„Auf St. Pauli brennt noch Licht!“ Mach’s gut, lieber Jan Fedder!

Deine letzte Tour heute im Großstadtrevier, Jan, im geliebten Hamburg, in St. Pauli, im Hamburger Michel und dann über den Kiez. Im Leichenwagen. Nach Ohlsdorf und dann unter die Erde.

Im Pott und allüberall, wo es Bergbau gibt, geht die Rede: „Ich bin Bergmann! Wer ist mehr?“ In Hamburg reicht es nicht, bloß Hamburger zu sein, sondern man muß im Grunde in St. Pauli geboren sein, so sagen es die echten St. Paulianer wie Jan Fedder, obwohl es in der Hamburger Hymne vom „Jung mit dem Tüddelband“ beim Entwenden von Äpfeln immerhin heißt: „Ein jeder aber kann das nicht, denn er muß aus Hamburg sein.“

Das Jahr 2019 endet mit einer traurigen Nachricht: daß nämlich der großartige Schauspieler Jan Fedder gestorben ist. Ich erfuhr es in der Nacht vom 30.12. auf Silvester, als ich – ausgerechnet – von St. Pauli zurückkehrte, vom Chinesen Man Wah, wo ich einen schönen Abend verbrachte. Hätte ich es bereits beim Aufbruch gewußt, gäbe es vor seiner Wohnung auch von mir eine Kerze, eine Rose. Ein irgendie naßkalter, trüber Abend.

Ich mochte Jan Fedder in „Neues aus Büttenwarder“, im herrlichen „Großstadtrevier“, in „Der Mann im Strom“, in „Das Feuerschiff“ und im „Boot“ sowieso – ein Film, den man einerseits mit guten Gründen kritisieren kann, und der doch zugleich den Schrecken des Kriegs ebenso zeigt: schreckliche Enge unter Deck und ein Leben im Krieg. Schnöselig-unvergessen jene Szene mit dem Haaren im Arsch und denen in der Nase. Im nachhinein sagte Fedder, daß er damals noch nicht seine von Rauchen und Alkohol geprägte Stimme hatte und also diese Sätze doch ein wenig lau noch aus seinem Munde kämen. Während er sie heute mit den nötigen rauen Timbre sagen könne. In der Tat! Die schnöselige und zugleich von nordischer Contenance geprägte Stimme ist unverwechselbar und gab den Rollen eine besondere Lage. Volksschauspieler in dem Sinne, daß er diesen Norden in seinen Figuren verkörperte. Es gibt nur noch wenige. Heidi Kabel war eine solche und viele von der Truppe des Ohnsorg-Theaters, damals. Peter Heinrich Brix ist ebenso ein solcher Schauspieler.

Gut spielte Fedder in der Verfilmung der Lenz-Erzählung „Das Feuerschiff“ diesen Zweifel, die Vorsicht und die Besonnenheit des Kapitäns, um mittels Klugheit eine heikle Sache über die Bühne zu bringen. Der Hof und die Landschaft in „Neues aus Büttenwarder“ war das geliebte Norddeutschland und damit Heimat eben. Ja, so waren die Leute im Dorf, so sind sie es manchmal auch heute noch. Unterhaltungsfilm ist einerseits Abziehbild, Klischee und doch auch Idealtypus und zugleich in diesem Idealtypus auch ein Spiegel dessen was ist. Im guten wie im schlechten.

Es geht da, in dieser windelweich gewaschenen Welt, ein Typ von Mann von Bord, der heute nur noch selten ist: klar, direkt, schnodderig, ein Macho mit Charme. Und vor allem ein Schauspieler, der seine Rollen intensiv spielte und erfaßte. Eine traurige Meldung am 30.12. Ein Volksschauspieler starb. Ein Stück Hamburg, Lokalkolorit und vor allem ein Mensch ging verloren.

Halb Hamburg steht heute zum Abschied hoffentlich am Michel und am Kiez. Mach’s gut, Jan!

 

 

12 Gedanken zu „„Auf St. Pauli brennt noch Licht!“ Mach’s gut, lieber Jan Fedder!

  1. Mir sagte der Name Jan Fedder nichts, ich erfuhr erst durch seinen Tod von seiner Existenz, aber meine Lieblingsschwester und mein Vater sind in echter Trauer.

