Turn on, tune in, drop out, stay home: die metaphysischen Lesetips im Grandhotel Abseits

In meiner Nebenstraße hier irgendwo im Südwesten von Berlin, in einem der ruhigen und friedlichen Viertel, auf die Monika Herrmann Gott sei Dank keinen Zugriff hat, ist es die Tage deutlich ruhiger, kaum Verkehr, wenige Menschen. Das ist gut so, genau wie ich es schätze, die Menschen tun das, was sie am schwersten können: Zu Hause bleiben. Was macht man da? Netflix, Serien, Kinder – schauen wir auf die Geburtenraten in neun Monaten. Kann aber auch sein, daß die Leute sich einfach mit Messern die Kehle durchschneiden. Besser ist es da, das Für-sich-sein zu pflegen und um zum An-und-für-sich-Sein zu gelangen, kann man  ein Buch in die Hand nehmen oder die Texte dieses Blogs hier lesen. Ich gebe also für diese sonnigen Tage ein paar Lesetips zum Besten: Bücher zur Sache, Bücher, die man immer mal wieder zur Hand nehmen sollte. (Nein, Camus „Die Pest“ und Boccaccios wunderbares „Decamerone“ oder bei Reclam erschienen und leider vergriffen „Novellino /Das Buch der hundert alten Novellen“ in italienischer und deutscher Sprache empfehle ich nicht, wenngleich allesamt lesenswert. Die ersten beiden Bücher wurden in diesen Tagen immer einmal wieder genannt. Das letztere sei dazu gegeben.)

Mein metaphysischer Lesetip des Hausherrn vom Grandhotel Abseits für diese Tage ist Martin Heideggers Buch „Die Grundbegriffe der Metaphysik“, und daraus insbesondere die Kapitel zur Langeweile, und zwar aus dem ersten Teil, das zweite, dritte und vierte und fünfte Kapitel, sowie das erste Kapitel des dritten Teils, die da tragen folgende Titel: „Die erste Form der Langeweile: das Gelangweiltwerden von etwas“,

„Die zweite Form der Langeweile: das Sichlangweilen bei etwas und der ihr zugehörige Zeitvertreib“,

„Die dritte Form der Langeweile: die tiefe Langeweile als das ‚es ist einem langweilig‘“, „Die Frage nach einer bestimmten tiefen Langeweile als der Grundstimmung unseres heutigen Daseins“

und schließlich der Höhepunkt des dritten Teils: „Das wirkliche Fragen der aus der Grundstimmung der tiefen Langeweile zu entwickelnden metaphysischen Fragen. Die Frage: Was ist Welt?“

Zeit und Dasein dazu dürfte bei vielen vorhanden sein, vielleicht ja auch die Gestimmtheit. Diese Gedanken zur Langeweile sind insofern interessant, weil Heidegger hier von einer (alltäglichen, lebensweltlich gut präsenten) Erfahrung ausgeht, die jeder Mensch in seiner Weise kennt und bereits einmal gemacht hat: Wenn einem die Zeit lang wird. Und diese Langeweile empfinden viele als eine Sache, die zu betäuben ist – Netflix, Serien, Kinder machen – statt sich ihr einmal ästhetisch auszusetzen und zu schauen: Was passiert? Was geschieht?

Heidegger, Martin: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt – Endlichkeit – Einsamkeit hrsg. von Friedrich-Wilhelm von Herrmann,
Heidegger Gesamtausgabe Band 29/30
Klostermann Verlag, 3. Auflage 2004; XX, 544 Seiten.
Ln 59,00 €, ISBN 978-3-465-03311-0

11 Gedanken zu „Turn on, tune in, drop out, stay home: die metaphysischen Lesetips im Grandhotel Abseits

  1. „Was passiert? Was geschieht?“ Als Autor möchte ich sagen: Die Langeweile gehört zum Produktivsten, was ich kenne. Wenn darin auch ein Widerspruch zu liegen scheint …

  2. Mir fehlt noch die nötige Gestimmtheit und innere Ruhe. Dann greife ich zur Roten Reihe #6, die Ausgabe steht auch wegen dieser Kapitel im Regal.

  3. Was ich an vielen Deiner Beiträge mag, ist ihr antizyklisches Timing: im Frühling ein Herbstgedicht, und jetzt zur Corona-Krise Heidegger und die Langeweile. Nicht Erbauung und Zerstreuung, nein ein Zugrunde-Gehen, d.h. ein Sich-selbst-Erkennen, ist das Motto der Stunde, wenn man Deinem Rat folgt.

