Die Tonspur zum Todestag – Florian Schneider-Esleben

Aus aktuellem Anlaß, zum Tod von Florian Schneider-Esleben, heute eines meiner Lieblingsstücke von Kraftwerk. Hier dargeboten.

Gespielt wurde diese Musik auch in Fassbinders letztem und genialen Teil von Berlin Alexanderplatz. Eine Serie, bei der ich ansonsten vor Begeisterung nur durchgedreht bin wie dann später bei Twin Peaks.

Ich war in dem Sinne kein Kraftwerk-Fan, daß ich mir jede Platte kaufte, zu den Konzerten pilgerte oder gar darauf erpicht war, eine Karte zu ergattern, als die Band dann 2015 in der Neuen Nationalgalerie auftrat – ich stelle mich nirgends oder doch selten an, um dann vor einer Bühne oder vor Bildern im Gedränge zu hocken. Aber es gab von Kraftwerk Musikstücke – Songs kann man wohl nicht schreiben -, die ich schätzte. Trans Europa Express, Autobahn und auch manche unbekanntere Musik wie Ohm Sweet Ohm und Kometenmelodie 2 damals. Und klar, in den 1980er auch eines ihrer bekanntesten Stücke Das Modell – stylische 80er Jahre, und das hört man auch im Sound. Passend und eine Musik, die diese Zeit in ein Werk brachte, das erst recht dann für die 1990er zutraf, als diese Tendenz von Körperbenutzung sich steigerte. Wie auch bei Radioactivity gab es einen einfachen Text, bei dem die Musik und dazu vielleicht auch das Video den Ausschlag für die Intensität gaben.

Zur Pop-Musik gehört ebenfalls, so geht es im Pop unter anderem, ein bestimmtes Lebensgefühl, das solche Musik darbietet, und das zugleich beim Hören im Jugendzimmer im Intensitätsrausch auch wieder erzeugt und gesteigert wird, so daß durch dieses Aufladen der Musik mit dem eigenen Gefühls-, Denk- und Wahrnehmungshaushalt die Musik wiederum bedeutsam wird – ein gegenseitig sich bedingendes System. Und wenn viele Jugendliche oder Twens das tun, so erhält diese Musik in der jeweiligen Jugendkultur  einen Kultstatus. So auch bei Kraftwerk, wenn auch eher im Insider-Kreis.

Dieses Anverwandeln schätzte ich bei Kraftwerk und dazu diesen kalten kühlen Sound, der aus Elektronik-Geräten sich speiste. Birth of the cool. Nur nicht in New York, sondern im beschaulich-kleinen Düsseldorf, im seltsamen Deutschland, wo einige bereits den Faschismus witterten. Die Verdachtsanpisser gibt es nicht erst seit heute. Das ist alles nicht neu. Ambivalenzen in Kunst und das Spiel mit Mustern und Rollen sind für manche schwer nur zu ertragen – doch gerade der Pop eignet sich für diese Gesten hervorragend, diese Mischung von Uneigentlichem und Eigentlichkeit, der Suche nach dem Jugend- und dem Erwachsenen-Ich des Teenagers, und das Spiel mit Rollen und Provokation, wie man bei David Bowie und seinem Thin White Duke, bei Laibach, beim Punk gut sieht. (Und das Bowie-Stück V-2 Schneider, 1977 von der Platte Heros, ist, wie ich gerade auf Facebook las, eben jenem Florian Schneider gewidmet.) Es taucht dann aber sofort eine bestimmte Sorte von Musikkritiker auf und sorgt für die politische Ordnung im Pop, damit es  jugendzimmertauglich und die Musik politisch korrekt und ordentlich bleibt. Der deutsche Musikkritiker liebt bekanntlich die Reinheit. Auch bei Kraftwerk damals waren die Anbräuner unterwegs. Heute heißt solcher Kritiker Jens Balzer, ehemals Werbetexter fürs Berghain bei der Berliner Zeitung, inzwischen süffelt er bei Zeit und Deutschlandradio herum.

