Heimat, Ort, Abgrund – Robert Walser nachträglich zum Geburtstag

Robert Walser – der Büro-Schreiber, der Beobachter, der Spaziergänger, der Dichter, der versessen war aufs Detail, was sich noch in seiner Mikroschrift in jenem „Bleistiftgebiet“ niederschlug: kaum zu entziffernde Prosa aus Winzigst-Kalligraphie und purem Zeichen, dem Experten höchstens sichtbar, um aus der Verschachtelung von Schnörkeln zur Schrift, zum Text, zur Literatur zu gelangen. Walser, der – im Sinne Guy Debords – Umherschweifende im Schnee, im Dorf, aus der Anstalt, der Haltlose, der Sich-Entziehende, der Irrsinnige. Kafka schätzte diesen Autor, was auch von der Art des Erzählens nicht verwunderte, während zugleich doch der Schreibstil beider unterschiedlich ausfällt, beiden aber war die Erfahrung einer ungeheuren Bürokratie und des Angestelltendaseins gemeinsam und sie fristeten in Büros ihre Existenz. Walser machte das in Erzählungen und Skizzen deutlich, die versammelt zu lesen sind in dem kleinen Suhrkamp-Band „Im Bureau: Aus dem Leben der Angestellten“. Das Dasein als Schreiber  bringt die Existenz im Verborgenen und damit eine Form von Widerstand hervor – was uns an Melvilles Bartleby gemahnt, um durch wehrhafte Unentschlossenheit und durch den Entzug zu glänzen: „I would prefer not to“. Niemand sein. Die kleine Verweigerung und der Weg, in der Literatur Leben zu fristen, ohne die Aussicht auf Apanage, sondern ein Schreiben, um zu schreiben.

„Ich bin in letzter Zeit zu der Überzeugung gekommen, daß Kriegskunst und Kriegführung fast so schwer und geduldheischend sind wie Dichtkunst und umgekehrt. Auch Schriftsteller treffen oft, wie Generäle, langwierigste Vorbereitungen, ehe sie zum Angriff zu schreiten und eine Schlacht zu liefern wagen, oder mit andern Worten ein Machwerk oder Buch auf den Büchermarkt schleudern, was herausfordernd wirkt und mitunter zu gewaltigen Gegenangriffen mächtig reizt. Bücher locken Besprechungen hervor, und diese fallen manchmal so grimmig aus, daß das Buch sterben und der Verfasser verzweifeln muß!“ (Robert Walser, Der Spaziergang)

Da-sein. Überwintern. Im Text. Wer lesen will, wie Spazieren, Phantasieren und eine Form des Abschweifens als Schreiben einander bedingen können, lese die wunderbare Erzählung „Der Spaziergang“ – auch für die Photogrenzgänger mit der Kamera in der Hand lehr- und anschauungsreich. Die Geschichte beginnt mit einer Verkündung, die sich einerseits an einer Zeitstelle orientierte, dem Vormittag nämlich, und es doch nicht recht vermag, sich ans Detail der Uhrzeit zu erinnern, um dann aber in äußerst detailreicher Weise Digression zu betreiben:

„Ich teile mit, daß ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau, um wieviel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer verließ, die Treppe hinunterlief, um auf die Straße zu eilen. Beifügen könnte ich, daß mir im Treppenhaus eine Frau begegnete, die wie eine Spanierin, Peruanerin oder Kreolin aussah. Sie trug etwelche bleiche, welke Majestät zur Schau. Ich muß mir jedoch auf das strengste verbieten, mich auch nur zwei Sekunden lang bei dieser Brasilianerin oder was sie sonst sein mochte, aufzuhalten; denn ich darf weder Raum noch Zeit verschwenden. So viel ich mich heute, wo ich dieses alles schreibe, noch zu erinnern vermag, befand ich mich, als ich auf die offene helle und heitere Straße trat, in einer romantisch-abenteuerlichen Gemütsverfassung, die mich tief beglückte.“

Das Aus- und Abschweifende eines vorzubereitenden Spazierganges ist zugleich im Rückblick – „So viel ich mich heute, wo ich dieses alles schreibe, noch zu erinnern vermag“ – eine Schreibszene und wiederum Flucht vor der Schreib- und Geiststube, und der Akt des Schreibens erst, der Text selbst, erzeugt diese Fülle und die Weite und läßt in Sprache schweifen, Geist eben, während doch erst der Ausbruch aus der Stube und das Entgrenzen des Geistes im Spazieren dieses Wahrnehmen, Erzählen, Fabulieren und Mäandern im Ort möglich macht. Es geht bei Walser ins Beschreibungs- und Erzähl-Detail, doch zugleich greift diese Prosa derart aus, daß sie die genaue Zeit-Raum-Stelle nicht anzugeben vermag. Und es aus Daseinsgründen nicht kann. Denn so ist es auch im Erleben: die Liebenden würden im Rückblick kaum sagen: „Es war zwölfuhrfünfzehn, als wir uns zum ersten Mal küßten.“ Wer lebt und in seinem Tun aufgeht, schaut nicht zur Uhr.