    Gruß Uwe

    PS Auch eine gute Schule des und beim leeren Warten: Samuel Beckett, Warten auf Godot😉

  4. @Tomas Blum: Ja, ich denke auch, daß Langeweile etwas Produktives ist, und dies eben auch mittelbar bzw. wenn man ihr einmal ausgesetzt war und dann im Nachgang darüber reflektiert.

    @juergenluebeck: Die Rote Reihe ist auch gut, in der Tat! Und darin finden sich bei Klostermann auch viele andere gute Bücher noch.

    @Uwe Heck: Ja, ich mag es ganz gerne, wenn man „gegenstrebige Fügungen“ setzt bzw. antizyklisch arbeitet. Wobei ja dieses Langeweile-Thema auch wieder einen direkten Bezug hat, weil es viele Menschen mit sich nicht gut aushalten. Beckett ist da freilich ebenfalls ein sehr schöner Hinweis! Endspiele gleichsam, die aber auch ihren Spiel- und Ritualcharakter und damit neben dem Katastrophischen auch etwas Entlastendes bzw. Befreiendes qua Humor und Witz haben.

  5. Oder doch prozyklisch Gabriel Garcia Marquez Die Liebe in Zeiten der Cholera oder Paolo Eleuteri Serpieri Morbus Gravis oder aber in ganz andere Dimensionen gehend James Joyce Finnegans Wache.

  6. Ich halte diese Passagen von Heidegger für zentral und auch für wichtiger, weil es hier um eine Erfahrung geht, die viele in der Isolation machen und zudem handelt es sich um eine Erfahrung, die die wenigsten aushalten: sie betäuben sich und gehen ihr aus dem Weg. Marquez ist bestimmt interessant, aber zu weit weg. Was interessiert die Leute Südamerika? Joyce ist was für die eingefleischten Leser, aber am Ende für die wenigsten lesbar und überhaupt verständlich. Statt Paolo Eleuteri Serpieri würde ich dann eher den Playboy empfehlen oder den klassischen Porno, wem danach ist.

    Ansonsten aber auch ganz passend: Laura Spinney: „1918. Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte“, München 2018, Wilfried Witte, „Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe“, Berlin 2008.

  7. Da Du aber bei Dir „Per Anhalter durch die Galaxis“ nennst, scheint mir dies für diese wilden Zeiten eine interessante Empfehlung. Es ist ein gutes Buch, es ist ein lustiges Buch vor allem. Und da kann man dann gleich auch mal wieder die Filme von Woody Allen empfehlen. Und auch Billy Wilder. Gute alte Zeiten!

  8. @“Statt Paolo Eleuteri Serpieri würde ich dann eher den Playboy empfehlen oder den klassischen Porno, wem danach ist.“ —– Morbus Gravis ist nur vordergründig ein pornografischer Comic. Immerhin geht es bei der Handlung um eine bedrohliche Infektionskrankheit die durch jeden Körperkontakt übertragen wird und um den Lagerkoller einer Population von Menschen die völlig von jeglicher Außenwelt abgeschnitten ist (im Inneren einer durchs All rasenden Asteroidenarche).

  9. Im Gegensatz zu Dir zumindest vermag ich es, in sinnvollen und verständlichen deutschen Sätzen zu schreiben. Und bei fremdsprachlichen Texten reicht es aus, die Übersetzungen prüfen zu können. (Nebenbei: ich habe zwei Monate in Salamanca an der Universität Spanisch gelernt. Und zur Lektüre der Philosophie sind nicht nur Griechisch- sondern auch Englischkenntnisse erforderlich.) In der Regel übrigens werden solche Bücher gut übersetzt, von Profis nämlich, auch wenn das bei „Finnegans Wake“ nicht ganz einfach ist. Ich gehe zudem davon aus, daß Du „Krieg und Frieden“ oder „Stützen der Gesellschaft“ nicht wirst im Original lesen können. Insofern ist Dein Einwand schon von diesem Punkt her dummes Zeug und fällt in seiner Einfältigkeit auf Dich selbst zurück. Die Probleme und Fragen der Übersetzung eines Kunstwerkes freilich übersteigen eh Deinen Horizont. Insofern ist es bei Dir besser, wenn Du von jeglichen Büchern die Finger läßt, um nicht noch mehr intellektuellen Schaden anzurichten als Du es bisher schon tust.

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