    BTW An St. Pauli zeigt sich, dass es die SDL (Sonderbar durchgeknallte Linke) auch früher schon gegeben hatte. 1990 besuchte uns ein ägyptischer Freund, Mohamed, dem wir Deutschland zeigten, d.h. konkret Göttingen, den Solling, Hamburg und Oldenburg. In Hamburg besuchten wir u.a. die besetzten Häuser in der Hafenstraße und die Reeperbahn. Als ich das später in Göttingen erzählte wurde ich dafür moralisch kritisiert, das Rotlichtviertel gehöre boykottiert, Linke hätten sich dorch nicht aufzuhalten, es sei denn, um Brandanschläge auf Sexshops zu begehen. Als kurze Zeit später im Zusammenhang mit einer nächtlichen vermummten Aktion eine Genossin in eine Polizeikontrolle geriet und es schaffte durch Spielen mit den Waffen einer Frau einer Festnahme zu entgehen kam aus der gleichen Ecke, damit hätte sie ihre Solidarität mit den Geschlechtsgenossinnen aufgekündigt, da nicht alle Frauen normschön, sexy und gut im Flirten wären. Den ganzen Irrfug gab es also auch schon damals. Meine fatale Fehleinschätzung war, dass es sich um eine postpubertäre Identitätsstörung handeln würde, die sich rauswachse, sobald die Leute über 30 und im Berufsleben sind (sofern sich das nicht an einer Uni abspielt). Weit gefehlt, viele von denen sind mit 50+ noch immer so und dummerweise an den Schalthebeln, wo sie diesen Irrsinn weiterverbreiten können.

  2. Jan Fedder steht für eine Haltung. Das vielleicht, was einmal in Hamburg die vielen SPD-Wähler oder zumindest dieses Milieu auszeichnete. Nicht Kaufmann, sondern Arbeiter und alles nicht so gerade gezogen, aber immer gerade heraus. Deshalb vermutlich trauern viele um ihn. Und er schert sich nicht um irgendwelche Partialmoralen oder was man sagt und was man nicht sagen darf. Sicherlich ist vieles davon auch ein Stück „Kulturindustrie“. Aber auch die ist mir inzwischen allemal lieber als der (vermeintlich) kritische Diskurs aus dem Juste-Müff-Milieu.

    Ich denke, bei einigen wächst sich das in der Tat nicht heraus. Und das Rigide wird durch anderes Rigides abgelöst. Autoritäre Charaktere, die gegen dei autoritären Charakter protestieren. Fürs Heute und die Gegenwart sind dabei ebenso die sozialen Medien ein Problem, weil noch um des Kaisers Barthaar in der Pisse ein Shitstorm von beträchtlichem Ausmaß erwachsen kann, wo sowas früher im kleinen Kreis blieb, und alle sich nun ganz mächtigstolz vorkommen, weil sie sich symbolisch positioniert haben. Und weil diese Leute meinen, viel bringt viel, nehmen sie das als politischen Erfolg. Dabei nicht wahrnehmend, daß die schweigende Mehrheit solchen Leuten nur Tock-Tock den Vogel zeigt. Die Gesellschaft des großen Gesabbels.

    Man kann insofern nur hoffen, daß eine befreite Gesellschaft die Menschen auch von diesen Leuten befreit. Wenn ich solche Leute sehe, lebe ich lieber weitere 16 Jahre unter einer schwarzgelben Koalition oder unter sonstwas für einer Regierung von sogenannten „bürgerlichen“ Parteien, sofern sie demokratisch gewählt wurde, als nur wenige Stunden in diesen Horror zu geraten. Immerhin haben es diese Leute geschafft, daß ich diesen Rechtsstaat – mit all seinen Macken und Tücken – schätzen gelernt habe. Er ist fragil. Von rechts, wie wir im Augenblick sehen, und leider auch, in anderer Weise, von links her.

  3. Na ja, es ist schon ein Unterschied dass die Leute mit denen ich damals zu tun hatte diese Rigidität mit der Bereitschaft verbanden sehr viel zu wagen – etwa bei gewaltsamen Demos oder Hauereien mit Skinheads ihr Leben zu riskieren – und echter Loyalität und Sozialkompetenz – man versteckte von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge oder auch von der Polizei gesuchte GenossInnen in der eigenen Wohnung – während heute nur das Gelabere übrig geblieben ist und dieses Gelabere auch mit keinem Risiko mehr verbunden. Wir waren noch Generation Berufsverbot und Generation 129a).

