In Torgau an der Elbe – 25. April 1945

Der 25. April 1945, der eigentlich, wenn man jenes legendäre Bild von der Elb-Begegnung vor 75 Jahren nimmt, ein 26. April war: kurz vorm Endgame im Bunker des Führers.

Jene legendäre Photographie von Russen und Amerikanern, die sich in Torgau treffen, ist nachgestellt. Die eigentliche und erste Begegnung fand in Strehla statt, das wenige Kilometer flußaufwärts und südlich von Torgau liegt. Doch festhalten mochte man dieses historische Treffen an diesem Ort der ersten Begegnung nicht, wo die Amis über die Elbe nach Strehla setzen, denn viel zu grauenvoll war die Umgebung: es lagen tote Frauen, tote Kinder, tote Greise getürmt. Es gibt zwar zahlreiche Photographien von der Begegnung der Russen und der Amerikaner, doch das eigentliche, das ikonische Photo schoß Allan Jackson einen Tag später, am 26. April 1945. Es war eine nachgestellte Szene. Wirkmächtig und symbolisch allemal, vor allem, weil kurz danach bereits der Kalte Krieg zwischen Ost und West begann. Vor allem aber, weil hier die westlichen Alliierten zum ersten Mal auf ihre sowjetischen Waffenbrüder trafen.

In diesem Sinne machen solche Photographien von ihrer Aufladung her nichts anderes als Gemälde: sie halten eine bestimmte historische Szenerie symbolisch und verdichtet für die Nachwelt und eben auch für die eigene Gegenwart fest – wie etwa in Diego Velázquez‘ Gemälde „Die Übergabe von Breda„. Auf den historischen  Augenblick auf den Moment hin eingefroren und damit auch als Jahrestag mit einer  Art Beglaubigung begehbar. Ähnlich wie wenige Wochen später die Eroberung  Berlins durch die Rote Armee und das Hissen der Fahne auf dem Reichstag zu einer solchen zentralen Photographie wurde. Nach einem langen, von Deutschland entfachten grausamen Krieg, mit Vernichtungsfeldzügen in Rußland, um nicht nur Juden, sondern auch Slawen und all die auszurotten, welche nicht ins Rassekonzept der deutschen Faschisten paßten.

Man könnte nun annehmen, daß solche nachgestellten Photographien etwas Problematisches an sich haben, weil Bilder – gerade auch historisch bedeutsame – die „Realität“ wiedergeben oder zumindest einen repräsentativen und wesentlichen Ausschnitt aus der Wirklichkeit zeigen sollen, um auf diese Weise ein bestimmtes Szenario anschaulich zu machen. (Daß Photographien dabei immer auch eine gewisse Dramatik und die Dramaturgie des Ereignisses erst mit erschaffen, ist ein zusätzlicher Aspekt, der bedacht werden sollte. Aber auch das entwertet nicht unbedingt den dokumentarischen Gehalt einer Photographie und macht ein Bild nicht unwahr, wenn man nämlich die jeweiligen Kontexte eines Photos mit hinzu erzählt und wenn man dabei mitbedenkt, daß eine Photographie immer ein Ausschnitt ist, der mit einer Gegenphotographie beantwortet werden kann.)

Und da es aber bei diesen symbolischen Bildern ebenso darauf ankommt, daß sie Ausdrucksmedium eines historischen Momentes sind, scheint mir hier der Aspekt der Nachinszenierung nicht unbedingt problematisch, solange die Betrachterinnen und Betrachter wissen, daß es eben eine Inszenierung war. (Anders übrigens als Joe Rosenthals ikonographische Photographie der Flagge von Iwo Jima. Ein Photo, das nicht gestellt war, sondern aus der Aktion heraus geschossen wurde. (Siehe dazu meinen Text „Raising the Flag on Iwo Jima. Die Bilder des Krieges„)

Allerdings ist Torgau nicht nur wegen jener Begegnung und ihrer Inszenierung in einer Photographie interessant, sondern Torgau war im 16. Jahrhundert auch Residenzstadt und eines der Zentren der lutherischen Reformation. „Wittenberg ist die Mutter, Torgau die Amme der Reformation“ so heißt es. Torgau ist zugleich die Sterbestadt der Katharina von Bora, also der Lutherin. Sie floh vor der Pest und bei einem Unfall mit der Kutsche brach sie sich das Becken und verstarb in Torgau. So war sie bei ihrem Mann nun im Paradies.

In Torgau findet sich ebenfalls einer der schrecklichen Jugendwerkhöfe. Auch das sollte nicht vergessen werden. Man kann diese Stätte heute als Museum besuchen. (Was ich nicht tat, da ich spazieren und umherstreifen wollte, aber dies werde ich sicherlich nachholen. Die Stadt ist schön, die Landschaft dort ist herrlich und wunderbar. Und zugleich erzeugen solche Korrespondenzen, wie auch in Weimar in noch viel drastischerer Weise, Unbehagen. Friedliche Orte sind nie ganz friedlich. (Das wußten auch die Meister des Horror-Genres oder auch Regisseure wie David Lynch, wenn man an Twin Peaks oder Blue Velvet denkt.)

