Nachträglich zum Frauentag – Lisa Eckhart

Wenn man es selbst nicht besser und schärfer zu schreiben vermag – wenngleich mir das mit ein wenig mehr Zeit durchaus gelänge, nur daß ich diese Zeit im Augenblick nicht habe – zitiere ich eben andere Leute. Die wunderbare Österreicherin Lisa Eckhart bringt es in bezug auf all die Passmanns, Stokowskis und sonstige in einem Artikel im Standard gut auf den Punkt, und zwar genau am 8. März 2019, also vor einem Jahr, zum Frauentag unter dem Titel  „Was täten junge weiße Gören ohne alte weiße Männer? Was genau ist die Schuld dieser alten weißen Männer? Dass sie nicht springen, wenn der Feminismus pfeift“:

„Der größte Modeschöpfer der Geschichte – Gianni Versace – ist tot. Und Karl Lagerfeld ist auch gestorben. Versace wurde erschossen. Lagerfeld starb lieber von selbst. Somit blieb vielen nur mehr Rufmord. Der Nachruf war in Windeseile der üblen Nachrede gewichen. Hauptanklagepunkt: „Lagerfeld war Frauenhasser!“ Natürlich war er das.

Er war Designer und schwul. Was zeugt von größerer Misogynie als Frauen nicht aus-, sondern anziehen zu wollen? Selbst als Homosexueller, einst populäres Accessoire unter Frauen, war Lagerfeld nicht sicher vor weiblicher Respektlosigkeit. Eine junge Dame rief sogar zur Anti-Kondolenz auf. Warum? Er war ein alter weißer Mann. Beweislage abgeschlossen. Ein Jahr ist vergangen, seit Catherine Deneuve und Nina Proll sich gegen Larmoyanz aussprachen. Was folgte, war die Arroganz. Zelebriert von jungen Frauen, welche in alten weißen Männern ihren Gottseibeiuns fanden. Warum in diesen?

[…]

Wo tummeln sich junge, weiße Gören? Auf Facebook, Instagram und Twitter exkrementieren sie Authentizität, und auf Buchmessen lassen sie grübeln, wann der Dammriss stattgefunden, seit dem die Literatur ein Phallus, der Sperma und Urin beherbergt. Für Theorie krankt es an Inhalt, und für Kunst krankt es an Form. Den Bastard, der dabei herauskommt, nennt man sinnentleert Satire. Als solche adelt man sogar, wenn die Göre Stefanie Sargnagel schreibt: „Österreich, du dummes Huankind.“ Dessen Antipatriotismus liegt verkannterweise darin, dass man in Österreich traditionsgemäß fäkal und nicht sexuell flucht. Aber dem Proletariats-Schick der Gören fehlt die Kreativität der ingeniösen Beleidigung, wie sie etwa der alte weiße Mann Mundl gepflegt hat. Anstatt sich von dem inspirieren zu lassen, schimpfen junge weiße Gören auf die alten weißen Männer. Nicht auf den alten weißen Mann (an sich), wie man etwa auf den Ausländer schimpft. Der kollektive Singular ist kein Individuum, sondern platonische Idee des idealen Ausländers, der ohne Unterlass schändet und stiehlt. Das machen nämlich bei weitem nicht alle. Alte weiße Männer hingegen sind ausnahmslos sexistische, uneinsichtige Despoten.

Weswegen junge weiße Gören nicht den Singular benutzen. Damit nur ja nicht einer denkt, dieser alte weiße Mann wäre – gleich dem Ausländer – ein phantasmagorisches Konstrukt, dessen Bekämpfung nur dem Zweck dient, weitaus tiefer liegende, gesellschaftliche Antagonismen nach wie vor ignorieren zu können.

Jegliche Systemkritik ziemt jungen, weißen Gören nicht. Schließlich inkarnieren sie den Neoliberalismus hundert Mal besser als die alten, weißen Männer. Sie posieren als bewusstlose Büttel auf der Agora des digitalen Datenhandels. Ihren stilisierten Street-Food-Veganismus halten sie für Konsumverzicht. Die zum Humbug erklärten Geschlechter und Heimat ersetzen sie durch einen markttauglichen Lifestyle. Für alles andere gibt es Party-Essenzialismus!

