sozialisten, die anfangs noch für Dreyfus einstanden, aber abrückten, als sie bemerkten, daß dieses Eintreten für die Republik nur weiter die „Vorherrschaft der Bourgeoisie“ sicherte, schritten bald Seit an Seit gegen die Französische Republik. Die extreme Linke der europäischen Sozialisten, so Sternhell, hielt es für besser, dem Proletariat die Verachtung gegenüber bürgerlichen und liberalen Werten einzuimpfen und jene bürgerlichen Tugenden ebenso abzulehnen wie deren Gesetze. Es ging, so Sternhell, beiden Seiten um die „reinigenden Prozesse des sozialen Kampfes. In den Schriften von George Sorel entdeckten die Syndikalisten außerdem einen reichen Schatz anti-intellektueller und irrationaler Argumente.“

Sorel kam von den Sozialisten, und er experimentierte mit politischen Haltungen. Er war ein vehementer Gegner der liberalen Demokratie des 19. Jahrhunderts. In dieser Ablehnung der demokratischen Idee fanden die rechten Nationalisten der Action Francaise und revolutionäre Syndikalisten eine gemeinsame Basis. Demokratie, darin stimmten sie überein, sei der „größte Fehler des letzten Jahrhunderts“. Diesen galt es zu bekämpfen. Ähnliches spielte sich in Italien ab, wie Sternhell an Sergio Pannunzio, einem Theoretiker des Syndikalismus, zeigt. Sein Schaffen „krönte“ 1934 die Teoria Generale Dello Stato Fascista. Pannunzio verband nationale Themen Italiens mit Überlegungen, die er von Sorel übernahm. Zentral für alle faschistischen Bewegungen ist die Ablehnung des liberalen, demokratischen Staates und dessen Transformation in einen totalitären Staat, der keine Parteien und keine Individuen mehr kennt, sondern alle Bereiche des Daseins als nationale Gemeinschaft zu umfassen bestrebt ist.

Ein weiterer zentraler Aspekt des Faschismus bestand darin die Idee des Klassenkampfes umzupolen in einen Kampf der Arbeiter aller Klassen – also vom Kleinbürger, über die Mittelschicht, dem Arbeiter bis zum Bauern – gegen den „Bankkapitalismus“ und gegen Ausbeutung. Dabei sollten allerdings die traditionellen Werte beibehalten werden, vor allem der Begriff der Nation als einigende Klammer.

Solche faschistischen Bewegungen machten sich in zahlreichen Ländern Europas breit. Ihre volle Wirkung jedoch entfaltete sie zunächst in Italien, obwohl gerade in Frankreich eine starke und erfolgreiche faschistische Bewegung schon vor dem Ersten Weltkrieg entstand. Das Buch nennt zwar diese Differenzen und deutet auch auf Gründe. Es sind also nicht einfach nur Begriffe wie Nation und das ideologische Unterfutter, sondern erst die politischen Umstände und Kontexte lenken Geschichte in die eine oder eben in die andere Richtung. Solche Darstellung der Interdependenzen und auch der analytische Blick, was sozialistische und faschistische Bewegungen vor allem trennt, fehlen in diesem Buch leider. Die Fokussierung auf Gemeinsamkeiten erscheint stellenweise einer Blickverengung geschuldet.

Die Frage, wie ausgeprägt und stark solcher Wechsel von der linken Seite auf die rechte tatsächlich ausfiel, müßte man zudem anhand von Quellen zeigen, um genaue Zahlen zu bekommen. Waren es einige aus den linken Bewegungen, die die Seiten wechselten, oder war es doch eine Vielzahl an Menschen? Und was setzte linke Theorie dem entgegen? Diese Aspekte fehlen im Buch und insofern geht Sternhells Buch über eine Einführung in die Materie hinaus, er liefert Interpretationen, und ich bin mir nach Abschluß der Lektüre nicht sicher, ob man nicht, um diese These Sternhells in ihrem Sachgehalt zu beurteilen, doch auch einen anderen Blick auf die Frage nach der Entstehung des Faschismus benötigte.

Ein weiterer Mangel des Buches liegt darin, daß Sternhell unidirektional ästhetisches und politisches Denken koppelt. Sei es bei seiner Lektüre des rechtsnationalen französischen Schriftstellers Drieu La Rochelle, in dessen Literatur sich teils heftiger Antisemitismus findet, oder wenn ästhetische Positionen wie der Italienische Futurismus und insbesondere die Thesen Marinettis unmittelbar mit dem Brutalismus der Faschisten, die gerne den neuen Barbaren gegen die verkrustete Zivilisation einsetzen, verbunden werden. Selbst dort, wo Marinetti 1909 in seinem Manifest die „Zerstörung der Museen, Bibliotheken und Akademien“ fordert, verkürzt und verkennt solcher Zusammenschluß nicht nur den Eigensinn des Ästhetischen, sondern greift auch in der Analyse ökonomischer und politischer Mechanismen zu kurz. Der Ästhetisierung des Politischen, wie ihn nicht nur Künstler, sondern auch die faschistische Politik gerne und bis heute hin betreibt, liegt ein politischer Akt zugrunde, kein ästhetischer. Selbst da nicht, wo Künstler wie Marinetti dies aus Gründen der Selbsterhöhung gerne annehmen. Die Ansätze, die Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz liefert und die im Blick auf eine politische Ästhetik wiederum zu korrigieren wären, bilden hier ein spannendes Interludens, um das Theoriefeld Masse, Macht, Ästhetisierung, Politik und die ästhetische Verheißung, die in solchen Verkoppelungen liegt, im Detail zu analysieren.

Instruktiv scheinen mir Sternhells Ausführungen an dem Punkt, wo er den Faschismus im Sinne eines Kults als neue Religion deutet, die ein „Produkt der Veränderung der Politikgestaltung [war], die gegen Ende des 19. Jahrhunderts stattgefunden hatte.“ Jene Beschreibung der „faschistischen Liturgie“ als „romantische und mystische Konzeption des Lebens“ ruht freilich, so Sternhell, im Politischen und ist Produkt einer neuen Massengesellschaft – wobei man sich an dieser Stelle und weil Faschismus fälschlicherweise immer einmal wieder mit dem vermeintlichen Irrationalismus der Romantik verbunden wird, einige Erläuterungen zu den Begrifflichkeiten gewünscht hätte.