Ich mochte „Radioactivity“  besonders in der Version, als noch nicht die Orte der Katastrophen aufgezählt wurden, wo Atomkraftwerke havarierten. Ich schätze solche Botschaften nicht, die Mehrdeutiges zugunsten einer Seite auflösen und mir erklären, was ich bereits höre, und ich halte nichts von Stücken, die Tendenzkunst machen. Gerade in ihrer Ambivalenz, ohne die Orte nämlich, war diese Musik gelungen: daß sie nicht aufs Offensichtliche und aufs Risiko aufmerksam machte und nach der Kritik schielte, sondern diese Technik, diese Möglichkeit des Menschen uns zeigte und hörbar machte als Klang – selbstreferentiell zudem, denn genau diese Radioaktivität, die von Madame Curie entdeckt wurde, macht wiederum dieses Lied möglich, gespielt im Radio auch, um von uns wiederum gehört zu werden: „Radioactivity/ Tune in to the melody“. Mit jenem relativ einfachen Text dazu.

Radioactivity
Is in the air for you and me

Radioactivity
Discovered by Madame Curie

Radioactivity
Tune in to the melody

Radioactivity
Is in the air for you and me

Radio Aktivität
Für dich und mich im All entsteht

Radio Aktivität
Strahlt Wellen zum Empfangsgeraet

Radio Aktivität
Wenn’s um unsere Zukunft geht

Radio Aktivität
Für dich und mich im All entsteht

Dieses „Is in the air for you and me“ fand ich insofern instruktiv, weil darin Hoffnung wie auch Schrecken lagen, die eben über die Technik auch aufs Menschsein verweisen. Radioaktivität und Radio-Aktivität: Die Möglichkeiten des Rundfunkempfängers wie auch die der Atomkraft. Dieses Spiel mit dem Radio –  auf dem Cover der Platte von 1975 deutlich erkennbar, wo ein Rundfunkgerät, genauer gesagt ein Volksempfänger abgebildet war – zeigt die Ambivalenz, die in der Technik liegt. Zum Guten, zum Schlechten. Das Benjamin-Brechtsche Radiomodell bedarf entgegenkommender Bedingungen und eines bereits aufgeklärten Publikums, das es inhaltlich durchschaut, wenn aus solchen Radiogeräten Propaganda tönt. Und noch die Offenen Kanäle der 1980er Jahre zeigen, was für Banalität Radio und Fernsehen, die von allen gemacht werden, produzieren können.

Diese Verheißung und auch der mögliche Schrecken dieser Musik spiegelten sich in Fassbinders Serie Berlin Alexanderplatz gut wieder. Die Musik brachte Pathos, ein sphärischer Klang, der in den Himmel oder abwärts ging. Erlösung am Ende für Franz Biberkopf, oder doch nur der krude, der simple Tod, der ihn erwartet. Ohne Paradies, ohne Erlösung, ohne alles. Wie ein Schnitt und eben dieses „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“ ist eines der Motive in Döblins Roman wie auch in Fassbinders dunkel-herrlichem Serien-Film und wird in beiden Werken montagehaft zitiert. Immer wieder als Einsprengsel inmitten des Berlin-Geschehens. 

In bezug auf die Französische Revolution und die Guillotine in den Zeiten des großen Terrors schreibt Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“ im Kapitel „Die absolute Freiheit und der Schrecken“:

„Das einzige Werk und Tat der allgemeinen Freiheit ist daher der Tod, und zwar ein Tod, der keinen inneren Umfang und Erfüllung hat; denn was negiert wird, ist der unerfüllte Punkt des absolut freien Selbsts; er ist also der kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung als das Durchhauen eines Kohlhaupts oder ein Schluck Wassers.“

 Auch wenn der Kontext bei Hegel ein anderer ist, so zeigt diese Passage doch ein gelungenes Bild für jenen kalten Zufall, der physiologisch notwendig ist, jene Endlichkeit des Menschen, die im Denken und in der Kunst dennoch ins Unendliche ausgreift und in die Weite. Ins Offene. Und manchmal dauert etwas und hält  – hier freilich ein Name, der ins Kollektiv einer Band eingeht und zugleich doch Eigenname bleibt.

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