Letzterer gebar die Gewissheit: All die alten weißen Männer genießen Privilegien, derer sie sich nicht bewusst sind. So auch Passmann. Ihre Position ist eine, die nicht weniger Privilegien verheißt. Ich rede hier zwar aus Erfahrung, aber dennoch ist es wahr. Auch ich bin jung und weiß und Frau. Mir werden heutzutage Chancen nicht trotz meiner Fähigkeiten verwehrt, sondern trotz meiner Fähigkeiten ermöglicht.

Als ich in Passmanns Alter war, galt den alten weißen Männern unser amouröses, nicht animoses Interesse. Sie hatten uns nichts angetan. Sie hatten es uns angetan. Demnach bin ich wohl zu befangen, um irrational auf sie einschlagen zu können. Zugleich möchte ich alte weiße Männer sowie deren Verfehlungen nicht verteidigen. Hätte ich den Eindruck, dies tun zu müssen, wären sie mir wohl auf ewig vergällt. Doch was genau ist die Schuld dieser alten weißen Männer? Dass sie nicht springen, wenn der Feminismus pfeift. Viele können nicht mehr springen. Und ein Pfeifen nicht mehr hören, weil sie es unentwegt im Ohr haben. Doch man werde es sie lehren: Alter schützt vor Torheit nicht. Besonders nicht vor der Torheit der anderen.“

13 Gedanken zu „Nachträglich zum Frauentag – Lisa Eckhart

  1. Die Moralin-Feministinnen, scharf zu trennen von denen die in Frauenhäusern, Beratungsstellen und Selbstverteidigungskursen, als Gleichstellungsbeauftragte usw. konkrete Arbeit leisten, haben mich schon in der Studienzeit genervt. Von der Schmährede wieder die alten weißen Männer und dem neuen Netzfeminismus mit seinem sophistischen Sprachumbau vernahm ich erstmals 2011 via Mädchenmannschaft. Damals hielt ich zumindest die enge Gruppe um N.L. als ein Haufen postpubertärer lesbischer Studentinnen in einer Selbstfindungsphase. Aus deren Inhalten ist inzwischen eine mächtige Strömung geworden, ohne dass da inhaltlich irgend eine Art von Reife erreicht worden wäre.

  2. Da sprichst Du allerdings ein zentrales Problem an un in bezug auf Mädchenmannschaft einen zentralen Aspekt. Es ist vor allem ein Feminismus, dem es vielfach um eigene Pfründe und Schreibplätze geht (früher waren das die Frauenbeauftragtenstellen an den Unis) und insofern kommt hier die Aufmerksamkeitsökonomie zum Tragen. Projekt Selbstvermarktung – siehe Stokowski, Wizorek, Passmann etc. pp. Es ist zudem in weiten Teilen ein typischer Westfrauen-Feminismus von akademisch ausgebildeten höheren Töchtern im universitären Milieu: nicht selbst anpacken, sondern jammern, mingeln, klagen,einfordern von diesem und jenem, anstatt es sich zu holen oder zu erarbeiten.

  3. Es geht auch nicht um Reife, sondern um den Duft der Macht, dessen Ursprung, vermeintlich ein wohlschmeckendes Gericht, nun nicht mehr nur man, sondern eben auch frau für sich alleine essen will. In d e r Hinsicht hat das „soziale Konstrukt Gender“ tatsächlich einmal recht: Die Geschlechter unterscheiden sich nicht.

  4. Es geht sehr wohl um Reife, das Herumgememme, moralisch Appelieren ohne selber initiativ zu werden usw, das was Bersarin da gerade als Verhalten höherer Töchter gekennzeichnet hat ist nämlich zutiefst unreif, und ich habe tatsächlich Schwierigkeiten Leute mit solchen Verhaltensweisen noch als erwachsene Menschen zu behandeln. Und es ist ebenso kennzeichnend, dass zum Beispiel die proletarisch sozialisierte Netbitch, die einen selbstbewussten und zupackenden Feminismus lebt von diesen Ladies gehasst wird.