  4. Nicht die krassen Ausformungen wie ich sie beißend geißle, aber die Rigidität an sich hing durchaus damit zusammen dass wir real bedroht waren, und unser Halt bestand darin dass wir mit dem Rücken zur Wand standen. Dagegen sind die Moralspacken von heute in einer grenzenlosen Komfortzone.

  5. Das mag aus den Hintergründen motiviert sein und bei all diesen geschilderten Geschichten kommt es immer auf den konkreten Fall an, um zu beurteilen. Das Gewaltmonopol liegt allerdings immer noch beim Rechtsstaat. Damals wie heute. Und wer diese Errungenschaft preisgibt, spielt halt mit dem Feuer.

  6. Das kann man so sehen. Und wenn man sich über die Konsequenzen auch klar ist, muß das jeder selbst wissen. Wobei ich auch hier noch unterscheiden würde zwischen passivem Widerstand, etwas beim gewaltfreien Anti-AKW-Protest, bei den Kämpfen im Dreyeckland, in Gorleben, Wackersdorf etc. und solchen Formen, wo Menschen verletzt werden oder eben Veranstaltungen durch Blockaden verhindert werden sollen. Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut. Es gilt für jeden. Auch für Leute, die man nicht mag oder die man für gefährlich hält. Näheres regeln die Gesetze und die Entscheidungen der Gerichte. Das führt nicht immer zu guten Ergebnissen. Aber über solche Dingen entscheidet eben die Justiz, und nicht die Privatsicht von X oder Y oder Z.

  7. Die Frage ist halt vor welchem Hintergrund sich Widerstand legitimiert. Führt staatliches Handeln, selbst wenn dieses durch eine demokratisch gewählte Regierung durchgeführt wird, in die absehbare Katastrophe (z.B. Vorbereitung eines Angriffskrieges oder flächendeckende radioaktive Verseuchung) ist das ein anderer Schnack als wenn einem bestimmte Gesetze nicht passen.

    Bei den Fällen wo Neonazis in Mordabsicht Pogrome begingen und die Polizei tatenlos danebenstand musste die Polizeiarbeit dann halt von der Antifa erledigt werden. Zivilcourage bedeutet in bestimmten Fällen eben auch Gesetzesbruch.

    Terrorismus steht auf einem ganz anderen Blatt.

  8. Bei solchem Widerstandsrecht handelt es sich freilich um einige wenige Sonderfälle. Ein Angriffskrieg ist qua Gesetz verboten. Insofern greift in diesem Falle das Widerstandsrecht des GG, ebenso bei einer akuten Gefahr atomarer Verseuchung. (Die Betonung liegt auf akut, und nicht einfach nur, weil da ein AKW gebaut wird. Für diesen Protest gibt es den politischen Protest, wie er in einer Parteiendemokratie üblich ist und dazu vor allem die Öffentlichkeit und die Demos, wo man mit Phantasie ja auch einiges machen kann.)

    Allerdings sollte man bei solchen Fragen des Widerstands sehr gründlich und umsichtig sein, weil man sonst nämlich alles mögliche an Aktion, mit denen man das Gewaltmonopol des Staates in Frage stellt, rechtfertigen kann. Diesen Notstand reden nämlich, von der anderen Seite, auch Leute wie Höcke, Kubitschek und Identitären herbei und leiten daraus dann ein Recht auf Widerstand gegen die Entscheidungen der Bundesregierung ab. Nur um zu zeigen, daß auch die andere Seite sich auf ähnliche Rechte beruft. Nur eben mit einem anderen Volksbegriff als die Linke.

    Polizeiarbeit ist nicht Aufgabe der Antifa, einer Bürgerwehr oder sonst einer Organisation, sondern Aufgabe der Polizei – bei aller Kritik und bei allem Lob, die man gegen und auch für die Polizei anbringen kann. Und wo sie dieser Aufgabe nicht nachkommt, muß das selbstverständlich mit rechtsstaatlichen Mitteln geahndet werden. Es mag Ausnahmen geben, wo solcher Selbsteinsatz eine Möglichkeit ist. 1992 in Rostock-Lichtenhagen z.B., wenn es die Polizei nicht schafft, in den Unterkünften für die Sicherheit von Menschen zu sorgen oder wenn die Polizei neben einer Kneipe steht, wo Migranten verprügelt werden und nichts unternimmt, dann sollte es Aufgabe jedes Bundesbürgers sein, dort einzugreifen und die Polizei zudem wegen Unterlassung vors Gericht zu bringen. (Und zum Glück sind wir inzwischen nicht mehr in den 1950er Jahren, wo in den Gerichten Richter sitzen, die noch vor 10 Jahren woanders saßen.)