Das Umherschweifen gebiert das Schreiben, das durch den Verdruß an der Schreibstube erst zum Sehen und dann zum Schreiben gelangt, und kurzes Innehalten ermöglicht, so zumindest die Aussage des Dichter-Spaziergängers, wiederum den Vorsatz, dies alles, was da begegnet, festzuhalten. Es ist Vormittag.

„‚Das alles‘, so nahm ich mir im stillen und während des Stillstehens vor, ‚schreibe ich bestimmt demnächst in ein Stück oder in eine Art Phantasie hinein, die ich ›Der Spaziergang‹ betiteln werde. Namentlich darf mir dieser Damenhutladen keineswegs darin fehlen. Ein hoher malerischer Reiz würde dem Stück sonst sicher abgehen, und diesen Mangel werde ich so gut zu vermeiden als zu umgehen und unmöglich zu machen wissen.‘“

Autoreferenz und Literaturankündigung als Literatur, aber hier eben noch virtuos dargebracht. Spazieren ist nicht schreiben. Schreiben ist nicht spazieren. Ankündigen ist nicht machen. Aber gehen muß man immerhin, um fortzukommen:

„Gegen halb ein Uhr wird ja dann der Herr Verfasser bekanntermaßen, zum Lohn für seine vielfachen Strapazen, im Palazzo oder Haus der Frau Aebi essen, schwelgen und speisen. Bis dahin wird er indessen noch eine beträchtliche Strecke Weges zurückzulegen und noch manche Zeile zu schreiben haben. Aber man weiß ja zur Genüge, daß er ebenso gern spaziert als schreibt; letzteres allerdings vielleicht um eine Nüance weniger gern als ersteres.“

Essen und Gehen haben auch bei dem Österreicher Thomas Bernhard fürs Erzählen eine erhebliche Bedeutung – wir denken nur an die „Billigesser“ und vor allem an die wie eine Musik im Rhythmus aufgebaute Erzählung „Gehen“, die ebenfalls ein Spaziergang ist, allerdings mit Gespräch. Anders als beim Solitär Walser im „Spaziergang“.

Denken und Gehen: das ist Wahrnehmen, und es bedeutet zugleich, über dieses Wahrnehmen nachzudenken. Physisches, das sich, wenn es nicht bloß Körpermaschine bleibt, mit Reflexion verbindet, eben wie Walser das in diesem Schreib- und Wahrnehmungsexzeß  von 1917 inszeniert, aber bereits derart aufgesteigert und mit einer exzessiven Eindringlichkeit spaziert und geschrieben, daß ich als Leser zugleich den Eindruck hatte, daß da einer schon aus der Klapsmühle schreibt, bevor er darin überhaupt untergebracht ist. Sanatorium oder Heilanstalt, wie wir dazu sagen. Oder Literatur.

Wo sich aber vor den verwirrten und geblendeten Denker- und Dichteraugen der Abgrund öffnet, geschieht  Literatur:

„Wissen Sie, daß ich hartnäckig und zäh im Kopfe arbeite und oft im besten Sinn tätig bin, wo es den Anschein hat, als ob ich ein gedankenlos und arbeitslos im Blauen oder im Grünen mich verlierender, saumseliger, träumerischer und träger, schlechtesten Eindruck machender Erztagedieb und leichtfertiger Mensch ohne Verantwortung sei? Geheimnisvoll und heimlich schleichen dem Spaziergänger allerlei schöne feinsinnige Spaziergangsgedanken nach, derart, daß er mitten im fleißigen, achtsamen Gehen innehalten, stillstehen und horchen muß, daß er über und über von seltsamen Eindrücken und bezaubernder Geistergewalt benommen und betreten ist und er das Gefühl hat, als müsse er plötzlich in die Erde hinabsinken oder als öffne sich vor seinen geblendeten, verwirrten Denker- und Dichteraugen ein Abgrund. Der Kopf will ihm abfallen, und die sonst so lebendigen Arme und Beine sind ihm wie erstarrt. Land und Leute, Töne und Farben, Gesichter und Gestalten, Wolken und Sonnenschein drehen sich wie Schemen rund um ihn herum, und er muß sich fragen: »Wo bin ich?« Erde und Himmel fließen und stürzen mit einmal in ein blitzendes, schimmerndes, übereinanderwogendes, undeutliches Nebelgebilde zusammen; das Chaos beginnt, und die Ordnungen verschwinden. Mühsam versucht der Erschütterte seine gesunde Besinnung aufrecht zu halten; es gelingt ihm, und er spaziert vertrauensvoll weiter.“