  5. Ich denke, beides schließt sich nicht aus. Es sind lediglich verschiedene Aspekte dieser Art von Feminismus. Einerseits geht es um Schreibplätze im Betrieb, die man mit bestimmten kommoden und angesagten Themen besser bekommt und wo man auch in den Feuilletons eher noch auftaucht und reüssieren kann und zugleich ist dieses Verhalten eben, was den Gedanken der Emanzipation anbelangt, wenn man es auf die konkreten Wirkungen bezieht, ein Zustand der geistigen Unreife, geradezu der Unbildung. Und was den Betrieb und die Macht- und Geldmechanismen betrifft, hat der Mann der Frau in der Tat nur noch wenig voraus. Das Prinzip innerhalb des Systems heißt Konkurrenz um Ressourcen.

  6. Es gab da mal vor Jahren in der linken Szene folgendes Ereignis: Eine Frau wurde von einem Genossen den sie aus politischem Zusammenhang kannte mit dem sie aber nicht näher befreundet war spät abends angerufen und er textete sie eine halbe Stunde lang voll dass er scharf auf sie wäre und wie er sie durchficken wollte. Sie hörte zu, schaffte es nicht aufzulegen, empfand das Gespräch aber als sexuelle Belästigung. Das berichtete sie dann im Freundeskreis und ein Szeneinfomagazin berichtete über den Fall, wobei betont wurde was für eine nette und liebe Frau sie sei weswegen sie es nicht fertiggebracht hatte das Telefonat zu beenden. Es wurde ein Tribunal einberufen auf dem der Mann aus diversen Szenezusammenhängen ausgeschlossen wurde und zum Beispiel Hausverbot in allen szenerelevanten Kneipen der Stadt bekam. Insgesamt wurde in der Szene die Frau bemitleidet und es war von einer „verbalen Vergewaltigung“ die Rede. Beide Beteiligten gehörten zur bürgerlich sozialisierten Studiszene. Eine Freundin mit Hintergrund aus Arbeitermilieu und ohne Hochschulhintergrund machte sich über die Geschichte lustig und spottete: „Ach ja, die arme Frau, die ist wirklich zu bedauern. Warum schnappt sie sich nicht zwei Freundinnen, rückt dem Typen auf die Bude und die rücken die Möbel gerade und befördern seine Stereoanlage durch die geschlossene Fenstewrscheibe auf die Straße? So werden solche Probleme gelöst!“

    So gesehen waren die Reibereien von Netbitch mit dem Mäma-Umfeld zum Thema Harassment geradezu ein Wiedergängertum früherer Erlebnisse.

  7. Dazu muß man dem Mann, der dieses sagt – was ja per se nicht illegitim ist -, nicht auf die Bude rücken, sondern es reicht eigentlich aus, wenn diese Frau einfach nur den Mund aufmacht und sagt: „Zisch ab!“ Und wenn der Typ dann weitermacht, kann man immer noch, sozusagen mit Freunden im Schlepptau, ein klärendes Gespräch suchen. Und wenn jemand nicht seinen Mund auftun kann, dann sind solche Erlebnisse eben ein guter Anlaß, zu lernen, wie man sein Verhalten ändert. Das Leben ist kein Wunschkonzert, das Leben bietet keine Rundumversicherung und es birgt manche Tücke. Auch das ist ein Lernprozeß. Und dabei kann man eben Frauen unterstützen, die das in ihrer Sozialisation nicht gut gelernt haben, was ja bis in meine Generation und darüber hinaus in der Tat vorkommt und ein Problem ist. Aber dem läßt sich kaum durch solche Maßnahmen, die an irgendwelche Inquisitions-Sekten erinnern, abhelfen.

    Was das übrige betrifft: Aus genau solchen Gründen habe ich mich mit Schaudern von Kollektiven und Szenezusammenhängen immer ferngehalten.