Wichtig ist ebenso Sternhells Verweis auf das spezifisch Moderne der Bewegung, selbst da, wo sie regressive Elemente enthält und trotz aller Naturidylle und trotz Blut-und Boden-Ideologie. Die unterschiedlichen faschistischen Bewegungen Europas setzten auf die Entfaltung von Industrie und die Möglichkeiten neuester Technik, und sie setzte auf die Jugend.

Sternhell spricht zudem vom ganzheitlichen, mithin dem totalitären Charakter dieser Bewegung, etwa in der Annahme, daß die nationale Gemeinschaft einen Körper schafft, in dem das Proletariat integraler Teil einer Nation sein würde. Sternhell nennt hier den Charakter der Massenbewegung, insofern durch die Instinkte und Emotionen der Massen das analytische abwägende Vorgehen des Verstandes, das also, was man als die kalte Rationalität kritisierte, gebrochen wurde. Für den Faschisten sind die Emotionen dem Verstand überlegen, und das hat eminenten Einfluß auf die politische Propaganda: Gefühle sind leicht zu triggern und zu mobilisieren. Damit beschreibt Sternhell die neuen Herrschaftstechniken einer modernen politischen Bewegung, die einerseits Egalität beansprucht, diese aber andererseits an eine gemeinsame nationale Identität bindet – die rassischen Aspekte dieser Bewegung – wie sie bei den französischen Faschisten durchaus eine Rolle spielten, man denke eben an die Dreyfus-Affäre – streift Sternhell nur bzw. er konstatiert, daß sie für den italienischen Faschismus eine geringe Rolle spielten.

„Hinter dem Faschismus stand die Sehnsucht, dem Leben einen neuen Sinn zu verleihen. Deshalb nahm der Faschismus, wenn man ihn gründlich betrachtet, den Charakter einer neuen Religion an, die vollständig mit einer eigenen Mystik ausgestattet war und die bestehende Welt insgesamt ablehnte.“

Solche Sätze stehen allerdings thesenartig im Raum und man hätte sich für die inhaltliche Ausarbeitung doch den einen oder anderen Hinweis aus der Sozialgeschichte und den Gang in die Archive gewünscht, um das zu verifizieren. Als These mag das klangvoll sein, aber mangels Belegen überzeugt es nicht. Leider finden sich in diesem Buch immer wieder Beispiele für solche behauptenden Sätze.

Vorsicht ist auch im Hinblick auf die diagnostische Kraft des Buches geboten, wie manche Interpreten dies gerne sähen, auch die Autoren des Nachwortes. Sternhells Essay aktualisiert nicht auf die Gegenwart hin und ebenso wie Adornos Vortrag über rechtes Denken lassen sich zahlreiche Aspekte nicht umstandslos aufs Jetzt übertragen – was Sternhell allerdings auch nicht behauptet. Die Krisen der Gegenwart, wie etwa die Globalisierung, die Konkurrenz zwischen den USA und China, eine multipolare Welt mit Ländern, die Atomwaffen besitzen, sind andere und stellen die Politik vor neue Herausforderungen. Selbst da, wo rechte Nationalisten heute, wie schon die Rechtsnationalen in ganz Europa zu Zeiten der Wirtschaftskrise von 1929, sich für eine nationale Abschottung der Wirtschaft aussprachen, sind die globalen und nationalen Bedingungen andere als damals – allein über die mediale Vernetzung.

Und auch Analogiebildungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit geraten schief. Sie zwängen Unterschiedliches in ein Muster. Wenn damals wie heute in einem faschistischen oder autoritären Staat politische Parteien keine Rolle mehr spielen sollen, sondern das Eingebundensein des Einzelnen in die Gemeinschaft zentral wird, dann mögen sich die Ideen gleichen. Doch ähnliche Ideen unter verschiedenen Voraussetzungen können unterschiedliche Effekte zeitigen. Dies fängt bereits bei den deutlich pluraleren Lebensformen an, die heute herrschen und die den Protest sozialer Bewegungen gegen solche Tendenzen befruchten – gerade die Ereignisse in Thüringen um die Wahl des Ministerpräsidenten zeigten, wie schnell sich der Widerstand im Bereich der Medien, aber auch als Straßenprotest organisieren ließ. Mit solchen Analogien übersieht man das Spezifische der Gegenwart und verfehlt es. Sternhell liefert insofern kein Vademecum – schon gar nicht, wie mit Faschismus heute umzugehen sei –, sondern er zeigt, wie es war und wie es wurde und er liefert auf rund 120 Seiten eine überblickshafte Skizze, die freilich in vielen Aspekten fragwürdig bleibt. Als Einführung in den Faschismus halte ich diesen Text für wenig geeignet. Als Perspektivierung auf ein Problem und seine geschichtliche Freilegung bleibt das Buch lesenswert.

Den Teil des Nachworts von Kristine Listau und Jörg Sundermeier, wo es um den politischen Gegenwartsbezug geht, kann man sich bei der Lektüre allerdings sparen. Es ist in seiner Vergröberung entbehrlich: ein Statement etwa, daß es inzwischen auch bei der Linken wieder Gruppierungen gäbe, die Begriffe wie Heimat, Volk und Nation affirmativ aufgreifen wollen, um diese Begriffe den Rechten wegzunehmen, zielt in lauer Polemik am Problem vorbei und ist in dieser simplifizierenden Allgemeinheit schlicht falsch. Als ob sich Faschismus einfach in Begriffen wie Heimat oder Nation, die nebenbei etwas völlig verschiedenes sind, erschöpfte. Und daß Menschen angesichts der politischen Lage ihre Lesekreise an Universitäten verlassen und sich nicht nur an irgendwelchen linken Identitätspolitiken ausrichten, ist nicht Querfront, sondern angesichts ökonomischer Schieflagen sogar geboten. Gerade solche Sätze machen deutlich, daß das Problem des Faschismus nicht im Ansatz begriffen wurde – trotz dieses Buches.