Und es gibt bei Walser ebenso diese Grenzgänger, die Außenseiter im Abseits, in „Der Spaziergang“ ist es der Riese Tomzack, den Walser imaginiert und der ihm zugleich auf seinem Weg durchs Dorf real entgegenkommt, ein Dorftrottel, kurz nach dem Wahnsinn:

„Heimat hatte er keine, und irgend ein Heimatrecht besaß er keins. Ohne Vaterland und ohne Glück war er; gänzlich ohne Liebe, und ohne Menschenfreude mußte er [eben jener Riese Tomzack] eben. Anteil nahm er nicht, und auch an ihm und an seinem Treiben und Leben nahm niemand Anteil. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren ihm eine wesenlose Wüste, und das Leben war zu gering, zu klein, zu eng für ihn. Es gab keinerlei Bedeutung für ihn, und er selbst wieder bedeutete für niemanden etwas. Aus seinen großen Augen brach ein Glanz von Überwelten- oder Unterwelten-Gram. Ein unendlicher Schmerz sprach aus seinen müden schlaffen Bewegungen. Er war nicht tot und nicht lebendig, nicht alt und nicht jung.“

Solche Reflexion ist ein Zwischenreich, Grenzwesen wie es auch Dichter sind, und ohne Heimat ist es leer und öde. Metaphysische Obdachlosigkeit und vor allem auch Zeitlosigkeit in einem schlechten Sinne. Augenblicke zwar als solche Augenblicke und zugleich rauschen sie doch durch und es reiht sich so Augenblick an Augenblick. Ohne Gegenwart, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Erzählen aber heißt auch: Die Zeit strukturieren.

Und zugleich zeigt dieses Szene, daß Spazieren immer auch bedeuten kann: zu stolpern. Oder abseits zu geraten und herauszufallen. Heute sind die Sicherungsnetze besser geknüpft, aber die Chance, daß ein Text aus diesem Wahn entdeckt noch würde, sind deutlich geringer.

Mit dem Gehen vergeht die Zeit und auch der Tag. Aber es bleibt bei Walser und bei jedem guten Dichter das als Literatur. Als autonome Kunst. Und so endet dieser Spaziergang:

„Ich hatte mich erhoben, um nach Hause zu gehen; denn es war schon spät, und alles war dunkel.“

Am ersten Weihnachtsfeiertag des nun ausgehenden Jahres 1956 fiel Robert Walser nach einem seiner geliebten Spaziergänge aus der Heilanstalt Herisau vom Herzschlag getroffen tot darnieder. Er lag im Schneefeld und wurde gefunden. Auch das läßt sich erzählen. Nur eben nicht mehr als letzter Spaziergang vom Dichter Walser, von ihm selbst als Digression und Fabulieren dargeboten.

 

 

 

5 Gedanken zu „Heimat, Ort, Abgrund – Robert Walser nachträglich zum Geburtstag

  1. Für alle, die RW lieben, sei hiermit Matthias Zschokke empfohlen. Nicht nur als Romanautor, der keine Romane schreiben kann, das aber sehr gut, nein auch als Essayist. Hier eine kleine Kostprobe: MZ über RW
    Warum ich Robert Walser mag

    Er ist ein Dichter, eine Lichtung ganz für sich allein in der Literatur. Man kann zu irgendeinem seiner Bücher greifen und eine beliebige Seite aufschlagen – spätestens nach sieben mageren Sätzen wird ein fetter auftauchen, ein erstaunlicher, der einen irritiert, fasziniert oder gleich ganz und gar für sich einnimmt. 