  8. @Inquisition: Zum Autonomie-Verständnis der Autonomen gehört, Übergriffe innerhalb der Szene nicht der Polizei oder Justiz zu melden sondern intern zu regeln, im Falle tatsächlicher Vergewaltigungen hieß das Outing und die Wahl zwischen Therapieangebot und sozialer Ächtung. Finde ich im Prinzip auch erstmal OK. Nicht OK finde ich allerdings die Auswüchse die das dann hatte z.B. mit Ausweitung des Vergewaltigungsbegriffs auf Handlungen wo gar kein Geschlechtsverkehr stattgefunden hatte. Es kommt auch darauf an wer so etwas macht: Leute in tatsächlicher Aufstands- und Verfolgungssituation auf die eine solche Handlungsweise ursprünglich zurückgeht wie wild streikende FIAT-Arbeiter und hausbesetzende Arbeitslose und Studenten in Turin und Bologna 1972, Rebellen in Chiapas oder auch noch deutsche Autonome der 80er und 90er in einem von 129a) Verfahren geprägten Umfeld sind jemand anderes als bürgerliche Studis in sicherer Lebenssituation, die so tun als gehörten sie zu erstgenannten Gruppen. Die fangt-den-Sexisten-Paranoia die es zeitweise in den Szenen gab war jedenfalls ein Irrsinn.

  9. Da ich schon erwähnt wurde und es mich ja auch betrifft hier meine 10 Cent dazu: Eine Auseinandersetzung mit tatsächlichen Vergewaltigungen, die überwiegend in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in tatsächlich sehr harten Szenezusammenhängen stattgefunden hatten (einige der Täter waren bekannte Demoschläger mit Kontakten in Zuhälterkreise) setzte sich nach dem in der autonomen Szene bekannten Kampagnenweise wellenartig immer weiter fort und führte dazu, dass schließlich sexistische und unschöne, aber keineswegs gewalttätige Verhaltensweisen linker Männer so behandelt wurden als seien es Vergewaltigungen gewesen – bis zu den 2 Männern die wegen des unbewiesenen und tatsächlich falschen Vorwurfs sie hätten dort einen Porno schauen wollen Hausverbot in einem Szenezentrum bekamen. Die Geschichte ereignet sich stets zweimal, erst als Tragödie und dann als Farce.

  10. @zweite Hälfte der 80er Jahre: Das erinnere ich noch sehr deutlich. 1989 fand im Göttinger JUZI eine Party statt auf der ein Mann eine Frau abschleppte mit der er Sex hatte. Am nächsten Morgen sagte sie dass er sie auf ziemlich grobe Art durchgefickt hätte, wenn sie jetzt eine Beziehung hätten müsste er das anders machen und er erwiderte, nein, für ihn sei das ein Onenightstand gewesen. Da fühlte sie sich gedemütigt und benutzt, erzählte das ihrer Mitbewohnerin und die meinte das müsste sie im KO-Plenum (Koordinierungsplenum) thematisieren, das tat sie dann auch und eine andere Frau meldete sich und erzählte auch sie hätte mit ihrem Typen ein Erlebnis gehabt bei dem sie sich benutzt gefühlt hätte (auch hier handelte es sich um einvernehmlichen Sex). Nun schlug das Plenum vor eine Männerrarikaltherapiegruppe zu bilden in der die beiden therapiert werden sollten was die beiden vehement ablehnten. Daraufhin bekamen sie im JUZI Hausverbot. Von diesem Augenblick an galten sie in der Szene als Vergewaltiger. Mit einer Ausnahme bewegten sich alle szeneöffentlichen „Vergewaltigungsdebatten“ die ich seither aus der Nähe mitbekam auf solchen Ebenen.

  11. Pingback: "Jene prächtigen vulgären Romane": Vladimir Nabokov im März 1965. Nabokov lesen 28, Verzweiflung, 1. Die Dschungel. Anderswelt. - Die Dschungel. Anderswelt.Die Dschungel. Anderswelt.

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