    Aber solche Fälle von Selbstermächtigung sind sehr vereinzelt, und dieses sehr Vereinzelte ist mitnichten das Richtmaß. Und diese Einzelfälle bestehen auch nicht darin, wie Margarete Stokowski einst im Spiegel fabulierte, daß die Antifa Kampf und Widerstand bedeutet und damit das Recht habe, ordentlich angemeldete und von Gerichten auch genehmigte AfD-Demos zu blockierten. Das ist mit solchem Widerstand ganz sicher nicht gemeint. Und sicherlich auch nicht die Selbstlegitimation von Linksextremisten wie zu Silvester in Connewitz (mag die Polizei nun unverhältnismäßig oder nicht vorgegangen sein) oder auch bei diversen, hier von mir beobachteten Demonstrationen in Berlin zum 1. Mai, wo die Polizei mit Explosionskörpern beworfen wird. Das ist Landfriedensbruch und der sollte auch als solcher geahndet werden.

    Es gibt Fälle, wo das Vorgehen der Polizei zu kritisieren ist. So z.B. das Hamburger Gefahrengebiet in der Schanze, und auch das Bayerische Polizeigesetz gehört dazu. Es ist eines Rechtsstaates unwürdig. Dieser Kampf aber kann nur mit politischen und mit juristischen Mittel geführt werden. Etwa auch, indem qua gutem Journalismus, qua Basisarbeit, qua Öffentlichkeit aufgeklärt wird. Die Öffentlichkeit ist immer noch eine wichtige politische Instanz, da bin ich mal wieder ganz bei Habermas. Im Augenblick werden ihre Möglichkeiten preisgegeben, indem Leute irgendwelche Scheißestürme gegen Läppisches inszenieren.

    Gegen politische unliebsame Entscheidungen, wie etwa NPD- oder AfD-Demos oder den Bau von AKWs etc. pp. gibt es die Möglichkeit, auf der Straße seinen Protest anzumelden und phantasievoll auszudrücken. Und wenn man möchte, daß da viele Leute mitmachen, dann sollte man sehen, daß man mit guten Methoden viele Leute mobilisiert. Und das funktioniert kaum durch Gewalt. Zumal eben, das ist das übliche Dilemma, solche Gewalt meist nur zu weiterer Eskalation führt. (In diesem Sinne ist es dann wieder die Aufgabe einer klugen Polizeiführung, maßvoll vorzugehen. Die Berliner Linie hier beim 1. Mai scheint mir weitgehend gut geeignet und ein Vorbild.

  9. @“1992 in Rostock-Lichtenhagen z.B., wenn es die Polizei nicht schafft, in den Unterkünften für die Sicherheit von Menschen zu sorgen oder wenn die Polizei neben einer Kneipe steht, wo Migranten verprügelt werden und nichts unternimmt, dann sollte es Aufgabe jedes Bundesbürgers sein, dort einzugreifen und die Polizei zudem wegen Unterlassung vors Gericht zu bringen. “ —- Genau solche Fälle meinte ich, und in meiner Welt waren diese in den 1980ern und 90ern Legion. Damals nahmen ja sogar normale Bürger die Antifa so sehr als legitime Schutzwehr gegen Nazis wahr, dass Leute mit Antifa-Aufnäher gefragt wurden ob sie „im Dienst“ wären. Solche Akte der organisierten Nothilfe möchte ich allerdings eindeutig trennen vom Verprügeln oder Niederbrüllen von AfD-PolitikerInnen. Wobei wir damals schon Tendenzen zur Milizbildung hatten.

  10. Geh ich völlig d’accord. Und ebenso bei passivem Widerstand und bei bestimmten Rangeleien mit der Polizei. Man muß dann halt nur wissen, worauf man sich einläßt.

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