Zeev Sternhell: Faschistische Ideologie. Eine Einführung, Verbrecher Verlag 2019,136 Seiten, 15,00 EUR, ISBN 9783957323125

 

Die andere Seite des Flusses. Auto-Flanieren, Spazieren in Werften

Man kann ebenso mit dem Automobil flanieren, wie man es auch zu Fuß vermag – sicherlich auch mit dem Fahrrad, das ist für Körper und Geist gut, solange man beim Radeln nicht unters Auto gerät. Das Flanierfahren geht dann ganz gut, wenn ich durch Industrielandschaften kreuze und wenn wenig Verkehr ist, so daß die Aufmerksamkeit auf die Stadtlandschaft geht. Ausschau halten, in den Rückspiegel lucken, Perspektiven checken. Anhalten, schauen, schlendern, photographieren und dann weiterfahren. Das geht mit einem Auto sehr schnell. Und über die Köhlbrandbrücke gelangt man nicht mit dem Fahrrad. Noch interessanter aber ist dieses inzwischen schon wieder veraltete Bauwerk, unter das manche der Containerschiffe nicht einmal mehr passen, von unten anzusehen. Davon mehr in einem späteren Teil dieser Hamburg-Serie.

Das Mussolini-Projekt von Antonio Scurati: „M. Der Sohn des Jahrhunderts“

„Damals waren wir eine kleine Schar, heute sind wir Legionen.“

Der Erste Weltkrieg ist vorbei. Italien gehört zu den Siegermächten und gehört es doch nicht ganz, denn es ist bloßer Spielball und im Grunde nicht relevant. Für die Großmächte der ehemaligen Triple Entente – Rußland war inzwischen aus revolutionspolitischen Gründen ausgeschieden – war Italien ein lästiger Gast am Tisch, ein zusätzlicher Esser beim Kuchenverteilen, und die erträumte Großmachtstellung am Mittelmeer blieb aus. Die Schmach saß tief. Jene Interventionisten, die sich von der Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn lossagten, 1915 dann auf der Seite der Triple-Entente in den Krieg eintraten und sich eine Stärkung Italiens versprachen, sahen sich getäuscht. Zu ihnen gehörte auch der damalige Sozialist Benito Mussolini, seines Zeichens später von Beruf Duce, bis man ihn 1945 in Mailand an den Beinen aufknüpfte. Bis 1914 Chefredakteur beim linken Avanti!, dem Zentralorgan der Sozialistischen Partei Italiens, und seit seinem Interventionismus aus der Partei ausgeschlossen, worauf er im selben Jahr die neurechte Zeitung Il Popolo d’Italia gründete.

Diesen Aufstieg Mussolinis und mit ihm den der faschistischen Bewegung, bis hin zu ihrem Ende, schildert Antonio Scuratis Buch M. Der Sohn des Jahrhundert. Scurati macht das in einer Art Mischform: Literarisch aufgemacht, aber so erzählt, daß alle historischen Fakten und Szenen stimmen und keine Fiktionen die Geschichte einfließen – alles ist recherchiert, nichts ausgedacht. Ein dokumentarischer Roman also, was insofern in den Geist der Zeit paßt, weil auch die epische Dichtung heute mehr und mehr Wahrheit sein will und es sich mit Knausgard bis Burnside (und vielen anderen) von der eigenen Vita her gut erzählen läßt.

Das Projekt Mussolini ist von Scurati auf drei Teile angelegt. Der erste Teil behandelt die Zeitspanne vom Jahr 1919 bis zum 3. Januar 1925, zentral zusteuernd auf Mussolinis Machtergreifung 1922 und dann die Jahre der Konsolidierung seines Regimes bis ins Jahr 1924 – was nach der Machtergreifung zugleich bedeutete, die unterschiedlichen Strömungen in der faschistischen Bewegung, von den reinen Schlägerbanden, über die Nationalisten, die Monarchisten und die nationalen Sozialisten irgendwie zu befriedigen. Im Januar 1925 endet das Buch. Im Herbst 2020 soll in Italien der zweite Teil erscheinen.

Kurz nach Kriegsende im Jahr 1919 jedoch sah es schlecht für die aufstrebende national-militante Bewegung der Faschisten aus: Das Volk war kriegsmüde und zermürbt, die Sozialisten erzielten bei den Wahlen vom 16. November eine haushohe Mehrheit. Kein einziger der faschistischen Kandidaten erhielt ein Mandat, es war für Mussolini eine krachende Niederlage. Umso erstaunlicher der langsame, der unaufhaltsame Aufstieg, dessen Höhepunkt das Jahr 1922 war, als Mussolini und seine Gefolgsmänner den Marsch auf Rom wagten. Kaum ein Vertreter des Bürgertums, geschweige der Industriellen und der Unternehmer stellte sich ihm in den Weg, keine Militärs, kaum ein Politiker, obwohl jene Schwarzhemden den regulären Kampftruppen der Armee haushoch unterlegen waren. Der Mythos vom Marsch auf Rom, wie ihn Mussolini inszenierte, war eine läppische Angelegenheit, wie uns Scurati im Detail zeigt, die Marschierer lebten im Dreck, sie hungerten und waren schlecht ausgerüstet. Doch mit List, Tücke, brutaler Gewalt und Terror gegen Andersdenkende wurde die gesellschaftliche Hegemonie pèu a pèu herbeigeführt – das eben, was Antonio Gramsci als kulturelle und politische Hegemonie skizzierte. (Im ersten Teil spielt Gramsci für die KPI und als Mussolins Gegenspieler noch keine Rolle.) Mussolini als Drahtzieher, aber nie direkt an der Gewalt beteiligt – diese Drecksarbeit überließ er anderen. Auch über Gewalt, Angst und Drohung und weil viele sich wegducken läßt sich eine politische Hegemonie herstellen