Als Einstieg geeignet ist zum Beispiel „Der Spaziergang“, eine etwa siebzig Seiten lange Erzählung, bei der mir vom ersten bis zum letzten Satz regelmäßig der Mund offen stehen bleibt vor Begeisterung. Wer damit, oder mit dem Roman „Jakob von Gunten“, nichts anfangen kann, sollte sich nicht länger quälen – er wird dann wohl mit Walser nichts anfangen können. Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel seine bis zur Selbstverleugnung durchgehaltene Demutsmimikry, die einen rasend machen kann. In der Schweiz, wo Kleinheitssucht eine Nationaluntugend ist, schätzt man ihn, völlig zu Unrecht, gerade dafür und erwürgt ihn in anmaßend solidarischer Umarmung. In Deutschland wiederum hält man für schrullig, skurril oder niedlich, hübsch und nett, wie er schreibt, und man schmunzelt ihn wohlwollend beiseite, weil man sich von der Putzigkeitsmaske, hinter der er sich versteckt, ablenken läßt. Walser ist geradezu eine Mißverständnisfalle. Eine Entsprechung für dieses Rezeptionsproblem könnte möglicherweise der berühmte englische Humor sein, der dem Vernehmen nach nur von Engländern wirklich verstanden werden kann. Walser könnte dann nur von Walsern verstanden werden – und wer oder was sind Walser? Leser vielleicht, von denen es ebenso wenige gibt wie von den Dichtern. Je älter ich werde, desto mehr mißfallen mir Äußerungen, die mir zu Gefallen gemacht werden. Ich mag keine Literatur, die mir gefallen will, keine Kunst, die mir gefallen will, keine Menschen, die mir gefallen wollen. Ich fühle mich von ihnen auf unangenehme Weise belästigt und eingeengt. Naturgemäß will nun aber mal jeder gefallen, auch Walser, er vielleicht sogar besonders verzweifelt. Doch hat er, während er mir gefallen will, soviel zu tun damit, bei Trost zu bleiben, daß er alles um sich herum vergißt. Er schreibt ausschließlich für sich selbst, fürs Schreiben, fürs eigene Leben, um den Moment auszuhalten und nicht in den Sekunden unterzugehen. Und selbst wenn er dabei vor Ort tritt und leiert, was er oft tut, ist das wahr und schön wie eine Katze, die sich – wenn sie sich angestarrt fühlt – aus Verlegenheit zum hundertsten Mal hintereinander putzt. Es fällt ihr nichts anderes ein in dem Moment, sie tut es nicht, um putzig zu erscheinen. So fällt auch Robert Walser nie etwas anderes ein als das, was er ist.

Sie können ihn – seine späteren Sachen vor allem – aufschlagen, wo Sie wollen, und werden erleichtert spüren, wie Sie beim Lesen loslassen, weil da endlich einer nicht auf Ihren Applaus aus ist, Sie nicht um den Finger wickeln will, nicht um Ihre Gunst buhlt, sondern einzig und allein darum ringt, vor sich selbst zu bestehen, sich selbst zu genügen. Und wenn er sich spreizt oder grimassiert, dann bloß, um weniger nackt dazustehen. Er verstellt sich nicht mit der Absicht, uns zum Lachen zu bringen, er verfolgt keine Strategie, keine Taktik. Er setzt seine sonderbare Maske auf wie ein anderer seinen Hut, oder wie ein Kind, das die Augen schließt und glaubt, dann werde es nicht mehr da sein. 



    „Mitteilungen der Robert Walser-Gesellschaft“, Zürich, Nr.5, März 2ooo
     

  2. Erstaunlich gut nachgestellt, die Fundsituation im Schnee, detailgenau bis zum Hut und dem Gatter. Allein, es ist nicht Robert Walser, der dort liegt, wohl eher ein Frau, wie ich vermute.
    Nacherzählt hat Walsers letzte Wanderung Carl Seelig in seinem schönen Buch: Wanderungen mit Robert Walser. Dort heißt es: „Etwas weiter oben liegt der Hut. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, bietet der stumme Spaziergänger nun ein Bild vollkommener Weihnachtsruhe. Sein Mund steht offen; es ist, als ströme die reine, kühle Winterluft noch durch ihn ein.“ Den wirklich letzten Gang kann man halt nicht selbst schildern, leider, denn beim finalen Sujet, dem eigenen Tod, wäre ich auf die wunderbar vertrackten Salzmäander eines Robert Walser schon sehr gespannt.
    Gruß und Danke für die Erinnerung,
    Uwe

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