Im Mai 2015 weilte ich für ein paar Stunden dort im schönen Torgau, um auf einer Reise ein wenig die Zeit zu überbrücken.

2 Gedanken zu „In Torgau an der Elbe – 25. April 1945

  1. Bei Dir scheinen die Menschen schon immer Ausgangssperre zu haben. Sobald Du mit Deiner Kamera auftauchst, verschwinden sie in ihren Häusern. Keine Menschenseele zu sehen in den Straßen und auf den Plätzen, wie verwaist oder verlassen. So kommt der Kulissencharakter unserer Habitate ins Bild, und man fragt sich unwillkürlich: Was passiert wohl hinter den Mauern? Trotzdem habe ich nicht den Eindruck, dass etwas fehlt. Die Fassaden geben ja Auskunft, die steinernen Gesichter der Stadt. Für den Kundigen sind sie Dokumente historischer Baustile oder Indikatoren sozialer Unterschiede. Dem Unkundigen bleiben sie anonyme, stumme Oberflächen, urbane Leinwände sozusagen, was nicht ohne Reiz für den absichtslos schlendernden Fotoflaneur ist. So macht man Entdeckungen, sieht mehr, als man weiß, findet, was man nicht gesucht hat, etwa einen Geharnischtenverein (herrlich) , Brachen oder fremdsprachige Schriftzüge. Bei so viel Oberfläche, Text-ur würden Menschen nur ablenken. Und doch: Du zeigst uns nur einen Ausschnitt, und hinter jeder Ecke könnte ein Lebewesen gestanden haben. Ihre Spuren, ihre Hinterlassenschaften sind jedoch sichtbar und haben einen Rahmen bekommen. Aber jetzt, im Coronafrühling 2020, muten Deine Bilder gar nicht so ungewöhnlich an, da entleerte Innenstädte Alltag sind. Und friedlich wirkt das nur anfangs, bis man das Wimmelleben der Artgenossen zu vermissen oder die historische Tiefendimension solcher Orte zu entdecken beginnt.

    Gruß Uwe

  2. Bilder von Städten und Dörfern ohne Menschen mache ich eigentlich schon seit den späten 1980er Jahren. In Großstädten wie Rom, Paris oder Warschau nicht ganz einfach, wenn man bei Tage seine Streifzüge unternimmt. Aber manchmal muß man abwarten und dann ist plötzlich eine belebte Straße menschenleer oder es laufen dort nur wenige Menschen, so daß eben die Objekte, die Häuser, das Ensemble an Gebäuden zur Geltung kommt. Um genau diese Dinge geht es mir: Sie in den Blick zu bekommen. Und zugleich können diese leeren Objekte eine Geschichte erzählen, es steckt etwas dahinter, was man allerdings immer nur mutmaßen kann.

    Und gerade das, was für viele zunächst häßlich wirken mag: abgeplatzte Farbe von den Wänden, öde und verfallene Häuser mit ihren Mauerresten und wenn der Putz bröckelt, haben beim genauen Betrachten einen eigenen Reiz, ja eine Schönheit an sich selbst. So leer und für sich, wenn sich da aus einer Mauer Strukturen herausschälen, verblichene Farben, die einmal glänzten: so sind das Impressionen, die jenseits des verfallenen Objekts eine ganz eigene Welt entwickeln. Und dieses Eigene interessiert mich genauso wie ich schöne Landschaften schätze. Das hügelige Land um Weimar, das Fränkische, die Nordsee in Dithmarschen und Eiderstedt oder Nord- und Ostfriesland, das sächsische Hügelland zwischen Leipzig, Chemnitz und Dresden, den Harz und darin und dort Ortschaften, wo man sieht, daß hier einmal Tourismus war und nun ein gewisser Verfall herrscht. Eine abgelebte, eine vergangene Zeit. Diese Dinge zu beobachten, sie zu photographieren und vielleicht auch sie aufzuschreiben, wie das der herrliche Spaziergänger Peter Handke vermag. (Wobei den vermutlich Photographien stören würden als das Anti-Dichterische – was ich ganz anders sehe.) Dazu gut zu lesen vor allem: Esther Kinsky, diese Spaziergängerin mit der Kamera und die daraus so wunderbare Romane macht wie „Am Fluß“ oder „Hain“. (Ich meine mich zu erinnern, daß Du sie ebenso schätzt und magst.)

    [Diesen Kommentar mir auf Wiedervorlage legen für den Blogbeitrag „Die ausgeleerte Stadt“.]

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