In einzelnen Szenarien und wie ein Tagebuch, an einzelnen Tagen, Orten und an unterschiedlichen Personen orientiert, schildert Scurati dokumentarisch bestimmte zentrale Ereignisse, zeigt die Methoden der Faschisten, führt uns in die Kämpfe der Sozialisten und macht auf diese Weise in der Arbeit am Details in einzelnen Szenen, die in Norditalien, in der Po-Ebene spielen, sichtbar, wie Mussolinis Aufstieg gelang. Unterschiedliche Szenen geben ein gesellschaftliches Lagebild. Bologna, Mailand, Fiume, Rom, Ferrara. Es geht bis in die Einzelheiten des Tagesablaufes von Mussolini, seine Frau Rachele taucht auf, seine Geliebte, die reiche Erbin Margherita Grassini Sarfatti, wir sehen Mussolinis Ausschweifungen und seine Lebenslust, seine Politik, sein Taktieren, seine Begeisterung für den Krieg. Scurati entfaltet ein großangelegtes Panorama von Figuren und Szenen. Zu groß manchmal und zu lose verbunden.

An der Besetzung der Stadt Fiume (dem heutigen kroatischen Rijeka) beteiligt sich Mussolini aus politischen Gründen nicht. Fiume sollte von den Siegern des Ersten Weltkrieges auf der Pariser Friedenskonferenz von 1919 dem neuen Königreich Jugoslawien zugeschlagen werden. Der Dichter Gabriele DʼAnnunzio, dekorierter Kriegsheld, marschierte mit einigen Soldaten sowie den im Weltkrieg und in der Isonzo-Schlacht kriegserprobten Sturmtruppen der Arditi in jene Stadt ein. Durch diesen Zug wollte DʼAnnunzio Fakten schaffen und die Stadt wieder in den Besitz Italiens bringen. Im Gegensatz zum Überschwang des Dichters, der 1919 sogar schon auf Rom marschieren wollte, sah Mussolini die Sache nüchterner:

„Ja es wäre schön, bei Tagesanbruch aufzuwachen, alles hinzuwerfen, in ein flottes rotes Auto zu steigen und an der Spitze der jungen Generation auf Rom zu marschieren, als Anführer einer Kolonne blutjunger Kämpfer und Arditi. Der glühende Wahn des Dichters ist schön, so wunderschön, dass einem die Tränen kommen, doch das ist keine Politik. Politik verlangt nach dem hundföttischen Schneid der Straßenkämpfe, nicht nach dem Heldenmut attackierender Reiter. Politik ist die Arena der Laster, nicht der Tugenden. Die einzige Tugend, nach der sie verlangten, ist Geduld. Um nach Rom zu gelangen, muss man erst einmal mitspielen in dieser senilen Farce und sich beim Hohen Greisenrat Gehör verschaffen, bei diesem verkalkten, naiven, halben Dutzend Schurken, das die Welt regiert.“

Diese Passagen sind insofern bezeichnend, weil sich hier Mussolinis Sinn für Macht zeigt: Politik ist das machbare. In dieser Art sinniert Mussolini Ende September 1919 in Venedig. Beschattet von der politischen Polizei. Ein solcher Marsch auf Rom will vorbereitet sein und braucht entgegenkommende Bedingungen in der italienischen Gesellschaft, die in diesem Jahr 1919 noch von den Sozialisten beherrscht war. Politik ist Pragmatismus, und zudem will Mussolini den Ruhm nicht mit einem Dichter teilen. Erst im Oktober 1919 reist auch Mussolini nach Fiume. Aber immerhin sind seit DʼAnnunzios Besetzung der Stadt und jener „Kommune der Faschisten“, so Kersten Knipp in seinem lesenswerten Buch über diese Zeit, die Verkaufszahlen des Il Popolo dʼItalia in die Höhe geschossen. Der Faschismus beginnt populär zu werden.

„Die ganze Stadt schient im Orgasmus, sie feiert eine Orgie unter freiem Himmel, durchzittert von der ungebremsten Geilheit des Verführers. Soldaten, Matrosen, Frauen. Bürger wirbeln in wechselnden Reigen zum Takt der Militärfanfaren umher. An jeder Ecke schwören Gruppen von Arditi ergriffen auf gezückten Dolchen, […] Alles ist skurril, ausgefallen, aufregend. Dennoch hat dieses Fest etwas Unheilvolles. Nachdem sie dem Tod in den Schützengräben Europas vier Jahre lang entronnen ist, scheint die Jugend des Jahrhunderts statt zum Ersparten, zur Familie, zum Glauben, zu ihren Vorfahren, Tugenden und Tagen zurückzukehren, wie betrunken nach Fiume geströmt zu sein, um diesem dummen, sinnlosen Leben ein Ende zu setzen.“

Lebe gefährlich! Vivere pericolosamente!, so geht DʼAnnunzios von Nietzsche entlehntes Motto. Leben als Literatur, doch Mussolini hat für diesen Ästhetizismus nicht viel übrig. Für diese Art von Stil und Spekulation mag die von Scurati gewählte Form, diese Geschichte als Literatur zu schreiben, gut sein, denn solche Passagen lassen sich in einem Sachbuch nur bedingt schreiben, weil diese Art von Anschaulichkeit nur bedingt wissenschaftlich ist – selbst beim populärwissenschaftlichen Sachbuch. Aber ob dieser Ton wirklich gelungene Literatur macht, die auf der Höhe des Phänomens schreibt, bleibt in meinen Augen fraglich. Vor allem, weil in solchen Passagen lediglich Häppchen geboten werden, um dann am nächsten Tag schon nach Florenz und dann wieder anderswohin zu gleiten. Auch von der Sprache her ist die Prosa an manchen Stellen grenzwertig. Als Gabriele DʼAnnunzio 1921 in Mailand vom Balkon seines Hotels herab zum Volk eine Ansprache richtet, heißt es:

„Der rastlose, kleine, füllig gewordene Körper des Dichters, der sich Richtung Scala reckte, prägt den Tag wie ein Siegel den Siegellack.“

Über eine Prügelorgie gegen einen Abweichler aus den eigenen Reihen schreibt Scurati:

„Die Menge schreit ‚Aufhören! Aufhören!‘. Als sie von ihm ablasen, ist Cesare Forni nur noch eine zerfetzte Hülle in der gähnenden Weite der Bahnhofshalle, ein winziger, unscheinbarer Blutfleck im unendlichen Universum.“

Solche Bilder wirken peinlich – im Sinne von Pein bereitend – und in einer falschen Weise pathetisch – gegen Pathos per se ist nichts zu sagen. Weder für ein Sachbuch noch für Literatur paßt solche Form der Darstellung, sondern es zeigt sich hier vielmehr eine gewollte Originalität, die dem Dokumentarischen seinen Schliff verpassen will. Es soll literarisch und bedeutungsvoll wirken. Der Autor sucht nach erlesenen Bildern

Am 30. Oktober 1922 immerhin hat Mussolini sein Ziel erreicht, ein „Polit-Zigeuner und Autodidakt der Macht“, der jüngste Premierminister seines Landes und zu diesem Zeitpunkt der jüngste Staatschef der Welt, stand nun in Rom:

„Er hatte keinerlei Regierungs- und Administrationserfahrungen, war erst sechzehn Monate zuvor in die Abgeordnetenkammer eingetreten und trug das Schwarzhemd, die Uniform einer bis dahin in der Geschichte beispiellosen, bewaffneten Partei. Als der Sohn des Schmieds – der Sohn des Jahrhunderts – die Stufen zur Macht derart emporstieg, öffnete sich das neue Jahrhundert unter seinen Schritten und schloss sich sogleich wieder.“

Oder wie es in Mussolinis Rede zum Jahrestag 1923 hieß: „Damals waren wir eine kleine Schar, heute sind wir Legionen.“

Doch insgesamt bleibt diese Art von Doku-Literatur an der Oberfläche. Es wird ein Motiv oder ein Aspekt angespielt und dann wieder verlassen und nicht wieder aufgegriffen. Selbst dort, wo die Kämpfe der Zeit, besonders die Gewalt gegen die Sozialisten, deren Massenstreiks samt der daraus resultierenden Konfrontation interessant zu werden beginnen und die Geschichte dramaturgisch Fahrt aufnimmt, wird das Szenario wieder umgeschwenkt und der Leser wird an einen anderen Ort katapultiert. Es mag die Funktion dieser Prosa sein, ein Panorama zu entfalten, doch hätte man besser das Material im Sinne einer freien Montage mit Fiktionen und Geschichten oder nach einem irgendwie gearteten Bewegungsprinzip organisieren sollen. Das Panorama wird nicht anschaulich – zumindest mir erging es beim Lesen so. Interessant wirkt allenfalls der kulturgeschichtliche Blick in jene 1920er Jahre in Italien: denn immerhin spielt die Technik und die Begeisterung fürs Neue bei den Faschisten eine große Rolle. Mussolini etwa, der in Nachahmung von DʼAnnunzio Flugstunden nimmt. Auch der Futurist Marinetti samt seinem Faible für Maschine, Panzer und Rennauto taucht auf, wenngleich als lächerliche Figur.

„Die Technologie gibt den Ton an – Automobile, Radios, Phonographen –, neuer Götter werden erschaffen, die eigenen Mythen flimmern über die Kinoleinwand, alles strebt nach Fortschritt und Modernität, und jeder ist aufgefordert daran teilzunehmen: mit der Erfindung des Grammophons hören alle Musik und tanzen zum synkopierten Rhythmus der wilden Ära des Jazz. Die Frauen werden ebenso wild, sie sind frech, unverfroren, zügellos, burschikos, zeigen die nackte Schultern und fordern das Wahlrecht, (…) Komponisten verwandeln das Klirren von Metall und das Rattern von Zügen in Rhapsodien …“

Solche häufiger eingebauten kulturellen und sozialen Kontexte und dazu eine kräftiger gebaute Klammer hätten dem erzählerischen Fluß und damit dem Buch gutgetan: Steigerungen und eine Geschichte, in der die Figuren lebendig werden und sich entwickeln und nicht Staffage für ein Historiendrama blieben – etwa Mussolinis Ehefrau Rachele oder aber seine Geliebte Margherita Sarfatti, die leer bleiben, und ebenso faschistische Führer wie Italo Balbo, den man sich zumindest in Ansätzen anschaulich vorstellen kann: etwa wenn sein sadistisches Dauerlachen beschrieben wird, noch bei der schlimmsten Gewalttat, das Grinsen eines Mannes, als handele es sich beim Menschentotschlagen um Lausbubenstreiche. Aber diese wenigen guten Momente im Buch sind zu selten und bei über 800 Seiten gerät die Lektüre zäh.

Mein Fazit: Das Buch ist langatmig. Solches Verkoppeln von „Dies, dies und dies da geschieht“ reicht nicht für einen Roman, nicht einmal für einen dokumentarischen, denn auch dort will das Material organisiert werden, und es reicht auch nicht für ein historisches Sachbuch. Das Prinzip solcher szenischen Montage der Orte vom Jahr 1919 bis Januar 1925 bleibt am Ende nicht dem literarischen und gestalterischen Willen der Phantasie und der Konstruktion zugeordnet, sondern lediglich dem  historischen Zeitstrahl. Notwendigkeit statt der Freiheit des Erzählens. Dort, wo der Leser Einordung und Analyse erwartet hätte oder ästhetisches Fabulieren – ich zumindest –, findet er Aufzählungen, Fakt reiht sich an Fakt, und wieder eine Aufzählung, und wieder ein neuer Tag 1920 in Mailand mit Mussolini, ein neuer Tag mit dem Faschistenführer Italo Balbo in Ferrara am 22. Dezember 1920, mit DʼAnnunzio sind wir Weihnachten 1920 in Fiume, und ein neuer Tag 1921 mit dem faschistischen Schläger Amerigo Dùmini in Florenz, und 1921 ein Tag in Rom im Abgeordnetenhaus mit dem tapferen und ehrbaren Sozialisten Giacomo Matteotti und und und. Und dann noch 1924 ein schrecklicher Tag in Rom, wo Matteotti, der heimliche Held des Buches, auf grausame Weise ums Leben kommt und von einem faschistischen Rollkommando entführt und erschlagen wird – eine der wenigen packenden Szenen dieses Buches. Die Gewalt der Faschisten zeigt Scurati anschaulich, z.B. die Demütigung der sozialistischen Anführer in den ländlichen Gebieten, indem man ihnen Rizinusöl einflößt und sie dann durchs Dorf treibt:

„Diese Tragikkomik hat einen weiteren Nutzen. Sie hindert das Opfer daran, zum Märtyrer zu werden, denn Scham überdeckt den Schmerz: Man kann keinen Mann verklären, der sich in die Hosen scheißt.“

Man lernt zwar von der Seite der Historie her manche Namen kennen, die man vorher nicht wußte und dringt insofern in die Geschichte Italiens ein, aber nach 50 Seiten hat man diese Namen auch wieder vergessen, sofern man sie nicht vorher schon kannte, weil sie in der Dramaturgie keine Rolle spielen. Bis auf DʼAnnunzio, Giacomo Matteotti und Italo Balbo bleiben die meisten Figuren blass. Und am Ende der 800 Seiten hat man das meiste wieder aus dem Blick verloren, weil es disparat und ohne Motive, die haften bleiben, feilgeboten wurde.

Dort, wo man eine kluge Geschichte, gelungene Arrangements von Figuren gerne läse, begegnen wir spröder Prosa oder in Teilen schiefen Bildern, die literarisch wirken wollen. Es fehlt die Dramaturgie und da viele dieser Fakten im weiteren Kontext keine Bedeutung haben oder in irgendeiner Form in der ästhetischen Konstruktion wieder aufgegriffen werden, langweilt diese Aufzählung. Es werden nicht, wie man das in der Literatur machen kann, Motive entfaltet, sondern wir lesen Beschreibungsexzesse: Mussolinis Hang zu Frauen, seine Konkurrenz zum Dichter Gabriele DʼAnnunzio, sein Machtwille, seine Flugstunden, um mit DʼAnnunzio gleichzuziehen, sein Marsch auf Rom.

Was den großen Erfolg dieses Buches ausmacht, hat sich mir nicht erschlossen. Zumindest nicht literarisch. Immerhin aber ist dieses Buch detailreich und scheint gründlich recherchiert. Wer bis in die Einzelheiten über den Aufstieg des Italo-Faschismus lesen möchte und sich ein Bild über diese Zeit und die einzelnen Personen machen möchte, wer über die Brutalität, mit der die Faschisten vom Anfang bis zu Ende vorgingen, etwas erfahren möchte, bis hin zum schrecklichen Mord an Giacomo Matteotti, und wer auch fürs Heute hin gewarnt sein möchte, wird mit Scuratis Buch gut bedient. Eines zumindest zeigt sein Buch: Demokratie ist keine sichere Burg. Aber um das zu erkennen, hätte ich lieber ein anderes Buch gelesen. Und trotz all der Fakten kommt mir Scuratis Mussolini nicht wirklich nahe. Vielleicht wäre eine wilde Fiktion, die konstruiert und fabuliert, ästhetisch dazu geeigneter gewesen. Scrivi pericolosamente!

Antonio Scurati: M. Der Sohn des Jahrhunderts
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Klett-Cotta 2019, 830 Seiten, 32,00 €

„Mit Brillengestell wie Baudrillard“: Berlin, Barleben, Post-Corona und die Postmoderne – die Tonspur zum Sonntag

Wenn bald die Covid-19-Zeit vorüber und wir alt sind oder auch nicht und wenn die Spatzen von den Dächern pfeifen, die Berliner Nachtigallen singen (man beachte dazu von David Rothenberg und Silvia Morawetz das Buch „Stadt der Nachtigallen: Berlins perfekter Sound“, Rowohlt 2020) und wenn nun der Sommer Einzug in die Stadt hält, dann zieht auch die Postmoderne in Berlin und in unsere Clubs und Straßen wieder ein: „Das fragmentierte Subjekt stellt sich physisch dar, als vielfacher Huldiger vor dem Szenealtar.“, wie die Band „Erfolg und der beste Damenchor aller Zeiten“ es singt. Bald geht es wieder los. „One day baby, we’ll be old. Oh Baby, we’ll be old. And think of all the stories, that we could have told.“ Mit Brillenmännern, Brillenfrauen und Mädchen in Spagetti-Tops, so hofft der Frauenfreund und -betrachter aus seinem Refugium heraus, das weit ab vom wilden Treiben, Tun und Tanzen, aber dicht bei den Nachtigallen und den Singvögeln liegt. Und ich denke, wie schön die Zeit war. Damals. 2013. Im „Vögelchen“ in der Eisenbahnstraße mit Julia und beim Hühnerhugo und später geheime Cocktailträume in der „Schwarzen Traube“. Bald aber heißt es wieder:

„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.“

Ich aber habe mit oder ohne Baudrillardbrillen kurz nur dem Sound der Nachtigallen gelauscht. In einem Park in St. Eglitz, dicht bei Dahlem, da wo es gegen Nacht still ist und selten nur, gegen eins oder zwei, der Motor eines Autos die Stille der Straße schneidet.

 

Zum Tod Christos. Paris, Berlin, Flanierereien und die verhüllten Objekte

Nun ist es vielleicht Zeit, das Geheimnis zu lüften, woher das Titelbild des AISTHESIS-Blogs stammt: es werden sich dies sicherlich manche gefragt haben, zumindest wurde ich von einer Leserin und einem Leser darauf angesprochen – in einem kurzen Text aus dem Jahr 2013 lieferte ich zwar schon einmal einen Hinweis. Aber das ist inzwischen einige Jahre her. Die Auflösung nun: es ist auf der Photographie am Kopf der Seite die damals 1985 von Christo verhüllte Pont Neuf in Paris zu sehen. Mich hat dieses Verhüllen damals, im ersten Augenblick, als ich vor dieser Brücke stand, verärgert, geärgert, erzürnt gar. Ich war das erste Mal in meinem Leben in Paris und fand eine in graues Lacken verhüllte Brücke, Wenigsten war die Statue des Henri Quatre nicht verhüllt – was ich im nachhinein dann freilich schade fand. Doch der Reihe nach.

Meine Mutter brachte mich im September 1985, schwer mit Koffern beladen, denn ich reiste für einen Monat nach Paris, mit dem Auto zum Bahnhof. Natürlich fuhr sie, wie immer, zu schnell, und wie es die Umstände und die knappe Zeit wollen, geriet sie in eine Polizeikontrolle. Mit ihrem Charme bezirzte Muttern die Polizisten jedoch mühelos. Wenige Minuten später drang aus dem Radio die Meldung vom Tode Axel Springers. Ich jubelte herzlich, Muttern meinte, dieser Jubel und Triumph sei herzlos. Aber ich mochte an diesem frühen Abend keinen Disput über Politik, sondern wollte mich auf Paris freuen: 22. September 1985. [Vielleicht stritten wir doch, ich weiß es im Grunde nicht mehr.] Ich befand mich nur noch eine Tagesreise von Paris entfernt, um dann, nach einer beschwerlichen Nachtfahrt, Stunden später am Gare du Nord den Zug zu verlassen. Wie die Zugräder über die Schienen rattern, monoton getaktet, und eine Fahrt im Nachtzug in den dunklen Abteilen und Gängen ist oft besungen worden. Weniger oft, wenn der Zug nachts um zwei in Namur hält und im fahlen gelben Licht  des Bahnhofs eine zerfallene Stadt, marode Industrie und Kohleberge sichtbar sind. Une saison en enfer, zumal wenn eine Station später die Stadt Charleroi folgt. Aber die Einfahrt in Paris zum Morgen entschädigt für jene Ödnis. Eine Betrachtungstraurigkeit, die man fast, wenn ich als einziger, der wach ist, der aus dem Fenster schaut, der eine Zigarette zwischen den Fingern faßt  und den letzten Rest Wein im Glas trinkt, als theologische Obdachlosigkeit bezeichnen kann. Paris aber!

Mein erster Tag in Paris, nachdem die Koffer ausgepackt: als Flaneur, der die Muße hatte, sich treiben zu lassen. Herbstzeit natürlich, dies erfreut den süchtigen Melancholiker. Niemand sonst in der Stadt als ich, so denke ich mir. Damals gab es die Rowohlt-Reiseführer „Anders reisen“. Darin standen Aspekte zur Stadt, insbesondere Politisches und Gesellschaftliches, das ich in anderen Reiseführern so nicht fand. Ich konnte mich treiben lassen, in proletarische Ecken und ebenso in die geliebten bürgerlichen Viertel von Paris, in denen man sich wie im Film vorkam. Ich entdeckte den wunderbaren, bis heute heißgeliebten Jardin du Luxembourg mit seinem Bassin, darin die Kinder Schiffchen treiben ließen, wie eh und je und bis heute, und wo die Bäume und die Statuen der Königinnen so eigentümlich ordentlich, strikt, gerade und doch verrückt in Reihe stehen. Der Jardin du Luxembourg ist im Herbst, im Winter, im Frühjahr, zu jeder Zeit ein Ort, an dem es sich lohnt beobachtend auf einer Bank oder auf einem der Stahlstühle zu sitzen. Man kann hier wohl alt werden und in einem der mintfarbenen Stahlstühle sanft entschlafen.

Gleich vormittags wollte ich aus dem Hotel heraus, das in der Rue Rodier, nahe der Metro Anvers lag, und meinen ersten Spaziergang machen, und zwar ins alte Zentrum der Stadt, vor allem zur Île de la Cité und auch zur Pont Neuf, um von dort zu jener berühmten, wie ein Schiff in die See stechenden Spitze zu gelangen, zum Square du Vert-Galant, vielleicht auch, um die ersten Photomotive dieser Brücken und Wasser-Szenarie zu entdecken, so wie sie die alten Photographen wie Brassaï oder André Kertész diesen Ort aufgenommen hatten, von oben der Blick, in schwarz-weiß auf die Menschen da unten am Quai oder von der Pont des Arts (heute in Google als „pittoreske Brücke über die Seine“ bezeichnet, als wenn es eine Übersetzung des Brückennamens wäre!) herüber zu sehen das trunkene Schiff, das da im Herbslicht lag, abzulichten, wie es bereits viele taten.

Ein einfacher Weg, auch für einen Fremden, eigentlich immer Richtung Süden und dann ein wenig nach Osten abknicken – überhaupt ist es in Paris spielendleicht, sich zu orientieren. Anders als in Bamberg oder Bayreuth. So trat ich an meinem ersten Tag in Paris aus dem Hotel, schaute in die Auslagen der Geschäfte, die Fleischerei, wo herrlich und zum Kochen einladend ein ganzes Huhn, ungerupft, im Schaufenster hing, und ich genoß das Leben in den kleinen Straßen und den Anblick der wunderbar großen Boulevards. Jenes erste Mal als Eindruck, als Intensität, als Ereignis: in einer fremden Stadt. Als Wahrnehmung und ebenfalls, um Korrespondenzen herstellen, womöglich auch jene Baudelairschen: daß man da als Fremder durch einen Steinwald von Symbolen schlenderte, eine Art von Natur, eine Stadtlandschaft mit eigenen, einem unbekannten Regeln, und irgendwo mußten auch die Passagen sein, von denen Walter Benjamin schrieb und die surrealistischen Verheißungen Aragons. Ich zitierte diesen Benjamin-Satz bereits in meinem Beitrag über die Kaufhäuser und die Brandstiftung später dann, aber ich meine, man kann diesen nicht nur poetisch gelungenen Satz, als Anrufung einer Imago, nicht oft genug zitieren, nennen, anrufen:

„Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“

Diesen Traum, dieses Träumen habe ich immer wieder in Paris gespürt und zugleich denkend eingeholt, und ähnlich traumwandlerisch verzückt schlenderte ich im Herbst 1985 an meinem ersten Tag in dieser noch nicht bis zur Unkenntlichkeit verstellten Stadt. Es war ein völlig anderes Paris. Nicht von den Häusern her, die sind bis heute gleich geblieben, sondern von der Atmosphäre genommen.

Was ich bei meinen Gang jedoch nicht beachtet hatte und auch nicht wußte, als ich an der Pont Neuf ankam: daß ich eine in hellgrau-beige-silbern-cremefarbenen Stoff gehüllte Brücke vorfand. Ich ärgerte mich zunächst: zum ersten Mal in Paris und da sehe ich als Pont Neuf ein Stück Stoff statt des Steins und des Pflasters. Vor gerade einmal zwei Tage verhüllt. Nach Christo-Art. Aber auch diese Aktion gehörte und paßte zur Atmosphäre dieser Stadt. Zwar gab es immer wieder all die Schaulustigen, aber ebenso schlenderten die Menschen ganz einfach über diese Brücke, es war ihr Weg zur Arbeit, ihr Weg nach Hause.

Mich hatte diese verhüllte Brücke damals 1985, als Kunstwerk, als ästhetische Intervention in den öffentlichen Raum nur wenig beeindruckt. Es mag dieser Akt des Verhüllens eines Dings, des Unsichtbarmachens eines selbstverständlichen Objekts im öffentlichen Raum zwar für das Kunstwerk selbst – auch in seinem Status und in der Erweiterung des Kunstbegriffs – eine erhebliche Bedeutung haben, für seine ästhetische und gewissermaßen auch wesens- und daseinsmäßige Bestimmung: daß es sich nämlich wie selbstverständlich ins Stadt-Ensemble fügt und zugleich doch diese Stadt qua des silber-grau-cremefarbenen Stoffes um ein winziges anders akzentuiert, was man insbesondere an der Aufmerksamkeit, die jenes verhüllte Objekt erzeugt, und an den photographierenden Touristen und den Zuschauern sehen konnte, aber da zugleich in der Mitte der 1980er Jahre die Gesellschaft des Spektakels in Sachen Kunst noch anders ausgeprägt war und es auch keine sozialen Medien gab, war das Spektakuläre nicht derart inszenatorisch-auftrumpfend.

Ein anderer Aspekt, weshalb jene Brücke letztendlich auch nur eine Brücke, aber nun eben in Stoff gehüllt war, lag darin gegründet, daß die Pont Neuf eigentlich nur von wenigen Stellen gut sichtbar und nicht von allzu vielen Menschen gleichzeitig betrachtet werden konnte, nämlich nur vom Pont des Arts aus und von den umliegenden Quais. Sie ragte nicht hoch auf, es luden dort kaum Bänke oder eine größere Rasenfläche zum Verweilen ein. Also gingen die Leute über die Brücke, warfen einen Blick und eilten weiter. Allenfalls ließ sich aus der Nähe die Materialität des Stoffes betrachten. Wie aus Stein Stoff wurde und wie Formen sich so veränderten und fließend wurden: Das machte die Brücke schön und das transformierte zugleich das Objekt.

Ganz anders und auf eine ganz eigene Art faszinierend geriet Christos Verhüllung des Reichstages – zehn Jahre später in Berlin. Es war ein Volksfest, und zwar im guten Sinne, es zelebrierte sich so etwas wie ein Ereignis, das viele Menschen gemeinsam teilten und genossen. Auch als Party, Kunst hier zum ersten Mal als Spektakel inszeniert nicht nur für eine Happy Few in den Galerien und Museen mit Sekt, sondern für sehr viele, mit Bier und Boulette und, wie ich feststellte, ganz und gar unterschiedlichen Menschen. Das gefiel mir gut. Die ausgelassene Stimmung, der Stoff im Wind, das Leuchten und Schimmern dieses seltsam-schönen Kolosses aus Geschichte. Auf der Wiese picknickten Familien, andere schlenderten um den Bau herum, berührten den Stoff und ließen sich dann auf dem Rasen nieder, plauderten, packten Stullen oder Körbe mit Essen aus. Vor allem aber konnte dieses seltsame Objekt deutscher Geschichte – Helmut Kohl hatte sich lange gegen diese Verhüllung gesträubt – in einem völlig anderen Kontext betrachtet werden, und doch amalgamiert im Kunstwerk und durch die Kunst von der Geschichte selbst. Es war eine besondere Form, die da hoch aufragte, Getragen von der freien Fläche rings herum

Das eben faszinierte mich an diesem Tag in Berlin und das verbinde ich mit der Kunst Christos, die man eigentlich nicht im Museum zeigen kann, obwohl ich auch dort, ich weiß nicht mehr wo es war, einige seiner Objekte mir betrachtete, sondern wir sahen eine Kunst, die auf die freien Flächen, aufs Offene angewiesen ist, indem unser Alltägliches unseren Blicken durch ein wenig schimmernden Stoff entzogen ist und sich auf diese Weise ein neuer Gegenstand auftut und doch vertraut. Diese Kunst ist auf den Moment angewiesen, auf das Licht, auf die umgebende Natur und auch auf die Menschen, die sich um das Werk herum gesellen und es gemeinsam, in Gemeinschaft betrachten, jeder für sich, und doch in Gruppen, feiernd oder kontemplierend, in Begleitung einer schönen Frau, eines schönen Mannes oder allein und für sich. Es ist dieses Werk eben auf den Augenblick bezogen. Oder Barnett Newmans Satz vom „Sublime“ transformiert: The instant is now!